Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I
Chapter 20
»Vernimm meine Worte, o Scheik, und Allah öffne dir das Herz, damit sie Eingang in die Gnade deines Willens finden. Ich bin Kara Ben Nemsi, ein Emir unter den Talebs und Helden in Frankistan. Ich kam nach Afrika und auch in dieses Land, um seine Bewohner zu sehen und große Thaten zu verrichten. Dazu brauchte ich einen Diener, der alle Mundarten des Westens und Ostens versteht, der klug und weise ist und sich vor keinem Löwen, vor keinem Panther und vor keinem Menschen fürchtet. Ich fand diesen Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah und bin mit ihm bis heute über alle Maßen zufrieden gewesen. Er ist stark wie ein Eber, treu wie ein Windspiel, klug wie ein Fennek und schnell wie eine Antilope. Wir haben über den Abgründen der Schotts gekämpft, wir sind eingebrochen und haben uns doch gerettet. Wir haben die Tiere des Feldes und der Wüste bezwungen; wir haben dem bösen Smum getrotzt; ja, wir sind sogar bis an die Grenze Nubiens gedrungen und haben eine Gefangene, die Blume aller Blumen, aus der Gewalt ihres Peinigers befreit. Wir sind dann nach dem Belad el Arab gekommen, und was wir da erlebten, das habt ihr bereits erfahren und seid auch Zeuge davon gewesen. Er ist dann mit Hanneh, deiner Enkelin, nach Mekka geritten. Sie ist zum Schein sein Weib geworden, und er hat sich unterschrieben, daß er sie wieder hergeben werde. Nun aber hat Allah ihre Herzen geleitet, daß sie einander lieb gewannen und nie wieder von einander scheiden möchten. Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed Chadid el Eini Ben Abul Ali el Besami Abu Schehab Abdolatif el Hanifi, der weise und tapfere Scheik dieser Söhne der Ateïbeh. Deine Einsicht wird dir sagen, daß ich einen solchen Begleiter, wie Halef ist, nicht gern von mir lasse; aber ich wünsche, daß er glücklich sei, und daher richte ich die Bitte an dich, ihn in den Stamm der Ateïbeh aufzunehmen und den Vertrag zu zerreißen, in welchem er dir versprochen hat, sein Weib zurückzugeben. Ich weiß, daß du mir diese Bitte erfüllen wirst, und ich werde, wenn ich einst in meine Heimat zurückgekehrt bin, deinen Ruhm und den Ruhm der Deinen verbreiten im ganzen Abendlande. Sallam!«
Alle hatten mir aufmerksam zugehört. Malek antwortete:
»Effendi, ich weiß, daß du ein berühmter Emir der Nemsi bist, obgleich euere Namen so kurz sind, wie die Klinge eines Frauenmessers. Du bist ausgegangen wie ein Sultan, welcher unerkannt große Thaten verrichtet, und noch die Kinder unserer Kinder werden von deinem Heldentum erzählen. Hadschi Halef Omar ist bei dir wie ein Wessir, dessen Leben seinem Sultan gehört, und ihr seid in unsere Zelte gekommen, um uns große Ehre zu bereiten. Wir lieben dich und ihn – und wir werden unsere Stimmen vereinigen, um ihn zum Sohne unseres Stammes zu machen. Auch werde ich mit seinem Weibe sprechen, und wenn sie bei ihm bleiben will, so werde ich den Vertrag zerreißen, wie du es erbeten hast; denn er ist ein tapferer Krieger, welcher Abu-Seïf, den Dieb und Räuber, getötet hat. Jetzt aber erlaube uns, ein Mahl zu bereiten, um den Tod des Feindes zu feiern und dann die Beratung in würdiger Weise vorzunehmen. Du bist unser Freund und Bruder, obgleich du einen anderen Glauben hast, als wir. Sallam, Effendi!«
Achtes Kapitel.
Am Tigris.
»Schrecklich wird der Herr über sie sein; denn er wird alle falschen Götter vertilgen, und es sollen ihn anbeten alle Inseln der Heiden, ein jeglicher an seinem Ort. Und er wird seine Hand ausstrecken über Mitternacht, um Assur umzubringen. Niniveh wird er öde machen und so dürre wie eine Wüste, daß darinnen sich lagern werden allerlei Tiere der Heidenländer; auch Rohrdommeln und Kormorans werden wohnen auf den Türmen und in den Fenstern singen, und die Raben auf den Balken, denn die Öde wird auf den Schwellen sein. Das ist die lustige Stadt, die so sicher war und bei sich sprach: ich bin es und keine mehr. Wie ist sie so wüste geworden, daß die wilden Tiere darinnen wohnen? Wer an ihr vorübergeht, der pfeift sie aus und klatscht mit den Händen über sie!« –
An diese Worte des Propheten Zephanja mußte ich denken, als wir unser Boot beim letzten Schimmer des Tages an das rechte Ufer des _Tigris_ legten. Die ganze Gegend rechts und links vom Strome ist ein Grab, eine große, ungeheuere, öde Begräbnisstätte. Die Ruinen des alten Rom und Athen werden vom Strahle der Sonne erleuchtet, und die Denkmäler des einstigen Ägypten ragen als gigantische Gestalten zum Himmel empor. Sie reden verständlich genug von der Macht, dem Reichtume und dem Kunstsinne jener Völker, welche sie errichtet haben. Hier aber, an den beiden Strömen Euphrat und Tigris, liegen nur wüste Trümmerhaufen, über welche der Beduine achtlos dahinreitet, wohl ohne nur zu ahnen, daß unter den Hufen seines Pferdes die Jubel und die Seufzer von Jahrtausenden begraben liegen. Wo ist der Turm, welchen die Menschen im Lande Sinear bauten, als sie zu einander sprachen: »Kommt, lasset uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, damit wir uns einen Namen machen!« –? Sie haben Stadt und Turm gebaut, aber die Stätte ist verwüstet. Sie wollten sich einen Namen machen, aber die Namen der Völker, welche diese Stadt nacheinander bewohnten und in dem Turme ihren sündigen Gottesdienst verübten, und die Namen der Dynasten und Statthalter, welche hier im Golde und im Blute von Millionen wühlten, sie sind verschollen und können mit größter Mühe und von unseren besten Forschern kaum noch erraten werden. – –
Wie aber kam ich an den Tigris, und wie in das Dampfboot, welches uns bis unter die Stromschnellen von Chelab getragen hatte?
Ich war mit den Ateïbeh bis in die Wüste En Nahman gezogen, da ich es nicht wagen konnte, mich im Westen des Landes sehen zu lassen. Die Nähe von _Maskat_ verlockte mich, diese Stadt zu besuchen. Ich that es allein und ohne alle Begleitung, besah mir seine betürmten Mauern, seine befestigten Straßen, seine Moscheen und portugiesischen Kirchen, bewunderte auch die beludschistanische Leibgarde des Imam und setzte mich endlich in eines der offenen Kaffeehäuser, um mir eine Tasse Keschreh munden zu lassen. Dieser Trank wird aus den Schalen der Kaffeebohne gebraut und mit Zimt und Nelken gewürzt. Meine Beschaulichkeit wurde durch eine Gestalt gestört, welche den Eingang verdunkelte. Ich blickte auf und sah eine Figur, welche einer längeren Betrachtung vollständig würdig war:
Ein hoher, grauer Cylinderhut saß auf einem dünnen, langen Kopfe, der in Bezug auf Haarwuchs eine völlige Wüste war. Ein unendlich breiter, dünnlippiger Mund legte sich einer Nase in den Weg, die zwar scharf und lang genug war, aber dennoch die Absicht verriet, sich bis hinab zum Kinne zu verlängern. Der bloße, dürre Hals ragte aus einem sehr breiten, umgelegten, tadellos geplätteten Hemdkragen; dann folgte ein graukarrierter Schlips, eine graukarrierte Weste, ein graukarrierter Rock und graukarrierte Beinkleider, eben solche Gamaschen und staubgraue Stiefel. In der Rechten trug der graukarrierte Mann ein Instrument, welches einer Verwalterhacke sehr ähnlich war, und in der Linken eine doppelläufige Pistole. Aus der äußeren Brusttasche guckte ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt neugierig hervor.
»Wermyn kahwe!« schnarrte er mit einer Stimme, welche dem Tone einer Sperlingsklapper glich.
Er setzte sich auf ein Senïeh, welches eigentlich als Tisch dienen sollte, von ihm aber als Sessel gebraucht wurde. Er erhielt den Kaffee, senkte die Nase auf den Trank, schnüffelte den Duft ein, schüttete den Inhalt auf die Straße hinaus und stellte die Tasse auf den Boden.
»Wermyn tütün, gebt Tabak!« befahl er jetzt.
Er erhielt eine bereits angebrannte Pfeife, that einen Zug, blies den Rauch durch die Nase, spuckte aus und warf die Pfeife neben die Tasse.
»Wermyn« – – er sann nach, aber das türkische Wort wollte nicht kommen, und Arabisch verstand er vielleicht gar nicht. Daher schnarrte er kurzweg: »Wermyn Roastbeef!«
Der Kawehdschi verstand ihn nicht.
»Roastbeef!« wiederholte er, indem er mit dem Munde und allen zehn Fingern die Pantomime des Essens machte.
»Kebab!« bedeutete ich dem Wirt, welcher sogleich hinter der Thüre verschwand, um die Speise zu bereiten. Sie besteht aus kleinen, viereckigen Fleischstücken, welche an einem Spieße über dem Feuer gebraten werden.
Jetzt schenkte der Engländer auch mir seine Aufmerksamkeit.
»Araber?« fragte er.
»#No.#«
»Türke?«
»#No.#«
Jetzt zog er die dünnen Augenbrauen erwartungsvoll in die Höhe.
»Englishman?«
»Nein. Ich bin ein Deutscher.«
»Ein Deutscher? Was hier machen?«
»Kaffee trinken!«
»#Very well!# Was sein?«
»Ich bin #writer#!«[135]
[135] Schreiber, Schriftsteller.
»Ah! Was hier wollen in Maskat?«
»Ansehen.«
»Und dann weiter?«
»Weiß noch nicht.«
»Haben Geld?«
»Ja.«
»Wie heißen?«
Ich nannte meinen Namen. Sein Mund öffnete sich auf die Weise, daß die dünnen Lippen ganz genau ein gleichseitiges Viereck bildeten, welches die breiten, langen Zähne des Mannes sehen ließ; die Brauen stiegen noch höher empor als vorher, und die Nase wedelte mit der Spitze, als ob sie Kundschaft einziehen wolle, was das Loch unter ihr jetzt sagen werde. Dann griff er in den Rockschoß, zog ein Notizbuch hervor, blätterte darin und fuhr sodann in die Höhe, um den Hut abzunehmen und mir eine Verbeugung zu machen.
»#Welcome#, Sir; kenne Sie!«
»Ah, mich?«
»#Yes#, sehr!«
»Darf ich fragen, woher?«
»Bin Freund von Sir John Raffley, Mitglied vom Traveller-Klub, London, Near-Street 47.«
»Wirklich? Sie kennen Sir Raffley? Wo befindet er sich jetzt?«
»Auf Reisen – hier oder dort – weiß nicht. Sie waren mit ihm auf Ceylon?«
»Allerdings.«
»Elefanten gejagt?«
»Ja.«
»Dann in See auf Girl-Robber?«
»So ist es.«
»Haben Zeit?«
»Hm! Warum stellen Sie diese Frage?«
»Habe gelesen von Babylon – Niniveh – Ausgrabung – Teufelsanbeter. Will hin – auch ausgraben – Fowling-bull holen – britisches Museum schenken. Kann nicht Arabisch – will gern Jäger haben. Machen Sie mit – bezahle gut, sehr gut!«
»Darf ich um Ihren Namen bitten?«
»Lindsay, David Lindsay – Titel nicht, brauche nicht – Sir Lindsay sagen.«
»Sie beabsichtigen wirklich, nach dem Euphrat und Tigris zu gehen?«
»#Yes.# Habe Dampfboot – fahre hinauf – steige aus – Dampfboot wartet, oder zurück nach Bagdad – kaufe Pferd und Kamel – reisen, jagen, ausgraben, britisches Museum schenken, Traveller-Klub erzählen. Sie mitgehen?«
»Ich bin am liebsten selbständig.«
»Natürlich! Können mich verlassen, wann wollen – werde gut bezahlen, sehr fein bezahlen – nur mitgehen.«
»Wer ist noch dabei?«
»So viel, wie Sie wollen – aber lieber ich, Sie, zwei Diener.«
»Wann fahren Sie ab?«
»Übermorgen – morgen – heut – gleich!«
Das war ein Anerbieten, wie es mir nicht gelegener kommen konnte. Ich bedachte mich nicht lange und schlug ein. Natürlich aber stellte ich die Bedingung, daß es mir zu jeder Zeit frei stände, meine eigenen Wege zu gehen. Er führte mich an den Hafen, wo ein allerliebster kleiner Puffer lag, und ich merkte bereits nach Verlauf von einer halben Stunde, daß ich mir keinen besseren Gefährten wünschen konnte. Er wollte Löwen und alle möglichen Bestien schießen, die Teufelsanbeter besuchen und mit aller Gewalt einen Fowling-bull, wie er es nannte, einen geflügelten Stier, ausgraben, um ihn dem britischen Museum zum Geschenk zu machen. Diese Pläne waren abenteuerlich, hatten aber eben deshalb meine volle Zustimmung. Ich war auf meinen Wanderungen noch viel seltsameren Käuzen begegnet, als er war.
Leider ließ er mich gar nicht wieder zu den Ateïbeh zurück. Ein Bote mußte meine Sachen holen und Halef benachrichtigen, wohin ich reisen werde. Als er zurückkehrte, erzählte er mir, daß Halef mit noch einem Ateïbeh zu Lande zu den Abu Salman- und Schammar-Arabern reisen werde, um mit ihnen über die Einverleibung der Ateïbeh zu verhandeln. Er werde mein Hedjihn mitbringen und mich schon zu finden wissen.
Diese Nachricht war mir lieb. Daß Halef zu dieser Botschaft ausersehen war, bewies mir abermals, daß er der Liebling seines Schwiegervaters geworden sei. Wir fuhren im persischen Busen hinauf, sahen uns Basra und Bagdad an und gelangten nachher, auf dem Tigris aufwärts dampfend, an die Stelle, an welcher wir heute anlegten. – –
Oberhalb unserer Landestelle mündete der Zab-asfal in den Tigris, und die Ufer hüben und drüben waren mit einem dichten Bambusdschungel bestanden. Wie schon vorhin gesagt, brach die Nacht herein; trotzdem aber bestand Lindsay darauf, an das Land zu gehen und die Zelte aufzuschlagen. Ich hatte keine rechte Lust dazu, konnte ihn aber nicht gut allein lassen und folgte ihm also. Die Bemannung des Dampfbootes bestand aus vier Leuten; es sollte mit Tagesanbruch bereits nach Bagdad zurückkehren, und so faßte der Engländer gegen meinen Rat den Entschluß, alles, auch die vier Pferde, welche er in Bagdad gekauft hatte, noch auszuladen.
»Es wäre besser, wenn wir dies unterließen, Sir,« warnte ich ihn.
»Warum?«
»Weil wir es morgen bei Tageslicht thun könnten.«
»Geht auch am Abend – bezahle gut!«
»Wir und die Pferde sind auf dem Fahrzeuge sicherer als auf dem Lande.«
»Giebt es hier Diebe – Räuber – Mörder?«
»Den Arabern ist niemals zu trauen. Wir sind noch nicht eingerichtet!«
»Werden ihnen nicht trauen, uns aber doch einrichten – haben Büchsen; jeder Spitzbube wird niedergeschossen!«
Er ging nicht von seinem Vorsatze ab. Erst nach zwei Stunden waren wir mit der Arbeit fertig; die zwei Zelte waren aufgerichtet, und zwischen ihnen und dem Ufer wurden die Pferde angehängt. Nach dem Abendbrote gingen wir schlafen. Ich hatte die erste, die beiden Diener die zweite und dritte und Lindsay selbst die vierte Wache. Die Nacht war wunderschön. Vor uns rauschten die Fluten des breiten Stromes hinab, und hinter uns erhoben sich die Höhen des Dschebel Dschehennem. Die Helle des Firmaments erleuchtete alles zur Genüge, aber das Land selbst, auf dem ich stand, war noch ein Rätsel. Seine Vergangenheit glich den Fluten des Tigris, die dort unten verschwanden im Schatten des Dschungel. An Assyrien, Babylonien und Chaldäa knüpfen sich die Erinnerungen an große Nationen und riesige Städte, aber diese Erinnerungen gleichen dem Rückblick auf einen Traum, dessen Einzelheiten man vergessen hat.
Als meine Wachtzeit vorüber war, weckte ich den Diener und instruierte ihn gehörig. Er hieß Bill, war ein Irländer und machte den Eindruck, als sei die Kraft seiner Muskeln dreißigmal stärker als diejenige seines Geistes. Er grinste sehr verschmitzt zu meinen Anweisungen und begann dann auf und ab zu patrouillieren. Ich schlief ein.
Als ich erwachte, geschah es nicht freiwillig, sondern ich wurde am Arme gerüttelt. Lindsay stand vor mir in seinem graukarrierten Anzuge, den er selbst in der Wüste nicht abzulegen beschlossen hatte.
»Sir, wacht auf!«
Ich sprang auf die Füße und fragte:
»Ist etwas geschehen?«
»Hm – ja!«
»Was?«
»Unangenehm!«
»Was!«
»Pferde fort!«
»Die Pferde? Haben sie sich losgerissen?«
»Weiß nicht.«
»Waren sie noch da, als Sie die Wache übernahmen?«
»#Yes!#«
»Aber Sie haben doch gewacht!«
»#Yes!#«
»Wo denn?«
»Dort.«
Er deutete auf einen isolierten Hügel, welcher ziemlich entfernt von unsern Zelten lag.
»Dort; warum dort?«
»Ist wohl ein Ruinenhügel – hingegangen wegen Fowling-bull.«
»Und als Sie jetzt zurückkehrten, waren die Pferde fort?«
»#Yes!#«
Ich trat hinaus und untersuchte die Pfähle. Die Enden der Leinen hingen noch daran; die Tiere waren losgeschnitten worden.
»Sie haben sich nicht losgerissen, sondern sind geraubt worden!«
Er formierte das bekannte Lippenparallelogramm und lachte vergnügt.
»#Yes!# Von wem?«
»Von Dieben!«
Er machte ein noch vergnügteres Gesicht.
»#Very well#, von Dieben – wo sind sie – wie heißen sie?«
»Weiß ich es?«
»#No# – ich auch #no# – schön, sehr schön! – Abenteuer da!«
»Es ist keine Stunde vergangen, seit der Diebstahl geschah. Warten wir nur noch fünf Minuten, so ist es hell genug, um die Spuren zu erkennen.«
»Schön – ausgezeichnet! Sind Prairiejäger gewesen – Spuren finden – nachlaufen – totschießen – kapitales Vergnügen – bezahle gut, sehr gut!«
Er trat in sein Zelt, um die Vorbereitungen zu treffen, welche er für notwendig hielt. Ich erkannte nach kurzer Zeit im Scheine der Dämmerung die Spuren von sechs Männern und teilte ihm diese Entdeckung mit.
»Sechs? Wie viel wir?«
»Nur zwei. Zwei müssen bei den Zelten zurückbleiben, und das Boot bleibt auch liegen, bis wir zurückkehren.«
»#Yes!# Das befehlen und dann fort!«
»Sind Sie ein guter Läufer, oder soll ich Bill mitnehmen?«
»Bill? Pah! Weshalb gehe an Tigris! Abenteuer! Laufe gut – laufe wie Hirsch!«
Nachdem die nötigen Verhaltungsmaßregeln erteilt worden waren, warf er die rätselhafte Hacke nebst der Büchse über die Achsel und folgte mir. Es galt, die Diebe einzuholen, ehe sie zu einer größeren Truppe stießen, und daher schritt ich so schnell aus, als mir möglich war. Die langen karrierten Beine meines Gefährten hielten sich ganz wacker; es war eine Lust, so mit ihm zu laufen.
Wir befanden uns in der Zeit des Frühjahrs; der Boden glich daher nicht einer Wüste, sondern einer Wiese, nur daß die Blumen förmlich büschel- oder vielmehr buschweise aus der Erde schossen. Wir waren noch nicht weit gekommen, so hatten unsere Hosen sich vom Blütenstaube gefärbt. Wegen dieser Höhe der Vegetation war die Spur sehr deutlich zu erkennen. Sie führte uns schließlich an ein Nebenflüßchen, welches von dem Dschebel Dschehennem herfloß und eine sehr aufgeregte Wassermasse zeigte. An seinem Ufer stieß die Spur an eine Stelle, die von Pferdehufen zertreten war, und eine neue Untersuchung ergab von hier aus zehn statt vier Hufspuren. Zwei von den sechs Dieben waren bis hierher gelaufen, statt geritten, und hier hatten sie alle ihre Pferde versteckt gehabt.
Lindsay machte eine sehr mißvergnügte Miene.
»Miserabel – tot ärgern!«
»Worüber?«
»Werden entkommen!«
»Weshalb?«
»Haben nun alle Pferde – wir laufen.«
»Pah! Ich holte sie dennoch ein, wenn Sie aushielten; aber dies ist gar nicht einmal nötig. Man darf nicht nur sehen, sondern man muß auch schließen.«
»Schließen Sie!«
»Sind diese Leute zufällig an unseren Lagerplatz gekommen?«
»Hm!«
»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es scheint mir, als ob sie zu Lande dem Schiffe gefolgt seien, welches alle Abende angelegt hat. Ist dies der Fall, so führt zwar ihre Spur nach Westen, aber nur deshalb, weil sie über diesen Fluß müssen und sich doch bei Hochwasser mit den fremden Pferden nicht hineingetrauen.«
»Also Umweg machen müssen?«
»Ja. Sie werden sich eine Furt oder irgend eine bessere Übergangsstelle suchen und dann wieder in die alte Richtung lenken.«
»Schön, gut – sehr gut!«
Er warf die Kleidung ab und trat an das Ufer.
»Ja, Sir, sind Sie denn ein guter Schwimmer?«
»#Yes!#«
»Es ist hier nicht so ganz gefahrlos, wenn man die Waffen und die Kleider trocken halten will. Machen Sie mit den Kleidern einen Turban über Ihren Hut!«
»Gut – sehr gut – werde machen!«
Auch ich wand mir aus meinen Kleidern einen hohlen Ballen, den ich mir auf den Kopf setzte; dann gingen wir in das Wasser. Dieser Engländer war wirklich ein ebenso gewandter Schwimmer, wie er ein ausdauernder Läufer war. Wir kamen ganz gut hinüber und zogen die Kleider wieder an.
Lindsay überließ sich ganz meiner Führung. Wir eilten noch ungefähr zwei englische Meilen nach Süd und schlugen dann nach West um, wo uns die Höhen eine weite Aussicht gewährten. Wir stiegen einen Berg empor und sahen uns um. So weit das Auge reichte, zeigte sich kein lebendes Wesen.
»#Nothing!# – Nichts – keine Seele – – miserabel!«
»Hm, auch ich sehe nichts!«
»Wenn Sie geirrt – oho, was dann?«
»Dann haben wir noch immer Zeit, sie dort am Flüßchen zu verfolgen. Mir hat noch keiner ungestraft ein Pferd gestohlen; ich werde auch hier nicht eher zurückkehren, bis ich die vier Tiere wieder habe.«
»Ich auch.«
»Nein. Sie müssen bei Ihrem Eigentume sein.«
»Eigentum? Pah! Wenn fort, dann neues kaufen – Abenteuer gern bezahlen – sehr gut.«
»Halt! Bewegt sich da draußen nicht etwas?«
»Wo?«
»Dort!«
Ich deutete mit der Hand die Richtung an. Er riß die Augen und den Mund weit auf und spreizte die Beine auseinander. Seine Nasenflügel öffneten sich – es sah aus, als ob sein Riechorgan auch mit der Eigenschaft, zu sehen, oder wenigstens mit einem optischen Witterungs- und Ahnungsvermögen begabt sei.
»Richtig – sehe auch!«
»Es kommt auf uns zu.«
»#Yes!# Wenn sind, dann schieß’ alle tot!«
»Sir, es sind Menschen!«
»Diebe! Müssen tot – unbedingt tot!«
»Dann thut es mir leid, Sie verlassen zu müssen.«
»Verlassen? Warum?«
»Ich wehre mich meiner Haut, wenn ich angegriffen werde, aber ich morde keinen Menschen ohne Not. Ich denke, Sie sind ein Engländer!«
»#Well!# Englishman – Nobelman – Gentleman – werde nicht töten – nur Pferde nehmen!«
»Es scheint wahrhaftig, daß sie es sind!«
»#Yes!# Zehn Punkte – stimmt!«
»Vier sind ledig und sechs beritten.«
»Hm! Guter Prairiejäger Sie – recht gehabt – Sir John Raffley viel erzählt – bei mir bleiben – gut bezahlen, sehr gut!«
»Schießen Sie sicher?«
»Hm, ziemlich!«
»So kommen Sie. Wir müssen uns zurückziehen, damit sie uns nicht bemerken. Unser Operationsfeld liegt unten zwischen dem Berge und dem Flusse. Gehen wir noch zehn Minuten weiter nach Süd, so tritt die Höhe so eng an das Wasser heran, daß ein Entkommen gar nicht möglich ist.«
Wir eilten jetzt im vollen Laufe wieder hinab und erreichten bald die Stelle, welche ich angedeutet hatte. Der Fluß war von Schilf und Bambus eingesäumt, und am Fuße des Berges fanden sich Mimosen und ein hohes Wermutgebüsch. Wir hatten Raum genug zum Versteck.
»Was nun?« fragte der Engländer.
»Sie verbergen sich hier im Schilfe und lassen die Leute vorüber. Am Ausgange dieser Enge trete ich hinter die Mimosen, und wenn wir die Diebe zwischen uns haben, treten wir beide vor. Ich schieße ganz allein, da ich mich vielleicht besser nach den Umständen zu richten verstehe, und Sie gebrauchen Ihr Gewehr nur auf mein ganz besonderes Geheiß, oder wenn Ihr Leben ernstlich in Gefahr kommt.«
»#Well# – gut, sehr gut – excellent Abenteuer!«
Er verschwand in dem Schilfe, und auch ich suchte mir meinen Platz. Bereits nach kurzer Zeit hörten wir Hufschlag. Sie kamen herbei – an Lindsay vorüber, ohne böse Ahnung, ohne sich umzusehen. Ich sah den Engländer jetzt aus dem Schilfe tauchen und trat vor. Sie hielten im Augenblicke ihre Pferde an. Die Büchse hing mir über die Schulter, und nur den Henrystutzen hielt ich in der Hand.
»Sallam aaleïkum!«
Der freundliche Gruß verblüffte sie.
»Aaleïk –« antwortete einer von ihnen. »Was thust du hier?«
»Ich warte auf meine Brüder, welche mir helfen sollen.«
»Welcher Hilfe bedarfst du?«
»Du siehst, daß ich ohne Pferd bin. Wie soll ich durch die Wüste kommen? Du hast vier Tiere übrig; willst du mir nicht eines davon verkaufen?«
»Wir verkaufen keines dieser Pferde!«
»Ich höre, daß du ein Liebling Allahs bist. Du willst nur deshalb das Pferd nicht verkaufen, weil dein gutes Herz dir gebietet, es mir zu schenken.«
»Allah heile dir deinen Verstand! Ich werde auch kein Pferd verschenken.«
»O, du Muster von Barmherzigkeit, du wirst einst die Wonnen des Paradieses vierfach kosten; denn du willst mir nicht bloß ein Pferd, sondern vier verehren, weil ich so viele brauche!«
»Allah kerihm – Gott sei uns gnädig! Dieser Mensch ist deli, ist gewiß und wahrhaftig verrückt.«
»Bedenke, mein Bruder, daß die Verrückten nehmen, was man ihnen nicht freiwillig giebt! Blicke dich um! Vielleicht giebst du jenem dort das, was du mir verweigerst.«
Erst jetzt, beim Anblick des Engländers, wurde ihnen die Situation vollständig klar. Sie legten die Lanzen zum Stoße ein.
»Was wollt ihr?« fragte mich der Sprecher.
»Unsere Pferde, welche ihr uns beim Anbruch des Tages gestohlen habt.«
»Mensch, du bist wahrhaftig toll! Wenn wir dir Pferde genommen hätten, so hättest du uns mit den Füßen nicht erreichen können!«