Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«

Part 22

Chapter 223,759 wordsPublic domain

»Das war nicht _meine_ Schuld, Herr Director, und zum Theil auch nicht Ihre, sondern eher Herrn Handor's, der mich nicht leiden kann und mit Gewalt unterdrücken will. Hätten Sie mir schon früher dazu Gelegenheit gegeben,so würden Sie vielleicht gefunden haben, daß ich doch zu etwas Besserem zu gebrauchen bin -- also wagen Sie es...«

»Aber gleich mit dem Hamlet...«

»Wenn ich mich blamire, geschieht das auf meine eigene Gefahr,« sagte Rebe ruhig -- »Sie sind, durch die Noth gezwungen, vollkommen entschuldigt, und dem Publikum können Sie vor Aufgang des Vorhanges mittheilen, daß wegen Ausbleibens des Herrn Handor ein anderes der Mitglieder die Rolle hätte rasch übernehmen müssen. Am besten nennen Sie meinen Namen gar nicht.«

Der Director konnte sich von seinem Staunen noch immer nicht erholen. Hier bot sich allerdings eine Aussicht auf Rettung aus der größten Noth, in der er sich in seinem ganzen Leben befunden; aber war es wirklich eine Rettung und steigerte sich nicht am Ende noch die Blamage dadurch, wenn sein Hamlet ausgepfiffen wurde? Lieber ehrenvoll sterben, als sich lächerlich machen! -- Aber Rebe stand so entschlossen vor ihm, er schien seiner Sache so gewiß -- Rebe -- Rebe, dem er eigentlich kaum gewagt hatte die kleine, erbärmliche Rolle des Güldenstern anzuvertrauen, den Hamlet -- _seinen_ Hamlet! Aber was blieb ihm übrig? -- er hatte keine Wahl mehr, und wenn Peters gekommen wäre und sich erboten hätte, den Hamlet oder die Ophelia zu spielen, es wäre ihm am Ende nicht wunderbarer oder außerordentlicher vorgekommen, und er hätte zugegriffen.

»Mensch, und wissen Sie, was Sie unternehmen? Vor dem Erbprinzen?« rief er aus.

»Ich fürchte mich weniger vor dem Erbprinzen, als vor mir selber,« lächelte Rebe, »aber ich weiß, daß ich den Hamlet spielen kann.«

»Na, dann in Gottes Namen!« rief Krüger -- »Unglück, hab' deinen Lauf! -- Courage scheinen Sie zu besitzen, aber wenn das gut geht, will ich's loben!«

»Und darf ich Herrn Handor's Garderobe nehmen?«

»Alles, was Sie finden -- Alles -- ich übernehme jede Verantwortung! Machen Sie nur um des Himmels willen rasch!«

Rebe antwortete gar nicht -- er flog der Garderobe zu.

»Und ist das Vorspiel zu meinem Auftreten, Herr Director?« sagte die reizende Bellachini, die jetzt neben ihm, in vollem Costüm, die Dehnbarkeit ihrer Tricots prüfte -- »das klingt genau so, als ob eine Leiche zu Grabe getragen würde.«

»Herr Gott, an den verdammten Trauermarsch hab' ich gar nicht gedacht!« rief Krüger -- »Sulzer, springen Sie doch einmal hinunter...«

»Als König?«

»Ja so -- schicken Sie Jemanden, daß sie einen Rutscher oder Galopp oder Polka -- zum Teufel, es ist mir Alles einerlei! -- hintennach schicken -- der Rebe spielt den Hamlet.«

»Rebe?« rief Sulzer und blieb vor Schrecken stehen.

»Daß mir nur Jemand zum Kapellmeister springt -- rasch -- Herr Du meine Güte, sie sind ja schon fertig unten!«

Die Musik hatte aufgehört; oben auf der Gallerie wurden sie schon unruhig, denn die erste Neugierde war befriedigt, der junge Erbprinz begafft worden, und nun wollten sie etwas für ihr Geld haben; den Vorhang selber kannten sie schon auswendig.

An dem einen Loche im Vorhang stand Pfeffer und betrachtete sich das Publikum. »Donnerwetter,« sagte er zu dem neben ihm stehenden Barthel, der den Geist spielte und sich völlig aschgrau gemalt hatte, »heute wird's voll! Was so ein Prinz ziehen kann -- den werde ich mir zu meinem Benefiz engagiren. Aber auf dem ersten Rang sieht's noch bös aus; da geht noch verdammt viel Luft durch.«

»Heute ist ja ein großes Fest bei Monfords draußen,« sagte der Geist, »von ich weiß nicht wie viel Personen, und alle aus der =haute volée=. So viel Derartige haben wir nicht, daß wir sie im Theater nicht spüren sollten. Was hat denn der Rebe mit dem Director?«

»Was weiß ich,« meinte Pfeffer, »wird wahrscheinlich den Hamlet spielen wollen.«

»Na, so gut wie der Handor, glaub' ich, spielt er ihn auch...«

»Wißt Ihr's schon? Rebe spielt den Hamlet,« zischelte in diesem Augenblick Höfken, der den Polonius gab, indem er Pfeffer an der Schulter faßte.

»Der Teufel wird ihn doch nicht plagen!« rief dieser, ordentlich erschreckt.

»Bei Gott, da stürzt er schon nach der Garderobe!«

In dem Augenblick kam, während unten im Orchester, sehr zum Erstaunen des Publikums, ein lustiger Tanz gespielt wurde, Peters hinter den Coulissen mit einem ganzen Arm voll Blumen und Kränzen vorgestürzt.

»Meine Herren, Bühne frei!« rief der Regisseur -- »der Vorhang geht auf!« -- Alles stob rasch auf die Seite und hinter die Coulissen.

Mauser saß unten im Souffleurkasten und wußte von alledem, was oben auf dem Theater vorging, gar nichts, war aber sehr erstaunt, als auf einmal Fräulein Bellachini herausschwebte und mit unbeschreiblicher Grazie ihre zarten Glieder nach seinem Kasten hinüberwarf. Aber Krüger, der Director, ohne dieser ersten Größe auch nur einen Blick zu schenken, hatte den Theaterdiener an einem Knopf gefaßt, und ihn mit sich nach dem Conversationszimmer ziehend, fragte er hastig:

»Nun, wie ist's, kommt der Meier?«

»Er wollte erst nicht und meinte, er hätte ein Attest eingeschickt, Herr Director, und die Nachtluft thäte ihm weh, und im Beine zwickte es ihn auch; aber ich ließ nicht locker, und wie ich fortstürzte, zog er sich gerade die Stiebeln an.«

»Gut -- vortrefflich!«

»Und wo soll ich jetzt mit der Bescheerung hin?«

»Die Kränze und Bouquets tragen Sie in den zweiten Rang zum Logenschließer hinauf -- irgend Jemand soll sie werfen, wenn die Dings da fertig ist; wenn er Niemanden findet, soll er sie selber werfen, aber nicht wieder in's Orchester und auf den Baß, wie neulich...«

»Schön, Herr Director...«

»Halt, noch Eins, Peters, sowie Sie das Blumenzeug untergebracht haben, springen Sie hinunter in's Parterre, und sobald der Vorhang fällt, schreien Sie =da capo=!«

»Ich?«

»Sie und wen Sie dazu bringen können. Links hinten steht ein ganzer Haufen Freibillets, die Kerle sollen alle =da capo= schreien, was sie schreien können, oder kein einziger bekommt wieder frei Entrée! Nehmen Sie mit hinein, wen Sie draußen finden! Sagen Sie dem Logenschließer nur, ich hätte Sie beauftragt! Aber =da capo= brüllen, was Sie können. Sie muß noch einmal springen, daß mir der Rebe fertig wird.«

»Der Rebe?«

»Er spielt den Hamlet.«

»Daß Dich die Milz sticht!« rief Peters -- »der Rebe?...«

»Fort mit Ihnen, fort! Wenn die da fertig mit Hopsen ist, ehe Sie unten im Parterre sind, ziehe ich Ihnen eine halbe Monatsgage ab.«

»Dös a noch!« sagte Peters, indem er seinen Blumenflor aufpackte und wie ein Pfeil damit dem Ausgang zuschoß. Dabei murmelte er: »Ob er mir nur je im Leben damit gedroht hätte, er wollte mir eine halbe Monatsgage zulegen -- Gott bewahre! Nicht einmal ein Paar neue Stiebeln setzt's, und die hab' ich mir schon heute durchgelaufen! 's doch 'was Schönes um's Theater, besonders wenn man nur die Laufereien zu besorgen hat und Allerwelts-Packträger ist -- Blumenwerfen, =da capo-=Schreien -- es ist erstaunlich, was nicht Alles von einem Theaterdiener verlangt wird! Und der Rebe den Hamlet!« setzte er hinzu, indem er die jetzt vollkommen leeren Treppen bis zum zweiten Rang emporflog -- »da werd' ich nachher wohl auch noch zu der Hökerin hinüber und einen Korb voll fauler Aepfel zum Einkaufspreis besorgen müssen.«

Peters war übrigens ein durchaus brauchbarer Mensch in jeder Branche und entledigte sich seines Auftrages vollkommen. Während er da oben noch Ordre gegeben hatte, auch von dort aus einen energischen =da capo-=Ruf erschallen zu lassen, wofür sogar der Logenschließer gewonnen worden, stürzte er hinunter in's Parterre, um die nöthigen Hülfstruppen zusammen zu bringen.

Das Publikum indessen, das zum Anfang eine ernste Tragödie erwartet hatte, war im Beginn des Tanzes überrascht und verhielt sich ziemlich passiv, trotzdem daß die junge Dame einige ganz verzweifelte Sprünge ausführte und eine Fertigkeit im Drehen und Beinwerfen entwickelte, die in Haßburg in dieser Gewandtheit noch nicht gesehen worden. Noch immer hatte sich aber keine Hand gerührt, bis endlich der Erbprinz selber, wenn auch kaum durch das Zusammenklopfen seiner Fingerspitzen, ein wenigstens sichtbares Zeichen der Zufriedenheit gab. Jetzt legte sich das Parterre in's Geschirr, das auf diesen Anfang nur gewartet zu haben schien, und Fräulein Bellachini warf einen halb schmachtenden, halb dankenden Blick nach der Hofloge hinauf.

Krüger sah von alledem nichts, denn eben hatte er den eintreffenden Meier erspäht, den er mit ungeduldigen Geberden in's Conversationszimmer winkte.

Meier sah wirklich kläglich aus; er trug, trotz der warmen Witterung, einen alten, sehr abgenutzten und an den Aermeln sogar beschädigten Flausrock. Dabei hatte er sich den Backen mit einem dicken weißen Tuch verbunden, in dem sogar möglicher Weise noch ein Umschlag lag, und um vielleicht seinen Zustand noch etwas bedenklicher darzustellen, hielt er sich sogar den Backen, als er zu seinem Vorgesetzten in das Conversationszimmer trat.

Dieser aber schien auf seine Verfassung nicht die mindeste Rücksicht zu nehmen, und kaum hatte er ihn im Zimmer, so rief er ihn an:

»Meier, das ist ein Glück, daß Sie zu Hause waren -- Sie müssen heut Abend den Güldenstern spielen!«

»Nicht um eine Million!« rief Meier tragisch.

»Ich gebe Ihnen zehn Thaler Spielhonorar!«

»Baar oder Abzug vom Vorschuß?«

»Baar -- in die Hand -- heut Abend noch!«

»Es geht nicht, Herr Director -- ich kenne die Rolle gar nicht...«

»Die paar Worte lernen Sie im ersten Acte -- Sie kommen erst im zweiten vor, und werden nachher gleich in England umgebracht.«

»Da bringen Sie mich lieber gleich um -- mit _den_ Zahnschmerzen kann ich nicht Komödie spielen.«

»Ich lasse Ihnen den Zahn ausreißen...«

»Danke Ihnen, das kann ich selber, und in der Rolle steht doch wahrhaftig nicht, daß der Güldenstern einen dicken Backen hatt.«

»Es ist ein Hofmann -- warum soll ein Hofmann nicht eben so gut einen dicken Backen haben, wie ein anderer Mensch?« rief der Director.

»Aber der Rebe spielt ja den Güldenstern -- was ist denn mit dem los?«

»Der Rebe spielt den Hamlet -- Handor ist fort, Gott weiß wohin, hat sich wenigstens heut Abend nicht sehen lassen...«

»Der Rebe spielt den Hamlet?«

»Schreien Sie nicht so, man hört ja jedes Wort draußen -- und wenn der _die_ Rolle übernommen hat, werden Sie doch wahrhaftig die paar Worte sprechen können!«

»Jetzt bitt' ich aber zu grüßen, Rebe den Hamlet, da wird Mauser wohl als Geist debutiren.«

»Also Sie spielen?«

»Aber, bester Herr Director, der Rheumatismus ist mir in das Kreuz geschlagen und ich kann das linke Hinterbein nicht mit fortbringen; ich hinke wie ein Invalide.«

»Es steht nirgends in der Rolle, daß Güldenstern nicht hinkt; hinken Sie in Gottes Namen, aber machen Sie, daß Sie in die Garderobe kommen und sich anziehen.«

»Na, das wird gut gehen, aber ich habe noch nicht einmal meine Rolle, und da fällt der Vorhang schon wieder.«

»Rebe hat sie, in Handor's Garderobe, lieber, bester Meier. Zehn Thaler baar! so viel Spielhonorar haben Sie in Ihrem ganzen Leben noch nicht gehabt!«

»Das weiß Gott! Na, meinetwegen;« stöhnte Meier, »wenn es denn einmal auf meinen Ruin abgesehen ist, mir kann's recht sein!« Und mit dem Kopf schüttelnd, begab sich der unglückliche, frisch geworbene Güldenstern nach hinten und brummte unverständliche Verwünschungen über das verdammte »Mimen« in den Bart.

Und draußen wirkte Peters.

Kaum war der Vorhang gefallen, als ein Paar riesige Hände zusammenschlugen und eine scharfe Stimme =da capo!= brüllte, Andere stimmten bei, und das Parterre, leicht geneigt, einem solchen Beispiel zu folgen, fiel endlich, wenn auch nicht gleich in Uebereinstimmung, in den Beifall ein. Auch auf der rechten Seite des zweiten Ranges wurde der Ruf =da capo= laut, aber noch vereinzelt und von einer ganz unsichtbaren Stimme; aber der Vorhang zögerte noch wieder aufzugehen, und nun wurde das Publikum ungeduldig.

»Bellachini 'raus, Bellachini 'raus!« schrieen Einzelne -- »=da capo!=« tönte der Ruf wieder, »=da capo!=« ging das Echo von da und dort, und als der Vorhang jetzt rasch in die Höhe rollte und das junge, reizende Mädchen mit einem wilden Sprung noch einmal auf der Bühne erschien, brach der Beifall stürmisch aus.

»Musik, Musik!« schrie der Director, der selber hinunter an die Orchesterthür gelaufen war -- »noch einmal anfangen -- rasch!«

Alle Musici wiederholten die Worte -- der Kapellmeister sah sich nach der Thür um und bemerkte das erhitzte Gesicht seines Directors, der Tactstock hob sich, und die Tänzerin, von der Musik überhaupt hingerissen, begann noch einmal, während es jetzt von oben Kränze und Bouquets ordentlich niederregnete.

Krüger aber brach im Conversationszimmer auf dem Sopha zusammen und stöhnte:

»Und wenn ich so alt würde wie Methusalem, an _den_ Abend will ich denken!«

19.

Der Verlobungsabend.

Und wo war Handor indessen?

Er hatte den Nachmittag dieses Tages in fieberhafter Unruhe und Ungeduld verbracht, denn er stand an einem Wendepunkt seines Lebens, und die nächsten Stunden mußten entscheiden, ob es zum Guten oder zum Bösen neigen würde.

Liebte er Paula wirklich und aufrichtig? Er hatte an sein eigenes Herz noch nie die Frage ernst gestellt, denn er wußte, daß es keiner solchen Neigung fähig sei. Er liebte nur sich selbst; nur sein eigener Ehrgeiz, sein eigenes Wohlbefinden stachelte ihn an, und das liebliche Grafenkind mit einer halben Million im Hintergrunde reizte natürlich seine Begierden. Er merkte bald, daß er einen Eindruck auf sie gemacht; die Aufstellung eines Liebhabertheaters bot ihm erwünschte Gelegenheit, ihr in einer Weise zu nahen, die ihm unter anderen Verhältnissen unmöglich gewesen wäre, und Paula, überhaupt sinniger und schwärmerischer Natur, glaubte in ihm das Ideal ihres Lebens gefunden zu haben.

Daß er an Rang, Vermögen und Bildung tief unter ihr stand, achtete oder sah sie nicht; die Klagen des routinirten Liebhabers rührten ihr Herz und machten ihr Mitleid mit seinen erheuchelten Leiden rege. Die übermäßige und unvernünftige Strenge dabei, mit der sie von einer hartgesottenen Gouvernante bewacht wurde, reizte sie zum Widerstande, und sie vergaß sich zuletzt so weit, dem Geliebten heimlich Zusammenkünfte zu gestatten.

Sie allerdings sah darin nichts Arges; ihr Herz hatte sich ihm so rein und voll hingegeben, so gut und lieb und brav erschien er ihr in allen Stücken, daß sie ihm auch mit ihrer Liebe ihre Ehre anvertraute und selig träumend Monden lang an einem Abgrund stand.

So verschlossen aber ihr dabei sein wahres und inneres Gemüth geblieben, so vollkommen hatte ihr Handor in das, keines falschen Gedankens fähige Herz gesehen und bald gefunden, daß sie an ihm mit der ganzen Kraft ihrer Seele hange. Er war ihre erste heilige Liebe; sie fühlte das Bedürfniß einer Brust, in die sie die Gefühle der ihrigen ausgoß, sie fühlte das Bedürfniß, zu lieben und zu vertrauen, und da ihre eigene Mutter wohl stets freundlich, aber nie, nie herzlich mit ihr war, ihr nie gestattete, ihr so zu nahen, wie ein Kind der Mutter nahen soll, und besonders alle Gemüthsbewegungen als mit ihren Nerven nicht verträglich auf das Sorgfältigste mied und von sich hielt, wuchs diese Liebe Paula's zu dem einzigen Wesen, dem sie sich ganz und ungetheilt hingeben konnte, endlich zu einer Leidenschaft an, die sie selbst erschreckt haben müßte, wenn sie sich je derselben klar geworden wäre.

Handor benutzte das mit kalter Berechnung. Er wußte recht gut, daß der stolze Graf nie seine Einwilligung zu der Verbindung seiner einzigen Tochter mit einem bürgerlichen, pfenniglosen Schauspieler geben würde, so lange er nicht _mußte_, aber er zweifelte auch keinen Augenblick, daß er sich endlich, dazu gezwungen, fügen und sein Kind nicht verstoßen oder ihm doch jedenfalls eine Summe zur Verfügung stellen würde, die dem Rang der jungen Gräfin entsprechend war -- und mehr verlangte er nicht. Damit hatte er Alles erreicht, was er wollte, und dahin arbeitete er jetzt.

In Haßburg konnte er sich doch nicht länger halten. Seine Schulden waren zu einer Höhe angewachsen, die selbst des Versuches spottete, sie zu decken, und die Geduld seiner Gläubiger hatte sich erschöpft. Der nächste Monat schon konnte deshalb eine Katastrophe herbeiführen, die Alles vernichtete, was er bis dahin aufgebaut, und so scheu er den entscheidenden Schritt bis jetzt noch immer hinausgeschoben, so wurde er selber nun dazu gedrängt.

Der Erste des Monats nahte, für den er die volle Gage theils schon verschleudert hatte, theils noch in der Tasche trug; Rebe hatte ihm schon seinen Secundanten geschickt, er konnte ihm nicht ausweichen, die Verlobung kam dazu, und Paula hatte ihm gesagt, daß Vater und Mutter ganz im Stillen ihre Vorbereitungen träfen, um gleich am andern Morgen Haßburg auf längere Zeit mit ihr zu verlassen. Da erhielt er noch von Paula durch die Post einen Brief, den sie der Terrasse nicht hatte anvertrauen mögen, und er erhielt die wenigen, inhaltschweren Worte:

»Wir müssen fliehen. Das Schrecklichste ist geschehen -- ich bin elend mein ganzes Leben. Sei heute Abend vor neun Uhr mit einem Wagen am Drahtthor des Parks. Jetzt auf ewig die Deine.«

Und heute Abend »Hamlet«! Handor lachte bitter vor sich hin, doch sein Director machte ihm wenig Sorge. Mit dem Brief war aber die Entscheidung seines eigenen Geschickes unmittelbar in seine Hand gelegt, und es blieb ihm keine Wahl mehr.

Den Brief verbrannte er augenblicklich, dann ging er wohl eine halbe Stunde mit raschen Schritten in seinem Zimmer auf und ab. Das Ob kam nicht mehr in Frage, nur das Wie, und darüber brütete er jetzt. Daß er ein Wesen elend gemacht, zu dem er wie zu einer Heiligen hätte aufschauen sollen, trübte nicht einen seiner Gedanken. Sie war jetzt sein, und nur mit Umsicht mußten die Schritte geschehen, eine Vereitelung ihrer Flucht zu vermeiden, und dann, wenn er sich in Sicherheit wußte, den alten Starrkopf von Vater zu beugen -- oder zu brechen -- es galt ihm ziemlich gleich. -- --

Der Abend dämmerte; im Schloß des Grafen Monford waren alle nöthigen Vorbereitungen getroffen, und die Gäste konnten jetzt jeden Augenblick eintreffen. Die Gräfin selber stand schon fertig angezogen unten im Empfangssaal, von dem aus links eine Reihe prachtvoller Zimmer lag, deren Flügelthüren alle weit offen standen, während sich rechts der große Salon befand, in dem gewöhnlich gespeist wurde.

Paula war noch nicht da, und ihre Mutter ging ein paar Mal auf und ab. Endlich betrat Mademoiselle Beautemps das Zimmer.

»Ist meine Tochter noch nicht fertig?«

»Ich bedauere, Ihnen nichts Bestimmtes darüber sagen zu können, Frau Gräfin,« bemerkte die Französin achselzuckend; »die Comtesse hat sich so vollständig von mir losgesagt, daß ich nicht einmal mehr ihr Boudoir betreten darf. Ich hatte mir auch vorgenommen, Sie zu bitten, mich, obgleich meine Verpflichtung eigentlich noch einige Monate länger dauert, schon morgen zu entlassen, da ich sehe, daß ich hier nicht allein vollkommen nutzlos, sondern auch ein -- Gegenstand steigender Unzufriedenheit bin. Sie werden selber begreifen, daß unter solchen Verhältnissen meine Stellung keine angenehme sein kann.«

»Liebe Beautemps, Sie sehen die Sachen mit zu schwarzen Farben.«

»Ich sehe sie leider, wie sie wirklich sind, und die gnädige Gräfin würden mich -- und ich glaube, auch die Comtesse -- sehr verpflichten, wenn Sie meiner Bitte Gehör schenken wollten.«

»Nun gut, ich werde mit dem Grafen Monford darüber sprechen.«

»Dann erlauben Sie mir noch, Frau Gräfin, Sie auf eine Entdeckung aufmerksam zu machen, zu der mich heute der Zufall brachte; sie betrifft die Comtesse.«

»Eine Entdeckung?«

»Als ich heute Morgen die Comtesse auf der Terrasse suchte, überraschte ich sie, wie sie einen kleinen, rosafarbenen Brief las. Sie erschrak, als sie mich hörte, und drückte das Papier so fest in der Hand zusammen, daß ich es nicht wieder zu sehen bekam.«

»Und was glauben Sie, daß es war?«

»Was es war? Ein Liebesbrief, =sans doute=.«

»Und von wem? Doch jedenfalls von ihrem Verlobten?«

»Weshalb dann das Geheimnißvolle gegen mich? Warum erschrak sie, wenn sie ein reines Gewissen hatte?«

»Das ist nicht möglich!« rief die Gräfin rasch.

»Nicht möglich?« sagte achselzuckend die Gouvernante; »glauben Sie mir, Frau Gräfin, Sie wissen noch gar nicht, was bei einem so jungen, unerfahrenen Mädchen unmöglich ist. Ich kenne das, und so lange ich die Aufsicht über die Comtesse und die Ueberwachung der jungen Dame in meinen Händen hatte, konnte ich Ihnen für Alles, was geschah, gut stehen. Da mich aber der Herr Graf durch einen Machtspruch derselben enthoben, darf ich auch nicht mehr für die Folgen verantwortlich gemacht werden.«

Die Gräfin hatte still und schweigend vor sich niedergesehen. Die Französin wollte morgen ihr Haus verlassen, und sie wußte, daß sie auf deren Verschwiegenheit in einer so zarten Sache, die ihre Familie betraf, nicht rechnen konnte. Es mußte deshalb auf dieser Seite jeder Verdacht zerstört werden, und sie sagte jetzt, die Gouvernante forschend ansehend:

»Ein grünfarbiges Papier hatte sie in der Hand?«

»Nein, Frau Gräfin, ein rosafarbenes, ich habe es deutlich erkannt.«

»Rosafarben? Dann, liebe Beautemps,« lächelte die Gräfin, »war es der nämliche Zettel, den ich ihr heute Morgen gegeben und der weiter nichts enthielt, als das Verzeichniß einiger Sachen, die wir zu unserer in nächster Zeit beabsichtigten Reise mitnehmen wollten. Ich habe es Paula aufgeschrieben, damit nicht immer etwas vergessen wird.«

»Gnädige Gräfin, das Papier sah nicht aus wie ein Verzeichniß,« rief die Gouvernante, die sich an ihren Verdacht klammerte.

»Es war auf meinem Rosabriefpapier geschrieben.«

»Es sah dunkler aus.«

»Wollen Sie eine Schattirung draußen im Freien und in einem solchen Moment erkennen?« lächelte die Gräfin. »Nein, liebe Beautemps, dieses Mal haben Sie einen falschen Verdacht, denn ich gab es Paula ein paar Minuten vorher, ehe ich fortfuhr, und sie wird es dort gelesen haben. Uebrigens danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, und ich würde selber auf Paula strenge Obacht haben, wenn nicht mit dem heutigen Abend ein jeder solcher Verdacht von selber aufhören müßte. Sie werden begreifen, daß man ihn nachher nicht einmal mehr äußern dürfte, ohne das Kind aus das Tödtlichste zu beleidigen.«

»Aber, Frau Gräfin,« rief die Französin, »ich kenne Beispiele, wo nach der Verlobung, ja, sogar nach der Trauung...«

»Lassen wir das,« wehrte die Gräfin ab, der das Gespräch unangenehm wurde; »hier mit Paula haben Sie sich geirrt, und ich werde, um Sie selber zu überzeugen, mir nachher den Zettel von ihr geben lassen.«

»Wie die Frau Gräfin befehlen,« sagte die Gouvernante kalt, aber höflich, und ordnete die Lichter auf den verschiedenen Tischen, wegen deren sie hereingekommen war.

Und Paula kam noch immer nicht. Die Gräfin stand einige Minuten ungeduldig in der offenen Thür, drehte sich dann um und schritt langsam in das nächste Zimmer hinein, von dem ein Ausgang zu Paula's Boudoir führte. Dort klopfte sie leise an, und Paula öffnete selber.

»Meine Mutter!« rief sie erstaunt.

»Bist Du fertig, mein Kind? Das ist recht; es wird auch in der That die höchste Zeit, denn es hat schon geschlagen und unsere Gäste müssen jeden Augenblick eintreffen. Aber Du siehst recht bleich aus, Paula; Du hättest wahrhaftig ein klein wenig =rouge= auflegen sollen.«

»Meine Mutter!« rief Paula und wollte sich in überströmendem Gefühl an ihre Brust werfen.

»=Ma fille=,« rief aber die Mutter, erschreckt zurücktretend, »Du zerdrückst mir den ganzen Kragen, ich bin ja in voller Toilette, Kind! Komm, komm, das geht nicht, diese Aufregung paßt nicht für einen Moment, wo man eben Gäste empfangen will. Und Thränen -- um Gottes willen, Du wirst im Saal mit rothen Augen erscheinen, und was soll dann Dein Verlobter von Dir denken?«

Paula faßte ihr Herz mit der Hand, als ob es zerspringen wollte, -- sie vermochte kein Wort darauf zu erwidern.