Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«
Part 35
»Na, aber dann zur Gesellschaft. -- Heh, Kellner, Couvert für den Herrn!« rief Peters, der sich alle gesellschaftlichen Formen angeeignet hatte. »Die Herren kennen sich wohl noch nicht? Herr Walther, eine literarische Größe; Herr Stelzhammer, ein Kaufmann aus Brasilien!«
»Sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen,« sagte Herr Walther mit einem völlig gleichgültigen Gesicht, indem er verlangend nach dem eben gebrachten Bier hinüber sah, und auch drei Viertel des Glases auf einen Zug leerte. »Was wollten Sie denn, Peters? Sie waren bei mir im Hause. Ich hatte einige Besuche zu machen.«
»Sind Sie schon auf heut Abend engagirt, Herr Walther?« fragte Peters, der weitere Umstände nicht für nöthig hielt.
Herr Walther nickte einfach, während er die für ihn bestellten Speisen in Empfang nahm und trotzdem, daß er sonst später speiste, mit außerordentlichem Erfolg zu bearbeiten begann.
»Alle Wetter,« rief Peters, »das wäre mir aber nicht lieb! Sie selber würden viel dabei versäumen, Herr Walther, denn es liegt uns viel daran, daß die Vorstellung heut Abend eine befriedigende ist!«
»So?« sagte Herr Walther.
»Aber vielleicht ließe es sich doch noch vereinigen.«
»Möchte wohl schwerlich gehen, Peters, -- ich werde pfeifen,« sagte der Herr mit einer bodenlosen Ruhe.
Jeremias zuckte zusammen, Peters gab ihm aber unter dem Tisch einen Stoß mit dem Fuß.
»Hm,« meinte er dann, als ob in der Antwort nicht das geringste Außergewöhnliche gelegen hätte, »das ist dann freilich etwas Anderes. Schade, aber wenn's nicht ist, ist es nicht -- Sie hätten indeß ein schön Stück Geld verdienen können!«
»Bah,« sagte Herr Walther verächtlich, und kaute das nicht ganz zarte Stück Rindfleisch, »was Ihr schön Stück Geld nennt -- frei Entrée und einen halben Gulden Klopfgeld. Die andere Seite ist bequemer, dabei kann ich die Hände in den Taschen behalten.«
»Ja, halben Gulden,« lachte Peters, »da wäret Ihr dieses Mal schön angekommen -- mit halben Gulden wird sich nicht befaßt, aber, wie gesagt, wenn's nicht ist, ist es nicht,« und dabei fiel er wieder über das Rindfleisch her.
Herr Walther saß ihnen eine Zeit lang schweigend gegenüber und sein Blick streifte dabei ein paar Mal Jeremias. Daß der mit darunter stak, hatte er im Nu weg, und der Mann sah noch dazu aus, als ob er zahlen könne. Er trank sein Bier aus.
»Kellner, unsere Gläser sind leer!« sagte Jeremias, und Peters nickte bestätigend mit dem Kopf. Der Riese machte eine halbe Verbeugung gegen den kleinen Mann, als Anerkennung seines Verdienstes um das öffentliche Wohl, nahm aber das Gespräch nicht wieder auf und schien die Sache an sich kommen zu lassen. Peters aber sagte auch nichts weiter, eine höchst überflüssige Bemerkung ausgenommen, daß er heute einen entsetzlichen Durst habe, und trank stark dabei.
»Kellner, unsere Gläser sind leer!« rief Jeremias wieder nach einer gar nicht etwa so langen Pause.
»Bitte,« sagte dieses Mal Herr Walther, schob aber doch dem Kellner sein geleertes Glas hin. Die Stille wurde ihm aber unheimlich -- mit Essen waren sie fertig. Jeremias nahm seine Cigarrentasche heraus, zündete sich eine Cigarre an und offerirte dieselbe dann dem Gegenübersitzenden und Peters. Beide Herren acceptirten.
»Donnerwetter,« sagte Peters, »das ist 'was Feines -- allen Respect!«
»Ausgezeichnet,« bemerkte Herr Walther, und blies den Rauch mit Kennermiene durch die Nase. Sein =vis-à-vis= stieg augenscheinlich in seiner Achtung; Strohwisch rauchte nichtswürdige Cigarren.
