Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I
Chapter 31
»Das muß ein böser Name sein; ich weiß nicht, was er bedeutet.«
»Er bedeutet so viel wie Verlöscher des Lichtes.«
»Siehst du, Sihdi! Bei ihren Gottesdiensten, bei denen auch die Frauen und Mädchen gegenwärtig sind, wird das Licht verlöscht.«
»Da hat man dir eine große Lüge gesagt. Man hat die Dschesidi mit einer andern Sekte[170] verwechselt, bei welcher dies vorkommen soll. Was weißt du noch von ihnen?«
[170] Mit den Assyrern in Syrien.
»In ihren Gotteshäusern steht ein Hahn oder ein Pfauhahn, den sie anbeten, und das ist der Teufel.«
»Ist er es wirklich?«
»Ja.«
»O du armer Hadschi Halef Omar! Haben sie viele Gotteshäuser?«
»Ja.«
»Und in jedem steht ein Hahn?«
»Ja.«
»Wie viele Teufel müßte es dann geben! Ich denke, es giebt nur einen?«
»O Sihdi, es giebt nur einen einzigen, aber der ist überall. Doch sie haben auch falsche Engel.«
»Inwiefern?«
»Du weißt, der Kuran lehrt, daß es nur vier Erzengel giebt, nämlich Dschebraïl[171], welcher der Ruh el Kuds[172] ist und mit Allah und Mohammed dreieinig ist, grad wie bei den Christen der Vater, der Sohn und der Geist; sodann Azraïl, der Todesengel, den man auch Abu Jahah nennt; nachher Mikaïl und endlich Israfil. Die Teufelsanbeter haben aber sieben Erzengel, und diese heißen Gabraïl, Michaïl, Rafaïl, Azraïl, Dedraïl, Azrafil und Schemkil. Ist dies nicht falsch?«
[171] Gabriël.
[172] Der heilige Geist.
»Es ist nicht falsch, denn auch ich glaube, daß es sieben Erzengel giebt.«
»Du? Warum?« fragte er erstaunt.
»Das heilige Buch der Christen sagt es[173], und dem glaube ich mehr als dem Kuran.«
[173] Siehe Buch Tobias 12, V. 15. Offenbarung 1, V. 4, und 4, V. 5.
»O Sihdi, was muß ich hören! Du warst in Mekka, bist ein Hadschi und glaubst mehr an das Kitab der Ungläubigen als an die Worte des Propheten! Nun wundere ich mich nicht, daß du zu den Dschesidi willst!«
»Du kannst wieder umkehren. Ich gehe allein!«
»Umkehren? Nein! Es ist vielleicht doch möglich, daß Mohammed nur von vier Engeln redet, weil die andern drei grad nicht im Himmel waren, als er oben war. Sie hatten auf der Erde zu thun, und er lernte sie also nicht kennen.«
»Ich sage dir, Hadschi Halef Omar, daß du dich vor den Teufelsanbetern nicht zu fürchten brauchst. Sie beten den Scheïtan nicht an; sie nennen ihn nicht einmal beim Namen. Sie sind reinlich, treu, dankbar, tapfer und aufrichtig, und das findest du bei den Gläubigen wohl selten. Übrigens kommst du bei ihnen nicht um die Seligkeit, denn sie werden dir deinen Glauben nicht nehmen.«
»Sie werden mich nicht zwingen, den Teufel anzubeten?«
»Nein. Ich versichere es dir!«
»Aber sie werden uns töten!«
»Weder mich noch dich.«
»Sie haben aber so viele andere getötet; sie töten die Christen nicht, sondern nur die Muselmänner.«
»Sie haben sich nur gewehrt, als sie ausgerottet werden sollten. Und sie töteten deshalb nur die Moslemim, weil sie nur von diesen und nicht von den Christen angegriffen wurden.«
»Aber ich bin ein Moslem!«
»Sie sind deine Freunde, weil sie die meinigen sind. Hast du nicht drei ihrer Männer gepflegt, bis sie wieder gesund waren?«
»Es ist wahr, Sihdi. Ich werde dich nicht verlassen, sondern mit dir gehen!«
Da hörte ich Schritte die Treppe herabkommen. Zwei Männer traten ein. Es waren zwei albanesische Aghas von den irregulären Truppen des Pascha. Sie blieben am Eingange stehen, und einer von ihnen fragte:
»Bist du der Ungläubige, den wir führen sollen?«
Seit dem Augenblick, in welchem ich mich bei dem Pascha anmelden ließ, hatte ich wohlweislich den um meinen Hals hangenden Kuran abgelegt. Dieses Zeichen der Pilgerschaft durfte ich hier nicht sehen lassen. Der Fragende erwartete natürlich eine Antwort, ich aber gab ihm keine; ja, ich that sogar, als ob ich ihn weder gesehen noch gehört hätte.
