Eine feine Woche!

Part 8

Chapter 83,703 wordsPublic domain

»Nach vierzehn Tagen spinnen sich diese Larven ein; das sind dann die sogenannten Ameiseneier. Nach abermals vierzehn Tagen aber zerbeißen die Arbeiter die Puppen, und die junge Brut kriecht heraus; sie muß aber noch von den Ältern gefüttert werden. Alle diese neuen Ameisen sind Arbeitsameisen; denn Männchen und Weibchen entstehen erst aus den Eiern, die im Spätsommer gelegt werden. Die Männchen und Weibchen haben überhaupt weiter nichts zu tun, als für die Erhaltung der Art zu sorgen, sie allein sind geflügelt. Manchmal findet sich unter den Ameisen noch eine vierte Art: das sind auch geschlechtslose Tiere; aber sie haben einen viel größern Kopf als die gewöhnlichen Arbeiter und einen furchtbar starken Oberkiefer. Das sind die Soldaten, die auf Ordnung sehen und bei den Streifzügen die Führer bilden. Alle zusammen machen den Ameisenstaat aus.«

»Das war sehr klar und sehr schön!« sagt da Doktor Fuchs. »Das verdient eine Nummer 1. Hat einer von der geehrten Festversammlung was dagegen?«

»Nein! Nein! Nummer 1!«

»Welcher der Herren hat jetzt das Wort?«

»Ich,« sagt Manning.

»Richtig! Über die Arbeiter! Nicht wahr?«

»Ja!« -- Der Junge räuspert sich noch einmal. -- »Also, der Ehrenfried hat schon gesagt, daß die Arbeiter eben nur arbeiten. Sie haben den Arbeitstrieb, den wir Menschen wohl nie verstehen werden, weil wir ihn nicht haben.« -- Dem kleinen Manning sitzt eben manchmal der Schalk im Nacken. -- »Also, die Arbeitsameisen haben den Arbeitstrieb, und so arbeiten sie von morgens um 6 Uhr bis abends um 10 Uhr. Und zwar besteht ihre Arbeit darin, die Männchen und die Weibchen und die Larven zu füttern, den Baustoff für das Nest herbeizuschaffen und das Nest zu bauen, das oft einen Meter hoch ist. Manchmal legen sie auch Straßen an, die von dem Neste aus strahlenförmig weggehen, und die immer nur der Ameisenkolonie gehören, die sie angelegt hat. Wenn sich irgend eine andere Ameise oder sonst ein Tierchen -- auch der Mensch gehört zu diesen Tierchen -- auf diesen Wegen betreffen läßt, so wird es unbarmherzig erwürgt. Die zu großen Tierchen freilich nicht; der Mensch auch nicht. Dann müssen die Ameisen am Abend noch den Bau verrammeln und verschließen und am Morgen wieder aufschließen. Das ist doch alles!«

»Hier sage ich auch wieder: Bravo!« ist Doktor Fuchs schnell bei der Hand. »Welche Nummer wollen wir ihm geben, Jungs?«

»Nummer 1!« schreien da natürlich alle.

»Na, freilich Nummer 1! Aber der Ernst Ehrenfried hat doch gesagt, daß solche Ameisenmutter ihr Nest unter der Erde oder in einem Baumstamm oder unter einem Stein anlegt, und Manning hat behauptet, daß dieses Nest oft einen Meter hoch wird. Stimmt denn das zusammen?«

Manning fühlt sich sofort berufen, sich zu verteidigen: »Ja, die Kolonie wird doch immer größer, und was man so vom Ameisennest sieht, das sind immer so Nadeln und Holzsplitterchen und Pflanzenteile. Die sind so draufgeschleppt zum Schutze gegen den Regen und die Kälte.«

»Ganz richtig! Das ist also auch in Ordnung. -- Na, wer ist jetzt dran?«

»Ich!« meldet sich Rohloff. »Aber der Manning hat ja nun schon alles über die Wohnung der Ameisen erzählt.«

»Herr Gott, ja! Da muß sich Rohloff beleidigt fühlen! Na warte nur, für dich findet sich schon wieder etwas anderes! Aber, Körer ist uns noch was schuldig. Nicht wahr? Was war es denn?«

»Was die Ameisen fressen! Die Ameisen fressen alles, was ihnen vor den Schnabel kommt. Sie fressen eben alle andern Insekten. Besonders gerne fressen sie auch die Larven von andern Insekten. Außerdem noch Raupen, Käfer, Frösche und Mäuse. Sie knabbern auch das Fleisch von den Knochen ab. Wir haben einmal in unserm Garten einen Gänsekopf in einen Ameisenhaufen gepackt; den hatten sie nach vierzehn Tagen ganz kahl gefressen. Schließlich sind sie sogar bis in unsere Küche gekommen. Ach, das war eine Geschichte! Meine Mama hat manchmal darüber geweint. Wir konnten die Spinden noch so fest verschließen, sie kamen doch hinein.«

Ein anderer fällt da schnell ein: »Meine Tante wohnte in Friedenau in einer Parterrewohnung. Da waren die Ameisen so arg, daß meine Tante ausziehen mußte.«

»Ach,« ist Körer bei der Hand, »da hätte sie alles mit Tran und Teer beschmieren müssen. So haben wir sie weggekriegt.«

»Ja,« sagt Doktor Fuchs, »damit kann man sie sich vom Leibe halten. Auch den Geruch von Petersilie mögen sie nicht. Aber etwas hat Körer doch noch vergessen, oder er hat sogar zu viel gesagt. Nämlich, sie fressen nicht alles, was ihnen vor den Schnabel kommt, sondern sie hegen und pflegen sogar eine Sorte von Tieren. Na, Jungs, das ist eine kolossal interessante Geschichte! Jeder hat doch schon einmal einen Holunderbaum gesehen. Na, und die Holunderblätter sind doch manchmal auf der Oberseite so klebrig. Dieses Klebrige nun, das mögen die Ameisen gern; das schmeckt ihnen offenbar honigsüß.«

»Ja, ja, Herr Doktor,« drängt sich der kleine Achim Köckeritz neben Doktor Fuchs her, »ich weiß! Wir haben einen Holunderbaum im Garten. Ich habe erst gestern abend an solchem Blatt geleckt. Das schmeckt wirklich wie Honig!«

»Ganz recht, Achim! Weißt du denn aber auch, was das ist?«

»Sie sagen ja selbst, Herr Doktor, das ist Honig!«

»Na, ich sagte wohl nur, daß es honigsüß ist; denn in Wirklichkeit ist es etwas ganz anderes. Die Blattläuse haben nämlich solch Blatt einfach als ihren Appartement betrachtet, und, was der Achim Köckeritz da abgeleckt hat, das war einfach die Ausleerung der Schild- oder Blattläuse.«

Der Achim wird ganz bleich. Er würgt an etwas herum; aber er meistert sich noch einmal und sagt bloß entsetzt: »Äcks! Pfui Deibel!«

Einige andere schreien gleich aus Sympathie mit.

»Oh, das ist nicht so schlimm, Jungs!« wehrt Doktor Fuchs. »Ganz und gar ungefährlich! Na also, zu unserer Sache zurück! Um diese Blattlausausleerung immer zu haben, postieren sich einige von den Ameisen neben die Tierchen und schützen sie vor ihren Feinden. Damit aber der schöne, süße Kot der Blattläuse nicht vom Regen fortgewaschen wird, bauen die Ameisen ihren Freundinnen sogar ordentliche Ställe. Sie leimen nämlich ein loses Blatt oder sonst etwas über ihnen fest, und nun kann’s regnen, so viel es will, die Blattläuse sitzen eben dann im Trocknen. Man hat deshalb diese Blattläuse auch die Kühe der Ameisen genannt, weil sie diese -- man möchte geradezu sagen -- melken.«

Da lachen die Jungen laut auf.

»Ja, ja, wirklich melken! Die Ameisen klopfen und streicheln nämlich so lange mit ihren Fühlern an den Tierchen herum, bis die Blattläuse ihren Enddarm entleeren!«

Aber nun das Lachen der Jungen erst! »So eine Schlauheit! -- Die Ameisen denken dann doch genau so wie die Menschen.«

»Ja, das sollte man meinen! Einmal hatte jemand in seinem Garten um einen Baumstamm einen Teerring gezogen. Auf dem Baume saßen aber bei den Blattläusen noch Ameisen genug. Als die nun den Stamm hinuntergeklettert kamen, um in ihr Nest zu gelangen, da fanden sie den Teerring, über den sie natürlich nicht hinwegkonnten. Was machten sie da nun? Was meint ihr, Jungs?«

»Vielleicht opferten sich die ersten und bildeten so eine Brücke, daß die andern drüberkonnten!«

»Nein, opfern tun sie sich nur in Gefahr oder beim Angriff!«

»Vielleicht haben sie Blätter oder sonst was auf den Teerring geschleppt!«

»Ja, das haben sie getan. Aber dieses ›sonst was‹ waren eben die armen Blattläuse. Die Ameisen kriegten sie zu packen und klebten sie auf den Teerring, bis sie selber da gefahrlos hinüberkonnten. Also man sieht, schlau sind die Ameisen, aber dankbar gegen andere Lebewesen kann man sie nicht nennen; sogar nicht gegen die, die ihnen nützen.« -- -- --

»Dieser Stein vom Seinestrande.«

Da schwenkte man eben rechts weg und hinunter; denn hier fallen die Havelberge zu einem Gesenke ab. Lange, lange bevor noch ein Germane mit Albrecht dem Bären wieder in diese Gegend kam, hatte der Regen, wenn er von jenen Höhen herunterströmte, hier ein flaches Sandland geschaffen und dadurch die Havel zurückgedrängt. Da schneidet die Chaussee gerade den letzten Zipfel der hier niedriger auslaufenden Havelberge durch und wendet sich dann von dem Wasser weg in den Wald hinein, um so später rechtwinklig auf die alte Berlin--Potsdamer Landstraße zu stoßen.

Durch das Gesenke selbst läuft die Chaussee auf einem aufgeschütteten Damm, der von weißgetünchten, aufrechtstehenden Steinen eingefaßt ist. Zwischen diesen Steinen muß man jetzt ein kleines Stückchen hinwandern.

»Warum stehen denn die Steine hier?« fragt da einer.

»Frage do’ nich so dumm!« -- Fritze Köhn ist eben ein zappeliger und schnell denkender Berliner. -- »Damit keener runtersaust, wenn er ’n Schwips hat.«[11]

[11] Bezecht ist.

»Aber,« hat der Frager wieder zu sagen, »wenn nun im Winter Schnee liegt? Dann sieht man doch die weißen Steine nicht!«

Ja, nun horchen mehr her. »Wenn nun im Winter Schnee liegt?«

»Schafsneese!«[12] wirft Fritze Köhn wieder mit größter Gemütsruhe ein. »Dann werden die Steine schwarz anjepinselt!«

[12] Schafsnase, gutmütig gemeintes Schimpfwort.

Das bezweifelt aber der dicke Puntz. »Na, ich weiß nicht! Ich würde sie weiß lassen. Wenn wirklich jemand da hinunterschlittert, dann fällt er bei so viel Schnee doch weich genug.«

»Ja,« meint der kleine Achim Köckeritz schnell, »besonders, wenn man eine Fettschicht auf den Rippen hat.«

»Na, du Dürrländer,« repliziert der Dicke ganz gut, »das ist ja bei dir der bloße Neid! Wenn du man --«

»Ding, Ding, Ding!« schallt da hell und warnend die Glocke eines Fahrrades von hinten, und sofort brüllt einer: »Hurra!« Denn die beiden Männer, die mit ihrem Fahrrad herankommen, sind Offiziere. Jetzt bricht es geradezu betäubend los: »Hurra! Hurra!« Und so sehr erregen und begeistern sich diese dummen Tertianer, daß die Hälfte sich in Trab setzt, gleichsam um den beiden Offizieren das Geleit zu geben. Aber die sind ja schon durch die kleine Schar durchgeflitzt. Als indessen das Hurra kein Ende nehmen will, da springt der letzte der beiden so stürmisch Gefeierten vom Fahrrade herunter. Er legt die Hand leicht an die Mütze. _Der_ Jubel nun erst! Das hätte sicher zwischen dem militärischen und dem unmilitärischen Deutschland hier gleich auf der Landstraße das schönste Verbrüderungsfest gegeben, und die ganze Menschheit hätte neue Bahnen einschlagen müssen, wenn nicht gerade hier und in diesem Augenblicke der Weg Jung-Deutschlands von der Chaussee weg hinuntergeführt hätte auf jene Sandfläche, welche die alte Havelbucht füllt. Hier steuern die Jungen dem hohen Kiefernhang zu, den die Grunewaldwanderer das »Große Fenster« nennen.

Gerade mitten in ihren Weg indessen hat vor vielen Jahrhunderten die Natur eine Eiche gepflanzt. Die steht da, von der Winterkälte in Eis geschlagen, von der Sommerhitze gedörrt, vom Sturme gepeitscht und gekappt, vom Blitz zerschlissen und doch immer weiter grünend und gedeihend und wachsend, bis sie der stärkste Baum des ganzen, weit ausgedehnten Grunewaldes geworden ist. Vor diesem Riesenstamme stehen die Jungen staunend und bewundernd still; sie wandern herum und betrachten ihn mit stiller Ehrfurcht. Endlich treten sie auch näher hinzu. Vier Mann fassen sich an und wollen den Stamm umklaftern; aber der erste und der vierte können sich nicht die Hand reichen, so daß sich noch der dicke Puntz als Bindeglied zwischen die beiden freien Hände stellen muß. Das ist ein Baum! Der ist wert, daß man hinauswandert und bei seinem Anblicke begreifen lernt, daß der magere Boden der sandigen Mark viel mehr zähe Kraft erzeugt und großzieht, als man glauben sollte und als viele es jemals glauben möchten. --

Doch, ein Tertianer ist nicht dazu veranlagt, lange in schweigender Betrachtung zu verweilen, besonders wenn hundert Schritte davon durch das spärliche, lispelnde Schilf das Wasser leise plätschernd an den flachen Strand heranzieht, und wenn dort drüben die Höhen des »Großen Fensters« winken, die wie Schanzen aussehen und in der Brust der Jungen Gedanken erwecken an Klettern und Stürmen. So zieht denn jetzt die fröhliche Jungenschar hinter dem leichtfüßigen Schrittmacher, dem Esch, her. Je weiter der aber vorwärtskommt, desto länger wird die Linie seiner Gefolgsmannen; denn da liegen Muscheln und die allerkommunsten, aber für den unbefangenen Jungen doch seltsamsten Schneckengehäuse in reichlichster Fülle und verführerisch umhergestreut. Und die trockenen Rohrstengel müssen es sich gefallen lassen, geschwippt zu werden wie Weidengerten. Dabei brechen sie natürlich wie Glas weg und werden wieder fortgeworfen. Der und jener versucht auch einmal, wie weit man durch den schwammigen, wassergetränkten Ufersaum an die Havel selbst hinankommen kann. Dann steht er auf einmal auf den Zehen und dreht sich elegant um wie eine Tänzerin und versucht, mit eiligen Schritten und mit hängenden Ohren den festen Sandboden wiederzugewinnen. Unterwegs macht er vielleicht noch einen Extrasprung; denn er wollte gerade in einen Kuhfladen treten und wollte es doch eigentlich auch wieder nicht.

Fritze Köhn, vom sichern Port aus, konstatiert das alles laut und mit tertianerhaft-erlaubter Schadenfreude; schließlich kommt er sogar zu der Behauptung: »Dunnerschock ja! Ick hätte nie jedacht, det de so fein walzen kannst!«

Als er aber von dem also Verhöhnten dafür einen Klaps kriegen soll, da wendet er sich blitzschnell und -- rennt mit der Nase gegen einen aufgehobenen Arm.

»Na, da schlag aber eener lang hin un steh wieder kurz uff!« muß er schon wieder schimpfen. »Wat machst de denn mit de Vorderflosse hoch?«

»Na, ich will die Enten zählen!« -- Ein ganzes Heer von Kriekenten tummelt sich draußen auf dem Wasser.

»Ach, Kohl! Du bist eben mal dümmer, als de aussiehst! Det kann keener! Zähle die Kühe da! Bis zehn kommst de noch! Det macht Effekt un kost nischt!«

Dem Fritze Köhn aber kann keiner böse sein. So ziehen also auch schon im nächsten Augenblick wieder die Jungen friedlich ihrem Ordinarius nach, der gleich am Eingang des Cladower Sandwerders etwas nach rechts abbiegt. Hundert Schritte weiter nämlich ist -- ein Stück von Paris erstanden. Ein kunstsinniger Kämpfer hat im Jahre 1871 bei dem Brande der Tuilerien in Paris dieses Säulenpaar gerettet und zur Erinnerung in dieser weltverlorenen, aber wundersam schönen Ecke des kieferndurchdufteten Havellandes wieder erstehen lassen. Märkischer Efeu ist an dem Säulenpaar langsam herumgekrochen und hat sich daran hochgerankt und festgekrallt, als wollte er -- ein echter Brandenburger! -- damit ausdrücken, daß er zähe festhalte, was er einmal in Besitz genommen. Auf der Wasserseite jedoch läßt er eine in das Mauerwerk eingelassene Tafel frei. Auf der liest Doktor Fuchs:

»Dieser Stein vom Seinestrande, hergepflanzt in deutsche Lande, ruft, o Wanderer, dir zu: Glück, wie wandelbar bist du!«

Das finden die Jungen sehr nett. Einer aber fragt nun doch noch: »Ist das alles?«

»Ach,« lacht der kleine Köckeritz laut auf, »du willst wohl noch eine Tasse Schokolade zu haben?«

Keiner freut sich mehr darüber als der Fritze Köhn. »Die nimmt der!« erklärt er laut. »Vielleicht wird er denn so sachteken schläuer davon!«

Blattlaushumor.

Die paar Schritte über den kleinen Verbindungsdamm zwischen Werder und Festland geht’s jetzt zurück und dann rechts ab auf ödem Sandwege zwischen Brombeergebüsch dahin. Vor den Jungen leuchten und blitzen die kurzen Wellen des immer schönen Wannsees auf. Da fühlen sie keine Müdigkeit, sondern schleppen die Beine mutig durch den Brandenburger Schnee, den rieselnden Gelbsand, in den sie einsinken bis an die Knöchel. Immer zwischen Wald und Wasser hin, bis auf einmal scharf links die Pumpstation emportaucht und das bunte Gewimmel der Tische und Stühle in den neuen Lokalen, die am See entstanden sind. Da schlägt der dicke Puntz vor: »Herr Doktor, kehren wir da ein?«

»Nein, Dicker, da würdest du dann doch Bier trinken wollen! Das aber macht beim Marsche nur müde und matt. Hat einer noch etwas für den Dicken zum Trinken?«

Von allen Seiten wird ihm da angeboten: Wasser, kalter Kaffee, Tee.

»Na, am liebsten,« vermutet Fritze Köhn, »wäre ihm Wasser mit ’nem Schuß was drin.«

»Aber,« -- Doktor Fuchs sieht nach der Uhr -- »wenn ihr wollt, Jungs, dann können wir hier noch fünf bis zehn Minuten lagern. So viel Zeit können wir dransetzen.«

»Nein, gleich weiter, Herr Doktor! Der Dicke ist bloß faul!«

»Wir wollen abstimmen!«

Der dicke Puntz aber hat die ganze Sache schon entschieden: er hat sich eben, ohne ein Wort zu sagen, hingesetzt. Und als die andern nur die Miene machen, auch einen Augenblick zu rasten, da legt er sich einfach ganz lang hin und dreht sich schließlich recht behaglich herum, so daß er jetzt bauchlings auf dem warmen, weichen Sandboden liegt. Seine dicken Hängebacken, die »Jewitterbacken« vom Paradetage, hat er in die aufgestützten Hände gelegt und blinzelt aus seinen kleinen Schweinsäuglein zufrieden auf den Wannsee hinaus. Sogleich hat sich eine kleine Schar, bestochen durch diese genußreiche Behaglichkeit, um ihn herumgelagert. Doktor Fuchs sieht sich dieses Bild vergnüglich an.

»Wirklich zum Malen!« denkt er. Laut fügt er hinzu: »Wie ist denn das, Gebhardt, kannst du uns hier nicht photographieren?«

Der Gebhardt ist immer ein kleiner, überängstlicher Peter. »Jetzt ist zu viel Sonne! Vielleicht am Nachmittag wieder!«

»Ja, sonnig genug ist es jetzt!« -- Doktor Fuchs schaut umher. -- »Da unter dem Baum liegen wir im Schatten!«

So zieht er mit der Hälfte der Jungen noch einige dreißig Schritte weiter; da lagern sie sich.

»Na, Jungs, ist der Grunewald nicht wirklich schön?«

»O ja, aber hier hinten kommt man ja auch sonst gar nicht her! Oder nur zum Baden!«

»Dürfen wir hier baden, Herr Doktor?«

»Warte mal!« sagt der ausweichend. »Wir werden noch manches Schöne heute sehen! Was denn? Das glaubst du wohl nicht, Rogall?«

»Doch!«

»Na, warum lachst du denn?«

Statt aller Antwort lacht der Rogall wieder und erklärt dann: »Der Sausig hat hier solchen faulen Witz gemacht.«

»Na, den müssen wir doch alle hören! Nu schieß mal los, Sausig!«

Der läßt sich auch gar nicht nötigen. »Ach, ich habe den Rogall bloß gefragt, ob er den größten Automaten kennt!«

»Na, den kennen wir auch nicht! Nicht wahr, Jungs?«

»Nein, nein! Kennen wir nicht!«

»Das ist das Polizei-Präsidium in Berlin. Wenn man oben eine Scheibe einwirft, kommt unten ein Schutzmann raus!«

Schallender Beifall belohnt den Erzähler. Während aber alle noch lachen, meldet sich schon der Doef krampfhaft: »Herr Doktor, ich weiß auch was!«

»Na, dann gib’s zum besten!«

»Bei uns im Norden, da steht früh um achte ein kleiner Junge mit der Mappe auf dem Rücken an der Bordschwelle. Und der Junge heult! Da kommt eine Frau und fragt ihn: ›Junge, warum heulst du denn?‹ -- ›Ja,‹ sagt er da, ›meine Mutter hat gesagt, wenn ich über den Damm gehen will, soll ich erst die Wagen vorbeilassen. Und nun kommt gar keiner!‹«

Der Doef hat kein Erzählertalent; aber die Sache, die sich der Berliner ja immer plastisch vorstellt, ist an sich spaßig genug. Und das Lachen sitzt heute so locker!

Mitten drin in diesem Lachen gibt’s einen Ruck, so daß alle erschrocken aufspringen: der kleine Heerhaufen nebenan ist mit lautem Aufschrei auseinandergeflogen. Die einen, welche sich nicht früh genug aufgerafft haben, kriechen blitzschnell auf allen vieren fort, und dann erst richten sie sich auf und fangen an zu lachen. Aber auch so zu lachen! Und die andern, die schon stehen, fallen wieder lang hin und wälzen sich auch vor Lachen und können da gar kein Ende finden. In der Mitte dieses soeben noch so idyllischen Schäferbildes aber, das jetzt freilich einer Szene aus dem Tollhause gleicht, da liegt ruhig der dicke Puntz und blinzelt aus seinen kleinen Schweinsäugelein ganz erschrocken um sich. In seiner Verlegenheit -- denn er ist in großer Verlegenheit! Man sieht es ihm an! -- in seiner Verlegenheit glotzt er dann auf die weißblinkende Fläche des Wannsees hinaus, wo doch gar nichts zu sehen ist. Und trotzdem er -- nun schon eine geschlagene Minute lang -- noch kein Wort gesprochen, ist er dennoch der Urheber des ganzen Aufstandes.

Da kommen die andern von drüben herübergesprungen: »Was ist denn los?« -- »Warum lachst du denn so, Köckeritz?« -- »Warum lacht ihr denn? Mensch antworte doch!« -- »Lache doch nicht so!« -- »Warum lachst du denn?«

So geht es durcheinander; eine vernünftige Antwort jedoch ist aus keinem herauszubekommen, bis sich schließlich Doktor Fuchs an den Dicken wendet. Der tut ja zwar auch ganz sonderbar, aber immerhin scheint er noch der einzig ruhige und vernünftige Mensch in der ganzen Gesellschaft zu sein.

»Na, Dicker, du bist doch bei klarem Verstande! Was habt ihr denn da alle miteinander?«

Langsam und schwerfällig richtet sich der Dicke auf, und dabei sagt er bedächtig und mit beinahe weinerlichem Gesicht: »Ja, ich bitte um Entschuldigung, Herr Doktor! Aber die fingen auf einmal alle an, an mir herumzustreicheln und herumzuklopfen, und dann kitzelten sie mich alle und sagten immer, sie wären die Ameisen und ich eine Blattlaus. Und da -- habe ich -- da bin ich --«

Der Dicke hat das Gesicht wie mit Blut übergossen. Er kann gar nicht mehr weitersprechen und stottert jetzt nur noch einmal ums andere: »Ich -- ich -- ich --«

»Ja« -- jetzt hat sich der kleine Köckeritz so weit erholt -- »Herr Doktor, es ist ja gar nicht so schlimm!« Aber er muß doch wieder lachen und prustet plötzlich heraus: »Dem ist nur ein bißchen das Fell geplatzt!«

Auch Sausig hat zur Partei der Lacher gehört; der findet jetzt das richtige Wort: »Herr Doktor, der Dicke hat die Blattlaus beinahe zu natürlich gespielt! Aber er war nicht dran schuld! Wir haben ihn zu sehr gekitzelt!«

Nun verstehen alle, und nun geht das unbändigste Lachen noch einmal los.

Auch Doktor Fuchs faßt die Sache von der guten und spaßigen Seite auf. »Ist recht, Dicker,« sagt er, »gib’s ihnen man ordentlich! Das ist durchaus menschlich! Komm! Da laß dir also keine grauen Haare drum wachsen!«

Das war für den armen Dicken ein erlösendes Wort. Jetzt lachte er sogar selber wieder mit.

_Ein_ Gutes hat der unfreiwillige Humor des Dicken noch außerdem gehabt: jetzt fühlt sich keiner mehr müde; das herzhafte Lachen, das allen das Zwerchfell wirklich einmal nach allen Seiten ausgeschüttelt und ausgeschüttert hatte, war gegen Müdigkeit ebenso gut gewesen wie ein Stündchen Schlaf und wirksamer als der stärkste Wille. -- -- --

Vom Wannsee nach der Pfaueninsel.

So ziehen jetzt die Jungen noch einmal so munter weiter, an Belitzhof vorbei und nun ein Stückchen die Chaussee hin, vorüber an dem niedrig angelegten Mauerwerk der Pumpstation mit den kleinen Luftlöchern von Fensterchen, so daß die Anlage ganz unnahbar aussieht.

Hier drängt sich der Achim Köckeritz an Doktor Fuchs hinan. »Herr Doktor, einmal war ein Pariser Geschäftsfreund meines Vaters bei uns. Da sind wir mit ihm hier nach Belitzhof und nach Wannsee und nach dem Schwedischen Pavillon gefahren. Als wir nun hier vorbeikamen, da sprang der Herr plötzlich im Wagen auf, und dabei schrie er wie besessen: ›Ah, Sie saggen, daß Berlin ist nicht Festung! ~Voilà des fortifications! Un fort! Un fort!~‹ Nachher wollte er auch gar nicht glauben, daß das nur die Wasserwerke sind.«

»Ja« -- Doktor Fuchs bleibt einen Augenblick stehen, und auch die Jungen schauen jetzt neugierig auf den niedrigen, roten Ziegelbau hinüber, der mit Erde bedeckt ist, so daß er in der Tat von der Bahn aus kaum zu sehen sein wird -- »ja, das Ding sieht allerdings Kasematten nicht ganz unähnlich.«