Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I
Chapter 21
»Meinst du? Ihr wißt, daß diese vier Pferde den Franken gehören, welche dort mit dem Schiffe angekommen sind. Wie könnt ihr denken, daß Franken sich ungestraft bestehlen lassen, und daß sie nicht klüger sind, als ihr! Ich habe gewußt, daß ihr am Fluß einen Umweg machen würdet, bin herübergeschwommen und euch zuvorgekommen. Ihr aber habt euch allerdings täuschen lassen. Ich will nicht Menschenblut vergießen; darum bitte ich euch, mir die Pferde freiwillig zurückzugeben. Dann könnt ihr gehen, wohin ihr wollt!«
Er lachte.
»Ihr seid zwei Männer, und wir sind sechs.«
»Wohl! So thue ein jeder, was ihm beliebt!«
»Weiche vom Wege!«
Er legte die mit Straußenfedern verzierte Lanze ein und trieb sein Pferd auf mich zu. Ich erhob den Stutzen: der Schuß krachte, und Roß und Reiter stürzten nieder. Ich bedurfte keiner Minute, um noch fünfmal zu zielen und fünfmal abzudrücken. Alle Pferde stürzten, und nur die unserigen, welche man zusammengekoppelt hatte, waren unversehrt. Der, welcher sie vorher an der Leine hielt, hatte sie losgelassen. Wir benützten den Augenblick der Verwirrung, sprangen auf und eilten davon.
Hinter uns ertönte das Zorngeschrei der Araber. Wir machten uns nichts daraus, sondern brachten die Riemen unserer Tiere in Ordnung und ritten lachend davon.
»#Magnificent# – prächtig – schönes Abenteuer – hundert Pfund wert! Wir zwei, sie sechs – sie uns vier Pferde genommen, wir ihnen sechs genommen – ausgezeichnet – herrlich!« lachte Lindsay.
»Ein Glück, daß es so ausgezeichnet, so herrlich abgelaufen ist, Sir. Wären unsere Tiere scheu geworden, so kamen wir nicht so schnell weg und hätten sehr leicht einige Kugeln erhalten können.«
»Machen wir auch Umweg oder gehen grad aus?«
»Grad aus. Wir kennen unsere Pferde; der Übergang wird gelingen.«
Wir kamen in guter Zeit wieder bei unseren Zelten an, und bald nach unserer Ankunft stieß das Boot vom Lande ab und wir blieben allein in der Wüste zurück.
Lindsay wollte anfangs sehr viel Gepäck und auch Proviant mitnehmen, ich aber hatte ihn zu einer andern Ansicht gebracht. Wer ein Land kennen lernen will, der muß auch lernen, sich auf die Gaben desselben zu beschränken, und ein Reiter darf nie mehr bei sich haben, als sein Tier zu tragen vermag. Übrigens waren wir reichlich mit Munition versehen, was die Hauptsache ist, und außerdem verfügte der »Nobelman« über so bedeutenden Geldvorrat, daß wir davon den Reiseaufwand für Jahre hinaus hätten bestreiten können.
»Nun allein am Tigris,« meinte er. »Nun gleich graben nach Fowling-bulls und andern Altertümern!«
Der gute Mann hatte sicher sehr viel gelesen und gehört von den Ausgrabungen bei Khorsabad, Kufjundschik, Hammum Ali, Nimrud, Keschaf und El Hather und war dadurch auf den Gedanken gekommen, nun seinerseits auch das britische Museum zu bereichern und dadurch ein berühmter Mann zu werden.
