Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I

Chapter 22

Chapter 223,899 wordsPublic domain

»Du wirst ihn vielleicht bald zu sehen bekommen. Er wird von dem Scheik Malek abgesandt, um die Schammar zu fragen, ob er mit den Seinen unter ihrem Schutze wohnen könne.«

»Sie werden mir willkommen sein, sehr willkommen. Erzähle mir, o Emir, erzähle mir von ihnen!«

Er setzte sich wieder nieder. Ich folgte seinem Beispiele und berichtete ihm über mein Zusammentreffen mit den Ateïbeh, so weit ich es für nötig hielt. Als ich zu Ende war, reichte er mir die Hand.

»Verzeihe, Emir, daß ich dies nicht wußte. Du hast diese Engländer bei dir, und sie sind meine Feinde. Nun aber sollt ihr meine Gäste sein. Erlaube mir, daß ich gehe und das Mahl bestelle.«

Jetzt hatte er mir die Hand gegeben, und nun erst war ich sicher bei ihm. Ich griff unter mein Gewand und zog die Flasche hervor, in welcher sich das »heilige« Wasser befand.

»Du wirst das Mahl bei Bent Amm[145] bestellen?«

[145] Bent Amm heißt eigentlich Base und ist nebenbei die einzige Form, unter welcher man mit einem Araber von seinem Weibe spricht.

»Ja.«

»So grüße sie von mir und weihe sie mit einigen Tropfen aus diesem Gefäße. Es ist das Wasser vom Brunnen Zem-Zem. Allah sei mit ihr!«

»Sihdi, du bist ein tapferer Held und ein großer Heiliger. Komm und besprenge sie selbst. Die Frauen der Schammar fürchten sich nicht, ihr Gesicht sehen zu lassen vor den Männern.«

Ich hatte allerdings bereits gehört, daß die Weiber und Mädchen der Schammar keine Freundinnen des Schleiers seien, und war ja auch während meines heutigen Rittes vielen von ihnen begegnet, deren Gesicht ich unverhüllt gesehen hatte. Er erhob sich wieder und winkte mir, ihm zu folgen. Unser Weg ging nicht weit. In der Nähe seines Zeltes stand ein zweites. Als wir dort eingetreten waren, bemerkte ich drei Araberinnen und zwei schwarze Mädchen. Die schwarzen waren jedenfalls Sklavinnen, die anderen aber jedenfalls seine Frauen. Zwei von ihnen rieben zwischen zwei Steinen Gerste zu Mehl, die dritte aber leitete von einem erhöhten Standpunkte aus diese Arbeit. Sie war offenbar die Gebieterin.

In einer Ecke des Zeltes standen mehrere mit Reis, Datteln, Kaffee, Gerste und Bohnen gefüllte Säcke, über welche ein kostbarer Teppich gebreitet war; dies bildete den Thron der Gebieterin. Sie war noch jung, schlank und von hellerer Gesichtsfarbe als die anderen Frauen; ihre Züge waren regelmäßig, ihre Augen dunkel und glänzend. Sie hatte die Lippen dunkelrot und die Augenbrauen schwarz und zwar in der Weise gefärbt, daß sie über der Nase zusammentrafen. Stirn und Wangen waren mit Schönheitspflästerchen belegt, und an den bloßen Armen und Füßen konnte man eine tiefrote Tättowierung bemerken. Von einem jeden Ohre hing ein großer goldener Ring bis zur Taille herab, und auch die Nase war mit einem sehr großen Ring versehen, an dem mehrere große edle Steine funkelten: – er mußte ihr beim Essen sehr im Wege sein. Um ihren Nacken hingen ganze, dicke Reihen von Perlen, Korallenstücken, assyrischen Cylindern und bunten Steinen, und lose silberne Ringe umgaben ihre Knöchel, Arm- und Handgelenke. Die andern Frauen waren weniger geschmückt.

»Sallam!« grüßte der Scheik. »Hier bringe ich euch einen Helden vom Stamme der German, der ein großer Heiliger ist und euch mit dem Segen des Zem-Zem begnadigen will.«

Sofort warfen sich sämtliche Frauen auf die Erde. Auch die Vornehmste glitt von ihrem Throne und kniete nieder. Ich ließ einige Tropfen Wasser in die Hand laufen und spritzte sie über die Gruppe aus.

»Nehmt hin, ihr Blumen der Wüste! Der Gott aller Völker erhalte euch lieblich und froh, daß euer Duft erquicke das Herz eures Gebieters!«

Als sie bemerkten, daß ich das Gefäß wieder zu mir steckte, erhoben sie sich und beeilten sich, mir zu danken. Dies geschah einfach durch einen Druck der Hand, ganz so wie im Abendlande. Dann gebot der Scheik:

»Nun tummelt euch, ein Mahl zu bereiten, welches dieses Mannes würdig ist. Ich werde Gäste laden, daß mein Zelt voll werde und alle sich freuen über die Ehre, welche uns heute widerfahren ist.«

Wir kehrten in sein Zelt zurück. Während ich eintrat, verweilte er noch vor demselben, um einigen Beduinen seine Befehle zu erteilen.

»Wo waret ihr?« fragte Sir Lindsay.

»Im Zelte der Frauen.«

»Ah! Nicht möglich!«

»Und doch!«

»Diese Weiber lassen sich sehen?«

»Warum nicht?«

»Hm! Wundervoll! Hier bleiben! Auch Weiber ansehen!«

»Je nach Umständen. Man hält mich für einen frommen Mann, da ich Wasser aus dem Brunnen des Zem-Zem habe, von dem nach dem Glauben dieser Leute ein Tropfen Wunder thut.«

»Ah! Miserabel! Habe kein Zem-Zem!«

»Würde Euch auch nichts helfen, da Ihr nicht arabisch versteht!«

»Sind hier Ruinen?«

»Nein. Aber ich glaube, daß wir nicht weit zu gehen hätten, um solche zu finden.«

»Dann einmal fragen! Ruinen finden; Fowling-bull ausgraben! War übrigens ein schauderhaftes Essen hier!«

»Wird besser. Wir werden sogleich einen echt arabischen Schmaus bekommen!«

»Ah! Schien mir nicht danach auszusehen, der Scheik.«

»Seine Ansicht über uns hat sich geändert. Ich kenne einige Freunde von ihm, und das hat uns das Gastrecht hier erworben. Aber laßt die Diener abtreten. Es könnte die Araber beleidigen, wenn sie mit ihnen in einem Raume sein müssen.«

Als der Scheik wieder erschienen war, dauerte es nicht lange, so versammelten sich die Geladenen. Es waren ihrer so viele, daß das Zelt wirklich voll wurde. Sie lagerten sich je nach ihrem Range im Kreise herum, während der Scheik zwischen mir und dem Engländer in der Mitte saß. Bald ward auch das Mahl von den Sklavinnen in das Zelt gebracht und von einigen Beduinen aufgetragen.

Zunächst wurde eine Sufrah vor uns hingelegt. Dies ist eine Art Tischtuch von gegerbtem Leder, das an seinem Rande mit farbigen Streifen, Fransen und Verzierungen versehen ist. Es enthält zugleich eine Anzahl von Taschen und kann, wenn es zusammengelegt worden ist, als Vorratstasche für Speisewaaren benützt werden. Dann wurde der Kaffee gebracht. Für jetzt erhielt jeder Geladene nur ein kleines Täßchen voll dieses Getränkes. Dann kam eine Schüssel mit Salatah. Dies ist ein sehr erfrischendes Gericht und besteht aus geronnener Milch mit Gurkenschnittchen, die etwas gesalzen und gepfeffert sind. Zugleich wurde ein Topf vor den Scheik gesetzt. Er enthielt frisches Wasser, aus welchem die Hälse von drei Flaschen ragten. Zwei von ihnen enthielten wie ich bald merkte, Araki, und die dritte war mit einer wohlriechenden Flüssigkeit gefüllt, mit welcher uns der Herr nach jedem Gange bespritzte.

Nun kam ein ungeheurer Napf voll flüssiger Butter. Sie wird hier Samn genannt und von den Arabern sowohl als Einleitung und Nachtisch, als auch zu jeder anderen Zeit mit Vorliebe gegessen und getrunken. Dann wurden kleine Körbchen mit Datteln vorgesetzt. Ich erkannte die köstliche, flach gedrückte El Schelebi, welche etwa so verpackt wird, wie bei uns die Feige oder die Prunelle. Sie ist ungefähr zwei Zoll lang, kleinkernig und von ebenso herrlichem Geruch wie Geschmack. Dann sah ich die seltene Adschwa, welche niemals in den Handel kommt; denn der Prophet hat von ihr gesagt: Wer das Fasten durch den täglichen Genuß von sechs oder sieben Adschwa bricht, der braucht weder Gift noch Zauber zu fürchten. – Auch die Hilwah, die süßeste, die Dschuseirijeh, die grünste, und El Birni und El Seihani waren vertreten. Für die minder vornehmen Gäste waren Balah, am Baume getrocknete Datteln, nebst Dschebeli und Hylajeh vorhanden. Auch Kelladat el Scham, syrische Halsbänder, lagen da. Dies sind Datteln, welche man in noch unreifem Zustande in siedendes Wasser taucht, damit sie ihre gelbe Farbe behalten sollen; dann reiht man sie auf eine Schnur und läßt sie in der Sonne trocknen.

Nach den Datteln trug man ein Gefäß mit Kunafah, d. i. mit Zucker bestreute Nudeln, auf. Nun hob der Wirt die Hände empor.

»Bismillah!« rief er und gab damit das Zeichen zum Beginn des Mahles.

Er langte mit den Fingern in die einzelnen Näpfe, Schüsseln und Körbe und steckte erst mir, dann dem Engländer dasjenige, was er für das Beste hielt, in den Mund. Ich hätte allerdings lieber meine eigenen Finger gebraucht, aber ich mußte ihn gewähren lassen, da ich ihn sonst unverzeihlich beleidigt hätte. Master Lindsay aber zog, als er die erste Nudel in den Mund gestopft erhielt, diesen seinen Mund nach seiner bekannten Weise in ein Trapezoid und machte ihn nicht eher wieder zu, als bis ich ihn aufmerksam machte:

»Eßt, Sir, wenn ihr diese Leute nicht tödlich beleidigen wollt!«

Er klappte den Mund zu, schluckte den Bissen hinunter und meinte dann, natürlich in englischer Sprache:

»Brr! Ich habe doch Messer und Gabel in meinem Besteck bei mir!«

»Laßt sie stecken! Wir müssen uns nach der Sitte des Landes richten.«

»Schauderhaft!«

»Was sagt dieser Mann?« fragte der Scheik.

»Er ist ganz entzückt über dein Wohlwollen.«

»O, ich liebe euch!«

Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in die saure Milch und klebte dem ehrenwerten Master Englishman eine Portion unter die lange Nase. Der so Beglückte schnaubte einige Male, um sich Luft und Mut zu machen, und versuchte dann, die Gabe des Wohlwollens mittelst seiner Zunge von dem unteren Teile seines Angesichtes hinweg in das Innere derjenigen Öffnung zu bringen, welche der Vorhof des Verdauungsapparates genannt werden muß.

»Schrecklich!« lamentierte er dann. »Muß ich das wirklich leiden?«

»Ja.«

»Ohne Gegenwehr?«

»Ohne! Aber rächen könnt Ihr Euch.«

»Wie so?«

»Paßt auf, wie ich es mache, und thut dann ebenso!«

Ich langte in die Nudeln und steckte dem Scheik eine Portion davon in den Mund. Er hatte sie noch nicht verschluckt, so griff David Lindsay in die flüssige Butter und langte ihm eine Handvoll zu. Was ich von dem Scheik als einem Moslem nicht erwartet hatte, das geschah; er nahm die Gabe eines Ungläubigen ohne Sträuben an. Jedenfalls behielt er sich vor, sich später zu waschen und durch ein längeres oder kürzeres Fasten sich von dem Vergehen wieder zu reinigen.

Während wir beide auf diese Weise von dem Scheik gespeist wurden, teilte ich meine Gaben reichlich unter die andern aus. Sie hielten das für eine große Bevorzugung durch mich und boten mir den Mund mit sichtbarem Vergnügen dar. Bald war von dem Vorhandenen nichts mehr zu sehen.

Nun klatschte der Scheik laut in die Hände. Man brachte eine Sini. Das ist eine sehr große, mit Zeichnungen und Inschriften versehene Schüssel von fast sechs Fuß im Umfange. Sie war gefüllt mit Birgani, einem Gemenge von Reis und Hammelfleisch, welches in zerlassener Butter schwamm. Dann kam ein Warah Maschi, ein stark gewürztes Ragout aus Hammelschnitten, nachher Kabab, kleine, auf spitze Holzstäbchen gespießte Bratenstückchen, dann Kima, gekochtes Fleisch, eingelegte Granaten, Äpfel und Quitten und endlich Raha, ein Zuckerwerk von der Art, wie auch wir es in verschiedenen Sorten beim Nachtisch zu naschen pflegen.

Endlich? O nein! Denn als ich das Mahl beendet glaubte, wurde noch das Hauptstück desselben gebracht: ein Hammel, ganz am Spieße gebraten. Ich konnte nicht mehr essen.

»El Hamd ul illah!« rief ich daher, steckte meine Hände in den Wassertopf und trocknete sie mir an meinem Gewande ab.

Das war das Zeichen, daß ich nicht mehr essen würde. Der Morgenländer kennt bei Tafel das sogenannte lästige »Nötigen« nicht. Wer sein »El Hamd« gesagt hat, wird nicht weiter beachtet. Das bemerkte der Engländer.

»El Hamdillah!« rief auch er, fuhr mit der Hand in das Wasser und – betrachtete sie dann sehr verlegen.

Der Scheik bemerkte das und hielt ihm sein Haïk entgegen.

»Sage deinem Freunde,« meinte er zu mir, »daß er seine Hände an meinem Kleide trocknen möge. Die Engländer verstehen wohl nicht viel von Reinlichkeit, denn sie haben nicht einmal ein Gewand, an welchem sie sich abtrocknen können.«

Ich gab Lindsay das Anerbieten des Scheik zu verstehen, und er machte hierauf den ausgiebigsten Gebrauch davon.

Nun wurde von dem Araki gekostet, und dann ward einem jeden der Kaffee und eine Pfeife gereicht. Nun erst begann der Scheik, mich den Seinen vorzustellen:

»Ihr Männer vom Stamme der Haddedihn el Schammar, dieser Mann ist ein großer Emir und Hadschi aus dem Lande der Uëlad German; sein Name lautet – –«

»Hadschi Kara Ben Nemsi,« fiel ich ihm in die Rede.

»Ja, sein Name lautet Emir Hadschi Kara Ben Nemsi; er ist der größte Krieger seines Landes und der weiseste Taleb seines Volkes. Er hat den Brunnen Zem-Zem bei sich und geht in alle Länder, um Abenteuer zu suchen. Wißt ihr nun, was er ist? Ein Dschihad[146] ist er. Laßt uns sehen, ob es ihm gefällt, mit uns gegen unsere Feinde zu ziehen!«

[146] Einer, welcher auszieht, um für den Glauben zu kämpfen.

Das brachte mich in eine ganz eigentümliche, unerwartete Lage. Was sollte ich antworten? Denn eine Antwort erwarteten alle von mir, das war ihren auf mich gerichteten Blicken anzusehen. Ich entschloß mich kurz:

»Ich kämpfe für alles Rechte und Gute gegen alles, was unrecht und falsch ist. Mein Arm gehört euch; vorher aber muß ich diesen Mann, meinen Freund, dahin bringen, wohin ihn zu geleiten ich versprochen habe.«

»Wohin ist das?«

»Das muß ich euch erklären. Vor mehreren tausend Jahren lebte in diesem Lande ein Volk, welches große Städte und herrliche Paläste besaß. Das Volk ist untergegangen, und seine Städte und Paläste liegen verschüttet unter der Erde. Wer in die Tiefe gräbt, der kann sehen und lernen, wie es vor Jahrtausenden gewesen ist, und dies will mein Freund thun. Er will in der Erde suchen nach alten Zeichen und Schriften, um sie zu enträtseln und zu lesen – – –«

»Und nach Gold, um es mitzunehmen,« fiel der Scheik ein.

»Nein,« antwortete ich. »Er ist reich; er hat Gold und Silber, so viel er braucht. Er sucht nur Schriften und Bilder; alles andere will er den Bewohnern dieses Landes lassen.«

»Und was sollst du dabei thun?«

»Ich soll ihn an eine Stelle führen, an der er findet, was er sucht.«

»Dazu braucht er dich nicht, und du kannst immerhin mit uns in den Kampf ziehen. Wir selbst werden ihm genug solche Stellen zeigen. Das ganze Land ist voller Ruinen und Trümmer.«

»Aber es kann niemand mit ihm sprechen, wenn ich nicht bei ihm bin. Ihr versteht nicht seine Sprache, und er kennt nicht die eurige.«

»So mag er zuvor mit uns in den Kampf ziehen, und dann werden wir euch viele Orte zeigen, wo ihr Schriften und Bilder finden könnt.«

Lindsay merkte, daß von ihm die Rede war.

»Was sagen sie?« fragte er mich.

»Sie fragen mich, was Ihr in diesem Lande wollt.«

»Habt Ihr es ihnen gesagt, Sir?«

»Ja.«

»Daß ich Fowling-bulls ausgraben will?«

»Ja.«

»Nun?«

»Sie wollen, ich soll nicht bei Euch bleiben.«

»Was sonst machen?«

»Mit ihnen in den Kampf ziehen. Sie halten mich für einen großen Helden.«

»Hm! Wo finde ich Fowling-bulls?«

»Sie wollen Euch solche zeigen.«

»Ah! Aber ich verstehe diese Leute nicht!«

»Das habe ich ihnen gesagt.«

»Was geantwortet?«

»Ihr sollt mit in den Kampf ziehen, und dann wollen sie uns zeigen, wo Inschriften und dergleichen zu finden sind.«

»#Well!# Wir ziehen mit ihnen!«

»Das geht ja nicht!«

»Warum nicht?«

»Wir gefährden uns dabei. Was gehen uns die Feindseligkeiten anderer an?«

»Nichts. Aber eben darum können wir gehen, mit wem wir wollen.«

»Das ist sehr zu überlegen.«

»Fürchtet Ihr Euch, Sir?«

»Nein.«

»Ich dachte! Also mitziehen. Sagt es ihnen!«

»Ihr werdet Euch noch anders besinnen.«

»Nein!«

Er drehte sich auf die Seite, und das war ein untrügliches Zeichen, daß er sein letztes Wort gesagt habe. Ich wandte mich also wieder an den Scheik:

»Ich habe dir vorhin gesagt, daß ich für alles Rechte und Gute kämpfe. Ist Eure Sache recht und gut?«

»Soll ich sie dir erzählen?«

»Ja.«

»Hast du von dem Stamme der Dschehesch gehört?«

»Ja. Es ist ein treuloser Stamm. Er verbindet sich sehr oft mit den Abu Salman und den Tai-Arabern, um die Nachbarstämme zu berauben.«

»Du weißt es. Er fiel über den meinigen her und raubte uns mehrere Herden; wir aber eilten ihm nach und nahmen ihm alles wieder. Nun hat uns der Scheik der Dschehesch beim Gouverneur verklagt und ihn bestochen. Dieser schickte zu mir und entbot mich mit den vornehmsten Kriegern meines Stammes zu einer Besprechung nach Mossul. Ich hatte eine Wunde erhalten und konnte weder reiten noch gehen. Darum sandte ich meinen Sohn mit fünfzehn Kriegern zu ihm. Er war treulos, nahm sie gefangen und schickte sie an einen Ort, den ich noch nicht erfahren habe.«

»Hast du dich nach ihnen erkundigt?«

»Ja, aber ohne Erfolg, da kein Mann meines Stammes sich nach Mossul wagen kann. Die Stämme der Schammar waren entrüstet über diesen Verrat und töteten einige Soldaten des Gouverneur. Nun rüstet er gegen sie und hat zugleich die Obeïde, die Abu Hammed und die Dschowari gegen mich gehetzt, obgleich sie nicht unter seine Hoheit, sondern nach Bagdad gehören.«

»Wo lagern deine Feinde?«

»Sie rüsten erst.«

»Willst du dich nicht mit den anderen Schammarstämmen vereinigen?«

»Wo sollten da unsere Herden Weide finden?«

»Du hast recht. Ihr wollt euch teilen und den Gouverneur in die Wüste locken, um ihn zu verderben?«

»So ist es. Er mit seinem Heere kann den Schammar nichts thun. Anders aber ist es mit meinen Feinden; sie sind Araber; ich darf sie nicht bis zu meinen Weideplätzen kommen lassen.«

»Wie viel Krieger zählt dein Stamm?«

»Elfhundert.«

»Und deine Gegner?«

»Mehr als dreimal so viel.«

»Wie lange dauert es, die Krieger deines Stammes zu versammeln?«

»Einen Tag.«

»Wo haben die Obeïde ihr Lager?«

»Am untern Laufe des Zab-asfal.«

»Und die Abu Hammed?«

»In der Nähe von El Fattha, an der Stelle, wo der Tigris durch die Hamrinberge bricht.«

»Auf welcher Seite?«

»Auf beiden.«

»Und die Dschowari?«

»Zwischen dem Dschebel Kernina und dem rechten Ufer des Tigris.«

»Hast du Kundschafter ausgesandt?«

»Nein.«

»Das hättest du thun sollen.«

»Es geht nicht. Jeder Schammar ist sofort zu erkennen, und wäre verloren, wenn man ihm begegnete. Aber – – –«

Er hielt inne und blickte mich forschend an. Dann fuhr er fort:

»Emir, du bist wirklich der Freund von Malek, dem Ateïbeh?«

»Ja.«

»Und auch unser Freund?«

»Ja.«

»Komm mit mir; ich werde dir etwas zeigen!«

Er verließ das Zelt. Ich folgte ihm mit dem Engländer und allen anwesenden Arabern. Neben dem großen Zelte hatte man während unseres Mahles ein kleineres für die beiden Diener aufgeschlagen, und im Vorübergehen bemerkte ich, daß man auch sie mit Speise und Trank bedacht hatte. Außerhalb des Zeltkreises standen die Pferde des Scheik angebunden; zu ihnen führte er mich. Sie waren alle ausgezeichnet, zwei aber entzückten mich förmlich. Eines war eine junge Schimmelstute, das schönste Geschöpf, welches ich jemals gesehen hatte. Seine Ohren waren lang, dünn und durchscheinend, die Nasenlöcher hoch, aufgeblasen und tief rot, Mähne und Schweif wie Seide.

»Herrlich!« rief ich unwillkürlich.

»Sage: Masch Allah!« bat mich der Scheik.

Der Araber ist nämlich in Beziehung auf das sogenannte »Beschreien« sehr abergläubig. Wem irgend etwas sehr gefällt, der hat »Masch Allah« zu sagen, wenn er nicht sehr anstoßen will.

»Masch Allah!« antwortete ich.

»Glaubst du, daß ich auf dieser Stute den wilden Esel des Sindschar müde gejagt habe, bis er zusammenbrach?«

»Unmöglich!«

»Bei Allah, es ist wahr! Ihr könnt es bezeugen!«

»Wir bezeugen es!« riefen die Araber wie aus _einem_ Munde.

»Diese Stute geht nur mit meinem Leben von mir,« erklärte der Scheik. »Welches Pferd gefällt dir noch?«

»Dieser Hengst. Siehe diese Gliederung, diese Symmetrie, diesen Adel und diese wunderseltene Färbung, ein Schwarz, welches in das Blau übergeht!«

»Das ist noch nicht alles. Der Hengst hat die drei höchsten Tugenden eines guten Pferdes.«

»Welche?«

»Schnellfüßigkeit, Mut und einen langen Atem.«

»An welchen Zeichen erkennst du dies?«

»Die Haare wirbeln sich an der Croupe: das zeigt, daß er schnellfüßig ist; sie wirbeln sich am Beginn der Mähne: das zeigt, daß er einen langen Atem hat, und sie wirbeln sich ihm in der Mitte der Stirne: das zeigt, daß er einen feurigen, stolzen Mut besitzt. Er läßt seinen Reiter nie im Stich und trägt ihn durch tausend Feinde. Hast du einmal ein solches Pferd besessen?«

»Ja.«

»Ah! So bist du ein sehr reicher Mann.«

»Es kostete mich nichts – es war ein Mustang.«

»Was ist ein Mustang?«

»Ein wildes Pferd, welches man sich erst einfangen und zähmen muß.«

»Würdest du diesen Rapphengst kaufen, wenn ich wollte und wenn du könntest?«

»Ich würde ihn auf der Stelle kaufen.«

»Du kannst ihn dir verdienen!«

»Ah! Unmöglich!«

»Ja. Du kannst ihn zum Geschenk erhalten.«

»Unter welcher Bedingung?«

»Wenn du uns sichere Kundschaft bringst, wo die Obeïde, Abu Hammed und Dschowari sich vereinigen werden.«

Beinahe hätte ich ein »Juchhei!« hinausgejubelt. Der Preis war hoch, aber das Roß war noch mehr wert. Ich besann mich nicht lange und fragte:

»Bis wann verlangst du diese Nachricht?«

»Bis du sie bringen kannst.«

»Und wann erhalte ich das Pferd?«

»Wenn du zurückgekehrt bist.«

»Du hast recht; ich kann es nicht eher verlangen; aber dann kann ich deinen Auftrag auch nicht ausführen.«

»Warum?«

»Weil vielleicht alles darauf ankommt, daß ich ein Pferd reite, auf welches ich mich in jeder Beziehung verlassen kann.«

Er blickte zu Boden.

»Weißt du, daß bei einem solchen Vorhaben der Hengst sehr leicht verloren gehen kann?«

»Ich weiß es; es kommt auch auf den Reiter an. Aber wenn ich ein solches Pferd unter mir habe, so wüßte ich keinen Menschen, der mich oder das Tier fangen könnte.«

»Reitest du so gut?«

»Ich reite nicht so wie ihr; ich müßte das Pferd eines Schammar erst an mich gewöhnen.«

»So sind wir dir überlegen!«

»Überlegen? Seid ihr gute Schützen?«

»Wir schießen im Galopp die Taube vom Zelte.«

»Gut. Leihe mir den Hengst und schicke zehn Krieger hinter mir her. Ich werde mich nicht auf tausend Lanzenlängen von deinem Lager entfernen und gebe ihnen die Erlaubnis, auf mich zu schießen, so oft es ihnen beliebt. Sie werden mich nicht fangen und mich auch nicht treffen.«

»Du sprichst im Scherze, Emir!«

»Ich rede im Ernste.«

»Und wenn ich dich beim Wort nehme?«

»Gut!«

Die Augen der Araber leuchteten vor Vergnügen. Gewiß war ein jeder von ihnen ein vortrefflicher Reiter; sie brannten vor Verlangen, daß der Scheik auf mein Anerbieten eingehen werde.

Dieser aber blickte sehr unschlüssig vor sich nieder.

»Ich weiß, welcher Gedanke dein Herz bewegt, o Scheik,« sagte ich ihm. »Sieh mich an! Trennt ein Mann sich von solchen Waffen, wie ich sie trage?«

»Nie!«

Ich entledigte mich derselben und legte sie vor ihm nieder.

»Sieh, hier lege ich sie dir zu Füßen, als Pfand, daß ich nicht gekommen bin, dir den Hengst zu rauben; und wenn dies noch nicht genug ist, so sei mein Wort und auch hier mein Freund dir Pfand.«

Jetzt lächelte er beruhigt.

»Es sei, also zehn Mann?«

»Ja, auch zwölf oder fünfzehn.«

»Die auf dich schießen dürfen?«

»Ja. Wenn ich erschossen werde, wird sie kein Vorwurf treffen. Wähle deine besten Reiter und Schützen aus!«

»Du bist tollkühn, Emir!«

»Das glaubst du nur.«

»Sie haben sich nur hinter dir zu halten?«

»Sie können reiten, wie und wohin sie wollen, um mich zu fangen oder mit ihrer Kugel zu treffen.«

»Allah kerihm, so bist du bereits jetzt schon ein toter Mann!«

»Aber sobald ich hier an diesem Orte halten bleibe, ist das Spiel zu Ende!«

»Wohl, du willst es nicht anders. Ich werde meine Stute reiten, um alles sehen zu können.«

»Erlaube mir zuvor, den Hengst zu probieren!«

»Thue es!«

Ich saß auf, und während der Scheik diejenigen bestimmte, welche mich fangen sollten, merkte ich, daß ich mich auf den Hengst ganz und gar verlassen konnte. Dann sprang ich wieder ab und entfernte den Sattel. Das stolze Tier merkte, daß etwas Ungewöhnliches im Gange sei; seine Augen funkelten, seine Mähne hob sich, und seine Füßchen gingen wie die Füße einer Tänzerin, welche versuchen will, ob das Parkett des Saales »wichsig« genug zum Contre sei. Ich schlang ihm einen Riemen um den Hals und knüpfte eine Schlinge an die eine Seite des fest angezogenen Bauchgurtes.