Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I
Chapter 8
»Ich weiß es nicht; er hat es mir nicht gesagt.«
»Aber sein Diener konnte es sagen.«
Der Kapitän lachte, was sonst seine Angewohnheit nicht war.
»Dieser Mensch ist ein Schelm, der alle Sprachen gehört hat und doch von keiner sehr viel lernte. Er raucht, pfeift und singt den ganzen Tag und giebt, wenn man ihn fragt, Antworten, welche heute wahr und morgen unwahr sind. Ehegestern war er ein Türke, gestern ein Montenegriner, heute ist er ein Druse, und Allah weiß es, was er morgen und übermorgen sein wird.«
»So wirst du also nicht zu mir kommen?«
»Ich komme, nachdem ich eine Pfeife mit dem andern geraucht habe. Allah behüte dich; ich habe noch zu arbeiten.«
Halef war bereits vorausgegangen; ich folgte jetzt nach und streckte mich, in meiner Wohnung angekommen, auf den Diwan, um mir das heutige Erlebnis zurecht zu legen. Dies sollte mir aber nicht gelingen, denn bereits nach kurzer Zeit trat mein Wirt zu mir herein.
»Sallam aaleïkum.«
»Aaleïkum.«
»Effendi, ich komme, um deine Erlaubnis zu holen.«
»Wozu?«
»Es ist ein fremder Sihdi zu mir gekommen und hat mich um eine Wohnung gebeten, die ich ihm auch gegeben habe.«
»Wo liegt diese Wohnung?«
»Droben.«
»So stört mich der Mann ja gar nicht. Thue, was dir beliebt, Scheik.«
»Aber dein Kopf hat viel zu denken, und er hat einen Diener, der sehr viel zu pfeifen und zu singen scheint.«
»Wenn es mir nicht gefällt, so werde ich es ihm verbieten.«
Der besorgte Wirt entfernte sich, und ich war wieder allein, sollte aber doch zu keinem ruhigen Nachdenken kommen, denn ich vernahm die Schritte zweier Menschen, welche, der eine vom Hofe her und der andere von außen her kommend, gerade an meiner Thür zusammentrafen.
»Was willst du hier? Wer bist du?« frug der eine. Ich erkannte an der Stimme Halef, meinen kleinen Diener.
»Wer bist denn du zunächst, und was willst du in diesem Hause?« frug der andere.
»Ich? Ich gehöre in dieses Haus!« meinte Halef sehr entrüstet.
»Ich auch!«
»Wer bist du?«
»Ich bin Hamsad al Dscherbaja.«
»Und ich bin Hadschi Halef Omar Agha.«
»Ein Agha?«
»Ja; der Begleiter und Beschützer meines Herrn.«
»Wer ist dein Herr?«
»Der große Arzt, der hier in dieser Stube wohnt.«
»Ein großer Arzt? Was kuriert er denn?«
»Alles.«
»Alles? Mache mir nichts weis! Es giebt nur einen Einzigen, der alles kurieren kann.«
»Wer ist das?«
»Ich.«
»So bist du auch ein Arzt?«
»Nein. Ich bin auch der Beschützer meines Herrn.«
»Wer ist dein Herr?«
»Das weiß man nicht. Wir sind erst vorhin in dieses Haus gezogen.«
»Ihr konntet draußen bleiben.«
»Warum?«
»Weil ihr unhöfliche Männer seid und keine Antwort gebt, wenn man fragt. Willst du mir sagen, wer dein Herr ist?«
»Ja.«
»Nun?«
»Er ist, er ist – – mein Herr, aber nicht dein Herr.«
»Schlingel!«
Nach diesem letzten Worte hörte ich, daß mein Halef sich höchst indigniert entfernte. Der andere blieb unter dem Eingange stehen und pfiff; dann begann er leise vor sich hin zu brummen und zu summen; nachher kam eine Pause, und darauf fiel er mit halblauter Stimme in ein Lied.
Ich wäre vor freudiger Überraschung beinahe aufgesprungen, denn der Text der beiden Strophen, welche er sang, lauteten in dem Arabisch, dessen er sich bediente:
»Fid-dagle ma tera jekun? Chammin hu Nabuliun. Ma balu-hu jedubb hena? Kussu-hu, ja fitjanena!
