Part 32
»Nedschir-Bey, du bist ein sehr spaßhafter Mann; ich aber bin sehr ernst gestimmt. Sei in Zukunft höflich gegen uns, sonst wird es sich zeigen, wer den andern vom Pferde schlägt!«
»Hund und abermals Hund! Da hast du es!«
Bei diesen Worten erhob er die Faust und versuchte, sein Pferd an das meinige zu drängen; aber der Melek hielt ihn bei dem Arme fest und rief:
»Beim heiligen Jesujabos, halte ein, sonst bist du verloren!«
»Ich?« rief der Riese ganz verdutzt.
»Ja, du!«
»Warum?«
»Dieser fremde Krieger ist kein Kurde, sondern ein Emir aus dem Abendlande. Er hat die Kraft des Bären in der Faust und er trägt Waffen bei sich, denen niemand widerstehen kann. Er ist mein Gast; sei fortan freundlich mit ihm und den Seinigen!«
Der Raïs schüttelte den Kopf.
»Ich fürchte keinen Kurden und keinen Abendländer. Weil er dein Gast ist, so will ich ihm verzeihen; aber er mag sich in acht nehmen vor mir, sonst erfährt er, wer der Starke ist: er oder ich. Laß uns weiterziehen; ich kam nur, um dir Willkommen zu sagen.«
Dieser Mann war mir ganz sicher an Körperstärke weit überlegen; aber es war nur eine rohe, ungeschulte Kraft, die mir keineswegs bange machen konnte. Daher erwiderte ich zwar kein einziges Wort auf seine >Verzeihung<, fühlte aber auch nicht etwa einen übermäßigen Respekt vor ihm. Dabei hatte ich eine gewisse Ahnung, daß ich mit ihm doch auf irgend eine Weise näher zusammengeraten werde.
Wir setzten den unterbrochenen Ritt weiter fort und gelangten bald an den Ort unserer Bestimmung.
Die elenden Häuser und Hütten, aus denen Lizan besteht, liegen zu beiden Seiten des Zab, der hier sehr reißend ist. In seinem Bette liegen zahlreiche Felsblöcke, die das Flößen und Schwimmen außerordentlich erschweren, und die Brücke, die ihn überspannt, ist aus rohem Flechtwerk gefertigt und mittels großer, schwerer Steine über einige Pfeiler befestigt. Dieses Flechtwerk giebt bei jedem Schritte nach, so daß mein Pferd nur sehr ängstlich die Brücke passierte; doch kamen wir wohlbehalten alle an dem linken Ufer an.
Bereits drüben auf der andern Seite war unser Zug von Frauen und Kindern mit Jubelgeschrei empfangen worden. Die wenigen Häuser, welche ich erblickte, waren jedenfalls als Wohnort so vieler viel zu eng, und so vermutete ich, daß unter den Anwesenden auch zahlreiche Bewohner benachbarter Orte zu finden seien.
Das Haus des Melek, wo wir absteigen wollten, lag auf dem linken Ufer des Zab. Es war ganz nach kurdischer Art, aber halb in das Wasser des Flusses hineingebaut, wo der kühlende und stärkere Luftzug die Mücken verscheuchte, an denen diese Gegenden leiden. Das obere Stockwerk des Gebäudes hatte keine Mauern; es bestand einfach aus dem Dach, welches an den vier Ecken von je einem Backsteinpfeiler getragen wurde. Dieser luftige Raum bildete das Staatsgemach, in welches uns der Melek führte, nachdem wir abgestiegen waren und ich mein Pferd Halef übergeben hatte. Es lag da eine Menge zierlich geflochtener Matten, auf denen wir es uns leidlich bequem machen konnten.
Der Melek hatte natürlich jetzt nicht viel Zeit für uns übrig; wir waren uns selbst überlassen. Bald aber trat eine Frau herein, die einen starken, breiten, aus Bast geflochtenen Teller trug, der mit allerlei Früchten und Eßwaren belegt war. Ihr folgten zwei Mädchen, im Alter von ungefähr zehn und dreizehn Jahren, und trugen ähnliche, aber kleinere Präsentierbretter in den Händen.
Alle drei grüßten sehr demütig, und dann stellten sie die Speisen vor uns nieder. Die Kinder entfernten sich, die Frau aber blieb noch stehen und musterte uns mit verlegener Miene.
»Hast du einen Wunsch?« fragte ich sie.
»Ja, Herr,« antwortete sie.
»Sage ihn!«
»Welcher von euch ist der Emir aus dem Abendlande?«
»Es sind zwei solcher Emire hier: ich und dieser da.«
Bei den letzten Worten deutete ich auf den Engländer.
»Ich meine denjenigen, welcher nicht nur ein Krieger, sondern auch ein Arzt ist.«
»Da werde ich wohl gemeint sein,« lautete meine Antwort.
»Bist du es, der in Amadijah ein vergiftetes Mädchen gesund gemacht hat?«
Ich bejahte, und sie sagte darauf:
»Herr, die Mutter meines Mannes wünscht sehnlich, einmal dein Angesicht zu sehen und mit dir zu sprechen.«
»Wo befindet sie sich? Ich werde gleich zu ihr gehen.«
»O nein, Chodih. Du bist ein großer Emir; wir aber sind nur Frauen. Erlaube, daß sie zu dir kommt!«
»Ich erlaube es.«
»Aber sie ist alt und schwach und kann nicht lange stehen -- -- --!«
»Sie wird sich setzen.«
»Weißt du, daß in unserm Lande sich die Frau in Gegenwart solcher Herren nicht setzen darf?«
»Ich weiß es, aber ich werde es ihr dennoch erlauben.«
Sie ging. Nach einiger Zeit kam sie wieder herauf und führte eine Frau am Arme, deren Gestalt vom Alter weit vornüber gebeugt war. Ihr Gesicht hatte tiefe Runzeln, aber ihre Augen blickten noch mit jugendlicher Schärfe umher.
»Gesegnet sei euer Eingang in das Haus meines Sohnes!« grüßte sie. »Welcher ist der Emir, den ich suche?«
»Ich bin es. Komm und laß dich nieder!«
Sie erhob abwehrend die Hand, als ich auf die Matte deutete, die in meiner Nähe lag.
»Nein, Chodih; es ziemt mir nicht, in deiner Nähe zu sitzen. Erlaube, daß ich mich in einer Ecke niederlasse!«
»Nein, das erlaube ich nicht,« antwortete ich ihr. »Bist du eine Christin?«
»Ja, Herr.«
»Auch ich bin ein Christ. Meine Religion sagt mir, daß wir vor Gott alle gleich sind, ob arm oder reich, vornehm oder niedrig, alt oder jung. Ich bin dein Bruder, und du bist meine Schwester; aber deiner Jahre sind viel mehr als der meinigen; daher gebührt dir der Platz zu meiner rechten Seite. Komm und laß dich nieder!«
»Nur dann, wenn du es befiehlst.«
»Ich befehle es!«
»So gehorche ich, Herr.«
Sie ließ sich zu mir führen und setzte sich an meiner Seite nieder; dann verließ ihre Schwiegertochter das Gemach. Die Alte blickte mir lange forschend in das Gesicht; dann sagte sie:
»Chodih, du bist wirklich so, wie du mir beschrieben wurdest. -- Kennst du Menschen, bei deren Eintritt sich der Raum zu verfinstern scheint?«
»Ich habe viele solche Leute kennen gelernt.«
»Kennst du auch solche Menschen, welche das Licht der Sonne mitzubringen scheinen? Wohin sie nur immer kommen, da wird es warm und hell. Gott hat ihnen die größte Gnade gegeben: ein freundliches Herz und ein fröhliches Angesicht.«
»Auch solche kenne ich; aber es giebt ihrer wenig.«
»Du hast recht; aber du selbst gehörst zu ihnen.«
»Du willst mir eine Höflichkeit sagen!«
»Nein, Herr. Ich bin ein altes Weib, welches ruhig nimmt, was Gott sendet; ich werde niemand eine Unwahrheit sagen. Ich habe gehört, daß du ein großer Krieger bist; aber ich glaube, daß du deine besten Siege durch das Licht deines Angesichtes erringst. Ein solches Angesicht liebt man, auch wenn es häßlich ist, und alle, mit denen du zusammentriffst, werden dich lieb gewinnen.«
»Oh, ich habe sehr viele Feinde!«
»Dann sind es böse Menschen. Ich habe dich noch nie gesehen, aber ich habe viel an dich gedacht, und meine Liebe hat dir gehört, noch ehe dich mein Auge erblickte.«
»Wie ist dies möglich?«
»Meine Freundin erzählte mir von dir.«
»Wer ist diese Freundin?«
»Marah Durimeh.«
»Marah Durimeh!« rief ich überrascht. »Du kennst sie?«
»Ich kenne sie.«
»Wo wohnt sie? Wo ist sie zu finden?«
»Ich weiß es nicht.«
»Aber wenn sie deine Freundin ist, mußt du doch wissen, wo sie sich befindet.«
»Sie ist bald hier, bald dort; sie gleicht dem Vogel, welcher bald auf diesem, bald auf jenem Zweige wohnt.«
»Kommt sie oft zu dir?«
»Sie kommt nicht, wie die Sonne, regelmäßig zur bestimmten Stunde, sondern sie kommt wie der erquickende Regen, bald hier, bald dort, bald spät und bald früh.«
»Wann erwartest du sie wieder?«
»Sie kann noch heute in Lizan sein; sie kann aber auch erst nach Monden kommen. Vielleicht erscheint sie niemals wieder, denn auf ihrem Rücken lasten viel mehr Jahre, als auf dem meinigen.«
Das klang alles so wunderbar, so geheimnisvoll, und ich mußte unwillkürlich an Ruh 'i Kulian, den >Geist der Höhle< denken, von welchem die alte Marah Durimeh in ebenso geheimnisvoller Weise zu mir gesprochen hatte.
»So hat sie dich besucht, als sie von Amadijah kam?« fragte ich.
»Ja. Sie hat mir von dir erzählt; sie sagte, daß du vielleicht nach Lizan kommen würdest, und bat mich, für dich zu sorgen, als ob du mein eigner Sohn seist. Willst du mir dies erlauben?«
»Gern; nur mußt du auch meine Gefährten mit in deine Fürsorge einschließen.«
»Ich werde thun, was in meinen Kräften steht. Ich bin die Mutter des Melek, und sein Ohr hört gern auf meine Stimme; aber es ist einer unter euch, dem meine Fürbitte nicht viel helfen wird.«
»Wen meinst du?«
»Den Bey von Gumri. Welcher ist es?«
»Der Mann dort auf der vierten Matte. Er hört und versteht ein jedes deiner Worte; die andern aber reden nicht die Sprache deines Landes.«
»Er mag hören und verstehen, was ich sage,« antwortete sie. »Hast du gehört von dem, was unser Land gelitten hat?«
»Man hat mir vieles erzählt.«
»Hast du gehört von Beder-Khan-Bey, von Zeinel-Bey, von Nur-Ullah-Bey und von Abd-el-Summit-Bey, den vier Mördern der Christen? Sie fielen von allen Seiten über uns her, diese kurdischen Ungeheuer. Sie zerstörten unsere Häuser, verbrannten unsere Gärten, vernichteten unsere Ernten, entweihten unsere Gotteshäuser, mordeten unsere Männer und Jünglinge, zerfleischten unsere Knaben und Mädchen und hetzten unsere Frauen und Jungfrauen, bis sie sterbend niederstürzten, noch in den letzten Atemzügen von den Ungeheuern bedroht. Die Wasser des Zab waren gefärbt von dem Blute der unschuldigen Opfer, und die Höhen und Tiefen des Landes waren erleuchtet von den Feuersbrünsten, welche unsere Dörfer und Flecken verzehrten. Ein ~einziger~, fürchterlicher Schrei tönte durch das ganze Land. Es war der Todesschrei von vielen tausend Christen. Der Pascha von Mossul hörte diesen Schrei, aber er sandte keine Hilfe, weil er den Raub mit den Räubern teilen wollte.«
»Ich weiß es; es muß gräßlich gewesen sein!«
»Gräßlich? O, Chodih, dieses Wort sagt viel zu wenig. Ich könnte dir Dinge erzählen, bei denen dir das Herz brechen müßte. Siehst du die Brücke, auf welcher du über den Berdizabi[136] gekommen bist? Ueber diese Brücke wurden unsere Jungfrauen geschleppt, um nach Tkhoma und Baz geführt zu werden; sie aber sprangen hinab in das Wasser, um lieber zu sterben. Keine einzige blieb zurück. Siehst du den Berg mit seiner Felsenmauer dort zur Rechten? Dort hinauf hatten sich die Leute von Lizan gerettet, weil sie sich dort sicher glaubten, denn sie konnten von unten gar nicht angegriffen werden. Aber sie hatten nur wenig Speise und Wasser bei sich. Um nicht zu verhungern, mußten sie sich Beder-Khan-Bey ergeben. Er versprach ihnen mit seinem heiligsten Eid die Freiheit und das Leben; nur die Waffen sollten sie abliefern. Dies geschah; er aber brach seinen Schwur und ließ sie mit Säbel und Messer ermorden. Und als den Kurden von dieser blutigen Arbeit die Arme weh thaten, da machten sie es sich leichter: sie stürzten die Christen von der neunhundert Fuß hohen Felsenwand herab: Greise, Männer, Frauen und Kinder. Von mehr als tausend Chaldani entkam nur ein einziger, um zu erzählen, was da oben geschehen war. Soll ich dir noch mehr erzählen, Chodih?«
»Halte ein!« wehrte ich schaudernd ab.
»Und nun sitzt der Sohn eines dieser Ungeheuer hier im Hause des Melek von Lizan. Glaubst du, daß er Gnade finden wird?«
Wie mußte es bei diesen Worten dem Bey von Gumri zu Mute sein! Er zuckte mit keiner Wimper; er war zu stolz, um sich zu verteidigen. Ich aber antwortete:
»Er wird Gnade finden!«
»Glaubst du dies wirklich?«
»Ja. Er trägt nicht die Schuld von dem, was andere thaten. Der Melek hat ihm Gastfreundschaft versprochen, und ich selbst werde nur dann Lizan verlassen, wenn er sich in Sicherheit an meiner Seite befindet.«
Die Alte senkte nachdenklich den ergrauten Kopf. Dann fragte sie:
»So ist er dein Freund?«
»Ja. Ich bin sein Gast.«
»Herr, das ist schlimm für dich!«
»Warum? Denkst du, daß der Melek sein Wort brechen wird?«
»Er bricht es nie,« antwortete sie stolz. »Aber der Bey wird bis an seinen Tod hier gefangen bleiben, und da du ihn nicht verlassen willst, so wirst du deine Heimat niemals wiedersehen.«
»Das steht in Gottes Hand. Weißt du, was der Melek über uns beschlossen hat? Sind wir nur auf dieses Haus beschränkt?«
»Du allein nicht, aber die andern sämtlich.«
»So darf ich frei umhergehen?«
»Ja, wenn du dir einen Begleiter gefallen lässest. Du sollst nicht Gastfreundschaft wie sie, sondern Gastfreiheit erhalten.«
»So werde ich jetzt einmal mit dem Melek sprechen. Darf ich dich geleiten?«
»O Herr, dein Herz ist voller Güte. Ja, führe mich, damit ich rühmen kann, daß mir noch niemals solche Gnade widerfahren ist!«
Sie erhob sich mit mir und hing sich an meinen Arm. Wir verließen das luftige Gemach und stiegen die Treppe nieder, die in das untere Geschoß führte. Hier trennte sich die Alte von mir, und ich trat hinaus auf den freien Raum vor dem Hause, wo eine große Anzahl der Chaldäer versammelt war. Nedschir-Bey stand bei ihnen. Als er mich erblickte, trat er auf mich zu.
»Wen suchest du hier?« fragte er mich in rohem Tone.
»Den Melek,« antwortete ich ruhig.
»Er hat keine Zeit für dich; gehe wieder hinauf!«
»Ich bin gewöhnt, zu thun, was mir beliebt. Befiehl deinen Knechten, nicht aber einem freien Mann, dem du nichts zu gebieten hast!«
Da trat er näher an mich heran und streckte seine mächtigen Glieder. In seinen Augen funkelte ein Licht, das mir sagte, daß der erwartete Zusammenstoß jetzt geschehen werde. So viel stand sicher: wenn ich ihn nicht gleich auf der Stelle unschädlich machte, so war es um mich geschehen.
»Wirst du gehorchen?« drohte er.
»Knabe, mache dich nicht lächerlich!« entgegnete ich lachend.
»Knabe!« brüllte er. »Hier nimm den Lohn!«
Er schlug nach meinem Kopfe; ich parierte mit dem linken Arme den Hieb und ließ dann meine rechte Faust mit solcher Gewalt an seine Schläfe sausen, daß ich glaubte, sämtliche Finger seien mir zerbrochen. Er stürzte lautlos zusammen und lag steif wie ein Klotz.
Die Umstehenden wichen scheu zurück; einer aber rief:
»Er hat ihn erschlagen!«
»Ich habe ihn betäubt,« antwortete ich. »Werft ihn in das Wasser, so wird er die Besinnung bald wieder finden.«
»Chodih, was hast du gethan!« erscholl es hinter mir.
Ich wandte mich um und erblickte den Melek, welcher soeben aus der Thür getreten war.
»Ich?« fragte ich. »Hast du diesen Mann nicht vor mir gewarnt? Er schlug dennoch nach mir. Sage ihm, er soll es ja nicht wieder thun, sonst werden seine Töchter weinen, seine Söhne klagen, und seine Freunde trauern!«
»Ist er nicht tot?«
»Nein. Beim nächsten Male aber wird er tot sein.«
»Herr, du bereitest deinen Feinden Aerger und deinen Freunden Sorge. Wie soll ich dich schützen, wenn du dich nach immerwährendem Kampfe sehnst?«
»Sage dies dem Raïs, denn es ist sehr wahrscheinlich, daß du zu schwach bist, ihn vor meinem Arme zu beschützen. Erlaubst du ihm, mich zu beleidigen, so gieb nicht mir die Schuld, wenn ich ihn Anstand lehre.«
»Herr, gehe fort; er kommt jetzt wieder zu sich!«
»Soll ich vor einem Manne fliehen, den ich niedergeschlagen habe?«
»Er wird dich töten!«
»Pah! Ich werde keine Hand zu rühren brauchen. Passe auf!«
Meine Gefährten hatten von ihrer offenen Wohnung aus den ganzen Vorgang mit angesehen. Ich winkte ihnen mit dem Auge, und sie wußten, was ich von ihnen begehrte.
Man hatte den Kopf des Raïs mit Wasser gewaschen. Jetzt richtete er sich langsam empor. Auf einen Faustkampf durfte ich es nicht ankommen lassen, denn sowohl mein Arm, mit dem ich seinen Hieb pariert hatte, als auch meine rechte Hand war in den wenigen Augenblicken ganz beträchtlich angeschwollen; ich mußte froh sein, daß mir dieser Goliath nicht den Arm zerschmettert hatte. -- Jetzt erblickte er mich, und mit einem heiseren Wutschrei stürzte er auf mich zu. Der Melek suchte ihn zu halten; auch einige andere griffen zu, aber er war stärker als sie und rang sich los. Jetzt wandte ich das Gesicht nach dem Hause hin und rief ihm zu:
»Nedschir-Bey, blicke da hinauf!«
Er folgte der Richtung meiner Augen und sah die Gewehre aller meiner Gefährten auf sich gerichtet. Er hatte doch genug Besinnung, um diese Sprache zu verstehen. Er blieb halten und erhob die Faust.
»Mann, du begegnest mir wieder!« drohte er.
Ich zuckte nur die Achsel, und er ging davon.
»Chodih,« meinte der noch vor Anstrengung keuchende Melek, »du befandest dich in einer großen Gefahr!«
»Sie war sehr klein. Ein einziger Blick hinauf nach meinen Leuten hat diesen Mann unschädlich gemacht.«
»Hüte dich vor ihm!«
»Ich bin dein Gast. Sorge dafür, daß er mich nicht beleidigt!«
»Man sagte mir, daß du mich suchest?«
»Ja. Ich wollte dich fragen, ob ich frei in Lizan umhergehen kann.«
»Du kannst es.«
»Aber du wirst mir eine Begleitung geben?«
»Nur zu deiner Sicherheit.«
»Ich verstehe dich und füge mich darein. Wer wird mein Aufseher sein?«
»Nicht Aufseher, sondern Beschützer, Chodih. Ich gebe einen Karuhja an deine Seite.«
Also einen Vorleser, einen Geistlichen! Das war mir lieb und recht.
»Wo ist er?« fragte ich.
»Hier im Hause wohnt er bei mir. Ich werde ihn dir senden.«
Er trat in das Innere des Gebäudes, und bald darauf kam ein Mann heraus, der in den mittleren Jahren stand. Er trug zwar die gewöhnliche Kleidung dieser Gegend, aber in seinem Wesen hatte er etwas an sich, was auf seinen Beruf schließen ließ. Er grüßte mich sehr höflich und fragte nach meinem Begehr.
»Du sollst mich auf meinen Wegen begleiten!« sagte ich.
»Ja, Herr. Der Melek will es so.«
»Ich wünsche vor allen Dingen, mir Lizan anzusehen. Willst du mich führen?«
»Ich weiß nicht, ob ich darf, Chodih. Wir erwarten jeden Augenblick die Nachricht von dem Eintreffen der Berwarikurden, welche kommen werden, um euch und ihren Bey zu befreien.«
»Ich habe versprochen, Lizan nicht ohne den Willen des Melek zu verlassen. Ist dir dies genug?«
»Ich will dir trauen, obgleich ich verantwortlich bin für alles, was du während meiner Gegenwart unternimmst. Was willst du zunächst sehen?«
»Ich möchte den Berg besteigen, von welchem Beder-Khan-Bey die Chaldani herabstürzen ließ.«
»Es ist sehr schwer emporzukommen. Kannst du gut klettern?«
»Sei ohne Sorge!«
»So komm und folge mir!«
Während wir gingen, beschloß ich, den Karuhja nach seinen Religionsverhältnissen zu fragen. Ich war mit denselben so wenig vertraut, daß mir eine Aufklärung nur lieb sein konnte. Er kam mir mit einer Frage recht glücklich entgegen:
»Bist du ein Moslem, Chodih?«
»Hat dir der Melek nicht gesagt, daß ich ein Christ bin?«
»Nein; aber ein Chaldani bist du nicht. Gehörst du vielleicht zu dem Glauben, welchen die Missionare aus Inglistan predigen?«
Ich verneinte, und er sagte:
»Das freut mich sehr, Herr!«
»Warum?« fragte ich.
»Ich mag von ihrem Glauben nichts wissen, weil ich von ihnen selbst nichts wissen mag.«
Mit diesen wenigen Worten hatte dieser einfache Mann alles gesagt, was sich überhaupt über diese Leute sagen läßt.
»Bist du mit einem von ihnen zusammengetroffen?« fragte ich.
»Mit mehreren; aber ich habe den Staub von meinen Füßen geschüttelt und bin wieder fortgegangen. Kennst du die Lehren unsers Glaubens?«
»Nicht genau.«
»Du möchtest sie wohl auch nicht kennen lernen?«
»O doch, sehr gern. Habt ihr ein Glaubensbekenntnis?«
»Jawohl, und ein jeder Chaldani muß es täglich zweimal beten.«
»Bitte, sage es mir!«
»Wir glauben an einen einzigen Gott, den allmächtigen Schöpfer und Vater aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge. Wir glauben an den Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, der da der einzig geborene Sohn seines Vaters ist vor aller Welt, der nicht geschaffen wurde, sondern der da ist der wahre Gott des wahren Gottes; der da ist von demselben Wesen mit dem Vater, durch dessen Hände die Welt gemacht und alle Dinge geschaffen wurden; der für uns Menschen und zu unserer Seligkeit vom Himmel herabgestiegen ist, durch den heiligen Geist Fleisch ward und Mensch wurde, empfangen und geboren von der Jungfrau Maria; der da litt und gekreuzigt wurde zur Zeit des Pontius Pilatus, und starb und wurde begraben; der da am dritten Tage wieder auferstand, wie in der Schrift verkündigt war, und fuhr gen Himmel, um zu sitzen zur Rechten seines Vaters und wiederzukommen, um zu richten die Lebendigen und die Toten. Und wir glauben an einen heiligen Geist, den Geist der Wahrheit, welcher ausging von dem Vater, den Geist, der da erleuchtet. Und an eine heilige, allgemeine Kirche. Wir erkennen zur Erlassung der Sünden eine heilige Taufe an und eine Auferstehung des Leibes und ein ewiges Leben!«
Nach einer Pause fragte ich:
»Haltet ihr auch die Fasten?«
»Sehr streng,« antwortete er. »Wir dürfen während hundertzweiundfünfzig Tagen keine Nahrung aus dem Tierreiche, auch keinen Fisch essen, und der Patriarch genießt überhaupt nur Nahrung aus dem Pflanzenreiche.«
»Wie viele Sakramente habt ihr?«
Er wollte mir eben antworten; aber unsere für mich so interessante Unterhaltung wurde von zwei Reitern unterbrochen, die im Galopp auf uns zugesprengt kamen.
»Was giebt es?« fragte er sie.
»Die Kurden kommen,« ertönte die Antwort.
»Wo sind sie?«
»Sie haben bereits die Berge überschritten und kommen in das Thal hernieder.«
»Wie viel sind ihrer?«
»Viele Hunderte.«
Dann ritten sie weiter. Der Karnhja blieb halten.
»Chodih, laß uns umkehren!«
»Warum?«
»Ich habe es dem Melek versprochen, falls die Berwari kommen sollten. Du wirst nicht wollen, daß ich mein Wort breche!«
»Du mußt es halten. Komm.«
Als wir den Platz vor dem Hause des Melek erreichten, herrschte dort eine außerordentliche Aufregung; aber ein planvolles Handeln gab es nicht. Der Melek stand mit einigen Unteranführern beisammen; auch der Raïs war bei ihnen.
Ich wollte still vorübergehen und in das Haus eintreten; aber der Melek rief mir zu:
»Chodih, komm her zu uns!«
»Was soll er hier?« zürnte der riesige Raïs. »Er ist ein Fremder, ein Feind; er gehört nicht zu uns!«
»Schweig!« gebot ihm der Melek; dann wandte er sich zu mir: »Herr, ich weiß, was du im Thale Deradsch und bei den Dschesidi erfahren hast. Willst du uns einen Rat geben?«
Diese Frage kam mir natürlich sehr willkommen, dennoch aber antwortete ich:
»Dazu wird es bereits zu spät sein.«
»Warum?«
»Du hättest schon gestern handeln sollen.«
»Wie meinst du dies?«
»Es ist leichter, eine Gefahr zu verhüten, als sie zu bekämpfen, wenn sie schon eingetreten ist. Hättest du die Kurden nicht angegriffen, so brauchtest du dich heute nicht gegen sie zu verteidigen.«
»Das will ich nicht hören.«
»Aber ich wollte es dir dennoch sagen. Wußtest du, daß heute die Kurden kommen würden?«
»Wir alle haben es gewußt.«
»Warum hast du nicht die jenseitigen Pässe besetzt? Du hättest feste Stellungen erhalten, die gar nicht einzunehmen waren. Nun aber haben die Kurden das Gebirge bereits hinter sich und sind dir überlegen.«
»Wir werden kämpfen!«
»Hier?«
»Nein, in der Ebene von Lizan.«
»Dort also willst du sie empfangen?« fragte ich verwundert.
»Ja,« antwortete er zögernd.
»Und du stehst noch hier mit deinen Leuten?«
»Wir müssen ja erst unser Hab und Gut und die Unsrigen retten, ehe wir fort können!«
»O Melek, was seid ihr Chaldani für große Krieger! Seit gestern wußtet ihr, daß die Kurden kommen würden, und habt nichts gethan, um euch zu sichern. Ihr wollt mit ihnen kämpfen und sprecht doch davon, die Euren und euer Eigentum zu flüchten. Ehe ihr damit fertig seid, ist der Feind bereits in Lizan. Gestern habt ihr die Kurden überrascht, und darum wurden sie besiegt; heut aber greifen sie selbst euch an und werden euch verderben!«
»Herr, das mögen wir nicht hören!«
»So werdet ihr es erfahren. Leb wohl, und thue, was du willst!«
Ich machte Miene, in das Haus zu treten; er aber hielt mich am Arme zurück.
»Chodih, rate uns!«
»Ich kann euch nicht raten; ihr habt mich vorher auch nicht um Rat gefragt.«
»Wir werden dir dankbar sein!«