Der kleine Jeremias war aber ein praktischer Geschäftsmann und fühlte, daß jetzt die beiden würdigen Leute viel besser mit einander zu Stande kommen würden, wenn er nicht dabei wäre. Seine Gegenwart störte mehr, als daß sie half. Er stand auf und sagte: »Ach, lieber Herr Peters, Sie entschuldigen mich wohl; ich habe noch in der Nachbarschaft etwas zu thun und hole Sie in einer Viertelstunde wieder ab, berichtigt ist Alles -- habe die Ehre« -- und dabei drückte er dem Theaterdiener noch einen Zehngulden-Schein in die Hand, aber so, daß Herr Walther Zeuge der Bewegung sein mußte. Dann machte er einen kleinen Spaziergang, und zwar eine volle Viertelstunde. Als er aber wieder in die Schenke zurückkehrte, fand er Peters allein vor, der mit freudestrahlendem Gesicht hinter einem frischen Kruge Bier saß.
»Nun?«
»Alles in Ordnung,« lachte dieser, »Sie alter Menschenkenner Sie -- capital gemacht -- ausgeßeugnet. Mit Ihnen möchte ich öfter zu thun haben. Donnerwetter, wenn ich da bedenke, wie zäh unser Alter ist!«
»Und er wird _nicht_ pfeifen?« sagte Jeremias.
»Das Unmögliche dürfen wir nicht verlangen,« erwiderte achselzuckend Peters, »aber -- er läßt sich 'rausschmeißen, und damit haben wir Alles gewonnen. -- Ja, Sie lachen,« fuhr Peters halb beleidigt fort, »aber glauben Sie etwa, daß das eine Kleinigkeit ist? Wenn _der_ Stand halten will, bringen ihn zwölf Menschen nicht hinaus, und zu großen Skandal müssen wir vermeiden, sonst mischt sich doch die Polizei hinein. So aber ist Alles in Ordnung. Pfeifen muß er, das sieht ein Kind ein; er hat das Geld dafür schon genommen, aber er bleibt nahe an der Thür stehen, dann fuhrwerken wir ihn wie der Wind hinaus, und damit ist der ganzen Opposition die Spitze abgebrochen.«
»Und das kostet?«
»Ein Heidengeld -- fünfzehn Gulden; er wollte es aber nicht einen Kreuzer billiger thun. Seine Ehre stände auf dem Spiel.«
»Gut,« lachte Jeremias vergnügt; »kommt nicht darauf an, und für die Uebrigen stehen Sie?«
»Jetzt habe ich keine Sorge weiter,« rief Peters, »nun muß ich aber fort. Donnerwetter, es ist schon ein Uhr vorbei, und ich kann nur die Beine unter die Arme nehmen!«
»Haben Sie noch etwas getrunken?«
»Nur noch vier Glas -- das geht jetzt mit auf die große Rechnung -- also adieu, Herr Stelzhammer, bei Pompeji sehen wir uns wieder.« Und mit einer eleganten Verbeugung schoß er aus dem Zimmer. --
»Fiesco oder die Verschwörung zu Genua. Fiesco, Graf von Lavagna -- Herr Rebe« stand mit groß gedruckten Buchstaben auf den feuerrothen Zetteln, die überall in der Stadt angeklebt waren und die Augen auf sich lenken mußten.
Zugleich hatte sich aber -- wer weiß denn durch wen solche Sachen bekannt werden -- das Gerücht verbreitet, Rebe würde heut Abend ausgezischt werden, und wer nicht aus Theilnahme für das Stück und die Darsteller hineinging, suchte sich ein Billet zu verschaffen, um den Skandal mit anzusehen, so daß schon um vier Uhr an der Kasse sämmtliche Plätze vergriffen waren.
Insofern hatte der Director also ganz richtig speculirt. Er bekam ein ausverkauftes Haus, sogar das Orchester mußte geräumt werden, und im Uebrigen war er nach keiner Seite hin gebunden; er konnte daß Resultat ruhig mit ansehen.
Rebe selber erfuhr von allen den gegen und für ihn gespielten Intriguen natürlich nichts, denn er hielt sich den ganzen Tag in seinem Zimmer verschlossen, um seine Rolle noch einmal fleißig durchzugehen. Ein paar Mal hörte er Schritte auf der Treppe, und es klopfte bei ihm an, aber er gab keine Antwort; denn nur dem Theaterdiener hatte er ein bestimmtes Anpochen gelehrt, wie er sich bemerklich machen sollte, wenn er vielleicht irgend etwas von der Direction zu bestellen hätte. Aber dieser kam nicht, und allen Anderen blieb die Thür verschlossen.
So kam die Theaterzeit heran, und schon eine Stunde vor Oeffnung der Kasse drängte sich das Publikum der Gallerie und des Steh-Parterres vor den verschiedenen Thüren des Eingangs, mit Ungeduld die Erschließung derselben erwartend, und kaum geöffnet, füllten sich die Räume.
Die =haute volée= kam später, aber sie kam, denn Viele hatten an jenem ersten Abend dem so plötzlichen Auftreten Rebe's nicht beiwohnen können, und man war überhaupt neugierig geworden, wie sich ein junger Künstler, den man bis jetzt gewohnt gewesen als Statisten zu betrachten, entwickeln würde. Außerdem sollte er ja auch des vielbesprochenen Handor Platz einnehmen. Wirkliches Interesse für ihn fühlten nur Wenige. Was kümmerte sie der Schauspieler, sie wollten sich amüsiren, und wenn es im Theater ein wenig Skandal gab, desto besser; welchen trefflichen Unterhaltungsstoff hatte man dann wieder auf morgen! Daß die Existenz eines jungen Talents auf dem Spiel stand -- wer dachte daran, oder sorgte sich deshalb?
Wie die Vorstellung aber heranrückte, wurde dem Director doch nicht wohl bei der Sache, denn durch seine Kundschafter hatte er schon lange erfahren, was für den Abend beabsichtigt, und wer dabei betheiligt war. Und wo stak Peters? Ob er des Menschen wohl habhaft werden konnte, der wie ein losgelassener Irrwisch in der Stadt umherschoß! Aber was konnte ihm Peters auch helfen?
»Was will gescheh'n, es mag gescheh'n!«
declamirte er mit Pathos vor sich hin und ging dann in's Theater und auf die Bühne, um zu sehen, ob dort wenigstens Alles in Ordnung und keine Störung zu befürchten wäre.
Den Schauspielern selber hatte die Stimmung im Publikum aber auch nicht verborgen bleiben können, und sie wußten aus eigener Erfahrung, welch böses Zeichen es ist, wenn schon im Voraus bei einem Stück Skandal angekündigt wird. Es giebt immer eine Masse nutzloses Volk, das mehr Freude daran, als an einer guten Aufführung findet, und zuletzt den Skandal, wenn er wirklich nicht ausbrechen sollte, provocirt.
Sie Alle wußten aber nicht, wie des Doctors Strohwisch boshafter Artikel durch den Aufsatz über die Monford'sche Familie völlig paralysirt worden. Der bessere Theil des Publikums, und, Gott sei Dank, bei jedem Publikum die Mehrzahl, war entschieden entrüstet darüber, und dadurch auch fest entschlossen, seinen Beifall nicht zurückzuhalten, wenn ihn der Schauspieler wirklich verdienen sollte. Was sich dann im Parterre vorbereitete, mußte man eben abwarten.
Um sechs Uhr sollte die Vorstellung beginnen. Etwa eine halbe Stunde vorher betrat Jeremias, ziemlich erschöpft von dem heutigen ereignißvollen Tag, Graf Rottack's Wohnung und wurde von dem Diener, der ihn rasch wiedererkannte, sogleich gemeldet.
Graf Rottack war allein im Zimmer, als Jeremias in einer Transpiration, die nichts zu wünschen übrig ließ, dasselbe betrat.
»Nun, Jeremias, wie geht's?« redete ihn der junge Graf freundlich an. »Sie haben sich lange nicht bei uns sehen lassen. Was treiben Sie?«
»Was ich in meinem Leben nicht geglaubt hätte, Herr Graf,« sagte der kleine Mann, sich den ganzen Kopf abtrocknend; »ich werbe Leute an, um im Theater zu applaudiren.«
»Wollen Sie selber auftreten?« lachte Felix. »Dann stelle ich Ihnen meine Hände ebenfalls zur Verfügung.«
»Danke Ihnen,« nickte Jeremias, »ich nehme sie an, wenn auch nicht für mich selber. Aber ich bin Ihnen noch die Erzählung von meinem neulichen Abenteuer schuldig, und wenn Sie einen Augenblick Zeit hätten, denn lange kann ich selber nicht...«
»Setzen Sie sich, Jeremias -- für Sie immer.«
Jeremias ließ sich nicht lange nöthigen und erzählte jetzt dem jungen Grafen mit kurzen Worten zwar, aber immer dabei nur das Hauptsächlichste hervorhebend, seine eigene kleine Familienangelegenheit, zu welcher der Schauspieler Rebe und dessen neulicher Erfolg in engster Beziehung stand; dann die Bosheit jenes Literaten und sein neuliches Begegnen mit demselben, und jetzt dessen rachsüchtige Machinationen, um den ihm verhaßten Menschen zu stürzen, und seine eigene Contremine dagegen.
Rottack, welcher der Erzählung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gelauscht, denn Handor's Flucht stand ja in der genauesten Beziehung dazu, seufzte tief auf.
»Wie wunderbar das in der Welt ist,« sagte er, »daß Eines Glück des Andern Elend birgt! Während durch jenes Menschen Flucht Ihr junger Freund Lorbeern erntet und sich eine Existenz erringt, geht auf der andern Seite darüber ein altes edles Haus zu Trümmern.«
»Ja, Du lieber Gott,« sagte Jeremias achselzuckend, »wie manches edle Haus wird auch mit dem Untergang vieler armen Familien aufgebaut! Wer kann's ändern? Der Himmel helfe dem nur, den's trifft; wir Anderen schwimmen indessen sachte weiter. Aber, Herr Graf, was ich Sie fragen wollte: gehen Sie heut Abend in's Theater?«
»Ich hatte nicht die Absicht, Jeremias. Meine arme Helene fühlt sich noch recht angegriffen, und ich selber bin, aufrichtig gestanden, gerade nicht in der Stimmung, Komödie zu sehen.«
»Sollte mir sehr leid thun,« sagte Jeremias, »ich hatte fest auf Sie gerechnet.«
»Auf mich?«
»Ja, und Ihnen auch schon ein Billet besorgt für den ersten Rang.«
»Für mich?« lachte Felix. »Aber, bester Jeremias, wenn ich das Theater besuchen wollte, würde ich mir doch das selber besorgen.«
»Kriegen aber keins mehr,« rief Jeremias, »das ist ja gerade die Geschichte, nicht um eine Million; Alles ausverkauft bis in die Puppen hinauf.«
»So voll wird es?«
»Na, da kommen Sie schön an; die eine Hälfte von Haßburg sitzt drin und die andere steht vor der Thür.«
»In der That? Und hat Ihr Rebe wirklich brav gespielt?«
»Das nicht allein, er ist auch ein ehrlicher, anständiger Kerl, der sich auf so gemeine Kniffe nicht einläßt, und da...«
»Haben _Sie_ ihm das besorgt,« lächelte Felix.
»'s ist beinahe so 'was; aber thun Sie mir den Gefallen und gehen Sie, 's ist wahrhaftig ein gutes Werk!«
»Und ich soll auch applaudiren?«
»Was Sie können; ziehen Sie nur keine Glacéhandschuhe an, es flappt besser.«
»Das ist nicht übel,« lachte Rottack gerade heraus; »da werben Sie mich also mit einem Freibillet zum Claqueur?«
»Nennen Sie's, wie Sie wollen, aber hauen Sie nur tüchtig ein,« rief der kleine unverwüstliche Bursche; »ich wirke unten.«
Graf Rottack schüttelte den Kopf. »Gut, Jeremias,« sagte er endlich, »ich will gehen.«
»Bravo! Der erste Rang ist die Hauptsache.«
»Aber ich habe eine Bedingung zu stellen.«
»Stellen Sie.«
»Sie sind mit vielen Leuten des Theaters bekannt?«
Jeremias nickte.
