Eine feine Woche!

Part 9

Chapter 93,818 wordsPublic domain

Schon dieses kriegerische Wort interessiert drei Dutzend wirklicher, frischer Jungen mehr, als dreißig Dutzend Mummelgreise glauben könnten. Während man also über das Sandfeld halb rechts wegschreitet und an den ersten Villen von Wannsee vorüberzieht, schwirren alle möglichen Erzählungen von Festungen und Forts und Kasematten um die kleine Schar herum, und wenig Sinn haben jetzt die Klugsnaks von Tertianern für die Schönheit dieser Villen und Gärten aus Tausend und eine Nacht. Nein, im Handumdrehen gleichsam hat man den Bahnhof Wannsee vor sich und folgt Doktor Fuchs, der jetzt rechts um die scharfe Ecke schwenkt und seine Klasse auf ein kleines Plateau hinausführt.

Da steht auf hohem Sockel und in einer kreisförmigen Nische von üppigem Grün die Kolossalbüste des Eisernen Kanzlers, und über die vorn abschließende Hecke weg schweift der Blick auf des Wannsees lichthelle Fläche hinunter, die drüben in ihrer klaren Flut die Zinnen hochragender Villen spiegelt. Leise und träumerisch schaukeln weiße Boote vor ihren Ankern; ein kleiner Dampfer zieht eine silberne Furche von dem Landungssteg unten hinüber nach dem Paradies des Schwedischen Pavillons. Majestätisch strebt soeben ein stattlich großes Dampfboot wie ein mächtiger, weißer Schwan rechts hinaus, der offenen Havel zu, die drüben von den steil aufsteigenden Hügellehnen bei Cladow begrenzt wird. Von Süden her aber schimmert die weiße Fläche des »Kleinen Wannsees« herüber, und das staunende Auge kann es kaum fassen, dieses lieblichste aller lieblichen Havelbilder. Es ist ein wundersames Gemälde, hineingezaubert in die karge und herbe Schönheit des sonst so verrufenen Brandenburger Landes. --

»Wo essen wir denn Mittag, Herr Doktor?« -- Dem Dicken wird es so eigen im Magen, als man das schöngelegene Restaurant am Knie der Chaussee links liegen läßt und stramm weiterzieht. Da gibt’s noch manchen schönen Blick nach rechts hinaus auf den Wannsee; aber man hat schon so viel des Schönen gehabt, daß man vieles jetzt achtlos vor den Augen vorübergleiten läßt.

Erst vor dem Flensburger Löwen, oben auf der geräumigen Schanze, macht man wieder Halt. Da stehen unsre Jungen und lassen sich erzählen, wie die Dänen das Original, das jetzt im Hofe des Lichterfelder Kadettenhauses steht, einst Deutschland zum Hohne in Schleswig aufgerichtet hatten; wie aber dann Schleswig wieder deutsch wurde und der dänische Leu dem preußischen Adler nach der Mark folgen mußte. Während das starre Eisenauge früher nach Süden -- nach Deutschland herüber -- schaute, jetzt ist es nach Spandau hinauf und viel weiter hinaus gerichtet, nach Norden hin, der alten Heimat zu. --

Im engen Kreise zieht man um die Wasserlöcher tief unten herum und an den Grotten des Aussichtsturmes hoch oben vorbei. Dann geht es flott weiter hinaus, hinten am Kirchlein vorüber und geraden Wegs durch mageren Kiefernbestand und über einen echt kurmärkisch-sandigen Waldweg weg zur großen und wunderbar gepflegten Chaussee. Die steigt allmählich erst sanft an, führt aber dann wieder hinab zur Havel. An lauschigen Buchten eilt man so vorüber, und bis auf Steinwurfsweite schiebt sich drüben endlich die von der Geschichte verklärte Pfaueninsel heran.

Ja, die Pfaueninsel, die wollen die Jungen besuchen. Aber erst will man im Restaurant diesseits des Wassers, beim Vater Ehrecke, zu Mittag essen. Dieses Mittagessen ist ja zu zwei Uhr bestellt, und nur noch zehn Minuten fehlen an dieser Zeit; gerade genug, um sich von dem langen Marsch zu neuer Arbeit etwas auszuruhen und den Magen in die beste Stimmung zu versetzen.

Man sucht sich ein Plätzchen in dem sauber gepflegten Garten aus. Das ist ja für einen Jungen immer schon eine wichtige Sache. Man legt dabei das Ränzel ab; man kramt darin herum und -- läßt auf einmal alles stehen und liegen und guckt und sieht und sucht und lockt, die Hühner nämlich.

»Put! Put! Put!«

Da kommen denn einige eiligst und langbeinig angewackelt, während die ruhigeren Hühnernaturen ein Bein in die Luft heben und langhalsig erst einmal zusehen, ob denn die übereifrigen Freundinnen wirklich etwas ergattern können. Aber die Jungen wollen gerade _alle_ Hühner haben; denn sie haben an diesen Hühnern etwas ganz Sonderbares entdeckt: alle nämlich tragen Ringe wie die Menschen; freilich nicht an einem Finger, sondern am Bein, einige am linken und einige am rechten. Das, ja das ist nun eben den Jungen ein Rätsel. Fritze Köhn meint, die mit dem Ring am linken Bein, die wären verlobt und die andern verheiratet. Da nun sein Urteil immer so etwas Salomonisches an sich hat, so glaubt das auch schon die gute Hälfte der Jungen, und dem Doktor Fuchs blitzt dabei der Schalk etwas aus den Augen; aber er sagt nichts.

Der Vater Ehrecke indes geht auf den Scherz ein. »Ja, der Hahn da,« meint er bedächtig, »der ist auch noch verlobt! -- Aber das ist doch ein windiger Bruder!«

»Wie kriegen sie denn die Ringe aber auf die Beine drauf?«

Der Vater Ehrecke verzieht keine Miene. »Das haben schon verschiedne Herrschaften gefragt. Aber es ist sehr einfach. Jeden ersten im Monat lege ich einige Ringe da neben den Futternapf, und alle die Hühner, die sich verloben wollen, kriechen mit der linken Pfote durch den Ring durch.«

Die Jungen lachen darüber unbändig; manche wissen nicht recht, sollen sie es glauben oder nicht. Der dicke Puntz aber forscht jetzt weiter: »Na, wenn sie sich aber nun verheiraten? Wie kriegen sie denn dann den Ring auf die rechte Pfote?«

»Das ist noch einfacher! Da tauschen sie das rechte Bein gegen das linke aus!«

Da muß aber auch Doktor Fuchs lachen. »Ehrecke,« ruft er, »Sie lügen uns aber heute ganz fürchterlich die Hucke voll!«

»Na« -- jetzt bekennt der Vater Ehrecke Farbe -- »nein, Jungens, nun seht mal her!« -- Dabei holt er verschiedene Ringe aus der Tasche heraus. -- »Solch Ring kann auf- und zugeknipst werden! So! Hier seht ihr auch eine Jahreszahl drin. Das ist zum Beispiel einer für dieses Jahr. -- Seht ihr? -- Solchen kriegt also ein Huhn, das von diesem Jahr ist!«

Nun ist ja alles klar, und weil es nun klar ist, interessiert es auch die Jungen nicht mehr, besonders da der Kellner jetzt auch etwas zu schnabulieren bringt. Da ist sogar einer sehr fix bei der Hand, der sich sonst Ruhe und Zeit gelassen hat. Das ist natürlich der dicke Puntz, und die Begründung, die er dafür gibt, sieht ihm ähnlich: »Je früher wir fertig sind, desto eher haben wir nachher wieder Appetit!«

~Exest colloquium.~ Es war doch wohl ein strammer Marsch von den Havelbergen her; dem Vater Ehrecke leuchtet die Freude aus dem gutmütigen Gesicht, als er sieht, mit welchem Appetit man hier arbeitet. Das gefällt ihm, und so erzählt er beim Essen dem Doktor Fuchs und den Jungen noch manche Schnurre. --

Endlich denkt man auch ans Berappen. Aller Mammon sammelt sich erst vor Doktor Fuchs, der dann die Summe an den Kellner abführt. -- -- --

Aufregung von Anfang bis zu Ende.

Es ist die höchste Zeit; denn die Jungen sind schon ungeduldig geworden, und doch dürfen sie keinen Fuß aus dem Lokal hinaussetzen. Doktor Fuchs will der erste sein. Er weiß wohl warum; man will sich jetzt zur Pfaueninsel übersetzen lassen. Da heißt es, auf die Jungen scharf achtgeben. Einige sind immer dabei, die am Wasser so ungeschickt und taprig sind wie die jungen Puten.

An der Tür also warten die Jungen, ungeduldig zwar, aber sie warten doch. Dann jedoch stürzen sie hinaus, daß Doktor Fuchs seine ganze Lungenkraft gebrauchen muß, um die ungeduldigsten Stürmer vom Wasser zurückzuhalten. Es hat ja zudem auch alles keine Eile; denn das Fährboot ist gerade drüben, und mit dem elenden Kahn da links, nein, da könnten kaum fünf Mann auf einmal hinüber.

Als aber die Fähre jetzt langsam herüberkommt, da drängen die Jungen vor, und -- wie kam das? -- auf einmal gibt’s einen Plumps, und Doktor Fuchs sieht gerade noch, wie das Wasser über dem Achim Köckeritz zusammenschlägt. Im selben Augenblick springt ein anderer Junge nach. Doktor Fuchs weiß nicht, wer es ist; er selber reißt sich die Stiefel von den Beinen und den Rock vom Leibe. Jetzt steht er auch schon im Wasser und hat den Ernst Ehrenfried gepackt. Der wieder hält den Achim Köckeritz.

Die andern Jungen sind starr vor Schrecken. Es ist aber auch alles so schnell gegangen; man weiß gar nicht wie. Ernst Ehrenfried sitzt auf den Steinen; neben ihm liegt der kleine Achim Köckeritz. Der kann ja gar nicht von dem Augenblick da im Wasser ertrunken sein! Vielleicht Herzschlag? --

Doktor Fuchs hat sich über Köckeritz gebeugt, selbst bleich wie der Tod. Das Gefühl, in letzter Linie doch verantwortlich zu sein für seine Jungen, das preßt ihm die Brust zusammen und rüttelt und schüttelt an ihm herum, während er den Kopf des Kleinen geradelegt und die schlaffen, kleinen Arme dann unaufhörlich auf- und niederbewegt. Die Todesangst auf den Gesichtern der andern Jungen ist entsetzlich; jede Muskel ist gelähmt.

Schon aber schlägt der Achim die Augen auf. Nachdem er einen Moment erst starr in den Himmel hineingesehen, richtet er sich plötzlich auf und ruft empört aus: »Der Sausig, der hat mir einen Schubs gegeben!«

»Ich? Ich habe ja überhaupt da drüben gestanden!«

»Dann war’s ein andrer! Aber einen Schubs habe ich gekriegt!«

»Schön!« kommt Doktor Fuchs dazwischen. »Ob Schubs oder nicht! Du hast im Wasser gelegen, und nun heißt’s hübsch folgen! Dicker und Sausig, nehmt mal den Achim unter den Arm und führt ihn hinüber zu Vater Ehrecke! Na, Ernst, geht’s allein? Du bist ein braver Junge! Der allerbravste von allen! -- So, und nun, meine Herrschaften, alle noch mal zurück! Kein Mensch soll es wagen, auch nur einen Fuß aus dem Lokal hinauszusetzen!«

So geht’s wieder hinüber zu Vater Ehrecke; Doktor Fuchs dabei auf den Strümpfen und ohne Rock. Die Jungen haben sich der Sachen erbarmt und bringen sie mit. Vater Ehrecke sieht das; er ahnt gleich die ganze Geschichte; er weiß auch Rat. »Kinder in dem Alter haben wir ja nicht mehr,« sagt er dienstfertig, »aber wir stecken die beiden so lange ins Bett, bis ihre Sachen trocken sind. Na, und Sie, Herr Doktor, kriegen ein Paar Hosen von mir!« -- -- --

Die Hosen waren für Doktor Fuchs freilich recht reichlich, besonders in der Gegend, wo beim älteren Menschen sonst der Bauch zu sitzen pflegt. Als er damit wieder auf der Bildfläche erscheint, kichern die Jungen erst leise und lachen ihn schließlich sogar kräftig aus. Der dicke Puntz kommt sogar auf die Idee: »Herr Doktor, am Nachmittag sollte Gebhardt uns doch photographieren!«

»Soll ja auch kommen!« lacht der Gefragte leise vor sich hin. »Oben im Portal der Kirche! Jetzt, Jungen, wollen wir mal zur Pfaueninsel hinüber. Da ihr aber gesehen habt, was alles vorkommen kann, so bitte ich mir jetzt die größte Ruhe und Ordnung aus!«

Natürlich; jetzt geht alles glatt von statten. Man bummelt so über die Pfaueninsel weg, und alles Historische aus dem Leben des alten Kaisers erzählt da Doktor Fuchs.

Manch schöner Punkt geht vor den Augen der Jungen vorüber; im großen und ganzen indessen scheint ihnen doch die Pfaueninsel zu ausgedehnt. Wer hätte denn auch gedacht, daß sich dieses scheinbar ganz kleine Fleckchen Erde so weit in die hier freilich gewaltig breite Havel hinziehen würde! Schließlich wird die ganze Sache sogar etwas langstilig, und nur die russische Rutschbahn der Kaisertochter belebt auf einen Augenblick wieder das Interesse.

Als man am Landungssteg steht, packt Doktor Fuchs seine Jungen wieder dicht zusammen.

»Also, Jungs,« predigt er eindringlich, »erstens bitte ich mir wieder Vorsicht aus. Zweitens aber ändre ich meinen Plan etwas. Ich wollte eigentlich mit euch oben auf Nikolskoi Kaffee trinken. Da wir aber dem Herrn Ehrecke durch Köckeritzens Kopfschuß so viel Schererei machen mußten, möchte ich dem Mann auch entgegenkommen. Wir werden also auch drüben unsern Kaffee trinken, aber wohlverstanden nicht gleich, sondern nachdem wir noch die kleine Tour nach Nikolskoi hinauf gemacht haben!« -- -- --

Nach zwei Minuten ist man drüben, und Doktor Fuchs springt schnell einmal ins Haus hinein, um nach den beiden Patienten zu sehen. Die sind unter der Obhut der wackern Hausfrau gut aufgehoben; sie sind dabei fröhlich und guter Dinge. Ihren Kaffee haben sie sich sogar schon schmecken lassen.

So geht Doktor Fuchs schleunigst wieder hinunter, daß seine Jungen nicht unnütz warten müssen und etwa Allotria treiben. Als er eben um die Ecke biegt, ruft der Herr Ehrecke hinter ihm her: »Herr Doktor, Herr Doktor! Ich habe noch eine Hose; die ist ein bißchen enger.«

»Nein, nein, lassen Sie nur jetzt! Meine Jungen haben sich so sehr über mein Kostüm gefreut, daß ich ihnen auch eine Photographie davon gönne!«

So zieht man denn hinter dem Haus vorüber schräg links hinauf, den Erdbuckel hinan, durch gemischten Wald hin. Es ist ein wundersam lauschiger Weg. Plötzlich hebt sich die Peter-Pauls Kirche von Nikolskoi, wo die Gebeine Prinz Friedrich Karls ruhen, schlank empor.

Das ist nun etwas ganz andres und dabei so Eigenartiges und Neues dazu. Einige der Jungen stürmen die Treppe hinauf und sehen sich oben zu ihrer Überraschung auf einem kleinen Steinplateau. Während sie aber zur halbkreisförmig gehaltenen Brustwehr vorspringen, sehen sie unten andre Kameraden um diese bastionsartige Brustwehr herumlaufen. Großes Hallo darob! Sogleich stürmen diese andern auf der entgegengesetzten Treppe herauf, während die oben Stehenden natürlich hinunterwollen.

Doktor Fuchs ist jetzt auch oben und bedeutet dem Gebhardt ruhig, er möchte seinen Apparat zurechtmachen. Hier soll photographiert werden. Das zieht die Jungen wieder an wie der Magnet das Eisen. Immer mehr sammeln sie sich, und jeder glaubt sich berufen, ein Wort mitreden zu dürfen. Ganz dumm könnte es Doktor Fuchs und dem kleinen Gebhardt im Kopf davon werden; nur den Jungen nicht; denn wer den Lärm macht, der hört ihn gewöhnlich gar nicht.

»Aber,« sagt der dicke Puntz auf einmal, »hat auch Drewians Nase auf der Platte Platz? Wo stecken wir denn die sonst hin?«

Das ist etwas für den Fritze Köhn. »Unsinn!« erklärt er mit trocknem Humor. »Die is janz jut! Damit wird er nachher oben von Nikolskoi aus ’n bißken in der Havel angeln!«

Jeder weiß, daß der lange Drewian der erste gewesen ist, als um die Nasen gelaufen wurde. Während er aber immer sonst ein ruhiger Junge ist, der wenig sagt, jetzt hat er im nächsten Augenblick schon die richtige Antwort gefunden: »Die halte ich neben deine Hängebacken, Dicker! Da sieht man sie nicht! Und dein Maul ist so groß, Köhn, daß du dir bald selber was ins Ohr sagen kannst!«

Die andern lachen darob unbändig. »Der hat recht, Dicker! Dein kleiner Nasenproppen paßt nicht zu den Backen!«

»Du, halt die Luft an!«

Aber der Dicke hat kein Glück. »Das kannst du mit deinem Stups viel besser!« fliegt ihm von anderer Seite zu.

»Und Fritze Köhn kann sich --«

»So, Jungs!« kommt Doktor Fuchs in dieses Wortgefecht hinein, dem er Übrigens ganz belustigt gelauscht hat. »Nun verfügt euch mal in die Türnische da! Nein, nein! So nicht! Die Kleinen vorn!«

»Wo kommen Sie denn hin, Herr Doktor? -- Ich will neben Sie!« --

»Du!« -- Die Rauferei soll wieder losgehen. -- »Du läufst schon die ganze Zeit neben ihm. Ich --«

»Nun haltet mal endlich den Mund, Jungs!« fährt der Ordinarius kräftig dazwischen.

Das wirkt, und endlich kann der Hofphotograph sagen: »Einen Augenblick! -- Danke! Herr Doktor, darf ich schnell noch _eine_ Aufnahme machen?«

Das ist im Handumdrehen geschehen.

Aber für die paar Augenblicke des Ruhigstehens entschädigen sich jetzt die Jungen. Hier führen einige wie wild einen Indianertanz auf; dort fangen zwei an, sich zu raufen, und wieder andre sind an die Steinrampe der Rotunde vorgesprungen und möchten einmal versuchen, die Bewohner jenseits der Havel, die doch hier eine gute halbe Stunde breit ist, zu errufen. Doktor Fuchs fährt entsetzt herum. »Donnerwetter, Jungs! Seid ihr verrückt? Hier stehen wir an einer Kirche!« -- -- --

So zieht man endlich in Ruhe die paar Schritte hinauf nach dem Blockhaus von Nikolskoi. Und dann auf dem kiefernbestandenen Sandbuckel noch zwanzig Minuten weiter bis Moorlake, wo man auf der Chaussee unten an der Havel Kehrt macht, um zu Vater Ehrecke zum Kaffeetrinken zurückzukehren. -- -- --

Beim Kaffeetrinken.

Da sitzt man nun endlich wirklich wieder beim Vater Ehrecke. Man sitzt in der Tat; denn die Beine haben heute doch schon so manches leisten müssen.

Plötzlich aber schreit einer: »Hurra!« und der dicke Puntz springt auf und ruft allen andern zu: »Die Klasse erhebt sich zum Zeichen der Hochachtung!«

Das sind die Worte des Doktor Fuchs sonst in der Klasse gewesen, wenn jemand einmal etwas ganz Besondres geleistet hatte. Grade deshalb auch lachen jetzt alle wieder so herzlich; sogar der Ordinarius, der nämlich eben mit Achim Köckeritz und Ernst Ehrenfried aus der Haustür herausgetreten ist. Und alle möchten den beiden, die bis jetzt hatten im Bett liegen müssen, ein gutes Wort sagen. Fritze Köhn befühlt eben den Achim Köckeritz: »Biste denn schon trocken?«

»Na,« erklärt der entrüstet, »siehst du ja!«

Das aber ist dem »Urballina« gegenüber der falsche Ton gewesen. »Ja, seh ick ooch!« antwortet er schnell. »Brauchst nich jleich so zu schreien! Ick meente man bloß: hinter de Ohren!« --

Der kleine Köckeritz ist schon von andern mit Beschlag belegt worden. Gegen den Fritze Köhn, na, gegen _den_ zöge er doch den kürzern. -- -- --

»So, Jungs!« hört man jetzt den Doktor Fuchs. »Nun wieder setzen! Stoß du da nicht an!« -- Der Kellner geht mit einer großmächtigen Kanne herum und gießt den Kaffee ein. -- »Wo ist der Napfkuchen, Pelz?«

Pelz’ Vater ist ein ehrsamer Bäckermeister; er hat einen Riesennapfkuchen gebacken und der Klasse »zu Händen des ~Dr.~ Herrn Fuchs« zur Partie mitgeschickt. Und jeder hat diesen Napfkuchen ein Stück Wegs tragen müssen; nur Pelz selber wollte nicht, bis ihm der Fritze Köhn auf die Jacke gefahren war: »Du, Pelz, den Nappkuchen mißtest de eijentlich alleene dragen, weil den dein Vater jestiftet hat! Na, ran also! Denkst de denn, weil de Pelz heeßt, ha’m mer dich nur mitjenommen, daß de zu Hause nich de Motten krist?[13]«

[13] kriegst.

Das hatte den Ausschlag gegeben. Pelz hatte sich auslachen lassen müssen; er hatte zwar noch was vor sich hingebrummt, aber den Napfkuchen, den hatte er doch dann seine zehn Minuten getragen. --

Jetzt wurde dieser Napfkuchen also geteilt. Mit argwöhnischem Auge wachten dabei die Jungen darüber, daß ja auch die Teile gleich werden möchten. Da freilich Doktor Fuchs selbst diese Teilung vornahm, so wagte ja kein Mensch, etwas zu sagen; aber jeder suchte sich doch immer schon im voraus ein Stückchen aus, um nachher schnell zufassen zu können.

»Halt!« erklärte indessen Doktor Fuchs schließlich. »Sind alle gleich! Nicht aussuchen! Wie sie ablaufen!« --

So saß man denn und trank und aß. Aber dabei hatte man immer noch Zeit, Gedanken und Zunge etwas spazieren gehen zu lassen.

»Du,« fing Fritze Köhn zuerst zu seinem Nachbar wieder an, »den Kaffee, den trink mit Verstand! Det ’s ’n ordentlich vierstrehniger!«[14]

[14] sehr stark.

»Hab keene Angst! Ick wer’ mich nich dran verjiften!«

»Denk ick ooch nich! Aber er könnte dir zu Koppe steijen. Mancher wird furchtbar leicht brejenklietrig!«[15] --

[15] verrückt.

Auch nebenan und gegenüber wird harmloser Blödsinn geschwatzt.

»Schmeckt sehr schön, Pelz! Wenn dein Vater man halb soviel Kourage zum Schenken hätte, wie wir zum Essen, dann würde er dir jeden Tag ’n Nappkuchen mit zur Schule geben!«

»Au ja! Zum Extemporaleschreiben! Wer die meisten Fehler macht, kriegt zum Trost das größte Stück!«

Doktor Fuchs muß lachen. »Na, Jungs, dann lieber nicht! Sonst muß ich mich sicher totkorrigieren!«

Ein Schlaukopf spinnt den Gedanken weiter: »Da wollen wir lieber gar kein Extemporale mehr schreiben, Herr Doktor!«

»Das wäre das beste!« entscheidet der dicke Puntz. »Kuchen vertragen wir schließlich auch so!«

Pelz nickt dazu und sagt dann orakelhaft: »Ja, wenn wir kein Extemporale mehr schreiben!« --

»Nu kannst du ihn trinken!« springt der Hagen am Ende der Tafel empört auf. »Herr Doktor! Der Köckeritz hat mir eine Fliege in den Kaffee ge--ge--geschmissen!«

»Ich? Ich bin ganz unschuldig! Der Köhn --«

»Schon wieder der Köhn!« denkt Doktor Fuchs.

Fritze Köhn selber aber ist mit seinen Worten ebenso schnell: »Na, so wat lebt nich und zappelt noch!«

»Ja, eben!« lachen einige andere dazwischen. »Sie zappelt noch!«

»Köhn ist an allem schuld!« wehrt sich Köckeritz wieder. »Der hat die Fliege angesungen!«

»Icke? Herr Doktor, ich habe nur ein bißchen gebrummt! Wahrhaftig!«

»Na ja,« -- der kleine Köckeritz kann den Schalk im Nacken haben -- »da ist ihr eben schlimm davon geworden, und da ist sie Hagen in den Kaffee gefallen!«

Jetzt haben die andern Jungen alle neugierig aufgesehen. »Was hat er denn gebrummt?« fragt man. »Sage doch mal!«

Der Achim Köckeritz lacht wieder: »Was er gebrummt hat? Er hat die kleine Fischerin gesungen:

›Flieje du, du jroße! Fall nich in de Sooße! Fall nich in den Kaffeetopp, sonst krist du ’n Katzenkopp!‹«

Die Jungen müssen alle lachen und reden jetzt dem Fritze Köhn zu wie einem kranken Schimmel: »Fritze, mach mal weiter!«

Der aber sitzt da wie ein Gletscher. »Is nich! Ick bin do’ keen Quasselfritze!« --

Auch am andern Ende des Tisches hat sich ein freundnachbarlicher Disput entsponnen, dem Doktor Fuchs unauffällig, aber mit großer Aufmerksamkeit lauscht.

»Mensch, schlinge doch nicht so! Es bekommt dir ja nicht!«

»Bekommt mir immer! Du denkst wohl, weil dein Papa Doktor ist! Ich habe noch nie ’n Arzt gebraucht!«

»Na, Gott sei Dank!, gibt’s andere, die einen brauchen!«

»Mancher auch nicht! Bei uns hinten im Hause hat seine Frau gewohnt -- jetzt ist sie tot! -- die hat auch nie ’n Arzt gehabt. Die ist so gestorben!« -- -- --

Doktor Fuchs hat schon vorher erklärt: »Einen kleinen Schluck läßt jeder in seiner Tasse noch übrig!« Jetzt steht er auf und spricht: »Obgleich es der dicke Puntz schon vor mir getan hat, muß ich die Herren doch noch einmal bemühen. Wir erheben uns alle zum Zeichen der Dankbarkeit und trinken unsere Tassen bis auf die Neige leer auf das Wohl des Herrn Pelz, der uns den schönen Napfkuchen spendiert hat!«

Jubelnd folgen die Jungen den Worten und dem Beispiel. Nur Hagen fragt noch nachher: »Muß man denn sowas nicht eigentlich mit Bier tun?«

»Keene blasse Ahnung!« antwortet da aber der Fritze Köhn mit richtigem Gefühl. »Du hast do’ den Nappkuchen ooch in Kaffee injestippt und nich in Bier!« -- -- --

Lachend und plaudernd sitzt man noch ein Weilchen da, bis es etwa sechs Uhr geworden ist und man sich endlich zur Rückkehr nach dem Bahnhof Wannsee rüsten muß.

Heimkehr.

Alles verläuft jetzt planmäßig. Um sieben ein viertel Uhr ist man auf Bahnhof Wannsee; fünf Minuten später haben alle ihre Fahrkarte.

Doktor Fuchs hat sich mit Doef an der Treppe aufgestellt, die zum Tunnel hinunterführt.

»Hier bleiben wir erst noch einen Augenblick!« müssen sich die ersten sagen lassen, die mit dem Billet »anjepeest kommen«. So drückt sich Fritze Köhn aus. »So! Tretet nur da rechts hin!«

Die Nachkommenden haben das nicht gehört, und so kommt immer wieder die ganz erstaunte Frage: »Gehen wir denn nicht auf den Bahnsteig?«

»Noch nicht! Abwarten!« --

Drüben, an der andern Seite der breiten Treppe, die zum Durchgangstunnel hinunterführt, steht der wackere Doef. Jetzt eben will der letzte mit seiner Fahrkarte an ihm vorüberstürzen.

»Nee! Noch nich!«

»Warum denn nicht?«

»Weiß ich nicht! Ich soll keinen hinunterlassen!«

»Die Leute gehen aber alle hinunter! Sieh doch! Da kommt der Zug!«

»Halt!« -- Doef hat den Jungen mit eisernem Griff gepackt. -- »Wir stehen doch alle noch da drüben!«

»Au, Mensch, bist du verrückt?«

»Ich nicht!« Und der Junge kriegt einen Stoß, daß er zurückfliegt und sich auf seinen tiefsten Körperteil setzt, zum unendlichen Gaudium aller derer, die das mit angesehen haben.