Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«

Part 14

Chapter 143,924 wordsPublic domain

Das war eine schwere Nacht für Jeremias gewesen, eine ruhelosere wenigstens, wie er seit langen, langen Jahren gehabt, und rastlos warf er sich auf seinem Lager umher, bis sich der Himmel schon wieder im Osten zu färben begann und er jetzt erst in einen kurzen, traumgequälten Schlaf fiel. Aber sonderbarer Weise hatte der Traum nicht die mindeste Beziehung auf das, was ihn den ganzen Tag beschäftigt und seine Seele erfüllt hatte. -- Er war wieder in Brasilien und Nordamerika, und alle fatalen Lagen, in denen er sich je in seinem Leben befunden, spiegelten sich ihm mit tollen, verzerrten Bildern vor seinem innern Geiste ab, bis er endlich mit einem lauten Aufschrei in seinem Bette emporfuhr und dadurch den armen Hausknecht, der gerade gekommen war, um seine Kleider zum Reinigen abzuholen, bis zum Tod erschreckte.

»Herr Du meine Güte,« sagte der Mann, indem er ordentlich zusammenfuhr, »was schreien Sie denn nur so; es thut Ihnen ja Niemand 'was -- nur die Kleider will ich auskloppen!«

»Guten Morgen!« sagte Jeremias, der sich verdutzt und noch immer halb im Schlaf umsah -- »wie viel Uhr ist's denn?«

»Sieben Uhr vorbei -- Sie haben wohl geträumt?«

»Ja, ein bischen,« gestand Jeremias, der sich jetzt vor dem Hausknecht schämte und nur verstohlen unter sein Kopfkissen griff, ob seine Brieftasche noch da wäre. Dann legte er sich wieder auf die andere Seite, als ob er noch einmal schlafen wolle. Aber er schlief nicht mehr; jetzt wäre es ihm nicht möglich gewesen, und um acht Uhr stand er auf, trank seinen Kaffee und lief dann mit schnellen Schritten in seinem etwas langen, aber schmalen Zimmer auf und ab.

So schnell er aber auch lief, so langsam verging ihm trotzdem die Zeit; hundertmal sah er nach der Uhr und hielt diese dann an's Ohr, weil er glaubte, sie müsse stehen geblieben sein, so wenig wollte der Zeiger von der Stelle.

Endlich, endlich war es halb zehn Uhr und er begann sich anzukleiden, was ihm aber auch nicht viel Minuten wegnahm, und noch fehlten zehn Minuten an der bestimmten Zeit, als er schon in Sicht des Hauses war, dem er aber noch nicht zu nahen wagte.

Zehn Minuten vor zehn Uhr stand Pfeffer oben in der Stube seiner Schwester fertig angezogen, denn er mußte wieder hinüber in die Probe.

Die Kranke fühlte sich heute bedeutend besser, aber sie sah leidender aus, als je, denn die Erregung dieser Stunde hatte alles Blut aus ihren Wangen getrieben und ihren Augen einen fast überirdischen Glanz verliehen.

»Höre 'mal, Guste,« sagte Pfeffer, während er sie kopfschüttelnd betrachtete, »Du gefällst mir heute gar nicht, und wenn ich wüßte, daß der Patron, der Stelzhammer, Dich am Ende durch sein Wiederkommen noch kränker machte, wie damals durch sein Fortlaufen, so wartete ich lieber noch ein klein bischen da draußen auf dem Gang und schmiß ihn dann, wenn er sich oben blicken ließe, einfach die Treppe hinunter -- steil genug ist sie.«

»Mir ist viel besser heute, Fürchtegott,« sagte lächelnd die Frau; »ich sehe nur ein bischen angegriffen aus.«

»Das weiß Gott!« brummte Pfeffer -- »und wenn ich nur eigentlich wüßte, was er wollte? Geschieden seid Ihr und müßt geschieden bleiben...«

»Und kannst Du es ihm verdenken, daß er Sehnsucht nach seinem Kinde hat?«

»Hm,« knurrte ihr Bruder ärgerlich in den Bart, »hat dann verdammt lange Zeit gebraucht, bis sie zum Durchbruch kam!«

»Fürchtegott...«

»Na meinetwegen, das macht Ihr jetzt mit einander ab -- ich muß in die Probe, aber recht ist mir's nicht, das kann ich Dir versichern, und viel lieber wär's mir gewesen, wenn ich dem Herrn erst einmal hätte auf den Zahn fühlen dürfen -- Windbeutel der -- Herr Gott, jetzt ist's schon in drei Minuten Zehn, und ich fange an... -- na also, halt' Dich tapfer, Alte,« sagte er, indem er der Schwester mit mehr Herzlichkeit, als er sonst gern zeigen mochte, die Hand reichte -- »reg' Dich nicht zu sehr auf. Jettchen, Dir bind' ich sie auf die Seele -- na, das wird ein bischen Heulerei werden, und ist mir doch lieb, daß ich nicht dabei zu sein brauche,« -- und seinen Hut aufstülpend, verließ er rasch das Zimmer.

Unten auf der Straße ging er, den Hut in die Stirn gezogen, die linke Hand auf dem Rücken, die rechte vorn in den zugeknöpften Rock gesteckt, rasch seines Weges, als er einem kleinen, wohlbeleibten ältlichen Herrn begegnete, der kein bestimmtes Ziel zu haben schien, auch ein paar Mal stehen blieb und an den Häusern hinaufsah, als ob er eine Nummer suche.

Als ihm Pfeffer begegnete, sah ihn dieser mißtrauisch über die Brille an. War das etwa der Schwager -- so dicht am Hause und unmittelbar vor zehn Uhr?

Der Fremde hatte ihn jedenfalls aus dem Hause kommen sehen und betrachtete ihn ebenfalls, und als Beide sich passirt hatten, sahen sie sich gegenseitig noch einmal um.

Aber er konnte es doch nicht sein, er ging an der Thür vorbei. Pfeffer hatte sich ihn auch ganz anders gedacht, aber augenblicklich keinen Moment Zeit mehr zu verlieren, um darüber nachzudenken, eben schlug es vom Rathhausthurm zehn Uhr, und wie er stets außerordentlich pünktlich war, haßte er nichts so sehr auf der Welt -- außer einem schlechten Glas Bier -- als Strafe wegen Versäumnis zu zahlen.

Es war aber trotzdem Jeremias gewesen, dem er da begegnete, und dieser hatte ebenfalls einen starken Verdacht, daß der Herr, der ihn so aufmerksam betrachtete, mehr von ihm wußte, als ihm augenblicklich angenehm war. Er ging deshalb an dem Hause vorbei -- richtig, er sah sich nach ihm um -- immer noch ein Stück die Straße hinab, bis jener um die Ecke verschwunden war. Dann erst kehrte er zurück. Es schlug gerade zehn Uhr vom Thurm; das war die Zeit, und jetzt der Augenblick gekommen, den er ersehnt und gefürchtet, Jahre lang -- und auf den Hacken drehte er um und betrat festen Schrittes das wohlgemerkte Haus.

Auf der ersten Treppe ging es auch so ziemlich; er schritt Stufe nach Stufe rasch empor, ja, er zählte die Stufen, während er sie betrat, vergaß aber eben so rasch die Zahl, und wie er den dritten Absatz erreichte, mußte er stehen bleiben, denn der Athem ging ihm aus und er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trocknen. Und wie ihm dabei das Herz schlug -- er hätte es nicht für möglich gehalten, daß es im Leben so klopfen könnte. Aber was half es -- er war angemeldet, die Zeit verstrichen, und je länger er hier zögerte... -- die Zähne zusammenbeißend, nahm er einen frischen Anlauf, und jetzt war er oben. Drinnen im Zimmer hatten sie seinen Schritt schon gehört. Jetzt stand er an der Thür und hob den Finger zum Anklopfen. Die Adern pochten ihm in der Stirn, als ob sie ihr zähes Gewebe zersprengen wollten -- es mußte sein.

»Herein!«

Langsam öffnete er die Thür -- mitten im Zimmer stand bleich und zitternd ein liebliches, jugendfrisches Kind, auf dem Sopha saß eine ernste und doch freundliche Frauengestalt -- er sah aber ihre Umrisse nur, die düster, wie in einem Nebel, mit Regenbogenrändern zusammenflossen.

