Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«

Part 36

Chapter 363,922 wordsPublic domain

Des Ober-Medicinalraths Famulus war indessen von der Gärtnerwohnuug herüber gekommen, um Bericht abzustatten und den Arzt zu bitten, sich den Verwundeten dort oben selber einmal anzusehen. Es ging sehr schlecht mit ihm, und er fürchtete, da eine Amputation an der Stelle unmöglich war, das Schlimmste. Die Wunde nahm ungewöhnlich rasch einen bösartigen Charakter an, da sich der Verwundete noch außerdem in heimlicher Weise Branntwein verschafft und unmäßig davon getrunken hatte.

Der Ober-Medicinalrath schüttelte ungeduldig mit dem Kopf, versprach aber im Laufe des Morgens hinüber zu kommen, und fragte, ob sich der Geschossene nicht transportiren ließe.

Es war ganz unmöglich; bei der geringsten Bewegung schrie er laut auf.

Der alte Maulwurfsfänger befand sich wirklich in einer bösen Lage und hatte die ganze Nacht ein heftiges Fieber gehabt. Erst mit der Morgendämmerung ließ das etwas nach, und er fiel dann in einen unruhigen Schlaf, aus dem er manchmal mit einem Schrei emporschreckte. Gegen zehn Uhr wachte er auf und aß etwas Wassersuppe, aber er fühlte sich todesmatt. Als ihm der junge Arzt nachher die Wunde verband, betrachtete er sie selber auch kopfschüttelnd und sagte dann, indem er ihn fest ansah:

»Hören Sie 'mal, Herr Doctor, die Ränder gefallen mir nicht; ich habe in meinem Leben schon zu viel Derartiges gesehen. Das kommt mir beinahe vor wie der Brand -- hm?«

»So weit ist's noch nicht,« beruhigte ihn Frank, »aber wenn Ihr noch einen Tropfen Branntwein trinkt, steh' ich Euch für nichts.«

»Ja, jetzt hat's der Branntwein gethan,« nickte der Alte vor sich hin. »Daß Ihr Doctoren doch immer genau wißt, woher es kommt, aber nie, wohin es geht! Ich merke schon, wie die Geschichte ist, faul, überfaul, und...« Er biß vor Schmerz die Zähne aufeinander und fiel, während der Arzt die geöffnete Wunde wieder verband, auf sein Kissen zurück.

So lag er wohl eine halbe Stunde. Der Arzt war fortgegangen, und die alte Wärterin, die ihn pflegen mußte, da man dem Kind im Hause das nicht Alles überlassen konnte, war hinunter in die Küche gestiegen, um sich ihr Mittagessen zu bereiten. In der Zeit mußte dann immer des alten Jonas Enkelin bei ihm sitzen, um die Wärterin rufen zu können, wenn er etwas verlangte, oder ihm selber vielleicht eine kleine Handreichung zu thun.

Der Verwundete hatte eine Weile still gelegen Und auf seine Decke niedergestarrt. Endlich sagte er leise:

»Bärbel!«

»Ja, Herr Fritz,« antwortete die Kleine, welche am Fenster stand und auf die grünen Büsche hinausschaute, »wollt Ihr Wasser? Ich habe frisches mit heraufgebracht.«

»Nein, Kind, jetzt nicht,« antwortete der alte Maulwurfsfänger; »aber willst Du mir einen recht großen Dienst erweisen?«

»Ich darf Euch keinen Branntwein wieder bringen,« sagte die Kleine erschreckt; »der Herr Doctor hat so mit mir gezankt.«

»Das sollst Du auch nicht, Kind,« lautete die matte Antwort; »den letzten in diesem Leben werde ich wohl getrunken haben. Hast Du mir nicht gesagt, daß Du jeden Tag zur Frau Gräfin hinaufgehst und ihr Blumen bringst?«

»Ja, Herr Fritz, wenn die alte Rosie wieder zu Euch heraufkommt, gehe ich gleich. Großvater hat sie schon abgepflückt -- immer Mittags.«

»Und siehst Du die Gräfin selber?«

»Ja, jedesmal; ich gehe immer gleich zu ihr in's Zimmer -- ich darf.«

»Willst Du mir einen Gefallen thun?«

»Recht gern, wenn ich kann.«

Der alte Maulwurfsfänger schwieg, zog aber von dem kleinen Finger der linken Hand einen schmalen Goldreif mit einem kleinen grünen Stein herunter. Vor acht Tagen noch war der Ring in's Fleisch gewachsen gewesen, daß man ihn fast gar nicht mehr sehen konnte; jetzt fiel er fast von selber ab.

