Part 12
»Dieser Mann ist sehr arm. Der Sultan schuldet ihm seit elf Monaten sein Gehalt. Aus diesem Grunde hat er jedenfalls das bekannte System aller türkischen Beamten angewandt und die hiesige Bewohnerschaft so ziemlich ausgesaugt. Nun hat niemand mehr etwas, und kein Mensch kann ihm borgen. Deshalb bringt ihn mein Besuch in große Verlegenheit. Er muß mich gastlich empfangen und besitzt die dazu nötigen Mittel nicht. Darum hat er sich einen Hammel und verschiedenes andere geborgt und läßt mich unter der Hand fragen, ob ich reich genug bin, ihm fünfhundert Piaster zu leihen. Das ist nun allerdings ganz türkisch gehandelt, und auf das Zurückerstatten darf man nicht rechnen. Da es aber für uns sehr nötig ist, eine freundliche Gesinnung in ihm zu erwecken, so habe ich beschlossen -- -- --«
Er unterbrach mich mit einer schnellen Handbewegung.
»Gut! Sollt eine Hundertpfundnote haben!«
»Das ist zu viel, Sir! Das wären ja nach dem Kurse von Konstantinopel elftausend Piaster! Ich will ihm fünfhundert Piaster geben und ersuche Euch, dieselbe Summe hinzuzufügen. Er kann damit zufrieden sein.«
»Tausend Piaster! Zu wenig! Habe ja Araber-Scheiks seidenes Gewand geschenkt! Möchte ihn auch sehen. Wenn mit darf, dann alles bezahlen; Ihr nichts geben!«
»Mir soll es recht sein.«
»So sagt Agha, er soll uns machen lassen!«
»Und was werden wir machen?«
»Unterwegs Geschenk kaufen; Geld hinein stecken.«
»Aber nicht zu viel, Sir!«
»Wie viel? Fünftausend Piaster?«
»Zweitausend ist mehr als genug!«
»+Well+; also zweitausend! Fertig!«
Ich kehrte zu Selim Agha zurück.
»Sage dem Kommandanten, daß ich mit einem von meinen Begleitern kommen werde!«
»Wann?«
»In kurzem.«
»Deinen Namen kennt er bereits; welchen Namen soll ich ihm noch sagen?«
»Hadschi Lindsay-Bey.«
»Hadschi Lindsay-Bey. Gut! Und die Piaster, Emir?«
»Wir bitten um die Erlaubnis, ihm ein Geschenk mitbringen zu dürfen.«
»Dann muß er Euch auch eins geben!«
»Wir sind nicht arm; wir haben alles, was wir brauchen, und werden uns am meisten freuen, wenn er uns nichts als seine Freundschaft schenkt. Sage ihm das!«
Er ging getröstet und zufriedengestellt davon.
Bereits nach fünf Minuten saß ich mit dem Engländer zu Pferde; ich hatte ihm eingeschärft, ja kein Wort zu sprechen. Halef und der Buluk folgten uns. Den Kurden hatten wir mit dem geliehenen Gewande und vielen Grüßen nach Spandareh zurückgeschickt. Wir ritten durch die Bazars, wo wir gesticktes Zeug zu einem Feierkleide und eine hübsche Börse kauften, in welche der Engländer zwanzig goldene Medschidje zu je hundert Piaster legte. In solchen Dingen war mein guter Master Lindsay nie ein Knauser; das hatte ich zu meinem Vorteile sehr oft erfahren.
Nun ritten wir nach dem Palast des Kommandanten. Vor demselben standen etwa zweihundert Albanesen in Parade, angeführt von zwei Mülasim unter dem Kommando unsers tapfern Selim Agha. Er zog den Sarras und kommandierte:
»Ajakda duryn dykkatli -- steht genau!«
Sie gaben sich herzliche Mühe, diesem Verlangen nachzukommen, bildeten aber doch eine Art Schlangenlinie, die am Ende der Aufstellung in einen sehr gebogenen Schwanz auslief.
»Tschalghy! Islik tscharyn: -- Musik! Pfeift!«
Drei Flöten begannen zu wimmern, und eine türkische Trommel forcierte einen Wirbel, der wie das Leiern einer Kaffeemühle klang.
»Daha giöre! Kuwetlirek! -- lauter, stärker!«
Der gute Agha rollte dabei die Augen nach der geschwindesten Ziffer von Melzels Metronom; die Musikanten thaten es ihm nach, und während dieses künstlerischen und für uns sehr schmeichelhaften Empfanges ritten wir vor den Eingang, um abzusteigen. Die beiden Lieutenants ritten herbei und hielten uns die Steigbügel. Ich griff in die Tasche und gab jedem von ihnen ein silbernes Zehn-Piasterstück. Sie steckten es befriedigt zu sich, ohne im geringsten in ihrer Offiziersehre verletzt zu sein. Der türkische subalterne Offizier ist, besonders in entlegenen Garnisonen, selbst heute noch der Diener seines nächst höheren Vorgesetzten und stets gewohnt, sich als solchen betrachten zu lassen.
Dem Agha gab ich das Zeug und die Börse.
»Melde uns an, und gieb dem Kommandanten dieses Geschenk!«
Er ging würdevoll voran, und wir folgten. Unter dem Thore stand der Nazardschi des Palastes. Er empfing uns jetzt ganz anders als beim ersten Male. Er kreuzte die Arme über der Brust, verbeugte sich tief und murmelte demütig:
»Bendeniz el öpir; aghamin size selami wer -- Euer Diener küßt die Hand; mein Herr läßt sich Euch empfehlen!«
Ich schritt an ihm vorüber, ohne ihm zu antworten, und auch Lindsay that, als habe er ihn gar nicht bemerkt. Ich muß gestehen, daß mein Master Fowling-bull trotz der schreienden Farbe seines Anzuges einen ganz respektablen Eindruck machte. Der Anzug paßte, wie für ihn gemacht, und das Bewußtsein, ein Engländer und dazu auch reich zu sein, gab seiner Haltung eine Sicherheit, die hier ganz am Platze war.
Der Aufseher nahm trotz seiner offenen Mißachtung doch den Vortritt und führte uns eine Treppe empor in einen Raum, der das Vorzimmer zu bilden schien. Dort saßen die Beamten des Kommandanten auf armseligen Teppichen. Sie erhoben sich bei unserm Eintritte und begrüßten uns ehrfurchtsvoll. Es waren meist Türken und einige Kurden dabei. Die letztern machten, wenigstens in Beziehung auf ihr Aeußeres, einen viel bessern Eindruck als die ersteren, die sich in keiner so guten wirtschaftlichen Lage zu befinden schienen. An einer der Fensteröffnungen stand ein Kurde, den man sofort für einen freien Mann der Berge halten mußte. Er schaute mit finsterer, ungeduldiger Miene hinaus ins Freie. Einer der Türken trat auf mich zu:
»Du bist der Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, den der Mutesselim erwartet?«
»Ich bin es.«
»Und dieser Effendi ist Hadschi Lindsay-Bey, welcher das Gelübde gethan hat, nicht zu sprechen?«
»Ja.«
»Ich bin der Basch Kiatib[62] des Kommandanten. Er läßt dich bitten, einige Augenblicke zu warten.«
»Warum? Ich bin nicht gewohnt, zu warten, und er hat gewußt, daß ich komme!«
»Er hat eine wichtige Abhaltung, die nicht lange währen wird.«
Was dies für eine wichtige Abhaltung war, konnte ich bald bemerken. Nämlich ein Diener kam äußerst eilfertig aus dem Zimmer des Mutesselim gestürzt und kehrte nach einiger Zeit mit zwei Büchsen zurück, auf denen die Deckel fehlten. Die größere enthielt Tabak und die kleinere gebrannte Kaffeebohnen. Der Kommandant hatte diese notwendigen Sachen erst nach Empfang unseres Geldes holen lassen können. Vor der Rückkehr seines Dieners trat der Agha aus dem Zimmer des Mutesselim.
»Effendi, verziehe noch einen Augenblick! Du wirst sofort eintreten können!«
Da wandte sich der am Fenster stehende Kurde zu ihm:
»Und wann endlich werde ich eintreten dürfen?«
»Du wirst noch heute vorgelassen.«
»Noch heute? Ich bin eher dagewesen als dieser Effendi, und auch eher als alle diese andern. Meine Sache ist notwendig, und ich muß noch heute wieder aufbrechen!«
Selim Agha rollte die Augen.
»Diese Effendis sind ein Emir und ein Bey, du aber bist nur ein Kurde. Du kommst erst nach ihnen!«
»Ich habe ein gleiches Recht wie sie, denn ich bin der Abgesandte eines tapfern Mannes, der auch ein Bey ist!«
Das freimütige, furchtlose Wesen dieses Kurden gefiel mir ungemein, obgleich seine Beschwerde indirekt gegen mich gerichtet war. Den Agha aber schien sie außerordentlich zu erzürnen; denn er begann seinen Augenwirbel von neuem und antwortete:
»Du kommst erst später daran, und vielleicht auch gar nicht. Wenn dir das nicht gefällt, so kannst du gehen! Dir ist ja nicht einmal das Notwendigste bekannt, um vor einem großen, einflußreichen Manne erscheinen zu dürfen!«
Ah, der Kurde hatte also das »Notwendigste«, nämlich das Bakschisch, vergessen. Er ließ sich aber nicht einschüchtern, sondern antwortete:
»Weißt du, was das Notwendigste für einen Berwari-Kurden ist? Dieser Säbel ist es!« Dabei schlug er an den Griff der genannten Waffe. »Willst du eine Probe davon versuchen? Mich sendet der Bey von Gumri; es ist eine Beleidigung für ihn, wenn ich immer von neuem wieder zurückgesetzt werde und warten muß, und er wird wissen, was er darauf zu erwidern hat. Ich gehe!«
»Halt!« rief ich.
Er befand sich bereits an der Thüre. Der Bey von Gumri, an den mich der Aelteste von Spandareh adressiert hatte? Das war eine vortreffliche Gelegenheit, mich vorteilhaft bei ihm anzumelden.
»Was willst du?« fragte er barsch.
Ich schritt auf ihn zu und hielt ihm die Hand entgegen.
»Ich will dich begrüßen, denn das ist ebenso, als ob dein Bey meinen Gruß hörte.«
»Kennst du ihn?«
»Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber man hat mir von ihm erzählt. Er ist ein sehr tapferer Krieger, dem meine Achtung gehört. Willst du mir eine Botschaft an ihn ausrichten?«
»Ja, wenn ich es kann.«
»Du kannst es. Aber vorher werde ich dir beweisen, daß ich den Bey zu ehren weiß: Du sollst vor mir zum Mutesselim eintreten dürfen.«
»Ist dies dein Ernst?«
»Mit einem tapfern Kurden scherzt man nie.«
»Hört ihr es?« wandte er sich zu den andern. »Dieser fremde Emir hat gelernt, was Höflichkeit und Achtung bedeutet. Aber ein Berwari kennt die Sitte ebenso.« Und zu mir gerichtet, fügte er hinzu: »Herr, ich danke dir; du hast mir mein Herz erfreut! Aber ich werde nun gern warten, bis du mit dem Mutesselim gesprochen hast.«
Jetzt war er es, der mir die Hand entgegenstreckte. Ich schlug ein.
»Ich nehme es an, denn ich weiß, daß du nicht lange zu warten haben wirst. Aber sage mir, ob du nach deiner Unterredung mit dem Kommandanten so viel Zeit hast, zu mir zu kommen!«
»Ich werde kommen und dann etwas schneller reiten. Wo wohnest du?«
»Ich wohne hier bei Selim-Agha, dem Obersten der Arnauten.«
Er trat mit einer zustimmenden Kopfbewegung zurück, denn der Diener öffnete die Thüre, um mich und Lindsay eintreten zu lassen.
Das Zimmer, in welches wir gelangten, war mit einer alten, verschossenen Papiertapete bekleidet und hatte an seiner hintern Wand eine kaum fußhohe Erhöhung, die mit einem Teppiche belegt war. Dort saß der Kommandant. Er war ein langer, hagerer Mann mit einem scharfen, wohl frühzeitig gealterten Angesichte. Sein Blick war verschleiert und nicht Vertrauen erweckend. Er erhob sich bei unserem Eintritte und bedeutete uns durch eine Bewegung seiner Hände, zu beiden Seiten von ihm Platz zu nehmen. Mir fiel dies nicht schwer; Master Lindsay aber hatte einige Mühe, sich mit gebogenen Beinen in jene Stellung zu bringen, welche die Türken »Ruhen der Glieder« nennen. Wer sie nicht gewöhnt ist, dem schlafen die untern Extremitäten sehr bald ein, so daß man dann gezwungen ist, sich wieder zu erheben. Ich mußte also aus Rücksicht auf den Engländer dafür sorgen, daß die Unterhaltung nicht gar zu lange dauere.
»Chosch geldin demek; ömriniz tschok ola -- seid mir willkommen; euer Leben möge lang sein!« empfing uns der Kommandant.
»Grad so, wie das deinige,« antwortete ich ihm. »Wir sind von fern her gekommen, um dir zu sagen, daß wir uns freuen, dein Angesicht zu sehen. Möge Segen in deinem Hause wohnen und jedes Werk gelingen, das du unternimmst!«
»Auch euch wünsche ich Heil und Erfolg in allem, was ihr thut! Wie heißt das Land, das deinen Tag gesehen hat, Emir?«
»Germanistan.«
»Hat es einen großen Sultan?«
»Es hat sehr viele Padischahs.«
»Und viele Krieger?«
»Wenn die Padischahs von Germanistan ihre Krieger versammeln, so sehen sie mehrere Millionen Augen auf sich gerichtet.«
»Ich habe dieses Land noch nicht gesehen, aber es muß ein großes und ein berühmtes sein, da du unter dem Schutze des Großherrn stehest.«
Dies war natürlich ein Wink, mich zu legitimiren. Ich that es sogleich:
»Dein Wort ist richtig. Hier hast du das Bu-djeruldi des Padischah!«
Er nahm es, drückte es an Stirn, Mund und Brust und las es.
»Hier lautet doch dein Name anders als Kara Ben Nemsi!«
Ah, das war fatal! Der Umstand, daß ich den mir von Halef gegebenen Namen hier beibehalten hatte, konnte uns schädlich werden; doch faßte ich mich schnell und meinte:
»Willst du mir einmal den Namen vorlesen, der hier auf dem Pergamente steht?«
Er versuchte es, aber es wollte ihm nicht recht gelingen. Und über den Namen des Heimatortes stolperte er vollends gar hinweg.
»Siehest du!« erklärte ich. »Kein Türke kann einen Namen aus Germanistan richtig lesen und aussprechen; kein Mufti und kein Mollah bringt dies fertig, denn unsere Sprache ist sehr schwer und wird in einer andern Schrift geschrieben, als die eurige ist. Ich bin Hadschi Kara Ben Nemsi; das wird dir auch dieser Brief beweisen, welchen der Mutessarif von Mossul mir für dich mitgegeben hat.«
Ich reichte ihm das Schreiben hin. Als er es gelesen hatte, war er befriedigt und gab mir das Bu-djeruldi nach der gebräuchlichen Ceremonie zurück.
»Und dieser Effendi ist Hadschi Lindsay-Bey?« fragte er dann.
»So ist sein Name.«
»Aus welchem Lande ist er?«
»Aus Londonistan,« antwortete ich, um den bekannteren Namen von England zu vermeiden.
