Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I
Chapter 34
»Iflemisch – verschwunden, verduftet, weggeblasen!«
»Wohin?«
»Ich weiß es nicht, Hoheit.«
»Du mußt es doch gesehen haben!«
»Nur ein wenig. Als der Gefangene entfloh, jagten alle hinter ihm her, auch meine Leute und die Arnauten.«
»Warum du nicht?«
»Benim eschek – mein Esel wollte nicht, Herr. Und außerdem mußte ich doch nach Baadri, um dir Quartier zu machen.«
»Hast du den entflohenen Gefangenen genau angesehen?«
»Wie konnte ich? Ich lag ja mit dem Angesicht zur Erde, und als ich mich erhob, um der Jagd zu folgen, war er bereits weit fort.«
Dies war mir sehr lieb, der Sicherheit Mohammed Emins wegen.
»Werden die andern bald nachkommen?«
»Wer weiß es! Allah ist unerforschlich; er führt den Gläubigen dahin und dorthin, nach rechts und nach links, wie es ihm gefällt, denn die Wege des Menschen sind im Kitab takdirün, in dem Buche der Vorsehung, verzeichnet.«
»Ist Ali Bey hier?« fragte ich jetzt den Dorfältesten.
»Ja.«
»Wo?«
»Bu kapu escheri – hinter dieser Thüre.«
»Ist er allein?«
»Ja.«
»Sage ihm, daß wir ihn sprechen wollen!«
Während er in das andere Gemach ging, stieß Ifra den kleinen Halef in die Seite und sagte leise, nach Mohammed Emin blinzelnd:
»Wer ist dieser Araber?«
»Ein Scheik.«
»Wo kommt er her?«
»Wir haben ihn gefunden. Er ist ein Freund meines Sihdi und wird jetzt bei uns bleiben.«
»Wer tschok Bakschischler – giebt er viele Trinkgelder?«
»Bu kadar – so viel!« meinte Halef, indem er alle zehn Finger emporstreckte.
Das war dem guten Buluk Emini genug, wie ich seiner vor Zufriedenheit strahlenden Miene anmerkte. Jetzt öffnete sich die Thüre, und der Dorfälteste kehrte zurück. Hinter ihm erschien ein junger Mann von sehr schöner Gestalt. Er war hoch und schlank gewachsen, hatte regelmäßige Gesichtszüge und ein Paar Augen, deren Feuer überraschend war. Er trug eine fein gestickte Hose, ein reiches Jäckchen und einen Turban, unter welchem eine Fülle der prächtigsten Locken hervorquoll. In seinem Gürtel befand sich nur ein Messer, dessen Griff von sehr kunstvoller Arbeit war.
»Chosch geldin demek – seid willkommen!« sagte er, indem er zunächst mir, dann dem Scheik und endlich auch Halef die Hand reichte. Den Baschi-Bozuk aber schien er gar nicht zu bemerken.
»Mazal bujurum sultanum – vergib mir, Herr, daß ich dein Haus betrete,« antwortete ich. »Der Abend ist nahe, und ich wollte dich fragen, ob es in deinem Gebiete eine Stelle giebt, an welcher wir unser Haupt zur Ruhe legen können.«
Er betrachtete mich sehr aufmerksam von dem Kopfe bis herab zu den Füßen und erwiderte dann:
»Man soll den Wanderer nicht fragen, woher und wohin. Aber mein Kiajah sagte mir, daß du ein Emir seist.«
»Ich bin kein Araber und kein Türke, sondern ein Nemtsche, weit vom Abendlande her.«
»Ein Nemtsche? Ich kenne dieses Volk nicht und habe auch noch keinen von ihnen gesehen. Aber ich habe von einem Nemtsche gehört, den ich sehr gern kennen lernen möchte.«
»Darf ich dich fragen, warum?«
»Weil drei von meinen Männern ihm das Leben zu verdanken haben.«
»Inwiefern?«
»Er hat sie aus der Gefangenschaft befreit und zu den Haddedihn gebracht.«
»Sind sie hier in Baadri?«
»Ja.«
»Und heißen Pali, Selek und Melaf?«
Er trat überrascht einen Schritt zurück.
»Du kennst sie?«
»Wie hieß der Nemtsche, den du meinest?«
»Kara Ben Nemsi wurde er genannt.«
»So ist mein Name. Dieser Mann hier ist Mohammed Emin, der Scheik der Haddedihn, und der andere ist Halef, mein Begleiter.«
»Ist es möglich? Welch eine Überraschung! Seni gerek olarim – ich muß dich umarmen!«
Er zog mich an sich und küßte mich auf beide Wangen; dasselbe that er auch mit Mohammed und Halef, nur daß er bei letzterem den Kuß unterließ. Dann faßte er mich bei der Hand und sagte:
»Tschelebim mahalinde geldin – Herr, du kommst zur rechten Zeit. Wir haben ein großes Fest, bei welchem man nicht Fremde zuzulassen pflegt; du aber sollst dich mit uns freuen. Bleibe hier, so lange die fröhlichen Tage dauern, und auch später noch recht lange!«
»Ich bleibe, so lange es dem Scheik gefällt.«
»Es wird ihm gefallen.«
»Du mußt wissen, daß sein Herz ihn vorwärts treibt, wie wir dir noch erzählen werden.«
»Ich weiß es. Aber tretet herein. Mein Haus ist euer Haus, und mein Brot ist euer Brot. Ihr sollt unsere Brüder sein, so lange wir leben!«
Während wir durch die Thür schritten, hörte ich Ifra zu dem Gemeindeältesten sagen:
»Hast du es gehört, Alter, was mein Effendi für ein berühmter Emir ist? Lerne, auch mich danach zu schätzen. Merke dir das!«
Das Gemach, welches wir betraten, war sehr einfach ausgestattet. Ich und der Scheik mußten zur Seite Ali Beys Platz nehmen. Dieser hatte meine Hand noch immer nicht losgelassen und betrachtete mich abermals sehr aufmerksam.
»Also du bist der Mann, welcher die Feinde der Haddedihn geschlagen hat!«
»Willst du meine Wangen schamrot machen?«
»Und der des Nachts ohne alle Hilfe einen Löwen tötete! Ich möchte sein, wie du! Du bist ein Christ?«
»Ja.«
»Die Christen sind alle mächtiger als andere Leute; aber ich bin auch ein Christ.«
»Sind die Dschesidi Christen?«
»Sie sind alles. Die Dschesidi haben von allen Religionen nur das Gute für sich genommen – – –«
»Weißt du das gewiß?«
Er zog die Brauen zusammen.
»Ich sage dir, Emir, daß in diesen Bergen keine Religion allein zu herrschen vermag; denn unser Volk ist zerteilt, unsere Stämme sind gespalten, und unsere Herzen sind zerrissen. Eine gute Religion muß Liebe predigen; aber eine freiwillige, aus dem Innern hervorwachsende Liebe kann bei uns nicht Wurzel schlagen, weil der Acker aus dem Boden des Hasses, der Rachsucht, des Verrates und der Grausamkeit zusammengesetzt ist. Hätte ich die Macht, so würde ich die Liebe predigen, aber nicht mit den Lippen, sondern mit dem Schwerte in der Faust; denn wo eine edle Blume gedeihen soll, da muß zuvor das Unkraut ausgerottet werden. Oder meinest du, daß eine Predigt im stande sei, aus einem Zehr-lahana[192] eine Karanfil[193] zu machen? Der Gärtner kann die Blüte der Giftpflanze füllen und verschönern, das Gift aber wird im Innern heimtückisch verborgen bleiben. Und ich sage dir, die Predigt meines Schwertes sollte Lämmer aus Wölfen machen. Wer diese Predigt hörte, würde glücklich sein; wer ihr aber widerstrebte, den würde ich zermalmen. Dann erst könnte ich das Schwert in die Scheide stecken und zu meinem Zelte heimkehren, um mich meines Werkes zu freuen. Denn wenn sie einmal eingezogen ist, so ist es wahr, was das heilige Buch der Christen sagt: Muhabbet bitmez – die Liebe hört nie auf!«
[192] Giftkraut.
[193] Nelke.
Sein Auge leuchtete, seine Wange hatte sich gerötet, und der Ton seiner Stimme kam aus der Tiefe eines vollen Herzens heraus. Er war nicht nur ein schöner, sondern auch ein edler Mann; er kannte die traurigen Verhältnisse seines Landes und hatte vielleicht das Zeug zu einem Helden.
»Du glaubst also, daß die christlichen Prediger, welche aus der Ferne kommen, hier nichts zu wirken vermögen?« fragte ich nun.
»Wir Dschesidi kennen euer heiliges Buch. Dieses sagt: ›Chüdanün söz tschekidsch dir, bi tschatlar taschlar – das Wort Gottes ist ein Hammer, welcher Felsen zertrümmert.‹ Aber kannst du mit einem Hammer das Wasser zermalmen? Kannst du mit ihm die Dünste zerschmettern, welche dem Sumpfe entsteigen und das Leben töten? Frage die Männer, welche aus Jeni dünja[194] herüber gekommen sind! Sie haben viel gelehrt und gesprochen; sie haben schöne Sachen geschenkt und verkauft; sie haben sogar als Buchdrucker gearbeitet. Und die Leute haben sie angehört, haben ihre Geschenke genommen, haben sich taufen lassen, und dann sind sie hingegangen, um zu rauben, zu stehlen und zu töten, wie vorher. Das heilige Buch wurde in unserer Sprache gedruckt, aber kein Mensch verstand den Dialekt, und kein Mensch hier kann schreiben oder lesen. Glaubst du, daß diese frommen Männer uns das Schreiben und das Lesen lehren werden? Unsere Feder darf jetzt nur von scharfem Stahle sein. Oder gehe nach dem berühmten Kloster Rabban Hormuzd, welches einst den Nestorianern gehörte. Jetzt gehört es den Katuliklar[195], welche Alkosch und Telkef bekehrten. Einige arme Mönche verhungern auf der dürren Höhe, auf welcher zwei nackte Ölbäume das Dasein des Verschmachtens leben. Warum ist es so und nicht anders? Es fehlt der Jeboschu[196], welcher da gebietet: ›Günesch ile kamer, sus hem Gibbea jakinda hem dere Adschala – Sonne, stehe stille bei Gibeon und, Mond, im Thale von Ajalon!‹ Es fehlt der Held Schimsa[197], welcher die Bösen mit dem Schwerte zwingt, Gutes zu thun. Es fehlt Tschoban Dawud[198], der mit seiner Schleuder den Mörder Dscholiah erschlägt. Es fehlt die Flut, welche die Gottlosen ertränkt, damit Nauah[199] mit den Seinen niederknieen könne vor Allah unter dem Bogen der sieben Farben. Steht in eurem Buche nicht: ›Insanlar dscheza estemez-ler dan ruhuma – die Menschen wollen sich von meinem Geiste nicht strafen lassen?‹ – Wäre ich ein Musa[200], so würde ich meinen Jeboschu und meinen Kaleb durch alle Thäler Kurdistans senden und dann mit meinem Schwerte jenen die Wege ebnen, von denen euer Kitab sagt: ›Wazar-lar sallami, der-ler ughurü – sie predigen den Frieden, und sie verkündigen das Heil!‹ – Du blickst mich an mit großen Augen; du meinst, der Friede sei besser als der Krieg und die Schaufel besser als die Keule? Ich meine es auch. Aber kannst du dir den Frieden denken, ohne daß er mit dem Säbel errungen ist? Müssen wir hier nicht die Keule tragen, um mit der Schaufel arbeiten zu können? Siehe dich an, nur dich allein! Du trägst sehr viele Waffen an dir, und sie sind besser als diejenigen, welche wir besitzen. Warum trägst du sie? Trägst du sie im Lande der Nemtsche auch, wenn du eine Reise unternimmst?«
[194] Amerika.
[195] Katholiken.
[196] Josua.
[197] Simson.
[198] Hirt David.
[199] Noah.
[200] Moses.
»Nein,« mußte ich allerdings antworten.
»Da siehst du! Ihr könnt zur Kilise (Kirche) gehen und zu Allah beten ohne Sorge; ihr könnt euch zum Lehrer setzen und auf seine Stimme hören ohne Angst; ihr könnt eure Eltern ehren und eure Kinder unterweisen ohne Furcht; ihr lebt im Garten Eden unverzagt, denn eurer Schlange ist der Kopf zertreten. Wir aber warten noch des Helden, welcher stillen und beruhigen soll das ›Schamata arasynda daghlere – das Geschrei in den Bergen‹, von denen euer Buch erzählt. Und ich sage dir, daß er noch kommen wird. Nicht der Russe wird es sein und auch nicht der Engländer, nicht der Türke, der uns aussaugt, und auch nicht der Perser, der uns so höflich belügt und betrügt. Wir glaubten einst, Bonapertah werde es sein, der große Schah der Franzosen; jetzt aber wissen wir, daß der Löwe nicht vom Adler Hilfe erwarten soll, denn das Reich beider ist verschieden. Hast du einmal gehört, was die Dschesidi gelitten haben?«
»Ja.«
»Wir wohnten im Frieden und in Eintracht im Lande Sindschar; aber wir wurden unterdrückt und vertrieben. Es war im Frühjahre; der Fluß war ausgetreten und die Brücke weggerissen. Da lagen unsere Greise, unsere Weiber und Kinder unten bei Mossul am Wasser. Sie wurden in die brausenden Fluten getrieben oder hingeschlachtet wie die wilden Tiere, und auf den Terrassen der Stadt stand das Volk von Mossul und jubelte über die Würgerei. Die Übriggebliebenen wußten nicht, wohin sie ihr Haupt legen sollten. Sie gingen in die Berge des Maklub, nach Bohtan, Scheikhan, Missuri, nach Syrien und sogar über die russische Grenze. Dort haben sie eine Heimat errungen, dort arbeiten sie, und wenn du ihre Wohnungen, ihre Kleider, ihre Gärten und Felder siehst, so freust du dich; denn da herrscht Fleiß, Ordnung und Sauberkeit, während du rundum nur Schmutz und Faulheit findest. Das aber lockt die andern, und wenn sie Geld und Leute brauchen, so fallen sie über uns her und morden uns und unser Glück. Wir feiern in drei Tagen das Fest unseres großen Heiligen. Wir haben es seit vielen Jahren nicht feiern können, weil die Pilger auf der Reise nach Scheik Adi das Leben gewagt hätten. In diesem Jahre aber scheint es, als ob sich unsere Feinde ruhig verhalten wollten, und so werden wir nach langer Zeit wieder einmal unsern Heiligen verehren. Tschelebim mahalinde geldin – du kommst zur rechten Zeit. Zwar mögen wir Fremde nicht bei unsern Festen haben; du aber bist der Wohlthäter der Meinigen und wirst uns willkommen sein.«
Nichts war mir angenehmer, als diese Einladung, denn sie gab mir Gelegenheit, die Sitten und Gebräuche der rätselhaften Teufelsanbeter kennen zu lernen. Die Radjahl el Scheïtan oder Chalk-scheïtanün[201] waren mir so schlimm geschildert worden und erschienen mir doch in einem viel bessern Lichte, so daß ich begierig war, mir Aufklärung über sie zu verschaffen.
[201] Teufelsleute.
»Habe Dank für dein freundliches Anerbieten,« antwortete ich. »Ich würde sehr gerne bei dir verweilen, aber wir haben eine Aufgabe zu lösen, welche erfordert, daß wir bald wieder Baadri verlassen.«
»Ich kenne diese Aufgabe,« antwortete er. »Du kannst trotz derselben unser Fest mitfeiern.«
»Du kennst sie?«
»Ja. Ihr wollt zu Amad el Ghandur, dem Sohn des Scheik Mohammed Emin. Er befindet sich in Amadijah.«
»Woher weißt du dies?«
»Von den drei Männern, welche du gerettet hast. Ihr werdet ihn aber jetzt nicht befreien können.«
»Warum?«
»Der Mutessarif von Mossul scheint einen Einfall der östlichen Kurden zu befürchten und hat viele Truppen nach Amadijah bestimmt, von denen bereits eine Anzahl in Amadijah eingetroffen ist.«
»Wie viel?«
»Zwei Jüsbaschi[202] mit zweihundert Mann vom sechsten Infanterieregiment Anatoli Ordüssi in Diarbekir und drei Jüsbaschi mit dreihundert Mann vom dritten Infanterieregiment Irak Ordüssi in Kerkjuk, zusammen also fünfhundert Mann, welche unter einem Bimbaschi[203] stehen.«
[202] Kapitän, Befehlshaber von hundert Mann.
[203] Major, Befehlshaber von tausend Mann.
»Und Amadijah liegt zwölf Stunden von hier?«
»Ja; doch die Wege sind so mühsam, daß du innerhalb eines Tages nicht hinzukommen vermagst. Man übernachtet gewöhnlich in Cheloki oder Spandareh und reitet erst am nächsten Morgen über die steilen und beschwerlichen Gharahberge, hinter denen die Ebene und der Felsenkegel von Amadijah liegt.«
»Welche Truppen stehen in Mossul?«
»Teile vom zweiten Dragoner- und vom vierten Infanterieregimente der Division Irak Ordüssi. Auch sie sind in Bewegung. Eine Abteilung soll gegen die Beduinen ziehen, und eine andere wird über unsere Berge kommen, um nach Amadijah zu marschieren.«
»Wie hoch zählen diese letzteren?«
»Tausend Mann unter einem Miralai[204], bei dem sich auch ein Alai Emini[205] befindet. Diesen Miralai kenne ich; er hat das Weib und die beiden Söhne von Pir[206] Kamek getötet und heißt Omar Amed.«
[204] Oberst.
[205] Regiments-Quartiermeister.
[206] Dschesidischer Heiliger.
»Weißt du, wo sie sich versammeln?«
»Die, welche gegen die Beduinen bestimmt sind, halten sich in den Ruinen von Kufjundschik verborgen; ich habe durch meine Kundschafter erfahren, daß sie bereits übermorgen aufbrechen werden. Die anderen aber werden erst später marschfertig.«
»Ich glaube, daß du von deinen Kundschaftern falsch berichtet worden bist.«
»Wieso?«
»Glaubst du wirklich, daß der Mutessarif von Mossul Truppen so weit her aus Diarbekir kommen läßt, um sie gegen die östlichen Kurden zu verwenden? Hätte er das zweite Infanterieregiment Irak Ordüssi, welches in Suleimania liegt, nicht viel näher? Und besteht das dritte Regiment in Kerkjuk nicht meistenteils aus Kurden? Glaubst du, daß er den Fehler begeht, dreihundert Mann von ihnen gegen die eigenen Stammesgenossen zu verwenden?«
Er machte eine sehr nachdenkliche Miene und meinte dann:
»Deine Rede ist klug, aber ich begreife sie nicht.«
»Haben die Truppen, welche in Kufjundschik halten, Kanonen bei sich?«
»Nein.«
»Wenn man einen Zug in die Ebene beabsichtigt, wird man gewißlich Kanoniere mitnehmen. Eine Truppe, bei welcher sich keine Artillerie befindet, wird ganz sicher in die Berge bestimmt sein.«
»So hat mein Kundschafter eine Verwechselung begangen. Die Leute, welche in den Ruinen halten, sind nicht gegen die Beduinen, sondern nach Amadijah bestimmt.«
»Sie sollen bereits übermorgen aufbrechen? Dann kommen sie just am Tage eures großen Festes hier an!«
»Emir!«
Er sprach nur dies eine Wort, aber im Tone des höchsten Schreckens. Ich fuhr fort:
»Bemerke, daß weder die Süd- noch die Nordseite von Scheik Adi, sondern nur die West- und die Ostseite für Truppen zugänglich sind. Zehn Stunden von hier versammeln sich im Westen tausend Mann bei Mossul, und zwölf Stunden von hier im Osten vereinigen sich fünfhundert Mann in Amadijah. Scheik Adi wird eingeschlossen, und es ist kein Entrinnen möglich.«
»Herr, wäre dies so gemeint?«
»Glaubst du wirklich, daß fünfhundert Mann hinreichend wären, in das Gebiet der Kurden von Berwari, von Bohtan, Tijari, Chal, Hakkiari, Karitha, Tura-Ghara, Baz und Schirwan einzufallen? Diese Kurden würden ihnen schon am dritten Tage sechstausend Streiter entgegen stellen können.«
»Du hast recht, Emir; es ist auf uns gezielt!«
»Jetzt, wo du dich von den Gründen der Wahrscheinlichkeit überzeugen ließest, vernimm denn: Ich weiß es aus dem eigenen Munde des Mutessarif, daß er euch in Scheik Adi überfallen will.«
»Wirklich?«
»Höre!«
Ich erzählte ihm von meiner Unterredung mit dem Gouverneur das, was mich zu meiner Schlußfolgerung berechtigte. Als ich geendet hatte, erhob er sich und schritt einige Male auf und ab. Dann bot er mir die Hand.
»Ich danke dir, o Herr; du hast uns alle gerettet! Hätten uns fünfzehnhundert Soldaten unerwartet überfallen, so wären wir verloren gewesen; nun aber wird es mir lieb sein, wenn sie wirklich kommen. Der Mutessarif hat uns mit Vorbedacht in Schlaf gelullt, um uns zur Wallfahrt nach Scheik Adi zu verlocken; er hat sich alles sehr schlau ausgesonnen; eines aber hat er außer acht gelassen: – die Mäuse, welche er fangen will, werden so zahlreich werden, daß sie die Katzen zerreißen können. Erzeige mir die Gnade, keinem Menschen etwas von dem zu sagen, was wir gesprochen haben, und erlaube, daß ich mich für einige Augenblicke entferne.«
Er ging hinaus.
»Wie gefällt er dir, Emir?« fragte Mohammed Emin.
»Ebenso wie dir!«
»Und dies soll ein Merd-es-Scheïtan, ein Teufelsanbeter sein?« fragte Halef. »Einen Dschesiden habe ich mir vorgestellt mit dem Rachen eines Wolfes, mit den Augen eines Tigers und mit den Krallen eines Vampyr!«
»Glaubst du nun immer noch, daß dich die Dschesidi um den Himmel bringen werden?« fragte ich ihn lächelnd.
»Warte es noch ab, Sihdi! Ich habe gehört, daß der Teufel oft eine sehr schöne Gestalt annehme, um den Gläubigen desto sicherer zu betrügen.«
Da öffnete sich die Thüre, und ein Mann trat ein, dessen Anblick ein ganz ungewöhnlicher war. Seine Kleidung zeigte das reinste Weiß, und schneeweiß war auch das Haar, welches ihm in langen, lockigen Strähnen über den Rücken herabwallte. Er mochte wohl in die achtzig Jahre zählen; seine Wangen waren eingefallen, und seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, aber ihr Blick war kühn und scharf, und die Bewegung, mit welcher er eingetreten war und die Thüre geschlossen hatte, zeigte eine ganz elastische Gewandtheit. Der volle Bart, welcher ihm rabenschwarz und schwer bis über den Gürtel herniederhing, bildete einen merkwürdigen Kontrast zu dem glänzenden Schnee des Haupthaares. Er verbeugte sich vor uns und grüßte mit volltönender Stimme:
»Günesch-iniz söjündürme-sun – eure Sonne verlösche nie!« Und dann fügte er hinzu: »#Hun be kurmangdschi zanin# – versteht ihr, kurdisch zu sprechen?«
Diese letztere Frage war im kurdischen Dialekte des Kurmangdschi ausgesprochen, und als ich unwillkürlich mit der Antwort zögerte, meinte er:
»#Schima zazadscha zani?#«
Dies war ganz dieselbe Frage im Zazadialekt. Diese beiden Dialekte sind die bedeutendsten der kurdischen Sprache, die ich damals noch nicht kannte. Ich verstand daher die Worte nicht, erriet aber ihren Sinn und antwortete auf türkisch:
»Seni an-lamez-iz – wir verstehen dich nicht. Jalwar-iz söjlem türkdsche – bitte, rede türkisch!«
Dabei erhob ich mich, um ihm meinen Platz anzubieten, wie es seinem Alter gegenüber der Anstand erforderte. Er ergriff meine Hand und fragte:
»Nemtsche sen – bist du der Deutsche?«
»Ja.«
»Izim seni kutschaklam-am – erlaube, daß ich dich umarme!«
Er drückte mich in der herzlichsten Weise an sich, nahm aber den angebotenen Platz nicht an, sondern setzte sich an die Stelle, wo der Bey gesessen hatte.
»Mein Name ist Kamek,« begann er. »Ali Bey sendet mich zu euch.«
»Kamek? Der Bey hat bereits von dir gesprochen.«
»Wobei hat er mich erwähnt?«
»Es würde dir Schmerz machen, es zu hören.«
»Schmerz? Kamek hat niemals Schmerz. Alle Schmerzen, deren das Herz des Menschen fähig ist, habe ich in einer einzigen Stunde durchkostet. Wie kann es da noch ein Leid für mich geben?«
»Ali Bey sagte, daß du den Miralai Omar Amed kennst.«
Es zuckte keine Falte seines Gesichtes, und seine Stimme klang ganz ruhig, als er antwortete:
»Ich kenne ihn, aber er kennt mich noch nicht. Er hat mir mein Weib und meine Söhne getötet. Was ist’s mit ihm?«
»Verzeihe; Ali Bey wird es dir selbst sagen!«
»Ich weiß, daß ihr nicht sprechen sollt; aber Ali Bey hat kein Geheimnis vor mir. Er hat mir mitgeteilt, was du ihm von der Absicht des Türken gesagt hast. Glaubst du wirklich, daß sie kommen werden, um unser Fest zu stören?«
»Ich glaube es.«
»Sie sollen uns besser gerüstet finden, als damals, wo meine Seele verloren ging. Hast du ein Weib und hast du Kinder?«
»Nein.«
»So kannst du auch nicht ermessen, daß ich lebe und doch längst gestorben bin. Aber du sollst es erfahren. Kennst du Tel Afer?«
»Ja.«
»Du warst dort?«
»Nein, aber ich habe von ihm gelesen.«
»Wo?«
»In den Beschreibungen dieses Landes und auch in – – du bist ein Pir, ein berühmter Heiliger der Dschesidi, du kennst also auch das heilige Buch der Christen?«
»Ich besitze den Teil, welcher Eski-Saryk[207] genannt wird, in türkischer Sprache.«
[207] Altes Testament.
»Nun, so hast du auch gelesen das Buch des Propheten Jesaias?«
»Ich kenne es. Dschesajai ist der erste der sechzehn Propheten.«
»So schlage nach in diesem Buche das siebenunddreißigste Kapitel. Dort lautet der zwölfte Vers: ›Haben auch die Götter der Heiden alle die gerettet, so von meinen Vätern vernichtet wurden, Gozam und Haram, und Reseph, und die Söhne Edens zu Thalassar?‹ Dieses Thalassar ist Tel Afer.«
Er blickte mich erstaunt an.
»So kennt ihr aus eurem heiligen Buche die Städte unseres Landes, welche bereits vor Jahrtausenden bestanden?«
»So ist es.«