»Willst Du mir auch versprechen, Bärbele, daß Du keinem Menschen etwas von dem, was ich Dir jetzt sage, erzählst?«

»Es ist doch nichts Böses?« fragte das Kind erschreckt.

»Nein, Bärbele, nichts Böses, im Gegentheil, vielleicht macht es mich wieder gesund. Aber höre, Kind; den Ring hier -- verlier ihn mir ja nicht -- den Ring nimmst Du mit hinauf zur Frau Gräfin, und wenn Du ihr die Blumen bringst, gieb ihr den Ring und sag' ihr, hier bei Euch im Hause liege Jemand krank und wünschte sie noch einmal zu sprechen.«

»Aber die Frau Gräfin soll doch nicht zu Euch herüberkommen?« sagte das Kind bestürzt; »das thut sie gewiß nicht.«

»Gieb ihr nur den Ring, Herz,« bat der Maulwurfsfänger, »und richte aus, was ich Dir gesagt habe, weiter nichts. Willst Du das thun?«

»Gewiß; das ist nichts Böses.«

»Und Du sprichst mit keinem Menschen darüber?«

»Ich will's Keinem sagen, ich verspreche es Euch, und was man verspricht, muß man halten, meinte die Mutter selig immer.«

»Ich danke Dir, Bärbel; ich werd's Dir auch gedenken. Geh jetzt mit Deinen Blumen, je früher Du hinauf auf's Schloß kommst, desto besser; denn -- wer weiß, wie lange es noch mit mir dauert.«

»Aber ich kann doch jetzt nicht fort, bis die Rosie wieder heraufkommt.«

»Geh nur, Kind, ich brauche jetzt nichts; ich schlafe so lange, und da ist's besser, wenn ich Ruhe habe.«

Die Kleine zögerte einen Augenblick. Es war ihr nicht recht, daß sie ihre Pflicht versäumen solle -- aber der Kranke bat sie so sehr.

»Ich will der Rosie sagen, daß sie dann und wann einmal heraufguckt, und der Großvater muß auch gleich heimkommen,« nickte sie, band den Ring dann in ihr kleines Taschentuch, daß sie ihn ja nicht verlor, und stieg die Treppe hinab, um den Auftrag auszuführen. --

In ihrem Zimmer am offenen Fenster stand die Gräfin Monford in Trauer gekleidet und sah gedankenvoll auf das freundliche Landschaftsbild hinaus, das sich, jetzt freilich unbeachtet, unbewundert, vor ihr entfaltete. Aber wie auch ihr Herz gebrochen sein mochte, ihr Stolz war es nicht, ja, es schien weit eher, als ob er sich durch die furchtbaren Verluste, die sie erlitten, noch mehr gehärtet, noch unzugänglicher diese Brust einem wärmeren Gefühl gemacht habe.

Während ihres Gatten Krankheit waren noch zwei Briefe an diesen eingelaufen, und zwar von Handor selber an den Grafen adressirt, doch ohne nur einen Aufenthaltsort anzugeben, und so frech und unverschämt nur Geld, große Summen für sich fordernd, ja, sogar mit Drohungen im Falle der Weigerung gefüllt, daß die Gräfin sie im auflodernden Zorn zerstörte. Und _dieses_ Menschen wegen hatte die eigene Tochter ihre Eltern verlassen!

Kein Schmerz lag auch jetzt in den Zügen der finstern Frau; das war Trotz allein, starrer, unbeugsamer Trotz dem Schicksal gegenüber, und während ihr thränenloses Auge unter den zusammengezogenen Brauen hervorblitzte, ballte sich unwillkürlich die weiße, mit Ringen bedeckte Hand, als ob sie einem Feind begegne -- und doch stand ihr kein Feind gegenüber; nur in der eigenen Brust wohnte er, und klopfte und bohrte und mußte gewaltsam niedergehalten werden.

Ueber den Gartenplatz kam die kleine Bärbel mit ihren Blumen, sah die Gräfin am Fenster stehen und machte ihren Knix. Aber die Gräfin bemerkte sie gar nicht, wenn auch ihr Blick sie streifte, bis das Kind endlich, das von der Dienerschaft immer unbelästigt hinaufgelassen wurde, draußen schüchtern anklopfte.

Niemand antwortete; Bärbel klopfte noch einmal, und da noch immer keine Antwort erfolgte, öffnete sie die Thür. Es war schon oft vorgekommen, daß sich die Frau Gräfin nicht in ihrem Zimmer befand; dann ging sie doch hinein und legte ihr die Blumen auf den Tisch. Heut aber mußte sie ja drin sein, Bärbel hatte sie selber am Fenster gesehen. Wie sich die Thür öffnete, drehte sich die Gräfin um und erblickte das Kind; Bärbel war ihr Pathchen, und sie hatte die Kleine immer gern gehabt.

»Grüß Gott, Frau Gräfin!« sagte das Kind mit einem tiefen Knix, indem sie ihr den Strauß entgegenhielt; »hier bring' ich die Blumen.«

»Ich danke Dir, Bärbel; leg' sie nur auf den Tisch, ich werde sie selber in die Vase stellen.«

Die Kleine gehorchte und blieb dann zögernd stehen.

»Willst Du noch etwas, Bärbel?«

Bärbel drehte das Tuch verlegen in der Hand herum und knüpfte dann den Ring heraus. »Ja, Frau Gräfin,« flüsterte sie; »bei uns liegt der arme Mensch krank, der Maulwurfsfänger...«

»Ja, ich weiß, er ist vom Förster geschossen.«

»Ja, sehr, und da -- da hat er mich heute gebeten...«

»Nun, um was, Bärbel? Braucht er etwas?«

»Nein, Frau Gräfin,« sagte die Kleine ängstlich, denn es kam ihr jetzt gar so entsetzlich vor, daß sie bestellen sollte, der alte, schmutzige Maulwurfsfänger wolle die Frau Gräfin sprechen; »nein, er hat Alles und die alte Rosie pflegt ihn.«

»Und was will er sonst? Was hast Du da, Bärbel?«

»Den Ring hat er mir gegeben,« sagte das Kind, jetzt gewaltsam Muth fassend, denn es hatte ja versprochen den Auftrag auszurichten; »ich -- ich sollte ihn Euch bringen, Frau Gräfin.«

»Mir?« rief die Gräfin erstaunt. »Von wem?«

»Von dem alten Fritz, und er möchte -- er meinte, er -- er wäre recht krank -- und er möchte die Frau Gräfin gern sprechen.« Das Kind seufzte recht aus voller Brust auf -- jetzt war's heraus.

Die Gräfin schüttelte noch immer erstaunt mit dem Kopf; es mußte da jedenfalls ein Irrthum obwalten, und die Kleine hatte irgend einen Auftrag verkehrt ausgerichtet. »Und zu _mir_ solltest Du den Ring bringen?«

»Ja, zu Euch, Frau Gräfin, und ihn Euch selber in die Hand geben.«

Die Gräfin streckte den Arm aus, und das Kind reichte ihr den kleinen Goldreif, den sie mit zwei Fingern nahm und gleichgültig einen Moment betrachtete; aber plötzlich wurde ihr Blick stier und haftete wie entsetzt auf dem einfachen Schmuck.

»Wer gab Dir den Ring, Bärbel?« fragte sie und faßte des Kindes Schulter. »Wer? Wo kommt er her?«

»Ach, Frau Gräfin, ich kann ja nichts dafür!« bat die erschreckte Kleine; »der kranke Mann gab ihn mir.«

»Der Geschossene?«

»Ja, Frau Gräfin.«

»Und wie heißt er?«

»Ja, das weiß ich nicht,« sagte Bärbel, immer schüchterner werdend; »Fritz heißt er, den alten Fritz nennen sie ihn im Dorfe.«

»Wo hat er den Ring her?« fragte die Gräfin, aber mehr mit sich selber, als mit dem Kinde sprechend.

»Ja, das kann ich Euch auch nicht sagen,« rief die Kleine, immer ängstlicher werdend. »Er wird ihn doch nicht gestohlen haben? Ich sollte keinem Menschen etwas davon erzählen; aber ich kann ja wahrhaftig nichts dafür!«

»Nein, Bärbel, beruhige Dich,« sagte die Gräfin, sich gewaltsam fassend, »ich weiß, Du kannst nichts dafür; Du bist ein gutes Kind und hast nur Deinen Auftrag ausgerichtet. Also ist der Mann wirklich so krank und kann nicht ausgehen?«

»Ach Du lieber Gott,« sagte die Kleine, »nicht einmal tragen können sie ihn; sehr krank ist er. Aber er wird den Ring doch nicht gestohlen haben?«

»Nein, Kind, ich glaube nicht; ich -- ich werde ihn selber darum fragen -- vielleicht hat er ihn gefunden.«

»Und er gehört Euch?«

»Ja, Bärbel. Aber nun geh wieder nach Hause. Sag' ihm, wenn ich heute spazieren ginge, würde ich bei Euch einmal vorkommen und, wenn er so sehr krank ist, sehen, ob sich etwas für ihn thun läßt.«

Bärbel knixte. Es war fast, als ob sie noch etwas sagen wollte; aber sie brachte nichts mehr heraus und schien auch froh, wieder fort zu kommen, denn die Sache mit dem Ring ging ihr doch noch immer im kleinen Kopf herum.

In einer merkwürdigen Unruhe aber verließ sie die Gräfin, denn kaum hatte sie die Thür hinter sich zugezogen, als sich diese in einen Fauteuil warf und, ihr Antlitz mit den Händen deckend, eine lange Weile regungslos sitzen blieb; dann sprang sie auf und betrachtete wieder den Ring -- war es, daß ein Zweifel in ihr aufstieg, ob es der rechte sei? Sie hielt ihn gegen das Licht und prüfte ihn genau, und ging dann, während sie ihn an ihren Finger schob, mit unruhigen Schritten in dem Gemach auf und ab. Plötzlich, wie zu einem Entschluß gekommen, blieb sie am Tisch stehen und klingelte.

»Der Haushofmeister soll hereinkommen.«

Der Diener schloß die Thür wieder, und nach einer Weile kam der alte Mann und fragte, was die Gräfin befehle.

»Hußmann,« sagte die Frau, welche indessen ihre ganze eiserne Ruhe wiedergewonnen hatte, »was für ein Mensch ist das eigentlich, den in jener Nacht der Förster geschossen hat? Wo kommt er her und wie lange ist er schon da?«

»Ja, Frau Gräfin,« sagte der alte Mann achselzuckend, »viel Genaues bin ich auch nicht im Stande, Ihnen darüber zu sagen. Ich weiß nicht einmal seinen vollen Namen, denn hier auf dem Schlosse wurde er nur immer Fritz oder, wie ihn die Leute nannten, der alte Fritz, geheißen, der sich, wie alle derartigen Subjecte, im Lande herumtreibt und dort eine Zeit lang bleibt, wo er Beschäftigung findet.«

»Und wie lange ist er hier?«

»Es mögen jetzt drei oder vier Jahre sein, daß er in die Gegend kam, ich weiß es wirklich selber nicht einmal mehr genau; es war das Jahr, wo die Maulwürfe so überhand genommen hatten, und in deren Vertilgung zeigte er sich außerordentlich geschickt. Nachher war er einmal wieder von Zeit zu Zeit fünf bis sechs Monate verschwunden, dann kam er wieder. Jetzt mag er auf's Neue seit etwa zwei Monaten in der Gegend sein, und der Förster hatte ihn schon lange in Verdacht, daß er nicht blos den Maulwürfen und anderem Ungeziefer nachstellte; er war aber zu schlau, als daß er ihn erwischen konnte, und nur in -- in jener Nacht mochte er sich vielleicht sicherer fühlen als sonst, und hatte wohl nicht geglaubt, daß der Förster auf seinem Posten wäre.«