»Er hat gelobt, nicht zu sprechen?«
»Er spricht nicht.«
»Und er kann zaubern?«
»Höre, Mutesselin, von der Magie soll man nicht sprechen, wenigstens nicht zu jemand, den man noch nicht kennt.«
»Wir werden uns kennen lernen, denn ich bin ein großer Freund der Magie. Glaubst du, daß man Geld machen kann?«
»Ja, Geld kann man machen.«
»Und daß es einen Stein der Weisen giebt?«
»Es giebt einen, aber er liegt nicht in der Erde, sondern im menschlichen Herzen vergraben und kann also auch nicht durch die Scheidekunst bereitet werden.«
»Du sprichst sehr dunkel; aber ich sehe, daß du ein Kenner der Magie bist. Es giebt eine weiße und eine schwarze. Kennst du alle beide?«
Ich konnte nicht anders, ich mußte lustig antworten:
»O, ich kenne auch alle andern Arten.«
»Es giebt noch andere? Welche?«
»Eine blaue, eine grüne und gelbe, auch eine rote und graue. Dieser Hadschi Lindsay-Bey war erst ein Anhänger der graukarrierten, jetzt aber hat er die schwarzrote angenommen.«
»Das sieht man an seinem Gewande. Selim Agha hat mir erzählt, daß er eine Hacke bei sich führt, mit welcher er in die Erde schlägt, um die Sprachen der Verstorbenen zu erforschen.«
»So ist es. Aber laß uns heute darüber schweigen. Ich bin ein Krieger und Effendi, aber kein Schulmeister, der andere unterrichtet.«
Der brave Kommandant hatte alle Hilfsquellen der ausgesaugten Provinz erschöpft und suchte nun sein Heil in der Magie. Es konnte mir nicht einfallen, ihn in seinem Aberglauben zu bestärken, aber ich hatte in den gegenwärtigen Verhältnissen auch keine Veranlassung, sie ihm wegzudisputieren. Oder hatte ihn nur die berühmte Hacke meines Master Fowling-bull auf den Gedanken gebracht, mit mir über die Magie zu verhandeln? Das war auch möglich. Uebrigens machten meine letzten Worte wenigstens den Eindruck auf ihn, daß er in die Hände klatschte und Kaffee und Pfeifen bringen ließ.
»Ich hörte, daß der Mutessarif einen Kampf mit den Dschesidi gehabt habe?« begann er ein anderes Thema.
Dasselbe war für mich nicht ungefährlich, aber ich wußte nicht, wie ich es hätte abweisen können. Es begann grad wie ein Verhör: »Ich hörte!« Und doch mußte er als der nächste Untergebene des Gouverneur und als Kommandant von Amadijah die Sache nicht bloß vom Hören-Sagen kennen. Ich trat dazu in seine eigenen Fußstapfen:
»Auch ich hörte davon.« Und um einer Frage seinerseits zuvorzukommen, fügte ich hinzu: »Er wird sie gezüchtigt haben, und nun kommen wohl die widerspenstigen Araber an die Reihe.«
Er horchte auf und blickte mich forschend an.
»Woraus vermutest du das, Emir?«
»Weil er selbst mit mir davon sprach.«
»Er selbst? Der Mutessarif?«
»Ja.«
»Wann?«
»Als ich bei ihm war, natürlich.«
»Wie kam er dazu?« erkundigte er sich, ohne eine Miene des Unglaubens ganz verbergen zu können.
»Jedenfalls weil er Vertrauen zu mir hatte und gewillt ist, mir in Beziehung auf diesen Kriegszug eine Aufgabe zu erteilen.«
»Welche?«
»Hast du einmal etwas von Politik und Diplomatik gehört, Mutesselim?«
Er lächelte überlegen.
»Wäre ich Kommandant von Amadijah, wenn ich nicht ein Diplomat wäre?«
»Du hast sehr recht! Aber warum zeigst du mir es nicht, daß du ein solcher bist?«
»Bin ich undiplomatisch gewesen?«
»Sehr!«
»Inwiefern?«
»Weil du mich nach meiner Aufgabe in so direkter Weise fragst, daß ich erstaunen muß. Ich darf von ihr nicht sprechen, und du hättest es nur durch eine feine und kluge Ausforschung erfahren können.«
»Warum dürftest du es mir nicht sagen? Der Mutessarif hat kein Geheimnis vor mir!«
»Du mußtest mich fragen, um etwas über diese Angelegenheit zu erfahren; dies ist doch der sicherste Beweis, daß der Mutessarif gegen mich offenherziger gewesen ist, als gegen dich. Wie nun, wenn ich grad in einer Sache, die auf seinen Einfall in das Gebiet der Araber Bezug hat, nach Amadijah gekommen wäre?«
»Das ist nicht möglich!«
»Das ist sehr möglich! Ich will dir nur soviel vertrauen, daß der Gouverneur mich nach meiner Rückkehr von Amadijah zu den Weideplätzen der Araber senden wird. Ich soll dort heimlich das Terrain studieren, damit ich ihm meine Vorschläge machen kann.«
»Ist dies wahr?«
»Ich sage es dir im Vertrauen, folglich ist es wahr.«
»Dann bist du ein großer Vertrauter von ihm!«
»Vermutlich!«
»Und hast Einfluß auf ihn!«
»Wenn dies der Fall wäre, so dürfte ich es doch nicht behaupten. Sonst könnte ich diesen Einfluß doch sehr leicht verlieren.«
»Emir, du machst mich besorgt!«
»Warum?«
»Ich weiß, daß die Gnade des Mutessarif nicht über mir leuchtet. Sage mir, ob du wirklich sein Freund und Vertrauter bist!«
»Er hat mir mitgeteilt, was er andern vielleicht nicht sagen würde, sogar von seinem Zuge gegen die Dschesidi hat er mir vorher gesagt; ob ich aber sein Freund bin, das ist eine Frage, deren Beantwortung du mir erlassen mußt.«
»Ich werde dich auf die Probe stellen, ob du wirklich mehr weißt, als andere!«
»Thue es!« sagte ich zuversichtlich, obgleich ich innerlich einige Besorgnis fühlte.
»Auf welchen Stamm der Araber hat er es besonders abgesehen?«
»Auf die Schammar.«
»Und auf welche Abteilung derselben?«
»Auf die Haddedihn.«
Jetzt nahm sein scharfes Gesicht einen lauernden Ausdruck an.
»Wie heißt der Scheik derselben?«
»Mohammed Emin. Kennst du ihn?«
»Nein. Aber ich hörte, der Mutessarif soll ihn gefangen genommen haben. Er hat doch sicher davon zu dir gesprochen, da er dir sein Vertrauen schenkte und dich zu den Arabern senden will!«
Dieser gute Mann machte wirklich eine Anstrengung, diplomatisch zu sein! Ich aber lachte ihm in das Gesicht.
»O Mutesselim, du stellst mich da sehr hart auf die Probe! Ist Amad el Ghandur so alt, daß du ihn mit Mohammed Emin, seinem Vater, verwechselst!«
»Wie kann ich sie verwechseln, da ich beide noch nie gesehen habe!«
Ich erhob mich.
»Laß uns unser Gespräch beenden! Ich bin kein Knabe, den man narren darf. Aber wenn du den Gefangenen sehen willst, so gehe hinab in das Gefängnis; der Sergeant wird dir ihn zeigen. Ich sage dir nur: Halte es geheim: wer er ist, und laß ihn ja nicht entkommen! Solange der zukünftige Scheik der Haddedihn sich in der Gewalt des Mutessarif befindet, kann dieser letztere den Arabern Bedingungen stellen. Jetzt erlaube, daß ich gehe!«
»Emir, ich wollte dich nicht beleidigen. Bleibe!«
»Ich habe heute noch anderes zu thun.«
»Du mußt bleiben, denn ich habe dir ein Mahl bereiten lassen!«
»Ich kann in meiner Wohnung speisen und danke dir. Uebrigens steht draußen ein Kurde, der notwendig mit dir zu sprechen hat. Er war eher da als ich, und darum wollte ich ihm den Vortritt lassen; er war aber so höflich, dies abzulehnen.«
»Er ist ein Bote des Bey von Gumri. Er mag warten!«
»Mutesselim, erlaube, daß ich dich vor einem Fehler warne!«
»Vor welchem?«
»Du behandelst diesen Bey wie einen Feind oder doch wie einen Mann, den man nicht zu achten oder zu fürchten braucht!«
Ich sah es ihm an, daß er sich Mühe gab, eine zornige Aufwallung zu beherrschen.
»Willst du mir Lehren geben, Emir, du, den ich gar nicht kenne?«
»Nein. Wie kann ich es wagen, dich belehren zu wollen, da du mehr als mein Alter hast! Bereits als wir von der Magie sprachen, habe ich dir bewiesen, daß ich dich für weiser halte, als daß ich dich belehren könnte. Aber einen Rat darf auch der Jüngere dem Aelteren erteilen!«
»Ich weiß selbst, wie man diese Kurden zu behandeln hat. Sein Vater war Abd el Summit Bey, der meinen Vorgängern und besonders dem armen Selim Zillahi so große Mühe machte!«
»Soll sein Sohn euch dieselbe Mühe machen? Der Mutessarif braucht seine Truppen gegen die Araber, und einen Teil derselben muß er stets gegen die Dschesidi bereit halten, denen er nicht trauen darf. Was wird er sagen, wenn ich ihm mitteile, daß du die Kurden von Berwari so behandelst, daß auch hier ein Aufstand zu befürchten steht, wenn sie merken, daß der Gouverneur augenblicklich nicht die Macht besitzt, ihn niederzudrücken? Thue was du willst, Mutesselim. Ich werde dir weder eine Lehre noch einen Rat erteilen.«
Dieses Argument frappierte ihn; das sah ich ihm an.
»Du meinst, daß ich den Kurden empfangen soll?«
»Thue, was du willst. Ich wiederhole es!«
»Wenn du mir versprichst, bei mir zu essen, so werde ich ihn in deiner Gegenwart hereinkommen lassen.«
»Unter dieser Bedingung kann ich hier bleiben; denn ich gehe meist ja deshalb, damit er nicht meinetwegen noch länger warten müsse.«
Der Mutesselim klatschte in die Hände, und aus einer Nebenthüre trat der Diener ein, welcher den Befehl erhielt, den Kurden hereinzurufen. Dieser schritt in stolzer Haltung in das Zimmer und grüßte mit einem kurzen »Sellam«, ohne sich zu bücken.
»Du bist ein Bote des Bey von Gumri?« fragte der Kommandant.
»Ja.«
»Was hat mir dein Herr zu sagen?«
»Mein Herr? Ein freier Kurde hat nie einen Herrn. Er ist mein Bey, mein Anführer im Kampfe, nicht aber mein Gebieter. Dieses Wort kennen nur die Türken und Perser.«
»Ich habe dich nicht rufen lassen, um mich mit dir zu streiten. Was hast du an mich auszurichten?«
Der Kurde mochte ahnen, daß ich die Ursache sei, daß er nicht länger zu warten brauchte. Er warf mir einen verständnisvollen Blick zu und antwortete sehr ernst und langsam:
»Mutesselim, ich hatte etwas auszurichten; da ich aber so lange warten mußte, habe ich es vergessen. Der Bey muß dir also einen andern Boten senden, der es wohl nicht vergessen wird, wenn er nicht zu warten braucht!«
Das letzte Wort sprach er bereits unter der Thüre; dann war er verschwunden. Der Kommandant machte ein ganz verblüfftes Gesicht. So etwas hatte er nicht erwartet, während ich mir im stillen sagte, daß kein europäischer Ambassadeur korrekter hätte handeln können, als dieser junge, einfache Kurde. Es zuckte mir förmlich in den Beinen, ihm nachzueilen, um ihm meine Achtung und Anerkennung auszusprechen. Auch der Mutesselim wollte ihm nachspringen, aber in etwas anderer Absicht.
»Schurke!« rief er aufspringend. »Ich werde -- --«
Er besann sich aber doch und blieb stehen. Ich stopfte mir sehr gleichmütig meinen Tschibuk und brannte an.
»Was sagst du dazu, Emir?« fragte er.
»Daß ich es so kommen sah. Ein Kurde ist kein heuchelnder Grieche und auch kein schmutziger Jude, der sich nicht einmal krümmt, wenn man ihn tritt. Was wird der Bey von Gumri thun, und was wird der Mutessarif sagen!«
»Du wirst es ihm erzählen?«
»Ich werde schweigen, aber er wird die Folgen sehen.«
»Ich lasse diesen Kurden zurückrufen!«
»Er wird nicht kommen.«
»Ich will ihm ja nicht zürnen!«
»Er wird das nicht glauben. Es giebt nur einen einzigen, der ihn bewegen kann, zurückzukehren.«
»Wer ist das?«
»Ich bin es.«
»Du?«
»Ja. Ich bin sein Freund; er wird vielleicht auf meine Stimme hören.«
»Du bist sein Freund? Du kennst ihn?«
»Ich habe ihn in deinem Vorzimmer zum erstenmal gesehen. Aber ich sprach zu ihm wie zu einem Manne, welcher der Bote eines Bey ist, und das hat ihn sicher zu meinem Freund gemacht.«
»Du weißt jedoch nicht, wo er sich befindet!«
»Ich weiß es.«
»Wo ist er? Fort von Amadijah. Sein Pferd stand unten.«
»Er ist in meiner Wohnung, wohin ich ihn eingeladen habe.«
»Du hast ihn eingeladen? Soll er bei dir essen?«