Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I
Chapter 18
»Dafür gebe ich ihr eine Morgengabe von einer Stute, fünf Reitkamelen, zehn Lastkamelen und fünfzig Schafen. Eure Weisheit wird da einsehen, daß es ganz unnötig ist, bei so trefflichen Verhältnissen den Preis und die Morgengabe gegenseitig auszuwechseln. Nun aber verlange ich, daß er morgen früh beim Fagr[121] eine Wallfahrt nach Mekka antrete, bei welcher er sein Weib mitzunehmen hat. Sie verrichten dort die heiligen Gebräuche und kehren dann sofort zu uns zurück. Er hat sein Weib als Jungfrau zu behandeln und sie nach seiner Rückkehr wieder abzutreten. Für diesen Dienst erhält er ein Kamel und einen Sack voll Datteln. Hat er aber sein Weib nicht als eine Fremde betrachtet, so erhält er nichts und wird getötet. Ihr seid Zeugen, daß ich dieses bestimme.«
[121] Gebet beim Aufgange der Sonne.
Der Redeführer drehte sich zu Halef um:
»Du hast es gehört. Wie lautet deine Antwort?«
Es war dem Gefragten anzusehen, daß ihm ein gewisser Punkt nicht recht paßte, nämlich das Verlangen, sein Weib wieder herzugeben. Er war jedoch klug, sich in die gegenwärtigen Umstände zu schicken, und antwortete:
»Ich nehme diese Bedingungen an.«
»So mache die Schrift, Effendi,« bat der Scheik. »Mache sie zweimal, nämlich einmal für mich und das zweite Mal für ihn!«
Ich folgte dem Verlangen und las dann das Geschriebene vor. Es erhielt die Zustimmung des Scheiks, welcher auf jedes Exemplar Wachs tropfen ließ und den Knauf seines Dolches als Petschaft gebrauchte, nachdem er und Halef unterzeichnet hatten.
Damit waren die Formalitäten erfüllt, und die unerläßlichen Hochzeitsfestlichkeiten konnten beginnen. Sie waren, da es sich nur um eine Scheinverheiratung handelte, sehr bescheidener Art. Es wurde ein Hammel geschlachtet und ganz gebraten. Während er an einem Spieße über dem Feuer briet, hielt man ein Scheingefecht, bei welchem aber nicht geschossen wurde; ein Umstand, dessen Grund nicht schwer zu erraten war.
Als die Nacht hereinbrach, begann das Mahl. Nur die Männer aßen, und erst als wir satt waren, bekamen die Frauen die Überreste. Bei dieser Gelegenheit mußte auch Hanneh erscheinen. Dies benutzte Halef und erhob sich von seinem Platze, um ihr das beschriebene Geschenk zu überreichen. Die Scene aber, welche nun folgte, läßt sich nicht beschreiben. Der in dem Medaillon eingesperrte Teufel war ein Wunder, welches über alle ihre Begriffe ging. All mein Bemühen, ihnen die Mechanik zu erklären, half nichts. Sie glaubten mir nicht, und zwar ganz besonders deshalb, weil der Scheïtan doch lebendig war. Ich ward als der größte Held und Zauberer gepriesen; aber das Ende war, daß Hanneh das Geschenk nicht bekam. Der gefangene Scheïtan war ein Wunder von so unendlicher Wichtigkeit, daß nur der Scheik selbst für würdig gehalten wurde, die unvergleichliche Kostbarkeit aufzubewahren; natürlich erst, nachdem ich ihm mit aller Feierlichkeit versichert hatte, daß es dem Teufel niemals gelingen werde, zu entkommen und Unheil anzurichten.
Mitternacht war nahe, als ich mich in das Zelt zurückzog, um zu schlafen. Halef leistete mir Gesellschaft.
»Sihdi, muß ich alles halten und erfüllen, was du heute niedergeschrieben hast?« ließ er sich hören.
»Ja. Du hast es ja versprochen!«
Es verging eine Weile, dann klang es sehr kleinlaut:
»Würdest du dein Weib auch wieder hergeben?«
»Nein.«
»Und dennoch sagst du, daß ich mein Versprechen zu halten habe!«
»Allerdings. Wenn ich mir ein Weib nehme, so verspreche ich nicht, es wieder herzugeben.«
»O, Sihdi, warum hast du mir nicht gesagt, daß ich es ebenso machen soll!«
»Bist du ein Knabe, daß du eines Vormundes bedarfst? Und wie kann ein Christ einen Moslem im Heiraten unterweisen? Ich glaube, daß du Hanneh behalten möchtest!«
»Du hast es erraten.«
»So willst du mich also verlassen?«
»Dich, Sihdi – – –? Oh – – –!«
Er räusperte sich verlegen, kam aber zu keiner Antwort.
Ein unverständliches Brummen und später einige Seufzer waren alles, was ich zu hören bekam. Er warf sich von einer Seite auf die andere; es war klar, daß sein Wohlgefallen an dem Mädchen mit seiner Anhänglichkeit zu mir in lebhaften Zwiespalt gekommen war. Ich mußte ihn sich selbst überlassen und schlief bald ein.
Mein Schlaf war so fest, daß mich erst ein lautes Kamelgetrappel erweckte. Ich erhob mich und trat vor das Zelt. Im Osten erhellte sich bereits der Horizont, und da drüben, wo die Bucht lag, war er hellrot gefärbt. Es gab dort einen Brand, und die Vermutung, welche bei diesem Anblick in mir aufstieg, wurde bestätigt durch das im Lager herrschende rege Leben. Die Männer waren fort gewesen und kehrten jetzt zurück, sie und ihre Kamele reich mit Beute beladen. Auch die Tochter des Scheiks hatte sich ihnen angeschlossen, und als sie vom Kamele stieg, bemerkte ich, daß ihr Gewand mit Blut bespritzt war. Malek bot mir den Morgengruß und meinte, nach der Feuerwolke deutend:
»Siehst du, daß wir das Schiff gefunden haben? Sie schliefen, als wir kamen, und sind nun zu den Hunden, ihren Vätern, versammelt.«
»Du hast sie getötet und das Schiff beraubt?«
»Beraubt? Was meinst du mit diesem Worte? Gehört nicht dem Sieger das Eigentum des Besiegten? Wer will uns streitig machen, was wir gewonnen haben?«
»Die Zehka, welche Abu-Seïf geraubt hat, gehört dem Scherif Emir.«
»Dem Scherif Emir, der uns ausgestoßen hat? Selbst wenn das Geld ihm gehörte, würde er es nicht wieder erhalten. Aber glaubst du wirklich, daß es die Zehka war? Du bist belogen worden. Nur der Scherif hat das Recht, diese Steuer einzusammeln, und dies wird er niemals durch einen Türken thun lassen. Der Türke, welchen du für einen Zolleinnehmer gehalten hast, war entweder ein Schmuggler oder ein Zöllner des Pascha von Ägypten, den Allah erschlagen wolle!«
»Du hassest ihn?«
»Dies thut jeder freie Araber. Hast du nicht von den Greuelthaten gehört, welche zur Zeit der Wachabiten hier geschahen? Mag das Geld dem Pascha gehören oder dem Scherif, es bleibt mein. Doch die Zeit des Fagr naht. Mache dich bereit, uns zu folgen. Wir können hier nicht länger bleiben.«
»Wo wirst du dein Lager aufschlagen?«
»Ich werde es an einem Orte errichten, von welchem aus ich die Straße zwischen Mekka und Dschidda beobachten kann. Abu-Seïf darf mir nicht entgehen.«
»Hast du auch die Gefahren berechnet, welche dir drohen?«
»Meinst du, daß ein Ateïbeh sich vor Gefahren fürchtet?«
»Nein, aber selbst der mutigste Mann muß zugleich auch vorsichtig sein. Wenn dir Abu-Seïf in die Hände fällt und du ihn tötest, so mußt du dann augenblicklich diese Gegend verlassen. Du wirst dann vielleicht das Kind deiner Tochter verlieren, welches sich zu dieser Zeit mit Halef in Mekka befindet.«
»Ich werde Halef sagen, wo er uns in diesem Falle zu suchen hat. Hanneh muß nach Mekka, ehe wir fortgehen. Sie ist unter uns die einzige Person, welche noch nicht in der heiligen Stadt war, und später ist es ihr vielleicht unmöglich, dahin zu kommen. Deshalb habe ich mich schon lange nach einem Delyl für sie umgesehen.«
»Hast du dich entschieden, wohin du ziehen wirst?«
»Wir ziehen in die Wüste Er Nahman, nach Maskat zu, und dann senden wir vielleicht einen Boten nach El Frat[122] zu den Beni Schammar oder zu den Beni Obeïde, um uns in ihren Stamm aufnehmen zu lassen.«
[122] Euphrat.
Der kurzen Dämmerung folgte der Tag. Die Sonne berührte den Horizont, und die Araber, welche noch nach dem vergossenen Blute rochen, knieten nieder zum Gebet. Bald darauf waren die Zelte abgebrochen, und der Zug setzte sich in Bewegung. Jetzt, da es vollständig hell war, sah ich erst, welche Menge von Gegenständen sich die Ateïbeh vom Schiffe angeeignet hatten. Sie waren durch diesen Überfall mit einemmal zu wohlhabenden Leuten geworden. Aus diesem Grunde herrschte eine ungewöhnliche Munterkeit unter ihnen. Ich hielt mich etwas zurück. Ich war verstimmt, weil ich mich die unschuldige Ursache von dem Untergange der Dscheheïne nennen mußte. Ich konnte mir allerdings keinen Vorwurf machen, aber es galt doch immer, das Gewissen zu befragen, ob ich mich nicht vielleicht hätte anders verhalten können. Auch machte mir die Nähe Mekkas viel zu schaffen. Da lag sie, die »Heilige«, die Verbotene! Sollte ich sie meiden, oder sollte ich es wagen, sie zu besuchen? Ich zuckte in allen Gliedern nach ihr hin, und dennoch mußte ich die Bedenklichkeiten, welche dagegen aufstiegen, ernstlich berücksichtigen. Was hatte ich davon, wenn der Besuch gelang? Ich konnte sagen, daß ich in Mekka gewesen sei – weiter nichts. Und wurde ich entdeckt, so war mein Tod unvermeidlich, und was für ein Tod! Aber hier konnte ein Überlegen und Abwägen der Gründe zu nichts führen, und ich beschloß, mich nach den eintretenden Verhältnissen zu richten. Ich hatte dies so oft gethan und war immer glücklich dabei gewesen.
Um so wenig wie möglich Begegnungen zu haben, machte der Scheik einen Umweg. Er erlaubte keine Ruhepause, bis der Abend hereinbrach. Wir befanden uns in einer engen Schlucht, welche von steilen Granitwänden eingefaßt war, zwischen denen wir eine Strecke weit fortschritten, bis wir in eine Art Thalkessel gelangten, aus dem es keinen zweiten Ausweg zu geben schien. Hier stiegen wir ab. Die Zelte wurden errichtet, und die Frauen zündeten ein Feuer an. Heute gab es eine sehr reichliche und mannigfaltige Mahlzeit, die natürlich aus der Schiffsküche stammte. Dann kam der von allen ersehnte Augenblick der Beuteverteilung.
Da ich damit nichts zu schaffen hatte, so verließ ich die anderen und machte die Runde um den Thalkessel. An einer Stelle dünkte es mich, als ob man hier doch emporsteigen könne, und ich versuchte es. Die Sterne leuchteten hell; es gelang. Nach vielleicht einer Viertelstunde stand ich oben auf der Höhe des Berges und hatte einen freien Blick nach allen Seiten. Dort unten im Süden sah es aus wie eine Reihe kahler Berge, über welche sich jener weißliche Schimmer erhob, welchen am Abend die Lichter größerer Städte emporzustrahlen pflegen. Dort lag Mekka!
Unter mir vernahm ich die lauten Stimmen der Ateïbeh, welche sich um ihren Anteil an der Beute stritten. Es dauerte eine geraume Zeit, bis ich zu ihnen zurückkehrte. Der Scheik empfing mich mit den Worten:
»Effendi, warum bist du nicht bei uns geblieben? Du mußt von allem, was wir auf dem Schiffe fanden, deinen Teil erhalten!«
»Ich? Du irrst. Ich bin nicht dabei gewesen und habe also auch nichts zu bekommen.«
»Hätten wir die Dscheheïne gefunden, wenn du uns nicht begegnet wärest? Du bist unser Führer gewesen, ohne es zu wollen, und darum sollst du erhalten, was dir gebührt.«
»Ich nehme nichts an!«
»Sihdi, ich kenne deinen Glauben zu wenig und darf ihn aus dem Grunde nicht beschimpfen, weil du mein Gast bist; aber er ist falsch, wenn er dir verbietet, Beute zu nehmen. Die Feinde sind tot, und ihr Fahrzeug ist zerstört. Sollen wir diese Sachen, die uns so notwendig sind, verbrennen und zerstören?«
»Wir wollen uns nicht streiten; aber behaltet, was ihr habt!«
»Wir behalten es nicht. Erlaube, daß wir es Halef, deinem Begleiter, geben, obgleich auch er schon das seinige bekommen hat.«
»Gebt es ihm!«
Der kleine Halef Omar floß von Dank über. Er hatte einige Waffen und Kleidungsstücke erhalten und außerdem einen Beutel mit Silbermünzen. Er ließ nicht ab – ich mußte ihm dieselben vorzählen, um Zeuge zu sein, daß er heute ein außerordentlich reicher Mann geworden sei. Die Summe bestand allerdings in ungefähr achthundert Piastern und reichte hin, einen armen Araber glücklich zu machen.
»Mit diesem Geld kannst du mehr als fünfzigmal die Kosten bestreiten, welche du in Mekka haben wirst,« bemerkte der Scheik.
»Wann soll ich zur heiligen Stadt gehen?« fragte ihn Halef.
»Morgen zwischen früh und Mittag.«
»Ich war noch niemals dort. Wie habe ich mich zu verhalten?«
»Das will ich dir sagen. Es ist die Pflicht eines jeden Pilgers, nach seiner Ankunft unverzüglich nach El Hamram[123] zu gehen. Du reitest also nach dem Beith-Allah[124], lässest vor demselben die Kamele halten und trittst ein. Dort findest du ganz sicher einen Metowef[125], der dich führen und in allem unterrichten wird; nur mußt du ihn vorher und nicht später um den Preis befragen, weil du sonst betrogen wirst. Sobald du die Kaaba erblickst, verrichtest du zwei Rikat[126] mit den dabei vorgeschriebenen Gebeten, zum Dank dafür, daß du die heilige Stätte glücklich erreicht hast. Dann gehst du zu dem Mambar[127] und ziehst die Schuhe aus. Diese bleiben dort stehen und werden bewacht; denn es ist im Beith-Allah nicht wie in anderen Moscheen erlaubt, die Schuhe in der Hand zu behalten. Dann beginnt das Towaf, der Gang um die Kaaba, welcher siebenmal wiederholt werden muß.«
[123] Die große Moschee.
[124] »Haus Gottes«; es ist gleichfalls die große Moschee gemeint.
[125] Fremdenführer.
[126] Niederwerfungen.
[127] Kanzel, türkisch: Mimbar.
»Nach welcher Seite?«
»Nach rechts, so daß die Kaaba dir stets zur Linken bleibt. Die ersten drei Gänge werden mit schnellen Schritten gethan.«
»Warum?«
»Zum Andenken an den Propheten. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, daß er sehr gefährlich erkrankt sei, und um dieses Gerücht zu widerlegen, rannte er dreimal schnell um die Kaaba herum. Die folgenden Gänge geschehen langsam. Die Gebete kennst du, welche dabei gesprochen werden müssen. Nach einem jeden Umlaufe wird der heilige Stein geküßt. Zuletzt, wenn das Towaf beendet ist, drückst du die Brust an die Thür der Kaaba, breitest die Arme aus und bittest Allah laut um Vergebung aller deiner Sünden.«
»Dann bin ich fertig?«
»Nein. Du hast nun seitwärts zum El Madschem[128] zu gehen und vor dem Mekam-Ibrahim[129] zwei Rikat zu verrichten. Dann begiebst du dich zum heiligen Brunnen Zem-Zem und trinkst nach einem kurzen Gebete so viel Wasser daraus, als dir beliebt. Ich werde dir einige Flaschen mitgeben, welche du mir füllen und mitbringen magst; denn das heilige Wasser ist ein Mittel gegen alle Krankheiten des Leibes und der Seele.«
[128] Eine kleine, mit Marmor ausgelegte Vertiefung, aus welcher Abraham und Ismael den Kalk genommen haben sollen, als sie die Kaaba bauten.
[129] Der Stein, welcher dem Abraham bei diesem Bau als Fußgestell gedient haben soll.
»Das ist die Ceremonie an der Kaaba. Was folgt dann?«
»Nun kommt der Say, der Gang von Szafa nach Merua. Auf dem Hügel Szafa stehen drei offene Bogen. Dort stellst du dich hin, wendest das Angesicht nach der Moschee, erhebst die Hände gen Himmel und bittest Allah um Beistand auf dem heiligen Wege. Dann gehest du sechshundert Schritt weit nach dem Altan von Merua. Unterwegs siehst du vier steinerne Pfeiler, an denen du springend vorüberlaufen mußt. Auf Merua verrichtest du wieder ein Gebet und legst den Weg dann noch sechsmal zurück.«
»Dann ist alles gethan?«
»Nein, denn nun mußt du dir dein Haupt scheren lassen und Omrah besuchen, welches so weit außerhalb der Stadt liegt, wie wir uns jetzt von Mekka befinden. Dann hast du die heiligen Handlungen erfüllt und kannst zurückkehren. Im Monat der großen Wallfahrt muß der Gläubige mehr thun und braucht lange Zeit dazu, weil viele Tausende von Pilgern anwesend sind; du aber brauchst nur zwei Tage und kannst am dritten wieder bei uns sein.«
Diesem Unterrichte folgten noch verschiedene Fingerzeige, welche aber für mich von keinem Interesse waren, da sie sich meist nur auf Hanneh bezogen. Ich legte mich zur Ruhe. Als Halef endlich erschien, lauschte er, ob ich bereits eingeschlafen sei. Er merkte, daß ich noch munter war, und fragte:
»Sihdi, wer wird dich bedienen während meiner Abwesenheit?«
»Ich selbst. Willst du mir einen Gefallen thun, Halef?«
»Ja. Du weißt, daß ich für dich alles thue, was ich kann und darf.«
»Du sollst dem Scheik Wasser vom heiligen Brunnen Zem-Zem mitbringen. Bringe auch mir eine Flasche mit!«
»Sihdi, verlange alles von mir, nur dieses nicht; denn das kann ich unmöglich thun. Von diesem Brunnen dürfen nur die Gläubigen trinken. Wenn ich dir Wasser brächte, so würde mich nichts vor der ewigen Hölle retten!«
Dieser Bescheid wurde mit so fester Überzeugung ausgesprochen, daß ich nicht weiter in den Diener zu dringen versuchte. Nach einer Pause fragte er:
»Willst du dir nicht selbst das heilige Wasser holen?«
»Das darf ich ja nicht!«
»Du darfst es, wenn du dich vorher zum rechten Glauben bekehrst.«
»Das werde ich nicht thun; jetzt aber wollen wir schlafen.«
Am andern Morgen ritt er als würdiger Ehemann mit seinem Weibe von dannen. Er nahm die Weisung mit, zu sagen, daß er aus fernen Landen komme, und ja nicht zu verraten, daß seine Begleiterin, die sich übrigens jetzt verschleiert hatte, eine Ateïbeh sei. Mit ihm ritt eine Strecke weit ein Krieger, welcher die Straße zwischen Mekka und Dschidda bewachen sollte. Auch am Eingange unserer Schlucht wurde ein Wachtposten aufgestellt.
Der erste Tag verging ohne besonderen Vorfall; am zweiten Morgen ersuchte ich den Scheik um die Erlaubnis zu einem kleinen Streifzug. Er gab mir ein Kamel und bat mich, vorsichtig zu sein, damit unser Aufenthalt nicht entdeckt werde. Ich hatte gehofft, meinen Ritt allein machen zu können; aber die Tochter des Scheik trat zu mir, als ich das Kamel besteigen wollte, und fragte:
»Effendi, darf ich mit dir reiten?«
»Du darfst.«
Als wir die Schlucht verlassen hatten, schlug ich unwillkürlich die Richtung nach Mekka ein. Ich hatte geglaubt, meine Begleiterin würde mich warnen; allein sie hielt sich an meiner Seite, ohne ein Wort zu verlieren. Nur als wir ungefähr den vierten Teil einer Wegstunde zurückgelegt hatten, lenkte sie mehr nach rechts um und bat mich:
»Folge mir, Effendi!«
»Wohin?«
»Ich will sehen, ob unser Wächter an seinem Platze ist.«
Nach kaum fünf Minuten erblickten wir ihn. Er saß auf einer Anhöhe und schaute unverwandt nach Süden.
»Er braucht uns nicht zu sehen,« sagte sie. »Komm, Sihdi; ich werde dich führen, wohin du willst!«
Was meinte sie mit diesen Worten? Sie lenkte nach links hinüber und sah mich dabei lächelnd an. Dann ließ sie die Tiere weit ausgreifen und hielt endlich in einem engen Thale still, wo sie abstieg und sich auf den Boden niedersetzte.
»Setze dich zu mir und laß uns plaudern,« sagte sie.
Sie wurde mir immer rätselhafter, doch kam ich ihrer Aufforderung nach.
»Hältst du deinen Glauben für den allein richtigen, Effendi?« begann sie die eigentümliche Unterhaltung.
»Gewiß!« antwortete ich.
»Ich auch,« bemerkte sie ruhig.
»Du auch?« fragte ich verwundert; denn es war das erste Mal, daß ein muselmännischer Mund mir gegenüber ein solches Bekenntnis aussprach.
»Ja, Effendi, ich weiß, daß nur deine Religion die richtige ist.«
»Woher weißt du es?«
»Von mir selbst. Der erste Ort, an dem es Menschen gab, war das Paradies; dort lebten alle Geschöpfe bei einander, ohne sich ein Leides zu thun. So hat es Allah gewollt, und daher ist auch diejenige Religion die richtige, welche das gleiche gebietet. Das ist die Religion der Christen.«
»Kennst du sie?«
»Nein; aber ein alter Türke hat uns einst von ihr erzählt. Er sagte, daß ihr betet zu Gott: ›Ile unut bizim günahler, böjle unutar-iz günahler[130]‹ – Ist dies richtig?«
[130] Und vergieb du unsere Sünden, wie auch wir die Sünden vergessen.
»Ja.«
»Und daß in eurem Kuran steht: ›Allah muhabbet dir, ile muhabedda kim durar, bu durar Allahda ile Allah durar onada.‹[131] – Sage mir, ob das auch richtig ist!«
[131] Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der ist in Gott und Gott in ihm.
»Auch das ist richtig.«
»So habt ihr den richtigen Glauben. Darf ein Christ eine Jungfrau rauben?«
»Nein. Wenn er es thäte, so würde er eine schwere Strafe erhalten.«
»Siehst du, daß eure Religion besser ist, als unsere? Bei euch hätte Abu-Seïf mich nicht rauben und zwingen dürfen, sein Weib zu sein. Kennst du die Geschichte dieses Landes?«
»Ja.«
»So weißt du auch, wie die Türken und Ägypter gegen uns gewütet haben, trotzdem wir _eines_ Glaubens sind. Sie haben unsere Mütter geschändet und unsere Väter zu Tausenden auf die Pfähle gespießt, gevierteilt, verbrannt, ihnen Arme und Beine, Nasen und Ohren abgeschnitten, die Augen ausgestochen, ihre Kinder zerschmettert oder zerrissen. Ich hasse diesen Glauben, aber ich muß ihn behalten.«
»Warum mußt du ihn behalten? Es steht dir zu jeder Zeit – –«
»Schweige,« unterbrach sie mich barsch. »Ich sage dir meine Gedanken, aber du sollst nicht mein Lehrer sein! Ich weiß selbst, was ich thue: ich werde mich rächen – rächen an allen, die mich beleidigt haben.«
»Und dennoch meinst du, daß die Religion der Liebe die richtige sei?«
»Ja; aber soll ich allein lieben und verzeihen? Sogar dafür, daß wir die heilige Stadt nicht betreten dürfen, werde ich mich rächen. Rate, wie?«
»Sage es!«
»Es ist dein heimlicher Wunsch, Mekka zu betreten?«
»Wer sagt dir das?«
»Ich selbst. Antworte mir!«
»Ich wünsche allerdings, die Stadt sehen zu können.«
»Das ist sehr gefährlich; aber ich will mich rächen und habe dich deshalb an diesen Ort geführt. – Würdest du die Gebräuche mitmachen, wenn du in Mekka wärest?«
»Es wäre mir lieb, dies vermeiden zu können.«
»Du willst deinen Glauben nicht beleidigen und thust recht daran. Gehe nach Mekka; ich werde hier auf dich warten!«
War dies nicht sonderbar? Sie wollte sich am Islam dadurch rächen, daß sie seine heiligste Stätte durch den Fuß eines Ungläubigen entweihen ließ. Als Missionär hätte ich hier eine Aufgabe lösen können – freilich nur mit großem Aufwande an Zeit und Mühe; als »Weltbummler« war mir dies unmöglich.
»Wo liegt Mekka?« fragte ich.
»Wenn du diesen Berg überschreitest, siehst du es im Thale liegen.«
»Warum soll ich gehen und nicht reiten?«
»Wenn du geritten kommst, wird man einen Pilger in dir vermuten und dich nicht unbeachtet lassen. Betrittst du aber zu Fuße die Stadt, so wird ein jeder meinen, daß du bereits dort gewesen seiest und nur einen Spaziergang gemacht habest.«
»Und du willst wirklich auf mich warten?«
»Ja.«
»Wie lange?«
»Eine Zeit, welche ihr Franken vier Stunden nennt.«
»Das ist sehr kurz.«
»Bedenke, daß du sehr leicht entdeckt werden kannst, wenn du lange verweilst. Du darfst nur einmal durch die Straßen gehen und die Kaaba sehen; das ist genug.«
Sie hatte recht. Es war doch gut gewesen, daß ich beschlossen hatte, mich von dem Augenblick leiten zu lassen. Ich erhob mich. Sie deutete auf meine Waffen und schüttelte den Kopf.
»Du gleichest ganz und gar einem Eingeborenen; aber trägt ein Araber solche Waffen? Laß deine Flinte hier und nimm die meinige dafür.«
Da überflog mich im ersten Moment eine Art von Mißtrauen; aber ich hatte wirklich nicht den mindesten Grund, dasselbe festzuhalten. Daher vertauschte ich meine Büchse und stieg dann den Berg hinan. Als ich den Gipfel desselben erreichte, sah ich Mekka in der Entfernung von einer halben Stunde vor mir liegen, zwischen kahlen, unbelebten Höhen das Thal hinab. Ich unterschied die Citadelle Schebel Schad und die Minarehs einiger Moscheen. El Hamram, die Hauptmoschee, lag im südlichen Teile der Stadt.
Dorthin lenkte ich zunächst meine Schritte. Es war mir auf dem Wege zu Mute, wie einem Soldaten, der zwar schon bei einigen kleinen Treffen mitgefochten hat, plötzlich aber den Donner einer großen Schlacht dröhnen hört.
Ich gelangte glücklich in die Stadt. Da ich mir die Lage der Moschee gemerkt hatte, brauchte ich nicht zu fragen. Die Häuser, zwischen denen ich hinschritt, waren von Stein erbaut, und die Straße hatte man mit dem Sande der Wüste bestreut. Bereits nach kurzer Zeit stand ich vor dem großen Rechteck, welches der Beith-Allah bildet, und langsam ging ich um dasselbe herum. Die vier Seiten bestanden aus Säulenreihen und Kolonnaden, über denen sich sechs Minarehs erhoben. Ich zählte zweihundertvierzig Schritt in die Länge und zweihundertfünf in die Breite. Da ich mir das Äußere erst nachher betrachten wollte, trat ich durch eines der Thore ein. In demselben saß ein Mekkaui[132], welcher mit kupfernen Flaschen handelte.
[132] Bewohner von Mekka.
»Sallam aaleïkum!« grüßte ich ihn würdevoll. »Was kostet eine solche Kuleh?«
»Zwei Piaster.«