Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«
Part 31
»Also nun erst anstoßen auf das Wohl unseres ersten jugendlichen Liebhabers,« rief Jeremias und ließ in dem nämlichen Augenblick einen Pfropfen knallen, als ein scharfer Schrei in der Thür ausgestoßen wurde.
»Oh, mein Gott, haben Sie mich erschreckt!« stöhnte Fräulein Bassini, die auf der Schwelle stand.
»Ob die nicht jedesmal zum rechten Moment kommt,« rief Pfeffer lachend; »na, her, Alte -- noch ein Glas, Jettchen!«
»Alte? Fürchtegott, ich verbitte mir Deine Grobheiten! Aber, mein lieber Herr Rebe, Sie haben uns Alle gestern Abend...«
»Die Geschichte ist lange abgemacht,« rief Pfeffer, ihren Arm fassend und sie auf einen Stuhl ziehend.
»Aber ich darf doch...«
»Champagner trinken, gewiß; da stoß mit Horatius an, denn er muß fort, um ein neues Engagement abzuschließen.«
»Also wirklich?« rief Fräulein Bassini entzückt. »Oh, da gratulire ich von ganzem Herzen!«
»Und Rebe soll leben, vivat hoch!« rief Pfeffer.
Pfeffer war überhaupt in einer überaus aufgeregten Stimmung, litt aber trotzdem nicht, daß Rebe über eine Minute seiner Zeit blieb, damit er den Director nicht warten ließ. Das schickte sich nicht für einen jungen Künstler, wie er meinte. Er mußte aber versprechen, ihnen gleich nachher das Resultat mitzutheilen, und dann drückte er ihm selber den Hut auf den Kopf und schob ihn zur Thür hinaus.
Rebe fand den Director in seinem Bureau mit auf den Rücken gelegten Händen auf und ab gehen.
»Mein lieber Herr Rebe,« rief er und streckte ihm die Hand entgegen, »es freut mich ausnehmend, daß Sie meinem Wunsche so pünktlich nachkommen; eben schlägt es Zwölf.«
»Herr Director, Sie werden mir das Zeugniß geben, daß ich nie säumig gewesen bin.«
»Nie, gewiß nicht, nein wahrhaftig! Sie hielten immer musterhaft auf Ordnung; aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«
Rebe setzte sich und merkte dem Director an, daß er sich in irgend einer Verlegenheit befand. Er schien wirklich nicht recht zu wissen, wie er beginnen sollte, und rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her.
»Nun, wie haben Sie diese Nacht geschlafen?« begann er endlich. »Nicht wahr, vortrefflich? Dachte es mir. Auf Lorbeern schläft sich's vorzüglich,« setzte er lächelnd hinzu, »und ich muß Ihnen gestehen, daß Sie die gestern reichlich und verdient geerntet haben.«
»Sie sind so gütig.«
»Bitte, Sie wissen, ich schmeichle nie; ein Theaterdirector kann das auch nicht. Uebrigens haben Sie doch wohl erfahren, welchen Streich mir Herr Handor gespielt?«
»Ich muß Ihnen gestehen, daß ich seine Flucht nicht begreife.«
»Es ist die bodenloseste Undankbarkeit, die mir je im Leben vorgekommen; sie ist eigentlich undenkbar, classisch großartig, und er hat mich dadurch in die furchtbarste Verlegenheit gesetzt.«
Rebe schwieg. Er war fest entschlossen, sich nicht anzutragen, und Director Krüger durch den Ausruf in eine Sackgasse gerathen.
»Ja, furchtbarste Verlegenheit,« fuhr er nach einer etwas zu langen Kunstpause fort, »aus der Sie uns allerdings für gestern Abend durch Ihr kühnes Einspringen gerissen. Aber was jetzt weiter? Haben Sie sich schon wieder engagirt, Herr Rebe?«
Rebe lächelte. »Sie wissen wohl, Herr Director, daß die Zeit dazu doch etwas zu kurz gewesen wäre.«
»Hm, ja, und -- und hätten Sie Lust, an unserer Bühne noch ein paar Versuche zu machen?«
»Mein Engagement ist mit dem heutigen Tage abgelaufen. Sie meinen auf Gastrollen?«
»Hm, ja, und -- wenn auch --« Der Director rückte wieder herum. Er hatte jedenfalls etwas, und Rebe konnte sich nicht denken, was es sein möchte. »Hören Sie, Herr Rebe,« platzte er endlich heraus; »es kann nichts helfen, ich muß aufrichtig mit Ihnen reden, denn das Drumherumgehen ist meine Sache nicht; ich bring's nicht fertig.«
»Und ist das bei mir nöthig, Herr Director?«
»Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr Krüger entschlossen fort. »Sie wissen, daß Sie gestern dem Publikum ausnehmend gefallen haben; es hat Ihnen davon jeden Beweis gegeben. Auch der Erbprinz war entzückt von Ihrem Spiel. Das will aber Alles noch nichts sagen, denn allen Respect vor Seiner Königlichen Hoheit, aber ein Urtheil in solchen Dingen haben die Herren sehr selten. Die Hauptsache jedoch bleibt die, Sie haben _mir_ gefallen, Herr Rebe, Sie haben mich hingerissen, die Thränen sind mir altem Esel in die Augen gekommen, was mir, so lange ich fast denken kann, nicht passirt ist, und gestern Abend, ja noch heute Morgen bis etwa vor einer Stunde, war ich fest entschlossen, Sie unter jeder nur einigermaßen annehmbaren Bedingung an unsere Bühne zu fesseln.«
»Und jetzt?« sagte Rebe erwartungsvoll.
»Da bekam ich,« fuhr der Director fort, »vor etwa einer halben Stunde den Wisch da.« Und er zeigte auf einen neben Rebe auf dem Tisch liegenden Brief. »Lesen Sie.«
Rebe nahm den Brief und las ihn laut:
»Mein lieber Herr Director! Ich möchte keine Zeit versäumen, Sie wohlmeinend vor einem voreiligen Schritt zu warnen. Rebe hat gestern Abend den Hamlet gespielt, und das Publikum, dadurch bestochen, daß er eine so große Rolle so rasch übernehmen konnte, war artig genug, ihn für die Gefälligkeit zu honoriren. Die Gegenwart des Erbprinzen trug dazu bei, die Leute etwas aufzuregen. Ich selber hatte eine Claque für Handor besorgt, die aus mißverstandenem Diensteifer das auf seinen augenblicklichen Nachfolger übertrug, und für den Abend war das gut. Lassen Sie sich aber um Gottes willen nicht verleiten, dem unglücklichen Menschen auch nur noch Eine Rolle anzuvertrauen. Er hat auch nicht die Spur von Talent, und ich werde ihm und dem Publikum das in meiner morgen erscheinenden Recension beweisen. Danken Sie Gott, daß Sie ihn los sind, denn Sie dürfen das Publikum gar nicht so in's Gesicht schlagen, ihm ein Subject wie diesen jungen Anfänger für einen Künstler einzuschieben. Aber meine Furcht ist gewiß grundlos, Sie denken wahrscheinlich eben so wenig daran, wie ich es hoffe. Nur das Interesse für unser Institut konnte mich bewegen, diese Zeilen an Sie zu richten.
Hochachtungsvoll Ihr ergebenster Feodor Strohwisch.«
»Nun, was sagen Sie dazu?« fragte der Director.
