Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«

Part 26

Chapter 263,901 wordsPublic domain

Er selber stand hier vollständig gedeckt mit seiner dunkeln Kleidung im Schatten der Bäume; ihn konnte Niemand sehen, das wußte er gut genug, so lange er sich wenigstens nicht von der Stelle bewegte, und sich langsam dem neuen Geräusch zukehrend, erkannte er jetzt eine lichte Gestalt, der eine andere, dunkler gekleidete wie ein Schatten folgte. Beide schritten auf dem hier mitten durch die Wiese führenden Kiesweg entlang und eilten, allem Anschein nach, der Richtung zu, in der er das Pferd hatte schnauben hören.

»Das ist doch merkwürdig,« dachte er, indem er mit dem Kopf schüttelte, »da drinnen im Schloß fängt die Geschichte gerade an, und da sind zwei Damen, die jetzt schon genug davon haben? Und aus der Stadt können sie auch nicht sein, denn wie kämen die mit ihrem Wagen da hinten an das Gitter? Muß doch einmal nachher den Haushofmeister fragen. Oder ging' ich nicht lieber gleich selber hin und sähe zu? Die Sache kommt mir beinahe verdächtig vor und 'was Heimliches muß jedenfalls dahinter stecken.«

Der Förster stand noch unschlüssig, was er thun sollte, als sich der Lärm im Busch wiederholte, jetzt aber viel lauter und anhaltender, als vorher. Es schlug in den Büschen, als ob Jemand mit Gewalt durch ein Dickicht brechen wolle und nicht hindurch könne, oder an einem Busch risse, der nicht nachgeben wollte.

Selbst die beiden Frauen auf dem Weg schienen das Geräusch gehört zu haben, denn wie der Förster den Kopf noch einmal dorthin wandte, sah er, daß sie ihren Schritt beeilten, und besonders die erste in dem lichten Kleide flog wie ein gescheuchtes Reh den Weg entlang, während die andere, welche etwas zu tragen schien, nicht so rasch folgen konnte und eine Strecke zurückblieb. Zu jeder andern Zeit würde dem Förster diese nächtliche und, wie es schien, sehr eilige Wanderung der beiden Damen verdächtig vorgekommen sein und er wahrlich nicht versäumt haben, der Sache näher auf die Spur zu kommen. Aber da drin im Busche war etwas los; das klang jetzt genau, als ob sich ein Stück Wild irgendwo gefangen habe oder vielleicht im Todeskampf mit den Läufen austräte. Was kümmerten ihn die Frauenzimmer; sein Beruf lag dort im Busch drin, und sich den Hut fest auf den Kopf ziehend, daß er ihm nicht in der Dunkelheit von irgend einem vorstehenden Zweig abgeschlagen wurde, tauchte er rasch in den schmalen Streifen Dickicht ein, der die Wiese von dem Kiefernwäldchen abschied und etwa zwanzig Schritt breit sein mochte. War es doch nur eine Anpflanzung von Blüthenbüschen, um mit diesen die Lichtung zu verdecken, welche die hochstämmigen Kiefern bildeten.

Der Förster hütete sich dabei viel Geräusch zu machen. Während er aber selber durch die Büsche kroch, konnte er natürlich nichts hören, denn die Zweige rauschten zu viel neben ihm. Nur erst wie er den Rand und damit das offene Holz erreichte, hielt er wieder still und horchte; da drüben raschelte und schlug es noch, aber auch von links her glaubte er ein Geräusch zu hören, und als er den Kopf dorthin wandte, vernahm er die Schritte eines Menschen, der sich unfehlbar in dem dichten Schatten jenes angepflanzten Fichtenstreifens hielt, denn zu erkennen war in der Dunkelheit und hier in einer Art von Wald nicht das Geringste.

So wie er selber aber nichts sehen konnte, so brauchte er jetzt auch nicht zu fürchten, von jemand Anderem gesehen zu werden, und vorsichtig aus dem Gebüsch heraustretend, glitt er mit auf den Kiefernadeln vollständig geräuschlosem Tritt der Richtung zu, nach der er die Schritte und jetzt auch noch das immer stärker werdende Rascheln in den Büschen hörte.

Wer es sei, der hier bei Nachtzeit in dem Dickicht herumsprang, ließ sich allerdings nicht unterscheiden, ja, der Förster hatte noch nicht einmal die Gestalt erkennen können; aber das blieb sich gleich. Wer sich auch hier befand, war auf faulen Pfaden und hatte hier nichts in der Nacht zu suchen, und die Flinte gespannt in der rechten Hand, den Finger am Bügel, um rasch damit nach dem Drücker herunterfahren zu können, glitt er so leise, aber auch so rasch, wie er möglicher Weise konnte, weiter auf seiner Bahn.

Das Geräusch der Schritte hörte er dabei, als er einen Moment anhielt, um zu horchen, eine kurze Strecke vor sich; jetzt ließ es sich nicht mehr unterscheiden, da es aus einer Richtung mit dem andern kam, das stärker und heftiger wurde, aber genau auf der nämlichen Stelle blieb. Der Förster war nahe genug gekommen, um sicher zu bestimmen, daß es aus dem schmalen Fichtenstreifen herrührte, der an dem jetzt draußen angebauten Haferfeld entlang lief. Was, um Gottes willen, war da nur los? Hatte sich ein Stück Wild gefangen -- Schlingen? Zum ersten Mal zuckte es dem alten Forstmann durch den Sinn: dort war eine Schlinge gestellt, und er ertappte den Verbrecher jetzt auf frischer That.

Der Maulwurfsfänger indessen, mit keiner Ahnung, daß ihm sein grimmigster und gefährlichster Feind so dicht auf den Fersen sei, sprang so rasch er konnte der Richtung zu, in der er das gefangene Wild mit den Läufen schlagen hörte. Er achtete dabei nicht einmal auf seinen kleinen Spitz, der dicht hinter ihm folgte, dem aber das Geräusch in der Nachbarschaft dabei nicht entgangen war.

Das kleine kluge Thier stutzte und knurrte leise, denn es wußte recht gut, daß es nicht laut werden durfte -- der Maulwurfsfänger hatte es schon seit langen Jahren darauf dressirt, -- aber sein Herr hörte nicht. Er lief ihm nach, bis er dicht hinter ihm war, und knurrte stärker, aber mit nicht besserem Erfolg. Der Maulwurfsfänger, von der Leidenschaft ergriffen, hörte und sah nichts weiter, als seine Beute. Der Förster saß, er hatte ihn selber gesehen, in der Stube des Haushofmeisters hinter einer Flasche Wein; der Forstgehülfe war mit den Böllern beschäftigt, weiter hatte er Niemanden zu fürchten, und es blieb ihm da übrig Zeit, den Lohn für seine Mühen zu nehmen und fortzuschaffen. Und mit Einem Sprung in das Dickicht hinein, war er auf dem gefangenen Schmalthier und genickte es ab.

Jetzt war Alles todtenstill -- nein, da drinnen regte sich 'was, und sein Spitz, der in diesem Augenblick dicht hinter ihm stand, knurrte lauter.

»Was giebt's, Spitz?« rief der Alte erschreckt. »Kommt Jemand?«

Der Spitz knurrte noch einmal und schlug plötzlich laut an; der Wilddieb erschrak, denn das war ein untrügliches Zeichen, daß ihm Gefahr in unmittelbarer Nähe drohe. Fast unwillkürlich griff er freilich nach der Schlinge, um diese zu lösen und seine Beute frei zu bekommen; aber die Hände zitterten ihm dabei, und er horchte gespannt nach den Kiefern hinüber.

Lange in Zweifel sollte er aber nicht bleiben. War der Förster schon überhaupt in nächster Nähe, durch den Todeskampf des Thieres der richtigen Stelle zugelenkt worden, so verrieth jetzt das Bellen des Hundes nicht allein den genauen Punkt, sondern auch den, mit dem er es hier zu thun hatte.

»Hab' ich Dich endlich einmal erwischt, Dich neunhäutige Canaille?« schrie er, indem er in die jungen Fichten hineinsprang, während er mit der Linken sein Gesicht gegen die schlagenden und stachlichten Büsche schützte, in der Rechten aber noch immer das gespannte Gewehr hielt. »Steh, Schuft, oder ich schieße Dich wie einen tollen Hund über den Haufen!«

Der Maulwurfsfänger hatte im Nu die Gefahr erkannt, aber er verlor seine Besinnung nicht. Der Förster durfte nicht schießen, das wußte er recht gut, die Gesetze verboten es; vor ihm lag das weite Haferfeld, und mit drei Schritten Vorsprung hätte ihn der Alte im Leben nicht eingeholt. So half es denn nichts; die schon sicher geglaubte Beute mußte er freilich im Stich lassen, aber für sich selber fürchtete er auch keinen Moment, und mit einem leisen, eigenthümlichen Pfiff, den sein Spitz gut genug kannte, richtete er sich empor und sprang über das erlegte Stück hinweg, um das Freie zu gewinnen -- aber hier fing er sich im wahren Sinne des Worts in seiner eigenen Schlinge.

Der starke Messingdraht war nämlich hoch genug gespannt, um den Kopf eines Stück Wildes in seinen Bereich zu bringen, wonach er dann, sobald sich etwas darin gefangen hatte, auf der einen Seite losriß, damit die Schlinge auf der andern desto fester angezogen werden konnte. Das Wildkalb hatte aber, von der Gewalt, die es festhielt, fortdrängend, seinen Kopf auf die entgegengesetzte Seite gebracht, und als es im Todeskampfe zusammenbrach, drückte es hier den Messingdraht mit sich nieder. Wenn sich aber der kleine, schwanke Fichtenstamm, an welchem derselbe befestigt war, auch halb niederbog, so blieb der Draht doch an jener Seite höher gespannt, was der Mann natürlich in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Als er deshalb über das Wildkalb hinwegsprang, hakte sein einer Fuß darin, und ehe er den andern vorbringen konnte, um sich zu stützen, verlor er das Gleichgewicht und schlug der Länge nach auf den Boden nieder.

Der Förster, welcher jetzt dicht an ihm war, bekam hier einen freieren Blick, als unter den dunkeln Kiefern, da schon das lichte Haferfeld den Hintergrund bildete. Er hatte die aufspringende Gestalt auch bemerkt, und trotz seiner Jahre noch immer ziemlich rüstig, zögerte er keinen Augenblick, den Verbrecher zu packen. Sprang er dann in das Feld, ei, in die Beine durfte er ihn schießen, das war erlaubt, das wollte er wenigstens verantworten, oder dachte auch vielleicht in dem Augenblick gar nicht einmal daran, ob da eine Verantwortung nöthig sei. Nur erst einmal haben, das Andere fand sich alles nachher. Da sah er, wie der Flüchtling auf den Boden niederschlug, er hörte den Fall und setzte mit einem Jubelruf hinterdrein.

Hier aber störte ihn der Spitz, der ihm mit Wuthgekläff nach den Beinen fuhr, so daß er unwillkürlich erschreckt zur rechten Seite hinüberprallte, wo er ebenfalls gegen den starken Draht stieß. Das aber war kein Hinderniß. Ein Tritt nach dem Hund machte ihm einen Augenblick Luft; den Draht hielt er in der Hand und bückte sich geschwind darunter durch, und so rasch war das Alles gegangen, daß er dem zu Boden Geworfenen schon die Hand auf den Rock legte, als sich dieser von der Erde wieder emporschnellte und jetzt mit Einem Satz in's freie Feld hinausfliehen wollte.

Aber so leicht ging das nicht mehr. Der alte Förster hatte ihn wie mit eisernem Griff am Rock, und fühlte jetzt nicht einmal, daß ihm der Köter wieder nach den Beinen fuhr.

»Steh, Hund!« schrie er, die Flinte noch immer mit der Rechten haltend, »oder, Gott straf' mich, ich schieß' Dich zusammen!«

»Alter Tropf,« zischte der zur Verzweiflung getriebene Wilddieb zwischen den Zähnen durch, »Du hältst mich noch nicht!« Und den Arm herumwerfend, schnitt er ihm mit dem scharfen Genickfänger, den er noch immer in der Hand hielt, quer durch das Gesicht hinüber. In demselben Moment that er einen Ruck, und während der Förster, durch Schmerz und Schreck übermannt, einen Augenblick in seinem Griff nachließ, riß er sich los und sprang jetzt, nicht in das offene Haferfeld, sondern in das Fichtendickicht hinein, wohin ihm der Alte mit der Wunde gar nicht folgen konnte.

Der Förster fühlte, wie ihm das Blut in's rechte Auge rann, und fast rasend vor Wuth, riß er die Flinte an die Backe und drückte ab. Sehen konnte er nichts, denn die Gestalt des Flüchtigen war schon im Dickicht verschwunden; nur die Richtung hielt er, und fast unwillkürlich tief, um keinen Mord zu begehen. Aber zeichnen wollte er den Halunken, daß er ihm morgen seine Thäterschaft beweisen konnte, und kein Gericht in der Welt hätte ihn deshalb, wie er meinte, verurtheilen dürfen.

Erst mit dem Schuß selber kam er eigentlich wieder zur Besinnung und horchte jetzt in den Wald hinein, während er sich mit der linken Hand in's Gesicht fühlte. Heiland der Welt, was ihm der Schuft für einen Schnitt versetzt hatte, und wie das brannte und blutete! Seine ganze Hand war naß, und er fühlte, wie ihm der warme Strom in den Bart hineinlief. Aber nichts regte sich im Gebüsch; war der Bursche doch in's freie Feld hinausgeflohen? Er sprang dort hinüber, aber er konnte nichts sehen. Das rechte Auge war schon völlig zugeklebt, und vor dem linken flimmerte es ihm wie tausend Sterne und Lichter.

Da drinnen war es ihm eben, als ob er etwas hätte rascheln hören; jetzt Alles wieder ruhig, es konnte eine Maus gewesen sein -- oder hatte er den Menschen todtgeschossen?

Es fing an ihm unheimlich da draußen allein im Walde zu werden -- und wie ihn sein Gesicht schmerzte! Was konnte er auch weiter jetzt hier thun? Es blieb am besten, er ging zurück in's Schloß, um dort seinen Bericht abzustatten und sich die Wunde verbinden zu lassen, es wurde ihm überhaupt schon so weich und schwach um's Herz und in den Gliedern. Das war ein schöner Festabend, wo er einmal hatte recht vergnügt sein wollen; Jesus, wie mußte er jetzt aussehen und die Leute erschrecken, wenn er dort zurück zu den fröhlichen Menschen kam -- und heute gerade Verlobung! Aber allein wäre er nicht mehr im Stande gewesen, sein eigenes, fast eine halbe Stunde entferntes Forsthaus zu erreichen; er wollte, daß er erst die kurze Strecke nach dem Schloß zurückgelegt, so schwer, so furchtbar schwer wurden ihm die Glieder.

Draußen am Haferrand konnte er nicht hingehen; dort war ein tiefer Graben, über den er jetzt nicht zu springen wagte. Er taumelte in das Kieferwäldchen zurück, um wieder auf den freien Kiesweg im Innern des Parks zu kommen. Dort hatte er auch nicht mehr so weit nach dem Schlosse. Jetzt erreichte er die Büsche, die ihn noch vom Wege trennten; dort hindurch führte irgendwo ein schmaler Pfad, aber wie sollte er den jetzt finden? Er mußte gerade hindurch, und wie weh das that, wenn ihn einer der Zweige auf die Wunde schlug, und wie schwindelig er wurde! Es war ihm ordentlich, als ob der Boden unter seinen Füßen schwanke; aber weiter, nur weiter, daß er wieder zu Menschen, zu Hülfe kam und dort seine Geschichte erzählen konnte.

Jetzt sah er den lichteren Grasplatz vor sich -- da war auch der Weg -- Gott sei Dank! Den Park entlang galoppirte ein Reiter, was das Pferd laufen wollte; war das der Maulwurfsfänger? Aber wo hatte der so schnell das Pferd herbekommen? Es wurde ihm immer schwächer zu Sinn; seine Gedanken verwirrten sich, weite, glänzende Regenbogen flimmerten ihm vor den Augen und der ganze Park drehte sich mit ihm. Hatte er denn auch die rechte Richtung eingeschlagen und lag das Schloß dorthin zu oder dort drüben? Er war ganz irre geworden und blieb stehen; wie ihm die Kniee zitterten! Er streckte den Arm aus, um sich an etwas zu halten; aber die tastende Hand griff nichts weiter, als die elastischen Zweige der nächsten kleinen Büsche.

Noch that er einige Schritte vorwärts über den Weg hinüber auf den Rasen; er fühlte, daß er umsinken müsse -- dann schwanden ihm die Sinne und er brach ohnmächtig, wo er stand, zusammen.

22.

Ein gestörtes Fest.

Lautlose Stille herrschte in dem Festsaal, als der alte Graf ihn verlassen hatte und nicht zurückkehrte. Man wußte, es war etwas geschehen -- aber was? Die Gräfin behauptete noch immer ihren Platz; ein Diener war an ihr vorbeigegangen und hatte ihr einige Worte zugeflüstert. Sie hielt sich stolz aufrecht und suchte ruhig auszusehen. War es möglich, noch einen Eclat zu vermeiden? Der Gedanke allein hielt ihre Sinne gefesselt.

Helene befand sich in einer furchtbaren Unruhe. Irgend etwas mußte vorgefallen sein. Selbst die Diener sahen verstört aus -- irgend etwas Entsetzliches -- und Paula's Aufregung vorher! -- Aber die Musik, die hinter ihrem Vorhang nichts davon bemerkte, spielte noch immer den Festmarsch weiter.

»Meine Gnädige,« flüsterte der Staatsrath seiner Nachbarin zu, »wie mir scheinen will, fallen wir mit unserem Tannhäuser vollständig aus der Rolle. Die Verwirrung tritt schon ein, ehe der Festmarsch zu Ende ist, und jetzt wird gleich der Chor der Pilger erschallen. Ich fürchte, wir bekommen heut Abend nichts zu essen.«

»Das wäre entsetzlich!« sagte das alte Stiftsfräulein mit einem giftigen Blick über die Tafel. »Und doch hat der Graf da Silber genug aufgeschichtet, um das Banket eines Kaisers zu überfüllen.«

»Ich habe einen starken Verdacht, daß die Platten -- plattirt sind,« flüsterte der Staatsrath.

»Wohl möglich,« meinte das Fräulein; »lieber Gott, es ist ja Alles Schein heutzutage auf der Welt!« -- und sie hatte wirklich Ursache, so zu reden, denn sie selber trug falsche Locken, falsche Zähne und falsche Wattirungen, und der Staatsrath, mit einem boshaften Blick über ihre Gestalt, flüsterte:

»Wie Recht haben Sie, meine Gnädige! Aber da kommt George, er sieht blasser aus, wie gewöhnlich.«

Der alte Graf Bolten, der sich bis jetzt außerordentlich ruhig gehalten und nicht von seinem Platz bewegt hatte, ging auf ihn zu, nahm seinen Arm, flüsterte einen Augenblick mit ihm und verließ dann den Saal.

»Was ist, George?« sagte die Gräfin. »Warum kommt der Vater nicht zurück? Wo bleibt Paula? Unsere Gäste warten...«

»Ein plötzliches Unwohlsein hat den Vater ergriffen,« sagte George mit heiserer, fast tonloser Stimme. »Es thut mir leid, die Gesellschaft zu stören; ich fürchte, er wird nicht bei der Tafel erscheinen können.«

Die Trompeten hinter dem Vorhange schmetterten ihre fröhlichen Weisen so stark hervor, daß die Worte beinahe unverständlich wurden. George schritt zu dem Vorhang, schlug ihn zurück und gebot Ruhe.

Mit einem Mißklang hörten die Leute überrascht mitten im Tact auf, und eine unheimliche Stille lag in dem Moment auf dem Saal. Da trat der alte Graf Bolten wieder in den Saal und sagte mit ernster, aber vollkommen leidenschaftsloser Stimme:

»Meine Herrschaften, es thut mir leid, Sie benachrichtigen zu müssen, daß wir uns in keinem Hause der Freude, sondern in einem Hause der Trauer befinden. Meinen alten Freund Graf Monford hat ein ernster Unfall betroffen, der seine Familie an sein Lager fesseln muß -- die Tafel ist aufgehoben, denn es würde unmöglich sein, unter diesen Umständen noch längere Störung hier zu verursachen.«

»Aber was fehlt ihm? Was ist geschehen?« rief es von allen Seiten.

»Hoffentlich nichts,« erwiderte abweisend der alte Herr, »was uns verhindern könnte, in einigen Wochen, ja, vielleicht in einigen Tagen wieder eben so fröhlich hier zusammen zu kommen -- Frau Gräfin, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen meinen Arm biete und Sie hinüber zu Ihrem Gemahl führe.«

»Jetzt kommt der Chor der Pilger, meine Gnädige; habe ich es Ihnen nicht gesagt? Und wie gut die Suppe riecht!« flüsterte der Staatsrath seiner Nachbarin zu.

»Meine Nerven!« stöhnte diese und machte eine Bewegung, als ob sie sich an seinen Arm hängen wollte, dem der Hofmann aber geschickt auswich, indem er that, als ob er es gar nicht bemerkte, und sich rasch ab zu einem Andern der Gesellschaft wandte. Die Dame wurde deshalb _nicht_ ohnmächtig.

Aber eine grenzenlose Verwirrung hatte sich indessen der Gäste bemächtigt. Felix war rasch zu Helenen hinüber gegangen. Er wollte mit George sprechen, aber dieser war seiner Mutter schon gefolgt, und aufdrängen durfte er sich nicht. Er fühlte auch recht gut, daß man jetzt der Familie keinen größeren Gefallen thun könne, als sie sobald als irgend möglich von der Gegenwart Fremder zu befreien; deshalb Helenens Arm ergreifend, flüsterte er ihr rasch zu:

»Komm, mein Herz, hier ist weiter nichts zu thun, als uns zu entfernen. Bei der wundervollen Nacht gehen wir recht gut zu Fuß in die Stadt zurück; laß uns ein wenig eilen, daß wir nicht in den Troß kommen.« Er nahm ihren Arm und führte sie aus dem Saal, und das war das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch.

Draußen auf dem Gang stand ein alter Diener, der dem Grafen seinen Rock gab.

»Können Sie mir nicht sagen, Freund, was vorgefallen ist?«

»Der große Gott weiß es!« sagte der Alte, und die Thränen standen ihm in den Augen -- »aber Geheimniß kann's nicht mehr bleiben: die junge Comtesse ist fort und Graf Bolten ihr nach. Draußen im Park fiel eben ein Schuß, die Diener wollen mit Fackeln hinaus -- das überlebt der alte Herr nicht.«

»Großer Gott, Paula?« rief Helene. Felix aber, ihr selber den Mantel umwerfend und ihren Arm in den seinen ziehend, führte sie hinaus in's Freie.

Nicht so rasch kam die übrige Gesellschaft fort. Viele der Damen, ja, die meisten trugen weiße Atlasschuhe, da man sehr stark auf einen kleinen Ball gerechnet hatte. Sollten sie in diesen den weiten Weg in die Stadt zurücklegen? Aber die Wagen konnte man doch auch unmöglich hier erwarten, und ein anderes Haus war nicht in der Nähe. Boten über Boten wurden jetzt vorausgeschickt, Leute waren dazu genug versammelt, um die Wagen zu beordern, daß sie wenigstens entgegenkamen, oder an Droschken auftrieben, was sich finden ließ -- am Theater hielten jetzt eine Menge --, und wie die wilde Jagd hetzten eine Anzahl von jungen Burschen den Weg hinab und an Rottacks vorüber.

Immer leerer wurde es oben im Schlosse, immer unheimlicher. George selber war auf einem zweiten Pferd davongesprengt -- wohin? Er wußte es selber nicht.

In Paula's Zimmer stand die Gräfin und las ein kleines Briefchen, das sie versiegelt auf der Tochter Toilettentisch gefunden. Ihr Gesicht war marmorbleich, aber keiner ihrer eisenharten Züge verrieth, welche Gefühle in diesem Augenblick ihr Inneres bewegten.

In dem Zettel, der »An meine Eltern« überschrieben war, standen nur folgende wenige Worte: »Lieber Vater, liebe Mutter! Ich kann den jungen Bolten nicht heirathen, ich würde unglücklich mein ganzes Leben sein. Ich liebe mit aller Kraft meiner Seele Rudolph Handor und werde sein Weib. Oh, verzeiht Eurer armen Tochter!«

Sie faltete das Billet zusammen, kleiner und kleiner, bis es einen dünnen Streifen bildete, und fast mechanisch hob sie es dann empor zum Licht, entzündete es und sah zu, bis es sich verzehrte, ja, die Spitzen ihrer weißen Glacéhandschuhe versengte. Dann schritt sie langsam hinüber zu ihrem Gatten, der noch immer bewußtlos auf einem Sopha lag, während ihm der Haushofmeister mit zitternden Händen kalte Umschläge um die Schläfe machte. Der alte Graf Bolten stand daneben, die rechte Hand auf den Tisch gestützt, in starrer Ruhe und verwandte keinen Blick von dem unglücklichen alten Manne.

Drei Boten waren nach verschiedenen Aerzten gesandt, um sie rasch herbeizurufen; sie konnten aber noch nicht da sein, der Weg war zu weit.

Die Gräfin trat in's Zimmer; Graf Bolten rührte sich nicht und wandte ihr den Blick nicht einmal zu. Sie zog ihre weißen Glacéhandschuhe aus, nahm dem Haushofmeister das nasse Tuch ab und sagte tonlos:

»Sehen Sie nach der Tafel -- daß alle Fremden das Haus verlassen -- einige junge Leute behalten Sie zurück, wenn wir vielleicht noch Boten gebrauchen sollten.«

»Zu Befehl, Frau Gräfin.«

»Wo ist George?«

»Fort -- er hat sich ein Pferd satteln lassen.«

»Es ist gut -- sehen Sie nach dem Hause.«

Der Haushofmeister zog sich mit einer Verbeugung und einem traurigen Blick auf seinen Herrn zurück; er wäre noch so gern bei ihm geblieben, aber seine Pflicht rief ihn auf seinen Posten. Die Frau Gräfin hatte Recht: die Masse dort aufgestellten Silbers durfte nicht ohne Aufsicht bleiben -- daß sie nur daran gedacht hatte!

Eine halbe Stunde verging so. Graf Bolten rührte sich nicht, er schien wie aus Stein gehauen, und nicht regungsloser war der Ohnmächtige auf dem Sopha, dem die Gattin ruhig und mechanisch die Umschläge wechselte. Endlich fuhr ein Wagen vor. So still war es im Hause geworden, daß man deutlich das Knirschen der leichten Räder auf dem Kies hören konnte. Es war einer der Aerzte, der in Carrière herausgejagt sein mußte.

Draußen vor dem Fenster wurden auch Stimmen laut und Leute kamen mit Fackeln. Weder Graf Bolten noch Gräfin Monford beachteten es. Der Arzt schien einen Augenblick da draußen aufgehalten zu sein; es dauerte wenigstens unverhältnißmäßig lange, ehe er eintrat, oder däuchte ihnen die Zeit nur so lang? Endlich kam er und trat zu dem Lager des Kranken, dessen Hand er nahm, um den Puls zu fühlen.

»Gnädige Gräfin, ich bedauere unendlich...«

»Was halten Sie von seinem Zustand, Doctor?«

Der Doctor schüttelte mit dem Kopf -- endlich frug er leise: