Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I

Chapter 38

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Draußen vor den Mauern hatte sich ein förmlicher Jahrmarkt entfaltet. Alle möglichen Arten von Geweben und Zeugen hingen zum Verkaufe von den Ästen der Bäume nieder; alle möglichen Früchte und Eßwaren wurden feilgeboten; Waffen, Schmuckgegenstände und allerlei orientalisches Allerhand war zu bekommen. Wäre die Tracht nicht gewesen, so hätte ich mich in die Heimat versetzt dünken können, so heiter und unbefangen, so harmlos und gutmütig war das bunte Treiben in dem Dorfe des Heiligen. Wahrhaftig, diese Teufelsanbeter erwarben sich immer mehr meine Sympathie, und ich stimme dem vollständig bei, was ein sehr verständiger Engländer, welcher einige Wochen in Kofau gewesen war, mir später in Konstantinopel von ihnen sagte:

»Die Teufelsanbeter werden verleumdet, weil sie besser sind, als ihre Verleumder. Wären sie zahlreicher und nicht so zerstreut, so könnten sie die Deutschen Asiens werden, und nirgends hat das Christentum so große Hoffnung auf Erfolg, als bei diesen Leuten. Ich glaube, gewisse überseeische Sendboten der Mission schildern die Dschesidi nur deshalb so ganz und gar unwahr, um einem etwaigen kleinen Erfolge eine sehr große Bedeutung verleihen zu können.«

Natürlich ließ ich meiner Wißbegierde nicht die Zügel schießen, so daß sie zur lästigen Neugierde werden konnte, und vielleicht grad darum wurde unsere Unterhaltung eine so animiert herzliche, als ob wir Glieder einer Familie seien und uns von Jugend auf geliebt und geachtet hätten. Zunächst kam die Rede auf den bevorstehenden Angriff, doch wurde dieser Gegenstand bald beiseite gelegt, da es sich herausstellte, daß Ali Bey alle erforderlichen Maßregeln mit der größten Sorgfalt getroffen hatte. Dann kam das Gespräch auf Mohammed Emins und meine Person, auf unsere Erlebnisse und gegenwärtigen Absichten.

»Vielleicht kommt ihr dabei in Gefahr und bedürft der Hilfe,« meinte der Mir Scheik Khan. »Ich werde euch ein Zeichen mitgeben, welches euch den Beistand aller Dschesidi sichert, denen ihr es zeigt.«

»Ich danke dir! Es wird ein Brief sein?« fragte ich.

»Nein, sondern ein Melek Ta-us.«

Fast wäre ich wie elektrisiert emporgesprungen. Das war ja die Benennung des Teufels! Das war ja der Name desjenigen Tieres, welches nach den über sie verbreiteten Verleumdungen bei ihren Gottesdiensten auf dem Altare stand und die Lichter verlöschen mußte, wenn die Orgien beginnen sollten! Das war endlich auch der Name derjenigen Legitimation, welche der Mir Scheik Khan jedem Priester anvertraut, den er mit einer besonderen Mission beehrt! Und dieses große, dieses geheimnisvolle Wort, über welches so viel gestritten worden ist, sprach er hier so gelassen aus? Ich nahm eine sehr unbefangene Miene an und fragte:

»Einen Melek Ta-us? Darf ich fragen, was das ist?«

Mit der freundlichen Miene eines Vaters, der seinem unwissenden Sohne eine notwendige Erklärung giebt, antwortete er:

»Melek Ta-us nennen wir jenen, dessen eigentlicher Name bei uns nicht ausgesprochen wird. Melek Ta-us heißt auch das Tier, welches bei uns ein Symbol des Mutes und der Wachsamkeit ist, und Melek Ta-us nennen wir auch die Abbildung dieses Tieres, welche ich jenen verleihe, zu denen ich Vertrauen habe. Ich weiß alles, was man über uns fabelt; aber deine Weisheit wird dir sagen, daß ich uns vor dir nicht zu verteidigen brauche. Ich habe mit einem Manne gesprochen, der in vielen christlichen Kirchen gewesen ist. Er sagte mir, daß dort die Bilder der Gottesmutter, des Gottessohnes und vieler Heiligen seien. Auch ein Auge sollt ihr haben, welches das Symbol des Gottvaters, und eine Taube, welche das Zeichen des Geistes ist. Ihr kniet und betet an den Orten, wo diese Bilder sind, aber ich werde niemals glauben, daß ihr diese Bilder anbetet. Wir glauben von euch das Richtige, und ihr glaubet von uns das Falsche. Wer ist verständiger und gütiger, ihr oder wir? Blicke hin an das Thor! Meinst du, daß wir diese Bilder anbeten?«

»Nein.«

»Du siehst einen Löwen, eine Schlange, ein Beil, einen Mann und einen Kamm. Die Dschesidi können nicht lesen; daher ist es besser, man sagt ihnen durch diese Bilder, was man ihnen sagen möchte. Eine Schrift würden sie nicht verstehen; diese Bilder aber werden sie nie vergessen, weil dieselben am Grabe ihres Heiligen zu sehen sind. Dieser Heilige war ein Mann; darum beten wir ihn nicht an; aber wir versammeln uns an seinem Grabe, wie sich die Kinder am Grabe ihres Vaters versammeln.«

»Er hat euren Glauben gestiftet?«

»Er hat uns unsern Glauben, nicht aber unsere Gebräuche gegeben. Der Glaube wohnt im Herzen, die Sitten aber wachsen aus dem Boden, auf welchem wir leben, und aus dem Lande, welches diesen Boden rings umgrenzt. Scheik Adi hat vor Mohammed gelebt. Zu seiner Lehre sind auch diejenigen Satzungen des Kurans gekommen, welche wir für gut und heilsam erkannt haben.«

»Man erzählte mir, daß er Wunder gethan habe.«

»Wunder kann nur Gott thun; aber wenn er sie thut, so thut er sie durch die Hand der Menschen. Blicke hinein, dort in die Halle! Dort ist ein Brunnen, den Scheik Adi hervorgebracht hat. Dieser ist noch vor Mohammed in Mekka gewesen. Schon damals war Zem-Zem eine heilige Quelle. Er nahm von dem Wasser des Zem-Zem und tropfte es hier auf den Felsen. Sofort öffnete sich derselbe, und das heilige Wasser sprang hervor. So wird uns erzählt. Wir gebieten nicht, dies zu glauben, denn das Wunder ist auch ohne dies da. Oder ist es kein Wunder, wenn aus dem harten, toten Stein das lebendige Wasser fließt? Dieses ist bei uns ein Symbol der Reinheit unserer Seele, und darum halten wir es für heilig, nicht aber, weil es von der Quelle Zem-Zem stammen soll.«

Mir Scheik Khan brach seine Rede ab, denn jetzt öffnete sich das äußere Thor, um einen langen Zug von Pilgrimen einzulassen, von denen ein jeder eine Lampe trug. Diese Lampen waren die Dank- und Weihgeschenke für die Heilung einer Krankheit oder die Rettung aus irgend einer Gefahr. Sie waren für Scheik Schems[214] bestimmt, das leuchtende Symbol der göttlichen Klarheit.

[214] Sonne.

Alle diese Pilger waren gut bewaffnet. Ich sah dabei recht eigentümliche kurdische Flinten. Bei einer derselben wurden Lauf und Schaft durch zwanzig starke, breite eiserne Ringe verbunden, welche ein sicheres Zielen ganz unmöglich machten. Eine zweite zeigte eine Art Bajonnet, welches eine Gabel bildete, deren zwei Zinken zu beiden Seiten des Laufes befestigt waren. Die Männer überreichten ihre Krüge den Priestern und traten der Reihe nach zu Mir Scheik Khan, um ihm die Hand zu küssen, wobei sie ihre Waffen neigten oder ganz ablegten.

Die Lampen werden gebraucht, um am Abend des Festes den heiligen Ort mit seiner ganzen Umgebung zu illuminieren. Es darf dabei kein gewöhnliches Öl oder gar Bitumen und Naphtha gebrannt werden, da dies für unrein gilt. Nur das Öl vom Sesam ist gestattet.

Als die Prozession sich entfernt hatte, wurden wohl gegen zwanzig Kinder getauft und beschnitten, welche zum Teil von sehr weit hergebracht worden waren. Ich wohnte diesen religiösen Handlungen bei.

Später entfernte ich mich mit Mohammed Emin, um einen Gang durch das Thal zu machen. Am auffälligsten war mir die ungeheure Zahl von Fackeln, welche zum Verkaufe auslagen. Nach einer ungefähren Schätzung konnten es zehntausend sein. Die Händler machten glänzende Geschäfte, denn ihre Ware wurde ihnen förmlich aus der Hand gerissen.

Eben standen wir vor einem Verkäufer von Glas- und unechten Korallenwaren, als ich die weiße Gestalt des Pir Kamek den Bergpfad herabkommen sah. Er mußte, wenn er zum Heiligtume wollte, an uns vorüber, und als er uns erreichte, blieb er bei uns stehen.

»Willkommen hier, ihr Gäste vom Scheik Schems! Ihr werdet den Heiligen der Dschesidi kennen lernen.«

Er reichte uns die Hände. Sobald er bemerkt worden war, wurde er vom Volke umringt, und ein jeder bemühte sich, seine Hand oder den Saum seines Gewandes zu berühren und zu küssen. Er hielt eine Ansprache an die Versammelten; sein langes weißes Haar flatterte im Morgenwinde; seine Augen leuchteten, und seine Gebärden zeigten die Lebhaftigkeit der Begeisterung. Dazu krachten die Schüsse der Ankommenden von oben herab, und ganze Salven antworteten aus dem Thale hinauf. Leider konnte ich seine Rede nicht verstehen, da er sie in kurdischer Sprache hielt. Am Schlusse derselben aber intonierte er einen Gesang, in welchen alle einfielen und dessen Anfang mir der Sohn Seleks, welcher dazu kam, übersetzte:

»O gnädiger und großmütiger Gott, welcher nährt die Ameise und die kriechende Schlange, Nacht und Tag Lenkender, Lebendiger, Höchster, Ursachloser, welcher der Nacht die Finsternis und dem Tage das Licht zuweist! Weiser, herrsche über Weisheit; Starker, herrsche über die Stärke; Lebendiger, herrsche über den Tod!«

Nach dem Gesange zerteilte sich die Menge, und der Pir trat zu mir.

»Hast du verstanden, was ich den Pilgern sagte?«

»Nein. Du weißt, daß ich deine Sprache nicht rede.«

»Ich sagte ihnen, daß ich Scheik Schems ein Opfer bringen werde, und nun sind sie in den Wald gegangen, um das nötige Holz zu holen. Willst du dem Opfer beiwohnen, so bist du willkommen. Jetzt aber verzeihe, Emir; dort kommen bereits die Opferstiere.«

Er ging dem Grabmale zu, vor dessen Mauern soeben eine lange Reihe von Ochsen aufgeführt wurde. Wir folgten ihm langsam nach.

»Was geschieht mit den Tieren?« fragte ich meinen Dolmetscher.

»Sie werden geschlachtet.«

»Für wen?«

»Für Scheik Schems.«

»Kann die Sonne Stiere essen?«

»Nein, sondern sie verschenkt dieselben an die Armen.«

»Nur das Fleisch?«

»Alles: das Fleisch, die Eingeweide und die Haut. Mir Scheik Khan übernimmt die Verteilung.«

»Und das Blut?«

»Das wird nicht gegessen, sondern in die Erde gegraben, denn die Seele ist im Blute.«

Das war also genau die alttestamentliche Anschauung, daß das Leben des Leibes, daß die Seele im Blute liege. Ich sah, daß es sich hier nicht um eine heidnische Opferung, sondern um eine Liebesgabe handle, welche es den Armen ermöglichen sollte, die Festtage ohne Nahrungssorgen feiern zu können.

Als wir den Platz erreichten, trat eben Mir Scheik Khan aus dem Thore, gefolgt von Pir Kamek, von einigen Scheiks und Kawals und einer größeren Anzahl von Fakirs. Alle hatten Messer in der Rechten. Der Platz wurde von einer großen Menge Krieger umgeben, welche ihre Gewehre schußbereit hielten. Da warf Mir Scheik Khan das Obergewand ab, sprang auf den ersten Stier und stieß ihm das Messer mit solcher Sicherheit in den Nackenwirbel, daß das Tier sofort tot niederstürzte. In demselben Augenblick erhob sich ein hundertstimmiger Jubel, und ebenso viele Schüsse krachten.

Mir Scheik Khan trat zurück, und Pir Kamek setzte das Werk fort. Es gewährte einen eigentümlichen Anblick, diesen Mann mit weißem Haar und schwarzem Barte von einem Stiere auf den nächsten springen und sie alle der Reihe nach mit dem sicheren Messerstich fällen zu sehen. Dabei floß kein Tropfen Blut. Nun aber traten die Scheiks herbei, um die Halsader zu öffnen, und die Fakirs nahten sich mit großen Gefäßen, um das Blut aufzufangen. Als dies beendet war, wurde eine ganz bedeutende Anzahl von Schafen herbeigetrieben, deren erstes wieder Mir Scheik Khan tötete, die andern aber wurden von den Fakirs geschlachtet, welche eine außerordentliche Geschicklichkeit in diesem Geschäft bewiesen.

Da trat Ali Bey zu mir.

»Willst du mich begleiten nach Kaloni?« fragte er. »Ich muß mich der Freundschaft der Badinan versichern.«

»Ihr lebt mit ihnen in Unfrieden?«

»Hätte ich dann meine Kundschafter aus ihnen wählen können? Ihr Häuptling ist mein Freund; doch giebt es Fälle, in denen man so sicher wie möglich gehen muß. Komm!«

Wir hatten nicht weit zu gehen, um das sehr große, aus rohen Steinen aufgeführte Haus zu erreichen, welches Ali Bey zur Zeit des Festes bewohnte. Sein Weib hatte bereits auf uns gewartet. Wir fanden auf der Plattform des Gebäudes mehrere Teppiche ausgebreitet, auf denen wir Platz nahmen, um das Frühstück zu genießen. Von diesem Punkte aus konnten wir beinahe das ganze Thal überblicken. Überall lagerten Menschen. Jeder Baum war zum Zelte geworden.

Drüben, rechts von uns, stand ein Tempel, der Sonne (Scheik Schems) gewidmet. Er stand so, daß ihn die ersten Strahlen des Morgenlichtes treffen mußten. Als ich ihn später betrat, fand ich nur vier nackte Wände und keinerlei Vorrichtung, welche auf eine götzendienerische Handlung schließen ließ; aber ein heller Wasserstrahl floß in einer Rinne des Fußbodens, und an der reinlichen weißen Kalkmauer sah ich in arabischer Sprache die Worte geschrieben: »O Sonne, o Licht, o Leben von Gott!«

Jetzt saßen an seiner Außenseite mehrere Familien der reichen Kotschers[215]. Die Männer lehnten an der Wand, in hellfarbige Jacken und Turbane gekleidet und mit phantastischen Waffen geschmückt. Die Frauen hatten seidene Gewänder, und trugen das Haar in viele über den Rücken fallende Flechten geflochten, in welche bunte Blumen gewoben waren. Ihre Stirnen waren mit goldenen und silbernen Münzen fast ganz bedeckt, und lange Schnüre von Münzen, Glasperlen und geschnittenen Steinen hingen ihnen um den Nacken.

[215] Wandernde Stämme.

Vor mir stand ein Mann aus dem Sindschar am Stamme eines Baumes. Seine Haut war dunkelbraun, sein Gewand aber weiß und rein. Er musterte mit durchdringenden Blicken die Umgebung und schüttelte sich zuweilen das lange Haar aus dem Gesicht. Seine Flinte hatte ein plumpes, altes Luntenschloß, und sein Messer war an einem roh geschnitzten Griff befestigt; aber man sah es ihm an, daß er der Mann war, diese einfachen Waffen mit Erfolg zu gebrauchen. Neben ihm saß sein Weib bei einem kleinen Feuer, an welchem sie Gerstenkuchen buk, und über ihm kletterten in den Zweigen zwei halbnackte, braune Buben herum, die auch schon ihre Messer in einem dünnen Stricke trugen, den sie um den Leib geschlungen hatten.

Nicht weit von ihm lagerten zahlreiche Städtebewohner, vielleicht aus Mossul; die Männer besorgten ihre mageren Esel, die Frauen sahen blaß und ausgemergelt aus, ein sprechendes Bild der Not und Sorge und Unterdrückung, welcher diese Leute ausgesetzt sind.

Dann sah ich Männer, Frauen und Kinder aus dem Scheïkhan, aus Syrien, aus Hadschilo und Midiad, aus Heïschteran und Semsat, aus Mardin und Nisibin, aus dem Gebiete der Kendali und der Delmamikan, von Kokan und Kotschalian, ja sogar aus dem Bereiche der Tuzik und der Delmagumgumuku. Alt und jung, arm und reich, alle waren reinlich. Die einen hatten ihre Turbans mit Straußenfedern geschmückt, und die andern konnten kaum ihre Blöße bedecken; aber alle trugen Waffen. Sie verkehrten untereinander wie Brüder und Schwestern; man gab sich die Hände, man umarmte und küßte sich; keine Frau und kein Mädchen verbarg ihr Angesicht vor einem Fremden – es waren die Angehörigen einer großen Familie, welche hier zusammentrafen.

Jetzt krachte eine Salve, und ich sah, wie sich die Männer in einzelnen größeren oder kleineren Gruppen nach dem Grabmale begaben.

»Was thun sie dort?« fragte ich Ali Bey.

»Sie holen sich ihr Fleisch von den Opferstieren.«

»Giebt es eine gewisse Aufsicht dabei?«

»Ja. Nur die Armen kommen. Sie treten nach ihren Stämmen und Wohnsitzen zusammen, deren Anführer sie begleitet oder von dem sie eine Bescheinigung vorzeigen.«

»Eure Priester erhalten keinen Teil des Fleisches?«

»Von diesen Stieren nicht; am letzten Tage des Festes aber werden einige Tiere geschlachtet, welche weiß, ganz weiß sein müssen, und deren Fleisch gehört den Priestern.«

»Können eure Priester Sünde thun?«

»Warum nicht? Sie sind doch Menschen!«

»Auch die Pirs, die Heiligen?«

»Auch sie.«

»Auch Mir Scheik Khan?«

»Ja.«

»Glaubst du, daß auch der große Heilige Scheik Adi Sünde gethan hat?«

»Auch er war ein Sünder, denn er war nicht Gott.«

»Laßt ihr eure Sünden auf eurer Seele liegen?«

»Nein, wir entfernen sie.«

»Wie?«

»Durch die Symbole der Reinheit, durch das Feuer und das Wasser. Du weißt, daß wir uns bereits gestern oder heute gewaschen haben. Dabei erkennen wir unsere Sünde und geloben, sie von uns zu thun; dann werden sie vom Wasser fortgenommen. Und heute abend wirst du sehen, daß wir unsere Seelen auch durch die Flamme reinigen.«

»Du glaubst also, daß die Seele nicht mit dem Leibe stirbt?«

»Wie könnte sie sterben, da sie von Gott ist!«

»Wie kannst du mir dies beweisen, wenn ich es nicht glaube?«

»Du scherzest! Steht nicht in eurem Kitab: »Japar-di bir sagh solukü burunuje – er blies ihm einen lebendigen Odem in seine Nase?«

»Nun gut! Wenn die Seele also nicht stirbt, wo bleibt sie nach dem Tode des Leibes?«

»Du atmest die Luft wieder ein, nachdem du sie ausgeatmet hast. Auch Gottes Odem geht wieder zu ihm zurück, nachdem er von Sünden rein geworden ist. – Laß uns nun aufbrechen!«

»Wie weit ist es bis Kaloni?«

»Man reitet vier Stunden lang.«

Unten standen unsere Pferde. Wir stiegen auf und verließen ohne alle Begleitung das Thal. Der Weg führte an der steilen Bergwand empor, und als wir die Höhe derselben erreicht hatten, sah ich ein dicht bewaldetes, von zahlreichen Thälern durchzogenes Gebirgsland vor mir. Dieses Land wird von den großen Stämmen der Missuri-Kurden bewohnt, zu denen auch die Badinan gehören. Unser Weg führte bald bergab, bald wieder bergauf, bald zwischen nackten Felsen und bald durch dichten Wald dahin. An den Abhängen sahen wir einige kleine Dörfer liegen, aber die Häuser derselben waren verlassen. Hier und da hatten wir die kalten Fluten eines wilden Bergbaches zu durchreiten, der sein Wasser dem Ghomel entgegenschickte, um mit diesem dem Ghazir oder Bumadus zuzufließen, der in den großen Zab geht und sich mit diesem bei Keschaf in den Tigris ergießt. Diese Häuser waren von Weingärten umgeben, neben denen Sesam, Korn und Baumwolle gedieh, und erhielten ein besonders schmuckes Aussehen durch die Blüten und Früchte der sorgsam gepflegten Feigen-, Walnuß-, Granatapfel-, Pfirsich-, Kirschen-, Maulbeer- und Olivenbäume.

Kein Mensch begegnete uns, denn die Dschesidi, welche die Gegend bis Dschulamerik bewohnten, waren schon alle in Scheik Adi eingetroffen, und wir waren bereits zwei Stunden weit geritten, als wir eine Stimme hörten, welche uns anrief.

Ein Mann trat aus dem Walde. Es war ein Kurde. Er hatte sehr weite, unten offene Hosen an, und die nackten Füße steckten in niedrigen Lederschuhen. Der Körper war nur mit einem am Halse viereckig ausgeschnittenen Hemde bekleidet, welches bis zur Wade niederging. Sein dichtes Haar hing in lockigen Strähnen über die Schultern herab, und auf dem Kopfe trug er eine jener merkwürdigen, häßlichen Filzmützen, welche das Aussehen einer riesigen Spinne haben, deren runder Körper den Scheitel bedeckt und deren lange Beine hinten und zur Seite bis auf die Achseln niederhängen. Im Gürtel trug er ein Messer, eine Pulverflasche und den Kugelbeutel, eine Flinte aber war nicht zu sehen.

»Ni, vro’l kjer – guten Tag!« grüßte er uns. »Wohin will Ali Bey, der Tapfere, reiten?«

»Chode t’aveschket – Gott behüte dich!« antwortete der Bey. »Du kennst mich? Von welchem Stamme bist du?«

»Ich bin ein Badinan, Herr.«

»Aus Kaloni?«

»Ja, aus Kalahoni, wie wir es nennen.«

»Wohnt ihr noch in euren Häusern?«

»Nein. Wir haben unsere Hütten bereits bezogen.«

»Sie liegen hier in der Nähe?«

»Woher vermutest du das?«

»Wenn ein Krieger sich weit von seiner Wohnung entfernt, so nimmt er sein Gewehr mit. Du aber hast das deinige nicht bei dir.«

»Du hast es erraten. Mit wem willst du reden?«

»Mit deinem Häuptling.«

»Steige ab und folge mir!«

Wir stiegen von den Pferden und nahmen sie beim Zügel. Der Kurde führte uns in den Wald hinein, in dessen Tiefe wir einen starken, aus gefällten Bäumen errichteten Verhau erreichten, hinter welchem wir zahlreiche Hütten liegen sahen, die nur aus Stangen, Ästen und Laubwerk hergestellt waren. In dieser Barrikade war eine schmale Öffnung gelassen worden, die uns den Eingang gestattete. Nun sahen wir mehrere Hunderte von Kindern sich zwischen den Hütten und Bäumen umhertummeln, während die Erwachsenen, sowohl Männer als Frauen, damit beschäftigt waren, den Verhau zu vergrößern und zu befestigen. Auf einer der größten Hütten saß ein Mann. Es war der Häuptling, der diesen höheren Platz eingenommen hatte, um einen freieren Überblick zu haben und die Arbeit besser dirigieren zu können. Als er meinen Begleiter erblickte, sprang er herab und kam uns entgegen.

»Kjeïr ati; Chode dáuleta ta mazen b’ket – sei willkommen; Gott vermehre deinen Reichtum!«

Bei diesen Worten gab er ihm die Hand und winkte einem Weibe, welches eine Decke ausbreitete, auf welche wir uns niedersetzten. Mich schien er gar nicht zu beachten. Ein Dschesidi wäre auch gegen mich höflich gewesen. Dasselbe Weib, welches jedenfalls seine Frau war, brachte jetzt drei Pfeifen, welche ziemlich roh aus dem Holze eines Indschaz[216] geschnitten waren, und ein junges Mädchen trug eine Schüssel auf, in welcher Trauben und Honigscheiben lagen. Der Häuptling nahm seinen Tabaksbeutel, welcher aus dem Felle einer Katze gearbeitet war, vom Gürtel, öffnete ihn und legte ihn vor Ali Bey.

[216] Pomeranzenbaum.

»Taklif b’ ela k’ narek, au, beïn ma batal – mache keine Umstände, die unter uns überflüssig sind!« sagte er.

Dabei griff er mit seinen schmutzigen Händen in den Honig, zog sich mit den Fingern ein Stück heraus und schob es in den Mund.

Der Bey stopfte sich die Pfeife und steckte sie in Brand.

»Sage mir, ob Freundschaft ist zwischen mir und dir!« begann er die Unterhaltung.

»Es ist Freundschaft zwischen mir und dir,« lautete die einfache Antwort.

»Auch zwischen deinen Leuten und meinen Leuten?«

»Auch zwischen ihnen.«

»Wirst du mich um Hilfe bitten, wenn ein Feind kommt, um dich anzugreifen und zu überfallen?«

»Wenn ich zu schwach bin, ihn zu besiegen, werde ich dich um Hilfe bitten.«

»Und du würdest auch mir helfen, wenn ich dich darum ersuche?«

»Wenn dein Feind nicht mein Freund ist, werde ich es thun.«

»Ist der Gouverneur von Mossul dein Freund?«

»Er ist mein Feind; er ist der Feind aller freien Kurden. Er ist ein Räuber, der unsere Herden lichtet und unsere Töchter verkauft.«

»Hast du gehört, daß er uns in Scheik Adi überfallen will?«

»Ich hörte es von meinen Leuten, welche dir als Kundschafter dienten.«

»Sie kommen durch dein Land. Was wirst du thun?«

»Du siehst es!« Er deutete dabei mit einer Armbewegung auf die Hütten ringsumher. »Wir haben Kalahoni verlassen und uns im Walde Hütten gebaut. Nun machen wir uns eine Mauer, hinter der wir uns verteidigen können, wenn die Türken uns angreifen werden.«

»Sie werden euch nicht angreifen.«

»Woher weißt du dies?«

»Ich vermute es. Wenn es ihnen gelingen soll, uns zu überraschen, so müssen sie vorher allen Kampf und Lärm vermeiden. Sie werden also dein Gebiet sehr ruhig durchziehen. Sie werden vielleicht gar den offenen Weg vermeiden und durch die Wälder gehen, um die Höhe von Scheik Adi unbemerkt zu erreichen.«

»Deine Gedanken haben das Richtige getroffen.«

»Aber wenn sie uns besiegt haben, dann werden sie auch über euch herfallen.«

»Du wirst dich nicht besiegen lassen.«

»Willst du mir dazu verhelfen?«

»Ich will es. Was soll ich thun? Soll ich dir meine Krieger nach Scheik Adi senden?«

»Nein, denn ich habe genug Krieger bei mir, um ohne Hilfe mit den Türken fertig zu werden. Du sollst nur deine Krieger verbergen und die Türken ruhig ziehen lassen, damit sie sich für sicher halten.«

»Ihnen folgen soll ich nicht?«

»Nein. Aber du magst hinter ihnen den Weg verschließen, daß sie nicht wieder zurück können. Auf der zweiten Höhe zwischen hier und Scheik Adi ist der Paß so schmal, daß nur zwei Männer neben einander gehen können. Wenn du dort eine Schanze machst, so kannst du mit zwanzig Kriegern tausend Türken töten.«

»Ich werde es thun. Aber was giebst du mir dafür?«

»Wenn du nicht zum Kampfe kommst, so daß ich sie allein besiege, sollst du fünfzig Gewehre erhalten; hast du aber mit ihnen zu kämpfen, so gebe ich dir hundert Türkenflinten, wenn du dich tapfer hältst.«