Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«
Part 32
»Gewiß, gewiß. Wo ist Deine Mutter?«
»In ihrem Zimmer drüben.«
»Ich werde zu ihr hinübergehen; es ist so einsam hier.«
»Recht einsam, Vater.«
Der alte Graf sah ihn rasch und streng an, strich sich aber dann mit der Hand über die Stirn und sagte: »Es ist gut so, ich habe es gern, ich bin gern allein. Aber wo hast Du denn den ganzen Morgen gesteckt?«
»Ich war in der Stadt, Vater; ich wollte...«
»Ich brauche nicht zu wissen, was Du wolltest.«
»Mein lieber, lieber Vater!« Er hatte des Vaters Hand ergriffen und hielt sie fest in der seinigen.
Der alte Graf sah ihn an; dann legte er ihm die andere Hand auf den Kopf und sagte leise: »Ich will zu Deiner Mutter gehen; laß mich jetzt los, George.«
»Lebe wohl, Vater!«
»Gehst Du wieder fort?«
»Ja, ich habe versprochen um vier Uhr in der Stadt zu sein.«
»Gut, gut, aber bleibe nicht zu lange.«
George küßte die Hand, die er in der seinigen hielt. Der alte Graf aber, als ob er fürchte, daß der Sohn noch von etwas Anderem sprechen werde, machte sich los, winkte ihm mit der Hand und verließ dann rasch das Zimmer.
Eine Viertelstunde später ritt George wieder langsam zum Thor hinaus. Der Himmel hatte sich umzogen, der Wind heulte das Thal hinauf und ein feiner Regen begann zu fallen. Er fühlte es nicht. Draußen vor dem Thor hielt er sein Thier noch einmal an und wandte den Blick zurück auf das Schloß.
»Lebt wohl!« sagte er leise und bewegt. »Gott beschütze Euch!« Und das Pferd wieder herumwerfend, trabte er rasch auf der Straße hinab, die nach Haßburg führte.
Ueber die bewaldeten Berge zogen die Wolken in wilder Hast; von dort herüber leuchtete auch schon fahler Blitze Schein und der Wind riß an den alten Bäumen, als ob er ihre Kraft und Zähigkeit erproben wolle.
Es war eine sehr lange Zeit in Haßburg schönes und trockenes Wetter gewesen. Jetzt schien es, als ob sich die Elemente dafür entschädigen wollten, um mit verstärkter Wuth ihren Reigen aufzuführen. Ein zündender Blitz, als wenn sich das Firmament öffnete, und hinterdrein ein Donnerschlag, der die Erde erbeben machte, und alle Schleusen des Himmels öffneten sich.
* * * * *
Drin im Walde, am obern Ende des Parkes, mit dem Blick nach dem freien Feld, lag das Häuschen des alten Gärtners Jonas, von ihm allein, seiner elfjährigen Enkelin, die er zu sich genommen, weil ihre Eltern sie nicht ernähren konnten, und einer alten Verwandten bewohnt. Das Haus aber, zu einer Gärtnerwohnung eingerichtet, hatte mehr Räumlichkeiten, als der alte Mann benutzen konnte, und der kleine Erker, der sich aber im Winter nicht gut heizen ließ, stand deshalb vollkommen leer.
Hierher hatte man den armen Verwundeten gebracht, und vom Schlosse selber war schon heute Morgen, nachdem man ihn gestern Abend nur nothdürftig auf Laub und eine wollene Decke gelegt, ein ordentliches und weiches Bett heruntergeschafft, damit ihm wenigstens diese Bequemlichkeit nicht fehle.
Der junge Famulus, Rebe's Freund, Frank Hesse, stand neben seinem Lager. Er hatte eben die furchtbare Wunde untersucht und verbunden und der Kranke kaum den Schmerz überwunden, den er dabei gefühlt, wenn er auch keinen Klagelaut ausstieß, sondern die Qual wie ein Mann ertrug.