»Jetzt gleich?« fragte ich ihn. »Das wird nicht gehen!«
»Warum? Habe Hacke mit.«
»O, mit diesem Mattok werden Sie nicht viel machen können. Wer hier graben will, muß sich erst mit der Regierung verständigen – – –«
»Regierung? Welche?«
»Die türkische.«
»Pah! Hat Niniveh den Türken gehört?«
»Allerdings nicht, denn damals war von den Türken keine Rede. Aber die Ruinen gehören jetzt zum türkischen Grund und Boden, obgleich hier der Arm des Sultans nicht sehr mächtig ist. Die arabischen Nomaden sind da die eigentlichen Herren, und wer hier graben will, der hat sich zunächst auch mit ihnen in freundschaftliche Beziehung zu setzen, da er sonst weder seines Eigentums, noch seines Lebens sicher ist. Darum habe ich Ihnen ja geraten, Geschenke für die Häuptlinge mitzunehmen.«
»Die seidenen Gewänder?«
»Ja; sie sind hier am meisten gesucht und nehmen beim Transport sehr wenig Raum ein.«
»#Well#, so wollen setzen in freundschaftliche Beziehung – aber sogleich und sofort – nicht?«
Ich wußte, daß es bei seinen Ausgrabungen nur bei dem Gedanken bleiben werde, hatte mir aber vorgenommen, ihn nicht abwendig zu machen.
»Ich bin dabei. Nun fragt es sich, welchem Häuptling man zunächst seine Aufwartung zu machen hat.«
»Raten!«
»Der mächtigste Stamm heißt El Schammar. Er hat aber seine Weidegründe weit oben am südlichen Abhang der Sindscharberge und an dem rechten Ufer des Thathar.«
»Wie weit ist Sindschar von hier?«
»Einen ganzen Breitegrad.«
»Sehr breit! Was sind noch für Araber hier?«
»Die Obeïden, Abu-Salman, Abu-Ferhan und andere; doch läßt sich nie genau bestimmen, wo man diese Horden zu suchen hat, da sie sich stets auf der Wanderschaft befinden. Wenn ihre Herden einen Platz abgeweidet haben, so bricht man die Zelte ab und zieht weiter. Dabei leben die einzelnen Stämme in ewiger, blutiger Feindseligkeit miteinander; sie haben sich gegenseitig zu meiden, und das trägt auch nicht wenig zu der Unstätigkeit ihres Lebens bei.«
»Schönes Leben – viel Abenteuer – viel Ruinen finden – viel ausgraben – ausgezeichnet – excellent!«
»Am besten ist es, wir reiten in die Wüste hinein und befragen uns bei dem ersten Beduinen, welcher uns begegnet, nach dem Wohnort des nächsten Stammes.«
»Gut – #well# – sehr schön! Gleich jetzt reiten und befragen!«
»Wir könnten heute noch hier bleiben!«
»Bleiben und nicht graben? Nein – geht nicht! Zelte ab und fort!«
Ich mußte ihm seinen Willen lassen, zumal bei näherem Überlegen ich mir sagte, daß es wegen der heutigen feindseligen Begegnung besser sei, den Ort zu verlassen. Wir brachen also die leichten Zelte ab, welche von den Pferden der Diener getragen werden mußten, setzten uns auf und schlugen den Weg nach dem Sabakah-See ein.
Es war ein wundervoller Ritt durch die blumenreiche Steppe. Jeder Schritt der Pferde wirbelte neue Wohlgerüche auf. Ich konnte selbst die weichste und saftigste Savanne Nordamerikas mit dieser Gegend nicht vergleichen. Die Richtung, welche wir eingeschlagen hatten, stellte sich als eine glücklich gewählte heraus; denn bereits nach kaum mehr als einer Stunde kamen drei Reiter auf uns zugesprengt. Sie machten eine sehr hübsche Figur mit den fliegenden Mänteln und wehenden Straußenfedern. Unter lautem Kriegsgeschrei ritten sie auf uns los.
»Sie brüllen. Werden sie stechen?« fragte der Engländer.
»Nein. Das ist die Begrüßungsart dieser Leute. Wer sich dabei zaghaft zeigt, der wird für keinen Mann gehalten.«
»Werden Männer sein!«
Er hielt Wort und zuckte nicht mit der Wimper, als der eine mit seiner scharfen Lanzenspitze grad auf seine Brust zuhielt und erst abbog und sein Pferd in die Hacken riß, als die Lanzenspitze beinahe die Brust berührte.
»Sallam aaleïkum! Wo wollt Ihr hin?« grüßte einer.
»Von welchem Stamme bist du?«
»Vom Stamme der Haddedihn, welcher zu der großen Nation der Schammar gehört.«
»Wie heißt dein Scheik?«
»Er führt den Namen Mohammed Emin.«
»Ist er weit von hier?«
»Wenn du zu ihm willst, so werden wir euch begleiten.«
Sie wandten um und schlossen sich uns an. Während wir – die Diener hinter uns – in würdevoller Haltung in den Sätteln saßen, sprengten sie um uns in weiten Kreisen herum, um ihre Reiterkünste sehen zu lassen. Ihr Hauptkunststück besteht im Innehalten mitten im rasendsten Laufe, wodurch aber ihre Pferde sehr angegriffen und leicht zu schanden werden. Ich glaube, behaupten zu können, daß ein Indianer auf seinem Mustang sie in jeder Beziehung übertrifft. Dem Engländer gefiel das Schaureiten dieser Leute.
»Prächtig! Hm, so kann ich es nicht – würde den Hals brechen!«
»Ich habe noch andere Reiter gesehen.«
»Ah! Wo?«
»Ein Ritt auf Leben und Tod in einem amerikanischen Urwalde, auf einem gefrorenen Flusse, wenn das Pferd keine Eisen hat, oder in einem steinigen Cannon ist doch noch etwas ganz anderes.«
»Hm! Werde auch nach Amerika gehen – reiten in Urwald – auf Flußeis – in Cannon – schönes Abenteuer – prachtvoll! Was sagten diese Leute?«
»Sie grüßten uns und fragten nach dem Ziel unseres Rittes; sie werden uns zu ihrem Scheik bringen. Er heißt Mohammed Emin und ist der Anführer der Haddedihn.«
»Tapfere Leute?«
»Diese Männer nennen sich alle tapfer und sind es auch bis zu einem gewissen Grade. Ein Wunder ist dies nicht. Die Frau muß alles machen, und der Mann thut nichts als reiten, rauchen, rauben, kämpfen, klatschen und faulenzen.«
»Schönes Leben – prächtig – möchte Scheik sein – viel ausgraben – manchen Fowling-bull finden und London schicken – hm!«
Nach und nach wurde die Steppe belebter und wir gewahrten, daß wir uns den Haddedihn näherten. Sie befanden sich zum großen Teil noch in Bewegung, als wir sie erreichten. Es ist nicht leicht, den Anblick zu beschreiben, den ein Araberstamm auf dem Zuge nach seinem neuen Weideplatze gewährt. Ich hatte vorher die Sahara und einen Teil von Arabien durchzogen und dabei viele Stämme der westlichen Araber kennen gelernt; hier aber bot sich mir ein ganz neuer Anblick dar. Dieselbe Verschiedenheit, welche zwischen den Oasen der Sahara und dem »Lande Sinear« der heiligen Schrift herrscht: – man beobachtet sie auch in dem Leben und allen Verhältnissen ihrer Bewohner. Hier ritten wir auf einer beinahe unbegrenzten Merdsch[136], welche nicht die mindeste Ähnlichkeit mit einer Uah[137] des Westens hatte. Sie glich vielmehr einem riesigen Savannenteppich, der aus lauter Blumen bestand. Hier schien nie der fürchterliche Smum gewütet zu haben; hier war keine Spur einer wandernden Düne zu erblicken. Hier gab es kein zerklüftetes und verschmachtetes Wadi, und man meinte, daß hier keine Fata Morgana die Macht besäße, den müden, einsamen Wanderer zu äffen. Die weite Ebene hatte sich mit duftendem Leben geschmückt, und auch die Menschen zeigten keine Spur jener »Wüstenstimmung«, welcher westwärts vom Nil kein Mensch entgehen kann. Es lag über diesem bunten Gefilde ein Farbenton, der nicht im mindesten an das versengende, dabei oft blutig trübe und tödliche Licht der großen Wüste erinnerte.
[136] Wiese, Prairie.
[137] Oase.
Wir befanden uns jetzt inmitten einer nach Tausenden zählenden Herde von Schafen und Kamelen. So weit das Auge reichte – rechts und links von uns, vor und hinter uns – wogte ein Meer von grasenden und wandernden Tieren. Wir sahen lange Reihen von Ochsen und Eseln, welche beladen waren mit schwarzen Zelten, bunten Teppichen, ungeheuren Kesseln und allerlei anderen Sachen. Auf diese Berge von Gerätschaften hatte man alte Männer und Weiber gebunden, welche nicht mehr im stande waren, zu gehen oder sich ohne Stütze im Sattel aufrecht zu halten. Zuweilen trug eines der Tiere kleine Kinder, welche in den Sattelsäcken so befestigt waren, daß nur ihre Köpfe durch die kleine Öffnung schauten. Zur Erhaltung des Gleichgewichts trug das Lasttier dann auf der andern Seite junge Lämmer und Zickelchen, welche blökend und meckernd ebenso aus den Öffnungen der Säcke hervorblickten. Dann kamen Mädchen, nur mit dem eng anliegenden, arabischen Hemd bekleidet; Mütter mit Kindern auf den Schultern, Knaben, welche Lämmer vor sich hertrieben; Dromedartreiber, die, auf ihren Tieren sitzend, ihre edlen Pferde nebenbei am Zügel führten, und endlich zahlreiche Reiter, welche, mit bebuschten Lanzen bewaffnet, auf der Ebene nach denjenigen ihrer Tiere herumjagten, welche sich nicht in die Ordnung des Zuges fügen wollten.
Eigentümliche Figuren bildeten diejenigen Reitkamele, welche zum Tragen vornehmer Frauen bestimmt waren. Ich hatte in der Sahara sehr oft Dschemmels gesehen, welche Frauen in dem wiegenähnlichen Korbe trugen; aber eine Vorrichtung, wie die hiesige, war mir noch nicht vorgekommen. Zwei zehnellige oder auch noch längere Stangen nämlich werden vor und hinter dem Höcker des Kameles quer über den Rücken desselben gelegt und an ihren Enden zusammengezogen und mit Pergament oder Stricken verbunden. Dieses Gestell ist mit Fransen und Quasten von Wolle in allen Farben, mit Muschel- und Perlenschnüren verziert, ganz so wie der Sattel und das Riemenzeug, und ragt also neun und noch mehr Ellen rechts und links über die Seiten des Kameles hinaus. Zwischen ihm auf dem Höcker ragt eine aus Grundleisten und Stoffüberzug bestehende Vorrichtung empor, welche fast genau einem Schilderhause gleicht und mit allerlei Quasten und Troddelwerk behangen ist. In diesem #Belle-vue# sitzt die Dame. Die ganze Figur erreicht eine außerordentliche Höhe, und wenn sie am Horizont erscheint, so könnte man sie infolge des schwankenden Ganges der Kamele für einen riesigen Schmetterling oder für eine gigantische Libelle halten, welche die Flügel auf und nieder schlägt.
Unser Erscheinen machte in jeder Gruppe, bei welcher wir ankamen, großes Aufsehen. Ich selbst trug daran wohl weniger Schuld als Sir Lindsay, dem ja ebenso wie seinen Dienern auf den ersten Blick der Europäer anzusehen war. Er mußte in seinem graukarrierten Anzuge hier noch mehr auffallen, als ein Araber, der in seiner malerischen Tracht vielleicht auf einem öffentlichen Platze Münchens oder Leipzigs erschienen wäre. Unsere Führer ritten uns voran, bis wir endlich ein außerordentlich großes Zelt erblickten, vor welchem viele Lanzen in der Erde steckten. Dies war das Zeichen, daß es das Zelt des Häuptlings sei. Man war soeben beschäftigt, rund um dasselbe einen Kreis anderer Zelte zu errichten.
Die beiden Araber sprangen ab und traten ein. Nur wenige Augenblicke später erschienen sie in Begleitung eines Dritten wieder. Dieser hatte die Gestalt und das Äußere eines echten Patriarchen. Just so mußte Abraham ausgesehen haben, wenn er aus seinem Hause im Haine Mamre trat, um seine Gäste zu begrüßen. Der schneeweiße Bart hing ihm bis über die Brust herab, dennoch aber machte der Greis den Eindruck eines rüstigen Mannes, der im stande ist, eine jede Beschwerde zu ertragen. Sein dunkles Auge musterte uns nicht eben einladend und freundlich. Er hob die Hand zum Herzen und grüßte: »Salama!«
Dies ist der Gruß eines eingefleischten Mohammedaners, wenn ein Ungläubiger zu ihm kommt; dagegen empfängt er jeden Gläubigen mit dem Sallam aaleïkum.
