Ein Kampf um Rom: Historischer Roman. Zweiter Band

Part 19

Chapter 193,594 wordsPublic domain

»Schwerlich!« lächelte Cethegus. »Aber ich will hinauf. Du aber, Marcus Licinius, stehst mir ein für das tiburtiner Thor. Mein muß es sein, nicht Belisars! Fort mit dir! Führe deine zweihundert Legionare dorthin!«

Er stieg zu Pferd und ritt zunächst gegen das Kapitol zu, um den Fuß des Viminal. Hier traf er auf Lucius Licinius und seine Isaurier. »Feldherr,« sprach ihn dieser an, »es wird Ernst da draußen. Sehr Ernst! Was ist’s mit den Isauriern? Bleibt es bei deinem Befehl?«

»Habe ich ihn zurückgenommen?« sagte Cethegus streng. »Lucius, du folgst mir und ihr andern Tribunen. Ihr Isaurier rückt unter eurem Häuptling Asgares zwischen die Thermen des Diokletian und das tiburtiner Thor.«

Er glaubte an keine Gefahr für Rom. Meinte er doch zu wissen, was allein in diesem Augenblick die Goten wirklich beschäftigte. «Dieser Schein eines allgemeinen Angriffs soll,« dachte er, »die Byzantiner nur abhalten, ihres bedrohten Feldherrn vor den Thoren zu gedenken.«

Bald hatte er einen Turm des Kapitols erreicht, von welchem er die ganze Ebene überschauen konnte. Sie war erfüllt von gotischen Waffen. Es war ein herrliches Schauspiel. Aus allen Lagerthoren wogte die ganze Streitmacht des gotischen Heeres heran, die ganze Ausdehnung der Stadt umgürtend. Der Angriff sollte offenbar gegen alle Thore zugleich unternommen werden und war nach Einem Gedanken entworfen.

Voran in dem ganzen, zu drei Vierteln geschlossenen Kreise schritten Bogenschützen und Schleuderer, in leichten Plänklerschwärmen, die Zinnen und Brustwehren von Verteidigern zu säubern. Darauf folgten Sturmböcke, Widder, Mauerbrecher aus römischen Arsenalen entnommen oder römischen Mustern, wiewohl oft ungeschlacht genug, nachgebildet, mit Pferden und Rindern bespannt, bedient von Truppen, die, fast ohne Angriffswaffen, nur mit breiten Schilden sich und die Bespannung gegen die Geschosse der Belagerten decken sollten. Dicht hinter ihnen schritten die zum eigentlichen Angriff bestimmten Krieger: in tiefen Gliedern, mit voller Bewaffnung, zum Handgemeng mit Beilen und starken Messern gerüstet, und lange, schwere Sturmleitern schleppend. In großer Ordnung und Ruhe rückten diese drei Angriffslinien überall gleichmäßigen Schrittes vor: die Sonne glitzerte auf ihren Helmen: in gleichen Zwischenräumen erschollen die langgezognen Rufe der gotischen Hörner.

»Sie haben etwas von uns gelernt,« rief Cethegus in kriegerischer Freude. Der Mann, der diese Reihen geordnet hat, versteht den Krieg.« »Wer ist es wohl?« fragte Kallistratos, der, in reicher Rüstung, neben Lucius Licinius hielt. »Ohne Zweifel, Witichis, der König,« sagte Cethegus. – »Das hätte ich dem schlichten Mann mit den bescheidnen Zügen nie zugetraut.« – »Diese Barbaren haben manches Unergründliche.«

Und vom Kapitol herab ritt er nun, über den Fluß, nach der Umwallung am pankratischen Thor, wo der nächste Angriff zu drohen schien, und bestieg mit seinem Gefolge den dortigen Eckturm.

»Wer ist der Alte dort, mit dem wehenden Bart, der mit dem Steinbeil den Seinen voranschreitet? Er sieht aus, als hätte ihn der Blitz des Zeus vergessen in der Gigantenschlacht,« forschte der Grieche.

»Es ist der alte Waffenmeister Theoderichs; er rückt gegen das pankratische Thor,« antwortete der Präfekt.

»Und wer ist der Reichgerüstete dort, auf dem Braunen, mit dem Wolfsrachen auf dem Helm? Er zieht gegen die Portuensis.« – »Das ist Herzog Guntharis, der Wölsung,« sprach Lucius Licinius. »Und sieh, auch drüben auf der Ostseite der Stadt, überm Fluß, so weit man schauen kann, gegen alle Thore, rücken Sturmreihen der Barbaren,« sagte Piso.

»Aber wo ist der König selbst?« fragte Kallistratos.

»Siehe, dort in der Mitte ragt die gotische Hauptfahne: dort hält er, oberhalb des pankratischen Thors,« erwiderte der Präfekt. »Er allein steht regungslos mit seiner starken Schar, weit, um dreihundert Schritt zurück, hinter der Linie,« sprach Salvius Julianus, der junge Jurist. »Sollte er nicht mit kämpfen?« meinte Massurius. »Wäre gegen seine Weise. Aber laß uns vom Turm aus den Wall hinab: das Gefecht beginnt,« schloß Cethegus. »Hildebrand hat den Graben erreicht.« – »Dort stehen meine Byzantiner, unter Gregor. Die Gotenschützen zielen gut. Die Zinnen am pankratischen Thor werden leer. Auf, Massurius, schicke meine abasgischen Jäger und von den römischen Legionaren die besten Pfeilschützen dorthin: sie sollen auf die Rinder und Rosse der Sturmböcke zielen.«

Bald war der Kampf auf allen Seiten entbrannt: und mit Verdruß bemerkte Cethegus, daß die Goten überall Fortschritte machten. Die Byzantiner schienen ihren Feldherrn zu vermissen: sie schossen unsicher und wichen von den Wällen, indes die Goten heute mit besonderer Todesverachtung vordrangen. Schon hatten sie an mehreren Stellen den Graben überschritten und Herzog Guntharis hatte sogar schon Leitern angelegt an den Wällen bei dem portuensischen Thore, während der alte Waffenmeister einen starken Widderkopf herangeschleppt und denselben durch ein Schirmdach gegen die Feuergeschosse von oben gesichert hatte. Bereits donnerten die ersten Stöße laut durch das Getümmel des Kampfes gegen die Balken des pankratischen Thors. Dieser wohlbekannte Ton erschütterte den Präfekten, der eben hier anlangte: »Offenbar,« sagte er zu sich selbst, »machen sie jetzt bittern Ernst, nachdem der Scheinversuch so gut gelungen.«

Und wieder ein dröhnender Stoß. Gregor, der Byzantiner, sah ihn fragend an. »Das darf nicht lange währen!« rief Cethegus zürnend, entriß dem nächsten Schützen Bogen und Köcher und eilte auf den Mauerkranz an dem Thore: »Hierher, ihr Schützen und Schleuderer! Mir nach!« rief er, »schafft schwere Steine bei. Wo ist der nächste Ballist? Wo die Skorpionen? das Schirmdach muß entzwei.«

Unter dem Schirmdach aber standen gotische Schützen, die eifrig durch die Schießscharten nach den Zacken der Mauerzinnen lugten. »Es ist umsonst, Haduswinth,« schalt der junge Gunthamund, »zum drittenmal leg’ ich vergeblich an! es wagt ja keiner nur die Nase über die Brustwehr.« – »Geduld,« sagte der Alte, »halte den Bogen nur gespannt! Es kommt schon einer, den der Fürwitz plagt. Auch mir leg’ einen Bogen bereit. Nur Geduld.« – »Die hat man leichter mit deinen siebzig als mit meinen zwanzig Jahren.«

Inzwischen hatte Cethegus die Wallzinne hier erreicht: er warf einen Blick in die Ebene: da sah er den König, in der weiten Ferne, unbeweglich, im Centrum stehen der gotischen Scharen, auf dem rechten Tiberufer. Das störte und beunruhigte ihn. »Was hat er vor? Sollte er gelernt haben, daß der Feldherr nicht fechten soll? Komm, Gajus,« rief er dem jungen Schützen zu, der ihm kühn gefolgt war, »deine jungen Augen sehen scharf, blick’ mit mir über die Zinne hier – was treibt der König dort?« Und er beugte sich über die Brustwehr, Gajus folgte, eifrig spähend, seinem Beispiel.

»Jetzt, Gunthamund!« rief Haduswinth unten. Zwei Sehnen klangen und die beiden Späher fuhren zurück.

Gajus stürzte, in die Stirn geschossen, nieder: und unter des Präfekten Helmdach zersplitterte klirrend ein Pfeil. Cethegus strich mit der Hand über die Stirn.

»Du lebst, mein Feldherr?« rief Piso, heranspringend.

»Ja, Freund. Es war sehr gut gezielt. Aber die Götter brauchen mich noch: nur die Haut ist geritzt,« sprach Cethegus und schob den Helm zurecht.

Zwölftes Kapitel.

Da flog Syphax die Mauertreppe hinauf. Streng hatte ihm sein Herr verboten, sich am Kampf zu beteiligen: »die Barbaren sollen dich mir nicht töten und auch dich nicht erkennen: – du bist unersetzlich als Sklave Mataswinthens und Kundschafter des Königs Witichis,« hatte Cethegus gesagt.

»Wehe, wehe,« schrie er so überlaut, daß es seinem Herrn auffiel, der des Mauren kluge Ruhe kannte, »welch’ ein Unglück!« – »Was ist geschehen?« – »Constantinus ist schwer verwundet. Er wollte einen Ausfall führen aus dem salarischen Thor und stieß sogleich auf die gotischen Sturmreihen. Ein Schleuderstein traf sein Gesicht. Mit Mühe rettete man ihn auf den Wall. Dort fing ich den Sinkenden auf: – er ernannte den Präfekten zu seinem Vertreter. Hier ist sein Feldherrnstab.«

»Das ist nicht möglich!« schrie Bessas, der auf Syphax’ Ferse folgte. Er hatte in Person selbst neue Verstärkungen verlangen wollen und kam eben recht, die Nachricht zu hören. »Oder er war schon sinnlos als er’s that.«

»Hätte er dich bestellt, jedenfalls,« sprach Cethegus, ruhig das Scepter ergreifend und dem schlauen Sklaven mit einem raschen Wink des Auges dankend. Mit einem wütenden Blicke sprang Bessas von der Brüstung und eilte davon. »Folg’ ihm, Syphax, und beacht’ ihn wohl,« flüsterte der Präfekt.

Da eilte ein isaurischer Söldner herbei: »Verstärkung, Präfekt, ans portuensische Thor. Herzog Guntharis hat zahllose Leitern angelegt.« Da sprengte Cabao, der Führer der maurischen berittnen Schützen heran: »Constantinus ist tot. Vertritt du Constantinus.«

»Belisar vertret’ ich,« sprach Cethegus stolz: »fünfhundert Armenier ziehet ab vom appischen und schickt sie ans portuensische Thor.«

»Hilfe, Hilfe ans appische Thor! alle Verteidiger auf den Zinnen sind erschossen!« meldete ein persischer Reiter, »die Vorschanze ist halb verloren: vielleicht ist sie noch zu halten: aber schwer! Aber unmöglich wär’s, sie wieder zu nehmen!«

Cethegus winkte seinem jungen Juriskonsulten, Salvius Julianus, jetzt seinem Kriegstribun: »Auf, mein Jurist: »_beati possidentes_«! – Nimm hundert Legionare und halte die Schanze um jeden Preis, bis weitere Hilfe kommt.« –

Und er sah von der Mauerkrone wieder hinab. Unter seinen Füßen tobte das Gefecht, donnerte der Mauerbrecher Hildebrands. Aber ihn kümmerte mehr die rätselhafte Ruhe, in welcher der König im Hintergrund unbeweglich stand. »Was hat er nur vor?«

Da dröhnte von unten ein furchtbar krachender Stoß und lauter Siegesjubel der Barbaren: Cethegus brauchte nicht zu fragen: in drei Sprüngen war er unten. –

»Das Thor ist eingestoßen!« riefen ihm entsetzt die Seinigen entgegen. »Ich weiß es: jetzt sind wir selbst der Riegel Roms.« Und den Schild fester andrückend, trat er hart an den rechten Thorflügel, in dem in der That ein breiter Riß klaffte; und schon stieß der Widder an die splitternden Platten neben der Öffnung. »Noch ein solcher Stoß und das Thor liegt ganz,« sagte Gregor, der Byzantiner. »Richtig, deshalb darf es nicht mehr dazu kommen. Her zu mir, Gregor und Lucius: stellt euch, Milites! die Speere gefällt! Fackeln und Brände! zum Ausfall! Winke ich, so öffnet das Thor und werft Widder und Schirmdach und alles in den Graben.«

»Du bist sehr kühn, mein Feldherr!« rief Lucius Licinius, entzückt neben ihn springend.

»Ja, jetzt hat die Kühnheit Vernunft, mein Freund!«

Schon war die Kolonne gestellt, schon wollte der Präfekt das Schwert zum Zeichen des Angriffs erheben –: da erscholl vom Rücken her ein Lärm, größer selbst als der der stürmenden Goten: Wehegeschrei und Pferdegetrappel: – und Bessas drängte sich heran: er faßte den Arm des Präfekten: – seine Stimme versagte.

»Was hemmst du mich in diesem Augenblick?« rief dieser und stieß ihn zurück. – »Belisars Truppen,« stammelte entsetzt der Thraker, »stehen schwer geschlagen vor dem tiburtinischen Thor: – sie flehen um Einlaß: – wütende Goten hinter ihnen – Belisar ist in einen Hinterhalt gefallen: – er ist tot.«

»Belisar ist gefangen!« schrie ein Türmer vom tiburtinischen Thor, atemlos heraneilend. »Die Goten! die Goten sind da! sie stehn vor dem nomentanischen und vor dem tiburtinischen Thor!« scholl’s aus der Tiefe der Straße. »Belisars Fahne ist genommen! Prokop verteidigt seine Leiche!« »Laß das tiburtinische Thor öffnen, Präfekt!« drängte Bessas, »deine Isaurier stehen plötzlich dort. Wer hat sie dorthin geschickt?«

»Ich!« sagte Cethegus, überlegend.

»Sie woll’n nicht öffnen ohne deinen Befehl! rette doch seine – Belisars! – Leiche!«

Cethegus zauderte – er hielt das Schwert halb erhoben – er schwankte. »Die _Leiche_,« dachte er, »rett’ ich gern.« Da flog Syphax heran. »Nein! er lebt noch!« rief er seinem Herrn ins Ohr, »ich hab ihn gesehen von der Zinne: er regt sich noch: aber er ist gleich gefangen: die gotischen Reiter brausen heran: – Totila, Teja, gleich sind sie bei ihm!«

»Gieb Befehl, laß das tiburtiner Thor öffnen!« mahnte Bessas. Aber des Präfekten Auge blitzte: sein Antlitz überflog jener Ausdruck stolzer, kühner Entschlossenheit, der es mit dämonischer Schönheit verklären konnte. Er schlug mit dem Schwert an den zertrümmerten Thorflügel vor sich: »Auf, zum Ausfall. Erst Rom: dann Belisar! Rom und Triumph!« Das Thor flog auf.

Die stürmenden Goten, schon des Sieges sicher, hätten alles eher erwartet als dies Wagnis der, wie sie wähnten, ganz verzagten Byzantiner. Sie waren ohne Fechtordnung um das Thor herum zerstreut, wurden völlig überrascht und durch den Anlauf der fest geschlossenen Reihe rasch in den hinter ihnen klaffenden Graben geworfen.

Der alte Hildebrand wollte seinen Widder nicht lassen.

Sich hoch aufrichtend, zerschmetterte er Gregor, dem Byzantiner, mit seinem Steinhammer den hochgeschweiften Helm und das Haupt. Aber gleichzeitig fast stieß ihn selber Lucius Licinius mit dem Schildstachel in den Graben. Cethegus zerhieb mit dem Schwert die Seile der Maschine, die krachend auf den Alten stürzte.

»Jetzt Feuer in die Holzmaschinen, die noch stehen,« befahl Cethegus. Rasch loderten deren Balken auf in Flammen. Sogleich kehrten die siegreichen Römer zurück in die Wälle. Da rief Syphax dem Präfekten entgegen: »Gewalt, Herr, Aufruhr und Empörung! Die Byzantiner gehorchen dir nicht mehr! Bessas rief sie auf, das tiburtinische Thor mit Gewalt zu öffnen. Seine Leibwächter drohen, Marcus Licinius anzugreifen und deine Legionare und Isaurier zu schlachten durch die Hunnen.«

»Das büßen sie!« rief Cethegus grimmig. »Wehe Bessas! Ich will’s ihm gedenken! Auf, Lucius Licinius, nimm den halben Rest der Isaurier! Nein, nimm sie alle! alle! du weißt wo sie stehn: fasse die Leibwächter des Thrakers von Porta Clausa her im Rücken. Und stehn sie nicht ab, – so hau’ sie nieder, ohne Schonung. Hilf deinem Bruder! Ich folge gleich!«

Lucius Licinius zauderte. »Und das tiburtinische Thor?« – »Bleibt geschlossen.« – »Und Belisar?«

»Bleibt draußen.« – »Teja und Totila sind schon heran.« – »Desto weniger kann man öffnen. Erst Rom: dann alles andere. Gehorche, Tribun!«

Cethegus blieb noch, die Ausflickung des pankratischen Thores anzuordnen. Das währte sehr geraume Zeit. »Wie ging es, Syphax?« fragte er leise. »Lebt er wirklich?« – »Er lebt noch.« – »Tölpel, diese Goten!«

Da kam ein Bote von Lucius. »Dein Tribun läßt melden: Bessas giebt nicht nach: – schon ist das Blut deiner Legionare am tiburtiner Thor geflossen. Und Asgares und deine Isaurier zögern, einzuhauen. Sie zweifeln an deinem Ernst.« »Ich will ihnen meinen Ernst zeigen!« rief Cethegus, warf sich aufs Pferd, verließ diesen Teil der Stadt, und jagte wie der Sturmwind davon.

Weit war sein Weg: über die Tiberbrücke des Janiculum, am Kapitol vorbei, über das Forum Romanum, durch die Sacra Via und den Bogen des Titus, die Thermen des Titus rechts lassend, über den Esquilin hinaus, endlich durch das esquilinische Thor an das tiburtinische Außenthor: – ein Weg vom äußersten Westen an den äußersten Osten der weitgestreckten Stadt.

Hier, hinter dem Thore, standen die Leibwächter von Bessas und Belisar mit gedoppelter Front. Die eine Schar schickte sich an, die Legionare und Isaurier des Präfekten unter Marcus Licinius an der Thorwache zu überwältigen und das Thor mit Gewalt zu öffnen, während die zweite Fronte mit gefällten Speeren der Masse der andern Isaurier gegenüberstand, die Lucius vergeblich zum Angriff befehligte.

»Söldner,« rief Cethegus, das schnaubende Roß dicht vor deren Linie anhaltend, »wem habt ihr geschworen: mir oder Belisar?« »Dir, Herr,« sprach Asgares, ein Anführer, vortretend, »aber ich dachte« – Da blitzte das Schwert des Präfekten und tödlich getroffen stürzte der Mann. »Zu gehorchen habt ihr, eidbrüchige Schurken, nicht zu denken!«

Entsetzt standen die Söldner. Aber Cethegus befahl ruhig: »Die Speere gefällt! zum Angriff! mir nach!« Und die Isaurier gehorchten ihm und nun, – ein Augenblick noch, und es begann in Rom selbst der Kampf.

Aber da erscholl von Westen, von der Richtung des aurelischen Thores, her ein furchtbares, alles übertäubendes Geschrei: »Wehe, Wehe, alles verloren! Die Goten über uns! Die Stadt ist genommen!«

Cethegus erbleichte und blickte zurück. Da sprengte Kallistratos heran, Blut floß ihm über Gesicht und Hals. »Cethegus,« rief er, »es ist aus! Die Barbaren sind in Rom! Die Mauer ist erstiegen.« »Wo?« fragte der Präfekt tonlos. »Am Grabmal Hadrians!« – »O mein Feldherr!« rief Lucius Licinius, »ich habe dich gewarnt.«

»Das war Witichis!« sagte Cethegus, die Augen zusammendrückend.

»Woher weißt du das!« staunte Kallistratos. »Genug, ich weiß es.« Es war ein furchtbarer Augenblick für den Präfekten.

Er mußte sich sagen, daß er, rücksichtslos seinen Plan zum Verderben Belisars verfolgend, eine Spanne Zeit Rom übersehen hatte. Er biß die Zähne in die Unterlippe.

»Cethegus hat das Grabmal Hadrians entblößt! Cethegus hat Rom ins Verderben gestürzt!« rief Bessas an der Spitze der Leibwächter.

»Und Cethegus wird es retten!« rief dieser, sich hoch im Sattel ausrichtend. »Mir nach, alle Isaurier und Legionare.« »Und Belisar?« flüsterte Syphax. – »Laßt ihn herein. Erst Rom: dann alles andre! Folgt mir!« Und im Sturmflug sprengte er zurück, des Weges, den er gekommen. Nur wenige Berittene konnten ihm folgen: im Lauf eilte sein Fußvolk, Isaurier und Legionare, nach.

Dreizehntes Kapitel.

Draußen vor dem tiburtinischen Thore ward es zu gleicher Zeit stiller. Ein Bote hatte die gotischen Reiter von dem überflüssigen Gefechte abgerufen. Sie sollten hier innehalten und alle verfügbare Mannschaft um die Stadt und über den Fluß eilig an das aurelische Thor senden, durch welches man soeben in die Stadt gedrungen sei: dort brauche man alle Kräfte. Die Reiter jagten, rechtsum schwenkend, nach jenem Thor, wo sich jetzt alles zusammendrängte: aber ihr eigenes Fußvolk, stürmend an den zwischenliegenden fünf Thoren: der Porta clausa, nomentana, salaria, pinciana und flaminia, versperrte ihnen den Weg so lange, daß sie zu der Entscheidung zu spät kamen, die am Grabmal des Hadrian gefallen war.

Wir erinnern uns der Lage dieses Lieblingsplatzes des Präfekten: dem vatikanischen Hügel gegenüber, einen Steinwurf etwa vor dem aurelischen Thor gelegen, mit diesem durch Seitenmauern verbunden und überall, außer im Süden, wo der Fluß decken sollte, durch neue Wälle geschützt, ragte die »_moles Hadriani_«, ein gewaltiger runder Turm von festestem Bau. Eine Art Hofraum umgab das eigentliche Gebäude: vor der ersten, äußeren Deckungsmauer im Süden floß der Tiber. Auf den Zinnen dieser Außenmauer, in dem Hofraum und auf den Zinnen der Innenmauer lagerten sonst die Isaurier, die der Präfekt zu übler Stunde hinweggezogen hatte, seinen Plan gegen Belisar durchzusetzen. Auf den Zinnen der Innenmauer aber standen die zahlreichen Statuen von Marmor und Erz, deren drittes Hundert das Geschenk des Kallistratos vervollständigt hatte.

Der König der Goten hatte sich für heute in der Mitte des großen Halbkreises, den die Barbaren auch um die Westseite, auf dem rechten Tiberufer, um die Stadt gezogen, auf dem Felde Neros zwischen dem pankratischen (alten aurelianischen) und dem (neuen) aurelianischen Thor, wo sonst nur Graf Markja von Mediolanum lagerte, eine zurückgenommene, abwartende Stellung gewählt. Er baute seinen Plan darauf, daß der allgemeine Sturm gegen alle Thore notwendig die Kräfte der Belagerten werde zersplittern müssen: und sowie an irgend einem Punkt durch Hinwegziehung der Verteidiger eine Blöße entstehen würde, gedachte er, sie sofort zu benützen.

In dieser Absicht hielt er unbeweglich im zweiten Treffen weit hinter den Sturmkolonnen. Er hatte allen Anführern Auftrag gegeben, ihn schleunig herbeizurufen, wo sich eine Lücke der Verteidigung zeige.

Lange, lange hatte er so gewartet. Manches Wort der Ungeduld hatte er von seinen Scharen zu tragen gehabt, die müßig stehen sollten, während die Genossen überall im frischen Vordringen waren: lange, lange harrten sie auf einen Boten, der sie abriefe zur Teilnahme am Kampf.

Da bemerkte endlich des Königs scharfes Auge selbst zuerst, wie von den Zinnen der Außenmauer am Grabmal Hadrians die wohlbekannten Feldzeichen und die dichten Speere der Isaurier verschwanden. Aufmerksam blickte er hin: sie wurden nicht abgelöst, die Lücken nicht ersetzt. Da sprang er aus dem Sattel, gab seinem Rosse einen Schlag mit der flachen Hand auf den stolzen Bug, sprach: »Nach Hause, Boreas!« und das kluge Tier lief geradeaus in das Lager zurück. »Jetzt, vorwärts meine Goten! vorwärts, Graf Markja!« rief der König, »dort über den Fluß – die Mauerbrecher laßt hier zurück: nur die Schilde und die Sturmleitern nehmt mit. Und die Beile. Voran!« Und im Lauf erreichte er den steilen Uferhang an der südlichen Biegung des Flusses und eilte den Hügel hinab.

»Keine Brücke, König, und keine Furt?« fragte ein Gote hinter ihm.

»Nein, Freund Iffamer, schwimmen!« und der König sprang in die gelbe schmutzige Flut, daß sie zischend hoch über seinem Helmbusch zusammenschlug. In wenigen Minuten hatte er das andere Ufer erreicht, die vordersten seiner Leute mit ihm. Bald standen sie hart vor der hohen Außenmauer des Grabmals und die Männer blickten fragend, besorgt hinauf. »Leitern her!« rief Witichis, »seht ihr nicht? Die Verteidiger fehlen ja! Fürchtet ihr euch vor hohen Steinen?« Rasch waren die Leitern angelegt, rasch die Außenwälle erstiegen, die wenigen Wachen hinabgestürzt, die Leitern nachgezogen und an der Innenseite der Außenmauer in den Hof hinabgelassen.

Der König war der erste in dem Hofraum.

Hier freilich wurde das Vordringen der Goten eine Weile gehemmt. Denn auf den Zinnen der Innenmauer standen, vom pankratischen Thore hierher geeilt, Quintus Piso und Kallistratos mit hundert Legionaren und nur ein Paar Isauriern: und diese schleuderten einen dichten Hagel von Speeren und Pfeilen auf die nur vereinzelt in den Hofraum hinabsteigenden Goten: auch ihre Ballisten und Katapulten wirkten verheerend. »Schickt um Hilfe, um Hilfe zu Cethegus!« rief oben auf der Mauer Piso. Und Kallistratos flog davon.

Rechts und links fielen die Goten unten im Hof neben Witichis. »Was thun?« fragte Markja an seiner Seite. »Warten, bis sie sich verschossen haben,« sagte dieser ruhig. »Es kann nicht lange mehr währen. Sie werfen und schießen viel zu hastig in ihrem Schrecken. Seht ihr: schon fliegen mehr Steine denn Pfeile. Und die Speere bleiben aus.« – »Aber die Ballisten, die Katapulten –« – »Werden uns bald nicht mehr schaden. Ordnet euch zum Sturm. Seht, der Hagel wird sehr spärlich. So, nun die Leitern bereit und die Beile. – Jetzt, rasch mir nach.« Und in schnellem Anlauf rannten die Goten über den Hof.

Nur wenige waren dabei gefallen. Und schon standen sie hart an der zweiten, der inneren Mauer: und hundert Leitern waren angelegt. Jetzt aber waren alle Ballisten und Katapulten Pisos nutzlos geworden: denn, zum Schuß in die Weite gespannt, konnten sie nicht ohne große Mühe und lange Zeit zu senkrechtem Schuß gerichtet werden. Piso bemerkte es wohl und erbleichte. »Wurfspeere her! Speere! Speere! oder alles ist hin!« – »Alle verschossen,« keuchte trostlos neben ihm der dicke Balbus.

»Dann ist’s vorbei!« seufzte Piso, den rechten Arm totmüde senkend. »Komm, Massurius, laß uns fliehn,« mahnte Balbus. »Nein, laßt uns hier sterben,« rief Piso. Und schon tauchte der erste gotische Helm über den Rand der Mauer.

Da scholl es die Mauertreppen von der Stadtseite herauf: »Cethegus! Cethegus der Präfekt!«

Und er war’s; rasch sprang er auf die Zinne vor und hieb dem Goten, der eben die Hand auf die Brustwehr stützte, sich heraufzuschwingen, die Hand samt dem Arme ab. – Der Mann schrie und stürzte.