Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«

Part 23

Chapter 233,813 wordsPublic domain

»Keine Aufregung heut Abend, liebes Kind,« fuhr die Mutter fort, indem sie den in der That schon etwas derangirten Kragen vor dem Spiegel wieder in Ordnung brachte; »morgen früh halten wir einen großen Familienrath, wir Beide zusammen, und da sollst Du mir Dein Herz ausschütten nach Herzenslust -- ich bin schon in der That hinter ein paar von Deinen kleinen Geheimnissen gekommen; heute aber haben wir keine Zeit dazu.«

»Morgen, liebe Mutter, morgen? O Gott, was liegt Alles zwischen dieser kurzen Zeit!«

»Viel, in der That, mein Töchterchen: der erste entscheidende Schritt zu Deinem ganzen künftigen Lebensglück -- geh ihn getrost, Du wirst es nie bereuen. -- Aber da fährt wahrhaftig schon ein Wagen vor; rasch, Kind, die Thränen fort; bade die Augen ein wenig in kaltem Wasser, und bleib nicht lange, der Vater wird sonst böse!« Und mit den Worten rauschte sie mit ihrem schweren Stoffkleid aus dem Zimmer und in den Empfangssalon, um dort die zuerst eingetroffenen Gäste zu begrüßen.

Paula blieb, als die Mutter sie verlassen, mit gefalteten Händen, mit bleichem Antlitz in der Stube stehen. Endlich flüsterte sie leise:

»Und kein Mitleid, kein Gefühl für das eigene Kind -- nicht einmal ausweinen an ihrem Herzen durfte ich meinen Gram! Oh, Mutter, Mutter, ahnst Du denn, wie furchtbar weh Du mir damit gethan? Aber nein, nein, sie kann nicht selber fühlen, was mir die Brust hier mit qualvoller Pein zerreißen will; ihr Gott ist der Ehrgeiz, dem selbst das eigene Kind geopfert werden soll -- daß das selber einen Willen, ein Gefühl, ein Verlangen haben könnte, scheint ihr entweder nicht möglich oder ist so unbedeutend, daß es keine Beachtung verdient! So lebe wohl, Mutter! Wenn ich denn allein im Leben stehen soll, will ich mir auch die Bahn allein suchen! Gott schütze Euch und mich, aber Er weiß, ich kann nicht anders!«

Eine eigene, feste Entschlossenheit kam über das junge Mädchen, fast noch ein Kind. Ihr Auge blickte klarer, ihr Schritt wurde entschiedener, und rasch trat sie zum Waschtisch, badete ihre Augen in klarem Quellwasser, ordnete sich das Haar wieder ein wenig, festigte eine locker gewordene Blume in ihrem Schmuck und legte dann selber die kostbaren Brillanten um Nacken und Arme, die sie am letzten Weihnachten von ihrem Vater erhalten hatte. Das Alles nahm ihr auch nur wenige Minuten Zeit; rasch war sie damit fertig, und noch einen Blick in den durch zwei Girandolen erleuchteten Spiegel werfend, schritt sie in den Empfangssaal hinüber.

Der Mutterblick ruhte wohlgefällig auf ihr, als sie sah, in wie kurzer Zeit und wie vollkommen ihre Tochter alles Andere von sich abgeschüttelt, was ihr den heutigen Abend zu trüben drohte -- ach, wenn sie hätte in ihr Herz sehen können!

Aber ein eigener unnatürlicher und starrer Trotz war über das sanfte, hingebende Kind gekommen: -- der Entschluß, sich der Macht, die sie in Fesseln schlagen wollte, für Lebenszeit und gegen ihren Willen, nicht zu beugen, und nur ein einziges Mal schrak sie noch zusammen und fühlte, wie ihre Glieder zitterten. Es war der Moment, in dem der ihr bestimmte Bräutigam, Graf Bolten, den Saal betrat.

Und wie Glück und Freude strahlend sah Graf Bolten aus, als sein Blick ungeduldig im Saal umherflog, die ihm bestimmte Braut zu suchen, und sie jetzt erkannte! Wie rasch glitt er, nicht einmal die Eltern zuerst begrüßend, auf sie zu und flüsterte, ihre Hand ergreifend:

»Meine Paula, meine liebe, liebe Paula, wenn Sie wüßten, wie unaussprechlich glücklich mich der heutige Tag macht!«

»Sie sind sehr gütig, Herr Graf!« stammelte Paula, tief erröthend, denn _dem_ Manne gegenüber war sie sich einer Schuld bewußt.

»Herr Graf? Wie kalt das klingt!« rief Hubert vorwurfsvoll. »Hab' ich mir noch keinen besseren Titel verdient, als die fremde, kalte Form? Seien Sie freundlich mit mir, Paula; mein ganzes Lebensglück liegt ja in Ihren Händen. Lassen Sie es mich mit einem Lächeln, nicht mit einem Trauerblick empfangen!«

»Lebensglück, Du großer Gott,« sagte Paula mit einem Seufzer, »wer von uns armen Sterblichen weiß, was die nächste Stunde für ihn birgt? Hoffen Sie auf kein Glück, Herr Graf; die Enttäuschung wäre zu furchtbar und schmerzlich nachher!«

»Hoffen dürfen wir, liebe Paula,« sagte Hubert herzlich, »es ist das schönste Vorrecht des Menschen und sein Trost und Stab. Lassen Sie mir immer die Hoffnung, die mir Ihr lieber Anblick frisch und warm in's Herz gießt -- aber was Plaudern wir da,« brach er lachend ab, »so ernst und feierlich, als ob wir zu einem Begräbniß und nicht zu einer Verlobung gingen. -- Da kommt auch die Mama, die wird böse, wenn sie nicht freundliche Gesichter sieht.«

Die Gräfin kam in der That heran, und Hubert sah sich für die nächste Zeit überhaupt von allen Seiten in Anspruch genommen, da das Geheimniß der Verlobung ja doch nur ein öffentliches war und alle Welt ihm ihre Glückwünsche darbringen wollte.

»Und wo steckt George? Ich habe ihn noch mit keinem Blick gesehen.«

»Vorhin,« sagte Hauptmann von Seydlitz, der neben Hubert stand, »fuhr er an mir vorbei, aber mit einem Gesicht wie eine Wetterwolke. Er sah mich gar nicht -- weiß der liebe Gott, was er hat!«

»George?« fragte die Gräfin erstaunt. »Was kann der haben, das ihn verdrießlich machen dürfte? Er ist ja doch sonst immer das Leben selber; aber er hat heute Mancherlei zu thun. Ich werde mich einmal nach ihm umsehen.«

Sie traf George, als sie das nächste Zimmer betrat, in Verzweiflung, und er winkte seiner Mutter, ihm über den Gang zu folgen.

»Aber was hast Du nur? Weshalb kommst Du nicht zur Gesellschaft?«

»Zur Gesellschaft? und was ich habe? Heiland der Welt, und dabei wird es nicht für anständig gehalten, zu fluchen!«

»Aber, George!«

»Denke Dir nur, dieses alte, verwünschte Burgfräulein, die genau so aussieht, als ob sie dreieckig geschnitten und dann aufgeklebt wäre, dieses Fräulein von Wünschel läßt mir vor einer halben Stunde absagen!«

»Das ist allerdings fatal!«

»Fatal? Göttlich! Das nennst Du fatal? Und ich bin mit meiner ganzen Geschichte, die mich die letzten acht Tage vollständig aufgerieben hat, heut Abend auch noch obendrein blamirt!«

»Und was willst Du jetzt thun?«

»Weiß ich's denn selber? Ich liege hier auf der Lauer, um irgend ein unglückliches, passendes Individuum abzufassen, das mir in den Weg läuft. Glücklicher Weise sind es nur ein paar Worte zu sprechen, aber es ist eine Hauptsache, die nicht wegbleiben kann.«

»Hast Du denn sonst Alle zusammen?«

»Rottacks fehlen noch; das wäre jetzt ein Hauptspaß, wenn die auch ausblieben -- dann schösse ich mir eine Kugel über den Kopf weg...«

»Aber, George...!«

»_Ueber_ den Kopf, Mama; ich würde außerordentlich vorsichtig zielen, daß ich kein Unglück anrichtete. -- Aber, beim Himmel, da kommt Fräulein von Bazcow angefahren. Die entere ich, die thut mir auch den Gefallen!«

»Aber wir sind mit den Leuten erst so kurze Zeit bekannt!«

»Bah, zu Rottacks bin ich am nächsten Tag gegangen -- da kommen auch Rottacks -- Hurrah, nun bring' ich die Sache doch noch am Ende zu Stande!«

Und fort schoß er mit weiter nichts im Kopf, als der glücklichen Durchbringung seines Liebhabertheaters.

Rottacks fuhren in der That in dem Augenblick vor, und Helene sah bleich und erregt aus, hatte sie doch die stolze Gräfin seit jenem Abend nicht wieder gesehen, da diese den verschiedenen Proben nicht mehr beiwohnte und sie jetzt ein erneutes Begegnen ordentlich fürchtete. Aber es half nichts; der Verpflichtung gegen George konnten sie sich nicht entziehen. Er vor Allen war gerade immer so liebenswürdig und herzlich mit ihnen gewesen, und es hätte ihn zu sehr gekränkt; das durfte nicht sein. So mußten sie denn der Gesellschaft beiwohnen, und gerade die Gesellschaft schützte sie ja auch vor einem für beide Theile vielleicht peinlichen Zusammentreffen mit der Gräfin. In großen Gesellschaften wie in einer großen Stadt kann man, wenn man will, allein sein und sich von der übrigen Welt abschließen; in kleinen Cirkeln und Städten ist es unmöglich. In der Gesellschaft verdeckt die Form auch alles Andere, denn sie besteht nur aus vorgeschriebenen Bewegungen und Situationen, wie ein Schauspiel fast auf offener Bühne, wo sich die im gewöhnlichen Leben vielleicht feindseligsten Charaktere offen und herzlich in die Arme fallen. Auch in der Gesellschaft wird Haß und Liebe übertüncht, und nur die Höflichkeit und der gute Anstand regieren.

Helenens Befürchtung war deshalb auch ganz grundlos gewesen, denn an keinem andern Platz der Welt hätte sie nach der damaligen Scene besser mit ihrer Mutter wieder zusammentreffen können, als in diesem Kreise geputzter, fröhlicher Menschen. Und trotzdem schlug ihr das Herz ängstlich in der Brust, als sie den Saal betraten und die Gräfin auf sie zukam, um sie zu begrüßen. Aber die Gräfin war eine Weltdame; kein Zug ihres Antlitzes verrieth etwas Anderes, und durfte etwas Anderes verrathen, als Freude über das Erscheinen ihrer Gäste.

»Meine liebe Gräfin Rottack, wie ich mich freue, Sie wieder begrüßen zu können. Wir hatten solche Sorge neulich, als wir hörten, daß Sie sich unwohl fühlten! Herr Graf, Sie sind uns herzlich willkommen -- hoffentlich hatte es mit Ihrer lieben jungen Frau weiter nichts zu sagen!«

»Migräne, gnädige Gräfin.«

»Ach ja, das alte, häßliche Leiden, ich kenne es; in unserer Familie ist es ordentlich epidemisch.«

»Auch Helene hat es geerbt,« sagte Graf Rottack ruhig. Aber die Gräfin erwiderte freundlich:

»Dann muß sich Ihre liebe Frau recht in Acht nehmen und in Geduld fassen, denn es verliert sich erst mit den Jahren. Und nun bitte, legen Sie ab, lieber Graf. George hat schon ein paar Mal nach Ihnen gefragt, er war selig, als er Sie kommen sah.«

»Er hat doch nicht etwa gefürchtet, daß wir ihn im Stich lassen würden?« sagte Felix.

»Er hat heute alle Hände voll zu thun,« lächelte die Gräfin, »und wirklich dabei das Unglaubliche geleistet, denn Paula ahnt noch gar nichts von der Ueberraschung -- aber da kommt Paula, verrathen Sie sich nicht!«

Paula hatte die junge Gräfin gesehen und kam rasch auf sie zu; aber je mehr sie ihr nahte, desto mehr hemmte sie ihren Schritt, und wollte sie und ihren Gatten eben in der gewöhnlichen stummen und hergebrachten Form der vornehmen Welt begrüßen, als Helene auf sie zutrat, ihre beiden Hände ergriff und mit herzlicher Stimme sagte:

»Meine liebe Comtesse, wie freue ich mich, Sie wiederbegrüßen zu können!«

Die Worte klangen so gut, so lieb, so wahr -- Paula traten, so sehr sie dagegen ankämpfte, die Thränen in die Augen, und unwillkürlich bog sie sich zu Helenen über, die einen leisen Kuß auf ihre Stirn drückte.

Die Mutter sah es, und freundlich sagte sie:

»Nehmen Sie sich der Kleinen ein wenig an, Frau Gräfin; sie macht ein viel traurigeres Gesicht heute, als es für den Tag paßt; sie ist mir auch immer zu viel allein und sinnt und grübelt; das taugt nicht für ein junges Mädchen. Aber jetzt entschuldigen Sie mich, meine Pflichten als Hausfrau sind unerbittlich.«

»Wer ist denn dieser Graf Rottack eigentlich, und wo kommt er auf einmal her?« sagte ein alter Herr mit einem entschieden militärischen Anstrich, zu einem andern Herrn, der neben ihm stand und mit einem etwas verbissenen Gesicht bis jetzt die Gesellschaft betrachtet hatte, als ob er sich über jeden Einzelnen ärgere, daß er überhaupt auf der Welt wäre. »Wissen Sie es nicht, Herr Staatsrath?«

»Thut mir leid,« entgegnete der also Angeredete, »er war lange in Brasilien und hat sich auch seine Frau von dort mitgebracht.«

»Es ist ein reizendes Paar; wunderhübsches Frauchen.«

»Ja, passirt; er sieht mir aber eher wie ein Demokrat im Frack, als wie ein Graf aus, macht auch Besuche bei Schauspielern. Ich glaube nicht, daß viel dahinter ist. Apropos, Oberst, haben Sie denn schon diesen neuen Beitrag zu unserer =chronique scandaleuse= gehört mit dem Baron Beltine?«

»Mit Beltine? Nein. Da drüben steht er ja.«

»Ja, er ist wieder zurück. Vor acht Tagen machte er sich aber das kleine Vergnügen, eine Schneiderstochter von hier zu entführen. Die ganze Stadt war ja voll davon.«

»Ich habe kein Wort davon gehört; er ist ja aber verheirathet.«

»=Eh bien=, und was weiter -- seine Frau fuhr indessen allein in's Theater.«

»Ach, das ist ja gar nicht möglich; das wäre ja eine Niederträchtigkeit und Graf Monford der Letzte, der ihn danach wieder einladen würde.«

»Lieber Oberst, Sie kennen die Welt noch nicht, obgleich Sie beinahe siebzig Jahre darin leben; der Baron ist außerordentlich reich.«

»Sind Sie auch mit ihm befreundet?«

»Befreundet,« sagte der Staatsrath, die Achseln zuckend; »mit wem ist man eigentlich in der Welt befreundet, und ich in meiner Stellung schon gar. Ich glaube nicht, daß es zwei Menschen in der Stadt giebt, die mich nicht hassen, aber merken Sie das Jemandem an, Oberst? Sie sind Alle die Höflichkeit selber, so lange sie mit mir verkehren, alles Andere geht mich nichts an, und wie sie hinter meinem Rücken schimpfen, was kümmert's mich? Ebenso halten es Andere. Der Baron kann mich auch nicht leiden, eingebildeter, fader Narr, der er ist; aber er und ich geben ausgezeichnete Dejeuners, und da brauchen wir einander.«

»Da kommt er gerade auf uns zu.«

»Ah, lieber Staatsrath! Herr Oberst, ich habe die Ehre!« »

»Mein bester Baron, wo haben Sie die ganze Woche gesteckt? Mir hat ordentlich etwas gefehlt, wenn ich Ihnen Morgens auf meinem gewöhnlichen Spaziergang nicht begegnete.«

»Sie sind sehr gütig, Herr Staatsrath; ich war auf einige Tage in der Residenz, wohin mich Geschäfte riefen. Die gewöhnlichen Plackereien des Lebens.«

»Ueber die ich Sie erhaben glaubte.«

»Keiner von uns, Keiner von uns, lieber Staatsrath; aber wo ist eigentlich unser junges Pärchen?«

»Die Braut steht da drüben, sie sieht auffallend blaß und gedrückt aus; Comtesse Monford ist sehr zart.«

»In der That, in der That. Sie entschuldigen, lieber Staatsrath, ich habe der Comtesse noch nicht einmal meine Huldigung dargebracht.«

»Aber, meine liebe Paula, was ist Ihnen?« sagte Helene liebevoll, indem sie ihren Arm um die schlanke Taille des jungen Mädchens legte; »Sie sind so furchtbar aufgeregt.«

»Ach, wenn ich Ihnen Alles sagen könnte,« flüsterte Paula, »wenn ich Sie früher gekannt hätte; Vieles, Vieles wäre vielleicht anders, besser, als es jetzt ist!«

»Es ist selbst jetzt noch nicht zu spät,« sagte Helene herzlich, »und ich hoffe, wir sollen recht gute Freunde werden!«

»Zu spät, zu spät!« hauchte Paula leise, daß der Schall der Worte kaum zu Helenens Ohr drang.

»Das ist recht, meine liebe Frau Gräfin,« sagte in diesem Augenblicke Graf Monford's Stimme, und der Graf grüßte freundlich die junge Dame, »daß Sie mein kleines Töchterchen ein wenig aus ihrer Lethargie emporrütteln -- das Köpfchen hoch, Paula, bist ja mein gutes Kind.«

»Mein lieber, lieber Vater!« rief Paula, leidenschaftlich des Vaters Hand ergreifend.

»Bst, Kind, bst,« sagte der alte Herr, »ich habe mir vorgenommen, heut Abend recht lustig und vergnügt zu sein, und da mußt Du mir helfen, denn Du hast auch alle Ursache dazu. Es ist ein merkwürdiges Kind, Frau Gräfin, so außerordentlich weich, gar nicht wie ihre Mutter, die einen viel festeren und entschiedeneren Charakter hat. Aber ein gehorsames Töchterchen ist es doch, das seinen Eltern große, unendlich große Freude macht, und auf das sie wohl mit Recht stolz sein können.«

»Mein guter Vater!«

»Haben Sie nur Geduld mit ihr, Herr Graf,« sagte Helene; »es ist ja so natürlich, daß sie einer so gewaltigen Wendung ihres ganzen bisherigen Lebens nicht mit voller Ruhe und Sicherheit entgegengehen kann.«

»Ich habe auch Geduld mit ihr,« lächelte der Graf, »denn ich kenne meine Tochter, und sie wird mir noch einmal mit thränenden Augen danken --« und Paula freundlich zunickend und mit einer Verneigung gegen Helene schritt er zu dem andern Theil des Saales hinüber. -- --

Unten in der Halle hatte der Haushofmeister eine Reihe von Bierfässern und Körbe voll Wein an die eine Wand reihen lassen, und nicht allein die Dienstleute des Gutes und die Forstbeamten und Holzhauer des benachbarten Waldes wurden dort frei gehalten, sondern wer von der Stadt heraufkam, erhielt, was er essen und trinken wollte, denn es sollte Keiner hungrig von der Schwelle gehen, auf der die Freude herrschte.

Das hatten sich denn auch eine Menge von Leuten zu Nutze gemacht, und der Platz hinter dem Schlosse, wohin sie sämmtlich gewiesen wurden, schwärmte von ihnen.

Auch der alte Maulwurfsfänger war mit heraufgekommen, aber er mischte sich nicht unter den Troß, ließ sich auch weder Getränk noch Speisen geben, und drückte sich eigentlich mehr in den Büschen herum, abseit von den Leuten. Es war fast, als ob er Jemanden suche oder erwarte.

Endlich kam der Förster den Weg herauf, seine Flinte wie immer auf dem Rücken, und blieb erst eine Weile da, wo der Weg auf den freien Platz ausmündete, stehen, um sich das fröhliche Treiben zu betrachten. Gefallen that's ihm nicht; ein ächter Jäger mag keinen Lärm leiden, ob er nun auf der Jagd ist oder nicht, denn immer an Ruhe und Stille gewöhnt, stört es ihn. Aber der Förster trank gern ein Glas Wein, und da sein Gehalt ihm nur Bier verstattete, und selbst das mäßig, war er doch auch einmal herüber in's Schloß gekommen, um mit seinem alten Freund, dem Haushofmeister, eine Flasche zu leeren. Der Holzhändler aus der Stadt und der Müller vom Bache gleich unter dem Forsthaus, wie der Schulmeister von Eslich, dem nächsten Dorf, hatten sich auch schon eingefunden und saßen in des Haushofmeisters Stübchen um den runden Tisch am Fenster, während sein eigener, besonders zu dem Zweck herüber bestellter Forstgehülfe nicht weit davon beschäftigt war, ein paar kleine Böller in Ordnung zu bringen, die gelöst werden sollten, wenn drinnen im Saal zuerst die Gesundheit des Brautpaars ausgebracht wurde.

Eben kam auch die Militärmusik vom nächsten Ort auf einem Leiterwagen angefahren, denn die hiesige hatte nicht abkommen können, da sie gleich nach dem Theater nothwendig zu dem beabsichtigten Fackelzug und einem Ständchen für den Erbprinzen gebraucht wurde.

Dem Maulwurfsfänger entging nichts von alledem. Seine kleinen grauen Augen blitzten nach allen Seiten, ohne daß irgend einer der hier Versammelten auch nur die geringste Acht auf ihn gehabt hätte; die Wenigsten bemerkten ihn sogar, und die ihn bemerkten, fanden es natürlich und ganz in der Ordnung, daß er sich ebenfalls zu diesem Feste eingefunden; gehörte er doch mit zu den Arbeitern im Schlosse, in dessen Park er in jeder Woche ein paar Mal zu finden war.

Der alte Bursche betheiligte sich aber nicht an dem Trinken. Wohl eine halbe Stunde lang, als der Förster schon längst in der Stube war, stand er noch halb versteckt in dem Gebüsch an einen Baum gelehnt. Dann erst, als er sich vollständig überzeugt hatte, daß der Forstmann fest hinter seinem Tisch und seiner Flasche Wein saß, zog er sich vorsichtig in das Dickicht zurück und umging jetzt, immer durch das Buschwerk kriechend, das Schloß.

Einmal mußte er freilich noch eine ganze Weile warten, denn wie er den einen Weg kreuzen wollte, standen dort Leute aus dem Dorf und plauderten miteinander. Endlich -- und wie lang ihm die Zeit dabei wurde -- zogen sie sich ebenfalls zum Schlosse hin, und er glitt jetzt, immer die Büsche haltend und alle offenen Wege vermeidend, der nämlichen Gegend zu, in der ihn damals der Förster bei seiner nächtlichen Fasanenjagd entdeckt, wenn auch nicht erwischt hatte. Aber nicht zu den Fasanen zog ihn dieses Mal sein Trieb des Wilderns.

Der alte Förster war ein ganz ausgezeichneter Forstmann und es hätte kaum einen besseren für die Waldculturen geben können, aber er war kein Jäger, und das darf uns in unserer Zeit gar kein Wunder nehmen. -- Allerdings hegte er das Wild, weil es ihm der Graf befohlen hatte, und er haßte und verfolgte alle Wilddiebe aus Leibeskräften, weil ihm das einmal in der Natur lag, daß er keinen Eingriff in seine Rechte dulden konnte. Aber eigentliche Liebe zum Wild hatte er nicht und konnte sie nicht haben, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ihm schon seit vielleicht zwanzig Jahren verboten war, selber etwas zu schießen, was der Graf nur für ein Vorrecht der Cavaliere oder etwa eingeladener Gäste hielt.

Der Förster sollte den ganzen Tag in seinem Walde sein; er sollte abspüren und bestätigen, er sollte jeden Hirsch kennen, der auf den verschiedenen Revieren stand, jeden Rehbock sogar; aber der ächten Waidmannslust durfte er selber nie folgen.

In der Jagdzeit hatte der Graf immer eine Menge Gäste, zu deren Ehren Treibjagen veranstaltet oder die mit dem Förster oder einem der Forstgehülfen Bürschen geschickt wurden. Mußte aber Wild abgeschossen werden, so bekamen nie oder nur in höchst seltenen Fällen die Forstleute Auftrag dazu, sondern der junge Graf that es selber, oder lud sich ein paar von seinen Kameraden dazu ein, die dann vielleicht die nöthige Anzahl erlegten und noch außerdem drei oder vier andere Stück zu Holz schossen.

Im Anfange war der Förster außer sich darüber, zuletzt wurde er gleichgültig dagegen, und es dauerte nicht lange, so lag ihm die Forstcultur viel mehr am Herzen, als das Wild, ja, er fing an, sich zu ärgern, wenn der Wildstand zu sehr wuchs, da sie ihm in kalten Wintern seine Culturen schädigten.

Hirsche und Rehe, so weit war er schon gekommen, nannte er »das Viehzeug«, und wäre es dem Grafen einmal eingefallen, seinen ganzen Wildstand auszurotten, der alte Förster würde ihm mit Vergnügen dabei geholfen haben.

Solche Verhältnisse fanden übrigens nicht allein in Haßburg statt; sie sind ziemlich allgemein in ganz Deutschland geworden, und unsere Nachkommen dürfen sich nicht wundern, wenn sie in unserem Vaterland eben so vergebens nach einem wirklichen Jäger suchen werden, wie man jetzt bei uns noch nach einem Wolf, Luchs oder Bären sucht. Sie sind eben oder werden wenigstens ausgerottet.

Der alte Förster hatte, mit einem Wort, »keine Passion« für das edle Waidwerk; er _züchtete_ das Wild, wie eine Hausfrau Hühner und Gänse züchtet, und deshalb war der alte Maulwurfsfänger ein so gefährlicher Kunde für sein Revier.

Dieser nämlich, durch seinen Beruf schon vollkommen berechtigt, überall im Park, in dem es einen sehr bedeutenden Damwildstand gab, umherzusuchen, um angeblich nach Maulwürfen und ihren Gängen zu forschen, hatte diese günstige Gelegenheit nicht unbenutzt verstreichen lassen und kannte alle Wechsel des überhaupt vollkommen vertrauten Wildes so genau, als ob er es hier seit seiner Jugendzeit beobachtet habe; aber das genügte ihm nicht allein.

Er wußte recht gut, daß er in dem umschlossenen und kleinen Park nicht schießen durfte, ohne im Augenblick die sämmtlichen Schloßbewohner auf seiner Fährte zu haben; an ein Wegschaffen irgend eines erlegten Stück Wildes wäre dann nicht zu denken gewesen. Der alte Bursche verstand aber mehr als Maulwürfe zu fangen, und mit dem Terrain erst einmal genau bekannt, hatte er auch bald seinen Plan entworfen.

Gleich hinter der Fasanerie lag ein schmales und langes Fichtendickicht, das den Park gewissermaßen gegen das daranstoßende Feld abschloß und absichtlich so dicht angesäet war, um besonders den jungen Fasanen genügenden Schutz gegen Raubvögel zu gewähren. Hier hindurch hatte sich das Damwild einen Wechsel angelegt, um zu dem Haferstück zu gelangen, und sobald der Maulwurfsfänger den ausspürte, legte er am äußersten Rand desselben auch noch eine Art von künstlicher Salzlecke an, indem er oben unter die Aeste einer jenen Platz überragenden Eiche ein paar kleine Salzsäcke band. Bei Regen und nasser Witterung tropfte das aufgelöste Salz herunter, und das Wild hatte dann auch nach kaum drei Wochen den Platz schon aufgefunden und leckte dort ein tiefes Loch in den Boden, um den salzigen Geschmack der Erde zu bekommen.