Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«

Part 17

Chapter 173,851 wordsPublic domain

»Daß ich Herrn Pfeffer's Haus nicht wieder betreten möge, nicht wahr, Herr Stelzhammer?« sagte Rebe bitter -- »aber seien Sie unbesorgt, es hätte deshalb Ihres Besuches nicht bedurft, denn ich fühle selber, daß ich jetzt, hier aus meiner Stellung selbst geschoben und kaum im Stande, mich allein am Leben zu erhalten, nicht das Recht habe, das Geschick eines andern, mir theuren Wesens an das meine zu fesseln. Fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen wieder lästig fallen werde, wie es mein Schicksal zu sein scheint, wohin ich komme. Sowie mein Contract mit diesem Monat abgelaufen ist, verlasse ich Haßburg, und ich glaube kaum, daß Sie dann je wieder von mir hören werden.«

»Sehen Sie,« sagte Jeremias, der ihm indessen schweigend und kopfschüttelnd zugehört, »jetzt gehen Sie durch, gerade wie ein scheu gewordenes Pferd, und immer nach der verkehrten Richtung. Seh' ich denn aus wie ein so schrecklicher Tyranski Absolutski, der nur eben die Nase nach Deutschland hineinsteckt und dann auch gleich sein Kind, um das er sich die langen Jahre nicht gekümmert, unglücklich machen will? Lassen Sie uns vernünftig mit einander reden, Herr Rebe, und ich glaube, ich habe einen Ausweg für Sie gefunden, oder -- wir können doch wenigstens erst einmal sehen, ob wir keinen finden.«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen...«

»Ja, wenn ich aufrichtig sein will, weiß ich es eigentlich selber noch nicht recht,« sagte Jeremias, sich hinter dem rechten Ohr kratzend, »denn ich -- ich möchte Ihnen doch nicht gern wehe thun, und -- und sehe auch keinen andern Weg, als...«

»Bitte, geniren Sie sich nicht,« lachte Rebe bitter -- »weshalb sollen Sie gerade der einzige Mensch in der Welt sein, der Rücksichten auf mich nimmt?«

»Jetzt gehen Sie wieder durch,« nickte Jeremias, »aber es kann nichts helfen -- so kommen wir nicht zu Ende. So will ich Ihnen denn sagen, was ich mit meinem Schwager Pfeffer besprochen habe -- Jettchen weiß natürlich kein Wort davon --, und nachher wollen wir hören, was Ihre Meinung von der Sache ist.«

»Ich bin in der That begierig!«

»Pfeffer meint,« fuhr Jeremias fort, »daß Sie beim Theater außerordentlich wenig Aussichten hätten, es je zu etwas Vernünftigem zu bringen, und daß es schade um Sie wäre, wenn Sie Ihre Kräfte dabei vergeudeten.«

»Das ist sehr liebenswürdig von Herrn Pfeffer...«

»Glauben Sie nicht, daß er etwas auf Sie hat!« rief Jeremias rasch -- »er meint es wahrhaftig gut mit Ihnen und sprach nur Gutes von Ihnen, und daß Sie sonst ein braver und anständiger Mensch wären!«

»Sonst?«

»Ja, -- nur zum Theater taugten Sie nicht -- Sie -- Sie wären zu... -- Hurrjeh,« unterbrach sich Jeremias, »es ist eine ganz verfluchte Geschichte, wenn man es mit Jemandem gut meint und soll ihm dann Grobheiten sagen, aber es geht ja nicht anders, und wenn Jemand einem Andern einen kranken Zahn ausziehen soll, so muß er ihm auch wehe thun, und man weiß doch dabei, daß es eben nicht anders angeht! Wenn Sie das nur wenigstens auch wüßten!«

»Bis jetzt,« sagte Rebe kalt, »habe ich nur aus Ihren Reden ersehen, daß Sie, auf Herrn Pfeffer's Urtheil hin, mir den guten Rath geben wollen, einer Laufbahn zu entsagen, die bis zu diesem Augenblick mein ganzes und einziges Lebensglück ausgemacht hat. Wovon ich nachher leben soll, darüber wird Herr Pfeffer wohl selber im Unklaren sein, ganz abgesehen davon, ob ich überhaupt nachher noch leben könnte.«

»Aber das ist es gerade, weshalb ich hergekommen bin!« rief Jeremias rasch. »Glauben Sie denn, ich wollte mich blos unangenehm bei Ihnen machen, um Ihnen etwas zu sagen, was Sie doch wahrhaftig nicht erfreuen kann?«

»Es ist mir wenigstens lieb, daß Sie das selber einsehen,« sagte Rebe ruhig, »und ich bin Ihnen dankbar für Ihren guten Willen -- mit was kann ich Ihnen sonst noch dienen?«

»Na ja, nun werfen Sie mich lieber gleich 'naus!« sagte Jeremias in komischer Verzweiflung. »Aber so hören Sie mich doch nur an. Das Theater kann Ihnen wahrhaftig nicht so an's Herz gewachsen sein, daß Sie gar kein anderes Leben für möglich halten! Du lieber Gott, was treibt man nicht Alles, um ordentlich und ehrlich durchzukommen, und wenn ich Ihnen Alles erzählen könnte, was _ich_ schon gewesen bin, Sie würden sich wundern, so viel kann ich Ihnen sagen! -- Aber jetzt geht es mir gut,« fuhr er entschlossen fort, ehe Rebe ein Wort zu erwidern vermochte; »ich habe mir etwas erspart und nur den einzigen Wunsch, die Menschen glücklich und zufrieden zu sehen, die ich -- die ich -- um die ich mich eigentlich hätte ein bischen früher bekümmern sollen. Jettchen aber ist ein liebes, herzensgutes Kind, dem ich Alles zu Gefallen thun könnte, und -- wenn sie auch noch nicht recht mit der Sprache herausgerückt ist, so habe ich doch so viel gemerkt, daß sie Ihnen gut ist und nicht das Geringste dagegen würde einzuwenden haben, wenn Sie im Stande wären, um sie anzuhalten.«

»Aber?« sagte Rebe, während er sich Mühe geben mußte, seine Fassung zu bewahren, »ich muß Sie um den noch fehlenden Nachsatz bitten!«

»Aber,« fuhr Jeremias entschlossen fort, »das sind Sie jetzt noch nicht und hätten, allem Anschein nach, auch noch für die nächste, vielleicht für eine sehr lange Zeit keine Aussicht dazu, und da -- möchte ich Ihnen helfen.«

»Sie, Herr Stelzhammer?« rief Rebe erstaunt -- »und wie können Sie mir helfen? Glauben Sie, daß ich je im Stande wäre, mich von meiner Frau ernähren zu lassen?«

»Wenn ich das glaubte,« sagte Jeremias trocken, »so wäre ich gar nicht zu Ihnen gekommen. Nein, ich wollte einmal mit Ihnen sprechen, ob Sie vielleicht doch nicht auf einen andern Weg zu bringen wären, und muß Sie deshalb vorher -- mir, als Jettchen's Vater, dürfen Sie das nicht übel nehmen -- auf das Gewissen fragen: Lieben Sie das Mädel wirklich recht von Herzen, und würden Sie dieselbe, eben wenn Sie Ihr Brod hätten, zur Frau nehmen?«

»Herr Stelzhammer,« sagte Rebe bewegt, indem er ihm die Hand entgegenstreckte, »vorher, und ehe ich Ihre Frage beantworte, muß ich Ihnen ein Unrecht abbitten, das ich gegen Sie verübt!«

»Gegen mich?«

»Ja -- denn ich hielt Sie, als Sie dies Zimmer betraten, -- und auch noch eine Zeit lang nachher -- für einen jener wohlmeinenden Freunde, die ihre Freundschaft nur darin suchen, sich ein Recht heraus zu nehmen, grob zu sein, Sie sehen, ich bin aufrichtig...«

»Bitte, geniren Sie sich nicht,« sagte Jeremias.

»Ich bitte Sie deshalb um Verzeihung,« fuhr Rebe herzlich fort, indem er die Hand des kleinen Mannes, die er noch immer in der seinen hielt, derb schüttelte -- »ich habe Ihnen unrecht gethan, denn ich fühle, daß Sie es wirklich gut mit mir und Henrietten meinen!«

»Sollte so denken,« nickte der kleine Mann; »ich wußte, daß Sie dahinter kommen würden, wenn wir nur erst eine Weile beisammen wären.«

»Dann aber nehmen Sie die Versicherung,« fuhr Rebe fort, »daß ich Ihre Tochter viel zu aufrichtig und wahr liebe, um mein Unglück eine Ursache sein zu lassen, auch das ihrige herbeizuführen. Ich trete jetzt hinaus in die Welt -- mit geringen Hoffnungen, es ist wahr -- aber auch mit dem festen, männlichen Willen, mir mein Leben zu erkämpfen, wie es Tausende vor mir gethan haben. Geh' ich dabei unter, nun, dann ist nur ein doch werthloses Dasein weniger. -- Gelingt es mir aber -- und trotz allem Mißgeschick flüstert eine Stimme in mir noch immer: »Es wird!« -- dann, mein lieber Herr, hoffe ich Ihnen zu beweisen, mit wie heißer Liebe ich an Henrietten hange und -- daß ich ihrer Werth bin!«

»Mein lieber Herr,« sagte Jeremias, auf seinem Stuhl herumrückend, »das ist Alles recht schön und gut, daß Ihr abgebrannt seid, wie jener Pfarrer meinte, aber es bringt uns keinen Schritt weiter in der Sache, denn wenn Jettchen Sie wirklich lieb hat, so glauben Sie doch sicherlich nicht, daß Sie ihr einen Gefallen thun, wenn Sie, wie Sie es nennen, untergehen, so ehrenvoll das auch an sich sein mag.«

»Aber was kann ich thun?«

»Sie haben studirt, nicht wahr?«

»Ja...«

»Das ist eben der Teufel,« meinte Jeremias, sich wieder hinter dem Ohr kratzend, »daß mit den studirten Leuten am allerwenigsten anzufangen ist! Sie verstehen Griechisch und Lateinisch und Alles, was sie im Leben nicht gebrauchen können, aus dem Grunde; will man aber 'was Praktisches mit ihnen anfangen, so hapert's an allen Ecken. Was in dem Amerika nur allein für eine Menge studirter Menschen herumhungern und ihrem Gott dankten, wenn sie in ihrer Jugend ein Handwerk gelernt hätten, ist ganz unglaublich! Aber lassen Sie nur gut sein,« unterbrach er sich rasch, als er merkte, daß Rebe etwas erwidern wollte; »vielleicht finden wir doch noch etwas, und dann sollen Sie sehen, daß ich es wirklich gut mit Ihnen meine, junger Mann, und Ihnen beistehen werde wie ein wahrer Freund -- wir müssen nur erst auf den rechten Punkt kommen.«

»Aber was soll sich finden, bester Herr -- ein Engagement...«

»Reden wir nicht mehr davon,« sagte Jeremias gutmüthig; »wenn Sie nicht auf's Theater passen, hilft Ihnen auch ein Engagement nichts, und die Zeit, die Sie dort auf's Neue verbringen, ist eben einfach auf den Kopf geschlagen. Wir fangen 'was Anderes an -- mir gehen eine Menge Pläne durch den Kopf, und Sie sollen einmal sehen, in Zeit von vier Wochen habe ich Sie da so hineingearbeitet, daß Sie selber Ihre Lust und Freude daran finden werden.«

»Herr Stelzhammer,« sagte Rebe freundlich, aber auch fest und bestimmt, »die Zeit nur, die Sie hier mit mir vergeuden, ist verloren, denn mich ziehen Sie nicht aus der vorgezeichneten Bahn.«

»Aber, mein bester Herr!«

»Bitte, lassen Sie nun auch mich reden. Ich kenne Herrn Pfeffer genau; ich weiß, daß er von Herzen ein guter und sonst braver und ehrlicher Mensch ist, aber er hat eine verbissene Natur und sucht besonders etwas darin, auf das Theater zu schimpfen. Wenn man ihn reden hört, so sollte man glauben, er wäre bei jeder neuen Rolle der unglückseligste Mensch, so raisonnirt er und mit solcher Unlust geht er jedesmal daran, sie zu lernen; aber nehmen Sie ihm einmal eine oder fordern Sie ihn einmal auf, vom Theater zu gehen, so hören Sie, was er Ihnen sagt.«

»Pfeffer? -- Lieber heute, als morgen.«

»Ich kenne ihn besser. Er redet grundsätzlich Jedem ab, zur Bühne zu gehen, und was sein Urtheil über mich betrifft -- ein so guter Schauspieler er in seinem Fache sein mag --, so kann das für mich keinen entscheidenden Werth haben; denn hat er mich auch nur erst ein einziges Mal in einer wirklich guten, ja, selbst nur in einer mittelmäßigen Rolle gesehen? Habe ich denn hier am Theater -- ich weiß selber nicht, weshalb -- auch nur ein einziges Mal Gelegenheit bekommen, zu versuchen und zu zeigen, was ich vermag? Nie -- nur zu Statisten- oder, kaum mehr als dazu, zu kleinen, erbärmlichen Rollen bin ich verwandt worden, in denen ich kaum ein paar Worte zu sprechen hatte und mich selbst schämte, wenn ich, meiner unwürdig, so da draußen vor dem Publikum stand. Und jetzt sollte ich die Bühne verlassen -- jetzt, mit dem nagenden Gefühl im Herzen, daß ich das Zeug zu etwas Besserem in mir trage? -- Glauben Sie da selber, bester Herr, daß ich bei irgend einer andern Beschäftigung, die Ihre Güte für mich ausgedacht, Ruhe und Befriedigung fühlen, daß ich ausharren könnte, wo es noch immer in mir gährt und treibt und die Sehnsucht nach der wahren Kunst mich verzehren, aber auch zugleich zu allem Andern untauglich machen würde?«

»Ja, mein lieber, junger Freund,« sagte Jeremias bestürzt, »das wäre ja aber eine ganz verzweifelte Geschichte, und während Sie in der Welt draußen nach der »wahren Kunst« suchen, die ich noch nirgends gefunden habe, so alt ich bin, grämt sich das arme Jettchen daheim die Augen roth und wird zuletzt eine alte Jungfer. Ueberlegen Sie sich die Sache nur erst ordentlich. Sie glauben gar nicht, was der Mensch Alles kann, wenn er nur ernstlich will.«

»Ich habe mir Alles überlegt, bester Herr, wieder und wieder,« sagte Rebe herzlich -- »meine ursprüngliche Carrière, durch welche ich im Laufe der Jahre in der regelmäßigen Staats-Tretmühle meinen bestimmten Platz und die Hoffnung auf Avancement hätte bekommen können, habe ich mir durch meinen Austritt verscherzt; die Herren nehmen Niemanden zum Staatsdienst wieder auf, der einmal Schauspieler gewesen ist, obgleich sie ihre Schauspieler weit besser bezahlen, als ihre Staatsdiener, und dahin ist mir der Weg also gründlich abgeschnitten, -- zu etwas Anderem passe ich nicht. Es giebt kaum einen unglückseligeren Menschen für irgend eine Speculation auf der weiten Welt, als mich; zum Kaufmann habe ich nicht das geringste Talent, aber meine ganze Seele hängt am Theater, und wem Gott einen solchen Trieb dazu in's Herz gelegt hat, der darf und kann ihm nicht entsagen, wenn er seinen Lebenszweck nicht verfehlen will.«

»Aber, mein lieber Herr Rebe, ich -- ich war auch schon einmal beim Theater -- und wobei bin ich eigentlich nicht gewesen?« sagte Jeremias etwas kleinmüthig.

»Und haben Sie je den Drang gefühlt,« rief Rebe begeistert, »der Kunst Alles, Alles opfern zu müssen -- selbst Ihr Leben?«

»Könnt' ich gerade nicht sagen,« meinte der kleine Mann kopfschüttelnd -- »ich sang und tanzte meinen Stiefel weg und freute mich nur immer auf den Ersten, weil da Gagetag war.«

»Dann hat Ihnen das Verlassen der Bühne auch keine Thräne gekostet.«

»Ne, wahrhaftig nicht,« bestätigte Jeremias -- »eh'r im Gegentheil. Ich war seelenfroh, aus der Bude herauszukommen -- Kunst -- ja Kunst! Ich habe keine Kunst darin entdeckt.«

»Und tadeln Sie mich deshalb, weil ich dabei aushalte, daß ich mein ganzes Leben, mein Glück, mein Alles daran setze, um mein Ziel zu erreichen? Ich kann aber nicht anders, lieber Herr -- ich fühle, daß ich in jedem andern Fache, so freundlich Sie mir auch zur Seite stehen würden, eine unselbstständige, gedrückte Stellung einnehmen müßte, während ich hier ein weites, offenes Feld vor mir sehe, meiner Kraft, meinem Ehrgeiz zu genügen. Bring' ich es dann zu 'was, so verdanke ich bei Gott Alles nur mir selbst, was ich erstrebt, und kann dem Besten stolz in's Auge sehen! War es ein Mißgriff, dann wird der arme Rebe Niemandem mehr lästig fallen -- Niemand wird mehr von ihm hören und -- Niemand auch wohl mehr nach ihm fragen,« setzte er leise hinzu.

»Und ist das Ihr fester und letzter Entschluß?« sagte Jeremias kopfschüttelnd.

»Ich kann nicht anders, lieber Herr,« sagte Rebe herzlich; »ich müßte mich selbst verachten, wenn ich anders handeln wollte.«

»Das ist freilich recht traurig,« nickte der kleine Mann mit dem Kopf, indem er von seinem Stuhl aufstand, »und mir thut dabei Niemand wie das arme Jettchen leid, denn Sie selber wollen es ja nicht besser haben.«

»Mein armes Jettchen!« sagte Rebe leise -- »aber sie ist frei!« fuhr er leidenschaftlich fort -- »glauben Sie nicht, daß ich sie mit Wort oder Bitte an das Leben eines Unglücklichen fesseln werde! Es war freilich mein schönstes, seligstes Gefühl, der Gedanke, sie mir einst verdienen zu können -- aber die Zeit liegt zu fern, zu ungewiß, um sie zu binden! Es war mein heißester Wunsch, sie glücklich zu wissen -- ich will nicht die Ursache sein, das Gegentheil herbeizuführen!«

»Sie sind ein braver Mann, mein lieber Herr Rebe,« sagte Jeremias herzlich, indem er ihm nochmals die Hand reichte und die seine herzhaft drückte; »ich glaube, Jettchen würde glücklich mit Ihnen werden, ob Sie nun Schauspieler oder 'was Anderes wären...«

»Sie sind mir böse,« sagte Rebe leise, der wohl bemerkte, daß der Mann noch einen Rückhalt hatte -- »Sie halten mich für einen eigensinnigen Trotzkopf, der das Glück des ihm liebsten Wesens gleichgültig von sich stößt, nur um seinem Eigensinn zu fröhnen.«

»Doch nicht,« sagte Jeremias, mit dem Kopf schüttelnd; »ich begreife freilich nicht, wie Jemand mit einer solchen Leidenschaft am Theater hangen und Freude darin finden kann, sich in die Geschichte so -- ich weiß eigentlich nicht wie ich sagen soll -- so hinein zu bohren. Aber ich begreife, daß Jemand, der fest von irgend etwas überzeugt ist, auch Hals und Kragen dransetzen kann, um es durchzuführen. Aber da stehen Sie allein, da giebt es keinen Menschen, der Ihnen helfen und beispringen kann.«

»Ich weiß es,« sagte Rebe ruhig, »weiß auch, welche schwere Prüfungszeit mich wahrscheinlich noch erwartet, und nur um das bitte ich Sie, denken Sie nicht schlechter von mir, weil ich Ihr freundliches Anerbieten zurückgewiesen habe -- glauben Sie nicht, daß ich darum Henriette auch nur um einen Gedanken weniger liebe, weniger bereit wäre, ihr Alles aufzuopfern, aber -- ich muß mich später selber achten können. -- Kein Vorwurf darf auf meiner Seele lasten, mir meines Strebens einst nicht klar gewesen zu sein, mit Einem Wort: ich muß erst versuchen, ob ich wirklich zu dem, was mein ganzes Sein erfüllt, nicht passe und in der That nicht im Stande bin, mir aus mir selbst heraus eine Carrière zu schaffen. Dann, wenn ich das gethan, wenn ich gesehen habe, daß ich mich geirrt, will ich es aufgeben -- nicht mit blutendem Herzen, nein, mit dem ruhigen Bewußtsein, meine Pflicht gethan zu haben, und was dann aus mir wird, das weiß nur Gott!«

Jeremias begriff nur halb, was Rebe sagte; er verstand etwa den Sinn der Worte, aber nicht die mächtige Triebfeder seiner Handlungsweise, die er in seiner Sprache mit dem kurzen, aber bezeichnenden Worte »Dickkopf« wiedergegeben haben würde. Aber unter solchen Umständen ließ sich hier auch nichts weiter machen. Er selber hatte sein Möglichstes gethan, Jettchen beizustehen; wenn der bühnentolle Schauspieler nicht wollte, zwingen konnte er ihn nicht.

»Na, mein lieber Herr Rebe,« sagte er aufstehend, »unter diesen Umständen läßt sich vor der Hand gar nicht weiter über die Sache reden. Versuchen Sie's denn in Gottes Namen, und ich selber will Ihnen alles Glück und allen Segen wünschen.«

»Ich danke Ihnen herzlich, mein lieber Herr, aber -- erlauben Sie mir denn wohl, daß ich,« setzte er leiser hinzu, »ehe ich von hier fortgehe, Ihrer Tochter noch einmal Lebewohl sage?«

»Das kann man keinem Menschen verwehren,« sagte Jeremias, mit dem Kopf schüttelnd; »Abschied nehmen ist 'was Heiliges, aber -- setzen Sie mir dem Mädel keine Schrullen weiter in den Kopf. Es wird dem armen Ding wehe genug thun.« -- Und Rebe's Hand noch einmal herzhaft drückend, drehte er sich um und schritt zur Thür hinaus.

15.

Die Leseprobe.

George Monford hatte wirklich sein Aeußerstes geleistet und mit einer ganz fabelhaften Ausdauer alle Schwierigkeiten, die sich ihm durch die Kürze der gegebenen Zeit entgegenstellten, um seine Lieblingsidee zur Ausführung zu bringen, überwunden.

Wer aber jemals selber die Vorstellung eines Liebhabertheaters oder selbst nur das Stellen von lebenden Bildern zu leiten übernommen gehabt, weiß allein, was für ganz verzweifelte Dinge da geschehen können, welch' enorme Rücksichten da genommen und welche Schleichwege eingeschlagen werden müssen, um endlich all' die verschiedenen Köpfe -- und je schöner, desto schwerer -- unter Einen Hut zu bringen.

George hatte Alles durchzukosten. Hier nahm Einer die ihm überbrachte Rolle an, um sie drei Stunden später wieder unter irgend einem Vorwand zurückzuschicken; dort war eine Person, auf die er fest gerechnet, so plötzlich und ernsthaft erkrankt, daß selbst ein Möglichkeitsversprechen außer aller Frage blieb. Comtesse B. konnte mit Baronesse X. unmöglich zusammen wirken, da sich Letztere über eine neue Robe der Ersteren ungünstig ausgesprochen, was Comtesse Y. zu Ohren von Comtesse B. gebracht hatte. Hauptmann von Z. sah sich nicht im Stande, eine Civilperson zu spielen, während Lieutenant von P. einen Hauptmann vorstellen sollte. Es war rein zum Verzweifeln, all' diesen Bedenken und kleinen Misèren rechtzeitig zu begegnen, und George wechselte an den beiden ersten Tagen an jedem dreimal seine Pferde und kränkte seinen Reitknecht auf das Tiefste, der in der Zeit, in welcher er vor den Häusern hielt, gar nicht wußte, was er mit den unruhigen, ungeduldigen Thieren anfangen sollte.

Endlich, endlich, und ein tiefer Dankesseufzer hob seine Brust, hatte er Alles im Stande, und nach ganz unsagbaren, aber jetzt überwundenen Schwierigkeiten war die erste Leseprobe auf heut Abend festgesetzt.

Um das aber bewerkstelligen zu können, hatte ordentlich eine kleine Verschwörung angezettelt werden müssen, denn Paula durfte natürlich nichts davon merken, und war zu dem Zweck von einer andern, in das Geheimniß gezogenen Familie, die kein Contingent zu der Vorstellung stellte, eingeladen worden.

Rottacks selber hatten sich erboten, diese erste Probe in ihren Räumen abzuhalten, da man damit wechseln wollte, und Graf und Gräfin Monford ihnen schon deshalb an dem nämlichen Morgen eine sehr kurze und sehr steife Gegenvisite für den ersten Besuch gemacht. Es war das einmal Ton, und diese langweilige und für beide Theile gleich lästige Form durfte Niemandem erspart werden.

Paula machte übrigens ganz unbewußt dieser ersten Vorübung die meisten Schwierigkeiten, denn sie erklärte, nicht die geringste Lust zu haben, die Gesellschaft zu besuchen. Sie fühle sich nicht wohl, sagte sie, und scheue sich, unter Menschen zu gehen.

Paula sah in der That seit ein paar Tagen leidend aus; ihre Wangen waren bleich, ihre Augen eingefallen, und das Schlimmste, ihr ganzes Wesen, das sonst von Frohsinn strahlte, schien gedrückt.

Dem Bruder war das vor Allen aufgefallen, denn die Eltern schrieben es, als eine Art von Widersetzlichkeit, dem ausgesprochenen Willen, die Verlobung betreffend, zu und hüteten sich wohl es zu bemerken. Man mußte Paula ein paar Tage sich selber überlassen, dann gab sich das auch Alles von selbst, und sie war wieder die gehorsame, fröhliche Tochter, wie früher.

Nicht so George, der seine Schwester besser kannte. Er sah, sie war wirklich nicht wohl, und zu ihr gehend, schlang er seinen Arm um sie und sagte herzlich:

»Was hast Du, Paula? Was fehlt Dir, Herz? Du siehst wahrhaftig bleich und angegriffen aus!«

»Mir ist nicht wohl, George,« sagte das junge Mädchen, ihr Haupt an des Bruders Brust lehnend und vergebens bemüht, ein paar vorquellende Thränen zurückzupressen; »so viele Dinge gehen mir im Kopf herum -- ich muß nur immer denken und denken, und das thut mir so weh!«

»Du darfst nicht grübeln, Schatz,« tröstete sie George und versuchte ihr Antlitz sich zuzuwenden; aber sie litt es nicht. »Daß Du jetzt genug zu denken hast, glaub' ich Dir ja von Herzen gern; aber es sind doch auch nicht solch' traurige Dinge, die Dir dabei im Kopf herumgehen können, um Dich so niedergeschlagen zu stimmen, wie Du jetzt dreinschaust. Hab' guten Muth, mein kleiner, braver Paul,« fuhr er schmeichelnd fort, als sie ihm nichts erwiderte, sondern sich nur fester an ihn lehnte; »Hubert Bolten ist wirklich ein seelensguter Mensch, manchmal ein bischen aufbrausend und leichtsinnig, aber, lieber Gott, das giebt sich Alles von selber, wenn er erst einmal solch' eine kleine Hausfrau hat. Und denke Dir nur, wie glücklich Du Vater und Mutter dadurch machst, die ja ihr ganzes Herz daran gehangen haben -- und Hubert, hundertmal hat er mich in der Stadt, wo er mich nur traf, gefragt, wie es Dir ginge und was Du triebest, und zehnmal wär' er schon herausgekommen, wenn ihn die Eltern nicht gebeten hätten, vor der Verlobung jeden auffälligen Schritt zu vermeiden.«

»Ach, George, ich kann Dir gar nicht sagen...«

»Bst, Schatz, da kommt die Mama,« unterbrach sie George rasch, »laß sie Dich nicht so traurig finden. Du weißt, sie kann es nicht leiden, obgleich sie die letzten Tage selber ganz entsetzlich finstere Gesichter geschnitten hat.«

Die Gräfin kam durch den Garten auf die offene Salonthür zu, und Paula hatte sich rasch aufgerichtet und die verrätherischen Thränen abgewischt. George hatte Recht, die Mutter mußte mit ihrem Leid verschont werden, und wo hätte das Kind eigentlich seinen Schmerz am ersten ausschütten, am leichtesten ausweinen sollen, als an dem Herzen der Mutter!

»Nun, Paula, Du bist noch nicht angezogen? Der Wagen wird gleich vorfahren.«

»Im Augenblick, liebe Mutter, ich bin in wenig Minuten fertig; am liebsten blieb ich freilich zu Hause.«