Part 25
»Wenn noch jemand wagt, dieses Haus oder diesen Hof zu betreten, so wird er von dem Hunde zerrissen. Dieser Mann bleibt als Geisel hier.«
»Und ich verlange ihn!« sagte der Nezanum barsch.
»Und ich behalte ihn!« lautete meine Antwort.
»Ich bin Nezanum und gebiete es dir!«
»Laß das Gebieten bleiben! Willst du die Leiche mitnehmen oder nicht?«
»Ich nehme beide, den Toten und den Lebendigen!«
»Ich will nicht grausam sein, sondern dir versprechen, daß dieser Mann nicht in dieser unbequemen Lage bleiben soll. Ich werde ihn mit herunter in die Stube nehmen. Aber jeder Angriff gegen uns würde seinen Tod zur Folge haben!«
Er legte die Hand auf meinen Arm und sagte ernst:
»Schon dieser eine hier, welchen der Hund erwürgt hat, fordert euern Tod. Oder kennen die Tschermaki die Blutrache nicht?«
»Was redest du von Blutrache? Ein Hund hat einen Dieb erbissen. Das ist kein Fall, welcher die Blutrache herausfordert!«
»Er fordert sie, denn Blut ist geflossen, und euer Tier hat es vergossen.«
»Und wenn es so wäre, so geht es dich nichts an. Du hast selbst zu mir gesagt, daß diese Diebe Fremdlinge sind.«
»Es geht mich sehr viel an, denn das Blut ist in meinem Dorfe geflossen, und die Anverwandten des Toten werden die Rechenschaft auch von mir und von allen meinen Leuten fordern. Gieb beide heraus!«
»Nur den Toten!«
»Schweig!« rief er nun laut, während wir bisher ziemlich leise gesprochen hatten. »Ich befehle es dir abermals. Und wenn du nicht gehorchest, so werde ich mir Gehorsam zu verschaffen wissen!«
»Wie wirst du das machen?«
»Die Leiter liegt noch am Hause. Ich laß meine Leute heraufkommen; sie werden dich wohl zwingen!«
»Du vergissest dabei die Hauptsache: -- unten befinden sich vier Männer, die sich vor keinem Menschen fürchten, und hier oben bin ich mit meinem Hunde.«
»Auch ich bin oben!«
»Du würdest sofort unten sein. Paß auf!«
Ehe er es vermuten konnte, faßte ich ihn unter dem rechten Arm und beim linken Oberschenkel und hob ihn empor.
»Chodih!« brüllte er.
Ich ließ ihn wieder nieder.
»Was hätte mich gehindert, dich hinabzuwerfen? Nun gehe und sage deinen Männern, was du gehört hast!«
»Du giebst diesen Mann nicht heraus?«
»Einstweilen noch nicht!«
»So behalte auch den Toten. Du wirst ihn bezahlen müssen!«
Er stieg nicht wieder in das Innere des Hauses, sondern gleich an der Leiter hinab, welche an der Außenseite desselben lehnte.
»Und sage deinen Leuten,« rief ich ihm noch zu, »daß sie fortgehen und diese Leiter mitnehmen sollen. Ich wünsche, dieses Haus frei zu haben, und werde jedem, der vor demselben stehen bleibt, eine Kugel senden!«
Er hatte die Erde erreicht und sprach leise mit den Männern. Ebenso leise wurde ihm geantwortet. Ich konnte kein Wort verstehen. Aber nach einiger Zeit wurde die Leiter weggenommen, und die Versammlung zerstreute sich.
Erst jetzt rief ich dem Hunde zu. Er ließ von dem Manne ab, trat aber nur einen Schritt von ihm weg.
»Stehe auf!« sagte ich zu dem Kurden.
Dieser erhob sich schwerfällig und holte tief Atem. Er war sehr schmächtig von Gestalt, und seine Stimme hatte einen jugendlichen Klang, als er rief: »Chodeh!«[104]
Er sprach nur dies eine Wort aus, aber es klang aus demselben die ganze Fülle der ausgestandenen Todesangst.
»Hast du Waffen bei dir?«
»Ich habe nur diesen Dolch.«
Ich trat zur Sicherheit einen Schritt zurück.
»Lege ihn zu Boden und gehe zwei Schritte von der Stelle weg!«
Er that es, und ich hob den Dolch auf und steckte ihn zu mir.
»Jetzt komm herunter!«
Der Hund blieb oben, und wir stiegen hinab, wo die andern meiner warteten. Ich erzählte ihnen nun, was sich oben zugetragen hatte. Der Engländer betrachtete sich den Gefangenen, welcher höchstens im Anfang der zwanziger Jahre stehen konnte, und sagte dann:
»Master, dieser Kerl sieht sehr ähnlich! Dem Alten! +Yes+!«
Jetzt fand ich dies auch; vorher hatte ich es nicht bemerkt.
»Wahrhaftig! Sollte es sein Sohn sein?«
»Sicher! Sehr sicher! -- Fragt ihn einmal, den Schlingel!«
Verhielt es sich so, dann war allerdings die Sorge des Nezanum um diesen Menschen sehr begründet; aber dann lag auch ein ganz außerordentlicher Bruch der Gastfreundschaft vor.
»Wer bist du?« fragte ich den Gefangenen.
»Ein Kurde,« antwortete er.
»Aus welchem Ort?«
»Aus Mia.«
»Du lügst!«
»Herr, ich sage die Wahrheit!«
»Du bist aus diesem Dorfe!«
Er zögerte nur einen Augenblick, aber es war genug, um mir zu verraten, daß ich recht hatte.
»Ich bin aus Mia!« wiederholte er.
»Was thust du hier so weit von deiner Heimat?«
»Ich bin als Bote des Nezanum von Mia hier.«
»Ich glaube, du kennst den Nezanum von Mia nicht so gut wie den hiesigen; denn du bist der Sohn des letzteren!«
Jetzt erschrak er förmlich, obgleich er sich Mühe gab, dies nicht merken zu lassen.
»Wer hat dir diese Lüge gesagt?« fragte er.
»Ich lasse mich nicht belügen -- weder von dir noch von anderen. Ich werde bereits in der Frühe wissen, wer du bist, und dann giebt es keine Gnade, falls du mich betrogen hast!«
Er blickte verlegen vor sich nieder. Ich mußte ihm zu Hilfe kommen: »Wie du dich verhältst, so wirst du behandelt. Bist du aufrichtig, so will ich dir verzeihen, weil du zu jung warst, um dir alles vorher zu überlegen. Verharrst du aber in deiner Verstocktheit, so giebt es keine andere Gesellschaft für dich, als meinen Hund!«
»Chodih, du wirst es doch erfahren,« antwortete er nun. »Ja, ich bin der Sohn des Nezanum.«
»Was suchtet ihr in diesem Hause?« fuhr ich in dem Verhöre fort.
»Die Pferde!«
»Wie wolltet ihr sie fortbringen?«
»Wir hätten euch eingeriegelt und die beiden Thüren geöffnet; dann waren die Pferde unser.«
Dieses Geständnis war gar nicht genug beschämend für ihn, denn bei den Kurden gilt der Pferdediebstahl ebenso wie der offene räuberische Ueberfall für eine ritterliche That.
»Wer ist der Tote, welcher oben liegt?«
»Der Besitzer dieses Hauses.«
»Sehr klug! Er mußte vorangehen, weil er die Schliche am besten kannte. Aber warum bist grad du ihm gefolgt? Es waren doch noch andere und stärkere Männer vorhanden!«
»Der Hengst, welchen du rittest, Chodih, sollte meinem Vater gehören, und ich mußte dafür sorgen, daß kein anderer ihn beim Zügel ergriff; denn wer ein Pferd zuerst ergreift, hat das Recht darauf.«
»Also dein Vater hat selbst den Diebstahl anbefohlen? Dein Vater, welcher mir die Gastfreundschaft zusagte!«
»Er hat sie dir zugesagt, aber ihr seid dennoch nicht unsere Gäste.«
»Warum nicht?« fragte ich verwundert.
»Ihr wohnt allein in diesem Hause. Wo habt ihr den Wirt, dessen Gast ihr seid? Hättet ihr verlangt, daß der Besitzer dieser Wohnung in derselben bleiben solle, so wäret ihr unsere Gäste gewesen.«
Hier bekam ich eine Lehre, welche mir später nützlich sein konnte.
»Aber dein Vater hat mir ja Sicherheit versprochen und gelobt!«
»Er braucht sein Versprechen nicht zu halten, da ihr nicht unsere Gäste seid.«
»Mein Hund hat den Wirt getötet. Ist dies bei euch ein Grund zur Blutrache?«
Er bejahte es, und ich examinierte weiter:
»Wer ist der Rächer?«
»Der Tote hat einen Sohn hier.«
»Ich bin mit dir zufrieden. Du kannst nach Hause gehen!«
»Chodih,« rief er freudig erstaunt, »ist dies dein Ernst?«
»Ja. Ich habe dir gesagt, daß du behandelt werden sollst ganz so, wie du dich verhältst. Du bist aufrichtig gewesen, und so sollst du deine Freiheit haben. Sage deinem Vater, daß die Tschermaki sehr friedliche Leute sind, die zwar keinem Menschen nach dem Leben trachten, aber sich auch, wenn man sie beleidigt oder gar angreift, gehörig zu verteidigen wissen. Daß der Wirt gestorben ist, das thut mir leid; aber er selbst trägt die Schuld daran, und ich werde den Rächer seines Blutes nicht fürchten.«
»Du könntest ihm ja den Preis bezahlen. Ich will mit ihm reden.«
»Ich bezahle nichts. Hätte der Mann uns nicht berauben wollen, so wäre ihm nichts Uebles geschehen.«
»Aber Herr, man wird euch töten, einen wie den andern, sobald der Tag anbricht!«
»Obschon ich dir die Freiheit und das Leben geschenkt habe?«
»Ja, dennoch! Du bist gut gegen mich, und darum will ich dich warnen. Man will eure Pferde, eure Waffen und auch euer Geld haben, und so wird man euch nicht erlauben, das Dorf zu verlassen, bis ihr dies alles hergegeben habt. Und außerdem wird der Rächer noch dein Blut verlangen.«
»Man wird weder unser Geld noch unsere Waffen und Pferde erhalten, und mein Leben steht in der Hand Gottes, aber nicht in der Hand eines Kurden. Ihr habt unsere Waffen gesehen, als ich nach einem Baum und einem Zweige schoß; ihr werdet ihre volle Wirkung kennen lernen -- erst dann, wenn wir auf Menschen zielen.«
»Chodih, eure Waffen werden uns nichts thun; denn wir werden uns in die beiden Häuser legen, welche hier gegenüber stehen, und können euch durch die Fenster niederschießen, ohne daß ihr uns zu sehen bekommt.«
»Also eine Belagerung!« bemerkte ich. »Sie wird nicht lange dauern.«
»Das wissen wir. Ihr habt nichts zu essen und zu trinken und müßt doch endlich geben, was wir verlangen,« meinte der junge Kurde.
»Das fragt sich sehr! Sage deinem Vater, daß wir Freunde des Bey von Gumri sind.«
»Darauf wird er nicht hören. Ein Pferd ist mehr wert als die Freundschaft eines Bey.«
»So sind wir fertig. Du kannst gehen; hier ist dein Dolch!«
»Chodih, wir werden euch die Pferde und alles andere nehmen, aber wir werden euch als wackere und gute Männer ehren!«
Das war so naiv, wie nur ein Kurde sein kann. Ich ließ ihn zur Thür hinaus, während sich hinter mir laute Stimmen erhoben.
»Master,« rief Lindsay, »Ihr laßt ihn frei?«
»Weil es besser für uns ist.«
»So erzählt doch! Was sagte er? Muß alles wissen! +Yes!+«
Ich berichtete mein ganzes Gespräch mit dem Kurden, und die Nachricht, daß der Nezanum es sei, dem wir den Ueberfall zu verdanken hatten, brachte mir eine Flut der kräftigsten Ausdrücke zu Gehör.
»Und du hast diesen Dieb freigelassen, Emir!« sagte Mohammed Emin vorwurfsvoll. »Aber warum?«
»Zunächst aus Teilnahme für ihn, sodann aber auch aus Berechnung. Behalten wir ihn hier, so ist er uns hinderlich, und wir müssen ihn speisen, während wir selbst Mangel haben. Nun aber ist er voll von Dankbarkeit gegen uns und wird eher zur Sühne als zum Streite raten. Wir wissen nicht, was vorkommen kann, und werden nur dann sicher sein und ohne Erschwerung handeln können, wenn wir unter uns allein sind.«
Diese Ansicht erhielt die Zustimmung aller. Vom Schlafe war ohnehin keine Rede mehr, und so beschlossen wir, auf unserer Hut zu sein.
Da stieß mich Halef am Arm und sagte:
»Sihdi, da hast du doch nun Zeit, an das Geschenk zu denken, welches mir der Mann in Amadijah für dich gegeben hat.«
Ja richtig, an das Etui hatte ich ja gar nicht mehr gedacht.
»Bringe es her!«
Ich öffnete und konnte einen Ruf der Bewunderung nicht unterdrücken. Das Etui war von sehr schöner, sauberer Arbeit, aber was war es im Vergleich zu seinem Inhalt! Ein persisches Kaliuhn[105] zum Tabakrauchen beim Reiten befand sich darin. Es war eine teuere Pfeife, um deren Besitz mich sogar der Engländer beneiden wollte. Schade, daß ich sie nicht gleich anrauchen konnte, da wir nur einige Schlucke Wasser hatten!
»Gab er dir auch etwas, Halef?« fragte ich den Diener.
»Ja, Sihdi. Fünf goldene Medschidje. Sihdi, es ist doch manchmal gut, daß Allah auch tolle Kirschen wachsen läßt, wie du jene Beere nennst. Allah illa Allah! Er weiß am besten, was er thut!« -- --
Als der Tag zu grauen begann, begaben wir uns auf das Dach, von wo aus wir den größten Teil des Dorfes überblicken konnten. Wir sahen nur in der Ferne einige Männer stehen, welche unser Haus zu beobachten schienen; in der Nähe aber regte sich niemand. Nach kurzer Zeit that sich jedoch die Thüre eines der gegenüberliegenden Häuser auf, und es traten zwei Männer hervor, welche zu uns herüberkamen. Auf der Mitte des Weges blieben sie stehen.
»Werdet ihr schießen?« fragte der eine.
»Nein. Ihr habt uns ja noch nichts gethan,« antwortete ich.
»Wir sind ohne Waffen. Dürfen wir den Toten holen?«
»Kommt herauf!«
Halef stieg hinab, um die Thüre zu öffnen, und die beiden Kurden kamen auf das Dach.
»Seid ihr verwandt mit dem Toten?« redete ich sie an.
»Nein. Wenn wir Verwandte desselben wären, kämen wir nicht herauf zu dir, Chodih.«
»Warum nicht?«
»Wir könnten ihn besser rächen, wenn du uns nicht kennst.«
Wieder eine Lehre, welche mir bewies, wie viel ein Mensch zu lernen hat.
»Schafft ihn fort!« sagte ich.
»Wir haben dir zuvor eine Botschaft von dem Nezanum auszurichten.«
»Was läßt er uns sagen?«
»Er sendet dir seinen Dank dafür, daß du ihm den Sohn geschickt hast, der doch in deinen Händen war.«
»Ist dies alles?«
»Sodann fordert er von euch die Pferde, die Waffen und alles Geld, das ihr bei euch habt. Dann sollt ihr in Frieden ziehen dürfen. Eure Kleider hat er nicht verlangt, weil du barmherzig gegen seinen Sohn gewesen bist.«
»Sagt ihm, daß er nichts bekommen wird.«
»Du wirst es dir anders überlegen, Chodih! Aber wir haben dir auch noch eine andere Botschaft zu bringen.«
»Von wem?«
»Von dem Sohne dieses Toten.«
»Was läßt er mir sagen?«
»Du sollst ihm dein Leben geben.«
»Ich will es ihm geben.«
»Herr, ist dies wahr?« fragte der Mann erstaunt.
»Ja. Sage ihm, er soll zu mir kommen und es sich mitnehmen!«
»Herr, du scherzest in einer ernsten Sache. Wir haben den Auftrag, dein Leben oder den Blutpreis zu fordern.«
»Wie viel verlangt er?«
»Vier solche Gewehre, wie du hast, mit denen man immerfort schießen kann, und fünf solche kleine Pistolen, aus der du sechs Schüsse thatest. Sodann drei Pferde und zwei Maultiere.«
»Ich habe diese Sachen nicht!«
»So schickst du nach ihnen und bleibst so lange hier, bis sie kommen.«
»Ich gebe nichts!«
»So wirst du sterben müssen. Siehst du den Gewehrlauf dort aus dem Fenster ragen? Das ist sein Gewehr. Von dem Augenblick an, da ich ihm deine Antwort bringe, wird er auf dich schießen.«
»Er mag es thun.«
»Und ihr wollt auch das andere nicht geben?«
»Nein. Holt euch selbst unsere Habe!«
»So mag der Kampf beginnen!«
Sie hoben ihren Toten auf und trugen ihn auf der Leiter hinab und zum Hause hinaus. Wir verriegelten hinter uns die Thüre. Natürlich mußte ich den Gefährten die Forderung der beiden Abgesandten verdolmetschen. Die Araber waren sehr ernst; sie kannten die Tücken und Grausamkeiten der Blutrache zu genau; aber der Engländer schnitt ein vergnügtes Gesicht.
»Oh, herrlich! Belagerung! Bombardement! Bresche schießen! Sturm laufen! +Well!+ Werden es aber nicht thun, Sir!«
»Sie werden es thun, Master Lindsay; sie werden uns bombardieren und auf uns schießen, sobald wir uns sehen lassen, denn -- -- --«
Als augenblickliche Betätigung meiner Worte fiel ein Schuß, noch einer, drei, vier -- -- -- und dazu hörten wir Dojan laut auf dem Dache bellen. Ich eilte zur Leiter empor und steckte den Kopf vorsichtig aus der Bodenöffnung heraus. Es bot sich mir ein spaßhafter Anblick. Man schoß aus den beiden Häusern da drüben auf den Hund. Dieser merkte das und bellte die an ihm vorüberfliegenden Kugeln an. Ich rief ihn zu mir her, nahm ihn auf die Arme und trug ihn hinab.
»Seht Ihr's, Master, daß ich recht habe? Sie schossen bereits auf den Hund.«
»+Well!+ Werde probieren, ob auch auf Menschen!«
Er öffnete die Thüre des Hauses und trat zwei Schritte vor dasselbe hinaus.
»Was fällt Euch ein, Sir! Wollt Ihr gleich hereinkommen?«
»Pshaw! Haben schlechtes Pulver. Hätten sonst den Hund getroffen!«
Drüben krachte ein Schuß, und die Kugel flog in die Mauer. Lindsay sah sich um und deutete mit dem Zeigefinger auf das Loch, welches sie gebohrt hatte, um dem Schützen zu zeigen, daß er auf beinahe vier Ellen weit gefehlt habe. Eine zweite Kugel hätte ihn beinahe getroffen; da trat ich hinaus, faßte ihn und schob ihn hinein. Nun erscholl drüben ein lauter Schrei; ein dritter Schuß krachte, und die Kugel traf ganz in der Nähe meiner Achsel an die Kante der Thüre. Das war sicher des Toten Sohn gewesen, welcher mir durch seinen Ruf andeuten wollte, daß die Kugel aus dem Gewehre des Bluträchers komme. Es war also nun wirklich Ernst geworden.
»Sihdi,« meinte Halef, »schießen wir nicht auch?«
»Jetzt noch nicht.«
»Warum jetzt nicht? Wir schießen besser wie sie, und wenn wir auf ihre Fenster zielen, so werden sie sich sehr in acht zu nehmen haben.«
»Das weiß ich. Aber wir wollen zunächst sehen, ob wir ihnen nicht entrinnen können, ohne einen von ihnen töten zu müssen. Es ist genug an dem Erbissenen.«
»Wie wollen wir entrinnen? Sobald wir mit den Pferden vor die Thüre kommen, werden wir Kugeln erhalten.«
»Aber diese Leute wollen ja die Pferde haben und werden diese also nicht treffen wollen. Wenn wir uns hinter die Tiere verstecken, so schießen sie vielleicht nicht.«
»Oh, Sihdi, ehe sie uns mit den Pferden entkommen lassen, werden sie dieselben lieber töten!«
Das war allerdings wahr. Ich sann und sann, um ein Mittel zu finden, uns ohne Blutvergießen aus dieser fatalen Lage zu befreien; vergeblich! Da erbarmte sich der Engländer meiner.
»Worüber nachdenken, Sir?«
Ich sagte es ihm.
»Warum sollen wir nicht schießen, wenn sie schießen? Dann sind einige kurdische Diebe weniger! Was weiter? Könnten fortkommen, ganz gut! Ohne einen Schuß! -- Hm! Geht aber nicht!«
»Warum nicht?«
»Blamieren uns! Würde aussehen wie Flucht! Wäre skandalös!«
»Das kann uns gleichgültig sein. Ihr wißt, Sir, daß ich mich gewiß nicht zu etwas entschließen werde, was uns in Wirklichkeit blamiert. Also sagt mir Euren Plan.«
»Müssen erst wissen, ob wir auch von hinten belagert werden.«
»Da giebt es kein Gebäude.«
»Aber vom Felde aus!«
»Nun, weiter!«
»Könnten ja ein Loch in die Mauer machen!«
»Ah, wirklich; das ist kein übler Gedanke!«
»+Well+! Sehr gut! Ausgezeichnet! Kommt von Master Lindsay! +Yes+!«
»Aber die Werkzeuge fehlen uns!«
»Habe ja meine Hacke!«
Allerdings hatte er sein >Häcklein< stets am Sattel mit sich geführt; das Ding aber paßte wohl, um das Loch für eine Pflanze in ein Gartenbeet zu machen, nicht aber, um eine Mauer einzureißen.
»Diese Hacke ist zu schwach, Sir. Vielleicht ist im Hofe ein Werkzeug zu finden. Kommt heraus!«
Ich teilte den anderen den Plan des Engländers mit, und sie begleiteten uns. Ich stieg auf die Mauer und sah, daß man dieser Seite des Hauses gar keine Beachtung geschenkt habe; denn nirgends war ein Mensch zu sehen. Die Kurden nahmen jedenfalls an, daß wir der Pferde wegen das Haus nur durch den vorderen Eingang verlassen könnten, und daß sie infolgedessen nur diesen zu blockieren brauchten, um uns in der Falle zu fangen.
»Hier!« hörte ich Lindsay rufen. »Hier ist etwas, Sir!«
Das Ding, welches er triumphierend in die Höhe hob, glich einem an seiner Spitze mit Eisen beschlagenen Hebebaume und war ganz geeignet, ein Stück der alten Mauer in Bresche zu legen.
»Das geht! Nun haben wir dafür zu sorgen, daß wir ungestört arbeiten können und bei den Schützen da drüben keinen Verdacht erwecken. Halef mag die Pferde in den Hof schaffen; Amad legt sich auf das Dach, um Wache zu halten, damit niemand bemerkt, was wir hier thun. Ich und Lindsay werfen die Mauer um, und Mohammed mag zuweilen durch das Fenster einen Schuß abgeben, damit sie denken, daß wir uns alle in der Stube befinden. Gelingt es uns, auf diese Weise hinauszukommen, so brauchen wir doch darum noch keine ehrlose Flucht zu ergreifen, sondern wir reiten in Parade an ihnen vorüber. Sie werden vor Erstaunen ganz sicher das Schießen vergessen.«
Diese Arbeitsteilung bewährte sich ganz vortrefflich. Halef beschäftigte sich mit den Pferden; der Haddedihn hielt in aller Gemütsruhe seine Schießübungen, und der Engländer bohrte energisch an der Mauer herum. Es galt dabei, das Zerstören der Mauer nicht oben, wo es sehr leicht geworden wäre, zu beginnen; denn das hätte uns verraten können. Wir mußten von innen und unten arbeiten, damit man unsere Absicht erst dann bemerken könnte, wenn einige kräftige Stöße genügten, das Werk zu vollenden.
Endlich hatten wir den ersten, großen Stein heraus, und nun folgten die anderen Steine bald nach. Als wir fast zu Ende waren, wurden die beiden Haddedihn gerufen. Ein jeder stellte sich an sein Pferd. Master Lindsay ergriff den Hebebaum zum letzten Stoße.
»Jetzt alles umrennen! +Yes+!«
Er nahm einen Anlauf, stürzte vorwärts und prallte mit solcher Wucht an die Mauer, daß er niederstürzte; aber die letzten Steine prasselten auch zu Boden. Nun wurde in dem Schutt noch ein wenig Bahn gebrochen, dann stiegen wir auf die Pferde. Ein tüchtiger Satz brachte uns über das Geröll hinweg und durch die Bresche hinaus ins Freie. Die Not war zu Ende, noch ehe sie begonnen hatte, und wir verließen eine Herberge, ohne die Rechnung berichtigen zu müssen.
»Wohin jetzt?« fragte Lindsay.
»Im langsamen Trab um die Ecke des Hauses herum und dann im Schritt durch das Dorf. Reitet Ihr voran!«
Er that es. Ihm folgten die drei Araber, und ich machte den Schluß. Wir kamen zwischen unserer verlassenen Wohnung und den beiden Häusern, aus denen man auf uns geschossen hatte, hindurch, und meine Voraussetzung traf wirklich ein: -- es fiel kein einziger Schuß auf uns. Aber wir waren noch gar nicht weit gekommen, so erhoben sich hinter uns laute Rufe. Jetzt gaben wir den Pferden die Sporen und jagten zum Dorfe hinaus.
Hier sahen wir, daß die sämtlichen Pferde des Dorfes sich auf der Weide befanden. Sie graseten in ziemlicher Entfernung von dem Dorfe, so daß wir hoffentlich einen guten Vorsprung gewannen, ehe sie von ihren Reitern bestiegen werden konnten.
Der Weg ging durch ebenes, aber wohl bewässertes Land, welches uns Gelegenheit gab, die Schnelligkeit unserer Pferde vollständig zur Entfaltung zu bringen; nur nicht in Beziehung auf meinen Rappen, der verlangend in die Zügel knirschte und doch gezügelt wurde, weil sonst die andern weit zurückgeblieben wären.
Endlich bemerkten wir hinter uns eine breite Linie von Reitern, welche uns verfolgten.
Mohammed Emin warf jetzt einen besorgten Blick auf das Pferd, welches sein Sohn ritt, und sagte: »Wenn wir dieses Pferd nicht hätten, so würden sie uns wohl nicht erreichen.«
Er hatte recht. Es war das beste Pferd, welches in Amadijah überhaupt zu bekommen gewesen, und dennoch hatte es einen harten Gang und eine so mühsame Atmung, daß es bei einem langen Schnellritt sicherlich sehr bald zusammengebrochen wäre.
»Sihdi,« fragte Halef, »du willst keinen Kurden töten!«
»So lange es zu vermeiden ist, nein.«
»Aber auf ihre Pferde können wir doch wohl schießen?«
»Es wird uns nichts anderes übrig bleiben.«
Er nahm seine lange, arabische Flinte von der Schulter und sah nach dem Schlosse. Auf fünfhundert Schritt Entfernung hatte er mit diesem Gewehre sein Ziel noch nie verfehlt, und meine Büchse trug noch weiter.
Die Verfolger kamen uns immer näher. Ihr lautes Geschrei klang ganz anders als dasjenige, welches man bei einer Phantasia, einem Dscheridwerfen, einem Scheingefechte zu hören bekommt: sie machten Ernst. Einer ritt allen andern voran. Sie näherten sich auf vielleicht fünfhundertfünfzig Schritt; er aber jagte näher, hielt sein Roß an, zielte und schoß. Dieser Mann besaß eine gute Flinte. Wir sahen ganz in unserer Nähe von einem Steine, welchen die Kugel getroffen hatte, einige Splitter abfliegen. Es war ein noch junger Kurde, vielleicht der Bluträcher.
»+Well!+« meinte der Engländer, indem er seine Büchse nahm und das Pferd herumwandte; »geh herunter, Boy!«
Er legte an und drückte ab. Das Pferd des Kurden that einen Satz, taumelte und brach zusammen.
»Kann nach Hause gehen! +Yes!+«
Diesem kaltblütigen, sicheren Schusse folgte ein lautes Schreien der Kurden. Sie hielten an und sprachen miteinander, folgten uns aber alsbald wieder nach. In kurzer Zeit erreichten wir einen breiten Bach, über den es keine Brücke gab. Er war reißend und tief, so daß wir eine Stelle suchen mußten, an welcher der Uebergang sich am besten bewerkstelligen ließ. Dies gab uns natürlich Blößen. Die Kurden hielten. Einige von ihnen aber ritten etwas vor, saßen ab und stellten sich hinter ihre Pferde. Wir sahen, daß sie die Läufe ihrer Flinten über die Rücken ihrer Pferde legten.