Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I
Chapter 7
»Wir glauben an einen Gott, welcher derselbe Gott ist, den ihr Allah nennt. Du heißest mich von deinem Standpunkte aus einen Ungläubigen; mit demselben Rechte könnte ich dich von meinem Standpunkte aus ebenso nennen; aber ich thue es nicht, weil wir Nemsi nie die Pflicht der Höflichkeit verletzen.«
»Schweigen wir über den Glauben! Der Moslem darf nicht von seinem Weibe sprechen; aber du erlaubst, daß ich von den Frauen in Frankhistan rede?«
»Ich erlaube es.«
»Wenn das Weib eines Franken krank ist – – –«
Er sah mich an, als ob er eine Bemerkung von mir erwarte; ich winkte ihm nur, in seiner Rede fortzufahren.
»Also wenn sie krank ist und keine Speise zu sich nimmt –«
»Keine?«
»Nicht die geringste!«
»Weiter!«
»Den Glanz ihrer Augen und die Fülle ihrer Wangen verliert – wenn sie müde ist und doch den Genuß des Schlafes nicht mehr kennt – – –«
»Weiter!«
»Wenn sie nur lehnend steht und langsam, schleichend geht – vor Kälte schauert und vor Hitze brennt – – –«
»Ich höre. Fahre fort.«
»Bei jedem Geräusch erschrickt und zusammenzuckt – wenn sie nichts wünscht, nichts liebt, nichts haßt und unter dem Schlage ihres Herzens zittert – – –«
»Immer weiter!«
»Wenn ihr Atem zu sehen ist wie der des kleinen Vogels – wenn sie nicht lacht, nicht weint, nicht spricht – wenn sie kein Wort der Freude und kein Wort der Klage hören läßt und ihre Seufzer selbst nicht mehr vernimmt – wenn sie das Licht der Sonne nicht mehr sehen will und in der Nacht wach in den Ecken kauert – – –«
Wieder blickte er mich an, und in seinen flackernden Augen war eine Angst zu erkennen, welche sich durch jede der aufgezählten Krankheitssymptome zu nähren und zu vergrößern schien. Er mußte die Kranke mit der letzten, trüben und also schwersten Glut seines fast ausgebrannten Herzens lieb haben und hatte mir, ohne es zu wissen und zu wollen, mit seinen Worten sein ganzes Verhältnis zu ihr verraten.
»Du bist noch nicht zu Ende!«
»Wenn sie zuweilen plötzlich einen Schrei ausstößt, als ob ein Dolch ihr in die Brust gestoßen würde – wenn sie ohne Aufhören ein fremdes Wort flüstert –«
»Welches Wort?«
»Einen Namen.«
»Weiter!«
»Wenn sie hustet und dann Blut über ihre bleichen Lippen fließt – – –«
Er blickte mich jetzt so starr und angstvoll an, daß ich merken mußte, meine Entscheidung sei ein Urteil für ihn, ein befreiendes oder ein vernichtendes. Ich zögerte nicht, ihm das letztere zu geben:
»So wird sie sterben.«
Er saß erst einige Augenblicke so bewegungslos, als habe ihn der Schlag getroffen, dann aber sprang er auf und stand hochaufgerichtet vor mir. Der rote Fez war ihm von dem kahl geschorenen Haupte geglitten, die Pfeife seiner Hand entfallen; in dem Gesichte zuckte es von den widerstreitendsten Gefühlen. Es war ein eigentümliches, ein furchtbares Gesicht; es glich ganz jenen Abbildungen des Teufels, wie sie der geniale Stift Doré’s zu zeichnen versteht, nicht mit Schweif, Pferdefuß und Hörnern, sondern mit höchster Harmonie des Gliederbaues, jeder einzelne Zug des Gesichts eine Schönheit, und doch in der Gesamtwirkung dieser Züge so abstoßend, so häßlich, so – diabolisch. Sein Auge ruhte mit dem Ausdrucke des Entsetzens auf mir, der sich nach und nach in einen zornigen und dann zuletzt in einen drohenden verwandelte.
»Giaur!« donnerte er mich an.
»Wie sagtest du?« fragte ich kalt.
»Giaur! sagte ich. Wagst du, mir das zu sagen, Hund? Die Peitsche soll dir lehren, wer ich bin, und daß du zu thun hast, nur was ich dir befehle. Stirbt sie, so stirbst auch du; doch machst du sie gesund, so darfst du gehen und kannst verlangen, was dein Herz begehrt!«
Langsam und in tiefster Seelenruhe erhob auch ich mich, stellte mich in meiner ganzen Länge vor ihn hin und fragte:
»Weißt du, was die größte Schande für einen Moslem ist?«
»Was?«
»Sieh nieder auf deinen Fez! Abrahim-Mamur, was sagt der Prophet und was sagt der Kuran dazu, daß du die Scham deines Scheitels vor einem Christen entblößest?«
Im nächsten Augenblick hatte er sein Haupt bedeckt und, vor Grimm dunkelrot im Gesichte, den Dolch aus der Schärpe gerissen.
»Du mußt sterben, Giaur!«
»Wann?«
»Jetzt, sofort!«
»Ich werde sterben, wann es Gott gefällt, nicht aber wann es dir beliebt.«
»Du wirst sterben. Bete dein Gebet!«
»Abrahim-Mamur,« antwortete ich ruhig wie zuvor, »ich habe den Bären gejagt und bin dem Nilpferde nachgeschwommen; der Elefant hat meinen Schuß gehört, und meine Kugel hat den Löwen, den ›Herdenwürgenden‹ getroffen. Danke Allah, daß du noch lebst, und bitte Gott, daß er dein Herz bezwinge. Du kannst es nicht, denn du bist zu schwach dazu und wirst doch sterben, wenn es nicht sofort geschieht!«
Das war eine neue Beleidigung, eine schwerere als die andere, und mit einem zuckenden Sprunge wollte er mich fassen, fuhr aber sofort zurück, denn jetzt blitzte auch in meiner Hand die Waffe, die man in jenen Ländern niemals weglegen darf. Wir standen einander allein gegenüber, denn er hatte sofort nach der Darreichung des Kaffees und der Pfeifen die Dienerschaft hinausgewinkt, damit sie nichts von unserer zarten Unterhaltung vernehmen solle.
Mit meinem wackeren Halef hatte ich nicht den mindesten Grund, mich vor den Bewohnern des alten Hauses zu fürchten; nötigenfalls hätten wir beide die wenigen hier wohnenden Männer zusammengeschossen; aber ich ahnte zu viel von dem Schicksale der Kranken, für die ich mich ungemein zu interessieren begann; ich mußte sie sehen und womöglich einige Worte mit ihr sprechen.
»Du willst schießen?« frug er wütend, auf meinen Revolver deutend.
»Ja.«
»Hier, in meinem Hause, in meinem Diwan?«
»Allerdings, wenn ich gezwungen werde, mich zu verteidigen.«
»Hund, es ist wahr, was ich gleich vorhin dachte als du eintratest!«
»Was ist wahr, Abrahim-Mamur?«
»Daß ich dich bereits einmal gesehen habe.«
»Wo?«
»Ich weiß es nicht.«
»Wann?«
»Auch das weiß ich nicht; aber das ist sicher, daß es nicht im Guten war.«
»Grade wie heute, denn es sollte mich wundern, wenn diese Zusammenkunft gut enden würde. Du hast mich ›Hund‹ genannt, und ich sage dir, daß dir im nächsten Augenblick, nachdem du dieses Wort noch einmal gesagt hast, meine Kugel im Gehirn sitzen wird. Beachte dies wohl, Abrahim-Mamur!«
»Ich werde meine Diener rufen!«
»Rufe sie, wenn du ihre Leichen sehen willst, um dich dann tot neben sie zu legen.«
»Oho, du bist kein Gott!«
»Aber ein Nemsi. Hast du schon einmal die Hand eines Nemsi gefühlt?«
Er lächelte verächtlich.
»Nimm dich in acht, daß du sie nicht einmal zu fühlen bekommst! Sie ist nicht in Rosenöl gebadet, wie die deinige. Aber ich will dir den Frieden deines Hauses lassen. Lebe wohl. Du willst es nicht, daß ich den Tod bezwinge; dein Wunsch mag sich erfüllen; rabbena chaliëk, der Herr erhalte dich!«
Ich steckte den Revolver ein und schritt der Thüre zu.
»Bleib!« rief er.
Ich schritt dennoch weiter.
»Bleib!« rief er gebieterischer.
Ich hatte beinahe die Thüre erreicht und kehrte nicht um.
»So stirb, Giaur!«
Im Nu drehte ich mich um und hatte grad noch Zeit, zur Seite auszuweichen. Sein Dolch flog an mir vorüber und tief in das Getäfel der Wand.
»Jetzt bist du mein, Bube!«
Mit diesen Worten sprang ich auf ihn zu, faßte ihn, grad wie ich ihn erwischte, riß ihn empor und schleuderte ihn an die Wand.
Er blieb einige Sekunden liegen und raffte sich dann wieder empor. Seine Augen waren weit geöffnet, die Adern seiner Stirne zum Bersten geschwollen und seine Lippen blau vor Wut; aber ich hielt ihm den Revolver entgegen, und er blieb eingeschüchtert vor mir halten.
»Jetzt hast du die Hand eines Nemsi kennen gelernt. Wage es nicht wieder, sie zu reizen!«
»Mensch!«
»Feigling! Wie nennt man das, wenn einer einen Arzt um Hilfe bittet, ihn mit Worten beschimpft und dann gar hinterrücks ermorden will? Der Glaube, welcher solche Bekenner hat, kann nicht viel taugen!«
»Zauberer!«
»Warum?«
»Wenn du keiner wärest, hätte dich ganz sicher mein Dolch getroffen, und du hättest nicht die Kraft gehabt, mich emporzuwerfen!«
»Nun wohl! Bin ich ein Zauberer, so hätte ich dir auch Güzela, dein Weib, erhalten können.«
Ich sprach den Namen mit Vorbedacht aus. Es hatte Wirkung.
»Wer hat dir diesen Namen genannt?«
»Dein Bote.«
»Ein Ungläubiger darf nicht den Namen einer Gläubigen aussprechen!«
»Ich spreche nur den Namen eines Weibes aus, welches bereits morgen tot sein kann.«
Wieder blickte er mich mit seiner eisigen Starrheit an, dann aber schlug er die Hände vor das Gesicht.
»Ist es wahr, Hekim, daß sie bereits morgen tot sein kann?«
»Es ist wahr.«
»Kann sie nicht gerettet werden?«
»Vielleicht.«
»Sage nicht vielleicht, sondern sage gewiß. Bist du bereit, mir zu helfen? Wenn sie gesund wird, so fordere, was du willst.«
»Ich bin bereit.«
»So gieb mir deinen Talisman oder deine Medizin.«
»Ich habe keinen Talisman, und Medizin kann ich dir jetzt nicht geben.«
»Warum nicht?«
»Der Arzt kann nur dann einen Kranken heilen, wenn er ihn sehen kann. Komm, laß uns zu ihr gehen, oder laß sie zu uns kommen!«
Er fuhr zurück, wie von einem Stoße getroffen.
»Masch Allah, bist du toll? Der Geist der Wüste hat dein Hirn verbrannt, daß du nicht weißt, was du forderst. Das Weib muß ja sterben, auf welchem das Auge eines fremden Mannes ruhte!«
»Sie wird noch sicherer sterben, wenn ich nicht zu ihr darf. Ich muß den Schlag ihres Pulses messen und Antwort von ihr hören über vieles, was ihre Krankheit betrifft. Nur Gott ist allwissend und braucht niemand zu fragen.«
»Du heilst wirklich nicht durch Talisman?«
»Nein.«
»Auch nicht durch Worte?«
»Nein.«
»Oder durch das Gebet?«
»Ich bete auch für die Leidenden; aber Gott hat uns die Mittel, sie gesund zu machen, bereits in die Hand gelegt.«
»Welche Mittel sind es?«
»Es sind Blumen, Metalle und Erden, deren Säfte und Kräfte wir ausziehen.«
»Es sind keine Gifte?«
»Ich vergifte keinen Kranken.«
»Kannst du das beschwören?«
»Vor jedem Richter.«
»Und du mußt mit ihr sprechen?«
»Ja.«
»Was?«
»Ich muß sie fragen nach ihrer Krankheit und allem, was damit zusammenhängt.«
»Nach andern Dingen nicht?«
»Nein.«
»Du wirst mir jede Frage vorher sagen, damit ich sie dir erlaube?«
»Ich bin es zufrieden.«
»Und du mußt auch ihre Hand betasten?«
»Ja.«
»Ich erlaube es dir auf eine ganze Minute. Mußt du ihr Angesicht sehen?«
»Nein; sie kann ganz verschleiert bleiben. Aber sie muß einige Male in dem Zimmer auf und ab gehen.«
»Warum?«
»Weil an dem Gange und der Haltung vieles zu erkennen ist, was die Krankheit betrifft.«
»Ich erlaube es dir und werde die Kranke jetzt herbeiholen.«
»Das darf nicht sein.«
»Warum nicht?«
»Ich muß sie da sehen, wo sie wohnt; ich muß alle ihre Zimmer betrachten.«
»Aus welchem Grunde?«
»Weil es viele Krankheiten giebt, die nur in unpassenden Wohnungen entstehen, und das kann nur das Auge des Arztes bemerken.«
»So willst du wirklich mein Harem[22] betreten?«
[22] Das arabische Wort Harem bedeutet eigentlich »das Heilige, Unverletzliche« und bezeichnet bei den Muhammedanern die Frauenwohnung, welche von den übrigen Räumen des Hauses abgesondert ist.
»Ja.«
»Ein Ungläubiger?«
»Ein Christ.«
»Ich erlaube es nicht!«
»So mag sie sterben. Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir und ihr!«
Ich wandte mich zum Gehen. Obgleich ich bereits aus der Aufzählung der Symptome gemerkt hatte, daß Güzela an einer hochgradigen Gemütskrankheit leide, that ich doch, als ob ich an eine bloß körperliche Erkrankung glaube; denn grad weil ich vermutete, daß ihr Leiden die Folge eines Zwanges sei, der sie in die Gewalt dieses Mannes gebracht hatte, wollte ich mich so viel wie möglich über alles aufklären. Er ließ mich wieder bis zur Thür gehen, dann aber rief er:
»Halt, Hekim, bleibe da. Du sollst die Gemächer betreten!«
Ich wandte mich um und schritt, ohne ihm meine Genugthuung merken zu lassen, wieder auf ihn zu. Ich hatte gesiegt und war außerordentlich zufrieden mit den Zugeständnissen, die er mir gemacht hatte, denn sie gewährten mir mehr, als wohl jemals einem Europäer zugestanden worden ist. Die Liebe des Ägypters und infolge dessen also auch seine Sorge mußte eine sehr ungewöhnliche sein, daß er sich zu solchen Zugeständnissen verstand. Freilich konnte ich die ingrimmigste Erbitterung gegen mich aus jeder seiner Mienen lesen, denn ihm war ich ein unabweisbarer Eindringling in die Mysterien seiner inneren Häuslichkeit, und ich hegte die Überzeugung, daß ich ihn auch selbst in dem Falle einer glücklichen Heilung der kranken Frau als einen unversöhnlichen Feind zurücklassen werde, zumal er ganz so wie ich die Überzeugung hatte, daß wir uns bereits einmal unter unfreundlichen Umständen begegnet seien.
Jetzt entfernte er sich, um alles Nötige in eigener Person anzuordnen, denn keiner seiner Diener durfte ahnen, daß er einem fremden Mann Zutritt in das Heiligtum seines Hauses gestatte.
Er kehrte erst nach einer langen Weile zurück. Es lag ein Ausdruck fester, trotziger Entschlossenheit um seinen zusammengekniffenen Mund, und mit einem Blicke voll versteckt bleiben sollenden, aber doch hervorbrechenden Hasses instruierte er mich:
»Du sollst zu ihr gehen – –«
»Du versprachst es bereits.«
»Und ihre Zimmer sehen – –«
»Natürlich.«
»Auch sie selbst – – –«
»Verschleiert und eingehüllt.«
»Und mit ihr sprechen.«
»Das ist notwendig.«
»Ich erlaube dir viel, unendlich viel, Effendi. Aber bei der Seligkeit aller Himmel und bei den Qualen aller Höllen, sobald du ein Wort sprichst, welches ich nicht wünsche, oder das Geringste thust, was dir nicht von mir erlaubt wurde, stoße ich sie nieder. Du bist stark und wohl bewaffnet, darum wird mein Dolch nicht gegen dich, sondern gegen sie gerichtet sein. Ich schwöre es dir bei allen Suwar[23] des Kuran und bei allen Kalifen, deren Andenken Allah segnen möge!«
[23] Plural von Sura, die Strophe.
Er hatte mich also doch kennen gelernt und dachte sich, daß ihm diese Versicherung mehr nützen werde, als die prahlerischsten Drohungen, wenn sie gegen mich selbst gerichtet gewesen wären. Übrigens war es mir ja gar nicht in den Sinn gekommen, ihn in seinen Rechten zu kränken; nur konnte ich mich bei seinem Verhalten je länger desto weniger einer Ahnung entschlagen, daß in seinem Verhältnisse zu der Kranken irgend ein dunkler Punkt zu finden sei.
»Ist es Zeit?« fragte ich.
»Komm!«
Wir gingen. Er schritt voran, und ich folgte ihm.
Zunächst kamen wir durch einige fast in Trümmern liegende Räume, in denen allerlei nächtliches Getier sein Wesen treiben mochte; dann betraten wir ein Gemach, welches als Vorzimmer zu dienen schien, und nun folgte der Raum, der allem Anscheine nach als eigentliches Frauengemach benutzt wurde. Alle die umherliegenden Kleinigkeiten waren solche, wie sie von Frauen gesucht und gern benutzt werden.
»Das sind die Zimmer, welche du sehen wolltest. Siehe, ob du den Dämon der Krankheit in ihnen zu finden vermagst!« meinte Abrahim-Mamur mit einem halb spöttischen Lächeln.
»Und das Gemach nebenan – –?«
»Die Kranke befindet sich darin. Du sollst es auch sehen, aber ich muß mich vorher überzeugen, ob die Sonne ihr Angesicht verhüllt hat vor dem Auge des Fremden. Wage ja nicht, mir nachzufolgen, sondern warte ruhig, bis ich wiederkomme!«
Er trat hinaus, und ich war allein.
Also da draußen befand sich Güzela. Dieser Name bedeutet wörtlich »die Schöne«. Dieser Umstand und das ganze Verhalten des Ägypters brachte meine frühere Vermutung, daß es sich um eine ältere Person handle, ins Wanken.
Ich ließ mein Auge durch den Raum schweifen. Es war hier ganz dieselbe Einrichtung getroffen, wie in dem Zimmer des Hausherrn: das Geländer, der Diwan, die Nische mit den Kühlgefäßen.
Nach kurzer Zeit erschien Abrahim wieder.
»Hast du die Räume geprüft?« fragte er mich.
»Ja.«
»Nun?«
»Es läßt sich nichts sagen, bis ich bei der Kranken gewesen bin.«
»So komm, Effendi. Aber laß dich noch einmal warnen!«
»Schon gut! Ich weiß ganz genau, was ich zu thun habe.«
Wir traten in das andere Gemach. In weite Gewänder gehüllt, stand eine Frauengestalt tief verschleiert an der hintern Wand des Zimmers. Nichts war von ihr zu sehen, als die kleinen, in Sammtpantoffeln steckenden Füße.
Ich begann meine Fragen, deren Enthaltsamkeit den Ägypter vollständig befriedigte, ließ sie eine kleine Bewegung machen und bat sie endlich, mir die Hand zu reichen. Fast wäre ich trotz der ernsten Situation in eine laute Heiterkeit ausgebrochen. Die Hand war nämlich so vollständig in ein dickes Tuch gebunden, daß es ganz und gar unmöglich war, auch nur die Lage oder Form eines Fingers durch dasselbe zu erkennen. Sogar der Arm war in derselben Weise verhüllt.
Ich wandte mich zu Abrahim.
»Mamur, diese Bandagen müssen entfernt werden.«
»Warum?«
»Ich kann den Puls nicht fühlen.«
»Entferne die Tücher!« gebot er ihr.
Sie zog den Arm hinter die Hüllen zurück und ließ dann ein zartes Händchen erscheinen, an dessen Goldfinger ich einen sehr schmalen Reifen erblickte, welcher eine Perle trug. Abrahim beobachtete meine Bewegungen mit gespannter Aufmerksamkeit. Während ich meine drei Finger an ihr Handgelenk legte, neigte ich mein Ohr tiefer, wie um den Puls nicht bloß zu fühlen, sondern auch zu hören, und – täuschte ich mich nicht – da wehte es leise, leise, fast unhörbar durch den Schleier:
»Kurtar Senitzaji – rette Senitza!«
»Bist du fertig?« fragte jetzt Abrahim, indem er rasch näher trat.
»Ja.«
»Was fehlt ihr?«
»Sie hat ein großes, ein tiefes Leiden, das größte, welches es giebt, aber – – – ich werde sie retten.«
Diese letzten vier Worte richtete ich mit langsamer Betonung mehr an sie als an ihn.
»Wie heißt das Übel?«
»Es hat einen fremden Namen, den nur die Ärzte verstehen.«
»Wie lange dauert es, bis sie gesund wird?«
»Das kann bald, aber auch sehr spät geschehen, je nachdem Ihr mir gehorsam seid.«
»Worin soll ich dir gehorchen?«
»Du mußt ihr meine Medizin regelmäßig verabreichen.«
»Das werde ich thun.«
»Sie muß einsam bleiben und vor allem Ärger behütet werden.«
»Das soll geschehen.«
»Ich muß täglich mit ihr sprechen dürfen.«
»Du? Weshalb?«
»Um meine Mittel nach dem Befinden der Kranken einrichten zu können.«
»Ich werde dir dann selbst sagen, wie sie sich befindet.«
»Das kannst du nicht, weil du das Befinden eines Kranken nicht zu beurteilen vermagst.«
»Was hast du denn mit ihr zu sprechen?«
»Nur das, was du mir erlaubst.«
»Und wo soll es geschehen?«
»Hier in diesem Raume, grad wie heute.«
»Sage es genau, wie lange du kommen mußt!«
»Wenn Ihr mir gehorcht, so ist sie von heute an in fünf Tagen von ihrer Krankheit – – frei.«
»So gieb ihr die Medizin.«
»Ich habe sie nicht hier; sie befindet sich unten im Hofe bei meinem Diener.«
»So komm!«
Ich wandte mich gegen sie, um mit dieser Bewegung einen stummen Abschied von ihr zu nehmen. Sie hob unter der Hülle die Hände wie bittend empor und wagte die drei Silben:
»Eww’ Allah, mit Gott!«
Sofort aber fuhr er herum:
»Schweig! Du hast nur zu sprechen, wenn du gefragt wirst!«
»Abrahim-Mamur,« antwortete ich sehr ernst, »habe ich nicht gesagt, daß sie vor jedem Ärger, vor jedem Kummer bewahrt werden muß? So spricht man nicht zu einer Kranken, in deren Nähe der Tod schon steht!«
»So mag sie zunächst selbst dafür sorgen, daß sie sich nicht zu kränken braucht. Sie weiß, daß sie nicht sprechen soll. Komm!«
Wir kehrten in das Selamlük zurück, wo ich nach Halef schickte, der alsbald mit der Apotheke erschien. Ich gab #Ignatia# nebst den nötigen Vorschriften und machte mich dann zum Gehen bereit.
»Wann wirst du morgen kommen?«
»Um dieselbe Stunde.«
»Ich werde dir wieder einen Kahn senden. Wie viel verlangst du für heute?«
»Nichts. Wenn die Kranke gesund ist, magst du mir geben, was dir beliebt.«
Er griff dennoch in die Tasche, zog eine reich gestickte Börse hervor, nahm einige Stücke und reichte sie Halef hin.
»Hier, nimm du!«
Der wackere Halef-Agha griff mit einer Miene zu, als ob es sich um eine große Gnadenbezeugung gegen den Ägypter handle, und meinte, das Bakschisch ungesehen in seine Tasche senkend:
»Abrahim-Mamur, deine Hand ist offen und die meine auch. Ich schließe sie gegen dich nicht zu, weil der Prophet sagt, daß eine offene Hand die erste Stufe zum Aufenthalte der Seligen sei. Allah sei bei dir und auch bei mir!«
Wir gingen, von dem Ägypter bis in den Garten begleitet, wo uns ein Diener die in der Mauer befindliche Thür öffnete. Als wir uns allein befanden, griff Halef in die Tasche, um zu sehen, was er erhalten hatte.
»Drei Goldzechinen, Effendi! Der Prophet segne Abrahim-Mamur und lasse sein Weib so lange als möglich krank bleiben!«
»Hadschi Halef Omar!«
»Sihdi! Willst du mir nicht einige Zechinen gönnen?«
»Doch; noch mehr ist einem Kranken die Gesundheit zu gönnen.«
»Wie oft gehest du noch, ehe sie gesund wird?«
»Noch fünfmal vielleicht.«
»Fünfmal drei macht fünfzehn Zechinen; wenn sie gesund wird, vielleicht noch fünfzehn Zechinen, macht dreißig Zechinen. Ich werde forschen, ob es hier am Nil noch mehr kranke Frauen giebt.«
Wir langten bei dem Kahn an, wo uns die Ruderer bereits erwarteten. Unser voriger Führer saß am Steuer, und als wir eingestiegen waren, ging es flott den Strom hinab, schneller natürlich als aufwärts, so daß wir nach einer halben Stunde unser Ziel erreichten.
Wir legten ganz in der Nähe einer Dahabïe an, welche während unserer Abwesenheit am Ufer vor Anker gegangen war. Ihre Taue waren befestigt, ihre Segel eingezogen, und nach dem frommen muhammedanischen Gebrauche lud der Reïs, der Schiffskapitän, seine Leute zum Gebete ein:
»Haï al el salah, auf, rüstet euch zum Gebete.«
Ich war schon im Fortgehen begriffen gewesen, wandte mich aber schnell um. Diese Stimme kam mir außerordentlich bekannt vor. Hatte ich recht gehört? War dies wirklich der alte Hassan, den sie Abu el Reïsahn, Vater der Schiffsführer, nannten? Er war in Kufarah, wo er einen Sohn besucht hatte, mit mir und Halef zusammengetroffen und mit uns nach Ägypten zurückgekehrt. Wir hatten einander außerordentlich lieb gewonnen, und ich war überzeugt, daß er sehr erfreut sein werde, mich hier wiederzufinden. Ich wartete daher, bis das Gebet beendet war, und rief dann zum Deck empor.
»Hassan el Reïsahn, ohio!«
Sofort reckte er sein altes, gutes, bärtiges Gesicht herab und fragte:
»Wer ist – – o, Allah akbar, Gott ist groß! Ist das nicht mein Sohn, der Nemsi Kara Effendi?«
»Er ist es, Abu Hassan.«
»Komm herauf, mein Sohn; ich muß dich umarmen!«
Ich stieg empor und wurde von ihm auf das herzlichste bewillkommnet.
»Was thust du hier?« fragte er mich.
»Ich ruhe aus von der Reise. Und du?«
»Ich komme mit meinem Schiffe von Dongola, wo ich eine Ladung Sennesblätter eingenommen habe. Ich bekam ein Leck und mußte also hier anlegen.«
»Wie lange bleibst du hier?«
»Nur morgen noch. Wo wohnest du?«
»Dort rechts in dem alleinstehenden Hause.«
»Hast du einen guten Wirt?«
»Es ist der Scheik el Belet[24] des Ortes, ein Mann, mit dem ich sehr zufrieden bin. Du wirst diesen Abend bei mir sein, Abu Hassan?«
[24] Dorfrichter.
»Ich werde kommen, wenn deine Pfeifen nicht zerbrochen sind.«
»Ich habe nur die eine; du mußt also die deinige mitbringen, aber du wirst den köstlichsten Djebeli rauchen, den es je gegeben hat.«
»Ich komme gewiß. Bleibst du noch lange hier?«
»Nein. Ich will nach Kairo zurück.«
»So fahre mit mir. Ich lege in Bulakh[25] an.«
[25] Vorstadt von Kairo mit Hafen.
Bei diesem Anerbieten kam mir ein Gedanke.
»Hassan, du nanntest mich deinen Freund!«
»Du bist es. Fordere von mir, was du willst, so soll es dir werden, wenn ich es habe oder kann!«
»Ich möchte dich um etwas sehr Großes bitten.«
»Kann ich es erfüllen?«
»Ja.«
»So ist es dir schon voraus gewährt. Was ist es?«
»Das sollst du am Abend erfahren, wenn du mit mir Kaffee trinkst.«
»Ich komme und – – doch mein Sohn, ich vergaß, daß ich bereits geladen bin.«
»Wo?«
»In demselben Hause, in welchem du wohnst.«
»Bei dem Scheik el Belet?«
»Nein, sondern bei einem Manne aus Istambul, der zwei Tage mit mir gefahren und hier ausgestiegen ist. Er hat dort eine Stube für sich und einen Platz für seinen Diener gemietet.«
»Was ist er?«