Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I
Chapter 30
Sie ging, und auch ich begab mich wieder hinaus. Man war mit dem Abzählen der Tiere beinahe fertig geworden. Ich suchte Halef auf. Er kam, als ich ihm winkte, auf mich zugeritten.
»Wer hat dir meinen Rappen erlaubt, Hadschi Halef Omar?«
»Ich wollte ihn an meine Beine gewöhnen, Sihdi!«
»Er wird sich nicht sehr vor ihnen fürchten. Höre, Halef, es wird ein Weib kommen und ein Rind und zehn Schafe zurückverlangen. Die giebst du ihr.«
»Ich gehorche, Effendi.«
»Höre weiter! Du nimmst drei Tachterwahns hier aus dem Lager und sattelst drei Kamele mit ihnen.«
»Wer soll hinein kommen, Sihdi?«
»Schau hinüber nach dem Flusse. Siehst du das Gebüsch und den Baum da rechts?«
»Ich sehe beides.«
»Dort liegen drei kranke Männer, welche in die Körbe kommen sollen. Gehe in das Zelt des Scheik; es ist dein mit allem, was sich darin befindet. Nimm Decken davon weg und lege sie in die Körbe, damit die Kranken weich liegen. Aber kein Mensch darf jetzt oder unterwegs erfahren, wen die Kamele tragen!«
»Du weißt, Sihdi, daß ich alles thue, was du befiehlst; aber ich kann so viel nicht allein thun.«
»Die drei Engländer sind dort und auch zwei Haddedihn. Sie werden dir helfen. Gieb mir jetzt den Hengst; ich werde die Aufsicht wieder übernehmen.«
Nach einer Stunde waren wir mit allem fertig. Während alle Anwesenden ihre Aufmerksamkeit auf die Herden gerichtet hatten, war es Halef gelungen, die Kranken unbemerkt auf die Kamele zu bringen. Die ganze, lange Tierkarawane stand zum Abzuge bereit. Jetzt suchte ich nach dem jungen Menschen, welcher mich heute mit seiner Keule bewillkommnet hatte. Ich sah ihn inmitten seiner Kameraden stehen und ritt zu ihm heran. Lindsay stand mit seinen Dienern ganz in der Nähe.
»Sir David Lindsay, habt Ihr oder Eure Diener nicht so etwas wie eine Schnur bei Euch?«
»Denke, daß hier viele Stricke sind.«
Er trat zu den wenigen Pferden, welche dem Stamme gelassen werden sollten. Sie waren mit Leinen an die Zeltstangen gebunden. Mit einigen Schnitten löste er mehrere dieser Leinen ab. Dann kam er zurück.
»Seht Ihr den braunen Burschen da, Sir David?«
Ich gab ihm mit den Augen einen verstohlenen Wink.
»Sehe ihn, Sir.«
»Diesen übergebe ich Euch. Er hatte die drei Unglücklichen zu beaufsichtigen und soll deshalb mit uns gehen. Bindet ihm die Hände sehr fest auf den Rücken und befestigt dann den Strick an Euren Sattel oder an den Steigbügel; er mag ein wenig laufen lernen.«
»#Yes#, Sir! Sehr schön!«
»Er bekommt weder zu essen noch zu trinken, bis wir das Wadi Deradsch erreichen.«
»Hat es verdient!«
»Ihr bewacht ihn. Wenn er Euch entkommt, so sind wir geschiedene Leute, und Ihr mögt sehen, wo Fowling-bulls zu finden sind!«
»Werde ihn festhalten. Beim Nachtlager eingraben!«
»Vorwärts also!«
Der Engländer trat zu dem Jüngling heran und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»#I have the honour, Mylord!# Mitgehen, Galgenstrick!«
Er hielt ihn fest, und die beiden Diener banden ihm kunstgerecht die Hände. Der Jüngling war im ersten Augenblick verblüfft, dann aber drehte er sich zu mir herum.
»Was soll das sein, Emir?«
»Du wirst mit uns gehen.«
»Ich bin kein Gefangener, ich bleibe hier!«
Da drängte sich ein altes Weib herbei.
»Allah kerihm, Emir! Was willst du mit meinem Sohne thun?«
»Er wird uns begleiten.«
»Er? Der Stern meines Alters, der Ruhm seiner Gespielen, der Stolz seines Stammes? Was hat er gethan, daß du ihn bindest wie einen Mörder, den die Blutrache ereilt?«
»Schnell, Sir! Bindet ihn an das Pferd und dann vorwärts!«
Sofort gab ich das Zeichen zum Aufbruch und ritt davon. Ich hatte erst Mitleid mit dem so schwer bestraften Stamme gehabt, jetzt aber widerte mich jedes Gesicht desselben an, und als wir das Lager und das Wehegeheul hinter uns hatten, war es mir, als ob ich aus einer Räuberhöhle entronnen sei.
Halef hatte sich mit seinen drei Kamelen an die Spitze des Zuges gestellt. Ich ritt zu ihm heran.
»Liegen sie bequem?«
»Wie auf dem Diwan des Padischah, Sihdi.«
»Haben sie gegessen?«
»Nein, Milch getrunken.«
»Um so besser. Können sie reden?«
»Sie haben nur einzelne Worte gesprochen, aber in einer Sprache, welche ich nicht verstehe, Effendi.«
»Es wird Kurdisch sein.«
»Kurdisch?«
»Ja. Ich halte sie für Teufelsanbeter.«
»Teufelsanbeter? Allah il Allah! Herr, behüte uns vor dem dreimal gesteinigten Teufel! Wie kann man den Teufel anbeten, Sihdi!«
»Sie beten ihn nicht an, obgleich man sie so nennt. Sie sind sehr brave, sehr fleißige und ehrliche Leute, halb Christen und halb Muselmänner.«
»Darum haben sie auch eine Sprache, die kein Moslem verstehen kann. Kannst du sie sprechen?«
»Nein.«
Er fuhr beinahe erschrocken auf.
»Nicht? Sihdi, das ist nicht wahr, du kannst alles!«
»Ich verstehe diese Sprache nicht, sage ich dir.«
»Gar nicht?«
»Hm! Ich kann eine Sprache, welche verwandt mit der ihrigen ist; vielleicht, daß ich da einige Worte finde mich ihnen verständlich zu machen.«
»Siehst du, daß ich recht hatte, Sihdi!«
»Nur Gott weiß alles; das Wissen der Menschen aber ist Stückwerk. Weiß ich doch nicht einmal, wie Hanneh, das Licht deiner Augen, mit ihrem Halef zufrieden ist!«
»Zufrieden, Sihdi? Bei ihr kommt erst Allah, dann Mohammed, dann der Teufel, den du ihr an der Kette geschenkt hast, und dann kommt aber gleich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah.«
»Also nach dem Teufel kommst du!«
»Nicht nach dem Scheïtan, sondern nach deinem Geschenk, Sihdi!«
»So sei ihr dankbar und gehorche ihr!«
Nach dieser Vermahnung ließ ich den kleinen Mann allein.
Es versteht sich ganz von selbst, daß unsere Rückreise wegen der Tiere viel langsamer von statten ging, als die Hinreise. Bei Sonnenuntergang erreichten wir eine Stelle, welche noch unterhalb Dschebbar lag und sich, da sie mit Blumen und üppigem Grün überdeckt war, sehr gut zum Nachtlager eignete. Die Hauptaufgabe war jetzt, sowohl die Herden als auch die Abu Hammed zu überwachen; ich traf also die nötigen Maßregeln. Ich hatte mich am späten Abend bereits zum Schlafe eingehüllt, als Sir Lindsay noch einmal herbeikam.
»Entsetzlich! Fürchterlich, Sir!«
»Was?«
»Hm! Unbegreiflich!«
»Was denn? Ist Euer Gefangener verschwunden?«
»Der? #No!# Liegt fest angebunden!«
»Nun, was ist denn so entsetzlich und unbegreiflich?«
»Hauptsache vergessen!«
»Nun? Redet nur!«
»Trüffeln!«
Jetzt mußte ich hellauf lachen.
»O, das ist allerdings entsetzlich, Sir, zumal ich im Lager der Abu Hammed ganze Säcke voll davon stehen sah.«
»Wo nun Trüffeln her?«
»Wir werden morgen Trüffeln haben, verlaßt Euch darauf!«
»Schön! Gute Nacht, Sir!«
Ich schlief ein, ohne mit den drei Kranken gesprochen zu haben. Am andern Morgen stand ich schon früh bei ihnen. Die Körbe waren so gestellt, daß ihre Insassen einander sehen konnten. Ihr Aussehen war ein wenig besser geworden, und sie hatten sich bereits so erholt, daß ihnen das Sprechen keine Beschwerden mehr machte.
Wie ich bald bemerkte, sprachen alle drei sehr gut arabisch, obgleich sie gestern in halbbewußtlosem Zustande nur Worte ihrer Muttersprache hervorgebracht hatten. Als ich mich ihnen nahete, erhob sich der eine und sah mich freudig forschend an.
»Du bist es!« rief er, ehe ich grüßen konnte. »Du bist es! Ich erkenne dich wieder!«
»Wer bin ich, mein Freund?«
»Du warst es, welcher mir erschien, als der Tod die Hand nach meinem Herzen ausstreckte. O, Emir Kara Ben Nemsi, wie danke ich dir!«
»Wie, du kennst meinen Namen?«
»Wir kennen ihn, denn dieser gute Hadschi Halef Omar hat uns sehr viel von dir erzählt, seit wir aufgewacht sind.«
Ich wandte mich zu Halef:
»Plaudertasche!«
»Sihdi, darf ich denn nicht von dir sprechen?« verteidigte sich der Kleine.
»Ja; aber ohne Prahlerei.«
»Seid ihr so gekräftigt, daß ihr reden könnt?« wandte ich mich nun zu den Kranken.
»Ja, Emir.«
»So erlaubt mir zu fragen, wer ihr seid.«
»Ich heiße Pali; dieser heißt Selek, und dieser Melaf.«
»Wo ist eure Heimat?«
»Unsere Heimat heißt Baadri, im Norden von Mossul.«
»Wie kamt ihr in die Lage, in welcher ich euch fand?«
»Unser Scheik sandte uns nach Bagdad, um dem Statthalter Geschenke und einen Brief von ihm zu bringen –«
»Nach Bagdad? Gehört ihr nicht nach Mossul?«
»Emir, der Gouverneur von Mossul ist ein böser Mann, der uns sehr bedrückt; der Statthalter von Bagdad besitzt das Vertrauen des Großherrn; er sollte für uns bitten.«
»Wie seid ihr da gereist? Nach Mossul und den Strom herab?«
»Nein. Wir gingen nach dem Ghazirfluß, bauten uns ein Floß, fuhren auf demselben aus dem Ghazir in den Zab und aus dem Zab in den Tigris. Dort landeten wir und wurden während des Schlafes von dem Scheik der Abu Hammed überfallen.«
»Er beraubte euch?«
»Er nahm uns die Geschenke und den Brief ab und alles, was wir bei uns trugen. Dann wollte er uns zwingen, an die Unsrigen zu schreiben, damit sie ein Lösegeld schicken sollten.«
»Ihr thatet es nicht?«
»Nein, denn wir sind arm und können kein Lösegeld bezahlen.«
»Aber euer Scheik?«
»Auch an ihn sollten wir schreiben, aber wir weigerten uns ebenso. Er hätte es bezahlt, aber wir wußten, daß es vergebens sei, da man uns dennoch getötet hätte.«
»Ihr hattet recht. Man hätte euch das Leben genommen, selbst wenn das Lösegeld bezahlt worden wäre.«
»Nun wurden wir gepeinigt. Wir erhielten Schläge, wurden stundenlang an Händen und Füßen aufgehangen und endlich in die Erde gegraben.«
»Und diese ganze, lange Zeit hindurch waret ihr gefesselt?«
»Ja.«
»Ihr wißt, daß euer Henker sich in unseren Händen befindet?«
»Hadschi Halef Omar hat es uns erzählt.«
»Der Scheik soll seine Strafe erhalten!«
»Emir, vergilt es ihm nicht!«
»Wie?«
»Du bist ein Moslem, wir aber haben eine andere Religion. Wir sind dem Leben wiedergegeben worden und wollen ihm verzeihen.«
Das also waren Teufelsanbeter!
»Ihr irrt euch,« sagte ich; »ich bin kein Moslem, sondern ein Christ.«
»Ein Christ! Du trägst doch die Kleidung eines Moslem und sogar das Zeichen eines Hadschi!«
»Kann ein Christ nicht auch ein Hadschi sein?«
»Nein, denn kein Christ darf Mekka betreten.«
»Und dennoch war ich dort. Fragt diesen Mann, er war dabei.«
»Ja,« fiel Halef ein, »Hadschi Emir Kara Ben Nemsi war in Mekka.«
»Was für ein Christ bist du, Emir? Ein Chaldäer?«
»Nein. Ich bin ein Franke.«
»Kennst du die Jungfrau, welche Gott geboren hat?«
»Ja.«
»Kennst du Esau[168], den Sohn des Vaters?«
[168] Jesus.
»Ja.«
»Kennst du die heiligen Engel, welche am Throne Gottes stehen?«
»Ja.«
»Kennst du die heilige Taufe?«
»Ja.«
»Glaubst du auch, daß Esau, der Sohn Gottes, wieder kommen wird?«
»Ich glaube es.«
»O, Emir, dein Glaube ist gut; dein Glaube ist recht; wir freuen uns, daß wir dich getroffen haben! Erzeige uns also die Liebe und vergieb dem Scheik der Abu Hammed, was er uns gethan hat!«
»Wir werden sehen! Wißt ihr, wohin wir reisen?«
»Wir wissen es. Wir gehen nach dem Wadi Deradsch.«
»Ihr werdet dem Scheik der Haddedihn willkommen sein.«
Nach dieser kurzen Unterredung ward der Marsch fortgesetzt. Bei Kalaat el Dschebbar gelang es mir, eine Menge Trüffel zu entdecken, worüber der Engländer in Entzücken geriet. Er suchte sich einen Vorrat zusammen und versprach mir, mich zu einer Trüffelpastete einzuladen, welche er selbst bereiten werde.
Als der Mittag vorüber war, lenkten wir zwischen die Berge von Kanuza und Hamrin ein und hielten uns grad auf Wadi Deradsch zu. Ich hatte unsere Ankunft mit Vorbedacht nicht melden lassen, um den guten Scheik Mohammed Emin zu überraschen; aber die Wachen der Abu Mohammed bemerkten uns und gaben das Zeichen zu einem Jubel, der das ganze Thal erfüllte. Mohammed Emin und Malek kamen uns sofort entgegen geritten und bewillkommneten uns. Meine Herde war die erste, welche anlangte.
Es gab hinüber auf die Weideplätze der Haddedihn keinen andern Weg als durch das Wadi hindurch. Hier befanden sich noch sämtliche Kriegsgefangene, und man kann die Blicke der Abu Hammed sich vorstellen, welche sie auf uns warfen, als sie ein ihnen bekanntes Tier nach dem andern an sich vorbeigehen lassen mußten. Endlich waren wir wieder auf der Ebene, und nun stieg ich vom Pferde.
»Wer ist in den Tachterwahns?« fragte Mohammed Emin.
»Drei Männer, welche Scheik Zedar zu Tode martern wollte. Ich werde dir noch von ihnen erzählen. Wo sind die gefangenen Scheiks?«
»Hier im Zelte. Da kommen sie.«
Sie traten soeben heraus. Die Augen des Scheik der Abu Hammed blitzten tückisch, als er seine Herde erkannte, und er trat auf mich zu.
»Hast du mehr gebracht, als du sollst?«
»Du meinst Tiere?«
»Ja.«
»Ich habe die Zahl gebracht, welche mir befohlen war.«
»Ich werde zählen!«
»Thue es,« antwortete ich kalt. »Aber dennoch habe ich mehr gebracht, als ich sollte.«
»Was?«
»Willst du es sehen?«
»Ich muß es sehen!«
»So rufe jenen dort herbei.«
Ich zeigte dabei auf seinen älteren Sohn, der soeben am Eingange des Zeltes erschien. Er rief ihn herbei.
»Kommt alle mit!« sagte ich.
Mohammed Emin, Malek und die drei Scheiks folgten mir nach dem Orte, wo sich die drei Kamele mit den Tachterwahns niedergelassen hatten. Halef ließ gerade die Dschesidi aussteigen.
»Kennst du diese Männer?« fragte ich Zedar Ben Huli.
Er fuhr erschrocken zurück; sein Sohn ebenfalls.
»Die Dschesidi!« rief er.
»Ja, die Dschesidi, welche du langsam morden wolltest, wie du schon viele gemordet hast, Ungeheuer!«
Da funkelte er mich mit wahren Pantheraugen an.
»Was hat er gethan?« fragte Eslah el Mahem, der Obeïde.
»Laß es dir erzählen! Du wirst erstaunen, was für ein Mensch dein Kampfgefährte gewesen ist.«
Ich schilderte, auf welche Weise und in welchem Zustande ich die drei Männer getroffen hatte. Als ich schwieg, traten alle von ihm zurück. Dadurch wurde der Blick auf den Eingang des Thales frei, wo sich in diesem Augenblick drei Reiter zeigten: Lindsay mit seinen beiden Dienern. Er hatte sich verspätet. Neben seinem Pferde schleppte sich der jüngere Sohn des Scheik einher.
Dieser sah den jungen Menschen und wandte sich augenblicklich wieder zu mir:
»Allah akbar! Was ist das! Mein zweiter Sohn gefangen?«
»Wie du siehst!«
»Was hat er gethan?«
»Er war der Gehilfe deiner Schandthaten. Deine beiden Söhne sollen den Kopf ihres in die Erde gegrabenen Vaters zwei Tage lang bewachen; dann bist du wieder frei – eine Strafe, die viel zu gering für dich und für deine Söhne ist. Gehe hin und binde deinen Jüngsten los!«
Da sprang der Verbrecher zu dem Pferde des Engländers und griff nach dem Strick. Sir David war soeben abgestiegen und wehrte die Hand des Scheik ab und rief: »Packt Euch! Dieser Bursche ist mein!«
Da riß der Scheik dem Englishman eine seiner Riesenpistolen aus dem Gürtel, schlug an und feuerte. Sir David hatte sich blitzschnell umgedreht, dennoch traf ihn die Kugel in den Arm; im nächsten Augenblick aber krachte ein zweiter Schuß. Bill, der Irländer, hatte seine Büchse erhoben, um seinen Herrn zu verteidigen, und seine Kugel fuhr dem Scheik durch den Kopf. Dessen beide Söhne warfen sich auf den Schützen, wurden aber handfest empfangen und überwältigt.
Ich wandte mich schaudernd ab. Das war Gottes Gericht! Die Züchtigung, die ich dem Missethäter zugedacht hatte, wäre zu unbedeutend gewesen. Und nun war auch mein Wort erfüllt, das ich jener Frau gegeben hatte: der Scheik kehrte nicht in sein Lager zurück.
Es verging eine Weile, bis wir alle unsere Ruhe wieder erlangt hatten. Da erscholl zunächst die Frage Halefs:
»Sihdi, wohin soll ich diese drei Männer bringen?«
»Das mag der Scheik bestimmen,« lautete meine Antwort.
Dieser trat zu den dreien heran.
»Marhaba – ihr sollt mir willkommen sein! Bleibt bei Mohammed Emin, bis ihr euch von eueren Leiden erholt habt!«
Da blickte Selek schnell empor.
»Mohammed Emin?« fragte er.
»So heiße ich.«
»Du bist kein Schammar, sondern ein Haddedihn?«
»Die Haddedihn gehören zu den Schammar.«
»O, Herr, so habe ich eine Botschaft an dich!«
»Sage sie!«
»Es war in Baadri, und ehe wir unsere Reise antraten, da ging ich zum Bache, um zu schöpfen. An demselben lag eine Truppe Arnauten, welche einen jungen Mann bewachten. Er bat mich, ihm zu trinken zu geben, und indem er that, als trinke er, flüsterte er mir zu: ›Gehe zu den Schammar, zu Mohammed Emin und sage ihm, daß ich nach Amadijah geschafft werde. Die andern sind hingerichtet worden.‹ Dies ist es, was ich dir zu sagen habe.«
Der Scheik taumelte zurück.
»Amad el Ghandur, mein Sohn!« rief er. »Er war es, er war es! Wie war er gestaltet?«
»So lang und noch breiter als du, und sein schwarzer Bart hing ihm bis zur Brust herab.«
»Er ist es! Hamdulillah! Endlich, endlich habe ich eine Spur von ihm! Freuet euch, ihr Männer, freuet euch mit mir, denn heute soll ein Festtag sein für alle, mögen sie nun Freunde oder Feinde heißen! Wann war es, als du mit ihm geredet hast?«
»Sechs Wochen sind seitdem vergangen, Herr!«
»Ich danke dir! Sechs Wochen, wie lange Zeit! Aber er soll nicht länger schmachten; ich hole ihn, und wenn ich ganz Amadijah erobern und zerstören müßte! Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, reitest du mit, oder willst du mich bei dieser Fahrt verlassen?«
»Ich reite mit!«
»Allah segne dich! – Kommt, laßt uns diese Botschaft allen Männern der Haddedihn verkündigen!«
Er eilte dem Wadi zu, und Halef trat zu mir heran mit der Frage:
»Sihdi, ist es wahr, daß du mitgehst?«
»Ich gehe mit.«
»Sihdi, darf ich dir folgen?«
»Halef, denke an dein Weib!«
»Hanneh ist in guter Hut, aber du, Herr, brauchst einen treuen Diener! Darf ich dich begleiten?«
»Gut, so nehme ich dich mit; doch frage vorher Scheik Mohammed Emin und Scheik Malek, ob sie es erlauben.«
Elftes Kapitel.
Bei den Teufelsanbetern.
So war ich denn in Mossul und erwartete eine Audienz bei dem türkischen Pascha.
Ich sollte mit Mohammed Emin hinauf in die kurdischen Gebirge reisen, um seinen Sohn Amad el Ghandur durch List oder Gewalt aus der Festung Amadijah heraus zu holen: eine Aufgabe, welche nicht so ohne weiteres zu lösen war. Der tapfere Scheik der Haddedihn wäre am liebsten mit den Kriegern seines ganzen Stammes aufgebrochen, um sich durch das türkische Gebiet zu schlagen und Amadijah frei und offen zu überfallen; doch gab es hundert dringende Gründe, welche die Ausführung eines so phantastischen Planes zur Unmöglichkeit machten. Ein einzelner Mann hatte hier mehr Hoffnung auf Erfolg, als eine ganze Horde von Beduinen, und so war Mohammed Emin endlich auf meinen Vorschlag eingegangen, das Unternehmen nur zu dreien auszuführen. Diese drei waren: er, Halef und ich.
Freilich hatte es einen großen Aufwand an Überredung gekostet, um Sir David Lindsay, welcher sich gar zu gern angeschlossen hätte, klar zu machen, daß er mit seinem vollständigen Mangel an Sprachkenntnis und Anbequemungsfähigkeit uns mehr Schaden als Nutzen bringen würde; aber er hatte sich schließlich doch entschlossen, bei den Haddedihn zu bleiben und dort unsere Rückkehr zu erwarten. Dort konnte er sich des verwundeten Griechen Alexander Kolettis als Dolmetschers bedienen und nach Fowling-bulls graben. Die Haddedihn hatten versprochen, ihm so viel Ruinen zu zeigen, als er wolle. Nach Mossul hatte er mich nicht begleitet, weil ich es ihm abriet. Er konnte mir in Mossul nichts nützen, und der Zweck, welcher ihn dorthin führen mochte, nämlich die Absicht, um den Schutz des dortigen englischen Konsuls nachzusuchen, brauchte nicht verfolgt zu werden, da bis jetzt der Schutz der Haddedihn für ihn vollständig genügte.
Die Streitigkeit derselben mit ihren Feinden war völlig geschlichtet worden. Die drei Stämme hatten sich unterworfen und Geiseln bei den Siegern zurücklassen müssen. So kam es, daß Mohammed Emin bei den Seinen entbehrt werden konnte. Er war natürlich nicht mit nach Mossul geritten, da er dort ganz außerordentlich gefährdet gewesen wäre; wir hatten uns vielmehr verabredet, in den Ruinen von Khorsabad, dem alten assyrischen Saraghum, zusammenzutreffen. Wir waren also zusammen nach Wadi Murr, Aïn el Khalkhan und El Kasr geritten. Dort aber hatten wir uns getrennt; ich war mit Halef nach Mossul gereist, und der Scheik hatte mit Hilfe eines Floßes seine Überfahrt über den Tigris bewerkstelligt, um auf der andern Seite des Flusses längs des Dschebel Maklub unser Stelldichein zu erreichen.
Was aber wollte ich in Mossul? Etwa auch den Vertreter Englands aufsuchen, um mir seinen Schutz zu erbitten? Das fiel mir gar nicht ein, denn ich war ohne denselben wenigstens ebenso sicher wie mit demselben. Den Pascha aber mußte ich aufsuchen, das war unumgänglich notwendig; denn ich wollte mich mit allem ausrüsten, was unser Vorhaben zu fördern vermochte.
Es war eine fürchterliche Hitze in Mossul. Ein Blick auf das Thermometer zeigte mir 116 Grad Fahrenheit im Schatten, wenn ich mich zu ebener Erde befand. Ich hatte mich aber in einem jener Sardaubs[169] einlogiert, in denen die Bewohner dieser Stadt während der heißen Jahreszeit ihren Aufenthalt zu nehmen pflegen.
[169] Keller.
Halef saß bei mir und putzte seine Pistolen. Es hatte längeres Stillschweigen zwischen uns geherrscht, doch sah ich es dem Kleinen an, daß er irgend etwas auf dem Herzen hatte. Endlich aber drehte er sich mit einem raschen Ruck zu mir herum und sagte:
»Daran hatte ich nicht gedacht, Sihdi!«
»Woran?«
»Daß wir die Haddedihn niemals wiedersehen werden.«
»Ah! Warum?«
»Du willst nach Amadijah, Sihdi?«
»Ja. Du weißt dies ja längst.«
»Ich habe es gewußt, aber den Weg, welcher dorthin führt, den habe ich nicht gekannt. Allah il Allah! Es ist der Weg zum Tode und in die Dschehennah!«
Er schnitt dabei das bedenklichste Gesicht, welches ich jemals bei ihm gesehen hatte.
»So gefährlich, Hadschi Halef Omar?«
»Du glaubst es nicht, Sihdi? Habe ich nicht gehört, daß du auf diesem Wege die drei Männer besuchen willst, welche sich Pali, Selek und Melaf nennen, die drei Männer, welche du auf der Insel Abu Hammed gerettet hast und die, nachdem sie bei den Haddedihn sich erholt hatten, nach ihrer Heimat zogen?«
»Ich werde sie besuchen.«
»Dann sind wir verloren. Du und ich, wir beide sind wahre Gläubige; aber ein jeder Gläubige, der zu ihnen kommt, der hat das Leben und den Himmel verloren.«
»Das ist mir neu, Hadschi Halef! Wer hat es dir gesagt?«
»Das weiß jeder Moslem. Hast du noch nicht erfahren, daß das Land, in welchem sie wohnen, Scheïtanistan genannt wird?«
Ah, jetzt wußte ich, was er meinte. Er fürchtete sich vor den Dschesidi, den Teufelsanbetern. Dennoch aber stellte ich mich, als ob ich nichts wisse, und fragte:
»Scheïtanistan, das Land des Teufels? Warum?«
»Es wohnen die Radjahl esch Scheïtan dort, die Männer des Teufels, welche den Scheïtan anbeten.«
»Hadschi Halef Omar, wo giebt es hier Leute, welche den Teufel anbeten!«
»Du glaubst es nicht? Hast du noch nie von solchen Leuten gehört?«
»O ja; ich habe sogar solche Leute gesehen.«
»Und dennoch thust du, als ob du mir nicht glaubtest?«
»Ich glaube dir wirklich nicht.«
»Und hast sie selbst gesehen?«
»Aber nicht hier. Ich war in einem Lande, weit jenseits des großen Meeres; die Franken nennen es Australien. Dort fand ich wilde Männer, welche einen Scheïtan haben, dem sie den Namen Yahu geben. Den beten sie an. Hier aber giebt es keine Leute, welche den Teufel anbeten.«
»Sihdi, du bist klüger als ich und klüger als viele Leute; zuweilen aber ist deine Klugheit und deine Weisheit ganz verflogen. Frage einen jeden Mann, der dir begegnet, und er wird dir sagen, daß man in Scheïtanistan den Teufel anbetet.«
»Warst du dabei, als sie ihn anbeteten?«
»Nein. Ich habe es aber gehört.«
»Waren denn jene Leute dabei, von denen du es gehört hast?«
»Sie hatten es auch von anderen gehört.«
»So will ich dir sagen, daß es noch kein Mensch gesehen hat; denn die Dschesidi lassen keinen Menschen bei ihren Gottesdiensten gegenwärtig sein, wenn er einen andern Glauben hat, als sie.«
»Ist das wahr?«
»Ja. Wenigstens wäre es eine sehr große und eine sehr seltene Ausnahme, wenn sie einmal einem Fremden erlaubten, beizuwohnen.«
»Aber dennoch weiß man alles, was sie thun.«
»Nun?«
»Hast du noch nicht gehört, daß man sie Dscheragh Sonderan nennt?«
»Ja.«