Ein Kampf um Rom: Historischer Roman. Zweiter Band

Part 26

Chapter 263,600 wordsPublic domain

»Ich komme, König der Goten,« fiel Bessas ein, »dir den Vertrag mit Belisar zur Unterschrift vorzulegen.«

»Ich hab’ ihn schon unterschrieben.« – »Es ist die für meinen Herrn bestimmte Doppelschrift.«

»So gieb,« sprach Witichis und wollte das Pergament aus des Byzantiners Hand nehmen.

Da trat Herzog Guntharis mit den Dienern eilfertig ins Gemach: »Witichis,« rief er, »der Königsschmuck ist verschwunden.«

»Was ist das?« fragte Witichis. »Hildebad allein führte die Schlüssel davon.«

»Die ganze Goldtruhe, auch noch andere Truhen sind fort. In der leeren Nische, da sie sonst standen, lag dieser Streif Pergament. Es sind die Schriftzüge von Hildebads Schreiber.«

Der König nahm und las: »Krone, Helm und Schwert, Purpur und Schild Theoderichs sind in meinem Gewahrsam. Wenn Belisar sie will, soll er sie von mir holen.« »Die Rune H – für Hildebad.«

»Man muß ihn verfolgen,« sagte Cethegus finster, »bis er sich fügt.« Da eilten Johannes und Demetrius herein. »Eile dich, König Witichis,« drängten sie. »Hörst du die Tubatöne? Belisar hat schon die Porta des Stilicho erreicht.«

»So laßt uns gehn,« sprach Witichis, ließ sich von den Dienern den Purpurmantel, den sie statt des verschwundenen mitgebracht, um die Schultern werfen und drückte einen goldenen Reif auf das Haupt. Statt des Schwertes reichte man ihm ein Scepter. Und so wandte er sich zur Thür.

»Du hast nicht unterschrieben, Herr,« mahnte Bessas.

»So gieb,« und er nahm die Schrift jetzt aus der Hand des Byzantiners. »Die Urkunde ist sehr lang,« sagte er hineinblickend und hob an zu lesen. »Eile, König,« mahnte Johannes.

»Zum Lesen ist nicht mehr Zeit,« sagte Cethegus gleichgültig, und reichte ihm die Schilffeder von dem Tisch. »Dann auch nicht mehr zum Schreiben,« antwortete der König. »Du weißt: ich war ein König nach Bauernart, wie die Leute sagten. Bauern unterschreiben keine Zeile, ehe sie genau gelesen: gehen wir.« Und lächelnd gab er die Urkunde an den Präfekten und schritt hinaus. Die Byzantiner und alle Anwesenden folgten.

Cethegus drückte das Pergament zusammen: »Warte nur,« flüsterte er grimmig, »du sollst doch noch unterschreiben.« Langsam folgte er den andern.

Die Halle vor dem Gemach des Königs war bereits leer.

Der Präfekt schritt hinaus auf den gewölbten Bogengang, der im Viereck den ersten Stock des Palastes umgab und dessen byzantinisch-romanische Rundbogen den freien Blick in den weiten Hofraum gewährten. Derselbe war von Bewaffneten dicht gefüllt. An allen vier Thoren standen die Lanzenträger Belisars. Cethegus lehnte hinter einem Bogenpfeiler und sprach, dem Gang der Ereignisse folgend, mit sich selbst: »Nun, Byzantiner genug, um ein kleines Heer gefangen zu nehmen! Freund Prokop ist vorsichtig – Da! – Witichis erscheint im Portal – Seine Goten sind noch weit hinter ihm auf der Treppe. Des Königs Pferd wird vorgeführt. – Bessas hält dem König den Bügel. – Witichis tritt heran, er hebt den Fuß. – Jetzt ein Trompetenstoß. – Die Treppenthüre des Palastes fällt zu und schließt die Goten in den Treppenbau. Auf dem Dache reißt Prokop das Gotenbanner nieder. – Johannes faßt seinen rechten Arm, brav Johannes. – Der König ruft: »Verrat, Verrat!« Er wehrt sich mächtig. – Aber der lange Mantel hemmt ihn. – Da, da, er strauchelt. – Er stürzt zu Boden. – Da liegt das Reich der Goten.« – – –

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»Da liegt das Reich der Goten!« Mit diesen Worten begann auch Prokop die Sätze, die er an diesem Abend in sein Tagebuch eintrug: »Ein wichtig Stück Weltgeschichte hab’ ich heut bei Tage machen helfen und zeichne ich nun nachts hier ein.

Als ich heute das römische Heer seinen Einzug halten sah in die Thore und Königsburg von Ravenna, kam mir abermals der Gedanke: nicht Tugend oder Zahl oder Verdienst entscheidet den Erfolg in der Geschichte.

Es giebt eine höhere Gewalt, die unentrinnbare Notwendigkeit.

An Zahl und an Heldentum waren uns die Goten überlegen: und sie haben es nicht fehlen lassen an irgend denkbarer Anstrengung. Die gotischen Frauen in Ravenna schmähten heute ihren Männern laut ins Angesicht, als sie die kleinen Gestalten, die nicht zahlreichen Scharen unserer einziehenden Truppen sahen. Summa: in gerechtester Sache, in heldenmütigster Anstrengung kann ein Mann, kann ein Volk doch erliegen, wenn übermächtige Gewalten entgegentreten, die durchaus nicht immer das bessere Recht für sich haben.

Mir schlug das Herz im Bewußtsein des Unrechts, als ich das Gotenbanner heute niederriß und den Golddrachen Justinians an seine Stelle setzte, die Fahne des Unrechts erhob über dem Banner des Rechts.

Nicht die Gerechtigkeit, eine unserem Denken undurchdringbare Notwendigkeit beherrscht die Geschicke der Menschen und der Völker.

Aber den rechten Mann macht das nicht irre. Denn nicht _was_ wir ertragen, erleben und erleiden – _wie_ wir es tragen, das macht den Mann zum Helden. Ehrenvoller ist der Goten Untergang denn unser Sieg. Und diese Hand, die sein Banner herabriß, wird den Ruhm dieses Volkes aufzeichnen für die kommenden Geschlechter. Jedoch, wie immer dem sei: – da liegt das Reich der Goten.«

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Und so schien es.

Auf das glücklichste war, dank den Maßregeln Prokops, der Streich gelungen. Im Augenblick, da auf dem Turme des Palastes die Fahne der Goten fiel und der König ergriffen ward, sahen sich die überraschten Goten überall im Schloßhof, in den Straßen und Lagunen der Stadt, im Lager von weit überlegenen Kräften umstellt: ein Rechen von Lanzen starrte ihnen überall entgegen: fast ausnahmslos legten die Betäubten die Waffen nieder: – die wenigen, welche Widerstand versuchten, – so die nächste Umgebung des Königs – wurden niedergestoßen. Witichis selbst, Herzog Guntharis, Graf Wisand, Graf Markja und die mit ihnen gefangenen Großen des Heeres wurden in getrennten Gewahrsam gebracht, der König in den »Zwinger Theoderichs«: einen tiefen, starken Turm des Palastes selbst.

Belisars Zug von dem Thore Stilichos nach dem Forum des Honorius wurde nicht gestört. Im Palast angelangt, berief er den Senat, die Decurionen der Stadt, und nahm sie in Eid und Pflicht für Kaiser Justinianus. Prokopius wurde mit den goldenen Schlüsseln von Neapolis, Rom und Ravenna nach Byzanz gesendet. Er sollte ausführlichen Bericht erstatten und für Belisar Verlängerung des Amtes erbitten bis zur demnächst zu erwartenden völligen Beruhigung Italiens und hierauf, wie nach dem Vandalenkrieg, die Ehre des Triumphes, unter Aufführung des gefangenen Königs der Goten im Hippodrom.

Denn Belisar sah den Krieg für beendet an. Cethegus teilte beinah diesen Glauben. Doch fürchtete er in den Provinzen den Ausbruch gotischen Zornes über den geübten Verrat. Er sorgte daher dafür, daß über die Art des Falles der Stadt vorläufig keine Kunde durch die Thore drang: und er suchte eifrig im Geiste nach einem Mittel, den gefangenen König selbst als ein Werkzeug zur Dämpfung des etwa neu auflodernden Nationalgefühls zu verwerten. – Auch bewog er Belisar, Hildebad, der in der Richtung nach Tarvisium entkommen war, durch Acacius mit den persischen Reitern verfolgen zu lassen.

Vergebens versuchte er, die Königin zu sprechen. Sie hatte sich seit jener Nacht der Schrecken noch immer nicht ganz erholt und ließ niemand vor. Auch die Nachricht von dem Falle der Stadt hatte sie mit dumpfem Schweigen hingenommen. Der Präfekt bestellte ihr eine Ehrenwache – um sich ihrer zu versichern. Denn er hatte noch große Pläne mit ihr vor.

Dann sandte er ihr das Schwert des gefangenen Königs und schrieb ihr dabei: »Mein Wort ist gelöst. König Witichis ist vernichtet. Du bist gerächt und befreit. – Nun erfülle auch du meine Wünsche.«

Einige Tage darauf beschied Belisar, seines treuen Beraters Prokop beraubt, den Präfekten zu sich in den rechten Flügel des Palastes, wo er sein Quartier aufgeschlagen. »Unerhörte Meuterei!« rief er dem Eintretenden entgegen. – »Was ist geschehen?«

»Du weißt, ich habe Bessas mit den lazischen Söldnern in die Schanze des Honorius gelegt, einen der wichtigsten Punkte der Stadt. Ich vernehme, daß der Geist dieser Truppen unbotmäßig – ich rufe sie ab und Bessas ... –« – »Nun?« – »Weigert den Gehorsam.« – »Ohne Grund? Unmöglich!«

»Lächerlicher Grund! Gestern ist der letzte Tag meiner Amtsgewalt abgelaufen.« – »Nun?« – »Bessas erklärt, seit letzter Mitternacht hätt’ ich ihm nichts mehr zu befehlen.«

»Schändlich. Aber er ist im Recht.«

»Im Recht? In ein paar Tagen trifft des Kaisers Antwort ein, auf mein Gesuch. Natürlich ernennt er mich, nach dem Gewinn von Ravenna, aufs neue zum Feldherrn, bis zur Beendigung des Krieges. Übermorgen kann die Nachricht da sein.«

»Vielleicht schon früher, Belisar. Die Leuchtturmwächter von Classis haben schon bei Sonnenaufgang ein Schiff angemeldet, das von Ariminum her naht. Es soll eine kaiserliche Triere sein. Jede Stunde kann sie einlaufen. Dann löst sich der Knoten von selbst.«

»Ich will ihn aber zuvor durchhauen. Meine Leibwächter sollen die Schanze stürmen und Bessas den halsstarrigen Kopf ... –«

Da eilte Johannes atemlos herein. »Feldherr,« meldete er, »der Kaiser! Kaiser Justinianus selbst ankert soeben im Hafen von Classis.«

Unmerklich zuckte Cethegus zusammen. Sollte ein solcher Blitzstrahl aus heiterer Luft, eine Laune des unberechenbaren Despoten, nach solchen Mühen, das fast vollendete Gebäude seiner Pläne gerade vor der Bekrönung niederwerfen?

Aber Belisar fragte mit leuchtenden Augen: »mein Kaiser? Woher weißt du?« – »Er selbst kommt, dir für deine Siege zu danken. – Solche Ehre ward noch keinem Sterblichen zu teil. Das Schiff von Ariminum trägt die kaiserliche Präsenzflagge. Purpur und Silber. Du weißt, das bedeutet, daß der Kaiser an Bord.«

»Oder ein Glied seines Hauses!« verbesserte Cethegus in Gedanken, aufatmend.

»Eilt in den Hafen, unsern Herrn zu empfangen,« mahnte Belisar.

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Sein Stolz und seine Freude wurden enttäuscht, als ihnen auf dem Wege nach Classis die ersten ausgeschifften Höflinge begegneten und im Palast Quartier forderten, nicht für den Kaiser selbst, sondern für dessen Neffen, den Prinzen Germanus.

»So sendet er doch den ersten nach ihm selbst,« sprach Belisar, sich selber tröstend im Weitergehen zu Cethegus. »Germanus ist der edelste Mann am Hof. Unbestechlich, gerecht und unverführbar rein. Sie nennen ihn: »die Lilie im Sumpf«. Aber du hörst mich nicht!«

»Vergieb, ich bemerke dort im Gedränge, unter den eben Gelandeten, meinen jungen Freund Licinius.«

»Salve Cethege!« rief dieser, sich Weg zum Präfekten bahnend.

»Willkommen im befreiten Italien! Was bringst du von der Kaiserin?« fragte er flüsternd.

»Das Abschiedswort: _Nike (Victoria)!_ und diesen Brief,« flüsterte der Bote ebenso leise. – »Aber,« und seine Stirne furchte sich – »schicke mich nie mehr zu diesem Weibe.« – »Nein, nein, junger Hippolytos, ich denke, es wird nie mehr nötig sein.«

Damit hatten sie die Steindämme des Hafens erreicht, dessen Stufen soeben der kaiserliche Prinz hinanstieg. Die edle Erscheinung, von einem reich geschmückten Gefolg umgeben, ward von den Truppen und dem rasch zusammenströmenden Volk mit Jubelruf und kaiserlichen Ehren empfangen.

Cethegus faßte ihn scharf ins Auge. »Das bleiche Antlitz ist noch bleicher geworden,« sagte er zu Licinius. »Ja, man sagt: die Kaiserin hat ihn vergiftet, weil sie ihn nicht verführen konnte.«

Der Prinz, nach allen Seiten dankend, hatte jetzt Belisarius erreicht, der ihn ehrfurchtsvoll begrüßte. »Gegrüßt auch du, Belisarius,« erwiderte er ernst. »Folge mir sogleich in den Palast. Wo ist Cethegus der Präfekt? Wo Bessas? Ah Cethegus,« sagte er, dessen Hand ergreifend, »ich freue mich, den größten Mann Italiens wieder zu sehen. Du wirst mich alsbald zu der Enkelin Theoderichs begleiten. Ihr gebührt mein erster Gang. Ich bringe ihr Geschenke Justinians und meine Huldigung. Sie war eine Gefangene in ihrem eigenen Reich. Sie soll eine Königin sein am Hofe zu Byzanz.«

»Das soll sie,« dachte Cethegus. Er verneigte sich tief und sprach: »Ich weiß: du kennst die Fürstin seit lange: ihre Hand war dir bestimmt.«

Eine rasche Glut flog über des Prinzen Wange. »Leider nicht ihr Herz. Ich sah sie hier, vor Jahren, am Hof ihrer Mutter: und seitdem hat mein inneres Auge nichts mehr als ihr Bild gesehen.« »Ja, sie ist das schönste Weib der Erde,« sagte der Präfekt, ruhig vor sich hin sehend. »Nimm diesen Chrysopas zum Dank für dieses Wort,« sagte Germanus und steckte einen Ring an des Präfekten Finger.

Damit traten sie in das Portal des Palastes.

»Jetzt, Mataswintha,« sprach Cethegus zu sich selbst, »jetzt hebt dein zweites Leben an. Ich kenne kein römisch Weib – Ein Mädchen vielleicht ausgenommen, das ich kannte! – das solcher Versuchung widerstehen könnte. Soll diese rohe Germanin widerstehen?« –

Sowie sich der Prinz von den Mühen der Seefahrt einigermaßen erholt und die Reisekleider mit einem Staatsgewand vertauscht hatte, erschien er an der Seite des Präfekten in dem Thronsaal des großen Theoderich im Mittelbau des Palastes.

An den Wänden der stolz gewölbten Halle hingen noch die Trophäen gotischer Siege. Ein Säulengang lief an drei Seiten des Saales hin: in der Mitte der vierten erhob sich der Thron Theoderichs.

Mit edlem Anstand stieg der Prinz die Stufen hinan. Cethegus blieb mit Belisar, Bessas, Demetrius, Johannes und zahlreichen andern Heerführern im Mittelgrund.

»Im Namen meines kaiserlichen Herrn und Ohms nehme ich Besitz von dieser Stadt Ravenna und von dem abendländischen Römerreich. An dich, Magister Militum, dies Schreiben unseres Herrn, des Kaisers. Erbrich und lies es selbst der Versammlung vor. So befahl Justinianus.«

Belisar trat vor, empfing knieend den kaiserlichen Brief, küßte das Siegel, erhob sich wieder, öffnete und las:

»Justinianus, der Imperator der Römer, Herr des Morgen- und des Abendreichs, Besieger der Perser und Saracenen, der Vandalen und Alanen, der Lazer und Sabiren, der Hunnen und Bulgaren, der Avaren und Sclavenen und zuletzt der Goten, an Belisar den Consularen, ehemals Magister Militum.

Wir sind durch Cethegus den Präfekten von den Vorgängen unterrichtet, die zum Fall von Ravenna geführt. Sein Bericht wird, auf seinen Wunsch, dir mitgeteilt werden. Wir aber können seine darin ausgesprochene gute Meinung von dir und deinen Erfolgen wie von deinen Mitteln mitnichten teilen: und wir entheben dich deiner Stelle als Befehlshaber unseres Heeres. Und wir befehlen dir angesichts dieses Briefes sofort nach Byzanz zurückzukehren, um dich vor unserem Throne zu verantworten. Einen Triumph wie nach dem Vandalenkrieg können wir dir um so weniger gewähren, als weder Rom noch Ravenna durch deine Tapferkeit gefallen: sondern Rom durch Übergabe, Ravenna durch Erdbeben, den Zorn Gottes über die Ketzer und höchst verdächtige Verhandlungen, deren Unschuld du, des Hochverrats angeklagt, vor unserem Thron erweisen wirst. Da wir, eingedenk früherer Verdienste, nicht ohne Gehör dich verurteilen wollen, – denn Morgenland und Abendland sollen uns für ferne Zeiten feiern als den Kaiser der Gerechtigkeit – sehen wir von der Verhaftung ab, die deine Ankläger beantragt. Ohne Ketten – nur in den Fesseln deines dich selbst anklagenden Gewissens – wirst du vor unser kaiserliches Antlitz treten.«

Da wankte Belisar. Er konnte nicht weiter lesen: er bedeckte das Gesicht mit den Händen: das Schreiben entfiel ihm.

Bessas hob es auf, küßte es und las weiter: »Zu deinem Nachfolger im Heerbefehl ernennen wir den Strategen Bessas. Ravenna übertragen wir dem Archon Johannes. Die Steuerverwaltung bleibt, trotz der wider ihn von den Italiern erhobenen höchst ungerechten Klagen, dem in unsrem Dienst so eifrigen Logotheten Alexandros. Zu unsrem Statthalter aber in Italien ernennen wir den hochverdienten Präfekten von Rom, Cornelius Cethegus Cäsarius. Unser Neffe, Germanus, mit kaiserlicher Vollmacht ausgerüstet, haftet mit seinem Haupt dafür, dich unverweilt nach unsrer Flotte auf der Höhe von Ariminum zu bringen, auf welcher dich Areobindos nach Byzanz führen wird.«

Germanus erhob sich und befahl allen, bis auf Belisar und Cethegus, den Saal zu verlassen. Darauf stieg er die Stufen des Thrones herab und schritt auf Belisar zu, der nicht mehr wahrnahm, was um ihn her geschah. Er stand unbeweglich, das Haupt und den linken Arm an eine Säule gelehnt und starrte zur Erde.

Der Prinz faßte seine Rechte. »Es schmerzt mich, Belisarius, der Träger solcher Botschaft zu sein. Ich übernahm den Auftrag, weil ihn ein Freund milder als einer der vielen Feinde, die sich dazu drängten, ausführen kann. Aber ich verhehle dir nicht: dieser dein letzter Sieg hebt die Ehre deiner frühern auf. Nie hätte ich von dem Helden Belisar solch Lügenspiel erwartet. Cethegus hat sich ausgebeten, daß sein Bericht an den Kaiser dir vorgelegt werde. Er ist deines Lobes voll: hier ist er. Ich glaube, es war die Kaiserin, die Justinians Ungnade gegen dich entzündet hat. Aber du hörst mich nicht. –« Und er legte die Hand auf seine Schulter.

Belisar schüttelte die Berührung ab. »Laß mich, Knabe – du bringst mir – du bringst mir den echten Dank der Kronen.«

Vornehm richtete sich Germanus auf. »Belisar, du vergissest wer ich bin und wer du bist.«

»Oh nein, ich bin ein Gefangner und du bist mein Wächter. Ich gehe sofort auf dein Schiff – erspare mir nur Ketten und Bande.«

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Erst spät konnte sich der Präfekt von dem Prinzen losmachen, der in vollstem Vertrauen die Angelegenheiten des Staates und seine persönlichen Wünsche mit ihm besprach.

Er eilte, sowie er in seinen Gemächern, die er ebenfalls im Palaste bezogen, allein war, den ihm von Lucius Licinius mitgeteilten Brief der Kaiserin zu lesen.

Er lautete: »Du hast gesiegt, Cethegus.

Als ich dein Schreiben empfing, gedacht’ ich alter Zeiten, da deine Brieflein in dieser Geheimschrift an Theodora nicht von Staaten und Kriegen handelten, sondern von Küssen und Rosen ... –«

»Daran müssen sie immer erinnern,« unterbrach sich der Präfekt.

»Aber auch in diesem trocknen Briefe erkannte ich die Unwiderstehlichkeit jenes Geistes, der einst die Frauen von Byzanz noch mehr als deine Jugendschönheit zwang. So gab ich denn auch diesmal den Wünschen des alten Freundes nach, wie einst denen des jungen. Ach, ich dachte gern unsrer Jugend, der süßen. Und ich erkannte wohl, daß Antoninens Gemahl allzufest in Zukunft stehn würde, wenn er diesmal nicht fiel. So raunte ich denn – wie du geschrieben – dem Kaiser in die Ohren: »Allzugefährlich sei ein Unterthan, der ein solches Spiel mit Kronen und mit Aufruhr treiben könne. Keinen Feldherrn dürfe man lange solcher Versuchung aussetzen. Was er diesmal gegaukelt, könne er ein andermal im Ernst versuchen.« Diese Worte wogen schwerer als alle Siege Belisars, und alle meine, d. h. deine Forderungen, gingen durch.

Denn Mißtraun ist die Seele Justinians. Er traut nur einer Treue auf Erden – der Theodoras. Dein Bote Licinius ist _hübsch_ – aber unliebenswürdig: er hat nur Rom und Waffen in Gedanken. Ach, Cethegus, mein Freund, es lebt keine Jugend mehr wie die unsre war. »Du hast gesiegt, Cethegus« – weißt du noch den Abend, da ich dir diese Worte flüsterte? – Aber vergiß nicht, wem du den Sieg verdankst. Und merke dir, Theodora läßt sich nur solang sie selber will als Werkzeug brauchen. Vergiß das nie.«

»Gewiß nicht,« sagte Cethegus, das Schreiben sorgfältig zerstörend, »du bist eine zu gefährliche Verbündete, Theodora, – nein, Dämonodora! – laß sehn, ob du unersetzbar bist. – Geduld: – in wenig Wochen ist Mataswintha in Byzanz. – Was bringst du?« fragte er den eintretenden Syphax, der glänzende Waffen trug.

»Herr, ein Abschiedgeschenk Belisars. Nachdem er deinen Bericht an den Kaiser gelesen, sprach er zu Prokop: »Dein Freund hat meinen Dank verdient. Da, nimm meine goldne Rüstung, den Helm mit dem weißen Roßschweif und den runden Buckelschild und schicke sie ihm als letzten Gruß Belisars.«

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Der Rundturm, in dessen tiefen Gewölben Witichis gefangen saß, lag an dem rechten Eckflügel des Palastes, desselben Querbaues, in dem er als König gewohnt und geherrscht hatte.

Der Turm bildete mit seiner Eisenthür den Abschluß eines langen Ganges, der von einem Hof aus zur Rechten lief und von diesem Hof wieder durch eine schwere Eisenpforte abgeschlossen war. Gerade dieser eisernen Hofpforte gegenüber lag im Erdgeschoß auf der linken Seite des Hofes die kleine Wohnung Dromons, des Carcerarius oder Kerkermeisters des Palastes. Sie bestand aus zwei kleinen Gemächern: das erste, von dem zweiten durch einen Vorhang getrennt, war ein bloßes Vorzimmer. Das zweite Gemach gewährte durch ein logenartiges Fenster den Ausblick auf den Hof und den Rundturm. Beide waren von einfachster Einrichtung: ein Strohlager im Innengemach und zwei Stühle und Tische im äußern nebst den Schlüsseln an den Wänden waren ihr ganzes Gerät.

Und auf der Holzbank an jenem Fenster saß Tag und Nacht, unverwandt den Blick auf die Mauerlücke heftend, aus welcher allein Luft und Licht in des Königs Kerker fiel, schweigend und sinnend ein Weib. –

Es war Rauthgundis.

Niemals ließ ihr Auge von jenem kleinen Spalt im Turm. »Denn dort,« sagte sie sich, »dort hängt auch sein Blick, dorthin schwebt seine Sehnsucht.« Auch wenn sie mit Wachis, ihrem Begleiter, oder mit dem Kerkermeister, der sie beherbergte, sprach, wandte sie das Auge nicht von dem Turm. Es war, als ob der Bann ihres Blickes Unheil von dem Gefangnen abhalten könne.

Lange, lange war sie heute wieder so gesessen. Es war dunkler Abend geworden.

Drohend und finster ragte der gewaltige Turm und warf einen breiten Schatten über den Hof und diesen linken Flügel des Palastes.

»Dank dir, gütiger Himmelsherr,« sprach sie. »Auch deine schweren Schläge treiben zum Heil.

Wär’ ich in die Felsen der Skaranzia, auf den hohen Arn, zum Vater, wie ich mir ausgesonnen, – nie hätte ich von dem Gang des Elends hier vernommen. Oder doch viel zu spät. Aber mich zog die Sehnsucht nach der Todesstätte des Kindes, in die Nähe unsres Ehehauses, – das zwar räumte ich –: wußte ich denn, ob nicht sie, seine Königin, dort einsprechen würde? So hausten wir in der Waldhütte nahe bei Fäsulä.

Und als das Schreckliche kam und eine Nachricht des Mißlingens die andre jagte, und als die Saracenen unser Haus verbrannten und ich die Flammen leuchten sah bis in mein Versteck, da war’s zu spät nach Norden zum Vater zu entrinnen; die Welschen sperrten alle Wege und lieferten, was flüchtete mit gelbem Haar, den Massageten aus. Kein Weg blieb offen als der Weg hierher – nach der Rabenstadt – wohin ich als sein Weib nie hatte kommen wollen. Als flüchtige Bettlerin kam ich hier an, nur sein Roß Wallada und sein Knecht, nun sein Freigelassener, Wachis, noch mir eigen und treu.

Aber ihm zum Heil, – von Gott hierher gezwungen, – ob ich schon nicht wollte – ihn zu retten, zu befreien von scheußlichem Verrat des eignen Weibes! Und aus seiner Feinde Bosheit. Dank dir treuer Gott! Ich durfte nicht mehr mit ihm leben – aber – aber ich, – Rauthgundis! – darf ihn retten.« –

Da rasselte ihr gegenüber die eiserne Hofpforte.

Ein Mann mit Licht trat heraus, ging über den Hof und trat alsbald in das Vorzimmer. Es war der alte Kerkerwart.

»Nun? sprich!« rief Rauthgundis, ihren Sitz verlassend und ihm in das erste Gemach entgegeneilend.

»Geduld – Geduld – laß mich erst die Lampe niederstellen. So! – Nun, also: er hat getrunken. Und es hat ihm wohl gethan.«

Rauthgundis legte die Hand auf die pochende Brust. »Was thut er?« fragte sie dann.