»Weiter nichts,« lächelte Rebe, »als daß dieser selbe Herr Strohwisch heute Morgen in aller Frühe bei mir war, mir zu meinem gestern entwickelten Talent gratulirte und mir gegen ein mäßiges Honorar jede Unterstützung versprach.«
»Aber das ist doch nicht möglich! Sie sagten es ihm doch zu?«
»Ich gab ihm zu verstehen,« sagte Rebe, während ihm das Blut in die Schläfe stieg, »daß ich ihn, wenn er sich nicht gutwillig entfernte, die Treppe hinunterwerfen würde!«
»Da haben wir's!« rief der Director aus, indem er wie besessen von seinem Stuhl emporsprang und im Zimmer herumlief. »Unglückliches Menschenkind, wissen Sie denn nicht, daß Sie der Recensent -- mit Respect zu melden -- da wir doch unter uns sind -- hier todt machen kann und auch wirktodt macht?«
»Durch sein Schimpfen?« sagte Rebe. »Mein lieber Herr Director, wenn ich mir dadurch meinen Platz am Theater wahren könnte, daß ich einen dieser erbärmlichen Lohnschreiber bezahlte, um mich zu loben, dann würde ich noch heute der Bühne, an der ich mit ganzer Seele hänge, den Rücken kehren.«
»Aber ändern Sie einmal die Welt,« rief der Director; »das Publikum glaubt nun einmal, was es gedruckt sieht.«
»Und wer schreibt denn überhaupt all' diese Recensionen?« fuhr Rebe fort. »Gehen Sie all' unsere Kritiker durch, und unter den Tausenden, die davon leben, haben Sie kaum fünfzehn oder zwanzig ehrenwerthe und tüchtige Männer, die auch wirklich selber etwas schaffen können. Die Anderen sind lauter heruntergekommene oder noch nie oben gewesene Literaten, die, nicht im Stande, etwas Selbstständiges zu arbeiten, sich nun auf's hohe Pferd setzen und an uns armen Schauspielern, wenn wir ihnen nicht das Blutgeld zahlen, oder an anderen Schriftstellern ihr Gift und ihre Galle auslassen!«
»Aber was hilft Ihnen das? Es ist einmal so, und gegen den Strom kann kein Mensch schwimmen.«
»Oh doch, Herr Director,« lächelte Rebe; »es geht allerdings etwas langsamer, aber es geht.«
»Fangen Sie mit dem an,« rief Krüger, »der scheut sich vor keiner schmutzigen Arbeit!«
»Das glaube ich Ihnen, das thun alle diese Herren nicht; aber ich bezweifle doch, daß er das Publikum so in seiner Gewalt hat, um über einzelne Individuen nach Belieben zu disponiren.«
»Passen Sie auf,« rief Krüger, »ich gebe Ihnen mein Wort, wenn er Sie in seiner nächsten Nummer richtig herunter macht -- und das thut er jetzt, darauf können Sie Gift nehmen, -- dann rührt sich am nächsten Abend keine Hand, und was das Schlimmste ist, die Leute gehen vielleicht noch ein- oder zweimal aus Neugierde in's Theater, wenn Sie spielen, aber nachher bleiben sie aus wie Röhrwasser.«
»Ich muß es abwarten.«
»Bedenken Sie doch nur,« fuhr Krüger fort, »einem bösen Hunde giebt man zwei Knochen. Was haben Sie denn davon, wenn Sie Tag um Tag im Blatt heruntergerissen werden?«
»Aber wie kann ich's hindern?«
»Gleichen Sie's aus,« rief Krüger rasch, »Strohwisch ist kein Unmensch; mit Geld ist Alles zu machen, und hier -- Apropos, lieber Rebe, eh' ich's vergesse, hier habe ich auch Ihr Spielhonorar für gestern Abend.«
»Herr Director...«
»Bitte mir's aus, das stand nicht in Ihrem Contract, und wenn mir Jemand gestern Abend das Messer auf die Brust gesetzt hätte, würde ich mit Wonne das Vierfache bezahlt haben. Das dürfen Sie auch nehmen, Sie haben sich's ehrlich und redlich verdient, und mein Dank für Sie bleibt dabei immer noch derselbe.«
Dabei legte er ihm fünf Friedrichsd'or auf den Tisch, und Rebe's Ehrgefühl sträubte sich erst, so nothwendig er das Geld auch brauchte, dagegen, es anzunehmen, weil er gestern eben noch im Engagement gestanden. Allerdings war es ein außerordentlicher Fall gewesen, und Krüger, der, wenn er wollte, ganz liebenswürdig sein konnte -- er wollte nur selten, -- bewies ihm mit einer solchen Herzlichkeit, daß er ihn selber beleidigen würde, wenn er etwas verweigerte, was eine reine und einfache Schuldsache der Direction sei, daß er es endlich nicht länger ausschlagen konnte.
»Und -- nun,« sagte Krüger, »wenn Sie meinem Rathe folgen, gehen Sie ohne Weiteres zu Strohwisch, Umstände brauchen Sie mit ihm nicht zu machen, und drücken ihm zwei davon in die Hand. Sie sollen dann einmal sehen, was für eine Recension morgen erscheint!«
»Da schenkt' ich sie lieber dem ersten armen Menschen, der mir begegnet, Herr Director,« sagte Rebe. »Ich bin fest entschlossen, mir meinen Weg zu erkämpfen; nur so kann ich mir selber genügen und Freude an der Sache behalten. Im andern Falle müßte ich mich vor mir selber schämen.«
»Das ist sehr schön und ehrenwerth von Ihnen,« sagte der Director trocken, »wird Ihnen aber hier den Hals brechen; Sie sollen sehen.«
»Und wollen Sie es trotzdem versuchen?«
»Ich will Ihnen etwas sagen, Rebe,« erwiderte der Director nach einer kurzen Pause. »Es ist wohl nicht nöthig, ein Wort über die Vergangenheit zu verlieren -- das ist abgemacht, und ich gestehe ein, daß wir Sie verkannt haben. Sie besitzen in der That ein schönes Talent, und ich muß aufrichtig sagen, daß ich selber neugierig wäre, dessen Entwickelung zu beobachten. Nach dem gestrigen Abend würde ich Ihnen auch augenblicklich einen neuen jährigen Contract mit ganz annehmbaren Bedingungen angeboten haben, wenn Sie sich nicht mit diesem Strohwisch verfeindet hätten. Glauben Sie nicht etwa,« fuhr er rasch fort, als er sah, Rebe wolle etwas darauf erwidern, »daß ich selber nur _so viel_ für das Urtheil jenes Menschen gebe. Er versteht vom Theater so viel wie eine Kuh, aber das Publikum liest trotzdem jeden Morgen sein Blatt, und ich weiß aus Erfahrung, welchen Einfluß es, so absurd das klingen mag, ausübt. Aber ich will Ihnen einen Vorschlag machen; es muß Ihnen selber daran liegen, Ihr Talent auch noch in anderen Rollen zu erproben. Ich engagire Sie deshalb für einen Monat -- nennen Sie das Gastrollen, wenn Sie wollen -- gebe Ihnen zweihundert Gulden für die Zeit und außerdem das Versprechen, Sie wenigstens in acht großen Rollen zu beschäftigen. Sind Sie das zufrieden?«
»Sie begegnen meinem innigsten Wunsche,« sagte Rebe erfreut, »denn gerade um das hatte ich Sie bitten wollen.«
»Desto besser, die Sache wäre also abgemacht. Wenn Sie denn Courage haben, so beißen Sie sich in der Zeit mit Strohwisch herum, und behaupten Sie das Feld, was ich aber, ehrlich gesagt, bezweifle, so sprechen wir weiter mit einander; behaupten Sie es nicht, nun, so haben Sie in der Zeit wenigstens Ihre Kräfte geprüft und ich selber Zeit gewonnen, mich nach einem andern ersten Liebhaber umzusehen. Ich glaube, das ist ein ehrlicher Handel.«
»Für den ich Ihnen von Herzen dankbar bin,« rief Rebe, in die gebotene Hand einschlagend; »nur Eine Bedingung habe ich noch zu stellen.«
»Und die wäre?«
»Daß Sie den Contract von gestern datiren und die fünf Friedrichsd'or als Abschlagszahlung betrachten.«
»Sie sind ein komischer Kauz,« lachte der Director, »und ich muß Ihnen gestehen, etwas Aehnliches ist mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen. Meier ging gestern Abend gar nicht eher weg, bis er seine versprochenen zehn Thaler hatte.«
»Also es bleibt dabei?«
»Darüber sprechen wir noch. Jetzt muß ich nach Hause, und heute Abend kommen Sie um acht Uhr, wenn Sie können, einmal in meine Wohnung, daß wir mit Sulzer das Repertoire bereden. Also auf Wiedersehen, Rebe, und -- halten Sie sich tapfer!«
26.
Der reiche Mann.
Die Welt! Wie wunderbar verschieden der Begriff sich stellt. Für den Einen ist es das weite, unermessene Universum mit seinen kreisenden Sonnensystemen, für den Andern das enge Haus, der kleine, beschränkte Raum am eigenen Herd.
Auch unsere Erde nennen wir die Welt, und in wie viel tausend Welten zerspaltet sich ein einzig Städtchen drin, eine jede abgesondert für sich mit ihren Sorgen und Freuden, ihren Leidenschaften, ihrem Ringen und Streben.
Wen von uns Allen ist nicht schon einmal ein solch' Gefühl überkommen, wenn er Abends in später Stunde durch eine Straße wanderte und die verschiedenen, nur durch dünne Mauern getrennten erleuchteten Familienwohnungen sah! Hier Licht und Glanz und laute Fröhlichkeit; dort, dicht daneben, nur durch einen dunkeln Strich geschieden, Jammer und Elend und bleicher Sorge nagende Pein; hier Einigkeit und Liebe in dürftiger Dachkammer, und dicht darunter, daß Eins die Schritte des Andern hört, Haß und Zwietracht.
So bildet jedes Haus, jede für sich abgeschlossene Wohnung in der That eine eigene kleine, abgeschlossene Welt für sich selber. Da drinnen wird geboren, gelebt, gestorben, ohne daß der Nachbar mehr davon erfährt, als wir von jenen Sternen wissen, die Abends vom klaren Nachthimmel niederfunkeln; und während wir heute ein Fest feiern und die Gläser lustig zusammenklingen, drückt nebenan ein armes Weib dem Gatten die müden Augen zu, und weinend knieen am Bett die armen Waisen.
Aber die Welt rollt und mit ihr Fortuna's Rad, den einen Sterblichen hoch empor zu Glück und Freude hebend, während es zu gleicher Zeit vielleicht den Nachbar unter seinem Gewicht zermalmt. Und wie rasch wechselt das; wie sehnen wir thöricht oft den nächsten Tag, die nächste Stunde herbei, anstatt uns der gegenwärtigen zu freuen, und wissen doch nie, was in dem Schooße der herbeigesehnten für uns verborgen liegt; Dank dem Himmel, daß wir es nicht wissen!
Wie wenige Tage, ja Stunden fast, waren erst vergangen, daß man in Haßburg die Monford'sche Familie, über welche alle Gaben des Glücks verschwenderisch ausgestreut schienen, beneidete, und jetzt? Kummer und Leid waren in die prachtvollen Gemächer eingezogen, und doch hatte das Unglück erst begonnen, die gierige Hand nach ihnen auszustrecken.
Still und geräuschlos glitten heute die sonst so übermüthigen Diener durch die leeren Räume; scheu und lautlos thaten sie ihre Arbeit, und wenn einer dem andern etwas zu sagen hatte, geschah es nicht mehr mit fröhlichem Zuruf, sondern in leisem Flüstern.
Drinnen in seinem Zimmer, am offenen Fenster, den Kopf in die Hand gestützt, saß der alte Graf und starrte hinaus in's Leere. Er hatte sich von seinem gestrigen Anfall vollständig erholt, und der Ober-Medicinalrath war schon vor einer Stunde wieder in der gräflichen Equipage zurück in die Stadt gefahren. Was sollte er auch länger hier thun; die beiden Verwundeten konnte sein Famulus besorgen.
Der Graf hatte heute Morgen durch den Haushofmeister erfahren, daß der Maulwurfsfänger durch den Förster beim Wildern ertappt und in's Bein geschossen sei. Die Anzeige war in der Stadt gemacht worden und die Polizei herausgekommen, um den Thatbestand zu untersuchen. Aber was kümmerten den alten Herrn diese gleichgültigen Menschen, er hatte andere Dinge im Kopf; sie sollten ihn damit zufrieden lassen.
Da der Förster übrigens mit einem heftigen Wundfieber ebenfalls im Bette lag, ließ man ihn jetzt gewähren, um den Termin etwas später anzusetzen und zu untersuchen, ob er zu dem Schusse berechtigt gewesen, d. h. ob er ihn in Selbstvertheidigung gethan, und dagegen sprach allerdings, daß der Getroffene den Schuß nicht von vorn, sondern seitwärts und sogar mehr von hinten bekommen hatte. Man wollte den alten Maulwurfsfänger auch in das Krankenhaus bringen, aber der gerade dazu kommende Famulus des Ober-Medicinalraths litt das nicht. Wie er die Wunde genauer untersuchte, stellte sich heraus, daß der Knochen des Oberschenkels zersplittert war, und der Verwundete lag in einem so heftigen Fieber, daß an einen Transport gar nicht gedacht werden durfte. Die Polizei konnte hier vor der Hand gar nichts thun, nicht einmal an Ort und Stelle verhören, denn der Kranke phantasirte wild und toll durcheinander. Von den Beiden lief ihnen auch jetzt Keiner fort, und sie mußten eben ruhig liegen bleiben.
Die Gräfin befand sich in ihrem Zimmer; sie hatte es vermieden, heute Morgen mit ihrem Gatten zusammen zu treffen. Sie wollte ihn nicht wieder auf's Neue aufregen, wie sie dem Haushofmeister sagte. Ruhe war für ihn das Beste. Nach ihrem Sohne hatte sie einigemal gefragt, aber George war noch nicht zurückgekehrt. Sobald er kam, sollte er ihr gemeldet werden.
Es schlug gerade Zwölf auf der Schloßuhr, als er in den Hof einritt. Er stieg langsam die Treppe hinauf, zu dem Zimmer seiner Mutter, die aber erschrak, als sie seiner ansichtig wurde.
»Um Gott, George, wie siehst Du aus?« rief sie ihm entgegen, »Du bist krank; Dein Gesicht gleicht einem Todten.«
»Es ist nichts, liebe Mutter, wie geht es dem Vater?«
»Besser, er ist auf. Der Ober-Medicinalrath meint, es sei nur eine Ohnmacht gewesen und habe nichts zu sagen. Aber Du mußt Dich schonen. Die Aufregung dieser Nacht hat Dich furchtbar angegriffen und Du bist wohl auch ohne Speise und Trank geblieben.« Sie klingelte, und als der Diener das Zimmer betrat, rief sie ihm zu: »Das Frühstück für meinen Sohn; bringen Sie es herein.«
»Ich danke Dir, Mutter, ich fühle weder Hunger noch Durst.«
»Aber Du mußt etwas genießen, daß Du mir nicht auch am Ende krank wirst. Wir haben Elend genug im Hause, das weiß Gott,« sagte sie mit düsterer Stimme.
Wieder schwiegen Beide, und der Diener kam jetzt herein und brachte einige Speisen, zu denen er eine Caraffe mit Portwein auf den Tisch stellte.
George schenkte sich ein Glas Wein ein, das er leerte, und aß ein paar Bissen; dann schob er den Teller zurück. Er war aufgestanden und ging ein paar Mal im Zimmer auf und ab.
»Mutter,« sagte er endlich leise, indem er vor ihr stehen blieb, »Paula wird sicher in diesen Tagen an Dich schreiben.«
»Nenne mir den Namen nicht mehr,« rief die Gräfin heftig, indem ihr Blick selbst finster und drohend wurde, »ich will ihn nicht wieder hören.«
»Es ist der Name Deiner Tochter, Mutter, -- Deines Kindes.«
»Ich habe keine Tochter mehr,« sagte die Gräfin, indem sie sich gewaltsam emporrichtete. »Nie hat eine Tochter ihre Eltern tödtlicher beleidigt, nie gewaltsamer die Bande zerrissen, die sie an sie banden. Es ist geschehen, aber deshalb kein Rücktritt auch mehr möglich. Ich kenne sie nicht mehr.«
»Das ist nicht möglich, Mutter,« rief George bewegt, »so unnatürlich kann Dein Herz nicht denken! Paula war unser Aller Liebling, gut und unschuldsvoll, und daß die Zunge eines schlauen, bübischen Verführers sich in ihr Ohr zu stehlen wußte, oh, bedenke, daß es sie schon unglücklich gemacht, laß sie nicht auch damit die letzte Stütze verlieren, die sie auf der Welt hat, die Liebe, den Schutz ihrer Eltern!«
»Der ward ihr im reichsten Maß zu Theil,« entgegnete mit zusammengezogenen Brauen die Frau. »Kein Kind ist mehr geliebt und auf Händen getragen worden, wie dieses falsche, undankbare Geschöpf. Laß sie jetzt ernten, wo sie gesäet; auf unsere Liebe hat sie keinen Anspruch mehr.«
»Aber der Vater wird sie nicht verstoßen,« rief George heftig, »er kann es nicht, sie war von je sein Liebling!« Er wandte sich, als ob er zu ihm eilen und seine Hülfe anflehen wolle.
»Wenn Du ihn tödten willst,« rief die Mutter heftig, »dann gehe jetzt zu ihm und nenne ihm Deiner Schwester Namen! Er hat sich kaum von seiner Schwäche erholt und der Arzt streng befohlen, daß Alles ihm ferngehalten werden müsse, was ihn nur im Geringsten aufregen und an den erlittenen Verlust mahnen könne. Versuch' es, aber die Folgen auf Dich selber!«
»Großer Gott,« stöhnte George, »was für Hülfe kann die Unglückliche von fremden Menschen erhoffen, wenn die eigenen Eltern ihr Herz vor ihr verschließen?«
»Sie hat sich fremden Menschen in die Arme geworfen,« sagte die Mutter kalt, »fremde Menschen mögen ihr denn auch das ersetzen, was sie hier muthwillig von sich gestoßen; sie hat keine Eltern mehr.«
»Arme Paula!« seufzte George. »Aber Eins versprich mir, Mutter. Bist Du wirklich im Stande, ein Kind so von Deinem Herzen zu reißen, dann gestatte wenigstens fremden Menschen, sich desselben anzunehmen, und kommt ein Brief von Paula -- sie wird und muß ja schreiben, -- so sende ihn an Rottacks, die mir zugesagt...«
»Bist Du wahnsinnig?« rief die Mutter, ordentlich erschreckt emporfahrend. »An Rottacks? Und was haben _die_ mit unserem Hause zu thun?«
»Es sind brave, treffliche Menschen, die Paula von Herzen lieb haben,« sagte George bewegt; »bei denen kann sie dann wenigstens Rath und Trost und vielleicht auch wieder den Weg zurück zum Herzen der Eltern finden. Willst Du mir das versprechen, Mutter?«
»Du bist von Sinnen!« sagte die stolze Frau finster. »Soll ich selber Fremden unserer Familie Schmach aufdecken? Ich begreife Dich nicht, George. Aber,« fuhr sie plötzlich aufmerksam werdend fort, »was sollen all' diese Reden? Bleibst Du denn nicht selber hier? Du sprichst gerade, als ob Du Vorbereitungen zu einer größeren Reise träfest.«
»Es ist möglich, daß ich in diesen Tagen auf einige Zeit fortgehe,« sagte George leise; »ich weiß es noch nicht, ich muß erst mit dem Vater darüber sprechen.«
»Und willst Du uns nicht nach Italien begleiten?«
»Vielleicht -- vielleicht komme ich nach.«
»Du bist so sonderbar, George. Was hast Du?«
»Nichts, liebe Mutter; der Kopf thut mir weh vom vielen Denken und Grübeln.«
Die Gräfin nickte leise vor sich hin, sie kannte das Gefühl selber. »Wohin willst Du jetzt?«
»Zum Vater hinüber.«
»Rege ihn nicht auf; ich wollte lieber, Du miedest ihn für ein paar Tage.«
»Er würde unruhiger werden,« sagte George, »wenn er mich nicht wie gewöhnlich sähe.«
»Du willst mit ihm über -- die Entflohene sprechen?«
»Nein, Mama, fürchte das nicht. Ich muß es Gott anheimgeben, daß er Eure Herzen wieder dem Kinde zuwendet; ich fühle, daß meine Stimme zu schwach dafür ist. Lebe wohl, Mutter!«
Er nahm ihre Hand, sah ihr einen Moment ernst und traurig in die Augen, schloß sie dann in die Arme und küßte ihre Wange.
Die Gräfin erwiderte die Umarmung nicht, sie duldete sie nur, sagte auch kein Wort, und George verließ rasch das Zimmer.
Den Vater fand er noch immer in der nämlichen Stellung, wie er schon Stunden lang gesessen. Erst als George sein Zimmer betrat, wandte er zuerst rasch und wie erschreckt das Antlitz der Thür zu, stand dann auf und sagte leise: »Ah, Du bist es, George!«
»Ja, lieber Vater. Ist Dir jetzt besser?«