Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie«

Part 11

Chapter 113,799 wordsPublic domain

»Ich habe sie auch gebeten, zu Bett zu gehen,« sagte die Mutter, »aber der Trotzkopf wollte nicht.«

»Wenn der Ball erst vorüber ist, schlafe ich dafür eine ganze Woche,« lächelte Henriette; »denke nur, Onkel, was für hübsches Geld ich dabei verdiene.«

Pfeffer antwortete nichts. Er stand am Fenster, blies Ringe hinaus und klopfte dabei mit der Fußspitze den Boden, als die Thür plötzlich aufgerissen wurde, Fräulein Bassini den Kopf in's Zimmer steckte und hereinrief: »War er schon hier?«

»Wer?« rief Pfeffer, sich scharf auf dem Absatz herumdrehend. »Was, zum Teufel, kommst Du denn so in's Zimmer gestürmt -- weißt Du denn nicht, daß Deine Schwester krank ist? Wer soll hier gewesen sein?«

»Nun, der Graf,« sagte die Dame, die Thür hinter sich zuziehend.

»Der Graf -- bei Dir rappelt's wohl? Was für ein Graf?«

»Also, so wißt Ihr noch gar nichts?«

»Na, jetzt hör' einmal mit Deinem Schnack auf,« brummte Pfeffer; »thu Deine Gartenanlage vom Kopf herunter und setze Dich auf Deinen -- hätte bald 'was gesagt. Steckt in dem Frauenzimmer eine Unruhe -- Apropos, hast Du mir meine Dose wieder mitgebracht?«

»Nein, die hab' ich heilig vergessen -- aber Fürchtegott, Auguste, Jettchen, wißt Ihr denn, wer bei mir war?«

»Ach schnack' keinen Unsinn; wie können wir wissen, wer bei Dir gewesen ist,« rief Pfeffer -- »vielleicht der Friseur mit einer neuen Perrücke?«

»Grobian! Ein Graf war bei mir, ein wirklicher, lebendiger Graf mit Orden -- nein, Orden hat er nicht gehabt, das ist wahr; merkwürdig eigentlich, daß ein Graf blos so, ohne Orden herumgehen kann wie andere Menschen.«

»Ob das Frauenzimmer nicht einen Sparren hat wie ein Hebebaum,« knurrte ihr Bruder -- »und was wollte er?«

»Das räthst Du nicht, und wenn ich Dir ein Jahr Zeit ließe.«

»Er wollte Dich wahrscheinlich bitten, auf der Bühne nicht so zu schreien, weil er eine Prosceniums-Loge hat.«

»Du bist heute unausstehlich.«

»Aber so sag' uns doch nur, was er wollte, Tante, rathen können wir's ja doch im Leben nicht,« bat Henriette.

»Das Kind ist viel vernünftiger als Du,« erwiderte Fräulein Bassini; »nein, Schatz, rathen könnt Ihr's allerdings nicht, aber er kam, um sich nach Augusten zu erkundigen.«

»Nach _mir_?« rief die Frau.

»Und zu Dir?« sagte Pfeffer.

»Ja, zu mir, Ueberklug, weil er mich für meine Schwester hielt.«

»Mit _der_ Perrücke?«

»Herr Gott, der Mensch bringt mich noch zur Verzweiflung!«

»Aber so laß sie doch nur einmal erzählen, Fürchtegott.«

»Na, hindere ich sie etwa daran? Aber bringt sie denn etwas Anderes heraus wie Unsinn? Wenn es der kein Souffleur einbläst, wird sie nie fertig!«

»Du hast einmal wieder Deinen liebenswürdigen Tag, das muß wahr sein; aber ich will mich heute nicht ärgern.«

»Was wollte denn der Graf von mir?« sagte die Frau, ungläubig dazu mit dem Kopf schüttelnd.

»Ja, das ist ja eben das Wunderbare,« rief Fräulein Bassini, ganz entzückt, die Trägerin einer solchen Neuigkeit zu sein; »im Auftrag seines Freundes kam er, wie er sagte. Und weißt Du, wer der Freund war? Herr Stelzhammer.«

»Oh, Du mein Gott!« sagte die kranke Frau und wurde todtenbleich.

