Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«

Part 2

Chapter 23,715 wordsPublic domain

»Ja -- vielleicht. -- So lange sie allein stehen und gesund bleiben, schlagen sie sich durch, und der Leichtsinn, der ein glückliches Erbe dieses Standes ist, hilft ihnen über manches Schwere hinweg. Verheirathen sie sich aber und kommt Familie dazu, dann tritt nur zu häufig der furchtbare Ernst des Lebens an sie heran und sie leiden oft, ohne eine Stätte, wohin sie ihr Haupt legen können, die bitterste Noth. -- Aber ich brauche Dir das gar nicht weiter zu bestätigen; Du siehst es selber hier fast jede Woche, denn keine vergeht, wo nicht Einer oder der Andere hier durchkommt und sein Leben mit Collectenmachen fristet -- nur um den nagenden Hunger zu stillen, nur um der dringendsten Noth abzuhelfen. Jeder Thaler aber, der ihnen gereicht wird, ist doch nur ein Tropfen Wasser auf einen heißen Stein und ihres Jammers kein Ende -- kannst Du es mir und dem Onkel verdenken, wenn wir Dich vor einem solchen Schicksal bewahrt wissen wollen?«

»Liebe Mutter!«

»Aber wir schwatzen und schwatzen hier,« brach die Frau plötzlich ab, »und es wird indessen spät; da schlägt es wahrhaftig schon zehn Uhr -- Kind, Du mußt nach dem Mittagessen sehen, sonst wird der Onkel nachher böse, wenn es nicht zur rechten Zeit auf dem Tisch steht.«

»Ja, ja, Mama,« rief Henriette, schob ihre Arbeit rasch bei Seite und ging hinaus in die Küche. Die Mutter sah ihr sinnend nach, stützte dann den Kopf in die Hand und seufzte leise, aber recht aus tiefster Seele herauf:

»Oh, daß wir so arm sind!« --

Pfeffer hatte indessen sein unter der Zeit vollständig gelüftetes Zimmer wieder betreten und die Thür geschlossen, als es anklopfte.

»Guten Morgen, Herr Pfeffer,« sagte in diesem Augenblick der junge Rebe, welcher auf der Schwelle erschien, »ich störe doch nicht?«

»Woher vermuthen Sie das, mein sehr verehrter Herr Horatius Rebe, wenn man fragen darf?« brummte Pfeffer, dessen Laune sich noch nicht im Geringsten gebessert hatte.

»Weil ich Sie so deutlich erkennen kann,« lächelte der junge Mann, »denn wenn Sie tüchtig arbeiten, haben Sie auch gewöhnlich eine dem entsprechende Wolke um sich her.«

»Das Rauchen ist Ihnen doch nicht unangenehm?« fragte Pfeffer verbindlich und mit einer Bewegung, als ob er seine Pfeife gleich in die Ecke stellen wollte.

»Mein guter Herr Pfeffer,« sagte Rebe mit einem wehmüthigen Zug um die Lippen, »ich weiß sehr wohl, daß mir nichts unangenehm sein darf -- übrigens würde ich selber wieder rauchen, wenn meine Gage nur ein klein wenig höher wäre.«

»So -- und was verschafft mir da heute die Ehre Ihres Besuches?«

»Ich sehe, Sie sind heute nicht in glücklicher Stimmung,« sagte Rebe -- »kann ich vielleicht die Damen sprechen?«

»Nein,« brummte Pfeffer -- »meine Schwester ist krank und Jettchen pflegt sie.«

»Doch nicht ernstlich?«

»Allerdings, sie pflegt sie ganz ernstlich.«

»Nein, ich meine...«

»Wünschen sie sonst noch etwas?«

»Mein lieber Herr Pfeffer, sagen Sie mir nur, weshalb Sie mich heute so schrecklich ablaufen lassen,« bat Rebe herzlich, indem er auf ihn zuging und seine Hand zu ergreifen suchte, die Pfeffer aber in die Tasche steckte -- »habe ich Ihnen etwas zu Leide gethan?«

»Nein -- noch nicht -- aber Sie wollen es!« brummte mürrisch der Mann.

»Ich will es?«

»Ja -- Sie verdrehen dem Mädel, dem Jettchen, den Kopf!«

»Aber, bester Herr Pfeffer!«

»Können Sie eine Frau ernähren?«

»Noch nicht, aber ich hoffe...«

»Hoffe -- alberne Redensart -- hoffe, hoffe -- dafür giebt Ihnen kein Mensch einen Pfifferling, viel weniger eine ganze Haushaltung! Wie lange sind Sie schon beim Theater?«

»Seit einem Jahre -- seit ich hier bin!«

»Hm -- und was waren Sie früher?«

»Ich habe studirt.«

»Nun ja, das dachte ich mir ungefähr, und nachdem Sie Ihren Eltern das schwere Geld gekostet, laufen Sie zum Theater -- nein, es ist ganz unglaublich, wie verrückt manche Menschen sind, studirt bis in die blaue Pechhütte hinein, nur um nachher die Geschichte an den Nagel zu hängen und in der Welt herum zu fahren! Wofür haben Sie nun studirt?«

»Und glauben Sie wirklich, daß mir das als Schauspieler verloren wäre?« lächelte Rebe. »Hier gerade kann es mir bedeutend nützen, und wenn meine Liebe zur Kunst...«

»Jetzt hören Sie auf,« schrie Pfeffer -- »Liebe zur Kunst -- wenn ich den Blödsinn nur nicht mehr hören müßte -- Liebe zur -- ich hätte bald 'was gesagt, Herr Horatius! -- Apropos, ist der Horatius etwa Ihr Theatername, und glauben Sie, daß er sich besonders hübsch auf dem Zettel ausnehmen soll, wenn es zum Beispiel heißt: Horatio, Herr Horatius Rebe?«

»Ich bin so getauft,« lächelte der junge Mann, »und -- möchte mich doch auch nicht gern wieder umtaufen.«

»Aber Sie haben doch, zum Teufel, auch noch andere Namen!« rief Pfeffer. »Weshalb nehmen Sie nicht einen von denen?«

»Allerdings, Herr Pfeffer,« sagte Rebe etwas verlegen, »aber die anderen klingen eben auch nicht besser. Ich heiße mit meinem vollen Namen Horatius Scipio Quintus.«

»Nanu bitt' ich aber zu grüßen!« rief Pfeffer erstaunt. »Weiter nichts?«

»Mein Vater war ein armer Schullehrer,« fuhr Rebe fort, »der für die Alten schwärmte -- er ist lange todt,« fügte er leise hinzu, »und ich mochte ihn nicht dadurch noch im Grabe kränken, daß ich den ihm einst lieb gewesenen Namen verwarf.«

»Sehr ehrenwerth, Herr Horatius Cocles -- Rebe, wollt' ich sagen,« brummte Pfeffer, »aber ich glaube, Sie haben Ihren todten Papa noch viel mehr damit gekränkt, daß Sie unter die Komödianten gegangen oder, wenn Ihnen der Ausdruck besser gefällt, _Mime_ geworden sind. Keinesfalls hätten Sie zu studiren gebraucht, um ein schlechter Schauspieler zu werden.«

»Aber ich hoffe ein guter zu werden, Herr Pfeffer.«

»Da haben wir wieder die Hoffnung, und indessen beschäftigen Sie sich mit Hinaustragen von Stühlen und Ableiern von kleinen Rollen!«

»Weil ich keine größeren bekommen kann!« rief Rebe. »Ist denn der Director auch nur dazu zu bewegen, mir einmal einen Versuch zu gestatten? Erlaubt er mir denn nur ein einziges Mal, zu zeigen was ich wirklich kann? Ach, mein bester Herr Pfeffer, wenn Sie es nur ein einziges Mal dahin bringen könnten, daß ich...«

»Bleiben Sie mir vom Leibe,« rief Pfeffer; »ich habe mit der ganzen Schmiere nichts zu thun! Ich spiele meine Rolle ab, und damit Basta -- wenn Ihnen eine von denen zusagen sollte, mit dem größten Vergnügen -- in das Andere mische ich mich nicht. So viel sage ich Ihnen aber: -- hier -- wenn Sie wirklich Talent hätten -- kommen Sie zu nichts; Handor spielt Alles, also eine Aussicht bleibt Ihnen nicht, und deshalb bitte ich Sie sehr ernstlich, daß Sie dem armen Mädchen, dem Jettchen, keine weiteren Sparren in den Kopf setzen!«

»Aber, bester Herr Pfeffer!«

»Ich glaube, Sie haben mich verstanden?«

»Vollkommen!«

»Schön, dann brauchen wir auch weiter nichts darüber zu reden, und ich...«

Er wurde hier unterbrochen, denn in dem Moment flog die Thür auf und herein stürzte in größter Eile und mit einem »Allerseitigen Guten Morgen« Fräulein Bassini, Pfeffer's älteste Schwester, ebenfalls Mitglied des hiesigen Stadttheaters -- mit einem riesigen Toupet von hochrothen Locken, dabei decolletirt und sehr phantastisch angezogen. Sie machte auch nicht viel Umstände.

»Fürchtegott,« rief sie, »ich habe meine Dose vergessen und muß in die Probe -- borg' mir die Deinige.«

Fräulein Bassini -- wie sie mit ihrem Theaternamen hieß, da ihr der Name Pfeffer zu prosaisch klang -- spielte Charakter- und Anstandsdamen. Sie war aber »jeder Zoll eine Schauspielerin« und, wenn auch schon im Anfange der Vierzig -- was sie übrigens hartnäckig leugnete --, doch noch so liebenswürdig kokett, wie ein junges Mädchen von siebzehn Jahren.

»Schon wieder einmal,« sagte Pfeffer, wie es übrigens schien, nicht sehr erbaut von dem Ueberfall; »merkwürdig, daß Du nie etwas von Deiner Auftakelei vergißt. Frauenzimmer, wie siehst Du heute Morgen wieder aus -- gerad' wie ein Pfingstochse!«

»Du bist und bleibst ein Grobian!« rief Fräulein Bassini, indem sie ohne Weiteres die auf dem Tisch stehende Dose an sich nahm und einsteckte -- »was müssen denn nur andere Leute von Dir denken. -- Guten Morgen, Herr Rebe!«

»Und willst Du nicht einmal zu Deiner Schwester hinübergehen? Sie ist nicht recht wohl.«

»Es hat schon zehn Uhr geschlagen, und ich komme im ersten Act,« rief Fräulein Bassini, und damit war sie aus der Thür verschwunden.

Als sie dieselbe öffnete, sah Rebe draußen in der Küche Henriette stehen.

»Also, mein lieber Herr Pfeffer?«

»Nun, ich denke, Sie haben auch Probe; Sie machen ja wohl einen von den Ballgästen?«

»Leider,« seufzte der junge Mann, »aber ich komme erst am Schluß des zweiten Actes.«

»War mir sehr angenehm,« sagte Pfeffer mit einer Miene, als ob er ihn eben so lieb wie nicht zur Thür hinausgeworfen hätte.

Rebe machte eine Verbeugung und verließ das Zimmer. Wie er die Thür hinter sich zudrückte, traf er vorn in der kleinen, halbdunkeln Küche, die ihr Licht nur durch ein Thürfenster des Vorsaales erhielt, Jettchen.

»Mein liebes Fräulein, ich danke meinem Schicksal, daß ich Ihnen wenigstens Guten Morgen sagen kann.«

»Guten Morgen, Herr Rebe,« erwiderte Henriette leise.

»Ihre Frau Mutter ist nicht wohl?«

»Hoffentlich nur eine Erkältung.«

»Hoffentlich -- und Sie arbeiten so fleißig?«

»Ich muß ja wohl.«

»Sie glauben nicht, wie lang mir der gestrige Tag geworden ist -- wie lang mir mein übriges Leben werden wird.«

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte Jettchen leise.

»Ihr Onkel hat mir mit ziemlich deutlichen Worten das Haus verboten -- und ich fühle selber, daß er dabei in seinem Rechte ist. Zürnen Sie mir nicht, mein liebes Jettchen, wenn ich seinem Befehl gehorche -- ich sehe ein, daß es sein muß.«

Drinnen im Zimmer klingelte es.

»Die Mutter verlangt nach mir,« rief das junge Mädchen.

»Leben Sie wohl,« Jettchen, sagte Rebe und reichte ihr die Hand, die sie schüchtern nahm -- aber wieder klingelte es -- und sich losreißend, flog sie in das Zimmer zurück. Horatius Rebe aber sah ihr wehmüthig nach und verließ dann in einer recht gedrückten und traurigen Stimmung das Haus, welches er kurz vorher so freudig betreten hatte.

2.

Unter den Buden.

Der Wagen mit dem jungen Paar und den Kindern, der vorhin Henriettens Aufmerksamkeit erregt, fuhr noch eine Strecke durch das Menschengewühl im Schritt, bis er einen freieren Platz erreichte. Dort ließ der Kutscher die Pferde ein wenig austraben, und bald hielt das leichte Fuhrwerk vor einem nicht sehr großen, aber außerordentlich freundlich gelegenen herrschaftlichen Haus, an dessen Gartenpforte schon verschiedene dienstbare Geister standen, um die erwartete Herrschaft in Empfang zu nehmen.

Der junge Mann war, wie nur der Wagen hielt, rasch zuerst hinausgesprungen, und seine beiden Kleinen aufnehmend und den herbeieilenden Mädchen übergebend, half er der jungen Frau ebenfalls aus dem Wagen -- aber sie bedurfte kaum seiner Hülfe.

Es war eine reizende, schlank gewachsene Gestalt, mit wundervollen goldblonden Haaren und lebendigen, aber doch so seelenvollen Augen, die aber kaum ihre Hand auf seinen Arm stützte, so leicht sprang sie selbst von dem Wagen herab. Aber unten blieb sie stehen, und einen halb neugierigen, halb ängstlichen Blick umherwerfend, sagte sie mit leiser, fast zitternder Stimme:

»Und sind wir denn wirklich hier in Haßburg, Felix? Haben wir endlich unser lang ersehntes Ziel erreicht?«

»Haßburg, gewiß,« lächelte ihr Gatte, indem er ihren Arm in den seinen zog und, von den Kindern und den Dienern gefolgt, dem Hause zuschritt -- »und alles Andere wird sich auch wohl fügen. Jetzt aber, herziges Frauchen, zeige ich Dir vor allen Dingen unsere neue Heimath, und hoffe gewiß, daß Du mit mir zufrieden sein sollst.«

»Mein guter Felix -- Du sorgst so für Alles!«

»Du wirst mir bezeugen müssen,« lächelte ihr Gatte, »daß ich mich diesmal selbst übertroffen habe.«

Und in der That hatte er nicht zu viel versprochen. Das freundliche Haus, das mitten in einem reizenden, wohlgepflegten Garten stand, glich einem kleinen Paradies. Alles war dabei wohl reich und ihrem Rang entsprechend, aber auch so einfach und geschmackvoll hergerichtet, daß, wie er mit seiner Gattin die Räume durchschritt, Helene, die junge Gräfin Rottack, kaum Worte fand, ihm dafür zu danken.

So durchwanderten sie das ganze Haus, und endlich, als sie so ziemlich Alles besichtigt hatten, traten sie hinaus auf einen kleinen eisernen Balkon. Hier aber eröffnete sich ihnen ein wunderliebliches Landschaftsbild nach den, Haßburg umschließenden Hügeln und Hängen hinüber, und Helene, von der Aussicht wirklich entzückt und überrascht, flüsterte, indem sie ihr Haupt an des Gatten Schulter schmiegte:

»Wie soll ich es Dir danken, Felix, daß Du so meinen kleinsten, vielleicht thörichten Wunsch erfüllt? Wie soll ich überhaupt je im Leben das wieder gut machen, was Du schon in den wenigen Jahren für mich -- für das arme, freundlose Kind -- für die Waise gethan? -- Ich weiß es nicht -- mein ganzes Herz ist nur erfüllt von dem Einen Gefühl des Dankes, der Liebe für Dich, Du guter Mann!«

»Meine Helene -- mein liebes Herz!« rief Graf Rottack, sie an sich pressend -- »wer von uns ist dem Andern denn mehr zu Dank verpflichtet, Du mir, oder ich Dir? Was anders habe ich gethan, als nur die Liebe erwidert, die Du mir entgegenbrachtest, während Du Dein ganzes Glück, Dein ganzes Leben vertrauensvoll in meine Hände legtest!«

»Mein Felix!«

»Was wäre aus mir geworden,« fuhr der junge Mann fort, sie immer noch in seinem Arm haltend, »wenn Du Dich damals meiner nicht angenommen? In einer Stimmung, die mich der tollsten Streiche fähig machte, wäre ich vielleicht zu Grunde gegangen. Du allein hast mich dem Leben erhalten, und gebe nur Gott, daß ich Dir, armes Herz, auch den Frieden wiedergeben könne, nach dem Du Dich sehnst -- daß ich Dir das Einzige verschaffe, was bisher nicht in meinen Kräften stand -- die Liebe Deiner Mutter!«

»Und hast Du jetzt nicht den Schritt gethan, der uns ihr näher bringen mußte?« sagte Helene herzlich.

»Ja, mein Schatz,« erwiderte Graf Felix, indem er sie losließ und sich mit der Hand wie verlegen durch die dunkeln Locken fuhr -- »aber -- ich möchte nicht, daß Du Dich dadurch zu großen Erwartungen hingäbst, und ich -- fürchte -- wir sind jetzt gerade noch so weit von unserem Ziel entfernt, wie früher.«

»Du hast kein Vertrauen zu ihr...«

»Aufrichtig gesagt, nein,« erwiderte ihr Gatte. »Du weißt, daß die Gräfin Monford, als wir vor fünf Jahren aus Brasilien zurückkehrten, mit ihrem Gatten auf Reisen war und sich drei Jahre lang in Italien, Griechenland und Egypten amüsirte. Dann kehrten sie auf wenige Monate zurück und gingen wieder nach Paris und London, so daß eben kein Halt an sie zu bekommen war. Jetzt endlich haben sie sich seit etwa sechs Monaten hier bei Haßburg auf ihrem alten Stammsitz niedergelassen, und ich war im Stande, die genauesten Erkundigungen über sie einzuziehen.«

»Und was können fremde Menschen über sie sagen?«

»Fremde Menschen wissen genau, wie sie sich fremden Menschen zeigt,« sagte Graf Rottack achselzuckend, »und wir selber müssen vollkommen darauf gefaßt sein, als Fremde von ihr behandelt zu werden.«

»Die eigene Tochter?«

»Liebes Kind, Du vergißt, daß sie Dich nicht öffentlich anerkennen _darf_, wenn sie sich nicht in den Augen der Welt vollständig compromittiren will. Graf Monford ist dabei nicht allein ein sehr reicher, sondern auch entsetzlich stolzer Herr, der an seinem Stammbaum mit einer Verehrung hängt, als ob ihn Gott der Herr damals dem Altvater Noah mit den ersten Weinreben in den Garten gepflanzt hätte. Einen Flecken darauf, sobald er nur eine Ahnung davon bekäme, würde er für mehr als ein Unglück, er würde ihn für das Verderben seines ganzen Hauses halten, und erhielte er die Gewißheit des Geschehenen, so zerrisse er -- glaube mir, ich kenne dergleichen Herren -- nachsichts- und erbarmungslos die Bande, die ihn an seine Gattin fesseln. Und seine Gattin weiß das, darauf kannst Du Dich verlassen.«

»Aber das Gefühl muß ja doch in ihr sprechen,« sagte Helene weich und herzlich.

Graf Rottack wollte etwas darauf erwidern, aber bezwang sich. Er hatte die Arme gekreuzt und starrte einen Augenblick sinnend auf die sonnenbeschienenen Hänge hinaus. Endlich wandte er das Antlitz wieder der ängstlich zu ihm aufschauenden Gattin zu und sagte, ihr freundlich in die Augen sehend: »Du weißt, meine Helene, daß ich bis jetzt Alles gethan habe, Deinen Wunsch zu erfüllen, Deinen Plan zu fördern. Es ist Alles geschehen, um uns _dem_ näher zu bringen -- die Entfremdung von Deiner Mutter zu heben; so laß uns aber, ehe wir den letzten Schritt dazu thun, auch die Sache vorher ruhig besprechen, damit Dich eine doch mögliche Enttäuschung Deiner Hoffnungen nachher nicht zu unerwartet faßt und erschüttert.«

»So glaubst Du wirklich...«

»Von Glauben kann noch keine Rede sein, mein Herz, aber Du weißt, wie Deine Mutter, nach jenem Fehltritt ihres Lebens, sich von Dir lossagte und von da an eigentlich weiter gar nichts für Dich that, als daß sie jener nach Brasilien gehenden Frau, der sie Dich vollständig überließ -- ein Kostgeld für Dich zahlte. Du entdecktest das Geheimniß und verließest jene Frau. Fest aber darfst Du davon überzeugt sein, daß diese Madame Baulen Deiner Mutter die Flucht ihres Kindes nicht angezeigt hat, sondern nach wie vor das Geld für Dich noch regelmäßig fortbezieht. Deine wirkliche Mutter muß Dich also noch immer in Brasilien glauben.«

»Ich bat Dich immer, ihr einmal zu schreiben,« sagte Helene leise.

»Um Gottes willen keinen Brief, Schatz!« rief ihr Gatte lächelnd. »Eine Sache, die man wirklich als Geheimniß wahren will, darf man nie einem Papier anvertrauen, denn kein Mensch kann wissen, wem ein solches Blatt einmal durch Zufall in die Hand geräth. Denke nur daran, wie Du selber das Geheimniß Deiner Geburt erfahren: nur dadurch, daß Deine Mutter diese nöthigste aller Vorsichtsmaßregeln versäumte, durch einen in Deine -- also in unrechte Hände gerathenen Brief. Nein, alles Derartige muß entweder mündlich oder gar nicht abgemacht werden, mündlich und ohne Zeugen, schon Deiner Mutter und deshalb auch Deinetwegen, und einmal habe ich den Versuch schon gemacht.«

»Du hast sie gesehen, Felix?« rief Helene rasch und geängstigt, »und mir kein Wort davon gesagt,« setzte sie leise und fast vorwurfsvoll hinzu, »war das recht?«

»Weil ich Dir nicht unnöthiger Weise weh thun wollte, Schatz.«

»Und was sagte sie?«

»Ich hatte mich ihrem Gatten und ihr, als ich damals das Haus kaufte, an einem dritten Orte vorstellen lassen und benutzte dann die Gelegenheit, nachdem der Kauf abgeschlossen, mich bei ihnen als Nachbar, in ihrer eigenen Wohnung, einzuführen. Natürlich war es nur eine Formvisite, aber es sollte auch zugleich eine vorläufige Probe sein, ob die Gräfin bei meinem Erscheinen irgend eine Bewegung zeigen würde. War das der Fall, so hätte Madame Baulen in Santa Clara ihr doch, und wider alles Erwarten, Mittheilung gemacht.«

»Und was sagte sie?«

»Ich hatte mich in unserer alten brasilianischen Freundin nicht geirrt,« lachte Felix. »Die Gräfin Monford konnte keine Ahnung haben, denn sie zuckte mit keiner Wimper, mein Name rief keine Erinnerung in ihrer Seele wach. Ich war ihr ein vollkommen fremder Mensch.«

»Und war sie gut, war sie freundlich?« fragte Helene, und ihr Blick hing angstvoll an den Lippen des Gatten.

»Sie war sehr vornehm und sehr stolz,« sagte Felix nach einigem Zögern; »ich konnte nicht warm bei ihr werden. Aber laß Dir das keine Sorgen machen, Kind,« fuhr er herzlich fort, als er den schmerzlichen Zug in ihrem Antlitz bemerkte, »gegen einen vollkommen fremden Menschen konnte sie ja auch kaum anders sein. Nur dürfen wir nichts übereilen und müssen vor allen Dingen erst einmal bekannt mit der Familie werden. Sie soll Dich erst sehen und lieb gewinnen, und dann findet sich einmal eine Gelegenheit, wo Du sie, am besten hier bei uns, ohne Zeugen sprechen und Dich ihr entdecken kannst. Willst Du das mir überlassen?«

»Von Herzen gern, Felix,« sagte Helene mit tiefem Gefühl. »Wem auf der Welt könnte ich lieber den heißesten Wunsch meiner Seele anvertrauen, als Dir, der Du schon so oft bewiesen hast, wie lieb ich Dir bin, wie gut Du es mit mir meinst.«

»Schön, meine Puppe,« lachte da Felix wieder in der alten muntern Laune und schloß sie in die Arme. »Dann aber mach' auch jetzt wieder ein freundliches Gesicht und laß Kummer und Sorgen fahren. Was geschehen kann, geschieht, dann haben wir uns wenigstens selber keine Vorwürfe zu machen. Und nun, Schatz, nimm Dich vor allen Dingen einmal Deiner Kinder an, denn die kleine Gesellschaft macht ja draußen einen Heidenlärm.«

»Ich kann sie nicht mehr bändigen, Herr Graf!« rief in diesem Augenblick die Bonne, die mit ihnen aus dem Nebenzimmer kam. »Günther will absolut hinaus auf den Markt unter die Buden, und Helenchen verlangt ebenfalls zur Musik!«

»Vortrefflich, dann gehen wir unter die Buden,« lachte Felix, dem es ganz erwünscht kam, etwas gefunden zu haben, was seine junge Frau für den Augenblick zerstreuen konnte, und ein Jubelgeschrei der Kinder antwortete ihm.

Helene war nicht recht damit einverstanden, aber das kleine Volk hatte einmal die Zusage und nahm den Papa beim Wort, und die nöthigen Anordnungen waren bald getroffen.

Es mochte jetzt etwa zwei Uhr sein; das Diner, welches das junge Paar stets mit den Kindern und der Bonne einnahm, war auf fünf Uhr bestellt, und mit dem jubelnden Knaben an der Hand, während Helene das Töchterchen führte, von der Bonne und einer Magd begleitet, die mitgenommen wurde, um die Kleinste von Zeit zu Zeit zu tragen, schritten sie in das Treiben hinaus, das selbst bis hierher seine Trabanten gesandt hatte. Die Schützenwiese lag aber auch gar nicht weit von dort entfernt, und man konnte das Hämmern der Pauken, wie einzelne Trompetenstöße und ebenso den scharfen, kurzen Krach der Büchsenschüsse, wenn auch durch die Entfernung gemildert, doch deutlich bis hier herüber hören.

Und die Kinder waren selig, denn überall bot sich ihnen Neues, Ungeahntes.

Hier stand eine Polichinell-Bude mit den kleinen, beweglichen Figuren und der geheimnißvollen, aus dem Kattunkasten herausklingenden Stimme. Dort auf einem großen, runden Tische, von zahlreichen Zuschauern umdrängt, gab eine bunt gekleidete Affenfamilie ihre Vorstellungen. Da drüben wurde nach einer Reihe von aufgestellten Scheiben und Sternen mit Bolzenbüchsen geschossen, und wenn man das Ziel traf, so sprang plötzlich ein bunt gemalter Mann mit einer spitzen Mütze heraus, oder ein lauter Knall kündete den Treffer.

Und dann die Carroussels! Wie jubelte das kleine Pärchen, als es die bunt beflaggten schwebenden Pferde und Wagen sah, und natürlich gaben sie keine Ruhe, bis sie mitten darin saßen und, von der Bonne und Magd bewacht, ihren Rundritt machen durften. Der kleine Günther ließ aber richtig nicht nach, bis er auch auf eins der kleinen Pferdchen gesetzt wurde, wo er versprach, sich tüchtig festzuhalten. Er faßte auch mit beiden Händchen die Eisenstange, als ob sein kleines Leben daran hinge.

Die Mutter war erst ängstlich, daß er herunterfallen könnte, denn wenn sie selber auch das wildeste Pferd nicht scheute, sorgte sie sich doch um den kleinen Liebling. Der Vater ließ ihn aber lächelnd gewähren, und wie stolz saß jetzt der kleine Bursch auf seinem gemalten Pferd, dessen Seiten er mit den Hacken bearbeitete, bis sich die Reihe an zu drehen fing. Dann aber klammerte er sich fest und ängstlich an, denn so rasch hatte er sich die Bewegung doch nicht gedacht.