»Und hat er sich zu Zeiten im Schlosse selber gezeigt?«

»Nie, Frau Gräfin. Es ist eigentlich ein sonderbarer Kauz; mit den Bedienten hat er nie verkehrt, und die haben ihn auch deshalb immer verspottet, daß er stolz wäre. Es scheint ein heruntergekommenes Subject, das vielleicht einmal bessere Tage gesehen hat. In der letzten Zeit fing er aber auch an, sich dem Trunk zu ergeben, und das muß ihn jetzt besonders so krank gemacht haben. Ich fragte vorhin den Doctor; er wird's nicht lange mehr machen. Der Brand ist zu der Wunde gekommen, und da sich das Bein nicht amputiren läßt, wird er wohl seinen letzten Jagdfrevel verübt haben. Mir thut's leid um den Förster, der kommt dadurch gewiß in Ungelegenheit, und hat sich doch nur seines eigenen Lebens gewehrt. Außerdem macht er sich ein Gewissen daraus den armen Menschen so schwer getroffen zu haben.«

Die Gräfin stand am Fenster und sah gedankenvoll hinaus. Der Haushofmeister blieb an der Thür. Sie hatte ganz vergessen, daß er im Zimmer war. Nach einer Weile fragte er endlich: »Befehlen Sie sonst noch etwas, Frau Gräfin?«

»Ich? -- Nein -- ja so -- es ist gut, Hußmann; ich danke Euch!« Und der alte Diener verließ geräuschlos das Gemach.

Oben im kleinen Gärtnerhäuschen ging es mit dem Kranken recht schlecht. Der Ober-Medicinalrath war dort gewesen, hatte sich die Wunde angesehen und Alles, was bis jetzt dafür geschehen war, gutgeheißen. Aber es stellte sich schon wieder ein Fieber ein. Der Verwundete schien von einer merkwürdigen Unruhe erfaßt zu sein und klagte auch über Schmerzen im Körper, über ein krampfhaftes Gefühl in der Herzgegend. Der Ober-Medicinalrath verordnete Ruhe und Eisumschläge und als einzige Nahrung eine dünne Wassersuppe; dann nahm er Hut und Stock und verließ den Patienten.

Bärbel war zurückgekommen und zum Kranken hinauf gegangen; aber die alte Rosie saß noch im Zimmer, und sie wußte nicht, ob sie in deren Gegenwart etwas von dem Ring und der Frau Gräfin erwähnen durfte. Aber der Kranke kam ihr zu Hülfe.

»Rosie,« sagte er, »gebt mir doch einen Trunk frisches Wasser. Nein, nicht von dem,« fuhr er fort, als die Alte ihm aus dem Kruge einschenken wollte, »das steht schon so lange im Zimmer; bitte, holt mir frisches, gleich vom Brunnen.«

»Geh, spring einmal hinunter, Bärbel, und hol' frisch Wasser,« sagte die Alte; »Du hast junge Beine.«

»Nein, geht Ihr nur selber; die Bärbel soll mir indessen das Eis wieder auflegen, sie versteht's so gut.«

»Na, ich dächte, ich hätt's auch immer geschickt gemacht.«

»Ja, Rosie; aber bitte, laßt's jetzt einmal die Bärbel thun!«

»Na, meinetwegen; mir kann's recht sein.«

Die alte Person war ein wenig in ihrer Ehre gekränkt, aber sie nahm den Krug auf und humpelte damit, immer vor sich hin murmelnd, die Treppe hinab.

»Nun, Bärbel, hast Du's ausgerichtet?«

»Ja; ich hab's Euch ja versprochen.«

»Gutes Kind; und ihr selber gegeben?«

»Ja.«

»Und was sagte sie?«

»Sie wunderte sich, wie Ihr zu dem Ringe kämt. Habt Ihr ihn gefunden, Maulwurfsfänger?«

»Ja, Kind, ich hab' ihn gefunden im Park draußen. Und wird sie kommen? Sagte sie es Dir?«

»Sie will vorkommen, wenn sie spazieren geht, und sehen, ob es Euch an 'was fehlt.«

Der Kranke athmete tief auf.

»Bärbel!«

»Ja, wollt Ihr 'was?«

»Da unten an dem Bettpfosten hängt meine Weste; geh einmal hin, Kind.«

»Wollt Ihr sie haben?«

»Nein; in der linken Tasche steckt ein blanker Thaler. Hast Du ihn gefunden?«

»Ja, da ist er.«

»Behalt ihn, Bärbel, den sollst _Du_ haben.«

»Den ganzen Thaler?«

»Thu' ihn in Deine Sparbüchse, Kind.«

»Aber darf ich denn das viele Geld behalten? Großvater zankt gewiß.«

»Behalt es mir zum Andenken, ich kann Dir ja doch sonst nichts geben, und Du hast mich so oft gepflegt.«

»Aber das muß ich dem Großvater sagen, heimlich darf ich ihn nicht behalten.«

»Sag's nur dem Großvater, Kind, er wird Dir's erlauben. So, und nun leg' mir das Eis auf; die Rosie wird gleich wiederkommen. Oh Gott, wie das feuert und klopft! Du wirst's nicht mehr oft zu thun brauchen, Bärbel.«

Es war fast, als ob das viele Sprechen oder auch vielleicht die gerade von dem Arzte verbotene Aufregung ihn übermäßig angegriffen habe. Er schloß die Augen, war sehr blaß geworden und lag still und regunglos auf seinem Bett.

Die Rosie wollte ihm das verlangte Wasser geben; aber er antwortete ihr gar nicht, und Bärbel selber schlich sich leise hinunter, um den Großvater im Park aufzusuchen und ihm das Geschenk zu zeigen.

Etwa nach einer Stunde öffnete der Kranke die Augen wieder und sah sich verstört um. Nur die Rosie war bei ihm im Zimmer.

Ob er 'was haben wollte? Nein; er schien unruhig, aber die alte Frau auch keine Person, gegen die er sich aussprechen konnte. Er schüttelte mit dem Kopf und horchte nur immer hoch auf, wenn sich unten im Hause etwas regte. Immer heftiger wurde dabei sein Fieber, und das vorher so bleiche Gesicht flammte jetzt ordentlich in wilder Gluth.

Die Rosie war wieder einmal hinunter gegangen, um etwas zu besorgen, als sie plötzlich rasch die Treppe heraufkam und mit ängstlicher Stimme sagte:

»Herr Du meine Güte, die gnädigste Frau Gräfin ist selber unten und will heraufkommen -- die Ehre! Und wie's hier aussieht -- na, die wird schön schauen! Aber wer hat daran auch gedacht?« Und dabei schob sie hastig Alles aus dem Wege, was sich eben nicht gut zeigen ließ, und wischte noch mit ihrer Schürze den einen dem Bett gegenüber stehenden Stuhl ab, auf dem sie gewöhnlich saß, als die Thür schon aufging und die hohe, stattliche Gestalt der Gräfin auf der Schwelle stand.

Das kleine Gemach hatte vielleicht noch nie so ärmlich ausgesehen, als in dem Augenblick, wo die elegante Gestalt der Dame in ihrem schwarzen rauschenden Seidenkleide darin erschien, und der ängstliche, scheue Blick, den sie darin umherwarf, zeigte, daß sie das fühlte. Aber im nächsten Moment haftete ihr Auge schon fragend und forschend auf dem Antlitz des Kranken, der, als er ihren Schritt auf der Treppe hörte, unwillkürlich emporgezuckt war, vom Schmerz gebannt aber in seine alte Lage zurücksank und finster die Zähne zusammengebissen auf seine Decke niederstarrte.

Ganz versteinert über die »hohe Ehre« stand indessen die Rosie in der Ecke und knixte nur einmal nach dem andern, um dem vornehmen Besuch ihre Ehrfurcht zu erweisen.

Aber die Gräfin, deren Blick nur über sie hinglitt, sagte leise: »Geh'n Sie hinunter, gute Frau, ich habe mit dem Kranken etwas zu sprechen.«

»Zu Befehl, Frau Gräfin.«

»Und kommen Sie nicht eher wieder herauf, bis ich Sie selber rufe.«

»Zu Befehl, Frau Gräfin.«

Die Alte war seelenfroh, da oben weg zu kommen, und wie ihr die Gräfin nur so viel Raum an der Thür ließ, daß sie hindurch konnte, ohne auf ihr Kleid zu treten, schoß sie die Treppe hinab.

Die Gräfin war mit dem Maulwurfsfänger allein; aber noch immer sprach sie kein Wort, noch immer haftete ihr Blick wie fragend und ungewiß auf den eingefallenen Zügen des vor ihr Liegenden, und erst als dieser keine Miene machte, sie anzureden, und nur wie krampfhaft in die Decke griff, sagte sie leise:

»Sie haben mich zu sprechen verlangt. Was kann ich für Sie thun?«

Der Maulwurfsfänger drehte langsam den Kopf nach ihr um, denn selbst diese Bewegung that ihm weh; dann aber flüsterte er, daß die Worte kaum zu dem Ohr der Gräfin drangen und trotzdem wie mit einem Schlage das Blut aus ihren Wangen jagten:

»Also hast Du den Ring wiedererkannt, Ottilie? Bist Du wirklich gekommen, um mir Lebewohl zu sagen?«

»Heiliger, allmächtiger Gott!« stöhnte die Gräfin und faßte ihr Herz mit beiden Händen, als ob sie es festhalten wolle in der Brust. »Wäre es denn möglich -- wäre es wahr...?«

»Es ist wahr, Frau Gräfin,« sagte der Alte, indem ein bitteres Lächeln um seine Lippen spielte, »die Jammergestalt hier auf dem Bett, zerschossen und von Krankheit und Alter gebrochen, eigentlich auch schon halb verfault, mit dem schleichenden Tod in den Gliedern, ist Alles, was von dem einst so lebenslustigen und gefeierten Friedrich von Sitrop übrig geblieben. Wenig, nicht wahr? Verdammt wenig -- und das Wenige selbst verstümmelt und mißhandelt!«

Die Frau stand, das Gesicht in den Händen bergend, mitten in der Stube; kein Laut kam über ihre Lippen, aber die ganze Gestalt zitterte und bebte, und des Alten Blick haftete fast wehmüthig und mitleidsvoll an ihr. Endlich fuhr er leise fort: »Setz' Dich, Ottilie -- etwas näher zu mir; ich kann nicht so laut sprechen und fühle, daß ich auch nicht mehr lange sprechen werde. Ich weiß Alles, was Du fragen möchtest, ich will Dir Alles mit wenigen Worten sagen. Aber dann -- mußt Du mir auch Eine Frage beantworten -- nur eine einzige Frage, die mir lange Jahre am Leben gefressen hat und die ich -- noch vor meinem Tode gelöst haben möchte. Setz' Dich, die Zeit vergeht und die Secunden fangen an kostbar zu werden.«

Die Gräfin machte eine Bewegung gegen das Bett, und der Spitz, der bis jetzt nur leise und fast unhörbar geknurrt hatte, schlug laut an. Der Maulwurfsfänger pfiff leise durch die Zähne und sagte dann: »Ruhig, Spitz, es ist vorbei; Du wirst jetzt abgelöst von Deinem Posten. Sei ruhig, mein Hund, ich bin's ja auch; hörst Du?«

Das kleine treue Thier knurrte zwar noch leise, aber es kauerte sich wieder unter dem Bett zusammen und winselte nur noch ein wenig, als die Gräfin fast mechanisch nach dem Stuhl griff und sich darauf niederließ. Dann lag er ganz still, schob die Schnauze wieder in seine langen Haare und blieb regungslos liegen, hielt aber immer noch die kleinen blitzenden, schwarzen Augen mißtrauisch auf das Kleid des fremdartigen Besuchs geheftet.

Auch der Kranke schien sich erst von der ungewohnten Anstrengung des Redens zu erholen; dann fuhr er langsam fort:

»Die Geschichte ist sehr kurz. Mein Vermögen brachte ich durch -- im Spiel; arbeiten konnte und wollte ich nicht; in Frankreich, wohin ich flüchtete, fälschte ich einen Wechsel, um Geld zu bekommen, und wurde eingekerkert. Ich saß lange Jahre und kehrte, endlich freigelassen, nach Deutschland zurück; aber den Baron hatte ich im französischen Gefängniß oder vielmehr schon vor dessen Thür gelassen, leben mußte ich, Geld hatte ich keins, -- das Einzige, was ich verstand, war das Spiel und die Jagd; Croupier mocht' ich nicht werden, so tief war ich doch noch nicht gesunken, zum Förster wollte mich Niemand, da« -- ein bitteres, höhnisches Lächeln zuckte um die Lippen des Kranken -- »benutzte ich eine frühere Passion von mir, das Fallenstellen, und -- wurde Maulwurfsfänger. Sechs Jahre wanderte ich so in Deutschland umher, mich den Henker mehr um die übrige Welt scherend, bis es mir keine Ruhe mehr ließ, den Ort wieder aufzusuchen, wo...«