»Sein Freund?« rief Pfeffer ärgerlich; »das hab' ich mir etwa denken können, und das wird ein sauberer Graf gewesen sein, der Dich besucht hat; vielleicht ein Photo--graf oder ein Tele--graf -- ein Freund von dem Lump -- na, nun bitt' ich aber zu grüßen -- Herr Jesus, was das für ein verrücktes Frauenzimmer ist!«

»Du redest, wie Du es verstehst!« rief Fräulein Bassini gereizt. »Der Stelzhammer ist in Amerika ein großer, reicher Herr geworden, und das Gewissen schlägt ihm jetzt; er hat den Herrn Grafen gebeten, sich hier nach Dir zu erkundigen, wie es Dir geht, was Du machst und ob es Dir an etwas fehlt.«

»Nein, was das für ein sorgsamer Gatte ist,« rief Herr Pfeffer, sich mit der rechten Hand auf sein Knie schlagend, »ist erst achtzehn Jahre abwesend und erkundigt sich wirklich schon einmal, wie es seiner Frau geht!«

»Und sind sie nicht vor Gericht geschieden?« rief Fräulein Bassini, die merkwürdiger Weise nun, da ihr Bruder die Partei nahm, welche sie selber bis jetzt gehalten, auf die entgegengesetzte Seite übersprang. »Ist er denn gesetzlich verpflichtet, sich überhaupt noch um sie zu bekümmern?«

»Jetzt hör' Einer das Frauenzimmer an!« rief Pfeffer entrüstet. »Hat es denn Jemand von ihm verlangt, heh? Hab' ich etwa Deinen Herrn Grafen ersucht, hierher zu kommen? Aber ist ein Mann, wenn er sich auch von seiner Frau scheiden läßt, nicht etwa doch verpflichtet, noch für sie zu sorgen? Oder glaubst Du etwa, daß da jeder Lump herkommen und heirathen, und sich dann wieder scheiden lassen kann und weglaufen darf wie die Sau vom Trog?«

»Du bist und bleibst ein Grobian -- und wenn er es nun bereut?«

»Zeit wär's,« brummte Pfeffer; »aber nun erzähle einmal vernünftig, wenn Dir das irgend möglich ist, was der Fremde wollte und weshalb er zu Dir kam.«

»Eigentlich waren es Zwei,« berichtete Fräulein Bassini, »aber aus dem Zweiten bin ich nicht klug geworden; ich glaube, es muß der Kammerdiener gewesen sein. Er hat auch den Mund die ganze Zeit nicht aufgethan -- ein kleiner, dicker Mensch mit einer Glatze wie der Tisch groß.«

»Na, so lüg' Du und der Teufel!«

»Und das Andere war ein Graf?« fragte Henriette.

»Was ich Dir sage, Kind, hier habe ich noch seine Karte,« fuhr Fräulein Bassini, in ihrer tiefen Tasche danach suchend, fort; »da, da steht's: Felix Randolph, Graf von Rottack -- da steht's gedruckt, und nun wirst Du's doch glauben, Bruder Thomas?«

Pfeffer nahm die Karte, besah sie, schüttelte mit dem Kopf und warf sie dann auf den Tisch. »Und was wollte er eigentlich?« fragte er hierauf.

»Weiter nichts, als sich nach Augusten erkundigen. Er hätte Auftrag, wie er sagte, von seinem Freunde Stelzhammer in Amerika, hier Nachforschungen anzustellen, und wie er erfuhr, daß ich nur die Schwester wäre -- denn es scheint, daß er mich für Auguste hielt --, stand er auf und sagte, er würde selber hierher gehen.«

»Zu uns hierher?« fragte die Frau erschreckt.

»Na, er wird uns auch nicht beißen,« brummte Pfeffer; »neugierig wäre ich aber doch, was der Patron, Dein sauberer Mann, eigentlich will. Sollte mich gar nicht wundern, wenn er Geld brauchte und uns anpumpen möchte.«

»Aber Onkel!«

»Liebes Kind,« brummte Pfeffer, »es sind schon närrischere Dinge in der Welt vorgekommen, das wäre nicht das Tollste; komisch wär's aber, so viel ist richtig, und ein Hauptspaß dabei, denn dem Grafen wollt' ich heimleuchten!«

»Wie kannst Du nur so reden, Fürchtegott,« bat die Frau, »weißt Du nicht, daß Du mir entsetzlich weh damit thust?«

