Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«

Part 13

Chapter 133,891 wordsPublic domain

»Mein liebes Mädchen,« flüsterte Handor, »beruhige Dich doch, ich bin ja bei Dir, ich halte Dich ja wieder einmal in den Armen! -- Was ist Dir denn nur, Deine ganze Gestalt zittert ja wie Espenlaub.«

»Die Angst, entdeckt zu werden, Rudolph,« bat das arme Mädchen; »oh, zürne mir nicht, aber nur mit schwerem Herzen wagte ich den Schritt -- nur gezwungen von der Gewalt der Eltern, die mich ihren Standesvorurtheilen opfern wollen.«

»So ist das Furchtbare wahr?«

»Leider ja -- morgen in acht Tagen soll ich dem jungen Grafen Bolten verlobt werden; ich habe gebeten und gefleht -- umsonst, Vater und Mutter haben kein Erbarmen gegen ihr Kind, und mit Gewalt soll ich zum Altar geschleppt werden!«

»Das dürfen sie nicht, Herz,« rief Handor, »das ist gegen die Gesetze des Landes, und wenn Du Dich weigerst...«

»Aber wie darf ich, wie kann ich denn?« klagte das arme Mädchen. »Bin ich denn im Stande, ihnen zu sagen, daß ich Dich, nur Dich liebe und nie einem andern Manne meine Hand reichen, ihn mit einem schon vergebenen Herzen betrügen würde?«

»Meine Paula...!«

»Ich wage es nicht,« fuhr die Grafentochter fort; »ich kenne meinen Vater, kenne meine stolze Mutter, die mir schon den Gedanken, die Bitte nicht vergeben würden!«

»So flieh mit mir, Geliebte!« drängte Handor. »Was hält Dich hier, wo Du selber keine Hoffnung hast, einer gehaßten und verabscheuten Verbindung zu entgehen, ja, wo eine Aussicht eines öden, trostlosen Lebens vor Dir liegt? Oh, ich weiß,« fuhr er traurig fort, »daß ich Dir das nicht bieten kann, was in den Armen jenes Grafen Deiner wartet -- kein stattliches Schloß, keine blendende Equipage, keinen Dienertroß; aber was die Liebe Dir zu bieten vermag, womit die Kunst Dich erfreuen kann, Paula, das ist Dir gewiß, und Deine Eltern -- es müßten ja keine Menschen sein, wenn sie dem eigenen Kind entsagen, die einzig Tochter auf ewige Zeiten von sich stoßen würden. Dein Vater wird wüthen, ja, er wird uns verfolgen lassen, um Dich mir mit Gewalt zu entreißen; aber fürchte nichts: in meinem Schutze bist Du sicher, und hat der erste Aerger über einen zerstörten Plan sich ausgetobt, ist der erste Mißmuth vorüber, getäuschter Hoffnung wegen -- er gerade am wenigsten wird grausam sein. Denke Dir dann, Herz,« fuhr er fort, während sie sich ängstlich und zitternd an ihn schmiegte, »denke Dir jene selige Zeit, wenn ich, mit Deinen Eltern versöhnt, Dich ihnen wieder zuführen kann, wenn wir vereint zu ihren Füßen liegen und ihr Segen dann die Bande heiligt, die uns des Himmels Seligkeit schon auf Erden gegeben haben!«

»Mein Rudolph, mein Rudolph, oh, wie glücklich, wie namenlos glücklich würde mich Dein Besitz machen!« rief das junge, leidenschaftliche Mädchen. »Ich kann ja nicht ohne Dich leben -- Gott nur weiß es, Tag und Nacht sind meine Gedanken bei Dir, und wenn ich mir jetzt denke, daß ich von Deiner Seite gerissen, daß ich einem Manne überliefert werden soll, den ich nicht lieben kann, so liegt mein künftiges Leben kalt und dunkel vor mir wie eine ewige, endlose Winternacht!«

»Meine Paula!« rief Handor und preßte sie fest an sich; aber im nächsten Moment horchte er auch rasch und erschreckt empor. Drinnen im Busch flatterte wieder ein Vogel, aber jetzt weiter entfernt als vorhin, und es war ihm fast, als ob er den Schritt eines Menschen auf dem Kiesboden gehört hätte.

»Komm,« flüsterte er leise und zog die Erschreckte mit sich in das Dickicht hinein, »das Mondlicht ist hier viel zu hell; ein Verrätherauge könnte wachen.«

»Ich darf nicht so lange fortbleiben, wenn ich vermißt werde...«

»Komm nur jetzt; mir war, als ob ich etwas hörte.« Und er zog die nur halb Widerstrebende in den Schutz der Tujas, die ihnen Sicherheit und Deckung boten.

Handor hatte sich übrigens dieses Mal nicht geirrt, denn allerdings kreuzte gerade in diesem Augenblick ein Mann mit einem Gewehr auf dem Rücken den Kiesweg, der dicht unter dem Hügel wegführte. Es war der Förster, der schon seit Dunkelwerden im Park herumkroch und, nachdem er all' die entlegenen Stellen desselben vorsichtig abgesucht, um seinem Fasanendiebe auf die Spur zu kommen, jetzt auch dicht am Schlosse die Hölzer abspüren wollte: denn nirgend anders hatte er etwas Verdächtiges gefunden, während der heutige Abend wie gemacht zu einem derartigen Wilddiebstahl war.

Ein Fasanendieb konnte nämlich im Dunkeln gar nichts ausrichten, und selbst bei Mondschein war, wenn er nicht recht hell, wie gerade heut Abend, schien, die Sache schwierig, da die belaubten Bäume noch zu viel Schatten warfen. Daß aber trotzdem ein schlauer Dieb den Versuch, und zwar nicht erfolglos, gemacht, davon hatte er ja selber die Beweise im Holze -- eine Anzahl von Federn und den kranken, mit einem Fischhaken gerissenen Fasanenhahn -- gefunden, und der Gesell, welcher da einmal glücklich durchgekommen, würde diesen Abend kaum versäumt haben, um sein Diebeshandwerk fortzusetzen.

Gerade jetzt kreuzte er deshalb, im Schatten der Baumgruppen über die Wiese kommend, den Kiesweg. Es war ihm fast, als ob er ein Geräusch gehört hätte, und er zog sich nun unter dem Wartthurmhügel hin dem Gebüsche zu, wo ebenfalls jede Nacht einige zwanzig Fasanen besonders in einer kleinen Birkenlichtung aufbäumten und dort allerdings einiger Gefahr ausgesetzt waren.

Aber nichts wurde laut; wohl eine halbe Stunde stand er regungslos auf seinem Posten. Da plötzlich -- ordentlich erschreckt zuckte er empor -- hörte er das krampfhafte Flattern eines Fasans, das nämliche, was Handor schon zweimal vorher erschreckt hatte, ohne daß dieser freilich wußte, was es bedeute. Der alte Förster kannte den Laut aber viel zu gut, um auch nur einen Moment darüber in Zweifel zu sein.

Fast unwillkürlich fuhr er mit dem Gewehr in die Höhe; aber er wußte auch recht gut, daß ihm das für den Augenblick nichts helfen konnte. Noch einmal horchte er -- der Vogel flatterte noch -- jetzt wußte er genau die Richtung, und eine kurze Strecke auf dem Rasen hinspringend, wo sein Schritt geräuschlos verhallte, tauchte er gleich darauf in das die Anlage umgebende und nicht sehr dichte Buschwerk, genau der Richtung zu, wo die Birken standen. -- --

Der alte Maulwurfsfänger hatte indessen kaum das Dickicht erreicht, als er auch den Hang, wo er jeden Fuß breit des Terrains kannte, vorsichtig hinunterschlich und der Stelle zuhielt, an der, wie er recht gut wußte, die Fasanen Nachts aufbäumten. Trotzdem trug er keine Waffe, mit der man hätte glauben sollen, daß er ihnen gefährlich werden konnte -- nichts, als seinen alten Eichenstock. Ueberdies wußte er ja auch recht gut, daß er in solcher Nähe vom Schloß keinen Schuß wagen durfte, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, unmittelbar darauf von den Schloßleuten umstellt und gefangen zu werden.