»Nun, Herr Doctor,« sagte er endlich, als sich seine Nerven wieder ein wenig beruhigt und er die Lippen von einander bringen konnte, »glauben Sie, daß ich's noch lange mache?«
»Lieber Freund,« lautete die ermuthigende Antwort, »gebt Euch keinen solch' traurigen Gedanken hin; es ist ja nur ein Schuß in's Bein, der kann bald wieder heilen.«
»Aber der Knochen ist gebrochen,« sagte der Maulwurfsfänger; »ich fühl's, morsch entzwei, und ob der sich wieder zusammenleimen läßt, der Teufel weiß es.«
»Der Knochen ist allerdings gebrochen,« sagte der junge Arzt, »aber darum doch nicht alle Hoffnung verloren. Der Schuß muß außerordentlich nahe abgefeuert sein.«
»Viel Zeit hatte er allerdings nicht,« brummte der Maulwurfsfänger, bitter vor sich hinlachend, »denn ich war eigentlich schon in den Büschen drin; es können vielleicht eine acht oder zehn Schritt gewesen sein, vielleicht nicht so viel. Die Schrote haben höllisch zusammengehalten, nicht wahr?«
»Es ist beinahe wie ein Kugelschuß,« bestätigte der Arzt. »Habt Ihr denn noch Schmerzen?«
»Nicht mehr, als um einen gewöhnlichen Menschen verrückt zu machen,« sagte der arme Teufel; »ich kann aber einen Puff vertragen. Wie lange leb' ich noch, Doctor?«
»Unsinn, schwatzt nicht solches Zeug! Ihr werdet noch manchem Maulwurf gefährlich werden.«
»Glaub's kaum,« brummte der Alte, »so viel versteh' ich auch von der Geschichte. Schienen kann man den alten Knochen da oben nicht mehr, abnehmen auch nicht, also friß, Vogel, oder stirb. Wir müssen's abwarten, wie Schrader in der Gosse. Ich will auch gar nicht wissen, wie lang's noch dauern könnte, wenn sich der Schuß ausheilen sollte, ich meine nur, wenn -- der Brand dazu käm', wie viel Zeit ich dann noch etwa zum Leben hätte.«
»Darüber sprechen wir später,« sagte Frank, dem besonders daran lag, daß sich der Verwundete keinen trüben Gedanken hingeben und dadurch seine Lage verschlimmern sollte. »Jetzt seid guten Muths, Freund, es geschieht hier Alles, was für Euch geschehen kann, und bis Ihr transportirt werden könnt, müßt Ihr nun schon hier aushalten.«
»Transportirt? Ja,« brummte der Verwundete, »ich weiß schon, auf dem alten, verdammten schwarzen Leichenkasten -- thut mir nachher kein Finger und kein Bein mehr weh.«
»Vor der Hand noch nicht,« lachte Frank. »Uebrigens hütet Euch vor spirituösen Getränken -- keinen Branntwein, keinen Wein und kein Bier; den Kaffee hier könnt Ihr trinken, der regt nicht auf.«
»Nein, das weiß Gott,« sagte der Maulwurfsfänger, »höchstens die Galle, daß man ein solches Spülwasser Kaffee nennt; also auf Wasser und Brod gesetzt?«
»Nur für kurze Zeit; sobald das Wundfieber vorüber ist, dürft Ihr wieder kräftige Nahrung zu Euch nehmen.«
»Aber das ist vorüber.«
»Doch nicht ganz; heute Morgen habt Ihr noch eine Menge tolles Zeug geschwatzt.«
»Bah, das thu' ich immer,« sagte der Alte; »aber meinetwegen -- nur Einen Wunsch hätt' ich.«
»Und der ist?«
»Den Förster möcht' ich gern einmal anschau'n, wie dem sein Gesicht heut' Morgen aussieht,« lachte der Verwundete ingrimmig in sich hinein. »Ruhig, Spitz,« fuhr er aber gleich darauf, den Hund beschwichtigend, fort, als dieser plötzlich zu knurren anfing. »Ob der nur den Titel des Schuftes hören kann, ohne sich selber zu giften! Ruhig, mein Hund, unsere Zeit kommt doch vielleicht noch einmal!«
Er fiel matt und erschöpft auf sein Lager zurück, denn das viele Sprechen hatte ihn angestrengt, und der junge Arzt suchte jetzt dem kleinen Mädchen -- denn mit dem alten, tauben Jonas war nichts zu reden -- begreiflich zu machen, in welcher Art sie den Kranken zu behandeln habe. Das Kind fürchtete sich aber vor dem alten, ungeselligen Burschen, der, wenn er allein war, immer vor sich hin lachte oder fluchte; ebenso auch vor dem kleinen, bissigen Hund, der sie immer anknurrte, wenn sie zum Lager wollte, und Frank beschloß deshalb, selber hinüber in das Dorf zu gehen, um eine erfahrene Wärterin zu engagiren. Der Zustand der Wunde war allerdings bedenklich und es durfte in der Behandlung derselben nichts versäumt werden.