»Schön, so bitte ich Sie, genaue Nachforschungen zu halten, ob jener Handor nicht wieder irgendwo aufgetaucht und wo er dann zu finden ist.«
»Der ist Ihnen wohl auch noch schuldig?« rief Jeremias. »Ja, der hat Gott und die Welt angepumpt.«
»Das nicht,« lächelte Graf Rottack; »aber mir liegt sehr viel daran, seinen jetzigen Aufenthaltsort zu erfahren, und ich würde Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie mir Auskunft darüber brächten.«
»Ja, was an mir liegt, mein lieber Herr Graf, da können Sie sich fest darauf verlassen. Ich habe freilich noch nicht viel Bekannte, aber Pfeffer kennt die ganze Theaterwelt von A bis Z, und was der Eine da nicht weiß, weiß der Andere. Irgendwo muß er ja doch wieder zum Vorschein kommen.«
»Also verlasse ich mich auf Sie.«
»Das können Sie, und wenn -- Hurrjeh, da schlägt's Sechs -- machen Sie, daß Sie hinüberkommen!« Und wie der Blitz war er zur Thür hinaus.
Er hatte sich auch in der That nicht verhört; die Schloßuhr schlug gerade noch, als er vor die Thür trat, und er lief jetzt mehr, als er ging, dem Theater zu, um sich, dort angekommen, zu seinem Sperrsitz durchzuarbeiten.
Das Orchester beendete eben sein Vorspiel, und Jeremias hatte gerade noch Zeit, einen Blick im Theater selber umher zu werfen, wo Kopf an Kopf dicht gedrängt saß, als der Vorhang aufging.
Fräulein Rottenhöfer als Leonore trat auf; aber sie spielte heut Abend befangen, und kein Wunder, denn überall im Theater hatte sich schon das Gerücht eines beabsichtigten Tumults kund gegeben, und die Schauspieler selber konnten unmöglich unter diesem Eindruck ihre Ruhe bewahren.
Pfeffer, heute übrigens nicht beschäftigt, ging in Todesangst hinter der Scene auf und ab und allen Menschen scheu aus dem Wege, und der Director selber hatte sich in seine kleine, völlig versteckte Loge geflüchtet, von wo er Alles übersehen und doch selber nicht gesehen werden konnte.
Jetzt kam die vierte Scene mit Julia und Fiesco, und im Parterre lachte Jemand laut; aber Alles sah ihn an, es war zu früh und wurde Ruhe geboten.
Rebe übertraf sich selber; mit voller Ruhe und edlem Anstand und zuletzt mit glühender, hinreißender Leidenschaft spielte er die Scene durch. Seine ganze Persönlichkeit paßte dabei vortrefflich zu dem Grafen Lavagna; ein reiches, geschmackvolles Costüm hob sie noch mehr hervor, und die Damen waren entzückt von ihm.
Im Parterre wurde jetzt hier und da leise mit einander geflüstert, aber da bei seinem Abgang kein Zeichen des Beifalls gegeben wurde, unterblieb auch jede Gegendemonstration.
Jeremias hatte indessen immer vom Parket aus nach dem ihm bekannten Platz im ersten Rang hinaufgesehen, ob Graf Rottack noch nicht erschienen wäre.
Jetzt trat Fiesco wieder auf, und in der nächsten Scene mit den drei schwarzen Masken erschien auch Graf Rottack und nahm seinen Platz ein. Auch diese Scene ging vorüber und die mit Bourgognino, und jetzt kam die Hauptscene mit dem Mohren, den Höfken ganz vortrefflich gab. Aber auch hier regte sich noch nichts. Es war ordentlich, als ob Alle, die Rebe's Spiel befriedigte, gefürchtet hätten, durch irgend ein Beifallszeichen den angedrohten Tumult hervorzurufen, und die Gegenpartei schien strenge Ordre zu haben, nicht zu beginnen, weil sie sich dadurch leicht in Nachtheil setzen konnte.
Der Vorhang fiel, Todtenstille herrschte im Hause, bis sich dieselbe in ein lautes Flüstern auflöste. Jeremias war aufgestanden und hatte sich umgedreht. Sein Blick fiel auf ein rothes, dickes Gesicht mit blonden Haaren, das ihm lächelnd zunickte, -- das war richtig Herr Walther. Er stand nicht weit von der Thür, und wie er weiter suchte, erkannte er auch mitten im Parket, aber auf einer der letzten Bänke desselben, den Doctor Strohwisch, der ihn hämisch und wie triumphirend belorgnettirte. Jeremias lief die Galle über. War der Bursche seines Sieges so gewiß?
Aber der Vorhang ging wieder auf, und jetzt ließ sich die für Alle unerträglich werdende Aufregung nicht länger zurückhalten.
Schon in Fiesco's erstem Auftreten mit dem Mohren sprach Rebe die Worte: »Von einem Schurken das anzuhören!« so ganz vortrefflich, daß im ersten Range Einige applaudirten, unter ihnen Rottack; im Parterre wurde darauf an zwei, drei Orten gezischt, aber das konnte auch Ruhe bedeuten. Damit aber hatte der Kampf begonnen, denn die vorhin ihren Beifall gezeigt, ärgerten sich jetzt, daß sie Jemand daran verhindern wollte.
Das Flüstern steigerte sich während der folgenden Scenen, die Rebe ganz vortrefflich gab, wozu Director Krüger hinter seinem Gitter fortwährend beifällig mit dem Kopf nickte; und als er sich vom Mohren den Arm ritzen ließ und mit dem Ausruf: »Mörder! Mörder! Besetzt die Wege, -- riegelt die Pforten zu!« abstürzte, kam es zum Ausbruch.
Jetzt wurde nicht allein vom Parterre aus, sondern auch vom ersten und zweiten Range lebhaft applaudirt, während an den verschiedensten Stellen das Zischen die Bravos zu übertäuben suchte.
Leonore und Rosa traten rasch auf, konnten aber nicht zu Worte kommen und zogen sich bestürzt zurück. Darüber wurde gelacht, und jetzt ertönte der erste Pfiff, mit dem Herr Walther selber das Zeichen gab und der an verschiedenen Seiten ein Echo fand.
»Da haben wir's,« stöhnte Krüger und sank in seinen Stuhl zurück; »oh, dieser Strohwisch!«
Aber die Opposition war stärker, als die Pfeifer vermuthet hatten. Im Parterre wurde eine Bewegung bemerkbar, und nach verschiedenen Richtungen hin drängten sich Menschen, während Parket und erster Rang plötzlich fest entschlossen schienen, ihren mit Recht gespendeten Beifall nicht übertäuben zu lassen.
»Rebe heraus!« tönte es auf einmal an verschiedenen Stellen, und ein gellendes Pfeifen antwortete, -- das war Strohwisch selber.
»Hinaus mit dem Lump!« rief Jeremias, der sich nicht mehr mäßigen, aber auch nicht von seinem Platz konnte, wo er eingekeilt saß. Wieder pfiff es rechts und links. Aber »Hinaus, hinaus mit den Kerlen! Rebe heraus! Bravo, bravo!« tobte es jetzt von allen Seiten, und Herr Walther, der in voller Gemüthsruhe unter einer Parketloge lehnte und laut vor sich hin pfiff, als ob er sich ganz allein in einer einsamen Gegend befände, sah sich plötzlich von zu ihm andrängenden Leuten gefaßt und fortgeschoben.
»Na, holla,« rief er, »was ist das? Ich habe meinen Platz bezahlt!« Aber er leistete dabei nur geringen Widerstand, und Strohwisch, der aufgesprungen war, beobachtete in ziemlicher Spannung die Entfernung seiner Hauptstütze.
»Rebe heraus!« schrie es jetzt wieder von verschiedenen Seiten, und ein schallender Applaus folgte.
Wieder Zischen und Pfeifen, aber schon bedeutend in der Minorität und nur vereinzelt. »Rebe heraus!« schrie das Publikum, und links und rechts wurden indessen einige räthselhafte Individuen aus dem Parterre hinausgeworfen. »Rebe heraus!«
Krüger war auf die Bühne gesprungen. Rebe weigerte sich, hinaus zu gehen, aber auf des Directors Bitten und Beschwörungen gab er endlich nach und trat hinaus.
Stürmischer Applaus und ein einzelner gellender Pfiff dazwischen, den der von Verzweiflung getriebene Recensent als letzten Versuch selber ausgestoßen. Jetzt aber war die Geduld des Publikums auch erschöpft.
»Hinaus mit ihm!« schrieen die ihm Nächsten, während das übrige Publikum nur so viel stärker applaudirte. Strohwisch wollte sich wehren -- umsonst; er klammerte sich an die Parketlehne -- umsonst. Kräftige Arme hatten ihn gefaßt, und während Rebe unter rauschendem Applaus abging, beförderte das Parterre mit einer merkwürdigen Geschwindigkeit und unter dem noch fortwährend lebhaften Applaudiren des ersten Ranges und dem Jubelgeschrei der Gallerie den unglücklichen Recensenten vor die Thür.
Jetzt hatte Rebe gesiegt. In der Scene mit dem Maler und nachher mit den Verschworenen wurde er rauschend applaudirt, ohne daß die Opposition auch nur einen Gegenlaut gewagt, nach dem Acte wie nach allen übrigen Acten stürmisch, und zum Schlusse sogar, etwas Unerhörtes für Haßburg, dreimal hervorgerufen.
Krüger umarmte ihn auf der Bühne vor allen übrigen Mitgliedern und bat sich seinen Besuch auf morgen früh aus, und das Publikum ging mit dem beruhigenden Gefühl nach Hause, seinen Willen durchgesetzt und sich vortrefflich amüsirt zu haben.
Daß Rebe ein ausgezeichneter Schauspieler sei, darüber war von dem Augenblick an nur Eine Stimme in Haßburg, und sein Triumph wurde vollkommen, als am nächsten Morgen die Nachricht die Stadt durchlief, daß der Eigenthümer des Stadtblattes Herrn Doctor Strohwisch die Redaction des Feuilletons gekündigt habe.
Der boshafte Aufsatz über die Monford'sche Familie hatte ihm den Hals gebrochen.
29.
Der Maulwurfsfänger.
In der Stadt Leben und Bewegung, lärmende Vergnügungen und fröhliches Schaffen und Drängen -- draußen auf dem Monford'schen Stammsitz dumpfe Schwüle und Grabesruhe.
Ja, die Sonne schien noch so warm und golden auf die schattigen Waldungen und den sorgfältig gehaltenen Rasen nieder, die Blumen blühten und dufteten wie vordem, der kleine Bergstrom rieselte rasch vorbei und rauschte und plauderte, und die Nachtigallen sangen Abends ihr wunderbar ergreifend Lied; aber still und geräuschlos glitten die Diener in dem alten Schlosse umher, öffneten und schlossen die Thüren leise und vorsichtig und sprachen nur flüsternd mit einander.
Der alte Graf hatte sich bis jetzt noch einigermaßen wohl gefühlt, wenigstens jeden Tag seinen kurzen Spaziergang gemacht. Gestern Abend aber, noch in später Stunde, war er plötzlich wieder, gerade als ihm der Haushofmeister seinen Thee in's Zimmer brachte, vom Stuhle gefallen und lag jetzt in dumpfem Hinbrüten in seinem Bette.
Der Ober-Medicinalrath war noch in der Nacht von Haßburg herausgeholt worden und saß an dem Lager des Kranken. Das war keine Ohnmacht mehr gewesen; der Tod hatte deutlich an des Lebens Pforte geklopft, und der alte Arzt fühlte wieder und wieder den Puls des Kranken, stand dann auf, ging in dem Zimmer auf und ab und setzte sich wieder am Bett nieder.
Die Gräfin kam nur selten in das Zimmer des Kranken, der allerdings nicht bewußtlos, aber vollkommen theilnahmlos auf seinem Bette lag. Er beantwortete auch keine der an ihn gerichteten Fragen, sah wohl nach der Thür, wenn sich diese öffnete, starrte dann aber wieder halbe Stunden lang zur Decke empor.