Der alte Bursche wußte aber besseren Bescheid und war, allem Anschein nach, nicht zum ersten Mal auf einem solchen Fang.

Mit der größten Umsicht und Ruhe schlich er langsam vorwärts, bis er den lichteren Platz jenes kleinen Birkenwäldchens, etwas dürrer Boden mit Haidegrund, der weiter nichts Anderes hervorbrachte, erreichte, und hier spionirte er dann so lange herum und suchte die Mondesscheibe hinter die Bäume zu bekommen, bis er den Platz erreichte, wo die Fasanen standen. Aber auch das half ihm anfangs nichts, denn die ersten, welche er traf, waren zu hoch aufgebäumt, als daß er sie hätte erreichen können. Doch nicht alle schienen so vorsichtig gewesen zu sein. Nicht lange, so traf er einen dick aufgeblusterten Hahn, der, den Kopf unter die Flügel gesteckt, fest auf seinem Aste schlief und nicht einmal sein Nahen bemerkt haben konnte.

Der alte Maulwurfsfänger störte ihn auch nicht; leise kroch er zehn oder zwanzig Schritt zurück, bis unter einen dunkeln Busch, und begann hier seine Vorbereitungen.

Erst schraubte er seine Stockzwinge ab und steckte diese, damit sie ihm nicht verloren ginge, in die Westentasche; dann zog er die Angelruthe heraus und befestigte oben an der Spitze derselben einen mächtigen Angelhaken, wie sie bei den kleinen Fischen des innern Landes nie gebraucht werden. Diesen Haken band er so an die Ruthe, daß die Spitze mit dem Widerhaken nach unten zeigte, und als er dieselbe fest und sicher angeschnürt, daß sie ihm nicht wieder abriß, wie neulich einmal mit einem feisten, prächtigen Hahn, hob er sich langsam empor und glitt völlig geräuschlos zu dem Stamm des Baumes, auf dem seine Beute stand.

Ein ungeübtes Auge würde aber in dem belaubten Baum kaum im Stande gewesen sein, den Platz genau zu bestimmen, wo sich das Wild befand; der alte Bursche wußte das besser, und nachdem er nur ein paar Mal mit dem Kopf unter dem Baume hin und her gefahren, hielt er plötzlich still, brachte seine Ruthe vorsichtig in die Höhe und ließ die Angel langsam und geräuschlos an dem Stamm selber hinaufgleiten.

Der Fasan schlief fest; alle Bewegungen waren auch so vollständig geschickt ausgeführt, daß er kaum etwas davon merken konnte, da die Gestalt des Mannes unter dem Baume mit dem gleichfarbigen Untergrund zu einer ununterscheidbaren Masse zusammenschmolz. Jetzt aber hatte der Haken, ohne daß der Maulwurfsfänger von unten das Hinderniß bemerken konnte, gegen einen kleinen, trockenen Zweig gestoßen, und rasch und erschreckt richtete sich der Hahn mit einem leise gluckenden Laut empor.

Der Alte unter dem Baum rührte sich nicht. Wie an den Stamm gewachsen stand er da; nur seine rechte Hand dirigirte vorsichtig den Haken um das Hinderniß herum. Unten am Stocke hatte er sich dabei vorsichtiger Weise ein Zeichen gemacht, nach welcher Seite hin die Biegung des Hakens selber saß; jetzt mußte er damit über dem Hahn sein, und mit einem plötzlichen Ruck riß er den Stock zurück und den unglücklichen Fasan damit von seinem sicher geglaubten Stand herunter.

Dieser schlug allerdings aus Leibeskräften mit den Flügeln, aber nicht lange. Im Nu hatte ihn der Wilddieb gefaßt und ihm auch eben so rasch den Hals abgedreht, wonach er ihn in seine jetzt völlig leere Jagdtasche steckte und sich erst vorsichtiger Weise, ehe er auf neue Beute ausging, unter den nächsten Busch drückte, um abzuwarten, ob das nun einmal nicht zu vermeidende Geräusch nicht doch am Ende unberufene Zeugen herbeigelockt hätte.

Aber nichts ließ sich hören; der Wald war so still, wie je, und nur hier und da in den Bäumen regten sich die benachbarten Fasanen, die durch den Todeskampf des Kameraden munter geworden waren und von da und dort ein leises Glucksen hören ließen.

Jetzt glitt er wieder wie ein Schatten vor. Die schlanke Gestalt des Mannes kroch gebückt und schleichend über das durch den Nachtthau feucht gewordene Laub dahin, bis er unter den rege gewordenen Vögeln eine neue Beute ersehen hatte.

Was schadete es auch, daß sie munter geworden waren! Der Fasan streicht nach Dunkelwerden nur mit großem Widerwillen von seinem einmal eingenommenen Stande ab, weil er recht gut weiß, wie schwer es ihm wird, bei Nacht einen andern Platz zu finden, und sobald der Wilddieb nur die Vorsicht beobachtete, seinen Stock langsam und von dem Stamm wo möglich gedeckt in die Höhe zu bringen, hatte es mit dem Fange keine Schwierigkeit.

Auch den zweiten hatte er sich so gesichert, und wie er ihn herunterbrachte, entdeckte er dicht daneben auf einem ganz niedern Ast einen dritten.

Trotzdem wartete der Maulwurfsfänger wieder eine ganze Weile im Dickicht seine Zeit ab, ehe er sich auf's Neue in das lichtere Holz hineinwagte; wußte er doch recht gut, daß ihn der alte Förster schon lange in Verdacht hatte, und daß der eben so gut die Zeit kannte, in welcher er seinem Fang nachzugehen pflegte.

Eigentlich hatte er sich vorgenommen gehabt, an dem Abend mit zwei Hähnen zufrieden zu sein; der dritte Hahn saß aber zu verlockend da, fast auf dem untersten Ast der Birke, er hätte ihn beinahe mit der Hand erreichen können; so günstige Gelegenheit fand er nicht wieder, und wenn er einen Monat danach gegangen wäre. Nach einer guten Weile erhob er sich deshalb wieder und kroch langsam gegen den Baum vor; der alberne Vogel hatte den Kopf wieder eingesteckt, und bis dicht unter ihn kam er, ehe er durch das doch nicht zu vermeidende Geräusch geweckt wurde und rasch emporfuhr -- aber das half ihm nichts mehr. Der verhängnißvolle Haken saß ihm dicht über dem Kragen, der Wilddieb zog an, und der gefangene Fasan stürzte von seinem Ast herunter.

So tief aber hatte er gesessen, daß der untere Theil des Stockes, als ihn der Maulwurfsfänger zurückriß, gegen den Boden stieß und der Fasan dadurch von dem Haken loskam. Ehe er aber die Flügel ordentlich gebrauchen konnte, war der Wilddieb schon mit einem Satz auf ihm, faßte ihn am Halse, drehte ihm den Kopf herum und schob ihn dann schnell in den alten Ranzen zu den übrigen. -- Aber erschreckt fuhr er empor -- das waren rasch springende Schritte im Laub. Noch einmal horchte er. War es vielleicht ein aufgescheuchtes Stück Damwild, das sich hier in der Nachbarschaft niedergethan und nun den Platz floh? Nein, die Schritte gehörten keinem Stück Wild, und seinen Stock aufgreifend, floh der Dieb, so rasch er konnte, dem schützenden Dickicht zu.

»Halt, Schuft! Canaille -- hab' ich Dich -- steh' oder ich schieße!« schrie eine Stimme, die der Maulwurfsfänger nur zu gut kannte, denn es war die seines alten Freundes, des Försters. Wenn dieser aber geglaubt hatte, ihn damit wirklich zum Stehen zu bringen, so irrte er sich, denn der alte schlaue Gesell dachte an nichts weniger. Befand er sich doch auch unmittelbar vor dem Dickicht, das ihm seinen Rückzug vollständig decken konnte! Unter dem Schatten der Bäume war überhaupt kein sicherer Schuß möglich, und ohne deshalb auch nur einen Moment zu versäumen, floh er auf den nächsten dicken Busch zu und sprang dort gerade hinein, als der alte Jäger sein Gewehr an die Backe riß.

Freilich wußte dieser, daß er einen Menschen eines solchen Vergehens halber nicht gleich todtschießen durfte, und zielte deshalb tief, um ihn in die Beine zu treffen; aber das Korn seiner Flinte konnte er überdies nicht sehen, ja, die ganze Gestalt des Flüchtigen glitt nur wie ein Schatten über den dunkeln Boden, und ehe er zum Abdrücken kommen konnte, war der Verbrecher in dem Busch verschwunden.

Aber darum war er noch nicht entwischt, denn gerade dorthin, wohin er floh, schloß die nach unten ziemlich hoch abfallende Mauer den Park ein. Dort hinüber konnte er nicht, des Försters Meinung nach; dann aber blieb ihm kein anderer Weg, als dicht unter dem kleinen Wartthurmhügel, unmittelbar am Schloß vorbei, und wenn er dort die Leute alarmirte, gelang es vielleicht doch noch, ihn zu erwischen.

Mit dem Gedanken feuerte er sein Gewehr in die Luft ab, schrie: »Halt ihn, halt ihn auf! Dieb! Dieb!« und lief dann, so rasch ihn seine Füße trugen, etwas mehr links zurück, wo er das größte Dickicht umging und dem Flüchtigen, sobald er auf offenes Terrain hinauskam, den Weg abschneiden konnte. Ließ er sich aber davon zurückschrecken und blieb im Dickicht, so nahm er all' die Bedienten und Leute im Schloß zusammen, umstellte mit ihnen das Dickicht und hatte ihn nachher sicher.

Der Schuß und das Schreien war allerdings im Schloß gehört worden, hatte aber auch noch andere Leute alarmirt.

»Rudolph, um aller Heiligen willen, wir sind verrathen!« flüsterte Paula, indem sie sich aus des Geliebten Armen wand. »Oh, Du mein großer Gott!«

»Noch nicht, mein Herz,« rief Handor, der wohl auch erschreckt emporhorchte, sich aber doch nicht denken konnte, daß der weit in den Büschen drin abgefeuerte Schuß ihm gegolten habe. -- »Flieh' -- das ist etwas Anderes -- Du giebst mir Nachricht, wann ich Dich wiedersehen kann; fort -- dort hinüber in den Busch -- wir dürfen nicht zusammen gesehen werden -- ich selber schleiche mich indessen auf dem Weg zurück, den ich gekommen bin.«

Ehe Paula etwas darauf erwidern oder nur einen Schritt vorwärts thun konnte, brachen und prasselten rechts von ihnen die Büsche -- aber nur eine dunkle Gestalt ließ sich erkennen, die dort hindurchsetzte. Handor, der schon wieder so weit am Rand der Dickung stand, daß er wenigstens hindurchsehen konnte, drehte erschreckt den Kopf der Richtung zu -- aber von da hatten sie nichts zu fürchten. Der Bursche, welcher selber auf der Flucht schien, war mit einem Satz oben auf der Mauer und schien da einen Moment zu zögern -- aber es war auch nur ein Moment, denn im nächsten schon verschwand er in den dichten Zweigen eines dort stehenden jungen Baumes und hinter der Mauer, während der Wipfel des Stammes, an dem er niederglitt, deutlich im Mondlicht schwankte und zitterte.

»Jetzt fort,« flüsterte Handor, der natürlich glaubte, daß eine Verfolgung des Entflohenen nur dort stattfinden könne, wo er ihn zuletzt gesehen; »rasch hier gerad' aus durch die niederen Büsche zum Schloß, ich halte mich links -- fürchte nichts, mein süßes Leben!« -- Und noch einen flüchtigen Kuß auf ihre Lippen drückend, schob er sie freundlich drängend über den Kiesweg hinüber, während er selber, wie er sie nur von dem dunkeln Schatten der Büsche gedeckt sah, rasch den Kiesweg hinabschritt, um denen aus dem Weg zu kommen, die dem Entflohenen etwa folgen könnten.

Das aber war gefehlt. Hier lief er gerade dem dicht an den Buschrand heranspringenden alten Förster in den Weg, der plötzlich, wie ein Tiger auf seine Beute, auf ihn zustürzte, dicht vor ihm sein Gewehr an die Backe riß und mit lauter, donnernder Stimme schrie:

»Halt, Canaille! Jetzt hab' ich Dich verdammten Fasanendieb, nur einen Schritt und ich pfeffere Dir die Beine, daß Du in sechs Wochen keinen Schritt thun kannst!«

»Um Gottes willen, schießen Sie nicht, lieber Freund!« rief Handor, der allerdings im ersten Augenblick erschrak, seine Geistesgegenwart aber keinen Moment verlor. Er mußte den Mann auch hier aufhalten, desto sicherer konnte Paula das Schloß wieder erreichen.

»Wenn Du stehen bleibst, nein,« rief der alte Mann, der jetzt ganz bestimmt glaubte, den Fasanendieb erwischt zu haben; »aber bei der geringsten Bewegung, Gott verdamm' mich, ich spaße nicht! Heh, hallo!« schrie er dann, so laut er nur schreien konnte, denn sie mußten ihn von hier aus -- wo im Sommer im Schloß alle Fenster offen standen -- hören können. »Hierher! holla, holla!«

»Und wären Sie vielleicht so gut, mir zu sagen, weshalb Sie mich hier festhalten und einen so greulichen Spectakel machen?« fragte Handor ruhig.

»Heh, hallo! Hui, heh!« schrie aber der Alte, ohne ihn auch nur einer Antwort zu würdigen, und vom Schloß aus antworteten jetzt einzelne Stimmen. Die Leute waren dort schon durch den ungewohnten Schuß und den ersten Ruf aufmerksam geworden und traten vor die Thür.

Paula hatte indessen die vordere Terrasse erreicht und wollte eben darüber hin in ihr Zimmer flüchten, als sie oben ihren Bruder an seinem Fenster bemerkte, während unten in der Gartenthür der Koch mit seiner weißen Schürze und Mütze und einer der Bedienten standen. Es blieb ihr deshalb nichts übrig, als bis zu einem der kleinen Balkons zu gleiten, die, von eisernen Gittern umgeben, der Aussicht wegen hier gebaut waren. Blieb sie aber länger hier, so mußte sie entdeckt werden, wenn man sie nicht überhaupt schon in ihrem Zimmer gesucht hatte. Das Beste, was sie thun konnte, war, daß sie sich selber zeigte.

Als ob sie dort gestanden hätte, trat sie jetzt vor in das volle Licht des Mondes hinein und rief zu ihrem Bruder hinauf:

»Was ist das für ein Lärm, George?«

»Bist Du das, Paula?« rief dieser zurück. »Warte, ich komme gleich hinunter.« -- Und er verschwand vom Fenster. Wenige Secunden später stand er auch schon neben ihr mit seiner Flinte in der Hand. -- »Was machst Du denn noch so spät hier unten im Garten, Schatz?«

»Mein Kopf schmerzt mich zum Zerspringen. Was bedeutet der Lärm?«

»Gott weiß es; geh in's Haus, Kind, ich werde selber nachsehen,« rief der junge Mann und sprang jetzt, von ein paar Bedienten gefolgt, der Richtung zu, in der der alte Förster noch immer sein Heh, holla! lustig in die stille Nacht hinausschrie.

»Alle Wetter,« lachte George, als er ihm, sein eigenes Gewehr im Anschlag, nahe kam, »was giebt es denn hier? Wer ist das?«

»Ich, Herr Graf,« rief der Förster, der ihn schon an der Stimme erkannt hatte; »ich habe den verfluchten Fasanendieb erwischt!«

»In der That? Also der Herr hier? Wer bist Du, mein Bursche?« rief der junge Graf, indem die Bedienten um den Gefangenen herumtraten, der allerdings keine Hoffnung mehr hatte, zu entkommen, aber auch nicht die geringste Neigung zu einem Fluchtversuch zeigte. Dabei trat George dicht an den Gefangenen hinan und erkannte überrascht das im Mondlicht lächelnd ihm zugekehrte Gesicht des Fremden. »Handor!« rief er ganz erstaunt aus.

»Also Sie kennen ihn auch noch?« sagte der Förster, der jetzt den Hahn seiner Flinte in Ruhe setzte. »Das ist ein sauberer Patron!«

»Sie entschuldigen, Herr Graf,« lächelte Handor mit der größten Ruhe, »daß ich Ihnen hier etwas sehr öffentlich als Fasanendieb vorgestellt werde! Weshalb der gute Mann da Verdacht auf mich hat, weiß ich nicht recht, denn ich pflege mich gewöhnlich nur dann mit Fasanen zu beschäftigen, wenn ich sie gebraten in der Schüssel finde.«

»Aber wie, um Gottes willen, kommen Sie hier Nachts in den Park?« fragte George.

»Nur, um _Sie_ zu sprechen,« sagte Handor. »Ich wußte nicht,« fügte er leise, sich zu dem jungen Grafen überbiegend, hinzu, »ob die Ueberraschung des Verlobungsabends auch vielleicht auf Ihre Eltern ausgedehnt war, und da ich Ihnen darüber Bericht erstatten wollte...«

»Aber, mein lieber Handor, das ist wirklich zu freundlich von Ihnen! Bester Förster, der Herr ist kein Fasanendieb, die Versicherung kann ich Ihnen geben.«

»Kein Fasanendieb?« rief der Förster ordentlich erschreckt. »Und habe ich denn nicht, nachdem ich vorher den ganzen Abend im Busch herumgekrochen und hier auf der Lauer gelegen, den Fasan flattern hören und, wie ich zusprang, den Dieb weg und in den Busch hinein flüchten sehen?«

»Diesen Herrn?«

»Ja, wie Viele sollen sich denn hier Nachts herumtreiben? Ueber die Mauer konnt' er nicht, und als ich hier vorsprang, kam er gerade den Weg herunter und wollte am Schlosse vorbei und durchbrennen.«

»Das nun gerade nicht,« lächelte Handor, der sich jetzt vollkommen sicher fühlte; »über die Mauer habe ich allerdings Jemanden springen oder doch an einem der Bäume hinabklettern sehen, einige Minuten später oder vielmehr unmittelbar danach, als ich in den gewundenen Gängen den Weg verfehlte und auf eine Art von Terrasse kam, auf der ein alter Thurm steht.«

»Ah, dort -- also da ist Ihnen Ihr Vogel doch entflogen, Förster,« lachte George. »Und nun, Handor,« rief er, indem er den jungen Mann unter den Arm faßte und mit sich fort führte, »erzählen Sie mir, was Sie haben und ob wir's rechtzeitig zu Stande bringen. Kommen Sie einen Augenblick hier im Weg mit auf und ab, denn zum Schloß kann ich Sie jetzt nicht führen, meine Schwester war eben noch auf der Terrasse.«

Damit gingen die jungen Leute, ohne sich weiter um den Förster zu bekümmern, den Weg entlang und Handor berichtete jetzt, daß er ein reizendes Lustspiel gefunden habe, welches sich leicht würde besetzen lassen. Er hätte es gleich mitbringen wollen, aber auf seinem Tisch zu Hause liegen lassen, werde es jedoch morgen in aller Frühe herausschicken.

»Haben sie denn wieder Fasanen gestohlen, Förster?« fragte einer der Diener, als die beiden Herren den Rücken wandten, den Alten. Dieser antwortete aber nicht. Mit einem lästerlichen Fluch warf er sein Gewehr auf den Rücken und kehrte, sich umdrehend, nach der Stelle zurück, wo er den Wilddieb zuerst gesehen hatte, um dort noch nach Spuren zu suchen und Beweise für seine spätere Anklage zu finden.

Handor und George gingen wohl noch eine Viertelstunde im Park auf und ab, um das Nöthige über Proben und Eintheilung zu besprechen; dann kehrte der Erstere auf dem breiten Fahrweg in die Stadt zurück.

Als George wieder in's Schloß kam und nach Paula fragte, berichtete das Kammermädchen, die Comtesse habe sich in ihr Zimmer zurückgezogen und sei zu Bett gegangen.

12.

Das Wiedersehen.