Das Gewitter hatte nachgelassen, der Wind sich aber von Südwest nach Nordwest herumgedreht, und ein feiner, kalter Regen peitschte auf die Erde nieder. Wie der Abend endlich dämmerte, war es recht kalt und unfreundlich geworden, ja, so rauh, daß die Gräfin dem einen Diener befahl, in ihrem Kamin ein kleines Feuer anzuzünden. Es fröstelte sie, und der Raum kam ihr heute überdies so öde vor.
Es war völlig Nacht geworden und der Haushofmeister, von einem Diener begleitet, der zwei große silberne und prachtvoll gearbeitete Armleuchter auf den Tisch stellte, hatte die schwerseidenen Gardinen vorgezogen.
Am Kamin, den Blick stier und nachdenkend auf die glühenden Kohlen darin geheftet, saß die Gräfin, neben ihr am Tisch, mit einem Haufen von Zeitungen und Büchern vor sich, der Graf. Aber kein Wort wurde zwischen ihnen gewechselt, keine Frage gestellt, und der alte Herr hielt eben eine große, bunt und elegant gedruckte Karte zwischen den Fingern, die Einladung zu dem heutigen Ball in Haßburg. Nur sein Blick haftete darauf und seine Lippen zogen sich zu einem bittern Lächeln zusammen.
»Wo nur George heute bleibt?« sagte die Gräfin endlich, aber mehr zu sich selber, als zu ihrem Gemahl sprechend, leise vor sich hin. »Er weiß, wie allein wir hier sind.«
Die Thür ging auf und sie wandte rasch den Kopf; aber es war nur der Haushofmeister, der die Theemaschine mit den Tassen hereinbringen ließ.
Draußen heulte der Nordwest und fegte die Terrasse rein; die dichtbelaubten Bäume rauschten und schüttelten schon hier und da einige vergilbte Blätter los, die vom Sturm weit hinab in's Thal getragen wurden.
»Ist der Briefträger noch nicht dagewesen?« fragte der Graf.
»Noch nicht,« erwiderte der Haushofmeister, »aber er kann jeden Augenblick kommen; es ist jetzt seine Zeit, Herr Graf.«
»Wie das da draußen stürmt!«
»Der Regen hat nachgelassen, Herr Graf; aber einen solchen Sturm weiß ich mich nicht zu entsinnen, seit wir hier oben wohnen. Es ist, als ob er die Bäume aus der Erde reißen wollte.«
»Arme Menschen, die jetzt draußen in Wind und Wetter sind,« nickte der Graf, »arme Menschen!«
Der Haushofmeister seufzte tief auf, aber er wagte nicht weiter etwas zu sagen, ordnete das Theeservice, rückte den kleinen Tisch mit der Maschine etwas näher zu seiner Herrin hin, und verließ dann das Gemach.
So verging wieder eine halbe Stunde. Draußen wurde die Vorsaalthür geöffnet und schlug gleich darauf, vom Sturm gefaßt, wieder heftig zu. Der Graf schreckte empor, beruhigte sich aber wieder und nippte an einer Tasse Thee, die ihm die Gattin eingeschenkt.
Schritte draußen -- der Haushofmeister kam selber herein; er trug einen silbernen Teller in der Hand, auf dem ein Brief lag. Aber seine Hand zitterte, und mit vor Freude fast bebender Stimme rief er: »Ein Brief, Herr Graf, ein Brief, der Postbote hat ihn eben gebracht!«
Unwillkürlich streckte der Graf die Hand danach aus, aber er ließ sie wieder sinken. »Woher ist er?« fragte er leise.
»Ja, mein bester Herr, das Postzeichen kann ich nicht erkennen, es schwimmt mir Alles vor den Augen; aber die Schriftzüge kenn' ich, die lieben Schriftzüge!«
»Ich will ihn nicht haben,« sagte der Graf und wandte den Kopf zur Seite, als ob er sich seiner Schwäche bewußt sei; »ich will ihn nicht haben.«
»Aber die gnädige Frau Gräfin nimmt ihn dann,« sagte der alte Mann; »oh, dem Himmel sei Dank, da kommt doch endlich Nachricht!«
Er hielt den Teller der Gräfin hin, und sein Blick dankte ihr, als sie den Arm danach ausstreckte.
Finster und schweigend nahm die Gräfin den Brief; nur Einen Blick warf sie auf die Adresse -- es waren die Schriftzüge ihrer Tochter -- und ohne weiter ein Wort zu sagen, schleuderte sie den Brief auf die glühenden Kohlen im Kamin.
»Frau Gräfin!« schrie der alte treue Diener fast entsetzt auf, »er ist von Ihrer Tochter, von der lieben, lieben Comtesse!« Und fast unwillkürlich wollte er zuspringen, um das auflodernde Papier noch zu retten.
»Halt!« sagte die Gräfin streng, indem sie den Arm abwehrend vorstreckte. »Hußmann, Ihr überschreitet Eure Grenzen!«
Der alte Herr hatte ebenfalls fast unwillkürlich eine Bewegung gemacht, als das Papier in die Flamme flog, aber es war nur ein Moment gewesen; dann nickte er wie zustimmend mit dem Kopf und murmelte leise vor sich hin: »Es muß sein, es muß sein; es geht nicht anders!«
Eine Rettung des Briefes war nicht mehr möglich. Die Gluthhitze des Kamins hatte ihn in wenigen Secunden zerstört, nur noch ein kleiner Haufe schwarzer, krustender Asche lag auf den Kohlen. Der alte Mann ließ den Teller, den er in der Hand hielt, sinken, und ein paar helle Thränen glänzten ihm in den Augen; aber er sagte kein Wort weiter -- er durfte nicht. Die Frau Gräfin hatte ihn ja schon in seine Schranken zurückgewiesen, und das noch nie nöthig gehabt, noch nie, so lange er zurückdenken konnte, die vielen, vielen Jahre. Er konnte nichts weiter sagen, es war ihm verboten worden, und daß er das Kind, die gnädige Comtesse, hatte mit erziehen helfen und ihre Jugend mit fast Vaterliebe überwacht, lieber Gott, er war ja nur ein Diener des Hauses, und das vielleicht mehr als seine Schuldigkeit gewesen; wie hätte er können Ansprüche darauf gründen, die ihm noch nie, selbst im Traum nicht, eingefallen waren!
Nur das Eine stand fest, das arme, verlassene Mädchen hatte geschrieben, an ihre Eltern geschrieben; in ihrer Macht war es gewesen zu erfahren, wo sie jetzt weile, wie es ihr gehe -- und der Brief von der Flamme rettungslos und für immer zerstört worden! Mit dem Bewußtsein verbeugte sich der alte Mann demüthig, und mit einem recht schmerzlichen Blick auf seinen Herrn, der über den Tisch gebeugt saß und nur immer leise vor sich hin mit dem Kopf nickte, verließ er das Zimmer.
»Es ist Alles vorbei,« sagte der Graf flüsternd, als der Haushofmeister schon lange die Thür wieder hinter sich zugezogen hatte -- »Alles vorbei, Alles vorbei! Wo nur George bleibt? Und so glücklich hätten wir sein können, so glücklich!«
Er nahm eine Zeitung auf, als ob er darin lesen wollte; aber die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen, er sah nur ein großes Blatt Papier mit flimmernden Zeichen, und nur manchmal warf er den Blick fast wie vorwurfsvoll nach der Gattin hinüber -- aber sie hatte doch Recht gehabt. Es durfte ja nicht sein, es durfte ja nicht sein, die Ehre des Hauses, stand auf dem Spiel, und der mußte jedes Opfer gebracht werden, jedes -- selbst das eigene Kind!
Aber die Ehre des Hauses forderte noch mehr.
Wieder war eine kleine Zeit verflossen, da wurden draußen vor dem Hause Stimmen laut, als ob eine Anzahl fremder Menschen unten im Garten ankäme.
Die Gräfin horchte dort hinüber; jetzt war Alles wieder ruhig und die Hausthür ging auf und fiel wieder zu. Dann sprangen einzelne Leute im Schloß selber rasch vorüber. Was war das?
Sie ergriff die neben ihr stehende Glocke und drückte darauf, daß der Ton hell und laut durch den stillen Raum schallte. Niemand gehorchte dem Ruf. Wo war der Diener, den seine Pflicht in das Vorzimmer bannte? Die Gräfin wiederholte ungeduldig das Zeichen.
Da öffnete sich rasch die Thür und einer der jüngsten Lakaien stürzte mit verstörtem Angesicht herein.
»Was ist, Charles? Was habt Ihr da draußen? Weshalb hört Niemand?«
»Ach, gnädige Frau Gräfin,« rief der junge Bursche ganz entsetzt, »sie -- sie bringen ihn!«
»Ihn -- wen?« rief der Graf und sprang von seinem Sitz empor.
»Den jungen Herrn Grafen.«
»George?« schrie die Gräfin, und Leichenblässe deckte ihre Züge.
»Ja,« jammerte der junge Mensch, »ganz blutig und so blaß!«
Der Graf gab keinen Laut von sich; einen der schweren silbernen Armleuchter griff er auf und schritt der Thür zu.
»Ich bitte Dich um Gottes willen, George, bleib hier!« rief die Gräfin, die ebenfalls aufgesprungen war und seinen Arm faßte.
Der Graf sah sie mit einem eisig kalten Blick an. »Willst Du mich auch noch von meinem _letzten_ Kinde trennen?« sagte er mit einer Stimme, die gar keinen irdischen Ton mehr hatte, und als ihn die Gräfin erschreckt, entsetzt frei ließ, verließ er das Zimmer, aus dem sie ihm fast willenlos, an allen Gliedern zitternd, folgte.
Sie sollten nicht lange über das Geschehene in Zweifel bleiben.
»Es hilft nichts, wir können es nicht verheimlichen,« hörten sie den Hofmeister sagen, »der Stern des alten Hauses ist gesunken!«
Unten die Hausthür war geöffnet; fremde Männer trugen eine Bahre herein, auf der ein Sterbender lag.
Der alte Graf schritt die Treppe hinab, als ob er auf Luft gegangen wäre; er fühlte keine Stufe unter sich, er sah nichts als ein todtenbleiches Antlitz, das von dem Licht zweier Fackeln und darüber gehaltener Kerzen furchtbar deutlich erhellt wurde.
»George,« sagte er, und er selber hörte nicht einmal den Laut der Worte, »George, was ist geschehen?«
»Unterstützt meinen Vater,« sagte der Verwundete leise, »und dann tragt mich hinauf in mein Zimmer -- vorsichtig, es thut gar zu weh!«
Zwei der Diener sprangen zum alten Herrn, aber nur den Armleuchter ließ er sich aus der Hand nehmen, den er noch fest und kräftig hielt; er selber stand aufrecht, die rechte Hand, in der er den Leuchter gehalten, noch immer in der nämlichen Stellung emporgehoben, und sein Blick haftete wie gebannt an dem bleichen Antlitz seines Sohnes.
»Was ist geschehen?« wiederholte er, als sich die Mutter mit einem gellenden Aufschrei an die Bahre des geliebten Kindes, an dem ihr Herz mit allen Fasern hing, warf.
Ein Arzt in Uniform begleitete den Trauerzug. Er konnte eben noch verhindern, daß die Unglückliche nicht auf den Verwundeten fiel und seine Schmerzen vergrößerte.
»Hinauf mit Euch, Leute,« rief er, »rasch in das Zimmer, daß der Kranke zu Ruhe kommt! Wollen Sie sich nicht der Dame annehmen?«
Die Worte galten dem Haushofmeister, der, kaum eines Gedankens fähig, neben dem Entsetzlichen stand.
Weitere Worte waren auch unnütz. Während der Arzt selber das Kopfende der Bahre mit unterstützte und alle Diener zusprangen, hoben sie dieselbe leicht und sicher empor und trugen sie rasch die Treppe hinauf in das Zimmer, wo sie den Unglücklichen gleich mit der Matratze, auf der er hierher geschafft worden war, auf sein eigenes Lager legten.
George, todtenbleich und matt, während die Mutter jetzt an seinem Bett kniete und seine Hand gefaßt hielt, war erschöpft und schloß die Augen, und der Graf, den Arm des Arztes ergreifend, sagte mit leiser, aber fester Stimme:
»Was ist vorgefallen? Sie sind verpflichtet, es mir zu sagen; ich muß Alles wissen!«
»Es kann auch leider kein Geheimniß bleiben, Herr Graf,« sagte der Arzt achselzuckend; »der junge Herr hatte heute Nachmittag um vier Uhr ein Rencontre mit dem jungen Grafen Bolten.«
»Mit Hubert?«
»Mit dem jungen Grafen Hubert; Graf Bolten hatte den ersten Schuß und traf seinen Gegner gleich zu furchtbar sicher. Bereiten Sie sich auf das Schlimmste vor,« flüsterte er ihm leise zu, »Rettung ist unmöglich, die Kugel hat die Lunge verletzt.«
Der Arm des Grafen sank wie gelähmt an seiner Seite nieder, als der Verwundete die Augen aufschlug und leise sagte: »Vater! -- Mutter!«
»Mein George, mein liebes Kind, wir sind hier, wir sind bei Dir! Um Gottes willen, was fehlt Dir?«
»Es ist vorbei,« flüsterte der Sterbende, -- »ich -- kann nicht -- mehr sprechen. Seid gut -- mit Paula -- lebt -- wohl!«
Er schloß die Augen und ein Zucken lief über seinen ganzen Körper.
»George, George!« schrie die Mutter und warf sich über ihn. Er rührte sich nicht mehr, es war vorbei, und während der Graf, ein wahres Bild des Entsetzens, an seinem Lager stand und den Blick, wie durch einen Zauber gebannt, nicht von dem starren Antlitz des Todten nehmen konnte, lehnte der alte Haushofmeister in der Ecke und schluchzte laut.
27.
Die Recension.
Am nächsten Morgen um zehn Uhr ging Rebe wieder, wie verabredet, zum Director Krüger, um dort das Repertoire für die nächste Vorstellung mit ihm zu besprechen. Er traf den Director in einer nicht geringen Aufregung, und als er nur das Zimmer betrat, rief ihm dieser schon, mit der Hand auf den Tisch zeigend, entgegen:
»Sehen Sie, habe ich Ihnen das nicht vorausgesagt? Jetzt können Sie die Folgen Ihres Leichtsinns erkennen.«
»Aber, bester Herr Director!«
»Haben Sie das Stadtblatt von heute Morgen schon gelesen?«
»Nein, noch nicht.«
»Na, dann machen Sie sich einmal ein Vergnügen. Da liegt der Wisch auf dem Tisch; Strohwisch thut sein Aeußerstes.«
»In der That?« lächelte Rebe, indem er das Blatt aufnahm und hineinsah. »Aber es wird dann auch das Aeußerste sein, und er ist nachher fertig.«
»Der? Noch lange nicht, da kennen Sie den nicht. Aber lesen Sie nur -- nein, bitte, laut. Ich habe nur einen Blick darauf geworfen, weil mich der Grimm packte. Es ist wirklich ein malitiöser Kerl!«
Rebe las: »Theater in Haßburg. Hamlet, Prinz von Dänemark. Zur Feier...«
»Das können Sie überschlagen,« unterbrach ihn der Director, »das ist blos die Einleitung, und die Geschichte haben wir selber mit durchgemacht. Gleich da unten geht's an: Wir sind uns einer Versäumniß bewußt...«
»Ah, da. »Wir sind uns einer Versäumniß bewußt, dem Publikum nicht schon gestern über das Stück berichtet zu haben; aber wir müssen gestehen, daß wir volle vierundzwanzig Stunden gebraucht haben, um uns von unserem Erstaunen über das Gesehene und Erlebte zu erholen. Herr Horatius Rebe den Hamlet -- wenn wir es nicht selber mit gelitten und ertragen hätten, wir würden es jetzt noch nicht glauben und das Ganze für einen wüsten, unnatürlichen Traum halten. Aber leider ist es nur allzu wahr, und wir müssen die Thatsache constatiren, daß Herr Horatius Rebe allerdings vorgestern Abend den Hamlet, diesen dänischen Prinzen, auf eine Weise mißhandelt hat, die unserem Nationalgefühl nichts zu wünschen übrig ließ. Wir geben auch zu, daß ohne Herrn Horatius Rebe eine Störung in der Vorstellung stattgefunden haben würde, das heißt, die ganze Vorstellung wäre unmöglich geworden. Aber war das Publikum nicht zehntausendmal besser daran, wenn es sein Geld zurück, als diesen entsetzlichen Hamlet vorgesetzt erhalten?
»Was wir dabei nicht begreifen, ist die bodenlose Selbstüberschätzung dieses jungen »Künstlers«, der es wagen konnte, ohne zu erröthen -- denn er sah blaß aus, daß wir eine Zeit lang im Zweifel waren, welches der Geist sei -- dem urtheilsfähigen und feingebildeten Haßburger Publikum eine solche Qual zu bereiten. Die Noth entschuldigt dies keineswegs, denn er konnte sich doch unmöglich einbilden, die geistvolle Auffassung eines Handor uns ersetzt zu haben -- also was sonst? Er hat nur eine Rolle hergesprochen, damit das Stück gegeben werden konnte -- nur damit kein rechtlicher Grund vorhanden war, dem Publikum das Eintrittsgeld zurückzuzahlen.
»Wir haben die Gutmüthigkeit des Publikums bewundert, daß es sich das gefallen ließ und sogar dem Delinquenten noch applaudirte; es sollte ihm das vielleicht in etwas die Angst vergüten, die er gehabt. Nun, Gott sei Dank, der Abend ist auch überstanden und wird hoffentlich nicht wiederkehren.
Laß, Vater, genug sein des grausamen Spiels.
»Herr Horatius Rebe mag ein recht lieber, braver Mensch und ein guter Bürger sein, aber wir können es ihm Schwarz auf Weiß geben, daß er ein sehr mittelmäßiger Schauspieler ist. Sein Hamlet war der Beweis dafür: keine Idee einer höheren Auffassung, keine Faser von Genialität, kein Funke jenes göttlichen Feuers, das die der Kunst Geweihten auch durchdringen und sie und dadurch den Zuschauer elektrisiren muß.
»Das Einzige, was uns Herr Rebe an jenem Abend gezeigt, ist, daß er ein gutes Gedächtniß hat; möge er deshalb nie vergessen, daß er seine ruhmreiche Laufbahn wohl noch immer auf einer kleinen Winkelbühne Deutschlands fortsetzen kann, daß es aber dem Haßburger Publikum nicht zugemuthet werden darf, einen solchen Genuß zum zweiten Male zu leiden. Wir warnen die Direction wohlmeinend vor einem solchen Mißbrauch des Vertrauens und hoffen, daß diese milde Rüge genügt hat, Herrn Horatius Rebe dem hiesigen kunstsinnigen Publikum nicht mehr gefährlich zu machen.
F. S.«
»Nun, wie gefällt Ihnen das?« sagte Krüger, als Rebe die Epistel beendet hatte und das Blatt wieder lächelnd auf den Tisch zurücklegte.
»Und sorgt Sie das wirklich, was ein Strohwisch schmiert?« sagte er. »Ich kann mir doch nicht denken, daß es auch nur den geringsten Einfluß auf das Publikum selber haben könnte; also lassen Sie ihn schreiben. Notiz darf man ja doch von einem solchen Menschen micht nehmen.«
»Das sagen _Sie_, lieber Rebe,« rief der Director; »aber ich kenne die Welt und mein Publikum besser, und ich versichere Ihnen, der Artikel hat Sie hier zu Grunde gerichtet.«
»Und wollen Sie es trotzdem versuchen?«