Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«

Part 18

Chapter 183,809 wordsPublic domain

»Geh Du nur, mein Kind, die Zerstreuung wird Dir wohlthun; überdies haben wir auch fest zugesagt.«

»Ich gehe ja, liebe Mutter,« sagte Paula leise, wandte sich ab und schritt ihrem Zimmer zu, in dem sie bald verschwand.

»Mama,« sagte George, der ihr schweigend nachgesehen hatte, während die Mutter an den Tisch gegangen war, auf dem ein paar illustrirte Journale lagen, »wenn ich nur eine Ahnung davon hätte, daß sich Paula mit Hubert wirklich unglücklich fühlen könnte, ich wüßte nicht, was ich thäte!«

»Unglücklich« -- sagte die Gräfin, ruhig den Kopf herüber und hinüber wiegend, ohne sich aber nach George umzudrehen -- »denkst Du, daß wir selber die Verbindung zugeben würden, wenn wir das fürchteten?«

»Sicher nicht, Mama, sicher nicht; aber -- Paula hat sich in den letzten zwei Tagen recht verändert, und -- wenn ich sie nicht so genau kennte und nicht wüßte, daß es unmöglich wäre, so würde ich wahrhaftig glauben, sie hätte irgend eine andere heimliche Zuneigung.«

»Meinst Du?« rief die Gräfin, sich jetzt scharf ihm zuwendend. »Hast Du irgend einen Verdacht? Auf wen?«

George schüttelte mit dem Kopf. »Ich schöpfte Verdacht,« sagte er, »nur ihres bleichen Aussehens und Trübsinns wegen -- aber auf wen? Ich wüßte Niemanden zu nennen oder zu errathen, und so scharf ich sie auch in diesen Tagen beobachtet habe, ich konnte nicht das Geringste entdecken, was ihn bestätigt hätte. Ich weiß mich auch in der That auf Niemanden zu erinnern, den sie nur im Mindesten ausgezeichnet, ja, mit irgend einem Antheil erwähnt hätte, und mit mir spricht sie doch über Alles und plaudert frisch von der Leber weg, was ihr gerade auf die Lippen kommt. Verstellungsgabe hat sie gar nicht -- ihre Seele ist so rein wie ein Spiegel.«

Die Gräfin sah ihren Sohn fest, aber wie in Gedanken an; ihre Seele war in dem Moment nicht bei dem Blicke und schweifte vielleicht zu anderen Zeiten, anderen Scenen hinüber; aber wie ein Schatten zog das über ihre Stirn, und sie sagte, nur langsam dabei mit dem Kopf nickend:

»Du hast Recht, George, so würde sich Paula nie verstellen können, und wäre dem wirklich so, dann hätte sie doch ein Wort davon gegen mich oder Deinen Vater geäußert, wenigstens eine Andeutung dahin fallen lassen. Es ist Laune bei ihr, weiter nichts, und Du wirst sehen, wie vollständig sich das schon in den nächsten Tagen giebt.«

»Das will ich recht von Herzen hoffen, Mama,« sagte George mit einem Seufzer, »denn so könnte ich das nicht mit ansehen. Wenn mir nicht der arme Hubert leid thäte, wahrhaftig, ich würde Euch selber bitten, die Verlobung wenigstens noch eine Zeit lang hinaus zu schieben, daß auch Paula erst klar mit sich würde.«

»Das geht nun nicht mehr, mein Kind,« sagte die Gräfin ruhig, »es ist Alles bestimmt angeordnet und zu viel Leute wissen auch schon darum; es würde nachher nur ein ganz unnützes, unangenehmes Gerede geben. Aber da ist der Wagen, begleitest Du Paula?«

»Ja, Mama, aber wie kommst Du selber hinein?«

»Ich lasse mir die Droschke anspannen; sei nur pünktlich bei Rottacks, denn ich -- möchte dort nicht gern lange warten.«

»Pünktlich, gewiß,« rief George; »Rottacks sind übrigens prächtige Leute und gefallen mir außerordentlich -- auch nicht die Spur von Zwang oder Zurückhaltung, und die Gräfin ist so natürlich und herzlich, wie er selber. Was ist sie nur für eine Geborene -- hast Du nicht gehört? Ich bin an verschiedenen Orten danach gefragt worden.«

»Ich weiß es nicht,« erwiderte seine Mutter, indem sie sich von ihm abwandte und zum Fenster schritt -- »auf der Karte steht ihr Name nicht.«

»Die böse Welt behauptet natürlich schon wieder,« fuhr George fort, »daß es eine Mesalliance sei; aber das glaub' ich auf keinen Fall, denn die Gräfin hat etwas so vornehm Edles in ihrem ganzen Wesen, was sie sich im Leben nie angeeignet haben kann; das muß ihr angeboren sein. Doch das bleibt sich gleich; ich meinestheils bin herzlich froh, daß wir die Leutchen nach Haßburg bekommen haben, denn für den Winter besonders sind sie eine ganz kostbare Acquisition, und Du solltest sie einmal musiciren hören!«

»Da kommt Paula; wirst Du sie wieder abholen?«

»Versteht sich; ich habe schon Alles mit ihr besprochen. Adieu, liebe Mutter, auf Wiedersehen bei Rottacks!« --

In Graf Rottack's kleiner, aber reizender Villa war der Salon für die erwartete Gesellschaft auf das Freundlichste hergerichtet und Alles für die erste abzuhaltende Leseprobe vorbereitet worden. Felix selber hatte es arrangirt und kehrte jetzt in Helenens Zimmer zurück, in dem die Kinder auf der Erde spielten.

Helene saß in einem Fauteuil vor ihrem Nähtisch, aber sie arbeitete nicht; den Kopf in die Hand gestützt, sah sie träumend vor sich nieder und hörte nicht einmal, daß der kleine Günther sie schon dreimal gefragt hatte, wo der Papa wäre.

Erst bei Felix' Eintritt hob sie das Antlitz, und zwar wie erschreckt, als ob sie gefürchtet hätte, jemand Anders dort zu sehen.

»Muth, Muth, mein Herz,« rief ihr Felix fröhlich zu; »wir rücken jetzt dem Augenblick, den Du so lange herbeigesehnt, rasch entgegen, und das Glück selber hat uns darin begünstigt -- willst Du jetzt den Muth verlieren?«

»Nein, Felix,« sagte Helene freundlich; »zürne mir nur nicht, daß mich eben das so schnelle Nahen des Augenblicks bestürmt, und -- Du weißt, ich bin ja manchmal wie ein thörichtes Kind -- mit Angst erfüllt. Es ist aber doch vielleicht nur die Unruhe der Erwartung.«

»Gewiß, nichts weiter, liebes Herz.«

»Aber wie wollen wir es möglich machen, die Mutter hier unter den vielen fremden Menschen allein zu sprechen? Es wird nicht angehen, und wir werden den Moment wieder versäumen und auf's Neue lange, lange hinausschieben müssen.«

»Das ist mir auch schon im Kopf herumgegangen,« sagte Felix sinnend. »Zuerst hatte ich gedacht, daß Du vielleicht einen Vorwand fändest, sie in Dein eigenes Zimmer zu führen, aber ich hatte dabei gehofft Dich ruhiger zu treffen, als Du wirklich bist; ich darf Dich nicht mit ihr allein lassen, und es wird mir nichts Anderes übrig bleiben, als sie direct zu bitten, nach der Leseprobe noch einen Augenblick zu verweilen.«

»Sie wird es nicht thun.«

»Doch, mein Herz,« nickte Felix, »sie wird es thun, denn sie kennt jetzt unser Geheimniß -- sie muß es kennen nach dem Namen, den ich ihr genannt, und wer weiß, ob sie sich nicht selber danach gesehnt hat, Dich aufzusuchen, und nur noch nicht wußte, auf welche Weise das am besten und am wenigsten auffallend geschehen könne. Wir kommen ihr damit auf halbem Wege entgegen, und sie wird die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, sich mit Dir auszusprechen, darauf kannst Du Dich verlassen, wie auch immer sie gesinnt sein möge.«

»Meine Mutter!« flüsterte Helene, indem sie beide Hände gegen ihr Herz preßte.

