Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«
Part 41
»Glauben -- was soll ich glauben?« sagte der junge Graf. »Die Sache ist außer aller Frage. Sie erwerben sich dadurch ein Recht, für die Frau, der Sie einst ewige Treue versprochen und dann ein bischen gewissenlos durchgingen, auch in ihrem Alter zu sorgen und das, was sie gelitten, wieder an ihr gut zu machen; und seien Sie überzeugt, daß man es Ihnen überall sogar hoch anrechnen und Sie deshalb schätzen und lieben wird.«
»Ach, mein bester Herr Graf,« sagte Jeremias, indem er wieder in seinen Stuhl zurücksank, »das ist ja schon seit langen Monden mein Lieblingswunsch gewesen, schon wie Auguste noch krank war, um sie aller Sorge für das Kind zu entheben; aber -- ich habe nie geglaubt, daß es möglich wäre, und dann -- wenn ich es mir manchmal so dachte, fehlte es mir immer an der Courage, es ihr zu sagen.«
»Fehlt es Ihnen noch daran?« lächelte Rottack.
»Ja,« sagte Jeremias kleinlaut; »ich brächt's nicht über die Lippen.«
»Soll ich dann Ihren Freiwerber machen?«
»Sie -- Sie wollten?«
»Und warum nicht? Trüg' ich doch nur dazu bei, einer braven Frau ihren braven Mann wiederzugeben, und wie glücklich werden die Ihrigen sein, wenn Sie sich nicht wieder von ihnen trennen wollen.«
»Ach Gott, ja, und ich auch,« seufzte Jeremias; »es war immer mein Lieblingswunsch gewesen, aber nur ganz im Stillen, mich an dem nämlichen Tag mit meiner seligen Frau -- ach, Unsinn, das Wort kommt mir immer auf die Zunge -- mit meiner geschiedenen Frau wieder trauen zu lassen, an welchem Jettchen Hochzeit machte.«
»Das wäre allerdings ein wenig rasch,« lachte Rottack, »und möchte Schwierigkeiten machen. Ihre Papiere haben Sie?«
»Alles in musterhafter Ordnung.«
»Brasilianischer Bürger dazu, hm, wir wollen einmal sehen. Aber erst müssen wir doch wohl mit Ihrer Frau sprechen.«
»Und Sie wollten das wirklich thun?«
»Hören Sie einmal, Jeremias,« sagte Graf Rottack, indem er aufstand und seinen Hut nahm. »Bleiben Sie einmal da sitzen. Das Sprüchwort sagt freilich: Gut Werk will Weile haben. Aber ich denke, ein gutes Werk kann man nicht zu bald thun. Da stehen die Cigarren, in den Caraffen dort auf dem Buffet steht Portwein und Sherry, wenn Sie in der Zeit einer Stärkung bedürfen sollten. In einer halben Stunde bringe ich Ihnen Antwort.«
»Ich trinke Ihnen indessen den ganzen Portwein aus,« sagte Jeremias.
Rottack lachte, nickte ihm zu und verließ das Haus. -- --
Bei Pfeffers saß die Familie indessen noch in einer recht wehmüthigen Stimmung beisammen, denn Jeremias' eben angekündigter und so nahe bevorstehender Abschied lag Allen auf der Seele. Pfeffer selber ging mit immer größeren Schritten auf und ab und dampfte immer stärker; Fräulein Bassini strickte, als ob der Strumpf noch heute fertig werden müßte, und Rebe stand niedergeschlagen am Fenster, während Jettchen der Mutter Hand in der ihrigen hielt und ihr mit leisen Worten Trost zuflüsterte.
Da klopfte es an die Thür, und auf das etwas erstaunte »Herein!« Pfeffer's trat Graf Rottack in's Zimmer.
»Störe ich?«
»Herr Graf!« rief Pfeffer in einiger Verlegenheit, daß er schon wieder in seinem alten Schlafrock ertappt wurde. »Sie entschuldigen einen Augenblick!«
»Bitte, lassen Sie sich nicht stören!« rief Rottack. »Es ist eine Familienangelegenheit, in der ich komme. Verehrte Frau, ich freue mich herzlich, Sie dieses Mal so wohl und munter anzutreffen; Sie haben sich wirklich in der kurzen Zeit merkwürdig erholt. Mein liebes Fräulein, wenn auch verspätet, doch nicht minder herzlich ist mein Glückwunsch -- oder eigentlich sollte man besonders Ihnen Glück wünschen, Herr Rebe, denn ich glaube, Sie sind am meisten zu beneiden. Ah, auch eine alte Bekannte, Fräulein Bassini, wenn ich nicht irre -- aber bitte, wollen denn die Damen nicht Platz behalten? Und was für betrübte Gesichter sehe ich hier? Thränen in den Augen, mein Fräulein? Das schickt sich aber nicht für eine Braut!«
Fräulein Bassini, die, als der Graf eintrat, rasch ihren etwas sehr mitgenommenen Strickstrumpf bei Seite geschoben hatte und dann auf und nieder geknixt war, bis er sie anredete, rief jetzt: »Ach, Herr Graf, wenn Sie dem Jeremias nur zureden wollten, daß er nicht wieder nach Brasilien ginge!«
»Und sind Sie _darüber_ so traurig?«
Die Frauen seufzten tief auf, als sich die Thür wieder öffnete und Pfeffer, der rasch hinausgefahren war, ohne Pfeife und in seinem unvermeidlichen langen braunen Rock erschien.
»Nun, Herr Graf, womit können wir Ihnen dienen?«
»Wir sprachen gerade über Jeremias' Abreise nach Brasilien,« sagte Graf Rottack lächelnd, »und da die Damen hier nicht damit einverstanden scheinen, kann ich Ihnen vielleicht einen Vorschlag zur Güte machen.«
»Sie?« rief Auguste rasch. »Oh, wenn Sie das über ihn vermöchten, Herr Graf, daß er hier bei uns bliebe! Ich weiß, er hält außerordentlich viel auf Sie.«
»Aber doch wohl nicht so viel, verehrte Frau,« lächelte der junge Graf, indem er den ihm von Rebe gebotenen Stuhl dankend nahm, »daß ich mehr über ihn vermöchte, als Sie, wenn Sie ihn schon darum gebeten haben.«
»Aber er sagt, er müsse zurück,« klagte Henriette, »seine Geschäfte und Ländereien zwängen ihn dazu.«
»Das ließe sich doch vielleicht arrangiren,« meinte Rottack. -- »Ich danke, ich schnupfe nicht.« Und Pfeffer schob seine Dose ordentlich erschreckt wieder in die Tasche. -- »Darüber hab' ich mit ihm gesprochen. Er kann mit leichter Mühe Alles brieflich abmachen; aber« -- und sein Blick haftete dabei fest auf der Frau -- »eine andere Sorge liegt ihm am Herzen, die er nicht den Muth hat auszusprechen.«
»Nicht den Muth?« rief Pfeffer. »Was in aller Welt kann das aber denn nur sein?«
»Er hat kein Logis in Haßburg,« sagte Rottack, wieder den Blick der Frau suchend.
»Kein Logis?« schrie Pfeffer. »Na, so schlage doch Gott den Deu -- Bitte um Entschuldigung! Das geht über die Möglichkeit! Kein Logis?«
»Aber ich begreife den Vater nicht,« sagte auch Henriette; »das kann ihm doch unmöglich Sorge machen.«
»Er muß rein verrückt geworden sein!« rief Fräulein Bassini. »Ich wollte ihm genug Wohnungen in der Stadt verschaffen, um ein ganzes Regiment einzuquartieren.«
Rottack sah still und lächelnd vor sich nieder. »Und glauben Sie auch, verehrte Frau,« sagte er endlich, indem er zu Augusten aufsah, »daß ich ihm das zusagen darf?«
Ein paar Thränen glänzten in den Augen der Frau, ihre Wangen glühten, aber sie sagte leise: »Wenn er will -- ich glaube es gewiß.«
»Ich danke Ihnen in seinem Namen!« rief Rottack, indem er aufsprang und ihr die Hand reichte. »Also werden wir von Ihrer Güte Gebrauch machen, mein gnädiges Fräulein.«
»Von meiner Güte?« rief Fräulein Bassini. »Ja, ich verstehe aber kein Wort davon!«
Henriette hatte ihre Mutter rasch und erstaunt angesehen; hohes Roth färbte auch ihre Wangen, aber jubelnd warf sie sich an der Mutter Brust, während Rebe auf Rottack zuging, seine Hand ergriff und sie herzlich schüttelte.
»Ja, aber Fürchtegott,« rief Fräulein Bassini, »begreifst _Du_ etwas?«
»Und darf ich den Ausreißer herschicken?« fragte der junge Graf.
»Schicken Sie ihn,« sagte die Frau leise, »es kann ja Alles -- Alles wieder gut werden!«
Rottack ging. Als aber kaum eine Viertelstunde später Jeremias zu ihnen in's Zimmer trat, als ihm Henriette schon an der Thür um den Hals fiel, und der kleine Mann, der vor Rührung kein Wort über die Lippen bringen konnte, auf seine verlassene Frau zuging und ihr die Hand entgegenstreckte, da lehnte sie die thränenbenetzte Wange an seine Brust und flüsterte bewegt: »Ich danke Dir für Deine treue Liebe, Jeremias!«
Und glücklichere Menschen waren wohl kaum an dem Tage in Haßburg versammelt, als in dem kleinen Raum, der diese hier umschloß.
Indessen aber war Rottack thätig. Er hatte in Haßburg in dem Ober-Bürgermeister der Stadt einen Jugendfreund und Studiengenossen seines Vaters gefunden und war mit ihm bekannt geworden. Diesem legte er die Sache vor und befürwortete eine rasche oder vielmehr augenblickliche Erledigung derselben, um es Jeremias zu ermöglichen, seinen Lieblingswunsch zu erfüllen und die Erneuerung seiner Trauung mit den Kindern zusammen zu feiern.
Es ging leichter, als er geglaubt hatte. Jeremias, als brasilianischer Bürger, brauchte keinen Heimathschein. Zufällig, traf es sich, daß heut Abend noch Rathssitzung war, wo das Gesuch vorgelegt werden konnte. Mit dem Geistlichen, einem liebenswürdigen und aufgeklärten Manne, ließ sich ebenfalls reden, von dem dreimaligen Aufgebot konnte dispensirt und dasselbe gleich morgen erlassen werden. Rottack erbot sich dabei, jede nur verlangte Bürgschaft zu leisten. Das Einzige, was Jeremias zu thun hatte, war, seine Papiere noch heut Abend vor sechs Uhr in des Bürgermeisters Haus zu bringen. Alles Andere ließ sich arrangiren.
Der alte Herr hatte auch in der That nicht zu viel versprochen. Wo der gute Wille ist, geht Alles; nur der nöthigen und nicht zu vermeidenden Form muß genügt werden, und am nächsten Montag machte Graf Rottack selber in der menschengedrängten Kirche, da Alle einer so merkwürdigen Trauung beiwohnen wollten, Jeremias' Brautführer.
Als der Zug fröhlicher Menschen aus der Kirche kam, begegneten sie dem großen, schwarz verhangenen und mit silbernen Stickereien bedeckten Leichenwagen der Stadt, der den alten Grafen Monford zu seiner letzten Ruhestätte führte. Nur ein einziger Wagen folgte, in dem die Gräfin, das Haupt mit einem dichten schwarzen Schleier bedeckt, saß.
Der alte Graf hatte es so, noch kurz vor seinem Tode, wo er wieder zur Besinnung kam, verlangt. Niemand weiter sollte ihm folgen, auch keine Leichenrede gehalten und bei dem Einsenken in die Gruft nur von vier Männerstimmen Mendelssohn's herrliches »Auf Wiedersehen« gesungen werden.
Rottack überlief ein ganz eigenes, eisiges Gefühl. Wie wunderbar zeigte sich hier die schwankende Laune des Glücks, denn das, was seinen Freunden hier Heil und Segen brachte, warf dort ein altes, edles Haus in Trümmer.
Und wie einsam, wie verlassen die arme Frau in ihrer Staatscarrosse saß -- aber hatte sie es anders gewollt? Starr und eisern war sie ihre Bahn gewandelt, und jetzt bedeckte der Schleier freilich ihr Antlitz, aber Rottack war fest überzeugt, daß diese Züge unter dem Schleier auch ihre kalte Unerbittlichkeit gewahrt hatten und keine Thräne ihre Wange netzte.
Oh, hätte er die arme Gräfin weinen sehen!
34.
Schluß.
Die Hochzeit -- die Beerdigung war vorüber, und während dort in der Stadt frohe, glückliche Menschen der Zukunft entgegen jubelten, fuhr die Trauer-Equipage, mit welcher die Gräfin allein ihrem Gatten das letzte Geleit gegeben, in das Schloß zurück, und die in schwarze Wolle vom Kopf bis zu Füßen gekleidete Frau -- der Schleier aber noch immer das Gesicht verhüllend -- schritt langsam, wie die Ahnfrau ihres Hauses, die Stufen hinauf, die in ihr Zimmer führten.
Sie hatte heute noch nichts gegessen. Der alte Haushofmeister brachte ihr selber auf einem großen silbernen Präsentirbrett einen Imbiß hinaus.
Sie schüttelte den Kopf und winkte mit der Hand, daß es fortgenommen würde.
So verbrachte sie den ganzen Tag. Sie saß in ihrem Stuhl am Fenster und blickte auf das vor ihr ausgebreitete Thal hinaus; sie sprach nicht, sie rührte sich nicht, und nur wenn sich ihr Jemand nahen wollte, winkte sie ihn fort. So saß sie die ganze Nacht, nur erst am nächsten Morgen warf sie sich, halb angekleidet, auf ihr Lager, und ihre Kammerfrau gerieth schon in Angst und Sorge, als sie um zwölf Uhr Mittags ihr Zimmer noch nicht wieder geöffnet hatte und Todtenstille darin herrschte. Aber sie brauchte nichts zu fürchten, die Gräfin lebte und war gesund, und was auch ihr Geist leiden mochte, ihr Körper unterlag dem Druck nicht.
Es war Nachmittag, als der Haushofmeister durch die Kammerfrau um die Kofferschlüssel bitten ließ, da die Frau Gräfin neulich bestimmt habe, daß sie gleich nach der Beisetzung ihres Gatten Haßburg verlassen wolle. Sie ließ ihm wieder sagen, es habe noch Zeit; sie sei noch nicht entschlossen, wann sie abreisen werde.
Er wollte selbst zu ihr, aber die Thür war wieder verschlossen, und erst gegen Abend wurde er beordert, der Frau das Diner hinauf zu schaffen.
Einer der Diener deckte den Tisch, der alte Haushofmeister bediente sie selber. Während sie aß, wurde kein Wort gesprochen. Als er abräumen wollte, sagte die Gräfin:
»Ihr habt mich heute nach den Kofferschlüsseln fragen lassen?«
»Ja, gnädige Frau Gräfin...«
»Dort liegen sie auf dem Tisch.«
»Wann gedenken Sie abzureisen?«
»Wahrscheinlich Ende der Woche -- ich weiß es noch nicht. Ihr könnt Eure Sachen immer zurecht machen. Ich werde nur meine Kammerfrau und Euch mitnehmen, Hußmann.«
Der Haushofmeister erwiderte nichts -- er hatte die Hände eben an einen der Präsentirteller gelegt, um ihn vom Tisch zu nehmen. Er blieb in der Stellung -- endlich sagte er leise:
»Frau Gräfin, ich werde Sie bitten müssen, mich diesmal zu entschuldigen.«
»Zu entschuldigen? Weshalb?« sagte die Frau, deren Gedanken indessen schon weit abgeschweift gewesen.
»Von dem Mitreisen zu entschuldigen, Frau Gräfin,« sagte der alte Mann leise, aber entschlossen.
»Ihr wollt mich auch verlassen, Hußmann?« rief die Gräfin ordentlich erschreckt.
»Ich bin jetzt neunundvierzig Jahre in Ew. Gnaden Dienst, schon bei dem hochseligen Herrn Vater, dann bei Ihnen -- ich werde alt, Frau Gräfin, ich kann meinem Dienst nicht mehr so vorstehen, wie ich wohl möchte, und -- das Reisen vertrage ich gar nicht mehr. Ich könnte Ihnen unterwegs krank werden, und da ist's viel besser, ich -- bitte Sie in Zeiten um meine Entlassung.«
Die Gräfin antwortete ihm nicht -- still und regungslos, den Kopf in die Hand gestützt, saß sie am Tisch und starrte vor sich nieder. Der Haushofmeister stand noch immer in ehrfurchtsvoller Stellung neben ihr, eine Erwiderung erwartend.
Endlich winkte ihm die Herrin leise mit der Hand. »Es ist gut, Hußmann,« sagte sie, »ich will es mir überlegen. Ihr habt Euren freien Willen -- geht jetzt, laßt mich allein, mir ist nicht recht wohl, ich muß Ruhe haben -- geht doch nur!«
Sie sah auf, aber sie war schon allein. Der Haushofmeister hatte das Zimmer so geräuschlos verlassen, daß sie sein Gehen gar nicht bemerkt.
Wie die Stunden dahin schlichen und die Tage in dem öden Haus, und wie unheimlich selbst die Pracht das Ganze machte! Sammt, Silber, Seide und Marmor schienen des Elends ordentlich zu spotten, das jetzt heimisch in diesen Räumen geworden, und wie Schatten glitten die wenigen zurückbehaltenen Diener über die weichen Teppiche der Stuben, durch die kein Lichtstrahl mehr fiel, so dicht waren die Gardinen verhangen -- wie ein Schatten selbst schlich die düstere Gestalt der Gräfin mit todbleichem Antlitz in den Sälen umher, die ihre einzige Heimath bildeten und doch keine Heimath mehr boten.
Eine Woche mochte fast nach der Beisetzung des Grafen vergangen sein. Die Gräfin hatte ihre Koffer noch nicht packen lassen, der alte Haushofmeister aber den erbetenen Abschied erhalten. Seine Familie lebte hier in Haßburg, und die Gräfin bat ihn nur, die Aufsicht über das Schloß in ihrer Abwesenheit so lange zu übernehmen, bis sie einen andern zuverlässigen Mann gefunden habe. Der Alte blieb also indessen als Castellan des Schlosses zurück. -- Aber noch immer wurden keine Anstalten zum Reisen gemacht, wenn auch das Silbergeschirr und andere werthvolle Sachen schon lange gepackt und in die Stadt geschafft waren.
Da fuhr ein Wagen vor -- seit lange der erste wieder vor dem öden Platz. Die Gräfin hatte ihn gehört und dem Geräusch, emporfahrend, gelauscht -- dann fiel sie wieder in ihre alte Stellung zurück.
Ein Diener trat in's Zimmer und überreichte ihr eine Karte.
»Herr Graf Rottack wünscht der Frau Gräfin seinen Abschiedsbesuch zu machen -- die Frau Gräfin Rottack ließe sich entschuldigen, sie fühle sich nicht wohl.«
Gräfin Monford zuckte zusammen, als sie den Namen hörte -- wie unschlüssig hielt sie die Karte in der Hand, aber unwillkürlich fast machte der Arm eine abwehrende Bewegung.«
»Ich kann nicht -- jetzt nicht -- ich fühle mich nicht wohl.«
»Der Herr Graf sagte mir,« berichtete der Diener, »daß die gräfliche Familie morgen Haßburg verlassen würde.«
Die Gräfin blieb regungslos mehrere Secunden, aber wieder winkte sie abwehrend mit der Hand.
Der Diener verließ das Zimmer, und gleich darauf rollte der Wagen wieder fort; in ihren Stuhl aber sank die Gräfin und deckte ihr Antlitz mit den Händen. -- --
Graf Rottack kehrte in seinem Cabriolet, das er selber fuhr, nach Hause zurück. Schon vorher hatte er von Jeremias' jetzt glücklicher Familie Abschied genommen, alle anderen Abschiedsbesuche waren ebenfalls gemacht, und es band ihn nichts mehr an Haßburg, da er die Aufsicht über sein Haus, bis er zurückkehrte, seinem kleinen brasilianischen Freund übergeben.
Er war sehr langsam gefahren und sah ernst und niedergeschlagen aus. Seine arme Helene! Wie hatte sie die Zeit ihres Aufenthalts in Haßburg, wie der Mutter Liebe ersehnt, und wie trüb', wie furchtbar mußte sich da Alles gerade in dieser Zeit gestalten! Aber er brauchte sich selber keine Vorwürfe zu machen. Er hatte gethan, was in seinen Kräften stand, und kein mögliches Mittel unversucht gelassen, um das eiserne Herz der Frau zu erweichen. Es war Alles umsonst gewesen; nicht einmal die unglückliche Paula durfte es wagen, ihr zu nahen, wenigstens jetzt noch nicht, denn ihr Körper war so geschwächt, daß er die kalte Zurückstoßung der Mutter nicht ertragen hätte. So mußte es denn der Alles lindernden Zeit überlassen bleiben, auch diese Wunde zu heilen, auch diese starre Brust zur Sühnung zu stimmen, und für Helene und Paula hoffte jetzt Rottack in einem fremden Land -- wenn nicht Vergessen des Unabänderlichen, doch Zerstreuung zu finden. Beide waren ja noch jung, und eine schöne Natur, fremde Scenen und Bilder würden gewiß nicht ihren Eindruck auf ihre Herzen verfehlen.
Nur jetzt fort von hier -- der letzte Versuch war gemacht, das Letzte abgeschüttelt, und er konnte die Zeit der Abreise kaum erwarten.
Es dämmerte schon, als er in seine Wohnung zurückkehrte. Paula und Helene saßen, seiner harrend, im Salon, der aber auch freilich schon die Spuren bevorstehender Abreise zeigte.
»Und hast Du sie gesprochen?« rief ihm Helene mit bebender Stimme entgegen, als er den Saal betrat, und auch Paula's Blick hing angstvoll an seinen Zügen.
Felix schüttelte langsam den Kopf. »Nein,« sagte er leise -- »es ist umsonst. In ihrem Herzen ist kein verwundbarer Punkt, und so stolz und unerbittlich sie im Glück war, so kalt und so verschlossen hat das Unglück sie erhalten. So, fort denn mit allen Plänen und Hoffnungen, Kinder! Morgen früh ziehen wir hinaus in die weite Welt, und draußen im Sonnenlicht und der freien, herrlichen Natur mag ein neues Leben seine Pforten für Euch öffnen.«
»Und wollen Sie die arme Waise mit sich nehmen, Graf Rottack?« sagte Paula gerührt -- »oh, womit habe ich das verdient?«
»Meine liebe Paula,« lächelte Felix, »Helene hat Sie als Schwester adoptirt, und da müssen Sie es sich schon gefallen lassen, mir auch eine freundliche und liebevolle Schwägerin zu sein -- aber als solche gehören Sie doch jedenfalls mit zur Familie.«
»Und was wäre ohne Sie aus mir geworden?«
»Die Zeit ist vorbei, meine beste Paula,« rief Felix, »bannen Sie die trüben Gedanken. Das Leben hat noch manchen sonnigen Tag für Sie!«
»Für mich?« sagte Paula, traurig mit dem Kopf schüttelnd, »der Bruder und Vater todt -- von der Mutter verstoßen -- nur trübe Schatten liegen auf meiner Bahn. Aber Gott lohne Euch Beiden tausendfach die Liebe, die Ihr mir entgegenbrachtet, und je unerklärlicher es mir ist, daß Ihr das arme, verlassene Mädchen an Eure Herzen ziehen konntet, so viel mehr Dank schulde ich Euch dafür.«
»Meine Paula, meine Schwester,« rief Helene, und schloß sie in ihre Arme. Rottack aber, der diese Scene um jeden Preis abzukürzen wünschte, weil er fürchtete, daß die noch immer nicht vollkommen Genesene sich zu sehr aufregen möchte, rief dazwischen:
»Nun muß ich Sie aber darauf aufmerksam machen, meine Damen, daß der Zug morgen früh um halb zehn Uhr geht und Damen gewöhnlich eine Masse von zu packenden Gegenständen bis zum letzten Augenblick aufheben. Ich bitte Sie dringend, hiervon diesmal eine Ausnahme, und heut Abend wo möglich noch Alles fertig zu machen, was irgend fertig gemacht werden kann.«
»Ja, Herz,« sagte Helene, »Felix hat Recht -- komm, ich helfe Dir, daß sich unser gestrenger Herr und Gebieter morgen nicht zu beklagen hat, oder uns vorwerfen kann, wir wären lässig gewesen. Komm, Paula, und nun nicht mehr weinen,« fuhr sie fort, der Trauernden die Thränen mit ihrem eigenen Tuch von den Augen wischend, »Du mußt hübsch folgen und brav sein,« und ihren Arm um sie schlagend, führte sie die Schwester in ihr Zimmer hinüber.
Felix blieb allein im Saale. Er hatte sich eine Cigarre angezündet und ging eine Weile sinnend auf und ab. Es war indessen völlig dunkel geworden, aber er klingelte noch nicht nach Licht -- er merkte es gar nicht. Mit seinen Gedanken war er wieder in Brasilien. Wie wunderbar sich Alles gestaltet hatte -- heute gerade wieder der Jahrestag seines Abschieds von Santa Clara, wo er zu jener Frau in's Zimmer trat und sie zwang, ihm das Couvert für Helene zu geben! Welche Hoffnungen hatten sich daran geknüpft -- wie hatte Helene die Zeit herbeigesehnt, in der sie ihrer Mutter in die Arme fliegen könne, und jetzt? Alles vorbei. Wieder standen, wie damals, die Koffer gepackt, aber nicht mehr der Heimath strebten sie entgegen, die Heimath gerade wollten sie eben fliehen.
Der Diener kam mit Licht, und Rottack erschrak ordentlich, als der helle Glanz sein Auge traf; aber er duldete es und warf sich, die Gedanken abschüttelnd, in einen Fauteuil, um die den Nachmittag eingetroffenen Zeitungen zu durchfliegen.
Eine Stunde mochte er so gesessen haben, als Helene zurückkehrte und, ihren Arm um ihn legend, seine Stirn küßte.
»Ist Paula ruhiger?«
»Ja, Felix; sie hat sich erst drüben noch einmal ordentlich ausgeweint, denn auf Deinen heutigen Besuch schien sie doch noch im Stillen wohl eine letzte Hoffnung aufgebaut zu haben. Jetzt ist es vorbei und überstanden, und sie sehnt sich nun selber weg von Haßburg mit seinen furchtbaren Erinnerungen.«
»Wunderbar,« sagte Felix, »wie fast Alles, was mit dieser entsetzlichen Katastrophe zusammenhing, todt und dahin ist. Da lese ich eben in der Zeitung, daß Hubert, Graf von Bolten, vor wenigen Tagen in Oesterreich beim Zureiten eines wilden, störrischen Pferdes von diesem abgeschleudert, geschleift und todt nach Hause getragen wurde.«
»Es war ein wilder, übermüthiger Mensch.«
»Jetzt ist er ruhig,« sagte Felix leise -- »aber wo ist Paula? Laß sie nicht so lange allein, Herz -- ihre trüben Gedanken kommen wieder. Denke, was das arme Kind verloren hat!«
»Was ich verloren habe,« flüsterte Helene, die Stirn auf des Gatten Haupt lehnend.
Draußen im Vorsaal hatte einer der Diener eben das Theegeschirr herausgebracht und auf einen Tisch gestellt, um es der Herrschaft hinein zu tragen, als sich die Hausthür öffnete und eine schwarz gekleidete Dame, das Gesicht verschleiert, eintrat.
»Ist Deine Herrschaft zu Hause?«
»Ja, gnädige Frau,« sagte der Diener, über die plötzliche, eigenthümliche Erscheinung fast erschreckt, »wen habe ich die Ehre zu melden?«
»Niemanden,« sagte die hohe, stattliche Frau, aber mit fast tonloser Stimme, »ich werde mich selber melden.«
»Bitte um Verzeihung, ich...« wollte der Diener einwenden, aber eine gebietende Bewegung der verschleierten Dame, die ihm wie eine Erscheinung vorkam, scheuchte ihn zurück, und diese schritt jetzt selbst auf die Thür zu und öffnete sie.
»Meine Helene,« rief Felix, das Antlitz zu der Gattin emporhebend und ihrem Kuß begegnend, »mein liebes, süßes Herz, vertraue auf die Zeit, die auch Dir das Verlorene bringen kann!«
Die Thür öffnete sich, eine schwarz gekleidete Gestalt stand auf der Schwelle. Felix hatte das Geräusch gehört und wandte den Kopf dorthin. Er fuhr überrascht in seinem Stuhl empor. Eine Dame -- unangemeldet Abends in seinem Zimmer?