Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I

Chapter 25

Chapter 253,833 wordsPublic domain

»Hast du mir nicht gesagt, daß es eines Tages bedürfe, um die Krieger der Haddedihn um dich zu versammeln?«

»So ist es.«

»So würde ich an deiner Stelle heute die Boten aussenden.«

»Warum noch heute?«

»Weil es nicht genug ist, die Krieger beisammen zu haben. Sie müssen auf diesen Kampf eingeübt werden.«

Er lächelte stolz.

»Die Söhne der Haddedihn sind seit ihren Knabenjahren bereits den Kampf gewöhnt. Wir werden unsere Feinde überwinden. Wie viel streitbare Männer hat der Stamm der Abu Mohammed?«

»Neunhundert.«

»Und die Alabeïde?«

»Achthundert.«

»So zählen wir achtundzwanzighundert Mann, dazu kommt die Überraschung, da uns der Feind nicht erwartet; wir müssen siegen!«

»Oder wir werden besiegt!«

»Maschallah, du tötest den Löwen und fürchtest den Araber?«

»Du irrst. Du bist tapfer und mutig; aber der Mut zählt doppelt, wenn er vorsichtig ist. Hältst du es nicht für möglich, daß die Alabeïde und Abu Mohammed zu spät eintreffen?«

»Es ist möglich.«

»Dann stehen wir mit elfhundert gegen dreitausend Mann. Der Feind wird erst uns und dann unsere Freunde vernichten. Wie leicht kann er erfahren, daß wir ihm entgegen ziehen wollen! Dann fällt auch die Überraschung weg. Und was nützt es dir, wenn du kämpfest und den Feind nur zurückschlägst? Wäre ich der Scheik der Haddedihn, ich schlüge ihn so darnieder, daß er auf lange Zeit sich nicht wieder erheben könnte und mir jährlich einen Tribut bezahlen müßte.«

»Wie wolltest du dies beginnen?«

»Ich würde nicht wie die Araber, sondern wie die Franken kämpfen.«

»Wie kämpfen diese?«

Jetzt erhob ich mich, um eine Rede zu halten, eine Rede über europäische Kriegskunst, ich, der Laie im Kriegswesen. Aber ich mußte mich ja für diesen braven Stamm der Haddedihn interessieren. Ich hielt es keineswegs für eine Versündigung an dem Leben meiner Mitmenschen, wenn ich mich hier beteiligte; es lag vielmehr wohl in meiner Hand, die Grausamkeiten zu mildern, welche bei diesen halbwilden Leuten ein Sieg stets mit sich bringt. Ich beschrieb also zunächst ihre eigene Fechtart und schilderte die Nachteile derselben; dann begann ich die eigentliche Auseinandersetzung. Sie hörten mir aufmerksam zu, und als ich geendet hatte, bemerkte ich den Eindruck meiner Worte an dem langen Schweigen, welches nun folgte. Der Scheik ergriff zuerst wieder das Wort:

»Deine Rede ist gut und wahr; sie könnte uns den Sieg bringen und vielen der Unserigen das Leben erhalten, wenn wir Zeit hätten, uns einzuüben.«

»Wir haben Zeit.«

»Sagtest du nicht, daß es lange Jahre erfordere, ein solches Heer fertig zu machen?«

»Das sagte ich. Aber wir wollen ja nicht ein Heer bilden, sondern wir wollen bloß die Obeïde in die Flucht schlagen, und dazu bedürfte es einer Vorbereitung von nur zwei Tagen. Wenn du heute noch deine Boten aussendest, so sind die Krieger morgen beisammen; ich lehre sie den geschlossenen Angriff zu Pferde, welcher die Feinde über den Haufen werfen wird, und den Kampf zu Fuße mit dem Feuergewehr.«

Ich nahm ein Kamelstöckchen von der Wand und zeichnete auf den Boden.

»Schau hierher! Hier fließt der Tigris; hier ist der Wirbel; hier liegen die Hamrin- und hier die Kanuzaberge. Der Feind trifft hier zusammen. Die beiden ersten Stämme kommen am rechten Ufer des Flusses heraufgezogen, hinter ihnen im stillen unsere Verbündeten, und die Obeïde setzen von dem linken Ufer herüber. Um zu uns zu gelangen, müssen sie zwischen diesen einzelnen Bergen hindurch; diese Wege alle aber führen in das große Thal Deradsch, welches das Thal der Stufen heißt, weil seine steilen Wände wie Stufen emporsteigen. Es hat nur einen Eingang und einen Ausgang. Hier müssen wir sie erwarten. Wir besetzen die Höhen mit Schützen, welche den Feind niederschießen, ohne daß ihnen selbst ein Leid geschehen kann. Den Ausgang verschließen wir mit einer Brustwehr, welche auch von Schützen verteidigt wird, und hier in diesen zwei Seitenschluchten hüben und drüben verbergen sich die Reiter, welche in demselben Augenblick hervorbrechen, wenn der Feind sich vollständig im Thale befindet. Am Eingange wird er dann von unseren Verbündeten im Rücken angegriffen, und sollten diese ja nicht zur rechten Zeit eintreffen, so wird er ihnen auf der Flucht entgegen getrieben.«

»Maschallah, deine Rede ist wie die Rede des Propheten, der die Welt erobert hat. Ich werde deinen Rat befolgen, wenn die anderen hier damit einverstanden sind. Wer dagegen ist, der mag sprechen!«

Es widersprach keiner; darum fuhr der Scheik fort:

»So werde ich gleich jetzt die Boten aussenden.«

»Sei vorsichtig, o Scheik, und laß deinen Kriegern nicht sagen, um was es sich handelt; es wäre sonst sehr leicht möglich, daß der Feind von unserem Vorhaben Nachricht erhält.«

Er nickte zustimmend und entfernte sich. Sir David Lindsay hatte dieser langen Unterredung mit sichtbarer Ungeduld zugehört; jetzt ergriff er die Gelegenheit zum Sprechen:

»Sir, ich bin auch hier!«

»Ich sehe Euch!«

»Wollte auch ’was hören!«

»Meine Erlebnisse?«

»#Yes!#«

»Konntet denken, daß ich meinen Vortrag nicht in englischer Sprache halten würde. Sollt aber jetzt das Nötige erfahren.«

Ich teilte ihm in aller Kürze meine Erzählung und dann den Inhalt der darauf folgenden Besprechung mit. Er war wie elektrisiert.

»Ah! Kein wilder Angriff, sondern militärische Körper! Evolution! Choc! Taktik! Strategie! Feind umzingeln! Barrikade! Prächtig! Herrlich! Ich auch mit! Ihr seid General, ich bin Adjutant!«

»Würden uns beide wundervoll ausnehmen in diesen Stellungen! Ein General, der von der Kriegführung so viel versteht, wie das Flußpferd vom Filetstricken, und ein Adjutant, der nicht reden kann! Übrigens wird es für Euch geratener sein, wenn Ihr Euch von der Sache fern haltet.«

»Warum?«

»Wegen des Vicekonsuls in Mossul.«

»Ah! Wie?«

»Man vermutet, daß er hierbei seine Hand im Spiele habe.«

»Mag die Hand wegnehmen! Was geht mich Konsul an? Pah!«

Jetzt kam der Scheik wieder. Er hatte die Boten ausgesandt und brachte allerlei neue Gedanken mit:

»Hat der Scheik der Abu Mohammed gesagt, welchen Teil der Beute er erwartet?«

»Nein.«

»Was fordern die Alabeïden?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du hättest fragen sollen!«

»Ich habe nicht gefragt, weil ich als Scheik der Haddedihn nicht nach Beute fragen würde.«

»Maschallah! Wornach sonst? Wer ersetzt mir meinen Schaden?«

»Der besiegte Feind.«

»Also muß ich doch in seine Weideplätze einbrechen und seine Weiber und Kinder nebst seinem Vieh fortführen!«

»Das ist nicht notwendig. Willst du gegen Frauen Krieg führen? Du giebst die Gefangenen, welche wir machen werden, wenn wir glücklich sind, nicht eher frei, als bis du erhalten hast, was du forderst. Ist unser Sieg vollständig, so verlangst du einen jährlichen Tribut und behältst den Scheik oder einige Anverwandte von ihm als Geiseln zurück.«

Es wurde nun über diesen Punkt beraten. Man nahm ihn an.

»Und nun noch das Letzte,« bemerkte ich dann. »Es ist notwendig, daß wir von allen Bewegungen unserer Feinde und unserer Verbündeten Kenntnis erhalten. Wir müssen daher von hier bis nach El Deradsch eine Postenlinie ziehen.«

»Wie meinst du das?«

»In El Deradsch verstecken sich zwei unserer Krieger, von denen du überzeugt bist, daß sie treu sind. Sie lassen sich nicht sehen und beobachten alles. Von El Deradsch bis hierher stellst du in gewissen Entfernungen andere auf; es genügen vier Mann, welche darauf zu achten haben, daß sie mit keinem Fremden zusammenkommen, und uns alles berichten, was die ersten zwei erkunden. Einer trägt die Kunde zum andern und kehrt dann auf seinen Posten zurück.«

»Dieser Plan ist gut; ich werde ihn befolgen.«

»Eine eben solche Linie, nur etwas weitläufiger, stellst du auf zwischen hier und den Weideplätzen der Abu Mohammed. Ich habe das mit ihrem Scheik bereits besprochen. Er wird die Hälfte dieser Linie mit seinen Leuten bilden. Kennst du die Ruine El Farr?«

»Ja.«

»Dort wird sein äußerster Posten zu treffen sein.«

»Wie viele Männer werde ich dazu brauchen?«

»Nur sechs. Die Abu Mohammed stellen ebenso viele. Wie viele Krieger hast du hier im Lager?«

»Es können vierhundert sein.«

»Ich bitte dich, sie zu versammeln. Du mußt noch heute Musterung über sie halten, und wir können unsere Übungen heute noch beginnen.«

Das brachte reges Leben in die Versammlung. Binnen einer halben Stunde waren die vierhundert Mann beisammen. Der Scheik hielt ihnen eine lange, blühende Rede und ließ sie am Ende derselben auf den Bart des Propheten schwören, die Rüstung gegen keinen Unberufenen zu erwähnen; dann befahl er ihnen, sich in Reihe und Glied aufzustellen.

Wir ritten die lange Reihe hinab. Alle waren zu Pferde; ein jeder hatte Messer, Säbel und die lange, befiederte Lanze, welche bei besserer Schulung eine fürchterliche Waffe sein könnte. Viele trugen auch den gefährlichen Nibat[151] oder die kurze Wurflanze nebenbei. Die Schießwaffen ließen vieles zu wünschen übrig. Einige Krieger hatten noch den alten Lederschild nebst Köcher, Pfeil und Bogen. Andere besaßen Luntenflinten, die ihren Eigentümern gefährlicher waren, als dem Feinde, und die übrigen hatten Perkussionsgewehre mit überlangen Läufen.

[151] Keule.

Letztere ließ ich vortreten, die andern aber schickte ich fort, mit der Bemerkung, morgen in aller Frühe wieder zu kommen. Die Zurückgebliebenen hieß ich absitzen und Proben ihrer Fertigkeit im Schießen ablegen. Im allgemeinen konnte ich mit ihnen zufrieden sein. Es waren gegen zweihundert Mann. Ich bildete zwei Compagnien aus ihnen und begann meinen Instruktionsunterricht. Dieser war allerdings nicht weit her. Die Leute sollten im Takte marschieren und laufen können und ein Schnellfeuer unterhalten lernen. Sie waren gewohnt, nur zu Pferde anzugreifen und den Feind zu necken, ohne ihm ernstlich stand zu halten; jetzt kam alles darauf an, sie soweit zu bringen, daß sie zu Fuße einen Angriff aushalten lernten, ohne die Fassung zu verlieren.

Am andern Morgen nahm ich die andern vor. Bei ihnen galt es, sie zu einem geschlossenen Angriff mit der Lanze zu befähigen, nachdem sie ihre Gewehre abgeschossen hatten. Ich kann sagen, daß die Leute sehr schnell begriffen und überaus begeistert waren.

Gegen Abend hörten wir, daß die Verbindung mit den Abu Mohammed hergestellt sei, und bekamen zu gleicher Zeit die Nachricht, daß ihr Scheik von meinem Abenteuer bei den Abu Hammed bereits gehört habe. Es ging Antwort zurück, und von diesem Augenblick an wurde ein durch die Posten vermittelter unausgesetzter Verkehr unterhalten.

Schon war es beinahe dunkel, als ich nochmals den Rapphengst bestieg, um einen Schnellritt hinein in die Savanne zu machen. Ich war noch gar nicht weit gelangt, so kamen mir zwei Reiter entgegen. Der eine hatte eine gewöhnliche, mittelmäßige Gestalt, der andere aber war sehr klein von Statur und schien von der Unterhaltung mit seinem Begleiter ganz außerordentlich in Anspruch genommen zu sein, denn er focht mit Arm und Beinen in der Luft, als wolle er Mücken morden.

Ich mußte unwillkürlich an meinen kleinen Halef denken.

Ich galoppierte auf sie zu und parierte vor ihnen mein Pferd.

»Maschallah, Sihdi! Bist du es wirklich?«

Er war es wirklich, der kleine Hadschi Halef Omar!

»Ich bin es. Ich habe dich bereits von weitem erkannt.«

Er sprang vom Pferde herab und faßte mein Gewand, um es vor Freude zu küssen.

»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß ich dich wiedersehe, Sihdi! Ich habe mich nach dir gesehnt, wie der Tag nach der Sonne.«

»Wie geht es dem würdigen Scheik Malek?«

»Er ist wohlauf.«

»Amscha?«

»Ebenso.«

»Hanneh, deine Freundin?«

»O, Sihdi, sie ist wie eine Houri des Paradieses.«

»Und die andern?«

»Sie sagten mir, daß ich dich grüßen solle, wenn ich dich fände.«

»Wo sind sie?«

»Sie sind am Abhange des Schammargebirges zurückgeblieben und haben mich an den Scheik der Schammar vorausgesandt, damit ich bei ihm um Aufnahme bitten solle.«

»Bei welchem Scheik?«

»Es ist ganz gleich; bei dem, auf welchen ich zuerst treffe.«

»Ich habe bereits für euch gesorgt. Da drüben ist das Lager der Haddedihn.«

»Das sind Schammar. Wie heißt ihr Scheik?«

»Mohammed Emin.«

»Wird er uns aufnehmen? Kennst du ihn?«

»Ich kenne ihn und habe bereits mit ihm von euch gesprochen. Sieh diesen Hengst! Wie gefällt er dir?«

»Herr, ich habe ihn bereits bewundert; er ist sicher der Abkömmling einer Stute von Koheli.«

»Er gehört mir; er ist ein Geschenk des Scheik. Nun kannst du sehen, daß er mein Freund ist!«

»Allah gebe ihm dafür ein langes Leben! Wird er auch uns aufnehmen?«

»Ihr werdet ihm willkommen sein. Kommt und folgt mir jetzt.«

Wir setzten uns in Marsch.

»Sihdi,« meinte Halef, »die Wege Allahs sind unerforschlich. Ich glaubte, lange nach dir fragen zu müssen, ehe ich eine Kunde bekäme, und nun bist du der erste, dem ich begegne. Wie bist du zu den Haddedihn gekommen?«

Ich erzählte ihm das Nötige in Kürze und fuhr dann fort:

»Weißt du, was ich jetzt bei ihm bin?«

»Nun?«

»General.«

»General?«

»Ja.«

»Hat er Truppen?«

»Nein. Er hat aber Krieg.«

»Gegen wen?«

»Gegen die Obeïde, Abu Hammed und Dschowari.«

»Das sind Räuber, die am Zab und Tigris wohnen; ich habe sehr vieles von ihnen gehört, was nicht gut ist.«

»Sie rüsten gegen ihn. Sie wollen ihn unversehens überfallen; wir aber haben davon gehört, und nun bin ich sein General, der seine Krieger unterrichtet.«

»Ja, Sihdi, ich weiß, daß du alles verstehst und alles kannst, und es ist ein wahres Glück, daß du kein Giaur mehr bist!«

»Nicht?«

»Nein. Du hast dich ja zum wahren Glauben bekehrt.«

»Wer sagt dir das?«

»Du warst in Mekka und hast den heiligen Brunnen Zem-Zem bei dir; folglich bist du ein guter Moslem geworden. Habe ich dir nicht stets gesagt, daß ich dich bekehren würde, du magst wollen oder nicht?« –

Wir erreichten das Lager und stiegen vor dem Zelte des Scheik ab. Als wir eintraten, hatte er seine Räte bei sich.

»Sallam aaleïkum!« grüßte Halef.

Sein Begleiter that dasselbe. Ich übernahm es, sie vorzustellen.

»Erlaube mir, o Scheik, dir diese beiden Männer zu bringen, welche mit dir sprechen wollen. Dieser hier heißt Nasar Ibn Mothalleh, und dieser ist Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah, von dem ich dir bereits erzählt habe.«

»Von ihm?«

»Ja. Ich habe ihn nicht bei seinem vollen Namen, sondern kurz nur Hadschi Halef Omar genannt.«

»Dein Diener und Begleiter?«

»Ja.«

»Der Abu-Seïf, den Vater des Säbels, erschlagen hat?«

»Ja. Er gehört jetzt zu dem Stamme der Ateïbeh, dessen Scheik dein Freund Malek ist.«

»Seid mir willkommen, ihr Männer von Ateïbeh! Sei mir willkommen, Hadschi Halef Omar! Deine Gestalt ist klein, aber dein Mut ist groß, und deine Tapferkeit ist erhaben. Möchten alle Männer so sein, wie du! Bringst du mir Kunde von Malek, meinem Freunde?«

»Ich bringe sie. Er läßt dich grüßen und fragen, ob du ihn und die Seinigen in den Stamm der Haddedihn aufnehmen magst.«

»Ich kenne sein Schicksal, aber er soll mir willkommen sein. Wo befindet er sich jetzt?«

»Am Abhange des Schammargebirges, eine und eine halbe Tagreise von hier. Ich höre, daß du Krieger brauchst?«

»So ist es. Es ist Feindschaft ausgebrochen zwischen mir und denen, die neben uns wohnen.«

»Ich werde dir sechzig tapfere Leute bringen.«

»Sechzig? Hier mein Freund Hadschi Kara Ben Nemsi hat mir doch gesagt, daß ihr weniger seid!«

»Wir haben auf unserer Reise die Reste des Stammes Al Hariel bei uns aufgenommen.«

»Was tragt ihr für Waffen?«

»Säbel, Dolch, Messer und lauter gute Flinten. Mehrere haben sogar auch Pistolen. Wie ich mit den Waffen umzugehen verstehe, wird dir mein Sihdi sagen.«

»Ich weiß es bereits. Aber dieser Mann ist kein Sihdi, sondern ein Emir; merke es dir!«

»Ich weiß es, Herr; aber er hat mir erlaubt, ihn Sihdi zu nennen. Soll einer von uns sofort aufbrechen und Scheik Malek mit den Seinen herholen, da ihr Krieger braucht?«

»Ihr seid müde.«

»Wir sind nicht ermüdet. Ich reite sofort zurück.«

Sein Begleiter fiel ihm in die Rede:

»Du hast deinen Sihdi hier gefunden und mußt bleiben; ich werde zurückkehren.«

»Nimm zuvor Speise und Trank zu dir,« meinte der Scheik.

»Herr, ich habe einen Schlauch und auch Datteln auf meinem Pferde.«

Der Scheik wandte sich ihm zu:

»Aber dein Pferd wird müde sein. Nimm das meinige; es hat mehrere Tage ausgeruht und wird dich schnell zu Malek bringen, den du von mir grüßen mögest!«

Dies nahm er an und bereits nach wenigen Minuten befand er sich auf dem Rückwege nach den Bergen von Schammar.

»Emir,« sagte der Scheik zu mir, »weißt du, was meine Krieger von dir sagen?«

»Nun?«

»Daß sie dich lieben.«

»Ich danke dir!«

»Und daß sie den Sieg gewinnen müssen, wenn du bei ihnen bist.«

»Ich bin jetzt mit ihnen zufrieden. Wir werden morgen ein Manöver veranstalten.«

»Wie? Was?«

»Ich habe bis heute achthundert Mann beisammen. Die letzten werden morgen früh nachkommen. Sie sind schnell eingeübt, und dann stellen wir den Kampf vor, den wir mit den drei Stämmen haben werden. Die Hälfte sind die Haddedihn, die andere Hälfte sind die Feinde. Drüben die alten Ruinen gelten als die Berge von Hamrin und Kanuza, und so werde ich es deinen Kriegern zeigen, wie sie dann gegen die wirklichen Feinde zu kämpfen haben.«

Diese Ankündigung steigerte die bereits vorhandene Begeisterung um das Doppelte, und als sich die Kunde davon hinaus vor das Zelt verbreitete, erhob sich ein lauter Jubel über das ganze Lager, welches sich während des heutigen Tages infolge der unausgesetzten Zuzüge bedeutend vergrößert hatte.

Was ich voraus gesagt hatte, das geschah:

Am andern Mittag waren wir vollzählig. Ich hatte Offiziere und Unteroffiziere ernannt, welche jeden Neuangekommenen, nachdem ich ihm seinen Platz angewiesen hatte, sofort einübten. Am Spätnachmittag begann das Manöver und fiel zur allgemeinen Zufriedenheit aus. Das Fußvolk schoß ganz exakt, und die Chocs der einzelnen berittenen Körper wurden mit eleganter Sicherheit ausgeführt.

Noch während des Manövers kam das letzte Glied unserer Postenkette herbeigeritten.

»Was bringst du?« fragte der Scheik, dessen Antlitz vor Zufriedenheit glänzte.

»Herr, gestern haben sich die Dschowari mit den Abu Hammed vereinigt.«

»Wann?«

»Gegen Abend.«

»Und die Abu Mohammed?«

»Sind bereits hinter ihnen her.«

»Haben sie Kundschafter vor sich her gesandt, damit ihr Marsch nicht verraten wird, wie ich es angeraten habe?«

»Ja.«

Der Mann hielt noch bei uns, als ein anderer angeritten kam. Es war das diesseitige Glied der Kette nach dem Thale von Deradsch hinüber.

»Ich bringe eine wichtige Nachricht, Emir.«

»Welche?«

»Die Obeïde haben Leute vom Zab herübergesandt, um die Gegend zu untersuchen.«

»Wie viel Männer sind es gewesen?«

»Acht.«

»Wie weit sind sie gekommen?«

»Bis durch El Deradsch hindurch.«

»Haben sie unsere Leute gesehen?«

»Nein, denn diese hielten sich sehr verborgen. Dann haben sie im Thale gelagert und vieles miteinander gesprochen.«

»Ah! Hier hätte es möglich sein sollen, sie zu belauschen!«

»Es war möglich, und Ibn Nazar hat es gethan.«

Ibn Nazar war einer von den beiden Posten, welche das Thal Deradsch bewachen sollten.

»Was hat er gehört? Wenn es wichtig ist, soll er eine Belohnung erhalten.«

»Sie haben gesagt, daß morgen genau zur Mittagszeit die Obeïde übersetzen wollen, um die Abu Hammed und Dschowari zu treffen, die dann ihrer bereits warten werden. Sie wollen hierauf bis nach El Deradsch vordringen und dort während der Nacht lagern, weil sie glauben, dort nicht gesehen zu werden. Am nächsten Morgen nachher wollen sie über uns herfallen.«

»Sind diese acht Männer wieder fortgeritten?«

»Nur sechs von ihnen. Zwei mußten zurückbleiben, um das Thal zu bewachen.«

»Reite zurück und sage Ibn Nazar und seinem Gefährten, daß ich heute noch selbst zu ihnen kommen werde. Einer soll zurückbleiben, um die beiden zu bewachen, und der andere mag mich beim letzten Posten erwarten, um mir den Weg zu zeigen, wenn ich komme.«

Der Mann ritt ab. Der vorige wartete noch auf Antwort.

»Du hast gehört, was jener meldete?« fragte ich ihn.

»Ja, Emir.«

»So trage unsere Bitte weiter an den Scheik der Abu Mohammed. Er soll sich hart hinter dem Feinde halten und sich nicht sehen lassen. Ist derselbe in das Thal Deradsch eingedrungen, so soll er ihn sofort im Rücken angreifen und ihn ja nicht wieder herauslassen. Alle Thäler zwischen El Hamrin und el Kanuza sind zu besetzen. Das übrige wird unsere Sorge sein.«

Er jagte davon. Wir aber brachen unsere Übung ab, um den Leuten Ruhe zu gönnen.

»Du willst nach Deradsch?« fragte der Scheik auf dem Rückwege.

»Ja.«

»Warum?«

»Um die beiden Spione gefangen zu nehmen.«

»Kann dies kein anderer verrichten?«

»Nein. Die Sache ist so wichtig, daß ich sie selbst übernehme. Wenn diese zwei nicht ganz ruhig und sicher aufgehoben werden, so ist unser schöner Plan vollständig verdorben.«

»Nimm dir einige Männer mit.«

»Das ist nicht nötig. Ich und unsere beiden Posten, das ist genug.«

»Sihdi, ich gehe mit!« meinte Halef, welcher nicht von meiner Seite gewichen war.

Ich wußte, daß er auf der Erfüllung dieses Wunsches bestehen werde, und nickte ihm also Gewährung.

»Ich weiß nur nicht, ob dein Pferd einen so schnellen Ritt aushalten wird. Ich muß während der Nacht hin und zurück.«

»Ich werde ihm eines von meinen Pferden geben,« meinte der Scheik.

Eine Stunde später waren wir unterwegs: ich auf dem Rappen, und Halef auf einem Goldbraunen, der seinem Herrn alle Ehre machte. Wir legten die Strecke bis zum letzten Posten in sehr kurzer Zeit zurück. Dort erwartete uns Ibn Nazar.

»Du hast die beiden Männer belauscht?« fragte ich ihn.

»Ja, Herr.«

»Du sollst eine Extragabe von der Beute erhalten. Wo ist dein Gefährte?«

»Ganz in der Nähe der beiden Kundschafter.«

»Führe uns!«

Der Ritt ging weiter. Die Nacht war halbdunkel, und bald erblickten wir den Höhenzug, hinter welchem El Deradsch lag. Ibn Nazar bog seitwärts ein. Wir mußten ein Felsengewirr erklimmen und gelangten an den Eingang einer dunklen Vertiefung.

»Hier sind unsere Pferde, Herr.«

Wir stiegen ab und brachten auch unsere Pferde hinein. Sie standen so sicher, daß wir sie gar nicht zu bewachen brauchten. Dann schritten wir auf dem Kamme des Höhenzugs weiter, bis sich das Thal zu unseren Füßen öffnete.

»Nimm dich in acht, Herr, daß kein Stein hinabfällt, der uns verraten könnte!«

Wir stiegen vorsichtig hinab: ich hinter dem Führer, und Halef hinter mir, immer einer in den Fußstapfen des andern. Endlich langten wir unten an. Eine Gestalt kam uns entgegen.

»Nazar?«

»Ich bin es. Wo sind sie?«

»Noch dort.«

Ich trat hinzu.

»Wo?«

»Siehst du die Ecke des Felsens dort rechts?«

»Ja.«

»Sie liegen dahinter.«

»Und ihre Pferde?«

»Haben sie etwas weiter vorwärts angebunden.«

»Bleibt hier und kommt, wenn ich euch rufe. Komm, Halef!«

Ich legte mich zur Erde nieder und kroch vorwärts. Er folgte mir. Wir gelangten unbemerkt an die Ecke. Ich spürte Tabaksgeruch und hörte zwei halblaute Stimmen miteinander reden. Nachdem ich bis hart an die Kante vorgedrungen war, konnte ich die Worte verstehen:

»Zwei gegen sechs!«

»Ja. Der eine hat schwarz und grau ausgesehen, ist lang und dünn gewesen, wie eine Lanze, und hat ein graues Kanonenrohr auf dem Kopfe gehabt.«

»Der Scheïtan!«

»Nein, sondern nur ein böser Geist, ein Dschin.«

»Der andere aber ist der Teufel gewesen?«

»Wie ein Mensch, aber fürchterlich! Sein Mund hat geraucht, und seine Augen haben Flammen gesprudelt. Er hat nur die Hand erhoben, und da sind alle sechs Pferde tot zusammengestürzt, mit den andern vier aber sind die zwei Teufel – Allah möge sie verfluchen – durch die Luft davongeritten.«

»Am hellen Tage?«

»Am hellen Tage.«

»Gräßlich! Allah behüte uns vor dem dreimal gesteinigten Teufel! Und dann ist er gar in das Lager der Abu Hammed gekommen?«

»Gekommen nicht, sondern sie haben ihn gebracht.«

»Wie?«

»Sie haben ihn für einen Mann gehalten und sein Pferd für den berühmten Rappen des Scheik Mohammed Emin el Haddedihn. Sie wollten das Pferd haben und nahmen ihn gefangen. Als sie ihn aber in das Lager brachten, erkannte ihn der Sohn des Scheik.«