»Ich bin fest davon überzeugt, Schatz,« sagte Felix, dem jetzt Alles daran lag, seine Frau zu beruhigen; »denke doch nur, wie peinlich für sie ein solcher Zustand auf die Länge der Zeit werden würde, uns in ihrer Nähe zu haben und dann immer nur zu scheinen, als ob sie uns fremd wäre. Sie wird die Gelegenheit mit Freuden ergreifen, Dich allein zu sprechen, und wenn sich die Gattin auch jetzt noch vielleicht dagegen sträubt, die ihr fremd gewordene Tochter anzuerkennen, die Mutter wird der Umarmung ihres Kindes nicht widerstehen können.«

»Das gebe Gott, Felix,« sagte Helene leise, »denn wenn sie es thäte, würde es mich recht, recht sehr unglücklich machen!«

»Sie thut es nicht, Herz -- aber wahrhaftig, da kommen schon die ersten unserer Gäste!«

»Papa,« rief der kleine Günther, der das Herumtanzen auf dem Teppich satt bekommen hatte, »spiel' ein bischen mit mir.«

»Ja, jetzt hätt' ich Zeit, Du Schlingel,« lachte sein Vater -- »spiele mit Dir, nicht wahr? Hinüber zu Eurer Bonne! Bitte, Helene, laß die Kinder hinüber bringen -- und daß Ihr mir artig seid, das rathe ich Euch, sonst dürft Ihr heute Abend nicht mit uns essen!« -- Und sich von dem kleinen Burschen, der sich an ihn anhängen wollte, losmachend, eilte er in das Empfangszimmer, um die eben eingetroffenen Herrschaften zu begrüßen.

Gleich danach fuhr George mit der Gräfin Monford vor, und Helene war jetzt selber so in Anspruch genommen, daß sie sich schon gewaltsam fassen mußte, um keine Störung zu verursachen.

Und die Gräfin selber erleichterte ihr das sehr, denn viel freundlicher war sie heute, als noch je; sie reichte Helenen die Hand, was sie bis jetzt noch nicht gethan, und sagte, wie sie bedaure, sie auf solche Art in ihrer Häuslichkeit zu stören und ihre Hülfe gleich, kaum nach der ersten Bekanntschaft, in Anspruch zu nehmen; ihr George habe aber einmal an die Sache sein Herz gesetzt, und der sei von einer Zähigkeit, die einmal Erfaßtes nie im Leben wieder loslasse, und wenn er deshalb alle seine Mitmenschen bis zum Tode quälen sollte.

George war aber ihr Liebling, und sie sagte das mit einem so zufriedenen Blick auf den eben Angeklagten, daß man recht gut sehen konnte, wie wohl es ihr selber thue, das einmal Begonnene mit Erfolg gekrönt zu sehen.

Helene war bei der freundlichen Anrede feuerroth geworden, während die Gräfin ihr ganz unbefangen gegenüber stand; Felix aber, der, während er mit George sprach, seine Frau nicht aus den Augen gelassen hatte, kam ihr rasch zu Hülfe und übernahm selber die Erwiderung, indem er der Gräfin nochmals versicherte, wie sehr es sie freue, etwas mit zu dem glücklichen Tag, der Verlobung der liebenswürdigen Comtesse, beitragen zu können, und ihre einzige Furcht jetzt sei nur die, daß sie, zum ersten Mal etwas Derartiges unternehmend, am Ende ihrer Verpflichtung nicht ordentlich würden genügen können. Gräfin Monford möge deshalb auch seiner Frau die Befangenheit zu Gute halten, die sich aber jedenfalls nach der ersten Scenenprobe geben werde.

Das Gespräch wurde jetzt allgemein, und während die Diener Kaffee, Limonade, Wein und Backwerk herumtrugen, sammelten sich die verschiedenen Gäste, da noch nicht alle beisammen waren, in kleinen Gruppen, bis endlich der Wagen mit den letzten Säumigen vorfuhr und George jetzt darauf drang, »an die Arbeit« zu gehen.

Die Leseprobe verlief, wie alle derartigen Dinge, ziemlich glatt und ohne besondere Störung. Durch George's Eifer, die Sache zu fördern, waren mehr als hinreichende Exemplare gedruckt, um jedem Mitwirkenden ein Heft zu sichern, so daß die verschiedenen Herrschaften schon Zeit genug gehabt hatten, das ganze Stück für sich durchzulesen und sich die Stellen, an denen sie selber einfallen mußten, mit Rothstift anzustreichen.

Wenn es trotzdem ein paar junge Damen möglich machten, noch unbefangen in ihrem Hefte nachzulesen, während ihr Stichwort schon gefallen war, und dann, als sie namentlich aufgerufen wurden, ganz erschreckt an einer natürlich verkehrten Stelle einzusetzen, so amüsirte das nur die kleine Gesellschaft, setzte die betreffenden jungen Damen in Verlegenheit und hatte weiter keine Folgen, als daß die Stelle, mit einem kleinen Stück voraus, noch einmal durchgenommen werden mußte.

Endlich war Alles glücklich zum Schluß geführt und die Gesellschaft hatte sich dabei mit dem aufgegebenen Stoff befreundet. Es war eins jener reizenden kleinen französischen Lustspiele, die, eigentlich ohne innern Gehalt, aber mit einem liebenswürdigen, piquanten Dialog und glücklich erdachten, überraschenden Situationen, nicht allein den Zuschauer fesseln, sondern auch gewöhnlich mit ganz besonderer Vorliebe von den Mitspielenden, die sich selber für ihre Rollen interessiren, ausgeführt werden.

Einzelne Equipagen fuhren schon wieder vor, als Graf Rottack, der einen Moment benutzte, wo er sich der Gräfin Monford, von Anderen ungehört, nahen konnte, zu ihr trat und mit halblauter Stimme sagte, während er dabei ein dort liegendes Album aufschlug, als ob er ihr die Kupferstiche zeigen wollte:

»Dürfte ich Sie ersuchen, Frau Gräfin, Ihren Wagen bis zuletzt warten zu lassen; es ist eine Sache von höchster Wichtigkeit, die ich Ihnen, aber nur Ihnen allein, mittheilen möchte.«

»Ein Geheimniß?« lächelte die Dame, aber mit einer Ruhe und Unbefangenheit, die den jungen Grafen wirklich erschreckte, denn zum ersten Mal zuckte ihm der Gedanke durch's Hirn: »Hast Du Dich vielleicht geirrt? Ist das am Ende gar nicht jene Gräfin Monford?« Diese Ruhe und Geistesgegenwart wäre ja, wenn seine Andeutung neulich auch nur mit dem leisesten Hauch verstanden worden, rein unmöglich, unbegreiflich gewesen! -- »Und bezieht es sich auf unsere Vorstellung?« fuhr die Gräfin fort, als Rottack, ordentlich bestürzt, schwieg, indem sie sich zu dem Album niederbeugte und mit ihrer Lorgnette das Bild betrachtete.

»Nein, gnädige Gräfin,« sagte Felix, der in dem Augenblick selber seine Fassung kaum bewahren konnte, »und trotzdem ist es vielleicht wichtig genug, Ihre Aufmerksamkeit für einen Moment zu fesseln; ich bitte Sie dringend darum!«

»=Eh bien!=« lächelte die Gräfin, indem sie sich wieder aufrichtete; »ich weiß überhaupt nicht, ob mein Wagen so pünktlich vorfahren wird, da ich nicht glaubte, daß wir unsere Probe so rasch beenden würden -- wahrlich, wir haben erst halb sieben Uhr.«

Ein paar Damen kamen jetzt auf sie zu, um sich bei ihr zu verabschieden; eine von diesen hatte ein paar Mal kleine Irrungen beim Vorlesen verursacht.

»Nun, mein liebe Constance, lernen Sie brav,« sagte die Gräfin, »daß Sie uns am nächsten Freitag nicht stecken bleiben -- George würde unglücklich sein.«

»Gewiß, Frau Gräfin, ich werde recht fleißig lernen,« sagte das junge Mädchen tief erröthend, -- »ich habe mich heute so geschämt.«

»Weshalb geschämt? Wir sind keine Schauspieler, liebes Kind, und die Sache ist nicht halb so wichtig, wie sie George macht,« lächelte die Gräfin. »Sorgen Sie sich nur deshalb nicht, es wird schon Alles gut gehen.«

Wagen nach Wagen fuhr vor; nur der der Gräfin Monford war noch nicht darunter, und George hatte sich schon vorher verabschiedet, um noch Einiges zu besorgen und dann Paula abzuholen. Jetzt nahmen die Letzten Abschied.

»Die Gräfin Rottack wird mich noch kurze Zeit beherbergen müssen,« lächelte Gräfin Monford, als sie den sich ihr Empfehlenden die Hand reichte; »mein Kutscher versäumt wieder einmal die Zeit, es ist kein Verlaß mehr auf die Leute.«

Helene war mit ihrer Mutter allein im Zimmer, aber sie wagte nicht, sie anzureden; es war ihr, als ob ihr die Luft zum Athmen fehlte, und ihr Herz schlug stürmisch in der Brust. Auch die Gräfin sprach nicht -- hatte ein ähnliches Gefühl sie erfaßt? Ihre Züge verriethen nichts davon, und waren kalt und unerforschlich, wie immer.

Felix, der die Damen an den Wagen geleitet hatte, konnte sich denken, in welcher Stimmung seine arme Gattin sich befinden würde, und flog rasch zurück.

»Ich bin für Niemanden jetzt zu sprechen,« rief er dem Bedienten im Vorzimmer noch zu, »für _Niemanden_, verstehen Sie?«

»Sehr wohl, Herr Graf.«

»Und nun Ihre Mittheilung, Herr Graf,« sagte Gräfin Monford, als er das Zimmer wieder betrat; »Sie haben den Zeitpunkt jedenfalls glücklich gewählt. -- Ich -- ich weiß nicht, ob Ihre Frau Gemahlin davon unterrichtet ist.«

»Helene wird uns einen Augenblick verlassen,« sagte Felix, der, so keck er jeder ihn selbst betreffenden Katastrophe entgegen gegangen wäre, doch hier fühlte, wie ihn sein gewöhnlicher froher Muth, seine Zuversicht verließ, wo es sich um das Wohl und Wehe des ihm liebsten Wesens handelte und das Benehmen der Gräfin selber ihn mit immer mehr Angst und der Ahnung eines unglücklichen Ausgangs erfüllte.

»Also unter vier Augen,« sagte die Gräfin kalt und fast spöttisch lächelnd, während Helene sich mit einer Verbeugung in das Nebengemach zurückzog, ohne daß die Dame weiter Notiz von ihr genommen hätte. »Sie machen mich wirklich neugierig, Graf Rottack.«

Felix warf den Blick der Richtung zu, nach der sich Helene gewandt; die Thür war verschlossen, und mit vor innerer Bewegung fast unhörbarer Stimme sagte er:

»Es ist in der That etwas Wichtiges, um das es sich hier handelt, Frau Gräfin, denn das Glück des mir theuersten Wesens auf der Welt, das Glück meiner Helene, hängt von dieser Stunde ab!«

»Und stehe _ich_ damit in Verbindung?« sagte die Gräfin kalt und stolz, indem sie dabei fest seinem Blick begegnete.

»Ja,« sagte Felix leise, aber entschlossen, denn er fühlte, daß jetzt die Zeit zum Handeln gekommen sei und er jede andere Rücksicht bei Seite lassen müsse. »Bitte, nehmen Sie Platz, Frau Gräfin, hören Sie mich geduldig nur wenige Minuten, und dann -- wenn Ihr eigenes Herz nicht jetzt schon für uns spricht -- mögen Sie selber entscheiden, ob die Sache -- wichtig genug war, Ihre Zeit in Anspruch zu nehmen.«

»So reden Sie,« sagte die Gräfin, indem sie auf dem ihr gebotenen Fauteuil Platz nahm.

»Erinnern Sie sich, Frau Gräfin,« begann der junge Mann, während es ihm schwer wurde, die ersten Worte hervorzubringen, »daß ich Ihnen neulich in Ihrem eigenen Schlosse sagte, Helene sei die Tochter der Gräfin Baulen, die sich in der Provinz Santa Clara in Brasilien damals aufhielt, vielleicht noch da lebt?«

»Ich glaube, ja...«

»Sie glauben, ja?« fuhr Felix fort, dessen Pulse jetzt rascher an zu schlagen fingen. »Und -- ist Ihnen dann Helene weiter nichts, als die Tochter der Gräfin Baulen -- oder jener Frau, die sich dort in ihrem albernen Stolze Gräfin nennt?«

Die Gräfin hatte ihm mit einem marmorkalten Antlitz zugehört; nicht ein Zug desselben zuckte oder verrieth, was in ihr vorging, keine Wimper regte sich. Felix kam es so vor, als ob ihre Wangen um einen Schatten bleicher geworden wären, aber das Licht der untergehenden Sonne konnte ihn täuschen, und ruhig und regungslos verharrte sie in ihrer Stellung und erwiderte auch noch kein Wort, als Felix schon eine Zeit lang geschwiegen, als ob sie erwartete, daß er noch einmal fortfahren würde. Endlich sagte sie mit ihrer abgemessenen, leidenschaftslosen Stimme:

»Herr Graf, Sie trauen mir in der That viel Discretion zu, daß Sie mir solcher Art die innersten und zartesten Geheimnisse Ihrer Verwandtschaft mittheilen: ich weiß nicht, ob Sie gut daran thun.«

»Frau Gräfin,« rief Felix, »ist des denn möglich, daß ein menschliches Wesen solche Selbstbeherrschung zu üben vermag, wenn -- aber jetzt kann es nichts helfen,« unterbrach er sich rasch, »wir verlieren die kostbare Zeit hier mit einem Wortspiel; Sie müssen Alles wissen: so vernehmen Sie denn, daß Helene erst vor unserer Abreise von dort, vor unserer Vermählung erfahren hat, wer ihre wirkliche Mutter ist -- daß sie dabei fühlt, wie sie nie von ihr anerkannt werden kann und wird, es auch nicht verlangt. Das Geheimniß soll bleiben, wie es bis jetzt gewesen, fest und undurchdringlich und nie gebrochen von unseren Lippen -- aber Helenens Seele drängt nach dem Augenblick, wo sie einmal an dem Herzen der Mutter liegen, nur einmal den theuren Namen nennen darf, den sie bis jetzt nur von einem Wesen gekannt hat, das sie nie geliebt. Oh, wenn Sie wüßten, was das arme Kind gelitten,« fuhr der junge Mann lebendig fort, als die Gräfin schwieg und leise mit dem Kopf schüttelte -- »wenn Sie ahnen könnten, wie es sie mit allen Fasern des Herzens hierher gezogen, nur einmal die Kniee der Mutter umfassen und einmal ihr müdes Haupt an ihre Brust legen zu dürfen, Sie würden Mitleid mit ihr haben...!«

»Herr Graf, nicht weiter, wenn ich bitten darf,« unterbrach ihn die Gräfin, »denn irgend ein Geheimniß liegt hier zu Grunde, das Sie im Begriff sind, einer völlig unbetheiligten und demselben fernstehenden Person zu enthüllen. Hier muß ein Irrthum obwalten, und ich -- will nicht weiter nachforschen, inwieweit Sie mich selber da hineingezogen; daß es mir aber nicht angenehm sein kann, werden Sie einsehen, und ich ersuche Sie deshalb, kein Wort mehr darüber zu verlieren.«

»Kein Wort mehr davon?« wiederholte Rottack staunend; »und ist es möglich, daß -- aber nein,« unterbrach er sich rasch, »Sie glauben sicherlich, daß nur eine vage unbestimmte Vermuthung mich zu dem Schritt getrieben. Sehen Sie her, Frau Gräfin -- kennen Sie diesen Brief? Kennen Sie die Handschrift dieser Zeilen? Dort liegt der andere Brief, den Sie heute Morgen die Güte hatten, meiner Frau mit der Anzeige Ihres heutigen Kommens zu senden -- kennen Sie diesen Brief?«

Die Gräfin hatte einen flüchtigen Blick über die Zeilen geworfen, und so riesenstark sie bis jetzt Alles zurückgehalten, was ihre Seele bewegen oder auch nur in Miene oder Ausdruck ihr inneres Gefühl verrathen konnte -- dieser Beweis gegen sie kam ihr zu rasch und unerwartet. Ihre Wangen erbleichten sichtlich, und die Hand, welche das Papier hielt, zitterte -- aber nicht so lange, als sie Zeit gebrauchte, den Brief zu lesen; ihre Stirn zog sich in Falten; den kleinen, feingeschnittenen Mund umzuckte Trotz und Aerger, und mit finsterem Blick, aber vollkommen fester Stimme sagte sie:

»Also die Aehnlichkeit einer Handschrift soll hier gemißbraucht werden...«

»Um Gottes willen, halten Sie ein, Frau Gräfin,« rief Felix rasch und erschreckt, »auch nur der Schatten eines solchen Argwohns wäre furchtbar! Dieses Papier ist der einzige Beweis auf der weiten Gotteswelt, den wir gegen Sie haben -- sehen Sie hier!« -- Noch während er sprach, hatte er das Papier wieder aus ihrer Hand genommen und an einem auf dem Kaminsims stehenden Feuerzeug ein Streichholz entzündet; er hielt den Brief darüber -- er flackerte auf, und nachdem er ihn zwischen den Fingern hatte vollständig verbrennen lassen, warf er die Asche auf den leeren Rost. -- »Glauben Sie jetzt noch, daß hier von einem Mißbrauch die Rede sein kann?«

Die Gräfin hatte sich ebenfalls erhoben, und ihr Blick haftete scharf und forschend auf den edlen Zügen des jungen Mannes. Mit vollkommen wiedererlangter Fassung regte sich aber auch nicht eine Muskel ihres starren Antlitzes, und sie sagte ruhig:

»Ich habe das nicht anders von Ihnen erwartet, Herr Graf. Die Handschrift war allerdings täuschend ähnlich; aber Sie werden auch fühlen, daß ein weiteres Gespräch über diesen Gegenstand nur für beide Theile peinlich werden müßte. Ich glaube, mein Wagen ist vorgefahren.«

»Mutter!« sagte da eine weiche, schmerzdurchbebte Stimme, und als die Frau fast unwillkürlich den Kopf danach wandte, stand Helene, die Augen in Thränen gebadet, die Hände gefaltet, das Antlitz leichenbleich, auf der Schwelle.

Fast unwillkürlich wandte sich die Gräfin halb ab, als ob sie den Platz rasch verlassen wolle; wenn das aber ihre Absicht gewesen, so siegte doch ihr besseres Gefühl.

»Ihre Frau sieht recht angegriffen aus, Herr Graf,« sagte sie; »es thut mir leid, die unschuldige Ursache einer solchen Täuschung gewesen zu sein, aber ich hoffe und wünsche nicht, daß das unsern weitern Verkehr stören möge. Es wird mich immer freuen, Sie Beide bei uns zu sehen.«

Sie wollte fort, aber es war, als ob sie nicht konnte, als ob ihre Füße selber am Boden wurzelten; und Helene kam auf sie zu, langsam und wie ohne eigenen Willen, und ihre Hand faßte die der Gräfin und zog sie an ihre Lippen, und ihre Kniee beugten sich vor der strengen, harten Frau. Aber ehe sie dazu kam, hatte Gräfin Monford ihren Arm gefaßt, und sich an Felix wendend, rief sie:

»Ihre Frau ist krank, Herr Graf, haben Sie Acht auf sie -- geistige Ueberreizung zieht manchmal ebenfalls nachtheilige Folgen nach sich; erklären Sie ihr den Irrthum, das wird sie beruhigen -- ich werde morgen nachfragen lassen, wie sie die Nacht geschlafen hat. Wie sie zittert, die arme Frau -- Sie dürfen sich nicht so aufregen, liebes Kind -- ich hoffe, daß wir uns recht bald wiedersehen, Herr Graf!« Und sich leicht, aber stolz verneigend, während Felix zu Helenen gesprungen war und sie unterstützt hatte, verließ sie den Saal, ohne auch nur noch einmal den Blick zurückzuwenden.

Draußen hielt in der That der Wagen, den der Bediente auf des Grafen strengen Befehl nicht anzumelden gewagt hatte. Wenige Minuten später hörten sie das Knirschen der Räder auf dem Gartenkies, und Helene, ihr Haupt an der Brust des Gatten bergend, rief leise und weinend:

»Verloren -- auf immer verloren!«

16.

Vornehme Welt.