Er trat in's Zimmer und drückte die Thür wieder hinter sich in's Schloß, und keinen Schritt wagte er weiter hinein zu thun.

»Und bist Du das wirklich, Jeremias -- bist Du wirklich endlich zurückgekehrt, um Dein Weib, Dein Kind noch einmal zu sehen?« sagte die Frau mit ihrer milden, aber jetzt schmerzbewegten Stimme.

Jeremias war nicht im Stande zu antworten, sein Hut fiel auf den Boden nieder; mit beiden Händen deckte er sein Gesicht, und Thränen, heiße, brennende Thränen quollen ihm aus den Augen.

Aber da hielt sich Henriette nicht länger. --

»Vater!« rief sie, flog an seinen Hals und legte ihre Arme um ihn -- »Vater, lieber, lieber Vater! oh, daß ich den Namen endlich gefunden habe -- nun darfst Du nicht wieder fort von uns -- nie, nie, darfst die Mutter nicht wieder, darfst Dein Kind nicht mehr verlassen!«

Das brach das Eis. Jeremias nahm die Hände von den Augen, und sein Kind umfassend und an sich drückend, schluchzte er unter Thränen: »Jettchen, Jettchen, kennst Du denn Deinen weggelaufenen Vater noch?«

»Mein lieber Vater -- und wie hat sich die Mutter auf den Augenblick gefreut! Komm zur Mutter!« und ihn leise führend, zog sie ihn zum Sopha, wo die Frau, ihre Augen von Thränen überströmend, saß -- aber es waren Freudenthränen, wenn sich auch mancher Tropfen Wermuth hineinmischte.

Jetzt hatte er die Stelle erreicht -- sehen konnte er kaum, denn wie ein Netz schwamm es ihm in farbigen, schillernden Lichtern vor den Augen, aber er fühlte eine sich ihm entgegen streckende Hand, und ehe er selber recht wußte, wie ihm geschehen, saß er auf dem Sopha neben der Gattin, die ihr Haupt wie müde an seine Brust lehnte und leise weinte.

»Meine gute, gute Auguste -- und kannst Du wirklich dem schlechten Menschen verzeihen, der zu feige war, Noth und Mangel mit Dir zu tragen, und hinaus in die Welt lief wie ein richtiger Vagabond?«

»Mein armer Jeremias, wir haben Beide recht viel ausgestanden!«

»Das weiß Gott, das weiß Gott!« stöhnte der kleine Mann, indem er zum ersten Mal einen Versuch machte, sich die Augen zu trocknen -- »recht viel haben wir ausgestanden, Auguste, und es vielleicht nicht einmal so schwer verdient, denn wir waren Beide noch jung und hatten keinen Begriff von dem, was zum Leben gehörte. Aber jetzt, jetzt bin ich wieder da und kann wenigstens einen Theil meiner Schuld sühnen.«

Die Frau seufzte auf, recht aus tiefster Brust, aber sie sagte kein Wort, nur fester lehnte sie ihr Haupt an die Schulter des Verlorenen und Wiedergewonnenen, und Jeremias küßte ihre Stirn, und rascher als je rollten ihm die Thränen über die Wangen nieder.

Jeremias war aber keine Natur, die sich solchen Gefühlseindrücken lange gutwillig hingegeben hätte. Thränen -- er wußte sich der Zeit nicht zu erinnern, daß ihm eine Thräne in's Auge gekommen wäre, und jetzt weinte er wie ein kleines Kind! Das ging nicht. Mit einer wahren Energie faßte er sein rothes, schon ganz nasses seidenes Taschentuch auf, wischte sich entschieden die Augen ab und sagte:

»Und das ist Jettchen? Lieber Gott im Himmel, wenn ich noch an den Abend zurückdenke, wo ich dem Kind den letzten Kuß gab -- aber nein, das ist jetzt vorbei, das ist überstanden! Ich bin wieder bei Euch -- ich war damals ein schlechter -- nein, kein schlechter Mensch, Auguste, glaube mir das! Ich bin nie schlecht, aber leichtsinnig, bodenlos leichtsinnig gewesen, und jetzt habe ich nichts weiter auf der Gotteswelt zu thun, als das wieder gut zu machen, so viel es nämlich in meinen Kräften steht...«

»Mein lieber Vater...«

»Und hast Du mich denn wirklich lieb, Kind?« rief Jeremias gerührt. »Guter Gott, es ist so lange her, daß ich mich kaum noch erinnern kann, es hätte mich jemals ein Mensch in meinem Leben lieb gehabt!«

»Jeremias...«

»Ja, Auguste, Du!« sagte er herzlich -- »und das einzige Wesen, das mich wirklich lieb hatte, habe ich auch am allerschlechtesten behandelt!«

»Und trug ich denn nicht selber mit die Schuld?«

»Nein, Auguste, nein, wahrhaftig nicht! Glaub's ihr nicht, Jettchen -- sie war immer brav und gut, nur viel zu gut, viel zu gut für mich, und erst draußen mußte ich's einsehen, mußte ich's fühlen lernen, draußen unter den fremden Menschen, die mich da und dorthin stießen! Liebe -- wer hat da draußen Liebe zu einem Andern!«

»Armer Vater!«

»Ja, mein Kind, wohl kannst Du sagen: »armer Vater«, denn nicht allein, daß mir's so schlecht ging, daß ich Hunger und Noth zu leiden hatte -- das geschah mir recht, und manchmal hätte ich mich ordentlich darüber freuen können, aber die Reue kam noch dazu, die Reue, daß ich schlecht an Euch gehandelt, und nur erst, als ich die Möglichkeit sah, daß ich das jemals wieder, wenigstens zum Theil, gut machen könnte, wurde es besser. Da habe ich auch wohl noch gedarbt, aber gespart dabei, jeden Reïs gespart und zurückgelegt, und da wurde es mir auch wieder im Herzen wohl, da wurde ich wieder froh und glücklich, und jetzt -- Gott sei ewig Lob und Dank! -- jetzt ist auch das überstanden, und Ihr sollt nun keine Noth mehr leiden!«

»Wir haben noch keine Noth gelitten, Jeremias,« sagte die Mutter freundlich.

»Doch, Auguste, doch!« rief Jeremias, indem er noch einmal seine Augen abwischte und sich dann im Zimmer umsah -- »ich seh' es an Allem -- kümmerlich habt Ihr Euch bis jetzt behelfen müssen -- und der Tisch da drüben? Wovon hat denn das Kind da so blasse Wangen und so rothe Ränder um die Augen?«

»Vom Weinen, Vater -- vor lauter Freudenthränen, daß wir Dich wieder haben!«

»Und ich glaub's doch nicht -- Graf Rottack hat mir's schon erzählt, und wenn ich mir auch nichts merken ließ, wollt' es mir doch fast das Herz abdrücken!«

»Es ist nicht so schlimm,« lächelte Henriette, »arbeiten muß ein Jeder, und ich möchte gar nicht ohne Arbeit leben.«

»Gott lohn' es Dir, was Du an Deiner Mutter gethan hast, Kind -- und er wird's auch, er wird's auch -- hab' jetzt guten Muth, und wenn Euch der junge Jeremias auch davongelaufen ist, so hat er Euch doch jetzt den alten hergeschickt, daß der die Geschichte wieder in Ordnung bringt. -- Aber jetzt müssen wir auch die übrige Familie herbeiholen. Wo steckt denn der Schwager?«

»Onkel hatte um zehn Uhr Probe, Vater, und ging kurz vorher weg, ehe Du kamst.«

»Ob ich es mir nicht beinahe gedacht habe,« nickte Jeremias vor sich hin -- »darum guckte er mich so an! Den hätt' ich aber nicht wiedergekannt...«

»Hast Du ihn gesehen, Jeremias?«

»Ich glaube ja, unten am Hause -- und wann kehrt er zurück?«

»Er kann nicht lange bleiben; es ist nur Probe von einem einactigen Lustspiele. Er wird bald wiederkommen.«

Jeremias hatte die Frau jetzt zum ersten Mal aufmerksamer betrachtet, und ein eigenes, wehes Gefühl zuckte ihm durch's Herz, als er in die bleichen, abgehärmten Züge schaute, auf denen ihn das augenblickliche Roth der Erregung nicht täuschen konnte. -- »Aber, Auguste,« sagte er leise, »Du bist wirklich krank -- was fehlt Dir nur? Hast Du keinen Arzt?«

»Ja Jeremias,« nickte lächelnd die Frau, »ich habe einen Arzt, aber er kommt nur selten, denn er kann mir ja doch nicht helfen. Jetzt ist der beste Arzt mit Dir eingezogen: das Gefühl, daß Du uns doch nicht ganz vergessen hattest und daß ich, wenn ich einmal von hier scheide, das arme Jettchen nicht ganz schutzlos in der Welt zurücklasse.«

»Meine Mutter...«

»Laß, mein Kind -- wir bleiben vielleicht noch eine Weile beisammen, und an dem Onkel hättest Du ja auch wohl eine Stütze gehabt; es wird jetzt gewiß wieder besser gehen.«

»Du bist recht krank, Auguste...«

Die Frau schüttelte lächelnd mit dem Kopf. -- »Lange nicht so krank, als Du denkst. Aber nun erzähle mir, mir und Deinem Kinde, wo Du die langen Jahre gewesen und wie es Dir ergangen. Du kannst doch wohl glauben, daß wir neugierig sind, das zu hören.«

Jeremias fühlte recht gut, daß sie seine Aufmerksamkeit nur von sich selber ableiten wollte, und warf einen scheuen Blick auf Jettchen, in deren Augen wieder Thränen standen; aber wenn sie es selber wünschte, mochte er ihr auch nicht entgegenhandeln. So neben ihr, ihre Hand in der seinen, gab er ihr jetzt mit kurzen Worten eine gedrängte Uebersicht seines ganzen, vielbewegten Lebens. Dabei aber, und von der Gegenwart abgelenkt, brach auch oft wieder der alte, drollige Humor durch und rief manchmal ein Lächeln auf die Züge von Frau und Tochter. Je weiter er aber darin kam, desto wärmer wurde er selber, und wie er erst von der Zeit erzählen konnte, wo sich seine Umstände besserten, wo er anfing, Geld zu verdienen und von Tag zu Tag die Stunde näher rücken sah, in der er zu den Seinen zurückkehren konnte, da glühte sein dickes, gutmüthiges Gesicht in Freude, und nun fing er auch an aufzuzählen, was er verdient hatte, und zuletzt wie rasch und leicht, »Hand über Hand«, wie er sich ausdrückte, und wie die, welche ihm noch nach so langen Jahren ihre Treue und Liebe bewahrt, nun auch keine Noth mehr leiden sollten, und wie er sie hegen und pflegen wolle sein ganzes Leben lang.

Wie er mitten im Erzählen war, ging plötzlich die Thür auf und Pfeffer stand auf der Schwelle.

»Ob ich mir's denn nicht gedacht habe,« sagte er, mit dem Kopf nickend -- »also das ist Herr Stelzhammer? Sieh' mal an, und schon ganz häuslich niedergelassen...«

»Herzonkel!« rief Henriette und flog auf ihn zu -- »ach, wir sind so glücklich, daß er wieder da ist!«

»Ih, seh'n Sie einmal an,« meinte Pfeffer, indem er über Henriettens Schulter wegzusehen suchte, »also eine glückliche Familie -- auch eine komische Manier, eine Familie glücklich zu...«

Er kam nicht weiter. Henriette hatte ihm die Hand auf den Mund gelegt und ließ ihn nichts mehr sagen, und Jeremias war aufgestanden, ging auf den Mann zu, und ihm die Hand entgegenstreckend, sagte er gutmüthig:

»Schwager -- Schwager Pfeffer, wollen wir nicht auch Freunde werden?«

Fürchtegott Pfeffer legte vorsichtiger Weise seine beiden Hände auf den Rücken, und als ihn Henriette losließ, betrachtete er sich aufmerksam von Kopf bis zu Füßen seinen neuen Schwager und seine Schwester, die, wohl bleich und angegriffen, aber doch mit einem lange vermißten Zug von Glück in ihren milden Zügen auf dem Sopha saß.

»Und sehen Sie da, Herr Stelzhammer, was Sie angerichtet?« sagte er endlich.

»Schwager Pfeffer, gieb mir Deine Hand,« drängte Jeremias.

»Sehen Sie, wie es hier anderen Leuten gegangen, während Sie sich ganz vergnügt in Brasilien und bei der Königin Pomare und Gott weiß wo sonst noch herumgetrieben haben?« fuhr Pfeffer unerbittlich fort.

»Bester Schwager Pfeffer -- Bruder -- Onkel!« baten jetzt aber Alle miteinander -- »gieb ihm die Hand -- sei gut mit ihm -- er hat ja versprochen, daß er uns Alle lieb haben will!«

»Das dank' ihm der Deubel!« brummte Pfeffer, immer noch in seiner alten Stellung -- »und jetzt will er hier bleiben?«

»Er geht nicht wieder fort, Schwager,« sagte Jeremias, »er ist herzensfroh, daß er wieder da ist, und will auch, so weit das nur irgend angeht, gut machen, was er früher einmal schlecht gemacht hat -- es thut ihm in der Seele weh!«

»Thut's ihm -- so?« sagte Pfeffer -- »und das geschieht ihm recht; verdient hätt' er 'was Anderes; aber da die Guste heute wieder einmal ein glückliches Gesicht macht, was ihr in langen, langen Jahren nicht vorgekommen, so... na, da ist meine Hand auch, Jeremias, und -- sei willkommen in Deutschland.«

»Schwager Pfeffer!« rief Jeremias gerührt, indem er die Hand nahm und herzlich drückte, dann aber seine Gefühle nicht mehr bewältigen konnte und den Mann beim Kopfe faßte und herzhaft abküßte, was sich Pfeffer mit einer wahrhaft stoischen Ruhe gefallen ließ. Wie er aber glauben mochte, daß es nun genug sei, sagte er:

»So -- und nun setz' Dich hin und betrag' Dich vernünftig -- weiß es Gott, jetzt flennt der auch -- na, da will ich nur hinübergehen und meine Wasserstiefeln anziehen.«

»Du darfst nicht fort, Onkelchen!« rief Henriette, rasch seinen Arm fassend -- »Du mußt jetzt bei uns bleiben, und Deine Wasserstiefeln brauchst Du auch nicht -- siehst Du, es ist Alles wieder trocken!«

»Hm -- na da meinetwegen,« brummte Pfeffer, der sich noch immer nicht ganz behaglich zu fühlen schien, denn das Neue der Situation gefiel ihm nicht -- »drüben ist's freilich gemüthlicher, und bei einer Pfeife... -- rauchst Du, Jeremias?«

»Ja gewiß, Schwager!«

»Das ist wenigstens vernünftig -- bespricht sich so Manches doch besser, was -- wir gerade miteinander zu besprechen haben.«

»Heute dürft Ihr auch hier rauchen,« sagte die Frau freundlich; »die Brust ist mir heute viel leichter.«

»Na, das wollen wir doch nicht gleich am ersten Tag einführen,« sagte ihr Bruder, »daß wir Dir hier das Zimmer vollqualmen; der Mensch ist ja kein Schornstein, und... -- aber, Jeremias, Jeremias!« rief er plötzlich, indem er seinen neuen Schwager oder vielmehr alten Schwager betrachtete und sich dabei bedenklich hinter dem rechten Ohr kratzte -- »Junge, Junge, wo sind Deine Haare geblieben? Du hast Dir ja in dem Brasilien eine Staatsglatze stehen lassen!«

»Ja, mein bester Pfeffer...«

»Alle Wetter,« rief dieser rasch, »Warst Du denn schon gestern bei der Lise drüben -- mit dem Grafen?«

»Bei der Lise?«

»Nun, bei meiner andern Schwester, der Bassini.«

»Ja, allerdings,« lächelte Jeremias verlegen -- »wir glaubten... -- aber wo willst Du hin, Jettchen?«

»In die Küche, Vater, und das Essen besorgen -- Du bleibst doch bei uns?«

»Na, er soll wohl in's Wirthshaus gehen?« rief Pfeffer.

»Ja -- wenn Ihr mich haben wollt...«

»Haben wollt -- Unsinn -- aber die wird Augen machen, wenn sie kommt und Dich hier sieht! Das war die Glatze, die wie eine Tischplatte groß sein sollte!«

»Aber wo ist die Elise?« fragte die Frau lächelnd -- »es wundert mich, daß sie noch nicht da ist...«

»Lauter Unsinn hat sie heute auf der Probe geschwatzt,« lachte Pfeffer, »den ganzen Schädel hatte sie voll vom neuen Schwager, und mich nannte sie sogar ein paar Mal Jeremias. Jetzt muß sie ihre Scene noch einmal durchprobiren, denn so wär's heut Abend eine Heidenwirthschaft geworden -- aber noch Eins, da Jettchen gerade draußen ist -- mit dem Rebe hat's wieder was' gesetzt!«

»Mit dem Rebe?« sagte die Frau bestürzt.

»Rebe? -- Wer ist das?«

»Hm,« brummte Pfeffer, »ein vierter und fünfter Liebhaber, der aus lauter Leidenschaft zur Kunst, weil er auf der Bühne keine Liebhaberin bekommen kann und immer abfährt, unserem Jettchen Schrullen in den Kopf gesetzt hat.«

»Dem Jettchen?«

Pfeffer nickte und summte leise ein Lied vor sich hin.

»Der Rebe,« sagte die Frau, »ist ein braver, anständiger Mensch und ordentlicher Leute Kind, aber blutarm und dabei Feuer und Flamme für's Theater.«

»Hat er denn Talent?«

»Ih nu,« meinte Pfeffer, »so ganz ungeschickt stellt er sich gerade nicht an, und manchmal macht er seine Sache gar nicht so schlecht -- verderben thut er wenigstens nie etwas; aber was will das sagen? Eine große Rolle können sie ihm nicht anvertrauen und thun es nicht -- Handor spielt sie auch alle allein, -- und wenn er's im Leben nicht weiter bringen kann als zu einem so unglückseligen Fach, so hätte er zehntausendmal lieber Schuster oder Schneider werden sollen!«

»Und Jettchen hat ihn gern?«

»Ich fürchte ja,« nickte die Frau, »sie -- spricht nicht darüber.«

»Das ist gerade das Schlimmste!« rief Pfeffer -- »wenn sie viel davon erzählte, wär's nicht so arg; aber so hockt sie Tag und Nacht an dem verdammten Blumentisch und grübelt und denkt und seufzt, und nachher frißt sich so eine Geschichte noch viel tiefer in's Herz hinein. -- Deshalb hat sich die Lise nie ordentlich verliebt, weil sie's gleich allen Menschen erzählen mußte.«

»Und ließe sich nicht doch vielleicht etwas Anderes für ihn finden,« sagte Jeremias, »womit er sein Brod ehrlich verdienen könnte? Was ich dabei thun kann...«

»Ja wohl, der auch,« schüttelte Pfeffer mit dem Kopf; »er hat ja studirt und, ich glaube sogar, sein Examen gemacht -- aber Gott bewahre, Komödie müssen wir spielen, »die Kunst hat ihn gerufen«, und eher richtet er sich und Jettchen zu Grunde, ehe er davon abgeht!«

»Und was war heute wieder mit ihm?« fragte die Frau.

»Ach, die ewigen Häkeleien mit dem eitlen Laffen, dem Handor!« rief ihr Bruder -- »der Mensch kann ihn nicht leiden und chicanirt ihn, wo sich Gelegenheit bietet; da hat denn unser sauberer Director -- ein Lump, wie er im Buche steht -- weil er den Handor nicht entbehren kann, dem Rebe gekündigt.«

»Du lieber Gott,« seufzte die Frau -- »das arme Jettchen!«

»Aber vielleicht ist das ein Glück,« sagte Jeremias, »und bringt ihn möglicher Weise dazu, wozu mir ihn haben wollen, daß er ganz vom Theater abgeht. Wenn ich nur einmal mit ihm sprechen könnte!«

»Der nicht, der wahrhaftig nicht!« rief Pfeffer -- »dem hat's der Souffleurkasten angethan, und der ruht nicht eher, bis sie ihn einmal erst mit faulen Aepfeln und anderen Vegetabilien von den Brettern hinuntergepfiffen haben. Dann kommt er in das Stadium, wo er über die Undankbarkeit des Publikums und den schlechten Geschmack unseres jetzigen Zeitalters schimpft, und nachher wär's vielleicht möglich, ihn zur Vernunft zu bringen -- früher nicht.«

Die Frau seufzte recht tief auf, und Jeremias, der kein Auge von ihr wandte, sagte herzlich: