Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«

Part 19

Chapter 193,859 wordsPublic domain

Gräfin Monford war draußen in ihren Wagen gestiegen und hatte sich nur mit dem einen kleinen Wort »Nach Hause!« zu dem Bedienten, der den Schlag für sie offen hielt, in die Ecke gelehnt. Die Pferde zogen an und der Kutscher hielt draußen rechts ab, um das Gewirr der Schützenwiese zu vermeiden. Es war heute der letzte Tag dieses Volksfestes, und das Gedränge und Toben und Schreien auf dem Platz besonders arg. Noch konnte er aber kaum dreihundert Schritt gefahren sein, als er wieder einzügelte, und als die Gräfin, unzufrieden damit, den Kopf hob, erkannte sie George, der dem Kutscher ein Zeichen gegeben hatte, und den jungen Grafen Hubert zu Pferde, die rechts und links an der Droschke hielten und sie begrüßten.

»Aber, Mama, so lange bist Du bei Rottacks geblieben?« rief George, indem er sein muthiges Pferd kaum zum Stehen brachte. »Nicht wahr, es sind liebe Leute? Ich hatte eben nicht übel Lust, mit Hubert einmal vorzureiten und ihn mit dem Grafen bekannt zu machen.«

»Ah, lieber Hubert, wie geht es Ihnen und Ihrer guten Mutter?« sagte die Gräfin, dem jungen Grafen Bolten freundlich zunickend -- »thue das heute lieber nicht, George; die junge Gräfin hat heftige Kopfschmerzen bekommen, und ihr Mann wollte eben nach einem Arzt schicken.«

»Das bedauere ich in der That. Es wird doch nichts von Bedeutung sein?«

»Migräne.«

»Fährst Du direct nach Hause, Mama?«

»Ja; kommt nicht zu spät und laßt mich nicht so lange allein.«

»Nein, gewiß nicht; in einer halben Stunde hole ich Paula ab. Aber die Pferde wollen nicht länger stehen -- guten Abend!«

Die Gräfin nickte Beiden freundlich zu, und die Droschke rollte weiter, während die jungen Leute ihre Pferde wieder wandten, um ihren Ritt zu beenden. Die Thiere waren aber durch das Halten ungeduldig geworden, und Hubert's Fuchs besonders, ein englischer Vollbluthengst, stieg und tanzte auf den Hinterbeinen und konnte nur mit Mühe von seinem gerade auch nicht sanftmüthigen Herrn gebändigt werden.

Eben hatte er ihn wieder fest im Zügel, als ein armer Teufel, ein junger Bursch mit einem Schiebkarren voll Töpferwaaren, die er irgendwo zum Verkauf ausstellen oder herumfahren wollte, auf der Straße herabkam und, durch das unruhige Pferd irre gemacht, nicht gleich wußte, nach welcher Seite er ausbiegen sollte. Dadurch that er das Verkehrteste: er blieb dicht vor dem hochgeladenen Karren halten, und als dieses halb davor scheute und, von dem Zügel dabei gerissen, auf die Seite und an den Karren hinantrat, klapperten die Töpfe, und das Pferd schlug erschreckt danach und mitten in die zerbrechlichen Waaren hinein.

Der junge Graf riß es allerdings wieder herum; es begann aber sein Tanzen jetzt von Neuem, und Hubert, irritirt, setzte ihm die Sporen ein, daß es wild zusammen- und an dem Karren vorbeifuhr. Der Reiter aber, der es fest im Zügel hatte, nun er an dem unglücklichen Topf-Fuhrmanne vorüberflog, hieb diesen mit der Reitpeitsche über den Kopf und hatte dann alle Hände voll zu thun, daß der Hengst nicht mitten in die Menschen hinein- und mit ihm durchging. Die Leute hatten aber vor dem scheuen Pferde Platz genug gemacht, und ihm jetzt halb den Zügel lassend, flog er mit ihm die Allee hinab.

»Oh mein Gott, meine Töpfe, mein Kopf!« klagte indeß der arme Karrenführer, der im ersten Augenblick gar nicht wußte, was ihm weher that, der Hieb oder die Vernichtung seiner Waare.

Hubert's Reitknecht sprengte an ihm vorüber, seinem Herrn nach. George aber, dem der arme Bursche leid that, zügelte sein Pferd ein und hielt neben ihm.

»Wie groß ist der Schade?« rief er freundlich. »Ich mache es gut -- der Herr da vorn konnte sein Pferd nicht halten...«

»Ach, und wie hart er mich geschlagen hat -- ich war doch gewiß nicht schuld daran!«

»Wie groß ist der Schade, wie viel Töpfe sind Dir zerbrochen? Sag' rasch, mein Junge, denn mein Pferd wird auch ungeduldig.«

»Ach, Du lieber Gott,« klagte der arme Teufel, »ich weiß es ja nicht -- gewiß über einen Thaler, und der große Topf da unten ist auch entzwei!«

»Da,« rief George, indem er in die Tasche griff und ihm ein Goldstück hinüberwarf, -- »so behalte das Andere als Schmerzensgeld!« Und ehe ihm der Bursche danken konnte, ließ er seinem Thier den Zügel und trabte rasch die Allee hinab.

Um die Biegung derselben hatte Hubert seinen Hengst endlich wieder zum Stehen gebracht und erwartete ihn.

»Ob Einem das Lumpenvolk wohl je mit seinem Karren und Fuhrwerk ausweicht!« rief er ihm entgegen -- »ich denke, der wird aber das nächste Mal vorsichtiger sein!«

»Der arme Junge konnte nichts dafür, Hubert; Dein Hengst nahm ja die ganze Straße ein -- Du bist zu rasch gewesen.«

»Ach was -- der Hieb wird ihm gut thun, und seine Töpfe mag er sich wieder zusammenleimen!«

George schwieg, und die beiden jungen Leute setzten jetzt, aus dem Menschengewirr heraus, ihren Spazierritt ruhiger fort, bis sie in die Nähe des Hauses kamen, in dem Paula heute zum Besuch war. George wollte dort absteigen und mit seiner Schwester zurückfahren.

Noch ehe sie das Haus erreichten, kam Handor die Straße herunter und grüßte. George zügelte sein Pferd ein.

»Reite voran, Hubert -- ich habe mit dem Herrn dort etwas zu sprechen.«

»Mit dem?« sagte Hubert verwundert -- »das ist ja der Schauspieler...«

»Ja -- Handor -- ich komme gleich nach. -- Hier, Karl, nimm mein Pferd, laß ihm aber den Zügel etwas weit; es geht ganz ruhig nebenher, und halte Dich nirgends mehr auf. Du reitest gerade nach Hause.«

»Sehr wohl, Herr Graf.«

Der Reitknecht griff den Zügel des Thieres auf und George, der indessen abgestiegen war, schritt auf den ihn erwartenden Handor zu, dem er die Hand reichte und mit ihm langsam die Straße hinaufging.

Hubert, der sich nicht denken konnte, was Graf Monford mit dem Schauspieler zu verkehren habe, schüttelte den Kopf, trabte aber dann bis zu dem Thorweg des Hauses, mit dessen Insassen er ebenfalls bekannt war, um dort wenigstens Paula begrüßen zu können und George's Rückkehr zu erwarten. -- --

Die kleine Zwischenscene mit dem übermüthigen jungen Grafen und dem Töpferjungen hatte sich gerade vor Pfeffer's Fenster abgespielt.

Seine Schwester war kränker geworden -- möglich, daß die neuliche Aufregung mit dazu beigetragen hatte, aber der Arzt, welcher jetzt täglich und manchmal zweimal am Tage kam, hatte angeordnet, daß ihr Bett in die luftigere Stube geschafft werden und sie dasselbe nicht verlassen sollte. Auch verbot er jedes Rauchen im Zimmer; der scharfe Dampf that der Brust der Kranken weh.

Jeremias wich fast nicht von ihrem Bett, und wenn er ausging, brachte er gewiß irgend etwas mit, von dem er glaubte, daß es ihren Zustand erleichtern oder ihr angenehm sein könne -- und wie Vieles gab es da, denn die bisherige Einrichtung der Familie war ja nur auf das Nothdürftigste beschränkt worden und hatte selten oder nie auf eine selbst einfache Bequemlichkeit ausgedehnt werden können!

Und Jettchen sah fast noch kränker aus, als ihre Mutter, denn der Vater hatte ihr seine Unterredung mit Rebe erzählt, und wenn sie ihm auch Recht geben mußte, wenn sie auch fühlte, daß er gehandelt habe, wie er als ehrlicher und selbstständiger Mann handeln sollte, so konnte sie sich doch auch der Ueberzeugung nicht verschließen, daß damit ihre letzte Hoffnung zerknickt und der Geliebte für sie verloren sei. -- Und die Mutter fühlte das mit ihr, und deshalb besonders war ihr Geist so niedergedrückt, der Körper so jeder Lebensthätigkeit beraubt worden, weil die Sorge um das liebe Kind ihr Herz und Sinn erfüllte.

Pfeffer selbst war in einer ganz verzweifelten Stimmung. Die Angst um die Schwester, deren Zustand er vielleicht noch für viel bedenklicher hielt, als er wirklich war, litt ihn nicht in seinem Zimmer, und drüben durfte er nicht rauchen -- Haß und Ingrimm erfüllten ihn dabei gegen seinen Director und die Ursache alles dieses Unheil, den »aufgeblasenen Handor«, wie er ihn nannte, ohne daß er irgend ein Mittel wußte, einem von ihnen beizukommen.

Hundertmal im Tage, nachdem er im Krankenzimmer auf und ab gelaufen war und die Kranke ordentlich nervös gemacht hatte, schoß er in seine Stube hinüber, griff eine Pfeife auf, ging damit zum Tabakskasten, fand dort, daß sie schon gestopft sei, und stellte sie unwillig wieder bei Seite. Nachher fing er an seine Dose zu suchen, die er aber in der ewigen Unruhe nie finden konnte und dadurch nur immer irritirter wurde.

Und dabei mußte er Komödie spielen, erst den Schuster in Lumpaci Vagabundus und dann, zwei Abende später, den Grafen in Aschenbrödel -- und daheim den Familienjammer; denn wenn er es sich auch nicht merken ließ, ging ihm Jettchen's Herzenskummer fast eben so nahe, wie der Schwester Krankheit. Es war rein zum Tollwerden, und Pfeffer, der überhaupt nicht zu den geduldigsten Naturen gehörte, hätte heute Brunnen vergiften können.

Jetzt stand er wieder am Fenster und sah, wie die Reiter die Allee herabgesprengt kamen, wie das Pferd des einen scheu wurde und dieser den armen Teufel von Schiebkärrner mißhandelte. Und wie fing er da oben am Fenster jetzt an zu schimpfen, und zwar laut hinaus und mit der geballten Faust nach der Allee hinüber drohend, daß Jeremias gar nicht wußte, was er hatte, und zu ihm trat.

»Nun seh' Einer das vornehme Gesindel an!« schrie er -- »Sie Lump, Sie! Sie Baron, Sie Junge -- na, wenn ich nur unten wäre!«

Uebrigens war es sehr gut für ihn, daß er nicht unten war und überhaupt Niemand in der Allee hören konnte, was er rief, denn jedes einzelne Wort hätte Anlaß zu einer Injurienklage geben können.

»Aber was hast Du nur, Fürchtegott?«

»Was ich habe? Ist es denn nicht zum Halsabschneiden, wenn man zusehen muß, wie dieses übermüthige Gesindel den armen Arbeiter behandelt? -- Haut ihn mit der Peitsche über den Kopf! Hätt' ich eine Flinte gehabt, vom Pferde hätt' ich den Cujon heruntergeschossen!«

»Aber schrei doch nicht so, die Schwester ängstigt sich ja -- sie zittert so schon an allen Gliedern...«

»Und ich wohl nicht? -- Aber vor Wuth!«

»Aber der Herr da unten giebt dem Mann ja Geld!«

»Der Andere war's -- sein sauberer Compagnon -- und das ist nun die »bevorzugte Klasse«, die höhere Schicht der Gesellschaft; das sind die Repräsentanten von Bildung und Intelligenz! Gott straf' mich, wenn man nicht manchmal verrückt werden möchte, nur ein solches Komödienspiel außer der Bühne anzusehen!«

»Wer war es denn?«

»Kenn' ich die Laffen alle, die mit Glacéhandschuhen und einem Titel und Orden in der Welt herumlaufen? Irgend einer der Gesellschaft, ob er nun Herr von so oder Herr von so heißt!«

»Aber, lieber Schwager, wir können die Welt nicht ändern...«

»Und wozu spielen wir denn Komödie?« rief Pfeffer, immer noch in voller Wuth -- »weshalb führen wir ihnen denn auf der Bühne immer auf's Neue ihre Albernheiten und Schwachheiten, ihren Stolz und Dünkel, ihre Sünden und Laster vor, als um sie zu bessern? Aber Gott bewahre, da sitzt das verstockte Volk selber im ersten Rang, hört und sieht zu und applaudirt sogar noch mit, wenn man ihnen mit Gift und Galle einmal ordentlich die Wahrheit gegeigt hat! -- Aber Gott bewahre, das geht sie ja nichts an, die Canaille, die da gemeint ist, heißt ja Franz Moor oder Präsident so und so -- das sind _sie_ ja nicht -- sie sind Cavaliere von reinem Blut und Stammbaum -- Herrgott von Danzig!« und seine Hausmütze auf's linke Ohr schiebend, rannte er aus dem Zimmer, zog sich drüben an und lief dann direct hinaus in's Freie und weit in den Wald hinein, nur um seinem Aerger und Ingrimm Luft zu machen. -- --

Handor war eben von seinem Spaziergang in die eigene Wohnung zurückgekehrt. Unten im Hause traf er auf den Theaterdiener, der gerade bei ihm gewesen war, aber wieder fort wollte, da er einen Geldbrief abzugeben hatte. Er nahm ihn mit hinauf in die Stube, da er quittiren mußte.

Er wohnte in der Hauptstraße in der ersten Etage eines nicht großen, aber sehr freundlichen und netten Hauses =chambre garnie=. Die Einrichtung war elegant: Mahagoni-, mit rothem Plüsch gepolsterte Möbel, großer Spiegel in Goldrahmen, Kupferstiche und Oelbilder an den Wänden. Bücher standen nirgends. Nur auf dem Secretär lagen zwei oder drei ziemlich neue Bände und auf dem Tisch ein paar illustrirte und fünf oder sechs verschiedene Theater-Zeitungen -- einige von diesen unter Kreuzband, wie sie von der Post gekommen, und noch nicht einmal geöffnet.

»Bitte, lieber Peters, kommen Sie hier mit herein,« sagte Handor, indem er, von dem Theaterdiener gefolgt, voran in sein Zimmer schritt und noch im Eintreten den Brief erbrach; »ich gebe Ihnen die Quittung gleich wieder mit. Hat der Director nichts weiter gesagt?«

»Gestöhnt hat er,« sagte der Mann, indem er, obwohl schon in der offenen Thür, trotzdem noch gewissenhaft vorher anklopfte -- »wie er immer thut, wenn er Geld hergeben soll. Zäh ist er wie der Deubel.«

»Wenn er es nur hergiebt, Peters,« lachte Handor, indem er die Banknoten nachzählte -- »das ist die Hauptsache.«

»Ja und er hat's doch, beim Deubel, nicht nöthig,« bemerkte Peters, »denn was für Einnahmen haben wir jetzt gehabt! Beim Lumpaci Vagabundus war das Haus gerappelte voll, und ebenso beim Goldonkel und dem Aschenbrödel, und daß neulich in der Ifagenia Niemand drin war -- lieber Gott, das weiß er einmal, daß ihm in den Schäksbier seine Stücke Niemand 'nein will!«

»Das wäre nicht übel, Peters -- der Hamlet nächstens soll hoffentlich ein volles Haus machen.«

»Ist er auch von dem?«

»Von Shakespeare? Gewiß!«

Peters zuckte die Achseln und hielt mit seiner Meinung zurück. -- »Sagen Sie 'mal, Herr Handor,« fuhr er nach einer Weile fort, »ist es denn wahr, daß Herr Rebe abgeht?«

»Ich glaube, ja; ich weiß es nicht, Peters,« erwiderte Handor, die Noten noch einmal überzählend.

»Schade um das junge Blut,« meinte der Theaterdiener, mit dem Kopf schüttelnd, »ist ein recht ordentlicher Mensch -- da hätten wir lieber den Nüßler fortschicken sollen, mit dem ist's nichts, und er lernt nicht einmal. Ueber den sollten Sie den Mauser reden hören! Wenn der ihm seine Rolle nicht laut vorschrie', gäb's jeden Abend ein Unglück!«

»Ja, mein lieber Peters, das sind Sachen, die mich nichts angehen und um die ich mich nicht bekümmere. Alle Wetter, jetzt ist mir die Dinte wieder eingetrocknet -- ach, bitte, springen Sie doch einmal zum Hausmann hinunter, daß der Ihnen ein wenig in das Dintenfaß gießt!«

»Ih, lassen Sie einmal sehen,« sagte Peters, das Dintenfaß schräg gegen das Fenster haltend, denn es dämmerte schon stark -- »da gießen wir ein bischen Wasser darauf und dann thut's es noch einmal.«

»Ja, das wird gehen -- da steht noch ein Rest Rothwein, nehmen Sie etwas von dem.«

»Würde mich der Sünde scheuen, Herr Handor,« sagte Peters, »die Gottesgabe in die Dinte zu gießen -- der Wein erfreut des Menschen Herz.«

»Na, dann trinken Sie ihn und nehmen Wasser,« lachte Handor -- »dort auf dem Schränkchen steht die Caraffe.«

»Danke schön, wollen Beides besorgen -- es kommt nur immer auf die richtige Eintheilung an, wie ich unserem Secretär wohl zehnmal am Tage sage!« Damit hatte er seine alte Mütze, die er auf der Straße immer keck auf dem linken Ohr trug, abgelegt und die Dinte in wenigen Minuten so verdünnt, daß Handor doch seinen Namen damit unterschreiben konnte und ihm jetzt die Quittung reichte.

»Danke gehorsamst. -- Wollen wir den Wein wieder wegstellen?« sagte dann Peters zurückhaltend.

»Den sollten Sie ja trinken!«

»Der Wohlthätigkeit keine Schranken gesetzt, wie auf den Zetteln des Kirchenconcerts steht,« bemerkte Peters, indem er sich selber ein Glas herbeiholte, den Wein hineingoß und den Rest auf einen Zug leerte. »Donnerwetter, das ist guter Stoff, Herr Handor!« fuhr er, sich den Mund wischend, fort -- »so etwas kommt eigentlich selten an einen Theaterdiener, immer nur Haßburger Dünnbier, mit Respect zu melden -- Fußbad, wie wir's in der »Krone« nennen. Nu, danke auch recht schön!«

»Und das für Botenlohn,« sagte Handor, indem er ihm ein Geldstück in die Hand drückte.

»Auch noch?« bemerkte Peters -- »ja, da sieht man gleich, was ein erster Liebhaber ist -- ein erster Tenorist zahlt nie ein Trinkgeld, wenn er Vorschuß kriegt; sie meinen immer, es käme zu oft und liefe zu viel in's Geld. Also 'pfehle mich Ihnen, Herr Handor -- morgen haben Sie doch nichts zu thun, nicht wahr? Ach so, es ist ja Oper -- also vergnügten Abend -- nun, mit dem kleinen Paketchen da kann man sich schon einen vergnügten Abend machen, und es reicht auch ein Stück in die Nacht hinein.«

Und damit schoß der gesprächige Diener der Musen wieder zur Thür hinaus, während Handor, der sich indessen Licht angezündet hatte, den Brief des Directors mit den Augen überflog. Bei dem Abschiedsgruß des Burschen nickte er nur mit dem Kopfe.

Der Brief war kurz und lautete:

»Mein lieber Herr Handor! Es ist eigentlich vollkommen gegen meine Grundsätze, irgend einem Mitglied zweimal im Monat Vorschuß oder sogar die erst zum Ersten fällige Gage voraus zu zahlen. Ich will dieses Mal eine Ausnahme machen, da der Erste ja bald ist, und um Sie auch bei guter Laune zu erhalten. Ich hoffe, Sie werden das anerkennen.

Ihr ergebenster Krüger, Director.«

Noch während er las und ein leichtes, spöttisches Lächeln über seine Züge blitzte, klopfte es stark an die Thür. Fast unwillkürlich nahm er das Paket Banknoten, schob sie in die Tasche und rief dann: »Herein!«

Der Anklopfende ließ sich nicht lange bitten.

»Guten Abend, Herr Handor! Das freut mich ja sehr, daß ich Sie endlich einmal zu Hause treffe -- ich bin heute schon viermal da gewesen und immer umsonst!«

»Ah, Meister Seilitz,« sagte Handor, der seine Augen mit der Hand gegen das Licht schützen mußte, um ihn zu erkennen -- wenn er ihn nicht schon an der Stimme erkannt hatte, denn er schien eben nicht angenehm überrascht von der Entdeckung, -- »und was verschafft mir die Ehre Ihres fünfmaligen Besuches?«

»Ja, mein bester Herr Handor, Sie wissen ja wohl -- die Rechnung. Dem Fabrikanten muß ich vierteljährlich seine Tuche bezahlen, die Gesellen wöchentlich, und ich bin nicht mehr im Stande, die Auslagen zu bestreiten, wenn mich meine Kunden so im Stich lassen. Ich möchte Sie dringend bitten, mir wenigstens einen Theil meiner Rechnung abzubezahlen!«

»Mein guter Herr Seilitz,« sagte Handor lächelnd, »Sie wissen aber doch, daß ein Schauspieler nie vor dem Ersten Geld hat, und mit dem besten Willen wär' ich jetzt nicht im Stande --«

»Aber Sie erinnern sich doch, Herr Handor, daß ich Ihnen das letzte Jahr hindurch regelmäßig am Ersten meine Aufwartung gemacht habe, und der Himmel weiß, wie es kommt, ich konnte nie den günstigen Moment treffen, denn einmal kam ich eine Stunde zu früh und das andere Mal eine Stunde zu spät -- aber es war immer nichts.«

»Sie haben wirklich Unglück gehabt, Meister Seilitz,« sagte Handor, »aber diesmal soll ihnen das nicht wieder so begegnen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß wir diesmal am Ersten meine Rechnung abschließen -- vielleicht noch früher.«

»Ich würde Ihnen unendlich dankbar sein, Herr Handor,« sagte der Schneidermeister, »und da es nur noch ein paar Tage bis zum Ersten sind, so will ich auch nichts weiter dagegen sagen. Dann aber müßte ich wirklich -- so leid es mir thun sollte -- die Gerichte zu Hülfe rufen, denn ich _kann_ nicht länger warten.«

»Nun, Meister Seilitz, wenn Sie mir auch nicht gerade gleich mit den Gerichten drohen...«

»Es thut mir wirklich leid, Herr Handor, denn ich behandle meine Kunden gern mit Achtung, aber...«

»Jetzt werden Sie doch so freundlich sein und mich verlassen, Herr Seilitz,« sagte Handor, der auch anfing ärgerlich zu werden. »Wenn Sie bis zum Ersten Ihr Geld nicht haben, »so thun Sie nachher, was Ihnen -- angenehm ist.«

»Sehr wohl, Herr Handor -- Sie haben mir Ihr Wort gegeben, und ich verlasse mich darauf. Sie wissen, wenn ich Ihnen einmal etwas versprochen, habe ich es auch gehalten.«

»Das haben Sie -- also für den Augenblick...«

»Ich will Ihnen nicht länger lästig fallen -- am Ersten, Morgens zwischen zehn und elf Uhr, werde ich mir wieder erlauben nachzufragen.«

»Sehr wohl, Herr Seilitz.«

»Guten Abend, Herr Handor.«

Handor stand, als ihn der Mann verließ, mit dem rechten Arm auf den Tisch gestützt, die Linke in der Tasche, in die er die Banknoten gesteckt, und blieb in der Stellung noch lange, nachdem sein Gläubiger schon die Stube und das Haus verlassen hatte. Leise nickte er dabei mit dem Kopf und murmelte:

»Das geht nicht mehr länger so -- das geht bei Gott nicht mehr! Das ist ein Hundeleben, und keine Existenz -- aber bah,« rief er, den Kopf zurückwerfend, daß ihm das lange, lockige Haar aus der Stirn flog, »steh' ich denn nicht am Vorabend großer Ereignisse? Bis zum Ersten? -- Bis zum Ersten sind die Würfel gefallen, und Sie bekommen Ihr Geld, Herr Seilitz, oder -- Sie bekommen es nicht,« setzte er gleichgültig hinzu, ging zum Secretär, in dem er das eben vom Director erhaltene Geld, den Rest seiner ganzen Gage für diesen Monat, verschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte. Dann klingelte er und nahm Hut und Mantel um, blieb aber noch mitten in der Stube, so fertig angezogen zum Ausgehen, stehen, bis die Thür aufging und sein kleiner Laufbursche, der aber eine dünne Goldlitze als Ansatz einer Livrée um den Rockkragen trug, in der Thür erschien.

»Ich gehe aus, Fritz.«

»Sehr wohl, Herr Handor.«

»Weißt Du, wohin ich gehe?«

»In die »Hölle«, Herr Handor.«

»Allerdings, mein Bursche -- wenn Dich aber Jemand danach fragen sollte?«

»Bis dahin werd' ich's wohl wieder vergessen haben, Herr Handor.«

»Gute Nacht, mein Bursche,« sagte der junge Mann, ihm mit dem Kopf zunickend, und stieg langsam und leise vor sich hin pfeifend die Treppe hinunter.

17.

Festvorkehrungen.

Die nächsten Tage brachten in Haßburg nicht viel Neues. Jahrmarkt und Vogelschießen waren vorbei, und die gewöhnliche Erschlaffung nach allen solchen Wochen lang dauernden Aufregungen trat ein. Nur die Haßburger Jugend amüsirte sich noch eine Zeit lang auf dem Platz, wo die Buden gestanden hatten oder vielmehr noch standen oder eben abgerissen wurden, um einen Blick in die oft sehnsüchtig, jedenfalls neugierig umlagerten Heiligthümer zu gewinnen. Und wie oft wurde diese Ausdauer mit Erfolg gekrönt, denn jetzt lag den Besitzern ja doch nichts mehr daran, ihre Sehenswürdigkeiten jedem sterblichen Auge verborgen zu halten. Die Zeit war um, in der sie vom Magistrat concessionirt gewesen, Geld für das Anschauen derselben zu nehmen; von denen, die hier umherstanden, zahlte ihnen doch keiner mehr Entrée, und das »Aufladen« wurde ziemlich öffentlich betrieben.

Nicht geringe Schwierigkeiten bot es dabei der wißbegierigen Jugend, um heute im Sonnenlicht und in Alltagskleidern die verschiedenen Persönlichkeiten wieder herauszufinden, deren Leistungen sie vielleicht noch gestern Abend bei dem Licht einer Anzahl von Oellampen und im bunten, phantastischen Flitterputz bewundert und angestaunt hatten.

»Du, das ist der, der gestern Abend das Feuer gefressen hat und sich den Degen bis in den Magen stieß,« rief einer der Jungen seinem Nachbar zu, indem er ihm den Ellbogen in die Seite rannte.

»Ach, dummer Junge, der doch nicht in der grünen Jacke!«

»Der mit der langen Troddel an der Mütze, gewiß; ich sag' Dir, ich kenn' ihn. Gestern hatt' er 'nen rothen Kittel an. Siehst Du, jetzt macht er's gerade so wieder, wie gestern mit dem linken Bein -- das ist er.«

»Und Du, das ist das kleine Mädchen, das auf dem Seil tanzte -- na, sieht die aber heute aus!«

Die Jungen hatten in ihrer Unschuld Recht. Die beiden bezeichneten Individuen glichen heute Morgen auch nicht im Entferntesten ihrem gestrigen Ich und sahen ruppig genug aus. Der Mann ging in großcarrirten Hosen, trug eine gestickte Mütze mit einer wohl eine halbe Elle langen Troddel von unächter Quaste, und war in eine grüne, abgeschabte Pikesche gekleidet. Das Mädchen trug einen zerfetzten Kattunrock und darüber ein altseidenes, von Fettflecken starrendes Tuch -- und wie unbeschreiblich prächtig waren sie ihnen gestern dagegen erschienen.