»Ach was,« sagte der Mann, aber doch jetzt mit mehr Gutmüthigkeit im Ton, »ich weiß wohl, daß Du immer seine Partei genommen hast.«

»Er war auch von Herzen gut,« sagte die Frau, »recht gut und brav, nur entsetzlich leichtsinnig, und wir Beide noch damals so jung; Gott nur weiß, wie schlimm es ihm auch vielleicht in der Welt ergangen ist.«

»Nicht schlimmer, wie er's verdient hat!« polterte Pfeffer heraus. »Aber wann war denn der Graf eigentlich bei Dir, Lise?«

»Ach, vor kaum einer halben Stunde,« rief Fräulein Bassini, »und denke Dir nur, ich war noch gar nicht angezogen; ich hatte den ganzen Morgen studirt und noch keine Toilette gemacht, saß am Clavier und phantasirte ein wenig -- auf einmal geht die Thür auf und der Graf guckt herein. Ich dachte, der Schlag sollte mich auf der Stelle rühren.«

»Ein Wunder nur, daß er den Grafen nicht gerührt hat, wenn er Dich im Negligé gesehen!« lachte Pfeffer.

»Aber, Onkel!«

»Dein Negligé ist freilich schöner,« rief Fräulein Bassini, »mit dem Schlafrock, der kleben bleibt, wenn man ihn an die Wand wirft, und Deinem alten, ekelhaften Tabaksgestank! Aber um mich ärgern zu lassen, bin ich nicht hergekommen,« rief sie, von ihrem Stuhl aufstehend; »nur Augusten wollte ich die Nachricht bringen -- »mit Dir habe ich weiter nichts zu thun!« -- Und wirklich böse gemacht, schoß sie der Thür zu.

»Vergiß das nächste Mal die Schnupftabaksdose nicht!« rief ihr der Bruder nach, und Fräulein Bassini riß, verächtlich den Kopf zurückwerfend, die Thür auf, als sie plötzlich einen tiefen, ehrfurchtsvollen Knix nach außen machte und dann flüsternd, aber deutlich genug in das Zimmer zurückrief:

»Der Graf!«

10.

Graf Rottack bei Pfeffers.

»Und was nun,« sagte Felix, als sie mitsammen die Straße hinabschritten und Jeremias noch einen scheuen Blick hinter sich warf, als ob er fürchte, daß ihnen diese entsetzliche orangefarbene Dame folgen könne -- »wollen wir zu Pfeffers?«

»Herr Graf,« stöhnte der kleine Mann, »ich bin nicht im Stande -- ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe in der Viertelstunde da oben bei dem schrecklichen Frauenzimmer, meiner Fräulein Schwägerin, mehr ausgestanden, als ob ich die ganze Zeit über auf einer Folterbank gesessen hätte!«

»Aber wußten Sie denn nichts von dieser Schwester?«

»Ich wußte, daß meine Frau eine Schwester hatte, habe sie aber nie gesehen, denn sie war damals schon lange beim Theater und irgendwo im Preußischen an einer kleinen Bühne engagirt, hatte sich auch nie mit ihrer jüngeren Schwester vertragen können.«

»Und der Bruder?«

»War Komiker an unserem Theater, entzweite sich aber ebenfalls mit meiner damaligen Frau, weil er gegen unsere Heirath gerathen, und hielt keinen Verkehr mit uns.«

»Sie müssen damals ein sauberer Zeisig gewesen sein, Jeremias?«

»Reden wir nicht davon,« sagte der kleine Mann mit einem aus tiefster Brust herausgeholten Seufzer; »aber es ist ja nun vorbei und ich brauche doch wenigstens nicht mit einer Schwägerin gestraft zu werden, wenn ich nicht einmal eine Frau habe.«

»Aber was wollen Sie jetzt thun? Jene Dame wird unfehlbar ohne weiteren Zeitverlust zu ihrer kranken Schwester laufen und sie alarmiren.«

»Die wär's im Stande.«

»Darauf können Sie sich fest verlassen,« sagte Felix, »und ich bin überzeugt, daß sie selbst in diesem Augenblick in aller Hast ihre Toilette macht. Was dann?«

»Und wenn ich selber hingehe, jage ich der armen Frau vielleicht den Tod vor Schrecken ein, denn -- hübscher bin ich nicht geworden.«

