Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I

Chapter 26

Chapter 263,777 wordsPublic domain

»Er hätte ihm die Freiheit geben sollen.«

»Er glaubte immer noch, daß er vielleicht doch ein Mensch wäre.«

»Hatten sie ihn gefesselt?«

»Ja. Aber da kam ein Löwe in das Lager, und der Fremde sagte, er wolle ihn ganz allein erlegen, wenn man ihm seine Büchse gebe. Man gab sie ihm, und er ging in die dunkle Nacht hinaus. Nach einiger Zeit fielen Blitze vom Himmel, und es krachten zwei Schüsse. Nach einigen Minuten kam er. Er hatte das Fell des Löwen umgeworfen, stieg auf sein Pferd und ritt durch die Luft davon.«

»Hat ihn keiner halten wollen?«

»Doch; aber die Männer griffen in die Luft. Und als man ihm nachjagte, fielen drei Kugeln vom Himmel welche die drei besten Pferde töteten.«

»Woher weißt du das?«

»Der Bote erzählte es, welchen Zedar Ben Huli an unseren Scheik sandte. Glaubst du nun, daß es der Scheïtan war?«

»Er war es.«

»Was würdest du thun, wenn er dir erschiene?«

»Ich würde auf ihn schießen und dazu die heilige Fatcha beten.«

Ich trat um die Ecke und stand vor ihnen.

»So bete sie!« gebot ich ihm.

»Allah kerihm!«

»Allah il Allah, Mohammed rasuhl Allah!«

Diese beiden Ausrufe waren alles, was sie hervorbrachten.

»Ich bin der, von dem du erzählt hast. Du nennst mich den Scheïtan; wehe dir, wenn du ein Glied regst, um dich zu verteidigen! Halef, nimm ihnen die Waffen!«

Sie ließen dies ruhig geschehen; ich meinte, ihre Zähne klappern zu hören.

»Binde ihnen die Hände mit ihren eigenen Gürteln!«

Damit war Halef bald fertig, und ich konnte fest überzeugt sein, daß die Knoten nicht aufgehen würden.

»Jetzt beantwortet mir meine Fragen, wenn euch euer Leben lieb ist! Von welchem Stamme seid ihr?«

»Wir sind Obeïde.«

»Euer Stamm geht morgen über den Tigris?«

»Ja.«

»Wie viele Krieger habt ihr?«

»Zwölfhundert.«

»Womit sind sie bewaffnet?«

»Mit Pfeilen und Flinten mit der Lunte.«

»Habt ihr auch andere Flinten und vielleicht Pistolen?«

»Nicht viele.«

»Wie setzt ihr über – auf Kähnen?«

»Auf Flößen; wir haben keine Kähne.«

»Wie viele Krieger haben die Abu Hammed?«

»So viel wie wir.«

»Wie sind diese bewaffnet?«

»Sie haben mehr Pfeile als Flinten.«

»Und wie viele Männer bringen euch die Dschowari?«

»Tausend.«

»Haben diese Pfeile oder Flinten?«

»Sie haben beides.«

»Kommen bloß eure Krieger herüber, oder werdet ihr diese Gegend auch mit euren Herden überziehen?«

»Nur die Krieger kommen.«

»Warum wollt ihr die Haddedihn bekriegen?«

»Der Gouverneur hat es uns befohlen.«

»Er hat euch nichts zu befehlen, ihr gehört unter den Statthalter von Bagdad. Wo sind eure Pferde?«

»Dort.«

»Ihr seid meine Gefangenen. Bei jedem Versuche, zu entkommen, werde ich euch niederschießen. Nazar, kommt!« – Die beiden anderen kamen herbei.

»Bindet diese beiden Männer hier fest auf ihre Pferde!«

Die Obeïde ergaben sich in ihr Schicksal; sie stiegen ohne Weigerung auf und wurden auf ihren Tieren so befestigt, daß an eine Flucht gar nicht zu denken war.

Hierauf gab ich den Befehl:

»Jetzt holt unsere Pferde drüben herab und bringt sie an den Eingang zum Thale. Ibn Nazar, du bleibst hier in El Deradsch zurück, der andere aber mag Halef die Gefangenen nach dem Lager transportieren helfen.«

Die beiden Haddedihn verschwanden, um unsere Pferde am äußersten Abhange des Thales hinabzuleiten. Dann stiegen wir auf und kehrten zurück, während Ibn Nazar auf seinem Posten verblieb.

»Ich werde euch voraneilen; kommt so schnell wie möglich nach.«

Mit dieser Weisung gab ich meinem Pferde die Schenkel. Ich that dies aus zwei Gründen: erstens war meine Gegenwart im Lager nötig, und zweitens hatte ich heute einmal Gelegenheit, das Geheimnis und den höchsten Leistungsgrad meines Rappen zu probieren. Er flog leicht, wie ein Vogel, über die Ebene dahin; der schnelle Lauf schien ihm sogar Vergnügen zu machen, denn er wieherte einigemal freudig auf. Plötzlich legte ich ihm die Hand zwischen die Ohren – –

»Rih!« – –

Auf diesen Ruf legte er die Ohren zurück; er schien länger und dünner zu werden, schien zwischen den Luftteilchen hindurchschießen zu wollen. Dem bisherigen Galopp hätten hundert andere auch gute Pferde nicht zu folgen vermocht, aber gegen das, was nun erfolgte, war er wie die Windstille gegen eine rasende Bö, wie der Gang einer Ente gegen den Flug einer Schwalbe. Die Geschwindigkeit einer Lokomotive oder eines Eilkameles hätte nicht vermocht, diejenige dieses Pferdes zu erreichen, und dabei war der Lauf desselben überaus glatt und gleichmäßig. Es war wirklich nicht zu viel, was Mohammed Emin zu mir gesagt hatte: »Dieses Pferd wird dich durch tausend Reiter hindurchtragen, und ich fühle mich unendlich stolz, der Besitzer dieses ausgezeichneten Renners zu sein.«

Doch ich mußte daran denken, diese äußerste Anspannung aller Kräfte zu beenden; ich ließ den Rappen in Gang fallen und legte ihm liebkosend die Hand an den Hals. Das kluge Tier wieherte freudig bei diesem Beweis meiner Anerkennung und trug stolz den Hals.

Als ich das Lager erreichte, hatte ich vom Wadi Deradsch nur den vierten Teil der Zeit gebraucht, welche zu dem Hinwege notwendig gewesen war. In der Nähe des Zeltes, welches der Scheik bewohnte, hielt auf Kamelen und Pferden eine Menge dunkler Gestalten, die ich wegen der Dunkelheit nicht genau zu erkennen vermochte, und im Zelte selbst wartete meiner eine sehr angenehme Überraschung: – Malek stand vor dem Scheik, welcher soeben im Begriffe war, Worte der freundlichsten Begrüßung auszusprechen.

»Sallam!« begrüßte mich der Ateïbeh, indem er mir beide Hände entgegenstreckte. »Meine Augen freuen sich, dich zu sehen, und mein Ohr ist entzückt, die Schritte deines Fußes zu vernehmen!«

»Allah segne deine Ankunft, Freund meiner Seele! Er hat ein Wunder gethan, um dich heute schon zu uns zu bringen.«

»Welches Wunder meint deine Zunge?«

»Wir konnten dich heute unmöglich erwarten. Es sind ja drei Tagreisen von hier bis zum Dschebel Schammar und zurück!«

»Du sagest die Wahrheit. Aber dein Bote brauchte nicht bis zum Berge der Schammar zu reiten. Nachdem er mit Halef uns verlassen hatte, erfuhr ich von einem verirrten Hirten, daß die Krieger der Haddedihn hier ihre Herden weiden. Ihr Scheik, der berühmte und tapfere Mohammed Emin, ist mein Freund; Hadschi Halef konnte nur auf ihn und keinen anderen getroffen sein, und so berieten wir uns, nicht auf seine Rückkehr zu warten, sondern seiner Botschaft zuvorzukommen.«

»Dein Entschluß war gut, denn ohne ihn hätten wir dich heute nicht begrüßen können.«

»Wir trafen den Boten auf der Mitte des Weges, und mein Herz freute sich, als ich erfuhr, daß ich dich, o Hadschi Kara Ben Nemsi, bei den Kriegern der Haddedihn finden werde. Allah liebt dich und mich; er leitet unsere Füße auf Pfade, welche sich wieder begegnen. Doch sage, wo ist Hadschi Halef Omar, der Sohn meiner Achtung und meiner Liebe?«

»Er befindet sich unterwegs hierher. Ich ritt voraus und ließ ihn mit zwei Gefangenen zurück; in kurzer Zeit wirst du ihn sehen.«

»Es ist dir gelungen?« fragte mich Mohammed Emin.

»Ja. Die Kundschafter sind in unserer Hand; sie können uns nicht schaden.«

»Ich höre,« meinte Malek, »daß Feindschaft ausgebrochen ist zwischen den Haddedihn und den Räubern am Tigris?«

»Du hast recht gehört. Morgen, wenn die Sonne am höchsten gestiegen ist, werden unsere Gewehre donnern und unsere Säbel blitzen.«

»Ihr werdet sie überfallen?«

»Sie wollen uns überfallen, wir aber werden sie empfangen.«

»Dürfen euch die Männer der Ateïbeh ihre Säbel leihen?«

»Ich weiß, daß dein Säbel ist wie Dsu al Fekar[152], dem niemand widerstehen kann. Du bist uns hoch willkommen mit allen, welche bei dir sind. Wie viele Männer sind bei dir?«

[152] »Der Blitzende«, Muhammeds Degen, der noch heute aufbewahrt wird.

»Einige mehr als fünfzig.«

»Sie sind müde?«

»Ist der Araber müde, wenn er den Schall der Waffen hört und das Getöse des Kampfes vernimmt? Gieb uns frische Pferde, und wir werden euch überall folgen, wohin ihr uns führen mögt!«

»Ich kenne euch. Eure Kugeln treffen sicher, und die Spitzen eurer Lanzen verfehlen nie ihr Ziel. Du wirst mit deinen Männern die Schanze verteidigen, welche den Ausgang des Schlachtfeldes verschließen soll.«

Während dieser Unterredung saßen seine Leute draußen ab; ich hörte, daß ihnen ein Mahl aufgetragen wurde, und auch das Zelt des Scheik wurde reichlich mit Speise versehen. Wir hatten das Abendessen noch nicht beendet, als der kleine Halef eintrat und die Ankunft der Gefangenen meldete. Diese wurden dem Scheik vorgeführt. Er sah sie verächtlich an und fragte:

»Ihr seid vom Stamme der Obeïde?«

»So ist es, o Scheik.«

»Die Obeïde sind Feiglinge. Sie fürchten sich, die tapferen Krieger der Haddedihn allein zu bekämpfen, und haben sich deshalb mit den Schakalen der Abu Hammed und der Dschowari verbunden. Ihre Übermacht sollte uns erdrücken; wir aber werden sie auffressen und verzehren. Wißt ihr, was die Pflicht eines tapferen Kriegers ist, wenn er einen Feind bekämpfen will?«

Sie sahen zu Boden und antworteten nicht.

»Ein tapferer Ben Arab kommt nicht wie ein Meuchelmörder; er sendet einen Boten, um den Kampf zu verkündigen, damit der Streit ein ehrlicher sei. Haben eure Anführer dies gethan?«

»Wir wissen es nicht, o Scheik!«

»Ihr wißt es nicht? Allah verkürze eure Zungen! Euer Mund trieft von Lüge und Falschheit! Ihr wißt es nicht und hattet doch den Auftrag, das Thal Deradsch zu bewachen, damit ich keine Kunde von eurem Einfalle erhalten könne! Ich werde euch und die euren so behandeln, wie sie es verdienen. Man rufe Abu Mansur, den Besitzer des Messers!«

Einer der Anwesenden entfernte sich und kehrte bald darauf mit einem Mann zurück, der ein Kästchen bei sich trug.

»Man binde sie, daß sie sich nicht regen können, und nehme ihnen das Marameh[153] ab!«

[153] Tuch, welches anstatt des Turbanes auf dem Kopfe getragen wird.

Dies geschah, und dann wandte sich der Scheik an den neu Angekommenen:

»Was ist die Zierde des Mannes und des Kriegers, o Abu Mansur?«

»Das Haar, welches sein Angesicht verschönt.«

»Was gehört einem Manne, der sich fürchtet, wie ein Weib, und der die Unwahrheit sagt, wie die Tochter eines Weibes?«

»Er soll wie ein Weib und wie die Tochter eines Weibes behandelt werden.«

»Diese beiden Männer tragen Bärte, aber sie sind Weiber. Sorge dafür, Abu Mansur, daß man sie als Weiber erkenne!«

»Soll ich ihnen den Bart nehmen, o Scheik?«

»Ich gebiete es dir!«

»Allah segne dich, du Tapferer und Weiser unter den Kindern der Haddedihn! Du bist freundlich und milde gegen die Deinen und gerecht gegen die Feinde deines Stammes. Ich werde deinem Befehle gehorsam sein.«

Er öffnete sein Kästchen, welches verschiedene Instrumente enthielt, und nahm einen Schambijeh[154] hervor, dessen blanke Klinge im Scheine des Zeltfeuers funkelte. Er war der Barbier des Stammes.

[154] Krummer Dolch.

»Warum nimmst du nicht das Bartmesser?« fragte ihn der Scheik.

»Soll ich mit dem Messer den Bart dieser Feiglinge wegnehmen und dann mit ihm den Scheitel und die Schuschah[155] der tapferen Haddedihn berühren, o Scheik?«

[155] Haarbüschel auf dem Scheitel.

»Du hast recht; thue, wie du es dir vorgenommen hast!«

Die gebundenen Obeïde wehrten sich nach Möglichkeit gegen die Manipulation, mit welcher die allergrößte Schande für sie verbunden war; ihr Sträuben half ihnen nichts. Sie wurden festgehalten, und der Dolch Abu Mansurs war so scharf, daß die Barthaare vor ihm wie vor der Schneide eines Rasiermessers wichen.

»Nun schafft sie hinaus,« gebot der Scheik. »Sie sind Weiber und sollen von den Weibern bewacht werden. Man gebe ihnen Brot, Datteln und Wasser; versuchen sie aber, zu entkommen, so gebe man ihnen eine Kugel!«

Das Abscheren des Bartes war nicht nur eine Strafe, sondern wohl auch ein gutes Mittel, die Gefangenen an einem Fluchtversuch zu hindern. Sie wagten es jedenfalls nicht, sich bei den Ihrigen ohne Bart sehen zu lassen. Jetzt erhob sich der Scheik und zog sein Messer. Ich sah es seiner feierlichen Miene an, daß nun etwas Ungewöhnliches erfolgen und daß er dabei vielleicht eine Rede halten werde.

»Allah il Allah,« begann er; »es giebt keinen Gott außer Allah. Alles, was da lebt, hat er geschaffen, und wir sind seine Kinder. Warum sollen sich hassen, die sich lieben, und warum sollen sich entzweien, die einander angehören? Es rauschen viele Zweige in dem Walde, und auf der Ebene stehen viele Halme und viele Blumen. Sie sind einander gleich, darum kennen sie sich und trennen sich nicht. Sind wir einander nicht auch gleich? Scheik Malek, du bist ein großer Krieger, und ich habe zu dir gesagt: ›Nanu malihin – wir haben Salz miteinander gegessen.‹ Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, auch du bist ein großer Krieger, und ich habe zu dir gesagt: ›Nanu malihin.‹ Ihr wohnt in meinem Zelte; ihr seid meine Freunde und meine Gefährten; ihr sterbet für mich, und ich sterbe für euch. Habe ich die Wahrheit gesagt? Habe ich recht gesprochen?«

Wir bejahten durch ein ernstes, feierliches Kopfnicken.

»Aber das Salz löst sich auf und vergeht,« fuhr er fort. »Das Salz ist das Zeichen der Freundschaft; wenn es sich aufgelöst hat und aus dem Körper verschwunden ist, so ist die Freundschaft zu Ende und muß wieder erneuert werden. Ist das gut, ist das genügend? Ich sage nein! Tapfere Männer schließen ihre Freundschaft nicht durch das Salz. Es giebt einen Stoff, der nie im Körper vergeht. Weißt du, Scheik Malek, was ich meine?«

»Ich weiß es.«

»So sage es.«

»Das Blut.«

»Du hast recht gesagt. Das Blut bleibt bis zum Tode, und die Freundschaft, die durch das Blut geschlossen wird, hört erst auf, wenn man stirbt. Scheik Malek, gieb mir deinen Arm!«

Malek merkte ebenso gut wie ich, um was es sich handelte. Er entblößte seinen Unterarm und hielt ihn Mohammed Emin dar; dieser ritzte ihn leicht mit der Spitze seines Messers und ließ die hervorquellenden Tropfen in einen kleinen, mit Wasser gefüllten, hölzernen Becher fallen, welchen er darunter hielt. Dann winkte er mich herbei.

»Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, willst du mein Freund sein und der Freund dieses Mannes, der sich Scheik Malek el Ateïbeh nennt?«

»Ich will es.«

»Willst du es sein bis zum Tode?«

»Ich will es.«

»So sind deine Freunde und Feinde auch unsere Freunde und Feinde, und unsere Freunde und Feinde sind auch deine Freunde und Feinde?«

»Sie sind es.«

»So gieb mir deinen Arm!«

Ich that es; er schnitt leicht durch die Haut und ließ die wenigen Blutstropfen, welche hervorquollen, in den Becher fallen. Dann that er dasselbe an seinem Arm und schwenkte zuletzt den Becher, um das Blut gut mit dem Wasser zu vermischen.

»Jetzt teilt den Trank der Freundschaft in drei Teile und genießt ihn mit dem Gedanken an den Allwissenden, der unsere geheimsten Gedanken kennt. Wir haben sechs Füße, sechs Arme, sechs Augen, sechs Ohren, sechs Lippen, und dennoch sei es nur ein Fuß, ein Arm, ein Auge, ein Ohr und eine Lippe. Wir haben drei Herzen und drei Köpfe, aber dennoch sei es nur ein Herz und ein Kopf. Wo der eine ist, da wandeln die andern, und was der eine thut, das thue der andere so, als ob seine Gefährten es thäten. Preis sei Gott, der uns diesen Tag gegeben hat!«

Er reichte mir den Becher dar.

»Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, dein Volk wohnt am weitesten von hier; trink deinen Teil zuerst und reiche dann den Becher unserem Freunde.«

Ich hielt eine kurze Anrede und that einen Schluck; Malek folgte mir, und Mohammed Emin trank den Rest aus. Dann umarmte und küßte er uns, während er jedem sagte:

»Jetzt bist du mein Rafik[156], und ich bin dein Rafik; unsere Freundschaft sei ewig, wenn auch Allah unsere Wege scheiden mag!«

[156] Freund, Blutsbruder. Ein solcher gilt mehr als alle Aschab, das ist Gefährten.

Die Kunde von diesem Bunde verbreitete sich schnell durch das ganze Lager, und wer auch nur das kleinste Vorrecht oder die geringste Vergünstigung zu besitzen glaubte, der kam in das Zelt, um uns zu beglückwünschen. Dies nahm eine nicht geringe Zeit in Anspruch, so daß wir erst spät wieder nur zu dreien beieinander saßen.

Wir mußten Scheik Malek eine Beschreibung des Terrains liefern, auf welchem der Kampf voraussichtlich stattfinden werde, und ihn mit unserem Verteidigungsplane bekannt machen. Er billigte denselben vollständig und fragte zuletzt:

»Können die Feinde nicht nach Norden entweichen?«

»Sie könnten zwischen dem Flusse und dem Dschebel Kanuza, das ist also längs des Wadi Dschehennem, durchbrechen; aber wir werden ihnen auch diesen Weg verlegen. Scheik Mohammed, hast du angeordnet, daß Werkzeuge vorhanden sind, um eine Brustwehr zu errichten?«

»Es ist geschehen.«

»Sind die Frauen ausgewählt, welche uns begleiten sollen, um die Verwundeten zu verbinden?«

»Sie sind bereit.«

»So laß Pferde aussuchen für unsern Gefährten und seine Männer. Wir müssen aufbrechen, denn der Tag wird bald erscheinen.«

Zehntes Kapitel.

Der Sieg.

Eine halbe Stunde später setzten sich die Haddedihn in Bewegung, nicht etwa in einer ordnungslosen, aufgelösten Wolke, wie es gewöhnlich bei den Arabern der Fall zu sein pflegt, sondern in festen, parallel miteinander reitenden Körpern. Ein jeder wußte, wohin er gehörte.

Vor uns ritten die Krieger, hinter uns auf Kamelen und unter der Anführung einiger noch ziemlich rüstiger Greise die Frauen, welche das Sanitätscorps zu bilden hatten, und zuletzt kamen diejenigen, welche zur Verbindung mit dem Weideplatze und zur Beaufsichtigung der Gefangenen dienen sollten.

Als die Sonnenscheibe sich über dem Horizont zeigte, stiegen alle ab und warfen sich zur Erde, um das Morgengebet zu verrichten. Es war ein erhebender Anblick, diese Hunderte im Staube vor jenem Herrn liegen zu sehen, der heute noch einen jeden von uns zu sich rufen konnte.

Von den ausgestellten Posten erfuhren wir, daß nichts vorgefallen sei. Wir erreichten also ohne Störung den langgezogenen Dschebel Deradsch, hinter welchem sich das fast eine Stunde lange Thal von West nach Ost erstreckte. Diejenigen, welche als Schützen ausersehen waren, stiegen ab; ihre Pferde wurden in gehöriger Ordnung in der Ebene angepflockt, damit im Falle eines Rückzuges keine Verwirrung entstehen könne. Unweit davon wurden die Kamele entlastet und die Zelte, welche sie getragen hatten, aufgeschlagen; sie waren, wie bereits erwähnt, für die Verwundeten bestimmt. Wasser war in Schläuchen genug, Verbandzeug aber nur sehr wenig vorhanden, ein Übelstand, welcher mich mit Bedauern erfüllte.

Die Postenkette, welche uns mit den Abu-Mohammed-Arabern verband, hatten wir natürlich hinter uns hergezogen, so daß wir mit ihnen immer in Verbindung blieben. Es waren fast stündlich Meldungen von ihnen angekommen, und die letzte derselben belehrte uns, daß die Feinde unseren Anmarsch noch nicht entdeckt hätten.

Sir Lindsay hatte sich am gestrigen Abend und auch heute bis jetzt sehr einsilbig verhalten. Es war mir ja keine Zeit übrig geblieben, die ich ihm hätte widmen können. Jetzt hielt er an meiner Seite.

»Wo schlagen, Sir? Hier?« fragte er.

»Nein, hinter dieser Höhe,« antwortete ich.

»Bei Euch bleiben?«

»Wie Ihr wollt.«

»Wo seid Ihr? Infanterie, Kavallerie, Genie, Pontons?«

»Kavallerie, aber Dragoner, denn wir werden ebenso schießen wie fechten, wenn es notwendig ist.«

»Bleibe bei Euch.«

»So wartet hier. Meine Abteilung hält hier, bis ich sie abhole.«

»Nicht hinein in das Thal?«

»Nein, wir werden uns oberhalb von hier an den Fluß ziehen, um den Feind zu verhindern, nach Norden zu entkommen.«

»Wie viel Mann?«

»Hundert.«

»#Well#! sehr gut, ausgezeichnet!«

Ich hatte diesen Posten mit einer gewissen Absicht übernommen. Zwar war ich Freund und Gefährte der Haddedihn, aber es widerstrebte mir doch, Leute, wenn auch im offenen Kampfe, zu töten, die mir nichts gethan hatten. Der Zwist, welcher hier zwischen diesen Arabern ausgefochten werden sollte, ging mich persönlich gar nichts an, und da nicht zu erwarten stand, daß die Feinde sich nach Norden wenden würden, so hatte ich gebeten, mich der Abteilung anschließen zu dürfen, welche den Feinden dort das Vordringen verwehren sollte. Am liebsten wäre ich am Verbandplatze zurückgeblieben; dies war aber eine Unmöglichkeit.

Jetzt führte der Scheik seine Reiterei in das Thal, und ich schloß mich ihr an. Sie wurde in die beiden Seitenthäler rechts und links verteilt. Dann folgte die Infanterie. Ein Drittel derselben erstieg die Höhe rechts, das andere Drittel die Höhe links, um – hinter den zahlreichen Felsen versteckt – den Feind von oben herab fassen zu können; das letzte Drittel, welches zumeist aus Scheik Malek und seinen Männern bestand, blieb am Eingange zurück, um denselben zu verbarrikadieren und hinter dieser Verschanzung hervor den Feind zu begrüßen. Jetzt kehrte ich zurück und ritt mit meinen hundert Mann davon.

Unser Ritt ging grad nach Norden, bis wir einen Thalpaß fanden, welcher es uns ermöglichte, den Dschebel zu übersteigen. Nach einer Stunde erblickten wir den Fluß vor uns. Weiter rechts, also nach Süden zu, gab es eine Stelle, an welcher das Gebirge zweimal hart an das Wasser trat, und also einen Halbkreis bildete, aus welchem heraus sehr schwer zu entkommen war, wenn man einmal das Unglück gehabt hatte, hinein zu geraten. Hier postierte ich meine Leute, denn hier konnten wir eine zehnfache Übermacht ohne große Anstrengung aufhalten.

Nachdem ich Vorposten aufgestellt hatte, saßen wir ab und machten es uns bequem. Master Lindsay fragte mich:

»Hier bekannt, Sir?«

»Nein,« antwortete ich.

»Ob vielleicht Ruinen hier?«

»Weiß nicht.«

»Einmal fragen!«

Ich that es und gab ihm den Bescheid, indem ich die Antwort übersetzte:

»Weiter oben.«

»Wie heißt?«

»Muk hol Kal oder Kalah Schergatha.«

»Fowling-bulls dort?«

»Hm! Man müßte erst sehen.«

»Wie lange noch Zeit bis zum Kampf?«

»Bis Mittag, auch wohl später. Vielleicht giebt es für uns gar keinen Kampf.«

»Werde unterdessen einmal ansehen.«

»Was?«

»Kalah Schergatha. Fowling-bulls ausgraben; Londoner Museum schicken; berühmt werden; #well#!«

»Das wird jetzt nicht gut möglich sein.«

»Warum?«

»Weil Ihr von hier bis dorthin gegen fünfzehn englische Meilen zu reiten hättet.«

»Ah! Hm! Miserabel! Werde dableiben!«

Er legte sich hinter ein Euphorbiengebüsch, ich aber beschloß, zu rekognoscieren, gab den Leuten die nötige Weisung und ritt südwärts dem Flusse entlang.

Mein Rappe war, wie alle Schammarpferde, ein ausgezeichneter Kletterer; ich konnte es wagen, mit ihm den Dschebel zu ersteigen, und so ritt ich denn, als sich mir ein günstiges Terrain bot, zur Höhe empor, um eine Übersicht zu gewinnen. Oben musterte ich mit meinem Fernrohr den östlichen Horizont. Da sah ich, daß drüben, jenseits des Flusses, ein sehr reges Leben herrschte. Am südlichen, also am linken Ufer des Zab wimmelte die Ebene von Reitern bis beinahe nach dem Tell Hamlia hinab, und unterhalb des Chelab[157] lagen mehrere große Haufen von Ziegenschläuchen, aus denen man wohl soeben die Flöße machen wollte, welche zum Übersetzen der Obeïde dienen sollten. Das diesseitige Ufer des Tigris konnte ich nicht sehen – wegen der Höhe, hinter welchem das Thal Deradsch lag. Da ich noch Zeit hatte, so nahm ich mir vor, auch jene Höhe zu ersteigen.

[157] Stromschnelle.

Ich hatte auf dem Kamme des Höhenzuges einen sehr angestrengten Ritt, und es dauerte weit mehr als eine Stunde, bis ich den höchsten Punkt erreichte. Mein Pferd war so frisch, als ob es sich eben erst vom Schlafe erhöbe; ich band es an und kletterte über eine Art Felsenmauer hinauf. Da lag es unter mir, das Wadi Deradsch. Ich sah ganz im Hintergrunde die fertige Brustwehr, hinter welcher ihre Verteidiger ruhten, und bemerkte hüben und drüben die hinter den Felsen verborgenen Schützen und auch dort unten, mir gerade gegenüber, den Kavallerie-Hinterhalt.

Dann richtete ich das Rohr nach Süden.