Gema’a homr el-elbise Wast el-chala muntasibe. Ma bal hadolik wakifin? Hallu-na nenzor musri’ in!«
Und diese arabischen Verse, welche sich sogar ganz prächtig reimten, klingen in unserm guten Deutsch nicht anders als:
»Was kraucht nur dort im Busch herum? Ich glaub’, es ist Napolium. Was hat er nur zu krauchen dort? Frisch auf, Kam’raden, jagt ihn fort!
Wer hat nur dort im off’nen Feld’ Die roten Hosen hingestellt? Was haben sie zu stehen dort? Frisch auf, Kam’raden, jagt sie fort!«
Auch die Melodie war ganz und gar dieselbe, Note für Note und Ton für Ton. Ich sprang, als er die zweite Strophe beendet hatte, zur Thür, öffnete dieselbe und sah mir den Menschen an. Er trug weite, blaue Pumphosen, eine eben solche Jacke, Lederstiefeletten und einen Fez auf dem Kopfe, war also eine ganz gewöhnliche Erscheinung.
Als er mich sah, stemmte er die Fäuste in die Hüften, stellte sich, als ob er sich aus mir nicht das mindeste mache, vor mich hin und fragte:
»Gefällt es dir, Effendi?«
»Sehr! Woher hast du das Lied?«
»Selbst gemacht.«
»Sage das einem andern, aber nicht mir! Und die Melodien?«
»Selbst gemacht, erst recht!«
»Lügner!«
»Effendi, ich bin Hamsad al Dscherbaja und lasse mich nicht schimpfen!«
»Du bist Hamsad al Dscherbaja und dennoch ein großer Schlingel! Diese Melodie kenne ich.«
»So hat sie einer gesungen oder gepfiffen, der sie von mir gehört hat.«
»Und von wem hast du sie gehört?«
»Von niemand.«
»Du bist unverbesserlich, wie es scheint. Diese Melodie gehört zu einem deutschen Liede.«
»Oh, Effendi, was weißt du von Deutschland!«
»Das Lied heißt:
»Was kraucht nur dort im Busch herum? »Ich glaub’, es ist – – –«
»Hurrjes, wat is mich denn dat!« unterbrach er mich mit jubelndem Tone, da ich diese Worte in deutscher Sprache gesprochen hatte. »Sind Sie man vielleicht een Deutscher?«
»Versteht sich!«
»Wirklich? Ein deutscher Effendi? Woher denn, wenn ich fragen darf, Herr Hekim-Baschi?«
»Aus Sachsen.«
»Een Sachse! Da sollte man doch gleich vor Freede ’n Ofen einreißen! Und Sie sind man wohl een Türke jeworden?«
»Nein. Sie sind ein Preuße?«
»Dat versteht sich! Een Preuße aus’n Jüterbock.«
»Wie kommen Sie hierher?«
»Auf der Bahn, per Schiff, per Pferd und Kamel und auch mit die Beene.«
»Was sind Sie ursprünglich?«
»Balbier unjefähr. Es jefiel mich nicht mehr derheeme, und da jing ich in die weite Welt, bald hierhin, bald dorthin, bis endlich hierher.«
»Sie werden mir das alles erzählen müssen. Wem aber dienen Sie jetzt?«
»Es ist een konstantinopolitanischer Kaufmannssohn und heeßt Isla Ben Maflei, hat schauderhaftes Jeld, dat Kerlchen.«
»Was thut er hier?«
»Weeß ich’s? Er sucht wat.«
»Was denn?«
»Wird wohl vielleicht ’n Frauenzimmer sein.«
»Ein Frauenzimmer? Das wär’ doch sonderbar!«
»Wird aber doch wohl zutreffen.«
»Was sollte es für ein Frauenzimmer sein?«
»Ne Montenegrinerin, ’ne Senitscha oder Senitza, oder wie dat ausjesprochen wird.«
»Wa–a–as? Senitza heißt sie?«
»Ja.«
»Weißt du das gewiß?«
»Versteht sich! Erstens hat er een Bild von ihr; zweetens thut er stets – – halt, er klatscht droben, Herr Effendi; ich muß ’nauf!«
Ich setzte mich nicht wieder nieder, sondern es trieb mich in dem Zimmer auf und ab. Zwar mußte mir dieser Barbier aus Jüterbogk, der sich so poetisch Hamsad al Dscherbaja nannte, höchst interessant sein, noch weit mehr aber war meine Teilnahme für seinen Herrn erwacht, der hier am Nile eine Montenegrinerin suchte, welche den Namen Senitza führte. Unglücklicher Weise aber kamen einige Fellahs, welche Kopfschmerz oder Leibweh hatten, und denen meine Zauberkörner helfen sollten. Sie saßen nach orientalischer Sitte eine ganze Stunde bei mir, ehe ich nur erfahren konnte, was ihnen fehlte, und als ich sie abgefertigt hatte, blieben sie am Platze, bis es ihnen selbst beliebte, die Audienz abzubrechen.
So wurde es Abend. Der Kapitän kam und stieg nach oben, ließ aber seinen schlürfenden Schritt nach einer halben Stunde wieder vernehmen und trat bei mir ein. Halef servierte den Tabak und den Kaffee und zog sich dann zurück. Kurze Zeit später hörte ich ihn mit dem Jüterbogker Türken zanken.
»Ist dein Leck ausgebessert?« fragte ich Hassan.
»Noch nicht. Ich konnte für heute nur das Loch verstopfen und das Wasser auspumpen. Allah giebt morgen wieder einen Tag.«
»Und wann fährst du ab?«
»Übermorgen früh.«
»Du würdest mich mitnehmen?«
»Meine Seele würde sich freuen, dich bei mir zu haben.«
»Wenn ich nun noch jemand mitbrächte?«
»Meine Dahabïe hat noch viel Platz. Wer ist es?«
»Kein Mann, sondern ein Weib.«
»Ein Weib? Hast du dir eine Sklavin gekauft, Effendi?«
»Nein. Sie ist das Weib eines anderen.«
»Der auch mitfahren wird?«
»Nein.«
»So hast du sie ihm abgekauft?«
»Nein.«
»Er hat sie dir geschenkt?«
»Nein. Ich werde sie ihm nehmen.«
»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Du willst sie ihm nehmen, ohne daß er es weiß?«
»Vielleicht.«
»Mann, weißt du, was das ist?«
»Nun?«
»Eine Tschikarma, eine Entführung!«
»Allerdings.«
»Eine Tschikarma, welche mit dem Tode bestraft wird. Ist dein Geist dunkel und deine Seele finster geworden, daß du in das Verderben gehen willst?«
»Nein. Die ganze Angelegenheit ist noch sehr fraglich. Ich weiß, du bist mein Freund und kannst schweigen. Ich werde dir alles erzählen.«
»Öffne die Pforte deines Herzens, mein Sohn. Ich höre!«
Ich erstattete ihm Bericht über mein heutiges Abenteuer, und er hörte mir mit Aufmerksamkeit zu. Als ich fertig war, erhob er sich.
»Steh auf, mein Sohn, nimm deine Pfeife und folge mir!«
»Wohin?«
»Das sollst du sogleich sehen.«
Ich ahnte, was er beabsichtigte, und folgte ihm. Er führte mich hinauf in die Wohnung des Kaufmannes. Der Diener desselben war nicht anwesend, daher traten wir ein, nachdem wir uns zuvor durch ein leichtes Hüsteln angemeldet hatten.
Der Mann, welcher sich erhob, war noch jung; er mochte vielleicht sechsundzwanzig Jahre zählen. Der kostbare Tschibuk, aus welchem er rauchte, sagte mir, daß der Jüterbogker mit seinem »schauderhaftes Jeld« wohl recht haben könne. Er war eine interessante, sympathische Erscheinung, und ich sagte mir gleich in der ersten Minute, daß ich ihm mein Wohlwollen schenken könnte. Der alte Abu el Reïsahn nahm das Wort:
»Das ist der Großhändler Isla Ben Maflei aus Stambul, und das hier ist Effendi Kara Ben Nemsi, mein Freund, den ich liebe.«
»Seid mir beide willkommen und setzt euch!« erwiderte der junge Mann.
Er machte ein sehr erwartungsvolles Gesicht, denn er mußte sich sagen, daß der Kapitän jedenfalls einen guten Grund haben müsse, mich so ohne weiteres bei ihm einzuführen.
»Willst du mir eine Liebe erzeigen, Isla Ben Maflei?« fragte der Alte.
»Gern. Sage mir, was ich thun soll.«
»Erzähle diesem Manne die Geschichte, welche du mir vorhin erzählt hast!«
In den Zügen des Kaufmannes drückte sich Staunen und Mißmut aus.
»Hassan el Reïsahn«, meinte er, »du gelobtest mir Schweigen und hast doch bereits geplaudert!«
»Frage meinen Freund, ob ich ein Wort erzählt habe!«
»Warum bringst du ihn denn herauf und begehrst, daß ich auch zu ihm reden soll?«
»Du sagtest zu mir, ich solle während meiner Fahrt, da, wo ich des Abends anlegen muß, die Augen offen halten, um mich nach dem zu erkundigen, was dir verloren ging. Ich habe meine Augen und meine Ohren bereits schon geöffnet und bringe dir hier diesen Mann, der dir vielleicht Auskunft geben kann.«
Isla sprang, die Pfeife fortwerfend, mit einem einzigen Rucke empor.
»Ist’s wahr? Du könntest mir Auskunft erteilen?«
»Mein Freund Hassan hat kein Wort zu mir gesprochen, und ich weiß daher auch gar nicht, worüber ich dir Auskunft geben könnte. Sprich du zuerst!«
»Effendi, wenn du mir sagen kannst, was ich zu hören wünsche, so werde ich dich besser belohnen, als ein Pascha es könnte!«
»Ich begehre keinen Lohn. Rede!«
»Ich suche eine Jungfrau, welche Senitza heißt.«
»Und ich kenne eine Frau, welche sich denselben Namen gegeben hat.«
»Wo, wo, Effendi? Rede schnell.«
»Magst du mir nicht vorher die Jungfrau beschreiben?«
»O, sie ist schön wie die Rose und herrlich wie die Morgenröte; sie duftet wie die Blüte der Reseda, und ihre Stimme klingt wie der Gesang der Houris. Ihr Haar ist wie der Schweif des Pferdes Gilja, und ihr Fuß ist wie der Fuß von Delila, welche Samson verriet. Ihr Mund träufelt von Worten der Güte, und ihre Augen – – –«
Ich unterbrach ihn durch eine Bewegung meines Armes.
»Isla Ben Maflei, das ist keine Beschreibung, wie ich sie verlange. Sprich nicht mit der Zunge eines Bräutigams, sondern mit den Worten des Verstandes! Seit wann ist sie dir verloren gegangen?«
»Seit zwei Monden.«
»Hatte sie nicht etwas bei sich, woran man sie erkennen kann?«
»O, Effendi, was sollte dies sein?«
»Ein Schmuck vielleicht, ein Ring, eine Kette – – –«
»Ein Ring, ein Ring, ja! Ich gab ihr einen Ring, dessen Gold so dünn war wie Papier, aber er trug eine schöne Perle.«
»Ich habe ihn gesehen.«
»Wo, Effendi? O, sage es schnell! Und wann?«
»Heute, vor wenigen Stunden.«
»Wo?«
»In der Nähe dieses Ortes, nicht weiter als eine Stunde von hier.«
Der junge Mann kniete bei mir nieder und legte mir seine beiden Hände auf die Schultern.
»Ist es wahr? Sagst du keine Unwahrheit? Täuschest du dich nicht?«
»Es ist wahr; ich täusche mich nicht.«
»So komm, erhebe dich; wir müssen hin zu ihr.«
»Das geht nicht.«
»Es geht, es muß gehen! Ich gebe dir tausend Piaster, zwei-, dreitausend Piaster, wenn du mich zu ihr führst!«
»Und wenn du mir hunderttausend Piaster giebst, so kann ich dich heute nicht zu ihr bringen.«
»Wann sonst? Morgen, morgen ganz früh?«
»Nimm deine Pfeife auf, brenne sie an und setze dich! Wer zu schnell handelt, handelt langsam. Wir wollen uns besprechen.«
»Effendi, ich kann nicht. Meine Seele zittert.«
»Brenne deine Pfeife an!«
»Ich habe keine Zeit dazu; ich muß – – –«
»Wohl! Wenn du keine Zeit zu geordneten Worten hast, so muß ich gehen.«
»Bleibe! Ich werde alles thun, was du willst.«
Er setzte sich wieder an seinen Platz und nahm aus dem Becken eine glimmende Kohle, um den Tabak seiner Pfeife in Brand zu stecken.
»Ich bin bereit. Nun sprich!« forderte er mich dann auf.
»Heute schickte ein reicher Ägypter zu mir, zu ihm zu kommen, weil sein Weib krank sei – – –«
»Sein Weib – – –!«
»So ließ er mir sagen.«
»Du gingst?«
»Ich ging.«
»Wer ist dieser Mann?«
»Er nennt sich Abrahim-Mamur und wohnt aufwärts von hier in einem einsamen, halb verfallenen Hause, welches am Ufer des Niles steht.«
»Es wird von einer Mauer umgeben?«
»Ja.«
»Wer konnte dies ahnen! Ich habe alle Städte, Dörfer und Lager am Nile abgeforscht, aber ich dachte nicht, daß dieses Haus bewohnt werde. Ist sie wirklich sein Weib?«
»Ich weiß es nicht, aber ich glaube es nicht.«
»Und krank ist sie?«
»Sehr.«
»Wallahi, bei Gott, er soll es bezahlen, wenn ihr etwas Böses widerfährt. An welcher Krankheit leidet sie?«
»Ihre Krankheit liegt im Herzen. Sie haßt ihn; sie verzehrt sich in Sehnsucht, von ihm fortzukommen, und wird sterben, wenn es nicht bald geschieht.«
»Nicht er, aber sie hat dir das gesagt?«
»Nein, ich habe es beobachtet.«
»Du hast sie gesehen?«
»Ja.«
»Belauscht?«
»Nein. Er führte mich in seine Frauenwohnung, damit ich mit der Kranken sprechen könne.«
»Er selbst? Unmöglich!«
»Er liebt sie – –«
»Allah strafe ihn!«
»Und fürchtete, daß sie sterben werde, wenn er mich wieder fortschickte.«
»So sprachst du auch mit ihr?«
»Ja, aber nur die Worte, welche er mir erlaubte. Aber sie fand Zeit, mir leise zuzuflüstern: »Rette Senitza.« Sie trägt also diesen Namen, obgleich er sie Güzela nennt.«
»Was hast du ihr geantwortet?«
»Daß ich sie retten werde.«
»Effendi, ich liebe dich; dir gehört mein Leben! Er hat sie geraubt und entführt. Er hat sie durch Betrug an sich gerissen. Komm, Effendi, wir wollen gehen. Ich muß wenigstens das Haus sehen, in welchem sie gefangen gehalten wird!«
»Du wirst hier bleiben! Ich gehe morgen wieder hin zu ihr und – – –«
»Ich gehe mit, Sihdi!«
»Du bleibst hier! Kennt sie den Ring, welchen du am Finger trägst?«
»Sie kennt ihn sehr gut.«
»Willst du mir ihn anvertrauen?«
»Gern. Aber wozu?«
»Ich spreche morgen wieder mit ihr und werde es so einzurichten wissen, daß sie den Ring zu sehen bekommt.«
»Sihdi, das ist vortrefflich! Sie wird sogleich ahnen, daß ich in der Nähe bin. Aber dann?«
»Erzähle du zunächst das, was ich wissen muß.«
»Du sollst alles erfahren, Herr. Unser Geschäft ist eines der größten in Istambul; ich bin der einzige Sohn meines Vaters, und während er den Bazar verwaltet und die Diener beaufsichtigt, habe ich die notwendigen Reisen zu unternehmen. Ich war sehr oft auch in Scutari und sah Senitza, als sie mit einer Freundin auf dem See spazieren fuhr. Ich sah sie später wieder. Ihr Vater wohnt nicht in Scutari, sondern auf den schwarzen Bergen; sie kam aber zuweilen herunter, um die Freundin zu besuchen. Als ich vor zwei Monaten wieder an jenen See reiste, war die Freundin mit ihrem Manne verschwunden, und Senitza dazu!«
»Wohin?«
»Niemand wußte es.«
»Auch ihre Eltern nicht?«
»Nein. Ihr Vater, der tapfere Osco, hat die Czernagora verlassen, um nach seinem Kinde zu suchen, so weit die Erde reicht; ich aber mußte nach Ägypten, um Einkäufe zu machen. Auf dem Nile begegnete ich einem Dampfboote, welches aufwärts fuhr. Als der Sandal[26], auf welchem ich war, an ihm vorüberlenkte, hörte ich drüben meinen Namen nennen. Ich blickte hinüber und erkannte Senitza, welche den Schleier vom Gesicht genommen hatte. Neben ihr stand ein schöner, finsterer Mann, der ihr den Jaschmak sofort wieder überwarf – weiter sah ich nichts. Seit dieser Stunde habe ich ihre Spur verfolgt.«
[26] Kleines Segelschiff.
»Du weißt also nicht genau, ob sie ihre Heimat freiwillig oder gezwungen verlassen hat?«
»Freiwillig nicht.«
»Kanntest du den Mann, der neben ihr stand?«
»Nein.«
»Das ist wunderbar! Oder hast du dich in der Person geirrt? Vielleicht ist es eine andere gewesen, die ihr ähnlich sieht.«
»Hätte sie dann gerufen und die Hände nach mir ausgestreckt, Effendi?«
»Das ist wahr.«
»Sihdi, du hast ihr versprochen, sie zu retten?«
»Ja.«
»Wirst du dein Wort halten?«
»Ich halte es, wenn sie es wirklich ist.«
»Du willst mich nicht mitnehmen. Wie kannst du da erkennen, ob sie es ist?«
»Dein Ring wird mir die Überzeugung geben.«
»Und wie wirst du sie dann aus dem Hause bringen?«
»Indem ich dir sage, auf welche Weise du sie holen kannst.«
»Ich werde sie holen, darauf kannst du dich verlassen.«
»Und dann? Hassan el Reïsahn, wärest du bereit, sie in deiner Dahabïe aufzunehmen?«
»Ich bin bereit, obgleich ich den Mann nicht kenne, bei dem sie sich befindet.«
»Er nennt sich Mamur, wie ich dir gesagt habe.«
»Wenn er wirklich ein Mamur, der Beherrscher einer Provinz gewesen ist, so ist er mächtig genug, uns zu verderben, wenn er uns ergreift,« meinte der Kapitän mit ernster Miene. »Eine Entführung wird mit dem Tode beftraft. Mein Freund Kara Ben Nemsi, du wirst morgen sehr klug und vorsichtig handeln müssen.«
Was mich selbst betraf, so dachte ich weniger an die Gefahr als vielmehr an das Abenteuer selbst. Natürlich stand es fest, daß ich keine Hand rühren würde, wenn Abrahim-Mamur ein wirkliches Recht auf die Kranke geltend machen könnte.
Wir besprachen uns noch lange über das bevorstehende Ereignis und trennten uns dann, um schlafen zu gehen, doch war ich überzeugt, daß Isla keine Ruhe finden werde.
Viertes Kapitel.
Eine Entführung.
Da es sehr spät geworden war, als wir schlafen gingen, so wunderte ich mich nicht darüber, daß ich am andern Morgen auch sehr spät erwachte. Ich hätte vielleicht noch länger fortgeschlafen, wenn ich nicht durch den Gesang des Barbiers erweckt worden wäre. Dieser lehnte draußen am Eingangsthore und schien mir zu Ehren seinen ganzen Vorrat an deutschen Liedern erschöpfen zu wollen.
Ich ließ den Sänger hereinkommen, um mich ein Weilchen mit ihm zu unterhalten, und fand in ihm einen recht gutmütigen aber leichtsinnigen Burschen, den ich trotz aller Landsmannschaft sicherlich nicht mit meinem braven Halef vertauscht hätte. Ich ahnte damals nicht, unter was für bösen Verhältnissen ich später mit ihm zusammentreffen würde.
Am Vormittage besuchte ich den Abu el Reïsahn auf seinem Schiffe, und als ich kaum das Mittagsmahl verzehrt hatte, erschien das Boot, welches mich abholen sollte. Halef hatte schon längst fleißigen Ausguck nach demselben gehalten.
»Effendi, fahre ich mit?« fragte er.
Ich schüttelte mit dem Kopfe und antwortete scherzend:
»Heute brauche ich dich nicht.«
»Wie? du brauchst mich nicht?«
»Nein.«
»Wenn dir nun etwas begegnet!«
»Was soll mir begegnen?«
»Du kannst in das Wasser fallen.«
»So schwimme ich.«
»Oder Abrahim-Mamur kann dich töten. Ich habe es ihm angesehen, daß er dein Freund nicht ist.«
»So könntest du mir auch nicht helfen.«
»Nicht? Sihdi, Halef Agha ist der Mann, auf den du dich allzeit verlassen kannst!«
»So komm!«
Es war ihm natürlich sehr um sein Bakschisch[27] zu thun.
[27] Trinkgeld.
Der Weg wurde ganz in derselben Weise zurückgelegt, doch war ich heute natürlich aufmerksamer auf alles, was mir von Nutzen sein konnte. Im Garten, den wir durchschreiten mußten, lagen mehrere starke und ziemlich lange Stangen. Sowohl das Außen- wie auch das Innenthor wurden immer mit breiten, hölzernen Riegeln verschlossen, deren Konstruktion ich mir genau merkte. Einen Hund sah ich nirgends, und von dem Bootssteuerer erfuhr ich, daß außer dem Herrn, der Kranken und einer alten Wärterin elf Fellahs zu dem Hause gehörten und nachts auch in demselben schliefen. Der Herr selbst schlief stets auf dem Diwan seines Selamlük.
Als ich dort eintrat, kam er mir mit einer sichtlich freundlicheren Miene entgegen, als diejenige war, mit welcher er mich gestern entlassen hatte.
»Sei mir willkommen, Effendi! Du bist ein großer Arzt.«
»So!«
»Sie hat bereits gestern schon gegessen.«
»Ah!«
»Sie hat mit der Wärterin gesprochen.«
»Freundlich?«
»Freundlich und viel.«
»Das ist gut. Vielleicht ist sie bereits in weniger als fünf Tagen vollständig gesund.«
»Und heute früh hat sie sogar ein wenig gesungen.«
»Das ist noch besser. Ist sie schon lange dein Weib?«
Sogleich verfinsterte sich sein Gesicht.
»Die Ärzte der Ungläubigen sind sehr neugierig!«
»Wißbegierig nur; aber diese Wißbegierde rettet vielen das Leben oder die Gesundheit, denen eure Ärzte nicht helfen könnten.«
»War deine Frage wirklich notwendig?«
»Ja!«
»Sie ist noch ein Mädchen, obgleich sie mir gehört.«
»So ist die Hilfe sicher.«
Er führte mich wieder nur bis in das Zimmer, in welchem ich gestern warten mußte und in welchem ich auch heute zurückblieb. Ich sah mich genauer um. Fenster gab es nicht; die Lichtöffnungen waren vergittert. Das hölzerne Gitterwerk war so angebracht worden, daß man es öffnen konnte, indem man ein langes, dünnes Riegelstäbchen herauszog. Schnell entschlossen zog ich es heraus und steckte es so hinter das Gitter, daß es nicht bemerkt werden konnte. Kaum war ich damit fertig, so erschien Abrahim wieder. Hinter ihm trat Senitza ein.
Ich ging auf sie zu und legte ihr meine Fragen vor. Unterdessen spielte ich wie im Eifer für die Sache mit dem Ringe, den mir Isla mitgegeben hatte, und ließ ihn dabei aus den Fingern gleiten. Er rollte hin bis an ihre Füße; sie bückte sich schnell und hob ihn auf. Sofort aber trat Abrahim auf sie zu und nahm ihr ihn aus der Hand. So schnell das ging, sie hatte doch Zeit gehabt, einen Blick auf den Ring zu werfen – sie hatte ihn erkannt, das sah ich an ihrem Zusammenzucken und an der unwillkürlichen Bewegung ihrer Hand nach ihrem Herzen. Nun hatte ich für jetzt weiter nichts mehr hier zu thun.
Abrahim fragte, wie ich sie gefunden habe.
»Gott ist gut und allmächtig,« antwortete ich; »er sendet den Seinen Hilfe, oft ehe sie es denken. Wenn er es will, so ist sie morgen bereits gesund. Sie mag die Medizin nehmen, die ich ihr senden werde, und mit Vertrauen warten, bis ich wiederkomme.«
Heute entließ sie mich, ohne ein Wort zu wagen. Im Selamlük harrte Halef bereits mit der Apotheke. Ich gab nichts als ein Zuckerpulver, wofür der kleine Agha ein noch größeres Bakschisch als gestern erhielt. Dann ging es wieder stromabwärts zurück.
Der Kapitän erwartete mich bereits bei dem Kaufherrn.
»Hast du sie gesehen?« rief mir dieser entgegen.
»Ja.«
»Erkannte sie den Ring?«
»Sie erkannte ihn.«
»So weiß sie, daß ich in der Nähe bin!«
»Sie ahnt es. Und wenn sie meine Worte richtig deutet, so weiß sie, daß sie heute nacht errettet wird.«
»Aber wie?«
»Hassan el Reïsahn, bist du mit deinem Lecke fertig?«
»Ich werde fertig bis zum Abend.«
»Bist du bereit, uns aufzunehmen und nach Kairo zu bringen?«
»Ja.«