»Hören Sie, Jeremias,« sagte Graf Rottack, nach seiner Uhr sehend, »ich habe etwa noch eine halbe Stunde Zeit und die Sache einmal begonnen. Ich werde allein zu jenem Herrn Pfeffer hinaufgehen und sehen, wie Alles steht.«

»Ach, mein bester, herrlichster Herr Graf, wenn Sie das für mich thun wollten -- sehen Sie, schicken Sie mich nachher durch die Hölle, wie den seligen Tamino durch Feuer und Wasser, wohin Sie wollen, ich springe mitten hinein!«

»Aber Alles kann ich doch nicht thun, Jeremias,« sagte Rottack, »ja, im Gegentheil würde meine Gegenwart später nur störend sein -- nachher müssen Sie allein gehen.«

»Ja gewiß, mit dem größten Vergnügen!« rief der kleine Mann, dem der Angstschweiß auf der Stirn stand -- »erzählen Sie nur vorher die Geschichte; sagen Sie ihr, wie ich geschafft und gearbeitet habe und ein ordentlicher Kerl geworden bin, und bitten Sie, daß sie -- nicht mehr böse auf mich ist. und mir wenigstens erlaubt, ihr zu helfen.«

»Sie hatten ein Kind, Jeremias?«

»Ja, ein Mädchen,« sagte dieser kleinlaut.

»Sie wird herangewachsen sein -- und kennt den Vater nicht einmal.«

»Lieber, bester Herr Graf, thun Sie mir den einzigen Gefallen und reden Sie nichts weiter, ich verliere sonst das kleine bischen Verstand -- es ist wahrhaftig nicht viel, was mir noch übrig geblieben ist -- gehen Sie hinauf, ich werde indessen hier unten auf und ab laufen.«

»Aber wo ist denn das Haus?«

»Hier muß es irgendwo sein, dies ist wenigstens die Straße, und -- holla, sehen Sie wohl, Sie hatten Recht -- da brennt meine orangefarbene Schwägerin eben hinein -- ich kenne sie an der Haartour -- glücklicher Weise hat sie uns nicht gesehen.«

»Gut, dann will ich ihr wenigstens Zeit lassen, das Eis zu brechen,« lächelte Rottack; »kommen Sie, wir wollen erst noch einmal die Straße hinab und wieder zurück gehen, und nachher besuche ich Ihre Verwandten.«

»Und ich laufe unterdessen hier Spießruthen.«

»Das fällt zu sehr auf. Dort drüben ist ein Bierlocal, gehen Sie da hinein und setzen Sie sich an's Fenster, daß Sie die Thür im Auge behalten.«

»Das ist recht,« sagte Jeremias, mit Allem einverstanden, was ihm nur das erste Bahnbrechen seines schweren Schrittes ersparte, und als sie Fräulein Bassini hinlänglich Zeit gelassen zu haben glaubten, ihre Neuigkeit anzubringen, und zu dem Eingang des Hauses zurückkehrten, trat Graf Rottack seinen nicht eben leichten Gang an. Jeremias aber, dem erlassenen Rath zufolge, postirte sich an das innere Fenster des benachbarten Wirthshauses und trank in Gedanken und Herzensangst ein Glas Bier nach dem andern.

Der junge Graf stieg indessen langsam die Treppe hinauf. Unten im Hause hatte er schon erfahren, daß Herr Pfeffer im zweiten Stock wohne, und wie er dort oben den Vorsaal erreichte, wußte er augenblicklich, wohin er sich zu wenden habe, als er das überraschte Gesicht und die orangefarbene Gestalt der Dame in der freilich gleich wieder zugeschlagenen Thür entdeckte.

Rottack war aber nicht der Mann, um schüchtern eine Einladung abzuwarten. Er ging ohne Weiteres auf die Thür zu, klopfte an und öffnete dieselbe auf das laute, etwas barsche »Herein!« Pfeffer's. Dieser hatte nämlich keine Zeit gehabt, in sein Zimmer zu gehen und den alten Schlafrock auszuziehen, da er vorher erst den Vorsaal hätte passiren müssen, und drückte sich nun, als der Fremde eintrat, vorsichtig an der Wand hin, um diesen Fehler so rasch als möglich zu verbessern. Der Schlafrock war wirklich in gar zu desolaten Umständen.

»Ich habe das Vergnügen, mit Herrn Pfeffer zu sprechen? Ah, mein Fräulein, ich hatte schon vorher die Ehre...«

»Ja, mein Herr,« sagte Pfeffer, der sich hier keine Blöße geben durfte, »mein Name ist Pfeffer -- Fürchtegott Pfeffer.«

»Und Ihre Frau Gemahlin? -- Bitte, bleiben Sie liegen, Madame, ich möchte um Alles in der Welt Sie nicht derangiren, und muß so schon um Verzeihung bitten, so ohne Weiteres eingetreten zu sein!«

»Bitte -- nein, nicht meine Frau, meine Schwester Auguste -- dies meine Schwester Lise -- Elise wollt' ich sagen -- dort meine Nichte Henriette -- mit wem hab' ich die Ehre?«

»Mein Name ist Rottack, und wenn ich mich hier in eine Familienangelegenheit dränge -- denn ich darf wohl annehmen, daß Ihnen das Fräulein hier schon die Ursache meines Besuches mitgetheilt hat -- so mag mich das entschuldigen, daß ich es in bester Absicht und in der Hoffnung thue, einen günstigen Erfolg für beide Theile zu erzielen.«

»Aber wollen Sie sich nicht setzen, Herr Graf?« rief Fräulein Bassini und schritt nach dem Fenster zu, um dort einen leeren Stuhl zu holen.

»Pardon, mein gnädiges Fräulein!« rief Rottack und sprang ihr zuvor, während Pfeffer ein sauer-komisches Gesicht bei dem Worte »gnädiges« zog, den Moment aber auch benutzte, zur Thür hinaus zu fahren -- »Sie erlauben mir wohl...«

Er hatte den Stuhl erfaßt, als sein Blick auf die Arbeit Henriettens fiel, die neben ihrem Arbeitstisch in ängstlicher Spannung aufgestanden war.

»Ah, mein liebes Fräulein, wie reizend und geschmackvoll Sie arbeiten! Die Blumen könnten wahrhaftig eben so gut in Paris gemacht sein -- der Kranz ist prachtvoll!«

»Sie sind zu gütig, Herr -- Graf,« flüsterte Henriette beschämt und tief erröthend -- »ich habe sehr rasch daran arbeiten müssen.«

»Wirklich vortrefflich,« fuhr Rottack fort, den Schmuck aufnehmend und gegen das Licht haltend.

»Nicht wahr, Jettchen arbeitet hübsch?« sagte Fräulein Bassini, die ebenfalls zum Tisch getreten war und sich in dem Lobe der Nichte mit geschmeichelt fühlte -- »ja, das macht ihr Keine hier nach -- und so rasch, Sie glauben es gar nicht!«

»Dürfte ich da Ihre Zeit wohl auch einmal in Anspruch nehmen, mein liebes Fräulein,« sagte der junge Mann, »und Sie um einen Kranz von diesen Veilchen und solchen Maiblumen bitten? Ich weiß, daß ich große Freude damit anrichten würde.«

»Ja, Herr Graf,« sagte in dem Augenblick Pfeffer, der mit einer noch nie entwickelten Schnelligkeit seinen drüben mitten in's Zimmer geschleuderten Schlafrock abgeworfen und den langen braunen Rock angezogen hatte -- »aber nur jetzt nicht; das Mädel hat sich schon halb caput zu dem verdammten Ball gearbeitet...«

»Ich werde Sie nicht drängen,« lächelte Rottack, »und wenn ich den Kranz erst in vier oder sechs Wochen bekomme.«

»Sie sollen ihn noch früher haben,« lächelte Henriette freundlich; »nur die nächsten Tage bin ich so sehr beschäftigt.«

»Und was war es nun, Herr Graf, was Sie uns zu sagen wünschten?« platzte Fräulein Bassini heraus, die ihre Ungeduld, das erwartete Geheimniß zu hören, nicht länger bezähmen konnte.

»Sie haben Recht, mein Fräulein,« sagte Rottack ernst. »Herr Pfeffer, ich habe Ihrer Frau Schwester eine wichtige Mittheilung zu machen, was eigentlich unter vier Augen geschehen sollte; da aber die arme Dame leidend ist, so erbitte ich mir Fräulein Henriettens -- nicht wahr, das war der Name der jungen Dame? -- Fräulein Henriettens Gegenwart dazu aus, da sie ja selber mit interessirt dabei ist.«

»Sehr wohl, Herr Graf,« sagte Pfeffer, der die Andeutung nicht mißverstehen konnte -- »na, komm so lange mit zu mir hinüber, Lise.«

»Aber wir gehören doch eigentlich mit zur Familie!« rief Fräulein Bassini, von dem Gedanken empört, daß sie schon wieder nichts erfahren sollte.

»Na, komm nur, Alte,« lachte Pfeffer, »das hilft Dir nichts, ich lasse Dich drüben nicht einmal horchen -- aber noch Eins, Herr Graf -- bitte, machen Sie's kurz und regen Sie mir die Guste nicht zu sehr auf; sie zittert jetzt schon am ganzen Leibe!«

»Ich habe ihr nichts Trauriges mitzutheilen, mein lieber Herr,« sagte Rottack freundlich -- »seien Sie versichert, daß Alles, was ich zu sagen habe, auf die schonendste Weise gesagt werden wird.«

»=Bon,=« sagte Pfeffer, und Fräulein Bassini -- die doch nicht mit Gewalt da bleiben konnte, obgleich sie einmal nicht übel Lust dazu zu haben schien -- bei der Hand nehmend, verließ er mit ihr das Zimmer.

»Jettchen!« rief die Frau.

»Meine liebe, liebe Mutter!« rief Henriette, flog an ihre Seite und kniete vor ihr am Sopha nieder.

»Beruhigen Sie sich, verehrte Frau,« sagte Rottack herzlich, »ich habe Ihnen eine recht gute Mittheilung zu machen. So erfahren Sie denn vor allen Dingen, daß ich Ihre Familienverhältnisse genau kenne und sogar persönlich befreundet mit ihrem geschiedenen Manne bin...«

»Und er lebt?« sagte die Frau zitternd.

»Er lebt,« nickte Rottack freundlich, »und hat nicht allein seine frühere übereilte Handlung tief und aufrichtig bereut, sondern auch Alles gethan, was in seinen Kräften steht, um sie, so weit es irgend möglich ist, wieder gut zu machen.«

»Und so lange Jahre habe ich nichts von ihm gehört -- hat er nicht ein einziges Mal nach seinem Kind gefragt?«

»Meine liebe, gute Mutter, rege Dich nur nicht auf!«

»Aber wo ist er?« fragte die Frau -- »wird er nie wieder nach Deutschland zurückkommen?«

»Würden Sie ihm verzeihen, wenn er wiederkehrte?«

»Was kann ich ihm verzeihen,« sagte die Frau traurig -- »wir waren Beide damals jung und unerfahren, trugen Beide wohl vielleicht gleichviel Schuld -- ich -- hatte mir nur nie gedacht, daß er mich so ganz vergessen könnte.«

»Und wenn ich Ihnen sage, daß er Sie nicht vergessen, daß er da drüben im fremden Land geschafft und gearbeitet hat wie ein braver, ehrlicher Mann, daß es ihm anfangs sauer, recht sauer wurde, daß er sich aber keine Mühe verdrießen ließ, bis er endlich doch seinen Zweck erreichte und nicht allein durch eisernen Fleiß, sondern auch glückliche Speculation und Umsicht ein Vermögen erwarb, mit dem er anständig hier in Deutschland leben könnte?...«

»Und in seinem Glück hat er unserer gedacht?« sagte die Frau leise und faltete wie unwillkürlich die Hände.

»Mehr als das,« fuhr Rottack herzlich fort; »es ließ ihm drüben in Brasilien keine Ruhe. Immer stand das Bild seiner verlassenen Familie vor ihm, und wie er sich endlich ein freier, unabhängiger Mann wußte, verließ er die Fremde und kehrte nach Deutschland zurück.«

»Er ist hier?« rief Henriette rasch, und die Frau deckte ihr bleiches Antlitz mit den Händen.

»Er ist hier,« sagte Rottack leise, »hier in der Stadt, und hat mich, der ihn drüben in Brasilien kennen lernte, zu Ihnen hergesandt, um Sie zu fragen, ob Sie ihm verzeihen wollen -- ob er sein Kind wiedersehen darf.«

Henriette hatte ihr Antlitz an der Mutter Schulter geborgen, und diese antwortete nicht; sie lag still und regungslos, aber die großen, hellen Thränen liefen ihr, unter den Fingern weg, an den bleichen Schläfen nieder und netzten das Kissen, auf dem sie lag.

»Nicht wahr, der Vater darf wiederkommen, liebe, liebe Mutter?« bat das Kind, indem sie die Weinende heftig umschlang -- »hast Das nicht manche lange Nacht in Thränen zugebracht, daß er fort war, und mir oft gesagt, wie er sich freuen würde, wenn er mich, sein Jettchen, einmal sehen könnte? -- Und dann wird es Dir auch besser gehen,« flüsterte sie ihr leise zu, »Du wirst gesund und kräftig werden und brauchst keine Sorge mehr zu tragen, Dir nichts mehr versagen, wie doch so oft bisher...«

Die Frau nahm die Hände von den Augen, öffnete ihre Arme, umschloß ihr Kind damit und preßte die Lippen auf ihre heiße Stirn.

»Ja, mein Kind,« sagte sie dabei leise, »er darf wiederkommen -- wir haben Beide recht viel ohne einander ausgestanden, recht viel, der Eine mehr, der Andere weniger -- aber wir haben uns doch einmal geliebt, und es ist gut, wenn wir da nicht in Groll von einander scheiden.«

»Meine liebe, gute, gute Mutter!«

»Aber nicht heute,« fuhr die Mutter fort, »nicht heute -- die Nachricht hat mich doch zu sehr angegriffen -- ich würde es vielleicht nicht ertragen, oder Jeremias doch zu sehr erschrecken, wenn er mich gar so elend fände -- heute nicht, aber morgen früh. Es ist besser so für uns Beide -- wir haben Beide Zeit, uns zu sammeln und darauf vorzubereiten -- nicht wahr, er kommt nicht heute, lieber Herr?«

»Er soll heute nicht kommen, verehrte Frau,« sagte Rottack, der mit inniger Rührung die Bewegung von Mutter und Tochter beobachtet hatte, aber Zartgefühl genug besaß, um kein Wort da hinein zu reden. »Sie dürfen sich nicht zu sehr anstrengen und aufregen, aber seien Sie auch versichert, daß Sie Ihre Freundlichkeit nicht bereuen werden. Jeremias ist ein braver, tüchtiger Mann geworden, älter zwar und ziemlich wohlbeleibt -- wenn Sie noch ein anderes Bild von ihm in der Erinnerung tragen --, aber durchaus brav und ehrlich, und er könnte glücklich sein, wenn ihn die Reue über das Vergangene nicht bis jetzt hätte zu keinem Frieden kommen lassen.«

Henriette hatte, während er sprach, zu ihm aufgesehen, und freudige Dankbarkeit über die guten Worte glänzte dabei in ihren Zügen.

»Und wie sollen wir Ihnen je dafür danken, daß Sie sich fremder, armer Leute mit solcher Liebe und Güte annehmen?« sagte sie herzlich.

»Mir, mein liebes Fräulein, haben Sie gar nicht zu danken,« lächelte Rottack; »es ist einmal meine Bestimmung auf der Welt, mich eigentlich um lauter Sachen zu bekümmern, die mich gar nichts angehen, und um so mehr durfte ich hier die Hand bieten, wo ich Ihren Vater seit langen Jahren kenne und in seinem Wirken und Schaffen beobachtet habe, ohne freilich damals zu ahnen, welchen Verpflichtungen er sich hier entzog. Und darf ich ihm jetzt wenigstens einen Gruß von Ihnen bringen?«

»Oh, einen recht herzlichen!« rief Henriette.

»Er mag kommen,« nickte die Frau, »morgen früh um zehn Uhr -- nicht früher -- ich will ihn dann erwarten. Grüßen Sie ihn auch von mir, lieber Herr, sagen Sie ihm aber auch, wie Sie die _junge_ Frau, die er verlassen hat, wiedergefunden haben -- er soll nicht erschrecken -- ich bin recht alt und schwach in den Jahren geworden.«

»Aber jetzt wirst Du wieder gesund werden, Mütterchen.«

»Wir wollen's hoffen, Kind,« sagte die Frau leise.