Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I

Chapter 19

Chapter 193,872 wordsPublic domain

»Allah segne deine Söhne und die Söhne deiner Söhne, denn deine Preise sind billig. Hier hast du zwei Piaster, und hier nehme ich die Kuleh.«

Ich steckte die Flasche zu mir und trat zwischen den Säulen hindurch. Ich befand mich in der Nähe der Kanzel und zog meine Schuhe aus. Nun betrachtete ich mir das Innere des heiligen Hauses. Ziemlich in der Mitte stand die Kaaba. Da sie mit dem Kisua[133] vollständig bekleidet war, bot sie einen fremdartigen Anblick dar. Zu ihr führen sieben gepflasterte Wege, zwischen denen ebenso viele Grasplätze liegen. Neben der Kaaba bemerkte ich den heiligen Brunnen Zem-Zem, vor welchem mehrere Beamte an Pilger Wasser verteilten. Das ganze Heiligtum machte auf mich durchaus keinen heiligen Eindruck. Koffer- und Sänftenträger rannten mit ihren Lasten hin und her; öffentliche Schreiber saßen unter den Kolonnaden; ja sogar Obst- und Backwarenhändler waren zu sehen. Bei einem zufälligen Blick durch die Säulenreihen bemerkte ich ein Reitkamel, welches eben draußen niederkniete, um seinen Herrn absteigen zu lassen. Es war ein Tier von wundervoller Schönheit. Sein Besitzer kehrte mir den Rücken zu und winkte einen Diener der Moschee herbei, um bei dem Dschemmel zu bleiben. Dies bemerkte ich nur so im Vorübergehen, als ich zum Brunnen schritt. Ich wollte mir zunächst meine Flasche füllen lassen, mußte aber einige Zeit warten, bis die Reihe an mich kam. Ich gab dann ein kleines Geschenk, verschloß das Gefäß und steckte es zu mir. Jetzt drehte ich mich um und – stand keine zehn Schritt von Abu-Seïf.

[133] Schwarzseidener Stoff.

Ein gewaltiger Schreck fuhr mir in die Glieder, doch lähmte er mir dieselben glücklicherweise nicht. In solchen Augenblicken denkt und beschließt der Mensch zehnfach schnell. Ohne auffällig zu fliehen, strebte ich mit meinen längsten Schritten den Säulen zu, außerhalb deren das Kamel des Abu-Seïf lag. Dieses Tier allein konnte mich retten. Es war eines jener fahlen Hedjihn, wie man sie am Dschammargebirge findet.

Meine Schuhe waren verloren; ich hatte keine Zeit, sie zu holen, denn schon hörte ich hinter mir den Ruf:

»Ein Giaur, ein Giaur! Fangt ihn, ihr Hüter des Heiligtumes!«

Die Wirkung, welche dieser Ruf hervorbrachte, war eine großartige. Ich hatte keine Zeit, mich umzusehen, aber ich hörte hinter mir das Getöse eines Wasserfalles, das Geheul eines Orkanes, das Stampfen und Trampeln einer nach Tausenden zählenden Büffelherde. Jetzt war es aus mit meinen gleichmäßigen Schritten. Ich schnellte vollends über den Platz hinüber, sprang zwischen den Säulen hindurch, die drei Stufen empor und stand vor dem Kamele, dessen Beine nicht gefesselt waren. Ein Fausthieb warf den Diener weit zur Seite, und im nächsten Augenblick saß ich im Sattel, den Revolver in der Hand. Aber – wird das Tier gehorchen?«

»E – o – ah! – E – o – ah!«

Gott sei Dank! Bei dem bekannten Ruf erhob sich das Hedjihn in zwei Rucken, und windschnell ging’s nun dahin. Schüsse krachten hinter mir – nur vorwärts, vorwärts!

Wäre das Kamel eines jener halsstarrigen Tiere gewesen, welche man so oft findet, so war ich unbedingt verloren.

In weniger als drei Minuten befand ich mich außerhalb der Stadt, und erst dann wagte ich es, mich umzusehen, als ich beinahe die halbe Höhe des Berges hinter mir hatte. Da unten wimmelte es von Reitern, welche mich verfolgten. Die Muselmänner waren nämlich sofort in die nächsten Serais und Khans geeilt und hatten die dort vorhandenen Tiere bestiegen.

Wohin sollte ich mich wenden? Zur Tochter des Scheik, die dadurch verraten wurde? Und doch mußte ich sie warnen! Ich feuerte mein Tier durch unaufhörliche Zurufe an; seine Schnelligkeit war unvergleichlich. Oben auf der Höhe blickte ich noch einmal zurück und bemerkte, daß ich mich in Sicherheit befand. Ein einziger Reiter war mir verhältnismäßig nahe gekommen. Es war Abu-Seïf. Zufällig hatte er ein Pferd ergriffen, welches eine außerordentliche Schnelligkeit entwickelte.

Ich flog drüben den Abhang hinab. Die Tochter Maleks erspähte mich. Daß ich auf einem Kamele saß und in solcher Eile herbeigestürmt kam, dies ließ sie die Sachlage erraten. Sie schwang sich sofort auf ihr Kamel und nahm dasjenige, auf welchem ich vorher gesessen hatte, beim Halfter.

»Wer hat dich entdeckt?« rief sie mich in Hörweite an.

»Abu-Seïf.«

»Allah akbar! Verfolgt dich der Schurke?«

»Er ist mir ziemlich nahe.«

»Und viele andere?«

»Sie kommen zu spät.«

»So bleibe mir fern und fliehe immer gerade aus über Berg und Thal.«

»Warum?«

»Du sollst es sehen.«

»Ich muß erst zu dir. Gieb mir meine Waffen!«

Im Vorüberreiten wechselten wir die Gewehre; dann versteckte sich die Wüstentochter hinter einem Felsenvorsprung, ohne mir zu folgen. Jetzt erriet ich ihr Vorhaben: sie wollte Abu-Seïf zwischen sich und mich bringen. Er erschien nach einigen Augenblicken oben auf der Höhe. Ich ließ mein Tier mit Absicht etwas langsamer gehen und bemerkte, daß er nun seinen Eifer verdoppelte. Während ich die nächste Bergeslehne erklimmte, galoppierte er drüben herab und quer über die Senkung herüber, ohne aus den Spuren zu bemerken, daß ich nicht allein da gewesen war. Als ich den Gipfel erreichte, sah ich auf der Höhe hinter mir bereits noch einige Verfolger, und tief unten hatte sich meine Gefährtin nun auch in Bewegung gesetzt. Ihr Vorhaben war ihr gelungen: Abu-Seïf befand sich zwischen uns; und da sie das zweite Kamel nicht mehr am Halfter führte, sondern frei nachlaufen ließ, so mußte er sie, wenn er sich umsah, für einen meiner Verfolger halten.

Für meine Person hatte ich nichts mehr zu befürchten, und da die andern Verfolger immer weiter zurückblieben, so war nur noch darauf zu achten, daß Abu-Seïf uns nicht entwischte. Ich suchte daher aus dem hügeligen Terrain heraus und in die Ebene zu kommen, doch in der Richtung, welche dem Lager der Ateïbeh entgegengesetzt war. Und zu gleicher Zeit zügelte ich mein Dschemmel immer mehr.

So dauerte der Ritt wohl gegen drei Viertelstunden, bis ich endlich die offene Wüste erreichte. Ich strebte in dieselbe hinein und richtete es so ein, daß sich Abu-Seïf immer außer Schußweite hinter mir befand. Jetzt erreichte auch die Tochter des Scheik den Fuß der Hügelkette, aber zu gleicher Zeit sah ich auf dem Kamme der letzten Höhe noch einen Verfolger erscheinen, der ein ausgezeichnetes Kamel reiten mußte; denn er kam uns anderen immer näher. Sein Tier war dem Pferde des Abu-Seïf weit überlegen.

Ich begann bereits Befürchtungen zu hegen, zwar nicht für mich, sondern in Beziehung auf meine Gefährtin; da sah ich zu meinem Erstaunen, daß dieser Reiter seitwärts abbog, als wolle er uns in einem Bogen überholen. Ich hielt mein Tier an und blickte schärfer zurück. War es möglich? Dort der kleine Kerl auf dem fliegenden Hedjihn sah genau so aus, wie mein Halef. Wie kam er zu einem solchen Tiere, und wie kam er hinter uns? Ich hielt mein Kamel an, um ihn noch einmal, und zwar genau ins Auge zu fassen. Ja, es war Halef und kein anderer. Er wollte sich mir zu erkennen geben und schlug mit den Armen in der Luft herum, als ob er Schwalben fangen wolle.

Nun blieb ich ruhig sitzen und nahm die Büchse zur Hand. Der Verfolger war im Bereich meiner Stimme.

»Rrrrreee, du Vater des Säbels! Bleib fern, sonst sende ich dir eine Kugel!«

»Fern bleiben, du Hund?« schrie er. »Ich werde dich lebendig fangen und nach Mekka bringen, du Schänder des Heiligtumes!«

Ich konnte nichts anderes thun: ich zielte und feuerte. Um ihn zu schonen, hatte ich auf die Brust seines Pferdes gehalten. Es überschlug sich und begrub ihn unter sich; es wälzte sich einigemal über ihm und dann war es tot. Ich erwartete, daß er sich schleunigst hervorarbeiten werde; es geschah nicht. Entweder hatte er sich verletzt, oder er that nur so, um mich in seine Nähe zu locken. Ich ritt sehr vorsichtig auf ihn zu und kam zu gleicher Zeit mit der Ateïbeh bei ihm an. Er lag mit geschlossenen Augen im Sande und rührte sich nicht.

»Effendi, deine Kugel ist der meinigen zuvorgekommen!« klagte das Weib.

»Ich habe nur auf sein Pferd und nicht auf ihn geschossen. Doch kann er das Genick oder etwas anderes gebrochen haben. Ich werde nachsehen.«

Ich stieg ab und untersuchte ihn. Wenn er sich nicht innerlich verletzt hatte, so war er wohl erhalten und nur betäubt. Die Ateïbeh zog ihren Handschar.

»Was willst du thun?«

»Mir seinen Kopf nehmen.«

»Das thust du nicht, denn auch ich habe ein Recht auf ihn.«

»Mein Recht ist älter!«

»Aber das meinige ist größer: ich habe ihn gefällt.«

»Das ist nach den Sitten dieses Landes richtig. Tötest du ihn?«

»Was thust du, wenn ich ihn nicht töte, sondern frei gebe oder einfach hier liegen lasse?«

»So giebst du dein Recht auf, und ich mache das meinige geltend.«

»Ich gebe es nicht auf.«

»So nehmen wir ihn mit, und es wird sich entscheiden, was mit ihm geschieht.«

Jetzt kam auch Halef herbei.

»Maschallah, Wunder Gottes! Sihdi, was hast du gethan?«

»Wie kommst du an diesen Ort?«

»Ich bin dir nachgeeilt!«

»Das sehe ich allerdings. Erkläre dich ausführlicher!«

»Sihdi, du weißt, daß ich sehr viel Geld habe. Was soll ich es in meiner Tasche tragen? Ich wollte mir ein Dschemmel dafür kaufen und ging zu einem Händler, der am südlichen Ende der Stadt wohnt. Hanneh war bei mir. Während ich mir seine Tiere besah, unter denen dieses hier das beste und so teuer war, daß es nur ein Pascha oder Emir bezahlen konnte, erhob sich draußen ein großer Lärm. Ich eilte mit dem Händler hinaus und hörte, daß ein Giaur das Heiligtum geschändet habe und geflohen sei. Ich dachte sogleich an dich, Sihdi, und sah dich auch einen Augenblick später nach der Höhe eilen. Alles drängte nach dem Hof, um Tiere zu deiner Verfolgung zu holen. Ich that dasselbe und ergriff dieses Hedjihn. Nachdem ich zuvor Hanneh befohlen hatte, in das Lager zu eilen und dem Scheik den Vorfall zu erzählen, gab ich dem Händler, der mir das Tier nicht borgen wollte, einen Klapps und ritt dir nach, um dich zu fangen. Die anderen blieben alle zurück; nun habe ich dich und auch das Dschemmel.«

»Es ist nicht dein.«

»Darüber reden wir später, Sihdi. Die Verfolger sind noch immer hinter uns; wir können nicht hier bleiben. Was thun wir mit diesem Vater des Säbels und des Betruges?«

»Wir binden ihn auf dieses ledige Kamel und nehmen ihn mit. Er wird wohl wieder zu sich kommen.«

»Und wohin fliehen wir?«

»Ich weiß den Ort,« antwortete die Ateïbeh. »Auch du kennst ihn, Halef; denn mein Vater, der Scheik, hat ihn dir gesagt für den Fall, daß du uns nicht mehr im Lager angetroffen hättest.«

»Du meinst die Höhle Atafrah?«

»Ja. Hanneh hätte dich hingeführt. Diese Höhle ist nur den Anführern der Ateïbeh bekannt, und diese sind jetzt nicht dort zugegen. Kommt, helft mir den Gefangenen binden.«

Sechs Händen war es nicht schwer, ihn auf das Kamel zu befestigen, welches mich vom Lager aus bis in die Nähe der Stadt getragen hatte. Alles, was Abu-Seïf bei sich trug, nahm die Tochter Maleks zu sich; dann stiegen wir wieder auf und eilten dem Südosten zu.

So war ich denn glücklich entkommen. Ich dachte jetzt nicht, daß ich Mekka noch einmal sehen würde, und verspare daher die Beschreibung der Stadt und ihrer Sehenswürdigkeiten bis später.

Unterwegs hatte ich von den Vorwürfen Halefs zu leiden.

»Sihdi,« meinte er, »habe ich dir nicht gesagt, daß kein Ungläubiger die heilige Stadt besuchen darf? Du hättest beinahe das Leben verloren!«

»Warum schlugst du mir meine Bitte ab, als ich Wasser verlangte?«

»Weil ich sie nicht erfüllen durfte.«

»Nun habe ich mir das Wasser selbst geholt!«

»Du warst beim heiligen Brunnen?«

»Sieh her! Das ist das echte Wasser vom Zem-Zem!«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig, Sihdi! Er hat dich zu einem wahren Gläubigen und sogar zu einem Hadschi gemacht. Ein Giaur darf nicht in die Stadt; aber wer vom Wasser des Zem-Zem hat, der ist ein Hadschi und folglich auch ein echter Moslem. Habe ich dir nicht stets gesagt, daß du dich noch bekehren würdest, du magst wollen oder nicht?«

Das war eine ebenso drollige wie auch kühne Auffassung der Sachlage; aber sie hatte die Absicht und auch den Erfolg, das muselmännische Gewissen meines guten Halef zu beschwichtigen, und so fiel es mir nicht ein, seine Anschauung zu widerlegen.

Die Landschaft um Mekka ist außerordentlich wasserarm, und wo sich ein Brunnen befindet, ist er sicherlich der Mittelpunkt eines Dorfes oder wenigstens eines zeitweiligen Lagers. Diese Orte mußten wir meiden, und so kam es, daß wir trotz der Hitze des Tages keinen Halt machten, bis wir eine Gegend erreichten, welche sehr reich an zerklüfteten Felsen war. Wir folgten der Ateïbeh über Schutt und Geröll und zwischen mächtigen Steinblöcken hindurch, bis wir an einen Felsenspalt gelangten, der unten die ungefähre Breite eines Kameles hatte.

»Dies ist die Höhle,« sagte unsere Führerin. »Auch die Tiere können hinein, wenn wir ihnen die Sattelkissen abnehmen.«

»Wir bleiben hier?« fragte ich.

»Ja, bis der Scheik kommt.«

»Wird er kommen?«

»Er wird sicher kommen, weil Hanneh ihn benachrichtigt hat. Wenn jemand von den Ateïbeh nicht zum Lager kommt, so ist er hier in dieser Höhle zu suchen. Steigt ab und folget mir!«

Abu-Seïf war wieder zu sich gekommen, aber er hatte während des ganzen Rittes keinen Laut von sich gegeben und stets die Augen geschlossen gehalten. Er wurde zuerst in die Höhle gebracht. Wenn man dem Spalte folgte, so wurde er immer breiter und bildete schließlich einen Raum, der groß genug für vierzig bis fünfzig Männer und Tiere war. Sein großer Vorzug bestand in dem Wasser, welches sich ganz im Hintergrunde angesammelt hatte. Nachdem wir den Gefangenen und die Kamele in Sicherheit gebracht hatten, suchten wir draußen nach dem großbüscheligen Rattamgras, welches die sehr willkommene Eigenschaft besitzt, daß es im grünen Zustande ebensogut brennt wie im getrockneten. Das war für die Nacht, denn am Tage konnte es uns nicht einfallen, ein Feuer anzuzünden, dessen Rauch unsern Zufluchtsort sehr leicht hätte verraten können.

Übrigens aber brauchten wir keine große Sorge zu haben, entdeckt zu werden. Unser Weg hatte uns meist über einen so steinigen Boden geführt, daß unsere Spuren sicher nicht verfolgt werden konnten.

Eine eigentümliche Entdeckung machte ich, als ich die Satteltasche meines Kameles untersuchte: sie enthielt Geld, und zwar eine nicht unbedeutende Summe.

Unsere Tiere waren ermüdet, und wir ebenso; die Fesseln des Gefangenen waren fest, und so konnten wir schlafen. Natürlich aber teilte ich mich mit Halef in die Wache. So vergingen die letzten Tagesstunden, und die Nacht brach herein. Beim Morgengrauen hatte ich die Wache. Durch ein sich nahendes Geräusch aufmerksam gemacht, lugte ich zum Spalt hinaus und sah einen Mann, der sich vorsichtig herbeischlich. Ich erkannte in ihm einen der Ateïbeh und trat hinaus.

»Allah sei Dank, daß ich dich sehe, Effendi!« begrüßte er mich. »Der Scheik hat mich vorausgesandt, um zu erforschen, ob ihr hier zu finden seid. Nun brauche ich nicht zurückzukehren, denn dies ist das Zeichen, daß ich euch hier angetroffen habe.«

»Wen vermutest du außer mir noch hier?«

»Deinen Diener Halef, die Bint el Ateïbeh und vielleicht gar noch Abu-Seïf, den Gefangenen.«

»Wie kannst du diese alle hier erwarten?«

»Effendi, das ist nicht schwer zu erraten. Hanneh kam mit den beiden Kamelen allein ins Lager und erzählte, daß du in Mekka gewesen und geflohen bist. Die Bint el Malek war mit dir geritten und hat dich sicher nicht verlassen, obgleich du eine große Sünde begangen hast. Halef kam dir nach, und hinter den Bergen fanden die Verfolger das erschossene Pferd des Dscheheïne, ihn selbst aber nicht. Ihr hattet ihn also bei euch. Freilich konnten nur wir dies erraten, die anderen aber nicht.«

»Wann kommt der Scheik?«

»Vielleicht noch vor einer Stunde.«

»So komm herein.«

Er würdigte den Gefangenen keines Blickes und legte sich sofort zum Schlafen nieder. In der angegebenen Zeit langte die kleine Karawane vor der Höhle an. Man lud ab, und alles wurde hereingeschafft. Ich hatte erwartet, von dem Scheik Vorwürfe zu erhalten. Aber seine erste Frage war:

»Hast du den Dscheheïne gefangen?«

»Ja.«

»Er ist hier?«

»Unverletzt und gesund.«

»So werden wir über ihn richten!«

Bis man alles geordnet hatte, war es Mittag geworden. Nun sollte das Gericht beginnen. Vorher hatte ich aber mit Halef eine interessante Unterredung.

»Sihdi, erlaube mir eine Frage,« bat er.

»Sprich!«

»Nicht wahr, du weißt noch alles, was du über mich und Hanneh niedergeschrieben hast?«

»Alles.«

»Wann muß ich Hanneh wieder hergeben?«

»Sobald du die Wallfahrt beendet hast.«

»Aber ich habe sie noch nicht beendet!«

»Was fehlt noch?«

»Nichts, denn ich bin in Mekka mit allem fertig, da es sehr schnell gegangen ist. Aber ich möchte mein Weib behalten, und da ist es mir eingefallen, daß zu einer richtigen Hadsch auch ein Besuch in Medina gehört.«

»Das ist sehr richtig. Was sagt Hanneh dazu?«

»Sihdi, sie liebt mich. Glaube es – sie hat es mir selbst gesagt!«

»Und du liebst sie wieder?«

»Sehr! Steht nicht geschrieben, daß Allah dem Adam eine Rippe genommen und daraus die Eva geschaffen habe? Unter der Rippe liegt das Herz, und also wird das Herz des Mannes stets beim Weibe sein.«

»Aber was wird der Scheik sagen?«

»Das ist es ja, was mir Sorge macht, Sihdi!«

»Weitere Sorge hast du nicht?«

»Nein.«

»Und ich? Was werde ich dazu sagen?«

»Du? O, du wirst mir deine Einwilligung geben, denn ich werde dich dennoch nicht verlassen, so lange du mich bei dir haben willst.«

»Dein Weib könnte aber doch nicht mit umherziehen; bedenke das!«

»Das soll sie auch nicht. Ich werde sie bei ihrem Stamme lassen, bis ich zurückkehren kann.«

»Halef, das ist eine Aufopferung, welche ich nicht verlange. Aber da ihr euch einander so lieb habt, so mußt du eben dein möglichstes thun, sie behalten zu dürfen. Vielleicht läßt sich der Scheik erbitten, daß du sie nicht wieder abzutreten brauchst.«

»Sihdi, ich gebe sie nicht wieder her, und wenn ich fliehen müßte. O sie weiß, daß ich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah bin, und sie würde mit mir bis an das Ende der Welt gehen!«

Mit dieser selbstbewußten Versicherung schritt er stolz von dannen. Unterdessen hatte sich ein Kreis gebildet, in dessen Mitte Abu-Seïf getragen worden war. Ich ward aufgefordert, an der Verhandlung teil zu nehmen, und setzte mich neben dem Scheik Malek nieder.

»Effendi,« begann dieser, »ich habe gehört, daß du behauptest, Rechte an diesen Mann zu haben, und weiß, daß dies die Wahrheit ist. Willst du ihn uns abtreten oder willst du mit uns über sein Schicksal abstimmen?«

»Ich werde mit abstimmen, ich und Halef, denn auch er hat Rache an Abu-Seïf zu nehmen.«

»So nehmt dem Gefangenen die Fesseln ab!«

Er wurde losgebunden, blieb aber bewegungslos liegen, als ob er tot sei.

»Abu-Seïf, erhebe dich vor diesen Männern, um dich zu verantworten!«

Er blieb liegen, ohne nur die Augenlider aufzuschlagen.

»Er hat die Sprache verloren, ihr seht es, ihr Männer; warum sollen wir da mit ihm reden? Er weiß, was er gethan hat, und wir wissen es auch; was könnten uns da die Worte und die Fragen nützen? Ich sage, daß er sterben muß, um den Schakalen, Hyänen und Geiern zur Speise zu dienen. Wer meiner Rede beistimmt, der mag es erklären.«

Alle gaben ihre Zustimmung. Ich allein wollte mein Veto einlegen, wurde aber durch ein unvorhergesehenes Ereignis daran verhindert. Bei den letzten Worten des Scheik nämlich erhob sich plötzlich der Gefangene, schnellte zwischen zwei der Ateïbeh hindurch und sprang dem Ausgang zu. Ein lauter Schrei der Bestürzung erscholl, dann erhoben sich alle, um ihm nachzuspringen. Ich war der einzige, welcher zurückblieb. Er hatte große Schuld auf sich geladen und nach den Gesetzen der Wüste mehr als den Tod verdient; dennoch war es mir unmöglich gewesen, für diese Strafe zu stimmen. Vielleicht gelang es ihm, zu entkommen. War dies der Fall, so durften wir keine Stunde länger in der Höhle verweilen.

Ich blieb lange Zeit allein. Der erste, welcher zurückkehrte, war der alte Scheik. Er war hinter den jungen Männern zurückgeblieben.

»Warum bist du ihm nicht nach, Effendi?« fragte er mich.

»Weil deine tapfern Männer ihn fangen werden, ohne meiner Hilfe zu bedürfen. Werden sie ihn wieder bekommen?«

»Ich weiß es nicht. Er ist ein berühmter Läufer, und als wir vor die Höhle kamen, war er bereits verschwunden. Wenn wir ihn nicht wieder ereilen, so müssen wir fliehen, da er nun die Höhle kennt.«

Nach und nach kehrten mehrere Männer zurück. Sie hatten ihn nicht laufen sehen und auch seine Spur nicht bemerkt. Später kam Halef, zuletzt aber kehrte die Tochter des Scheik zurück, deren Nasenflügel vor Wut zitterten. Ein kurzer Meinungstausch ergab, daß ihn niemand gesehen hatte. Die Bestürzung und der Umstand, daß ihm durch den engen Gang nur stets einer folgen konnte, hatte ihm einen Vorsprung gewährt, und der Boden draußen war ja ganz geeignet, die Flucht zu erleichtern.

»Hört, ihr Männer,« sagte der Scheik, »er wird unsern Versteck verraten. Wollen wir sofort aufbrechen oder auf unseren Tieren noch einen Versuch machen, ihn zu erwischen? Wenn wir diese Gegend im Kreise umreiten, so ist es leicht möglich, daß wir ihn bemerken.«

»Wir fliehen nicht, sondern wir suchen ihn,« sagte seine Tochter.

Die anderen stimmten bei.

»Wohlan, so nehmt euere Kamele und folgt mir. Wer den Entflohenen bringt – tot oder lebendig – der wird eine große Belohnung bekommen.«

Da trat Halef vor und sprach: »Den Preis habe ich bereits verdient. Draußen liegt tot der Vater des Säbels.«

»Wo hast du ihn ereilt?« fragte der Scheik.

»Herr, du mußt wissen, daß mein Sihdi ein Meister ist im Kampfe und im Auffinden aller Arten des Makam[134]; er hat mich gelehrt, die Spuren im Sande, im Grase, auf der Erde und auf dem Felsen zu finden; er hat mir gezeigt, wie man nachdenken muß bei der Verfolgung eines Flüchtigen. Ich war der erste, der hinter Abu-Seïf die Höhle verließ; aber ich sah ihn bereits nicht mehr. Ich rannte erst nach links hinauf, dann nach rechts hinab, und da ich nichts von ihm bemerkte, so dachte ich, daß er so klug gewesen sei, sich gleich nach seinem Austritt aus der Höhle zu verstecken. Ich spähte hinter den Steinen und fand ihn auch. Es gab einen kurzen Kampf, dann drang ihm still mein Messer ins ruchlose Herz. Seinen Körper werde ich euch zeigen.«

[134] Fußspur.

Ich blieb wieder in der Höhle, die anderen aber folgten Halef, um den toten Abu-Seïf zu sehen.

Bald kehrten sie jubelnd zurück.

»Was verlangst du als Belohnung?« fragte nun der Scheik den tapfern kleinen Halef.

»Herr, ich komme aus einem fernen Lande, zu welchem ich wohl nicht wieder zurückkehren werde. Hältst du mich für würdig, so nimm mich unter die Deinen auf.«

»Ein Ateïbeh willst du werden? Was sagt dein Herr dazu?«

»Er ist damit einverstanden. Nicht wahr, Sihdi?«

»Ja,« nahm ich das Wort. »Ich vereinige meinen Wunsch mit dem seinigen.«

»Was mich betrifft, so würde ich auf der Stelle zustimmen,« erklärte der Scheik. »Aber ich muß erst diese Leute befragen, und die Adoption eines Fremden ist eine wichtige Sache, welche sehr viel Zeit erfordert. Hast du Verwandte hier in der Nähe?«

»Nein.«

»Hast du eine Blutrache auf dich geladen?«

»Nein.«

»Bist du ein Sunnit oder ein Schiit?«

»Ein Anhänger der Sunna.«

»Du hast wirklich noch kein Weib und keine Kinder gehabt?«

»Nein.«

»Wenn dieses ist, so können wir ja gleich zur Beratung schreiten.«

»So berate auch über ein anderes noch mit!«

»Worüber?«

»Sihdi, willst du nicht an meiner Stelle reden?«

Ich erhob mich vom Boden und nahm eine möglichst würdevolle Haltung an. Dann begann ich meine Rede: