Ein Kampf um Rom: Historischer Roman. Zweiter Band
Part 27
»Er sitzt immer schweigend in der nämlichen Stellung. Auf dem Holzschemel, den Rücken gegen die Thür gewandt, das Haupt in beide Hände gestützt. Er giebt mir keine Antwort, so oft ich ihn anspreche. Er pflegte sich sonst gar nicht zu regen. Ich glaube, der Gram und Schmerz hat ihm was angethan. Aber heute, wie ich ihm den Wein im Holzbecher hinreichte und sprach: »Trink, lieber Herr, es kommt von treuen Freunden:« – da blickte er auf. So traurig, so zum sterben traurig war der Blick und das ganze Antlitz. Und that einen tiefen Zug und nickte dankend mit dem Haupt und seufzte tief, tief, daß es mir durch die Seele schnitt.«
Rauthgundis bedeckte die Augen mit beiden Händen.
»Weiß Gott, was er Böses mit ihm vor hat!« brummte der Alte leise vor sich hin.
»Was sagst du?«
»Ich sage, du mußt jetzt auch einmal tüchtig essen und trinken. Sonst verlassen dich die Kräfte. Und du wirst sie brauchen, arme Frau.«
»Ich werde sie haben.« – »So nimm wenigstens einen Becher Wein.« – »Von diesem? Nein, der ist für ihn allein.« Und sie trat in das innere Gemach zurück, wo sie ihren alten Platz einnahm.
»Der Krug reicht ja noch lang,« fuhr der alte Dromon für sich fort. »Und ich fürchte: wir müssen ihn bald retten, wenn er gerettet werden soll. Da kömmt Wachis. Wenn er nur gute Nachricht bringt, sonst .. –«
Wachis trat ein. Er hatte seit dem Besuch bei der Königin die Sturmhaube und seinen Mantel mit Gewändern Dromons vertauscht. »Gute Botschaft bring ich,« sprach er im Eintreten. »Aber wo wart ihr vor einer Stunde? Ich pochte vergeblich.«
»Wir waren beide ausgegangen, Wein zu kaufen.«
»Ach ja, deshalb duftet das ganze Gemach so stark – was seh’ ich? Das ist ja alter, köstlicher Falerner! Womit hast du den bezahlt?«
»Womit?« wiederholte der Alte, »mit dem edelsten Golde der Welt!« Und seine Stimme bebte vor Rührung. »Ich erzählte ihr, daß der Präfekt ihn absichtlich Mangel leiden lasse, daß er elend werde. Seit vielen Tagen hat man mir gar keine Speise für ihn gegeben. Ich habe ihn, gegen mein Gewissen, nur dadurch erhalten, daß ich den andern Gefangnen an dem Ihren abbrach. Das wollte sie nicht. Sie sann nach und fragte dann: »Nicht wahr, Dromon, die reichen Römerinnen bezahlen immer noch das gelbe Haar der Germaninnen so hoch?« Und ich, in meiner Einfalt nichts ahnend, sage ja.
Und sie geht hin und schneidet schweigend ihre reichen, schönen, goldbraunen Flechten und Zöpfe ab und bringt sie mir. Und damit ward der Wein bezahlt.«
Da stürzte Wachis in das nächste Gemach, warf sich vor ihr nieder und bedeckte den Saum ihres Gewandes mit Küssen. »O Herrin« – rief er mit versagender Stimme – »goldne, goldtreue Frau!«
»Was treibst du, Wachis? steh auf und erzähle.«
»Ja, erzähle,« sprach Dromon hinzutretend, »was rät mein Sohn?«
»Wozu brauchen wir seinen Rat?« sprach die Frau. »Ich, ich allein will es vollenden.«
»Sehr nötig brauchen wir ihn. Der Präfekt hat aus allen jungen Ravennaten, nach dem Muster der römischen, neun Kohorten Legionare gebildet und meinen Paulus auch eingereiht. Zum Glück hat er diesen Legionaren die Bewachung der Stadtthore anvertraut. – Die Byzantiner liegen draußen im Hafen, seine Isaurier hier im Palast.«
»Die Thore nun,« fuhr Wachis fort, »werden zur Nacht sorgfältig gesperrt. Aber die Mauerlücke am Turme des Aëtius ist immer noch nicht ausgebaut. Nur die Wachen stehen dort.«
»Wann trifft meinen Sohn die Wache?«
»In zwei Tagen: die dritte Nachtwache.«
»Allen Heiligen sei Dank. Viel länger dürft’ es nicht währen: – ich fürchte ... –« Und er stockte.
»Was? sprich,« mahnte Rauthgundis entschlossen. »Ich kann alles hören.«
»Es ist am Ende besser, du weißt es. Denn du bist klüger und findiger als wir beide. Und findest eher Rat als wir. Ich fürchte: sie haben’s schlimm mit ihm vor.
So lange Belisar hier befahl, ging es ihm noch gut.
Aber seit der fortgebracht und der Präfekt, der schweigsam kalte Dämon, Herr im Palast ist, hat’s ein gefährlich Ansehn. Alle Tage besucht er ihn selbst im Kerker.
Und spricht lang und eifrig und drohend in ihn hinein. Ich habe oft im Gang gelauscht. Er muß aber wenig ausrichten. Denn der Herr giebt ihm, glaub’ ich, gar keine Antwort. Und wenn der Präfekt herauskommt, blickt er so finster wie – wie der König der Schatten. Und seit sechs Tagen erhalte ich keinen Wein und keine Speisen für ihn als ein kleines Stück Brot. Und die Luft da unten ist so moderdumpf wie im Grabe.«
Rauthgundis seufzte tief.
»Und gestern, als der Präfekt herauf kam, – er sah grimmiger als je darein – da fragte er mich .. –«
»Nun? sprich es aus, was es auch sei!«
»Ob die Foltergeräte in Ordnung seien.«
Rauthgundis erbleichte, aber sie schwieg. »Der Neiding!« rief Wachis, »was hast du« – »Sorget nicht, eine Weile hat’s noch gute Wege.
»Clarissime,« antwortete ich, – und es ist die reine Wahrheit – »die Schrauben und die Zangen, die Gewichte und die Stacheln und das ganze saubere Qualzeug liegt in schönster Ordnung alles beisammen.« – »Wo?« fragte er. »Im tiefen Meer. Ich selbst hab’ es, schon auf König Theoderichs Befehl, hineingeworfen.« Denn wisset, Frau Rauthgundis: euer Herr hat einmal, da er noch einfacher Graf war, mich gerettet, da die Geräte an mir selbst versucht werden sollten. Da wurde auf sein Bitten das Foltern völlig abgethan: ich schulde ihm mein Leben und meine heilen Glieder. Und darum wag’ ich mit Freuden meinen Hals für ihn. Und will auch, wenn’s nicht anders geht, gern diese Stadt mit euch verlassen. Aber lange dürfen wir nicht säumen. Denn der Präfekt bedarf nicht meiner Zangen und Schrauben, wenn er einem das Mark aus dem Leibe quälen will. Ich fürcht’ ihn, wie den Teufel.«
»Ich haß’ ihn, wie die Lüge,« sagte Rauthgundis grimmig.
»Darum müssen wir rasch sein, eh’ er seine schwarzen Gedanken vollführen kann. Denn er sinnt Arges gegen den guten König. Ich weiß nicht, was er noch weiter von dem armen Gefangnen will. Also hört und merkt euch meinen Plan. In der dritten Nacht, da mein Paulus die Wache hat, wann ich ihm den Nachttrunk bringe, schließe ich ihm die Ketten los, werfe ihm meinen Mantel über und führe ihn aus dem Kerker und dem Gang in den Hof.
Von da kömmt er ungehindert bis an das Thor des Palastes, wo ihn die Thorwache um die Losung frägt. Diese werd’ ich ihm sagen.
Ist er auf der Straße, dann rasch an den Turm des Aëtius, wo ihn mein Paulus die Mauerlücke passieren läßt. Draußen im Pinienwald, im Hain der Diana, wenige Schritte vor dem Thore, wartet Wachis auf ihn, der ihn auf Wallada hebt. Begleiten aber darf ihn niemand. Auch du nicht, Rauthgundis. Er flieht am sichersten allein.«
»Was liegt an mir! Frei soll er sein, nicht noch einmal an mich gebunden. Du nennst meinen Namen gar nicht. Ich hab’ ihm nur Unglück gebracht. Ich will ihn nur noch einmal sehen, von diesem Fenster aus, wann er in die Freiheit tritt.«
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Der Präfekt sonnte sich in diesen Tagen im Vollgefühle der Macht.
Er war Statthalter von Italien: in allen Städten wurden auf seine Anordnung die Befestigungen geflickt und verstärkt, die Bürger an die Waffen gewöhnt. Die Vertreter von Byzanz vermochten ihm in keiner Weise Gegengewicht zu halten. Ihre Heerführer hatten kein Glück, die Belagerungen von Tarvisium, Verona und Ticinum machten keine Fortschritte.
Und mit Vergnügen vernahm Cethegus, daß Hildebad, dessen Schar sich durch Zulauf unterwegs auf etwa sechshundert erhöht, Acacius, der ihn mit tausend Perser-Reitern eingeholt und angegriffen, blutig zurückgeschlagen hatte. Eine starke Abteilung von Byzantinern aber, die ihm von Mantua aus entgegenrückte, verlegte ihm alle Wege – er wollte nach Tarvisium zu Totila – und nötigte ihn, sich in das noch von den Goten unter Thorismuth besetzte Kastell von Castra Nova zu werfen. Hier hielten ihn die Byzantiner eingeschlossen, vermochten aber nicht, den festen Bau zu nehmen und schon sah der Präfekt die Stunde kommen, da ihn Acacius zu Hilfe rufen würde, den Goten, der ihm dann nicht mehr entrinnen konnte, zu vernichten.
Es freute ihn, daß die Kriegsmacht von Byzanz seit Belisars Entfernung sich offen vor ganz Italien als unfähig erwies, den letzten Widerstand der Goten zu brechen. Und die Härte der byzantinischen Finanzverwaltung, die Belisar überall, wo er einzog, mit sich führen mußte – er konnte die auf Befehl des Kaisers geübte Aussaugung nicht hindern – erweckte oder steigerte in den Städten und auf dem flachen Lande die Abneigung gegen die Oströmer. Cethegus hütete sich wohl, wie Belisar gethan, den ärgsten Übergriffen der Beamten Justinians zu wehren. Er sah es mit Freude, daß in Neapolis, in Rom wiederholt das Volk gegen die Bedrücker in offnem Aufruhr emporloderte.
Waren die Goten vollends vernichtet, der Byzantiner Macht verächtlich, ihre Tyrannei verhaßt genug geworden, dann konnte Italien aufgerufen werden, frei zu sein und der Befreier, der Beherrscher hieß Cethegus.
Dabei verließ ihn nur die Eine Besorgnis nicht – denn er war fern von Unterschätzung seiner Feinde, – der Gotenkrieg, dessen letzte Funken noch nicht ausgetreten, könne nochmal aufflammen, geschürt durch die Entrüstung des Volkes über den geübten Verrat.
Schwer fiel dem Präfekten ins Gewicht, daß die tiefstgehaßten Führer der Goten, daß Totila und Teja nicht mit im Netze zu Ravenna waren gefangen worden. Um der Gefahr jener begeisterten Volkserhebung zuvorzukommen, trachtete er so eifrig, dem gefangnen Gotenkönig die Erklärung zu entreißen, er habe sich und die Stadt zuletzt ohne Hoffnung und Bedingung unterworfen, und er fordre die Seinen auf, den aussichtslosen Widerstand aufzugeben.
Und auch das Kastell, in welchem der Kriegsschatz Theoderichs geborgen lag, sollte ihm sein Gefangner angeben. In jener Zeit war ein solcher, schon um fremde Fürsten und Söldner zu gewinnen und anzuziehen, von höchster Bedeutung. Verloren ihn die Goten, so verloren sie die letzte Hoffnung, ihre geschwächte Kraft durch fremde Waffen zu ergänzen. Und viel lag dem Präfekten daran, jenen als unermeßlich reich von der Sage gepriesenen Hort nicht in die Hände der Byzantiner fallen zu lassen, deren Geldnot und daher verursachte Tyrannei ein wichtiger Bundesgenosse seiner Pläne war: sondern ihn sich selbst zu sichern, – auch seine Mittel waren ja nicht unerschöpflich.
Aber all sein Bemühen schien an der Unerschütterlichkeit seines Gefangnen zu scheitern.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Die Maßregeln zur Befreiung des Königs waren getroffen.
Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau einzuprägen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Roß Dietrichs von Bern ihrer warten sollte.
Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vorbereitungen starkem Sinn gewährt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurückgekehrt. Aber sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstürzte und sie über die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder, schlug die Brust mit den Fäusten und raufte sein graues Haar. Lange fand er keine Worte.
»Rede,« gebot Rauthgundis und preßte die Hand auf das wild pochende Herz, »ist er tot?«
»Nein, aber die Flucht ist unmöglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor einer Stunde kam der Präfekt und stieg zu dem König hinab. Wie gewöhnlich schloß ich ihm selbst die beiden Thüren, die Gangthür und die Kerkerpforte, auf – da –« »Nun?« »Da nahm er mir die beiden Schlüssel ab: er werde sie fortan selbst verwahren.« »Und du gabst sie ihm?« knirschte Rauthgundis. »Wie konnt’ ich sie weigern! Ich wagte das Äußerste. Ich hielt sie zurück und fragte: »O Herr, vertraust du mir nicht mehr?« Da warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und Seele wie ein Messer trennen können.
»Von jetzt an – nicht mehr!« sprach er und riß mir die Schlüssel aus der Hand.«
»Und du ließest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?«
»O Herrin, du thust mir weh und unrecht! Was hättest du an meiner Stelle thun können? Nichts andres!«
»Erwürgt hätt’ ich ihn mit diesen Händen! Und nun? Was soll jetzt geschehn?«
»Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen.«
»Er muß frei werden. Hörst du, er muß!«
»Aber Herrin! Ich weiß ja nicht wie.«
Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. »Erbrechen wir die Thüren mit Gewalt.« Dromon wollte ihr die Axt entwinden.
»Unmöglich! Dicke Eisenplatten!«
»So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der Gangthür erschlag ich ihn mit diesem Beil.«
»Und dann? Du rasest! Laß mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner nutzlosen Wacht.«
»Nein, ich kann’s nicht denken, daß es heut’ nicht werden soll. Vielleicht kömmt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht« – sprach sie nachsinnend. »Ah,« schrie sie plötzlich, »gewiß, das ist’s. Er will ihn ermorden! Er will sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh’ ihm, wenn er kommt! Die Schwelle jener Gangthür will ich hüten wie ein Heiligtum, besser als meines Kindes Leben. Und weh ihm, wenn er sie beschreitet.« Und sie drückte sich hart an die Halbthür des Gemaches Dromons und wog das schwere Beil.
Aber Rauthgundis irrte.
Nicht um seinen Gefangenen zu töten, hatte der Präfekt die Schlüssel an sich genommen. Er war mit denselben in den linken, den Südbau des Palastes geschritten. Spät am Nachmittag trat Cethegus – er kam aus dem Kerker des Königs – in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe des Todes und die Erregung des Fiebers wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch, daß Aspa nur mit Thränen-erfüllten Augen noch auf ihre Herrin sah.
»Zerstreue,« sprach Cethegus, »schönste Tochter der Germanen, die Wolken, die auf deiner weißen Stirn lagern und höre mich ruhig an.«
»Wie steht es mit dem König? Du lassest mich ohne Nachricht. Du versprachst, ihn frei zu geben nach der Entscheidung. Ihn über die Alpen führen zu lassen. Du hältst dein Wort nicht.«
»Ich habe das versprochen: – unter zwei Bedingungen.
Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfüllt. Morgen kommt der kaiserliche Neffe Germanus zurück von Ariminum, – dich nach Byzanz zu führen: – du giebst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit Witichis war erzwungen und nichtig.«
»Ich sagte dir schon: nein, niemals!«
»Das thut mir leid – um meinen Gefangenen.
Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem Wege nach Byzanz.«
»Niemals.«
»Reize mich nicht, Mataswintha! Die Thorheit des Mädchens, das so teuren Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk’ ich, überwunden. Dasselbe Geschöpf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber ehrst du noch wirklich den Mädchentraum, so rette den einst Geliebten.«
Mataswintha schüttelte das Haupt.
»Ich habe dich bisher als eine Freie, als Königin behandelt. Erinnere mich nicht, daß du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen Prinzen Gemahlin – bald seine Witwe – und Justinian, Byzanz, die Welt liegt dir zu Füßen. Tochter Amalaswinthens – solltest du nicht die Herrschaft lieben?«
»Ich liebe nur ... –! Niemals!«
»So muß ich dich zwingen!«
Sie lachte: »Du? mich? zwingen?«
»Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, den sie zu Grunde gerichtet!) Die zweite Bedingung nämlich ist: daß der Gefangene diesen leergelassenen Namen ausfüllt – es ist der Name des Schatzschlosses der Goten – und diese Erklärung unterschreibt. Er weigert sich mit einem Trotz, der anfängt, mich zu erbittern. Siebenmal war ich bei ihm – ich, der Sieger – er hatte noch kein Wort für mich. Nur das erste Mal, da erhielt ich einen Blick – für den er allein den stolzen Kopf verlieren mußte.«
»Nie giebt er nach.«
»Das frägt sich doch. Auch Felsen zermürbt beharrlicher Tropfenfall. Aber ich kann nicht lange mehr warten.
Heute früh kam Nachricht, daß der tolle Hildebad in wütigem Ausfall Bessas so schwer geschlagen, daß er kaum die Einschließung noch aufrecht hält. Überall flackern gotische Erhebungen empor. Ich muß fort und ein Ende machen und diese Funken auslöschen mit dem Wasser der Enttäuschung, besser als mit Blut. Dazu muß ich des gefangenen Königs Erklärung und Schatzgeheimnis haben. Ich sage dir also: wenn du bis morgen Mittag nicht des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist und mir nicht vorher die Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echtheit von dir selbst bezeugt, so werd’ ich den Gefangenen – – ich schwöre es dir beim Styx, – werd’ ich den Gefangenen –«
Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswintha von ihrem Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Du wirst ihn doch nicht töten?«
»Ja, das werd’ ich. Ich werd’ ihn erst foltern. Dann blenden. Und dann töten.«
»Nein, nein!« schrie Mataswintha auf.
»Ja, ich hab’s beschlossen. Die Henker stehen bereit. Und du wirst ihm das sagen: dir, dieser händeringenden Verzweiflung wird er glauben, daß es Ernst. Du vielleicht rührst ihn: mein Anblick härtet seinen Trotz. Er wähnt vielleicht noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu sein. Du wirst ihm sagen, in wessen Gewalt er ist. Hier die beiden Pergamente. Hier die Schlüssel – du sollst deine Stunde frei wählen – zu seinem Kerker.«
Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswinthens Seele durch ihr Auge.
Cethegus bemerkte es wohl. Aber ruhig lächelnd schritt er hinaus.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Bald, nachdem der Präfekt die Königin verlassen, war es dunkel geworden über Ravenna. Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewölk bedeckt, das heftiger Wind an dem Neumond vorüberjagte, so daß kurzes, ungewisses Licht mit desto tieferem Dunkel wechselte.
Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der übrigen Gefangenen vollendet und kam müde und traurig in sein Vorgemach zurück. Er fand kein Licht brennend. Mit Mühe nur nahm er Rauthgundis wahr, die noch immer reglos an der Halbthür lehnte, das Beil in der Hand, den Blick auf die Gangthür geheftet.
»Laß mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im Herdeisen entzünden: und teile das Nachtmahl mit mir. Komm, du harrest hier umsonst.« – »Nein, kein Licht, kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was draußen im Hof, im Mondlicht naht.« – »Nun so komm wenigstens hierherein und ruhe auf dem Dreifuß. Hier ist Brot und Fleisch.« – »Soll ich essen, während er Hunger leidet?« – »Du wirst erliegen! Was denkst, was sinnst du den ganzen Abend?«
»Was ich denke?« wiederholte Rauthgundis, immer hinausblickend: »Ihn! Und wie wir so oft gesessen in dem Säulengang vor unserem schönen Hause, wann der Brunnen plätscherte in dem Garten und die Cikaden zirpten auf den Olivenbäumen. Und die kühle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt. Und ich schmiegte mich an seine Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben gingen die Sterne. Mit Schweigen. Und wir lauschten den vollen, tiefen Atemzügen des Kindes, das eingeschlafen war auf meinem Schoß, die Händchen, wie weiche Fesseln, um den Arm des Vaters geschlungen. Jetzt trägt sein Arm andre Fesseln. Eisenfesseln trägt er, – die schmerzen ... – –« Und sie drückte die Stirn an das Eisengitter, fest und fester, bis sie selbst Schmerz empfand.
»Herrin, was quälst du dich? Es ist doch nicht zu ändern!«
»Ich will es aber ändern! Ich muß ihn retten und – Ah, Dromon, hieher! Was ist das?« flüsterte sie und wies in den Hof.
Der Alte sprang geräuschlos an ihre Seite. In dem Hofe stand eine hohe, weiße Gestalt, die lautlos an der Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber scharf, fiel das Mondlicht darauf.
»Es ist eine Lemure! Ein Schatte der vielen hier Ermordeten,« sprach der Alte bebend. »Gott und die Heiligen schützet mich!« Und er bekreuzte sich und verhüllte das Haupt.
»Nein,« sprach Rauthgundis, »die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits. Jetzt ist’s verschwunden – Dunkel ringsum – Sieh, da bricht der Mond durch – da ist es wieder! Es schwebt voran gegen die Gangthür. Was schimmert da rot im weißen Licht? Ah, das ist die Königin – ihr rotes Haar! Sie hält an der Gangthür. Sie schließt auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!«
»Weiß Gott, es ist die Königin! Aber ihn ermorden! Wie könnte sie!«
»_Sie_ könnte es! Aber sie soll es nicht, so wahr Rauthgundis lebt. Ihr nach! Ein Wunder thut uns seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!«
Und sie trat aus der Halbthür in den Hof, das Beil in der Rechten, vorsichtig den Schatten der Mauer suchend, langsam, auf den Zehen schleichend. Dromon folgte ihr auf dem Fuße.
Inzwischen hatte Mataswintha die Gangthür aufgeschlossen und ihren Weg erst viele Stufen hinab, dann durch den schmalen Gang, mit den Händen tastend, zurückgelegt. Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht erschloß sie auch diese.
Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler Streif des Mondlichts in das enge Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen. Er saß, den Rücken gegen die Thüre gewandt, das Haupt auf die Hände gestützt, reglos auf einem Steinblock.
Zitternd lehnte sich Mataswintha an die Pfosten der Pforte. Eiskalte Luft schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie fand keine Worte: vor Grauen.
Da spürte Witichis an dem Windzug, daß die Pforte geöffnet worden. Er hob das Haupt. Aber er sah nicht um.
»Witichis – König Witichis« – stammelte endlich Mataswintha – »ich bin’s. Hörst du mich?«
Aber der Gefragte rührte sich nicht.
»Ich komme, dich zu retten – fliehe! Freiheit!«
Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt.
»Oh sprich! – oh sieh nur auf mich!« – Und sie trat ein. Gern hätte sie seinen Arm berührt, seine Hand gefaßt. Sie wagte es noch nicht. »Er will dich töten – quälen. Er wird es thun, – wenn du nicht fliehst.«
Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, näher zu treten. »Du sollst aber fliehn! Du sollst nicht sterben! Du sollst gerettet sein – durch mich! Ich flehe dich an – fliehe! Du hörst mich nicht! Die Zeit drängt! Einst sollst du alles wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und Leben. Ich habe die Schlüssel der Kerkerpforte und der Gangthür! flieh!« Und nun faßte sie seinen Arm, wollte ihn emporreißen.
Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Füßen. – Er war an den Steinblock festgeschlossen.
»O, was ist das?« rief sie und fiel in die Kniee.
»Stein und Eisen,« sagte er tonlos. »Laß mich. Ich gehöre dem Tode. Und hielten mich auch diese Bande nicht – ich folgte dir doch nicht! Zurück in die Welt? Die Welt ist eine große Lüge. Alles ist Lüge.«
»Du hast Recht! sterben ist besser. Laß mich sterben mit dir. Und verzeih mir. Denn auch ich habe dir gelogen.«
»Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht.«
»Aber du mußt mir noch vergeben, ehe wir sterben.
Ich habe dich gehaßt – ich habe gejubelt über deinen Niedergang – ich habe – o, es ist so schwer zu sagen! Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn. Und doch muß ich deine Verzeihung haben – und müßt’ ich sie mir erstehlen. Vergieb mir – reiche mir die Hand zum Zeichen, daß du mir verzeihst.«
Aber Witichis war in sein Brüten zurückgesunken. »O, ich flehe dich an – verzeihe mir, was immer ich dir mag gethan haben.«
»Geh – warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist wie alle! nicht besser, nicht schlimmer!«
»Nein, ich bin böser als alle. Und doch besser. Wenigstens elender. Wisse denn: ich habe dich gehaßt, ja, aber nur, weil du mich von dir gestoßen! Du ließest mich nicht dein Leben teilen, – verzeihe mir. – Gott, ich will ja nur mit dir sterben dürfen. Reich mir einmal noch die Hand, zum Zeichen, daß du mir verzeihst.« Und sie streckte kniend, flehend, beide Hände zu ihm empor.
Der König erhob das Haupt. Der Grundzug seines Wesens, die tiefe Herzensgüte, regte sich in ihm und übertönte den eignen dumpfen Schmerz. »Mataswintha,« sagte er, und erhob die kettenklirrende Hand, »geh’, es erbarmt mich dein. Laß mich allein sterben. Was immer du an mir gethan – geh hin: – ich habe dir verziehn.«
»O Witichis!« hauchte Mataswintha und wollte seine Hand ergreifen.
Neunundzwanzigstes Kapitel.