»Bist du taub und blind, daß du nicht antwortest?« fragte er barsch.
Diese Arnauten sind rohe und zügellose, gefährliche Leute, welche bei der geringsten Veranlassung nicht nur nach den Waffen greifen, sondern sie auch gebrauchen; ich beabsichtigte aber nicht, mir ihre Art und Weise so ohne weiteres gefallen zu lassen. Daher zog ich, wie unwillkürlich, den Revolver aus dem Hawk[174] und wandte mich an meinen Diener:
[174] Gürtel.
»Hadschi Halef Omar Agha, sage mir, ob jemand hier ist!«
»Ja.«
»Wer ist es?«
»Es sind zwei Sabits[175], welche mit dir sprechen wollen.«
[175] Offiziere.
»Wer sendet sie?«
»Der Pascha, dem Allah ein langes Leben verleihen möge!«
»Das ist nicht wahr! Ich bin Emir Kara Ben Nemsi; der Pascha – Allah schütze ihn! – würde mir höfliche Leute senden. Sage diesen Männern, welche ein Schimpfwort statt des Grußes auf den Lippen tragen, daß sie gehen sollen. Sie mögen demjenigen, der sie sandte, die Worte wiederholen, welche ich mit dir gesprochen habe!«
Sie fuhren mit den Händen nach den Kolben ihrer Pistolen und sahen einander fragend an. Ich richtete, wie zufällig, den Lauf meiner Waffe auf sie und runzelte so finster als möglich die Stirn.
»Nun, Hadschi Halef Omar Agha, was habe ich dir befohlen?«
Ich sah es dem kleinen Manne an, daß mein Verhalten ganz nach seinem eigenen Geschmacke sei. Auch er hatte bereits eine seiner Pistolen in der Hand, und nun wandte er sich mit seiner stolzesten Miene dem Eingange zu:
»Hört, was ich euch zu sagen habe! Dieser tapfere und berühmte Effendi ist der Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, und ich bin Hadschi Halef Omar Agha Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Ihr habt gehört, was mein Effendi sagte. Geht und thut, wie er euch befohlen hat!«
»Wir gehen nicht, der Pascha hat uns gesandt!«
»So geht wieder zum Pascha und sagt ihm, daß er uns höfliche Männer sende! Wer zu meinem Effendi kommt, hat die Schuhe auszuziehen und den Gruß zu sagen.«
»Bei einem Ungläubigen – – –«
Im Nu war ich auf und stand vor ihnen.
»Hinaus!«
»Wir haben – – –«
»Hinaus!«
Im nächsten Augenblick war ich mit Halef wieder allein. Sie mochten mir doch angesehen haben, daß ich keine Lust hatte, mir von ihnen Vorschriften geben zu lassen. – Man muß den Orientalen zu behandeln verstehen. Derjenige Abendländische, welcher sich mißachtet sieht, trägt selbst die Schuld. Ein klein wenig persönlicher Mut und eine möglichst große Dosis Unbescheidenheit, unterstützt von derjenigen lieben Tugend, welche man bei uns Grobheit nennen würde, sind unter gewissen Voraussetzungen von dem allerbesten Erfolge. Allerdings giebt es andererseits auch Verhältnisse, in denen man gezwungen ist, sich einiges oder sogar auch vieles gefallen zu lassen. Dann ist es aber sehr geraten, zu thun, als ob man gar nichts bemerkt habe. Freilich gehört nicht nur Kenntnis der Verhältnisse und Berücksichtigung des einzelnen Falles, sondern auch eine gute Übung dazu, um zu entscheiden, was dann besser und klüger sei: Grobheit oder Geduld und Selbstüberwindung, die Hand an der Waffe oder – – die Hand im Beutel.
»Sihdi, was hast du gethan!« rief Halef.
Er fürchtete trotz seiner Unerschrockenheit doch die Folgen meines Verhaltens.
»Was ich gethan habe? Nun, die beiden Lümmel hinausgewiesen!«
»Kennst du diese Arnauten?«
»Sie sind blutgierig und rachsüchtig.«
»Das sind sie. Hast du in Kahira nicht gesehen, daß einer von ihnen eine alte Frau bloß deshalb niederschoß, weil sie ihm nicht auswich? Sie war blind.«
»Ich habe es gesehen. Diese hier aber werden uns nicht niederschießen.«
»Und kennst du den Pascha?«
»Er ist ein sehr guter Mann!«
»O, sehr gut, Sihdi! Halb Mossul ist leer, weil sich alle vor ihm fürchten. Kein Tag vergeht, ohne daß zehn oder zwanzig die Bastonnade erhalten. Wer reich ist, lebt morgen nicht mehr, und sein Vermögen gehört dem Pascha. Er hetzt die Stämme der Araber aufeinander und bekriegt dann den Sieger, um ihm die Beute abzunehmen. Er spricht zu seinen Arnauten: ›Gehet, zerstört, mordet, aber bringt mir Geld!‹ Sie thun es, und er wird reicher als der Padischah. Wer heute noch sein Vertrauter ist, den läßt er morgen einstecken und übermorgen köpfen. Sihdi, was wird er mit uns thun?«
»Das müssen wir abwarten.«
»Ich will dir etwas sagen, Sihdi. Sobald ich sehe, daß er uns etwas Böses zufügen will, werde ich ihn niederschießen. Ich sterbe nicht, ohne ihn mitzunehmen.«
»Du wirst gar nicht in die Lage kommen, denn ich gehe allein zu ihm.«
»Allein? Das gebe ich nicht zu. Ich gehe mit!«
»Darf ich dich mitnehmen, wenn er nur mich bei sich sehen will?«
»Allah il Allah! So werde ich hier warten. Aber ich schwöre es dir bei dem Propheten und allen Kalifen; wenn du am Abend noch nicht zurück bist, so lasse ich ihm sagen, daß ich ihm etwas Wichtiges mitzuteilen hätte: er wird mich annehmen, und dann schieße ich ihm alle beiden Kugeln vor den Kopf!«
Es war sein Ernst, und ich bin überzeugt, er hätte es gethan, der wackere Kleine. Einen solchen Schwur hätte er nicht gebrochen.
»Aber Hanneh?« fragte ich.
»Sie soll weinen, aber stolz auf mich sein. Sie soll nicht einen Mann lieb haben, der seinen Effendi töten läßt!«
»Ich danke dir, mein guter Halef! Aber ich bin überzeugt, daß es nicht so weit kommen wird.«
Nach einer Weile vernahmen wir wieder Schritte. Ein gewöhnlicher Soldat trat ein. Er hatte die Schuhe draußen ausgezogen.
»Salama!« grüßte er.
»Sallam! Was willst du?«
»Bist du der Effendi, welcher mit dem Pascha reden will?«
»Ja.«
»Der Pascha – Allah schenke ihm tausend Jahre! – hat dir eine Sänfte gesandt. Du sollst zu ihm kommen!«
»Gehe hinauf. Ich komme gleich!«
Als er hinaus war, sagte Halef:
»Sihdi, siehst du, daß es gefährlich wird?«
»Warum?«
»Er sendet keinen Agha, sondern einen gewöhnlichen Soldaten.«
»Es mag sein: aber mache dir keine Sorge!«
Ich stieg die wenigen Stufen hinauf. Ah! Vor dem Hause hielt ein Trupp von etwa zwanzig Arnauten. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet, und einer der beiden Aghas, welche vorher bei mir gewesen waren, befehligte sie. Zwei Hammals[176] hielten einen Tragsessel bereit.
[176] Träger.
»Steig ein!« gebot mir der Agha mit finsterer Miene.
Ich that es möglichst unbefangen. Diese Eskorte ließ mich vermuten, daß ich so halb und halb ein Gefangener sei. Ich wurde im Trabe fortgetragen, bis man vor einem Thore still hielt.
»Steige aus und folge mir!« befahl der Agha in dem vorigen Tone.
Er führte mich eine Treppe empor nach einem Zimmer, in welchem verschiedene Offiziere standen, die mich mit finsteren Blicken musterten. Am Eingange saßen einige Civilisten, Einwohner der Stadt, denen man es ansah, daß sie hier in der Höhle des Löwen sich nicht sehr wohl fühlten. Ich wurde sofort angemeldet, zog meine Sandalen aus, welche ich zu diesem Zwecke angelegt hatte, und trat ein:
»Sallam aaleïkum!« grüßte ich, indem ich die Arme über die Brust verschränkte und mich verbeugte.
»Sal – –«
Der Pascha unterbrach sich aber sofort und fragte dann:
»Dein Bote hat gesagt, daß ein Nemtsche mit mir reden wolle?«
»So ist es.«
»Sind die Nemsi Moslemim?«
»Nein. Sie sind Christen.«
»Und dennoch wagst du den Gruß der Moslemim!«
»Du bist ein Moslem, ein Liebling Allahs und ein Liebling des Padischah – Gott beschirme ihn! – Soll ich dich mit dem Gruß der Heiden begrüßen, die keinen Gott und kein heiliges Buch haben?«
»Du bist kühn, Fremdling!«
Es war ein eigentümlicher, lauernder Blick, den er mir zuwarf. Der Pascha war nicht groß und von sehr hagerer Gestalt, und sein Gesicht wäre ein sehr gewöhnliches gewesen, wenn der Zug von Schlauheit und Grausamkeit gefehlt hätte, der sofort auffallen mußte. Dabei war ihm die rechte Wange stark geschwollen, und neben ihm stand ein silbernes, mit Wasser gefülltes Becken, das ihm als Spucknapf diente. Seine Kleidung bestand ganz aus Seide. Der Griff seines Dolches und die Agraffe an seinem Turbane funkelten von Diamanten; seine Finger glänzten von Ringen, und die Wasserpfeife, aus welcher er rauchte, war eine der kostbarsten, die ich je gesehen hatte.
Nachdem er mich eine Weile vom Kopfe bis zum Fuße gemustert hatte, fragte er weiter:
»Warum hast du dich nicht durch einen Konsul vorstellen lassen?«
»Die Nemsi haben keinen Konsul in Mossul, und die anderen Konsuln sind mir ebenso fremd wie du selbst. Ein Konsul kann mich nicht besser und schlechter machen, als ich bin, und du hast ein scharfes Auge; du brauchst mich nicht durch das Auge eines Konsuls kennen zu lernen.«
»Maschallah! Du sprichst wirklich sehr kühn! Du sprichst, als ob du ein sehr großer Mann seist!«
»Würde ein anderer Mann es wagen, dich zu besuchen?«
Dies war nun allerdings sehr unverfroren gesprochen, aber ich sah auch gleich, daß es den erwarteten Eindruck machte.
»Wie heißest du?«
»Hasredin[177], ich habe verschiedene Namen.«
[177] Hoheit.
»Verschiedene? Ich denke, daß der Mensch nur _einen_ Namen hat!«
»Gewöhnlich. Bei mir aber ist es anders, denn in jedem Lande und bei jedem Volke, welches ich besuchte, hat man mich anders genannt.«
»So hast du viele Länder und viele Völker gesehen?«
»Ja.«
»Nenne die Völker!«
»Die Osmanly, Fransesler, Engleterrler, Espanjoler – –«
Ich konnte ihm eine hübsche Reihe von Namen nennen und setzte natürlich aus Höflichkeit die Osmanly voran. Seine Augen wurden bei jedem Worte größer. Endlich aber platzte er heraus:
»Hei-hei![178] Giebt es so viele Völker auf der Erde?«
[178] Ausruf der Verwunderung.
»Noch viel, viel mehr!«
»Allah akbar, Gott ist groß! Er hat so viele Nationen geschaffen, wie Ameisen in einem Haufen sind. Du bist noch jung. Wie kannst du so viele Länder besucht haben? Wie alt warst du, als du aus dem Lande der Nemsi gingst?«
»Ich zählte achtzehn Jahre, als ich über die See nach Jeni-dünja[179] kam.«
[179] Amerika.
»Und was bist du?«
»Ich schreibe Zeitungen und Bücher, welche dann gedruckt werden.«
»Was schreibst du da?«
»Ich schreibe meist das, was ich sehe und höre, was ich erlebe.«
»Kommen in diesen Chaberler[180] auch die Männer vor, mit denen du zusammentriffst?«
[180] Zeitungen.
»Nur die vorzüglichsten.«
»Auch ich?«
»Auch du.«
»Was würdest du über mich schreiben?«
»Wie soll ich das jetzt schon wissen, o Pascha? Ich kann die Leute doch nur so beschreiben, wie sie sich gegen mich verhalten haben.«
»Und wer liest das?«
»Viele Tausende von hohen und niederen Männern.«
»Auch Paschas und Fürsten?«
»Auch sie.«
In diesem Augenblick ertönte von dem Hofe herauf der Schall von Schlägen, begleitet vom Wimmern eines Gezüchtigten. Ich horchte ganz unwillkürlich auf.
»Höre nicht darauf,« mahnte der Pascha. »Es ist mein Hekim.«
»Dein Arzt?« fragte ich verwundert.
»Ja. Hast du einmal Disch aghrisi[181] gehabt?«
[181] Zahnschmerzen.
»Als Kind.«
»So weißt du, wie es thut. Ich habe einen kranken Zahn. Dieser Hund sollte ihn mir herausnehmen; aber er machte es so ungeschickt, daß es mir zu wehe that. Nun wird er dafür ausgepeitscht. Jetzt kann ich den Mund nicht zubringen.«
Den Mund nicht zubringen? Sollte der Zahn bereits gehoben sein? Ich beschloß, dies zu benutzen.
»Darf ich den kranken Zahn einmal sehen, o Pascha?«
»Bist du ein Hekim?«
»Bei Gelegenheit.«
»So komm her! Unten rechts!«
Er öffnete den Mund, und ich guckte hinein.
»Erlaubst du mir, den Zahn zu befühlen?«
»Wenn es nicht wehe thut!«
Ich hätte dem gestrengen Pascha beinahe in das Gesicht gelacht. Es war der Eckzahn, und er hing so lose zwischen dem angeschwollenen Zahnfleische, daß ich nur der Finger bedurfte, um die unterbrochene Operation zu vollenden.
»Wie viele Streiche soll der Hekim erhalten?«
»Sechzig.«
»Willst du ihm die noch fehlenden erlassen, wenn ich dir den Zahn herausnehme, ohne daß es dich schmerzt?«
»Du kannst es nicht!«
»Ich kann es!«
»Gut! Aber wenn es mich schmerzt, so bekommst du die Hiebe, die ihm erlassen werden.«
Er klatschte in die Hände, und ein Offizier trat herein.
»Laßt den Hekim los! Dieser Fremdling hat für ihn gebeten.«
Der Mann trat mit einem sehr erstaunten Gesichte zurück.
Nun streckte ich dem Pascha zwei Finger in den Mund, drückte erst – des Hokuspokus wegen – ein wenig an dem Nachbarzahne herum, faßte dann den kranken Eckzahn und nahm ihn weg. Der Patient zuckte mit den Wimpern, schien aber gar nicht zu ahnen, daß ich den Zahn bereits hatte. Er faßte meine Hand schnell und schob sie von sich weg.
»Wenn du ein Hekim bist, so probiere nicht erst lange! Hier liegt das Ding!«
Er deutete auf den Fußboden. Ich hielt den Zahn unbemerkt zwischen den Fingern und bückte mich. Der Gegenstand, den ich da liegen sah, war ein alter, ganz unmöglich gewordener Geisfuß, und daneben lag eine Zahnzange – aber was für eine! Man hätte mit derselben jede Sorte von Plättstählen aus dem Feuer nehmen können. Ein klein wenig Spiegelfechterei konnte nichts schaden. Ich fuhr dem Pascha mit dem Geisfuße in den nicht allzu kleinen Mund.
»Paß auf, ob es wehe thut! Bir – iki – itsch – eins, zwei, drei! Hier ist der Ungehorsame, welcher dir solche Schmerzen bereitet hat!« Ich gab ihm den Zahn.
Er sah mich ganz erstaunt an.
»Maschallah! Ich habe gar nichts gefühlt!«
»So können es die Ärzte der Nemsi, o Pascha!«
Er fühlte sich in den Mund; er besah den Zahn, und nun erst war er überzeugt, daß er von demselben befreit worden sei.
»Du bist ein großer Hekim! Wie soll ich dich nennen?«
»Die Beni Arab nennen mich Kara Ben Nemsi.«
»Nimmst du jeden Zahn so gut heraus?«
»Hm! Unter Umständen!«
Er klatschte abermals in die Hände, und der vorige Offizier erschien.
»Frage überall im Hause nach, ob jemand Zahnschmerzen hat!«
Der Adjutant verschwand, und mir war es ganz so, als ob ich jetzt selbst Zahnschmerzen bekommen hätte, trotzdem die Miene des Pascha sehr gnädig geworden war.
»Warum folgtest du meinen Boten nicht sofort?« fragte er.
»Weil sie mich beschimpften.«
»Erzähle!«
Ich berichtete ihm das Vorkommnis. Er hörte aufmerksam zu und erhob dann drohend seine Hand.
»Du thatest unrecht. Ich hatte es befohlen, und du mußtest sofort kommen. Danke Allah, daß er dir offenbarte, die Zähne ohne Schmerzen herauszunehmen!«
»Was hättest du mir gethan?«
»Du wärst bestraft worden. Wie, das weiß ich jetzt nicht.«
»Bestraft? Das hättest du nicht gethan!«
»Maschallah! Warum nicht? Wer sollte mich hindern?«
»Der Großherr selbst.«
»Der Großherr?« fragte er verblüfft.
»Kein anderer. Ich habe nichts verbrochen und darf wohl verlangen, daß deine Aghas höflich gegen mich sind. Oder meinst du, daß es nicht notwendig sei, dieses Tirscheh[182] zu berücksichtigen? Hier nimm und lies!«
[182] Pergament.
Er öffnete das Pergament und legte, als er einen Blick darauf geworfen hatte, es sich ehrfurchtsvoll an Stirne, Mund und Herz.
»Ein Bu-djeruldi des Großherrn – Allah segne ihn!«
Er las es, legte es zusammen und gab es mir dann zurück.
»Du stehst im Giölgeda padischahnün! Wie kommst du dazu?«
»Du bist Gouverneur von Mossul! Wie kommst du dazu, o Pascha?«
»Wirklich, du bist sehr kühn! Ich bin Gouverneur des hiesigen Bezirkes, weil die Sonne des Padischah mich erleuchtete.«
»Und ich stehe im Giölgeda padischahnün, weil die Gnade des Großherrn über mich erglänzte. Der Padischah hat mir die Erlaubnis gegeben, alle seine Länder zu besuchen, und dann werde ich große Bücher und Zeitungen darüber schreiben, wie ich von den Seinigen aufgenommen wurde.«
Das wirkte. Er zeigte neben sich auf den kostbaren Smyrnateppich. »Setze dich!«
Dann befahl er dem Negerknaben, welcher vor ihm kauerte, um seine Pfeife zu bedienen, Kaffee und mir eine Pfeife zu bringen.
Auch meine Sandalen wurden geholt, die ich sofort wieder anlegen mußte. Dann saßen wir rauchend und trinkend beieinander, als ob wir ein paar alte Bekannte seien. Er schien immer mehr Freude an mir zu finden, und um mir dies durch die That zu beweisen, ließ er meine beiden arnautischen Aghas eintreten. Er machte ihnen ein Gesicht, welches ihnen nichts weniger als ein großes Glück verkündete, und fragte:
»Ihr solltet diesen Bey zu mir holen?«
»Du befahlst es, o Herr!« antwortete der eine.
»Ihr habt nicht gegrüßt! Ihr habt eure Schuhe anbehalten! Ihr habt ihn sogar einen Ungläubigen genannt!«
»Wir thaten es, weil du ihn selbst so nanntest.«
»Schweig, du Hund, und sage, ob ich ihn wirklich so genannt habe!«
»Herr, du hast – – –«
»Schweig! Habe ich ihn einen Ungläubigen genannt?«
»Nein, o Pascha.«
»Und doch hast du es behauptet! Geht hinunter in den Hof! Es soll ein jeder von euch fünfzig Streiche auf die Fußsohlen erhalten. Meldet es draußen!«
Das war wirklich ein allerliebster Freundschaftsbeweis gegen mich. Fünfzig Hiebe? Es war doch zu viel. Zehn oder fünfzehn hätte ich ihnen gegönnt. So aber mußte ich mich ihrer annehmen.
»Du richtest gerecht, o Pascha,« meinte ich daher. »Deine Weisheit ist erhaben, aber deine Güte ist noch größer. Die Gnade ist das Recht aller Kaiser, aller Könige und Herrscher. Du bist der Fürst von Mossul, und du wirst deine Gnade leuchten lassen über diese beiden Männer!«
»Über diese Halunken, die dich beleidigt haben? Ist dies nicht ebenso, als ob sie mich beleidigt hätten?«
»Herr, du stehst so erhaben über ihnen wie der Stern über der Erde. Der Schakal heult die Sterne an, diese aber hören es nicht und leuchten fort. Man wird im Abendlande deine Güte rühmen, wenn ich erzähle, daß du meine Bitte erfüllt hast.«
»Diese Hunde sind es nicht wert, daß wir ihnen vergeben; aber damit du siehst, daß ich dich lieb habe, so mag ihnen die Strafe erlassen sein. Packt euch fort, und laßt euch heute nicht mehr vor unserm Angesicht sehen!«
Als sie das Zimmer verlassen hatten, erkundigte er sich:
»In welchem Lande bist du bisher zuletzt gewesen?«
»In Gipt. Und dann kam ich durch die Wüste herüber zu dir.«
Ich sagte so, weil ich keine Lüge machen wollte und ihm doch auch nicht sagen konnte, daß ich bei den Haddedihn gewesen sei.
»Durch die Wüste? Durch welche? Doch durch die Wüste des Sinai und von Syrien! Das ist ein böser Weg; aber danke Gott, daß du ihn eingeschlagen hast!«
»Warum?«
»Weil du sonst unter die Schammar-Araber geraten und von ihnen ermordet worden wärest.«
Wenn er das gewußt hätte, was ich ihm verschwieg!
»Sind diese Schammar so schlimm, Hoheit?« fragte ich.
»Es ist ein freches, räuberisches Gesindel, welches ich zu Paaren treiben werde. Sie zahlen weder Steuer noch Tribut, und daher habe ich bereits begonnen, sie zu vernichten.«
»Du hast deine Truppen gegen sie gesandt?«
»Nein. Die Arnauten sind zu besseren Dingen zu gebrauchen.«
Diese »besseren Dinge« waren leicht zu erraten: Ausrauben der Unterthanen, um den Pascha zu bereichern.
»Ah, ich errate!«
»Was errätst du?«
»Ein kluger Herrscher schont die Seinen und schlägt die Feinde, indem er sie untereinander entzweit!«
»Allah il Allah! Die Nemsi sind keine dummen Menschen. Ich habe es wirklich so gemacht.«
»Ist es gelungen?«
»Schlecht! Und weißt du, wer die Schuld daran trägt?«
»Wer?«
»Die Engländer und ein fremder Emir. Die Haddedihn sind die tapfersten unter den Schammar. Sie sollten aber vernichtet werden, ohne daß das Blut eines der Meinen floß, und so sandten wir drei andere Stämme gegen sie. Da kam dieser Engländer mit dem Emir und warb andere Stämme, welche den Haddedihn halfen. Meine Verbündeten wurden alle getötet oder gefangen genommen. Sie haben den größten Teil ihrer Herden verloren und müssen Tribut zahlen.«
»Zu welchem Stamme gehörte dieser Emir?«
»Niemand weiß es; aber man sagt, daß er kein Mensch sei. Er tötet des Nachts den Löwen allein; seine Kugel trifft viele Meilen weit, und seine Augen funkeln im Dunkeln wie das Feuer der Hölle.«
»Kannst du seiner nicht habhaft werden?«
»Ich werde es versuchen, aber es ist sehr wenig Hoffnung dazu vorhanden. Die Abu Mohammed haben ihn bereits einmal gefangen genommen; er ist ihnen jedoch durch die Luft wieder davongeritten.«
Der gute Pascha schien ein wenig abergläubisch zu sein. Er hatte keine Ahnung davon, daß dieser Teufelskerl soeben mit ihm Kaffee trank.
»Von wem hast du dieses erfahren, Hoheit?«
»Von einem Obeïde, welcher mir als Bote gesandt wurde, als es bereits zu spät war. Die Haddedihn hatten die Herden bereits weggenommen.«
»Du wirst sie bestrafen?«
»Ja.«
»Sogleich?«