»Aaleïkum!« antwortete ich und sprang vom Pferde.
Er sah mich ob dieses Wortes forschend an; dann fragte er:
»Bist du ein Moslem oder ein Giaur?«
»Seit wann empfängt der Sohn des edlen Stammes der Schammar seine Gäste mit einer solchen Frage? Sagt nicht der Kuran: ›Speise den Fremdling und tränke ihn; laß ihn bei dir ruhen, ohne seinen Ausgang und seinen Eingang zu kennen!‹ – Allah mag es dir verzeihen, daß du deine Gäste wie ein türkischer Khawasse[138] empfängst!«
[138] Polizist.
Er erhob wie abwehrend die Hand.
»Dem Schammar und dem Haddedihn ist jeder willkommen, nur der Lügner und der Verräter nicht.«
Er warf dabei einen bezeichnenden Blick auf den Engländer.
»Wen meinest du mit diesen Worten?« fragte ich ihn.
»Die Männer, welche aus dem Abendlande kommen, um den Pascha gegen die Söhne der Wüste zu hetzen. Wozu braucht die Königin der Inseln[139] einen Konsul in Mossul?«
[139] Königin von England.
»Diese drei Männer gehören nicht zu dem Konsulat. Wir sind müde Wanderer und begehren von dir weiter nichts, als einen Schluck Wasser für uns und eine Dattel für unsere Pferde.«
»Wenn ihr nicht zum Konsulat gehört, so sollt ihr haben, was ihr begehrt. Tretet ein und seid mir willkommen!«
Wir banden unsere Pferde an die Lanzen und gingen in das Zelt. Dort erhielten wir Kamelmilch zu trinken; die Speise bestand nur aus dünnem, hartem und halb verbranntem Gerstenkuchen – ein Zeichen, daß der Scheik uns nicht als Gäste betrachtete. Während des kurzen Mahles fixierte er uns mit finsterem Auge, ohne ein Wort zu sprechen. Er mußte triftige Gründe haben, Fremden zu mißtrauen, und ich sah ihm an, daß er neugierig war, etwas Näheres über uns zu erfahren.
Lindsay schaute sich in dem Zelte um und fragte mich:
»Böser Kerl, nicht?«
»Scheint so.«
»Sieht ganz so aus, als ob er uns fressen wollte. Was sagte er?«
»Er begrüßte uns als Ungläubige. Wir sind seine Gäste noch nicht und haben uns sehr vorzusehen.«
»Nicht seine Gäste? Wir essen und trinken doch bei ihm!«
»Er hat uns das Brot nicht mit seiner eigenen Hand gegeben, und Salz gar nicht. Er sieht, daß Ihr ein Engländer seid, und die Englishmen scheint er zu hassen.«
»Weshalb?«
»Weiß es nicht.«
»Einmal fragen!«
»Geht nicht, denn es wäre unhöflich. Ich denke aber, daß wir es noch erfahren werden.«
Wir waren fertig mit dem kleinen Imbiß, und ich erhob mich.
»Du hast uns Speise und Trank gegeben, Mohammed Emin; wir danken dir und werden deine Gastfreundschaft rühmen überall, wohin wir kommen. Lebe wohl! Allah segne dich und die Deinigen!«
Diesen schnellen Abschied hatte er nicht erwartet.
»Warum wollt ihr mich schon verlassen? Bleibt hier und ruhet euch aus!«
»Wir werden gehen, denn die Sonne deiner Gnade leuchtet nicht über uns.«
»Ihr seid dennoch sicher hier in meinem Zelte.«
»Meinest du? Ich glaube nicht an die Sicherheit im Beyt[140] eines Arab el Schammar.«
[140] Schwarzes Zelt.
Er fuhr mit der Hand nach dem Dolche.
»Willst du mich beleidigen?«
»Nein; ich will dir nur meine Gedanken sagen. Das Zelt eines Schammar bietet dem Gastfreunde keine Sicherheit; wie viel weniger also demjenigen, der nicht einmal Gastfreundschaft genießt!«
»Soll ich dich niederstechen? Wann hat jemals ein Schammar die Gastfreundschaft gebrochen?«
»Sie ist gebrochen worden nicht nur gegen Fremde, sondern sogar gegen Angehörige des eigenen Stammes.«
Das war allerdings eine fürchterliche Beschuldigung, welche ich hier aussprach; aber ich sah nicht ein, aus welchem Grunde ich höflich sein sollte mit einem Manne, der uns wie Bettler aufgenommen hatte. Ich fuhr fort:
»Du wirst mich nicht niederstechen, Scheik; denn erstens habe ich die Wahrheit gesprochen, und zweitens würde mein Dolch dich eher treffen, als der deinige mich.«
»Beweise die Wahrheit!«
»Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Es gab einen großen, mächtigen Stamm, der wieder in kleinere Ferkah[141] zerfiel. Dieser Stamm war regiert worden von einem großen, tapfern Häuptling, in dessen Herzen aber die List neben der Falschheit wohnte. Die Seinen wurden mit ihm unzufrieden und fielen nach und nach von ihm ab. Sie wandten sich dem Häuptling eines Ferkah zu. Da schickte der Scheik zu dem Häuptling und ließ ihn zu einer Besprechung zu sich laden. Er kam aber nicht. Da sandte der Scheik seinen eigenen Sohn. Dieser war mutig, tapfer und liebte die Wahrheit. Er sprach zu dem Häuptling: ›Folge mir. Ich schwöre dir bei Allah, daß du sicher bist im Zelte meines Vaters. Ich werde mit meinem Leben für das deinige stehen!‹ – Da antwortete der Häuptling: ›Ich würde nicht zu deinem Vater gehen, selbst wenn er tausend Eide ablegte, mich zu schonen; dir aber glaube ich. Und um dir zu zeigen, daß ich dir vertraue, werde ich ohne Begleitung mit dir gehen.‹ – Sie setzten sich zu Pferde und ritten davon. Als sie in das Zelt des Scheik traten, war es von Kriegern angefüllt. Der Häuptling wurde eingeladen, sich an der Seite des Scheik niederzulassen. Er erhielt das Mahl und die Rede der Gastfreundschaft, aber nach dem Mahle wurde er überfallen. Der Sohn des Scheik wollte ihn retten, wurde aber festgehalten. Der Oheim des Scheik riß den Häuptling zu sich nieder, klemmte den Kopf desselben zwischen seine Kniee, und so wurde dem Verratenen mit Messern der Kopf abgewürgt, wie man es bei einem Schafe thut. Der Sohn zerriß seine Kleider und machte seinem Vater Vorwürfe, mußte aber fliehen, sonst wäre er wohl ermordet worden. Kennst du diese Geschichte, Scheik Mohammed Emin?«
[141] Unter-Stämme.
»Ich kenne sie nicht. So eine Geschichte kann nicht geschehen.«
»Sie ist geschehen und zwar in deinem eigenen Stamme. Der Verratene hieß Nedschris, der Sohn Ferhan, der Oheim Hadschar, und der Scheik war der berühmte Scheik Sofuk vom Stamme der Schammar.«
Er wurde verlegen.
»Woher kennst du diese Namen? Du bist kein Schammar, kein Obeïde, kein Abu-Salman. Du redest die Sprache der westlichen Araber, und deine Waffen sind nicht diejenigen der Araber von El Dschesireh[142]. Von wem hast du diese Geschichte erfahren?«
[142] Wörtlich »Insel« = das Land zwischen dem Euphrat und dem Tigris.
»Die Schande eines Stammes wird ebenso ruchbar wie der Ruhm eines Volkes. Du weißt, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Wie kann ich dir vertrauen? Du bist ein Haddedihn; die Haddedihn gehören zu den Schammar, und du hast uns die Gastfreundschaft verweigert. Wir werden gehen.«
Er erhob durch eine Bewegung seines Armes Widerspruch.
»Du bist ein Hadschi und befindest dich in der Gesellschaft von Giaurs!«
»Woher siehst du, daß ich ein Hadschi bin?«
»An deinem Hamail[143]. Du sollst frei sein. Diese Ungläubigen aber sollen die Dschisijet[144] bezahlen, ehe sie fortgehen.«
[143] Ein Kuran, welcher im goldgeschmückten Futteral um den Hals gehängt wird. Nur die Hadschi pflegen ihn zu tragen.
[144] Kopfsteuer, welche die Stämme von Fremden zu erheben pflegen.
»Sie werden sie nicht bezahlen, denn sie stehen unter meinem Schutz.«
»Sie brauchen deinen Schutz nicht, denn sie stehen unter demjenigen ihres Konsuls, den Allah verderben möge!«
»Ist er dein Feind?«
»Er ist mein Feind. Er hat den Gouverneur von Mossul beredet, meinen Sohn gefangen zu nehmen; er hat die Obeïde, die Abu-Hammed und die Dschowari gegen mich aufgehetzt, daß sie meine Herden raubten und sich jetzt vereinigen wollen, mich und meinen ganzen Stamm zu verderben.«
»So rufe die andern Stämme der Schammar zu Hilfe!«
»Sie können nicht kommen, denn der Gouverneur hat ein Heer gesammelt, um ihre Weideplätze am Sindschar mit Krieg zu überziehen. Ich bin auf mich selbst angewiesen. Allah möge mich beschützen!«
»Mohammed Emin, ich habe gehört, daß die Obeïde, die Abu-Hammed und die Dschowari Räuber sind. Ich liebe sie nicht; ich bin ein Freund der Schammar. Die Schammar sind die edelsten und tapfersten Araber, die ich kenne; ich wünsche, daß du alle deine Feinde besiegen mögest!«
Ich beabsichtigte nicht etwa, mit diesen Worten ein Kompliment auszusprechen; sie enthielten vielmehr meine volle Überzeugung. Dies mußte wohl auch aus meinem Tone herausgeklungen haben, denn ich sah, daß sie einen freundlichen Eindruck hervorbrachten.
»Du bist in Wirklichkeit ein Freund der Schammar?« fragte er mich.
»Ja, und ich beklage es sehr, daß Zwietracht unter sie gesät wurde, so daß ihre Macht nun fast gebrochen ist.«
»Gebrochen? Allah ist groß, und noch sind die Schammar tapfer genug, um mit ihren Gegnern zu kämpfen. Wer hat dir von uns erzählt?«
»Ich habe schon vor langer Zeit von euch gelesen und gehört; die letzte Kunde aber erhielt ich drüben im Belad Arab bei den Söhnen der Ateïbeh.«
»Wie?« fragte er überrascht, »du warst bei den Ateïbeh?«
»Ja.«
»Sie sind zahlreich und mächtig, aber es ruht ein Fluch auf ihnen.«
»Du meinst Scheik Malek, welcher ausgestoßen wurde?«
Er sprang empor.
»Maschallah, du kennst Malek, meinen Freund und Bruder?«
»Ich kenne ihn und seine Leute.«
»Wo trafest du sie?«
»Ich stieß auf sie in der Nähe von Dschidda und bin mit ihnen quer durch das Belad Arab nach El Nahman, der Wüste von Maskat, gezogen.«
»So kennst du sie alle?«
»Alle.«
»Auch – verzeihe, daß ich von einem Weibe spreche, aber sie ist kein Weib, sondern ein Mann – auch Amscha, die Tochter Maleks, kennst du?«
»Ich kenne sie. Sie war das Weib von Abu-Seïf und hat Rache an ihm genommen.«
»Hat sie ihre Rache erreicht?«
»Ja; er ist tot. Hadschi Halef Omar, mein Diener, hat ihn gefällt und dafür Hanneh, Amschas Tochter, zum Weibe erhalten.«
»Dein Diener? So bist du kein gewöhnlicher Krieger?«
»Ich bin ein Sohn der Uëlad German und reise durch die Länder, um Abenteuer zu suchen.«
»O, jetzt weiß ich es. Du thust, wie Harun al Raschid gethan hat; du bist ein Scheik, ein Emir und ziehst auf Kämpfe und auf Abenteuer aus. Dein Diener hat den mächtigen Vater des Säbels getötet, du als sein Herr mußt noch ein größerer Held sein, als dein Begleiter. Wo befindet sich dieser wackere Hadschi Halef Omar?«
Es fiel mir natürlich gar nicht ein, dieser mir sehr vorteilhaften Ansicht über mich zu widersprechen. Ich antwortete: