Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«

Part 16

Chapter 163,660 wordsPublic domain

»Gehen Sie mir weg; mich haben sie auch einmal mit hineingeschleppt, um mich bei einer Tasse heißem Zimmtwasser, das die Dame vom Hause Thee nannte, und bei drei unsichtbaren Butterbrödchen sechs Stunden auf das Tödtlichste langweilen zu lassen. Das war ein furchtbarer Abend, Doctor!«

»Sie übertreiben wahrhaftig,« rief Feodor, seinen Kopf zurückwerfend; »ich habe doch auch von meinen Gedichten vorgelesen.«

»Leider!«

»Sie sind unausstehlich heute, und ich wollte dieses unglückselige Geschöpf, dieser Rebe, wäre erst einmal über alle Berge; früher finden Sie doch Ihren Humor nicht wieder.«

»Ach was, Rebe,« sagte Handor verächtlich; »glauben Sie, daß mir der Patron nur eine Stunde von meiner Zeit vergiften könnte?«

»Na, was steckt Ihnen denn sonst in den Gliedern -- Schulden? Lieber, bester Freund, Sie sind doch hoffentlich auch schon auf dem Standpunkt angelangt, daß, wenn sich Jemand Schulden halber Sorgen zu machen hat, es entschieden nur der Gläubiger sein kann -- Gläubiger -- ein famoser Name übrigens, weil er glaubt, daß er Geld kriegt; hahahaha!«

»Sehe ich aus wie Jemand, den die Schulden drücken?« spottete Handor, indem er seine Cigarrenasche auf den Teppich abstrich.

»Na, dann sind Sie verliebt,« rief Feodor, »heh? Hab' ich's getroffen, hat der haßburgische Herzbrecher auch endlich einmal seine Meisterin gefunden? Handor, der erste Liebhaber des haßburgischen Theaters, wirklich verliebt, ohne Schminke und Gasbeleuchtung -- es ist eine himmlische Idee! Uebrigens -- Donnerwetter, was mir da einfällt -- haben Sie schon davon gehört, daß dieser Rebe ein Heidenglück macht?«

»Ein Heidenglück -- welches?«

»Er heirathet das hübsche Blumen-Jettchen, das spröde, alberne Ding, dem alten Pfeffer seine Nichte, deren Vater gestern mit einer Million von Ostindien zurückgekommen ist.«

»Unsinn,« sagte Handor, »eine von Ihren gewöhnlichen Tageblatt-Enten.«

»Na, Sie werden's sehen. Der Rebe hat mit dem Mädel schon lange ein Verhältniß gehabt, aber natürlich Pauvreté in allen Ecken. Jetzt macht sich die Sache. Am Ende werden wir ihn hier noch nicht einmal los.«

»Vom Theater gewiß, und das Andere kümmert mich wenig,« sagte Handor gleichgültig, indem er aufstand und seinen Hut aufnahm.

»Sie wollen wieder fort?«

»Ich habe zu thun. Apropos, Doctor, können Sie mir nicht wenigstens einen Theil von den hundert Thalern zurückzahlen, die ich Ihnen neulich borgte? Trauvest quält mich mit den paar Thalern, die ich ihm schuldig bin.«

»Lieber, bester Freund,« rief Feodor -- »kahl wie eine Feldmaus im Augenblick; die Gelder kommen erbärmlich ein, und in der letzten Zeit habe ich gar nichts verdienen können, weil ich fortwährend mit Ihnen beschäftigt war.«

»Mit mir?«

»Meine Correspondenzen für die verschiedenen Blätter. Ich sage Ihnen, die eine Recension über Ihren »Fiesco« hat mich vier volle Stunden gekostet, so ausführlich habe ich Alles besprochen, und ich taxire meine Arbeitsstunden stets auf einen Louisd'or.«

»Das ist viel.«

»Geistige Arbeiten, lieber Freund, sind keine Holzhackerarbeit; die Fäuste können immer schaffen, aber der Kopf braucht seinen Genius, und wenn der ausbleibt, steckt er fest.«

»Und wann können wir Abrechnung halten?«

»Ich erwarte eine bedeutende Honorarzahlung in den nächsten Tagen.«

»Schön, also auf Wiedersehen, Doctor!«

»Auf Wiedersehen, lieber Handor, auf Wiedersehen!«

Handor hatte die Thür hinter sich zugedrückt, und Feodor sah ihm, freundlich mit der Hand winkend, nach; dann aber murmelte er leise vor sich hin:

»Einfaltspinsel, eingebildeter -- will in allen Blättern gelobt und herausgestrichen sein und dann auch noch geborgtes Geld wieder haben -- es ist wirklich großartig! Wer hält ihn denn hier am Theater? Niemand weiter als ich, und wenn ich ihn fallen lasse, ist er in vierzehn Tagen fertig; keine Hand rührt sich mehr -- ich müßte meine Haßburger nicht kennen. -- Komm Du mir!« Und die unangenehmen Gedanken abschüttelnd, drehte er sich wieder auf seinem Stuhl herum, griff die Feder auf und begann von Neuem sein commerzienräthliches Ehrengedicht, das aber trotz alledem nicht recht fließen wollte -- der Genius war noch nicht da.

14.

Horatius Rebe.

Oben in der Schloßgasse, dem »Paradies« schräg gegenüber, in einem sehr großen, massiv gebauten Hause, aber oben in der vierten Etage und in einem sehr bescheidenen, wie sehr beschränkten Dachstübchen, wohnte Horatius Rebe, »der zweite oder eigentlich vierte oder fünfte Liebhaber« am Haßburger Theater -- und eine bescheidenere Wohnung ließ sich in der That kaum denken.

Das Ameublement bestand aus einem Holztisch, der Morgens als Waschtisch, über Tag als Arbeitstisch diente, aus einem mit sehr verblichenem und auch schon oft ausgebessertem Kattun überzogenen Sopha, das mit Eisenfeilspänen gestopft sein mußte, so hart war es, und zwei ordinären Rohrstühlen. Dazu gehörte noch ein kleiner, sehr dürftiger Spiegel und eine lackirte Commode, wie ein glatt gehobeltes Bücherbrett, und dennoch war der kleine Raum so nett und sauber als möglich hergerichtet.

Man konnte gerade nicht sagen, daß eine musterhafte Ordnung darin herrschte, denn hier war ein Buch, in dem der Eigenthümer vorher gelesen, auf dem Tisch umgeschlagen, dort im Fenster lagen einige Noten, und darunter stand ein kleiner Zithertisch mit der Zither darauf und den Stuhl schräg davor gerückt. Ein Zimmer sieht aber überhaupt nicht wohnlich aus, wenn es zu sorgfältig aufgeräumt und geordnet ist -- man muß erkennen können, daß es von Jemandem benutzt wird, sonst macht es einen öden und unheimlichen Eindruck, mag es so einfach oder so prachtvoll möblirt sein, wie es will.

Und benutzt wurde es in der That, denn außer einem winzig kleinen Alcoven, der kaum ein Bett und einen gelb angestrichenen schmalen Kleiderschrank hielt und durch eine etwas zu kurze Kattungardine von der Stube getrennt wurde, war es die einzige Räumlichkeit, welche Horatius Rebe besaß, und diese hatte er sich denn auch so freundlich hergestellt, wie es eben seine Mittel erlaubten.

Ueber dem Sopha hing eine ziemlich gute Lithographie von Schiller im weißen, offenen Hemdkragen; über dem Arbeitstisch eine andere von Bogumil Dawison mit dem kecken, herausfordernden, aber geistreichen Gesicht. Es waren die beiden einzigen Bilder, die er besaß, eine kleine Photographie seiner verstorbenen Mutter ausgenommen, die über seinem Bett ihren Platz gefunden.

Aber trotzdem hatte der Raum doch noch eine andere Ausschmückung erhalten, denn unter Schiller's Bild kreuzten sich ein Paar Schläger, durch ein altes, vielgetragenes Band der Burschenschaft, der er früher angehört, mit einander verbunden, während unter denselben die alte, dreifarbige Studentenmütze jetzt zugleich als Zeichen der Erinnerung und -- als Uhrhalter diente.

Aber in dem Fenster standen Blumen, eine prachtvolle Monatsrose, zwei Resedastöckchen und zwei Heliotropen, und unter Dawison's Bild war ein kleines Sträußchen von künstlich gemachten, aber täuschend nachgeahmten Vergißmeinnicht, Veilchen und Maiblümchen befestigt.

Das war der ganze Zierrath, wenn wir die dürftige Bibliothek ausnehmen, die aber nur aus kaum zwanzig Bänden bestand. Da war ein Band mit Byron's Werken in der Original-Ausgabe, die Dramen von Schiller, Lessing und Göthe, und Heine's, Freiligrath's und Rückert's Gedichte, und ein dicker Band, der Shakespeare's gesammelte Werke ebenfalls im Urtext enthielt, lag, den »Hamlet« aufgeschlagen, auf dem Tisch.

Rebe hatte augenscheinlich darin gelesen, aber selbst diese Lectüre konnte ihn nicht fesseln; andere Gedanken gingen ihm im Kopf herum, und überhaupt sah er heute bleich und angegriffen aus, als ob er eine schlaflose Nacht gehabt oder vielleicht gar durchgeschwärmt hätte.

Aber, lieber Gott, schwärmen -- wovon? Seine kleine Gage hielt ihn eben am Leben in der theuern Stadt -- selbst den Genuß einer Cigarre mußte er sich versagen, wenn er sich nicht in Schulden stecken wollte; ein Glas Bier Mittags gehörte zu seinen Extravaganzen -- nein, eine schwere Lebenssorge lag auf seinem Herzen.

Der Souffleur, welcher es von seiner Zimmernachbarin, dem Fräulein Bassini, erfahren, hatte ihm allerdings unter dem Siegel der Verschwiegenheit -- mitgetheilt, daß Fräulein Bassini's Schwager, Henriettens Vater, als reicher Onkel von Amerika zurückgekommen wäre, aber an dem nämlichen Tag war ihm selbst seine kleine, untergeordnete Stellung an der hiesigen Bühne gekündigt worden, und er besaß nicht einmal Geld genug, um auf Reisen zu gehen und sich ein neues Engagement zu suchen, viel weniger eine Zeit lang zu zehren, wenn er nicht gleich an einer andern Bühne placirt werden konnte. Und wo durfte er das jetzt im Sommer hoffen, wo die meisten Theater sogar geschlossen waren?

Und Henriette -- durfte er jetzt wagen, ihr wieder zu nahen, wo er selber sogar brodlos geworden und ihr nichts, nichts auf der weiten Gotteswelt bieten konnte, als seine Liebe? Sie hätte ihn nicht verschmäht, das wußte er; aber durfte er ein solches Opfer annehmen? Nie. Er hätte seine Selbstachtung verloren für immer und keinem Menschen mehr offen in's Auge sehen können.

Nein, er selber mußte sich erst wieder eine Stellung im Leben erringen, mußte selbstständig dastehen, und dann -- wenn das Loos auch noch so bescheiden war, das er der Geliebten bieten konnte --, dann erst durfte er ihr wieder frei und offen nahen und seine Werbung erneuern. Jetzt war sie für ihn verloren, unerreichbar verloren.

Und wem verdankte er dies Alles? Wem anders, als diesem ungebildeten, aufgeblasenen Gecken, diesem Handor, der sich nur hier an der Bühne hielt, weil sich das Publikum einmal an ihn gewöhnt hatte und das Frauenvolk in seine hübsche Larve vernarrt war. Hatte er es denn nicht in den letzten zwei Jahren schon an mehreren anderen Bühnen versucht, um ein besseres Engagement zu erlangen, und war er nicht immer mit Schimpf und Schande hierher, als letztem und einzigem Zufluchtsort, zurückgekehrt? Aber Rache wollte er wenigstens an ihm nehmen. Die Vorstellung des »Hamlet« mußten sie noch vorüber lassen, das sah er selber ein, die durfte nicht gestört werden, aber dann konnte er ihm auch nicht die verlangte Genugthuung weigern, er durfte es nicht -- und nachher? Bah, was lag daran -- sein Leben war ja doch verfehlt, sein Lebensglück vernichtet und zerstört, was lag daran, was aus ihm wurde -- ob er jetzt ganz verdarb und unterging!

Sein Leben verfehlt? Oh, er hätte bittere Thränen weinen mögen, wenn er daran dachte, mit welcher Liebe und Leidenschaft er Alles hinter sich geworfen, was andere Menschen für ihn aufgebaut, nur um sich ganz und ausschließlich der Kunst in die Arme zu werfen!

Hatte denn die blinde, urtheilslose Menge Recht, wenn sie auch das nur einen »Broderwerb« nannte? Gab es denn wirklich kein höheres, ideales Ziel dabei, und war auch das Gefühl, das er in seinem eigenen Herzen für einen Funken himmlischen Feuers gehalten, der ihn entzückte und begeisterte, nichts als Lüge, nichts als eine Täuschung seiner selbst, ein mattes, wärmeloses Irrlicht gewesen, das nur allein dazu gedient, um ihn vom rechten Wege abzulenken?

Das war der bitterste Gedanke, der ihn quälte -- alles Andere hätte er leicht und gern ertragen, Mangel, Sorgen, Zurücksetzung -- lieber Gott, sie gehörten dazu und jedes Talent hatte sich durch sie hin die Bahn zu Licht und Freiheit öffnen, und oft erzwingen müssen -- aber besaß er wirklich das Talent? Hatte Handor Recht, der ihm erst gestern wieder mit kalten, höhnischen Worten gesagt, daß er es nie weiter als bis zum Stühletragen auf den Brettern bringen würde? Oder war es nur Bosheit, nichtswürdige, tückische Bosheit von ihm gewesen? Er selber fühlte die Begeisterung, fühlte die Kraft in sich, das Schwerste zu unternehmen und zu überwinden -- aber besaß er sie auch, und würde ihn der Director, der, wie er recht gut wußte, sich die größte Mühe gab, junge und tüchtige Kräfte heranzuziehen, so leicht entlassen haben, wenn er selber auch nur eine Spur davon in ihm entdeckt?

Oh, diese Zweifel an sich selbst, wie sie ihn peinigten und seinen sonst so frischen Muth niederdrückten! Und Keiner, Keiner war da, der ihn aufgerichtet hätte nur mit einem einzigen Wort des Trostes; keinen Freund hatte er, in dessen Brust er sein warmes Herz nur ein einziges Mal hätte ausschütten dürfen! Wo sollte er ihn auch finden? -- Ihre Gelage feierte er nicht mit, Wirthshäuser zu besuchen, Bier- oder Weinstuben, verstatteten ihm seine dürftigen Mittel nicht; sein Mittagessen verzehrte er in einem ganz abgelegenen, obscuren Local, wo eine verhältnismäßig gute Kost zu einem mäßigen Preis verabreicht wurde. Er selber besuchte Niemanden, aus Furcht, Jemandem zur Last zu fallen -- und wer sollte _ihn_ besuchen in seiner dürftigen Bodenkammer? Er stand allein, ganz allein in der Welt, und das einzige Wesen, das ihn nicht verachtete und auf ihn herabsah, das einzige Wesen, was ihm in Liebe und Treue ergeben war und ihn so glücklich, so selig hätte machen können, das mußte er meiden, durfte ihm nicht wieder nahen, und fühlte selber, wie sich unübersteigliche Schranken zwischen ihnen aufgethürmt.

Mit untergeschlagenen Armen und zusammengezogenen Brauen ging er raschen Schrittes in seinem kleinen Gemache auf und ab, als es heftig an die Thür klopfte. Ehe er aber nur Herein! rufen konnte, öffnete sich diese schon, und das spitze, rothe Gesicht des Souffleur Mauser erschien mit einem laut herausgeschrieenen »Guten Morgen, Herr Rebe!« auf der Schwelle.

»Guten Morgen, Herr Mauser,« sagte Rebe, »und was bringen Sie mir?«

»Bringen?« lachte der Eintretende, indem er die Thür hinter sich zuzog und es auch nicht der Mühe werth hielt, seine Cigarre ausgehen zu lassen -- »habe ich schon Jemandem etwas gebracht, ausgenommen zu Neujahr einen kleinen Repertoirschwindel? Fällt gar nicht vor, aber -- ein paar Worte im Vertrauen wollte ich mit Ihnen reden, Herr Rebe, und deshalb bin ich hergekommen.«

»In der That?« sagte Rebe kopfschüttelnd -- »aber dann bitte, setzen Sie sich -- und was ist es, was Sie mir vertrauen wollen?«

»Ja, seh'n Sie, Herr Rebe,« rief Mauser und unterbrach seine Rede wieder, denn die Cigarre war am Ausgehen gewesen und er mußte eine Zeit lang heftig ziehen, um sie wieder in Gluth zu bringen, »zu vertrauen habe ich Ihnen eigentlich nichts, sondern wollte Ihnen nur... -- die verdammte Cigarre hat gar keine Luft -- haben Sie nicht eine andere?«

»Ich rauche gar nicht, Herr Mauser.«

»Ja so -- ich wollte, ich thät's auch nicht; es kostet jährlich ein schmähliches Geld. Ich wollte Ihnen nur einen guten Rath geben, wenn Sie ihn nämlich annehmen, denn die Herren Künstler haben gewöhnlich ihre Sparren für sich, und glauben, sie könnten es allein -- was aber wären sie ohne den Souffleur, he? Wenn ich einmal mein Buch da unten zumache, so hört die Geschichte da oben auf, wie eine abgelaufene Spieldose, und sie können nur den Vorhang fallen lassen.«

»Sie dürften wohl Recht haben,« lächelte Rebe wehmüthig -- »bei Vielen ist das in der That der Fall.«

»Ob ich Recht habe! Glauben Sie mir, lieber Rebe, ein Souffleur guckt nicht umsonst das ganze Jahr hinter die Coulissen und peitscht alle Proben mit durch. Der Director und der Regisseur -- bah, wenn die da oben an ihrem Tisch sitzen und das große Wort führen, glauben oft, daß sie die Weisheit mit Löffeln gefressen haben! Ich könnt's ihnen sagen, alle Nasen lang, wo es fehlt und wo's hapert, denn ich habe die ganze Geschichte am Fädchen! Aber Mauser ist klug, Mauser hält's Maul und denkt: wo's Dich nicht juckt, da kratz' Dich nicht -- so denk' ich!«

»Was aber hat das mit dem guten Rath zu thun, den Sie mir geben wollten, Herr Mauser?« sagte Rebe, der sich heute gerade nicht in der Stimmung fühlte, das Geschwätz des Mannes mit anzuhören. »Ich begreife nicht recht...«

»Das will ich Ihnen sagen,« unterbrach ihn Mauser, indem er die jetzt wirklich ausgegangene und halb zerkaute Cigarre ärgerlich und ziemlich rücksichtslos in die nächste Ecke schleuderte, wie er das in der Bierstube zu thun gewohnt war -- »ich bin Ihr Freund, Rebe, ich meine es gut mit Ihnen, ich kenne auch den ganzen Schwindel und die Geschichten, die Sie hier gehabt haben, aber wenn Sie meinem Rath folgen wollen, so machen Sie einfach die Bude zu.«

»Die Bude zu?«

»Ja wohl, das heißt: werfen die bunten Lappen fort und treten nicht wieder auf!«

»Nicht wieder auf?«

»Nein, gehen vom Theater! Sie passen nicht dazu! Sie haben nicht den rechten, genialen Wurf, es fehlt Ihnen -- mit Einem Worte, Sie sind kein Schauspieler!«

»Wenn Sie nur so freundlich sein wollten, das Alles ein klein wenig leiser zu sagen, mein lieber Herr Mauser,« bemerkte Rebe, dem es aber doch wie ein eisiges Gefühl durch's Herz schoß -- »hier nebenan wohnt ein junger Mann, den Sie doch nicht in das Geheimniß gezogen haben wollen?«

»Geheimniß? Verdammt wenig Geheimniß ist dabei, Rebe!« schrie Mauser -- »die ganze Stadt weiß es! Aber Sie wissen auch, daß ich nicht leiser sprechen kann -- ich muß schreien, wenn ich nicht in dem verfluchten Kasten sitze, und dort sitz' ich lange genug, das weiß der Himmel, Morgens vier, fünf Stunden, und Abends beinah' eben so viel!«

»Dann wollen wir lieber einen kleinen Spaziergang machen.«

»Dank' Ihnen -- jetzt will ich erst essen gehen und nachher schlaf' ich -- bin auch nur heraufgeklettert, um Ihnen das zu sagen. Glauben Sie mir, Rebe, ich meine es gut mit Ihnen, Sie passen nicht in die Lumperei -- Sie sind ein anständiger Kerl, aber ein anständiger Kerl ist noch immer kein erster Liebhaber, und der werden Sie im ganzen Leben nicht.«

»Ich danke Ihnen, Herr Mauser,« sagte Rebe kalt, denn er fing an sich über den Menschen zu ärgern, »ich werde mir die Sache überlegen.«

»Ja, das kennen wir schon,« brummte der Souffleur -- »überlegen, das heißt, es noch eine Weile so hingehen lassen und dann doch thun, was Sie freut -- Alte Geschichte! Aber meinetwegen -- wer nicht hören will, muß fühlen, und das seh' ich jetzt schon; Sie geben keine Ruh', bis Sie einmal eine größere Rolle irgendwo kriegen und dann richtig von der Bühne heruntergepfiffen werden -- nachher ist Friede.«

»Sie urtheilen sehr hart.«

»Ich bin weiter nichts als Souffleur, aber ich kenne den Schwindel, Herr Rebe -- ich kenne den Schwindel, mir brauchen Sie kein X für ein U zu machen, und ich habe schon Manchem auf den richtigen Weg geholfen -- das ist mein Geschäft.«

»Aber Sie werden mir doch zugestehen, daß eine wahre und aufopfernde Liebe zur Sache...«

»Papperlapapp, reden Sie mir nicht von Aufopferung und Liebe!« rief der Souffleur -- »Sand in die Augen, das ist der Schwindel -- mit _einem_ Ohr unten im Kasten drin, und doch immer dabei thun, als ob man keine Ahnung hätte, daß überhaupt ein Souffleur auf der Welt wäre -- Liebe zur Sache! Fragen Sie einmal Pfeffer! -- Apropos, Sie wissen doch, daß der Mann von Pfeffer's Schwester, der dicke Stelzhammer, steinreich von Brasilien zurückgekehrt ist und die Jette jetzt einen Grafen heirathet?«

»Einen Grafen?«

»Gewiß -- der Alte hat ihn sich besonders zu dem Zweck mitgebracht. Waren auch bei mir und haben mir einen Besuch gemacht und den ganzen Schwindel erzählt -- das ist ein Glück, was das Mädel macht!«

»Aber das ist ja gar nicht möglich!«

»Möglich? Sagen Sie mir einmal, was auf dieser verrückten Welt nicht möglich ist -- ich weiß nichts. Aber ich habe schon zu lange mit Ihnen geschwatzt -- Donnerwetter, fünf Minuten nach Zwölf -- meine Suppe wird kalt! Also folgen Sie meinem Rath, Rebe -- überlassen Sie das Mimen anderen Leuten, die es besser verstehen und die den Pfiff weghaben -- am besten, Sie gehen gleich unter die Millionäre; sollte aber da keine Stelle offen sein, na dann irgend ein ehrliches Handwerk, lieber ein Tapezierer oder ein Riemer, wie ein schlechter Schauspieler. Sie sind noch jung, Sie können noch Alles lernen, und daß ich Ihr Freund bin, können Sie daraus sehen, daß ich Ihnen die Wahrheit sage. 'Morgen, Herr Rebe!« und seinen Hut aufgreifend und sich dabei an die Taschen fühlend, ob er auch nichts vergessen hätte, verließ er das Zimmer und stolperte die etwas dunkle und steile Treppe wieder hinab.

Rebe war empört über das rücksichtslose Benehmen des Menschen, und wer weiß, ob er zu jeder andern Zeit die hochnasige Unverschämtheit desselben so ruhig hingenommen hätte. Jetzt war er gebrochen, und wie der Mann kaum die Thür hinter sich zugeworfen, sank er auf einen Stuhl, deckte sein Antlitz mit der Hand und saß dort still und regungslos eine lange, lange Zeit -- er wußte gar nicht, wie lange; er vergaß die Zeit und sein eigenes Mittagessen, und nur das Eine Gefühl lebte und arbeitete in ihm: das Gefühl seines Elends, seines Unglücks.

Und wieder wurden draußen Schritte laut -- es mußte jemand Fremdes sein, denn sie gingen herüber und hinüber. Rebe horchte auf -- links von ihm, an einer verschlossenen Bodenkammerthür, wurde angeklopft. Er stand auf und ging zur Thür, die er öffnete, denn der kleine Vorsaal war sehr dunkel.

»Ist Jemand da?«

»Sie entschuldigen, wohnt hier Herr Rebe?«

»Das bin ich selber -- bitte, treten Sie näher.«

»Ich störe doch nicht?«

»Nein -- mit wem hab' ich die Ehre?«

»Ich muß mich selber vorstellen, bester Herr,« lächelte der kleine Fremde etwas verlegen, »und -- und komme auch nur im -- im Interesse einer uns Beiden befreundeten Familie. Mein Name ist Jeremias Stelzhammer.«

»Herr Stelzhammer?« rief Rebe und fühlte, wie ihm in dem Augenblick das Blut in einem wahren Strom in's Antlitz schoß -- »von -- von Brasilien -- aber wollen Sie nicht Platz nehmen?«

»Bitte -- ja,« sagte Jeremias, der überhaupt nicht recht wußte, wie er beginnen sollte. »Sie -- Sie kennen mich also und haben von mir gehört?«

»Ja, mein Herr, ich -- erfuhr, daß Hen --, daß Fräulein Henriettens Vater nach langer Abwesenheit zurückgekehrt sei, und -- habe mich herzlich darüber gefreut.«

»Danke Ihnen,« sagte Jeremias und saß wieder fest. Er hatte etwas auf dem Herzen, aber er konnte das rechte Ende nicht gleich finden, um es abzuwickeln, und sah sich verlegen im Zimmer um -- und, lieber Gott, wie ärmlich sah es in dem Zimmer aus -- und doch wie nett und sauber!

»Und was verschafft mir die Ehre?« sagte Rebe endlich nach einer Pause.

»Ja, sehen Sie,« sagte Jeremias, also gewaltsam auf das gebracht, was ihn heute Morgen hiehergeführt, »das ist eigentlich eine ganz curiose Geschichte, und ich müßte vielleicht ein Stück Weges dazu ausholen -- vielleicht geht's aber auch so, wenn wir gleich mitten hineinspringen. Eigentlich wollte ich um die Sache nur so hinten herumkommen -- wissen Sie, so im Gespräch -- aber Ihr Gesicht gefällt mir, Herr Rebe, und ich glaube, ich kann mit Ihnen gleich von der Leber wegreden...«

»Sie würden mich dadurch sehr verbinden,« sagte Rebe, dem es bei der langen Vorrede ganz unheimlich wurde. Was hatte der Mann nun wieder? Bis jetzt bekümmerte sich Niemand um ihn, und heute gab Einer dem Andern die Thür in die Hand -- war das ein neuer Freund, wie der Souffleur?

Jeremias mochte aber wohl fühlen, daß er den jungen Mann in Verlegenheit brachte, wenn er noch länger zurückhielt, und fuhr deshalb, jetzt wirklich mitten in den fraglichen Punkt hineinspringend, nur im Anfang noch ein wenig stotternd, fort:

»Sehen Sie, Herr Rebe, ich bin Henriettens Vater und -- möchte das Kind gern glücklich wissen, was Sie begreifen werden -- und nun hat mir Pfeffer, mein Schwager, die ganze Geschichte gestern Abend erzählt, und nun möchte ich Sie bitten...«