Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I
Chapter 17
»Weißt du den Ort genau, an welchem sein Schiff verborgen liegt?«
»Ich würde ihn selbst bei Nacht wieder finden.«
»Willst du uns hinführen?«
»Ihr werdet die Dscheheïne töten?«
»Ja.«
»So verbietet mir mein Glaube, euer Führer zu sein.«
»Du darfst dich nicht rächen?«
»Nein, denn unsere Religion gebietet uns, selbst unsere Feinde zu lieben. Nur die Behörde hat das Recht, den Bösen zu bestrafen, und ihr seid keine Richter.«
»Deine Religion ist lieblich; wir aber sind keine Christen und werden den Feind bestrafen, weil er beim Richter Schutz finden würde. Du hast mir den Ort beschrieben, und ich werde das Schiff auch ohne deine Hilfe entdecken. Nur versprich mir, daß du die Dscheheïne nicht warnen willst.«
»Ich werde sie nicht warnen, denn ich habe keine Lust, ihr Gefangener noch einmal zu sein.«
»So sind wir einig. Wann wird Halef nach Mekka gehen?«
»Morgen, wenn du es mir erlaubst, Sihdi,« antwortete der Diener an meiner Stelle.
»Du kannst morgen gehen.«
»So laß ihn gleich bei uns bleiben,« bat der Scheik. »Wir werden ihn so weit an die Stadt begleiten, als wir ihr nahen dürfen, und ihn dir dann zurückbringen.«
Da kam mir ein Gedanke, dem ich sofort Ausdruck gab:
»Darf ich mit euch ziehen und bei euch auf ihn warten?«
Ich bemerkte sofort, daß dieser Wunsch allgemeine Freude erregte.
»Effendi, ich sehe, daß du die Ausgestoßenen nicht verachtest,« antwortete der Scheik. »Du sollst uns willkommen sein! Du bleibst gleich hier bei uns und hilfst uns am Abend die Ewlenma[110] schließen.«
[110] Verheiratung.
»Das geht nicht. Ich muß zuvor nach Dschidda zurück, um meine Geschäfte abzuschließen. Mein Wirt muß wissen, wo ich mich befinde.«
»So werde ich dich bis vor die Thore der Stadt begleiten. Auch sie darf ich nicht betreten, denn sie ist eine heilige Stadt. Wann willst du reiten?«
»Sogleich, wenn es dir beliebt. Ich brauche nur wenig Zeit, um wieder mit dir zurückzukehren. Soll ich dir einen Kadi oder Mullah mitbringen für den Abschluß der Verheiratung?«
»Wir brauchen weder einen Kadi noch einen Mullah. Ich bin der Scheik meines Lagers, und was vor mir geschieht, hat Kraft und Gültigkeit. Aber ein Pergament oder ein Papier magst du mir bringen, auf welches wir den Vertrag niederschreiben. Das Mohür und Gemedsch[111] habe ich.«
[111] Petschaft und Wachs.
In kurzer Zeit standen die Kamele bereit; wir stiegen auf. Die kleine Truppe bestand außer uns dreien aus dem Scheik, seiner Tochter und fünf Ateïbeh. Ich folgte dem Alten ohne Einrede, obgleich ich bemerkte, daß er nicht den geraden Weg einschlug, sondern sich mehr rechts nach dem Meere zu hielt. Albani hatte jetzt nicht mehr so viel Not wie vorher, sich auf seinem Kamele zu halten, und die langen Beine der Tiere warfen den Weg förmlich hinter sich.
Da hielt der Scheik an und deutete mit der Hand seitwärts.
»Weißt du, was da drüben liegt, Effendi?«
»Was?«
»Die Bucht, in welcher das Schiff des Räubers liegt. Habe ich es erraten?«
»Du kannst denken, aber du sollst mich nicht fragen.«
Er hatte ganz richtig geraten und schwieg. Wir ritten weiter. Nach einiger Zeit zeigten sich zwei kleine Punkte am Horizonte, gerade in der Richtung auf Dschidda zu. Wie es schien, kamen sie uns nicht entgegen, sondern verfolgten eine Richtung, welche sie nach der soeben erwähnten Bucht bringen mußte. Es waren Fußgänger, wie ich durch das Fernrohr erkannte. Das mußte hier in der Wüste auffallen, und es lag der Gedanke nahe, daß sie zu den Leuten von Abu-Seïf gehörten. Es war sehr zu vermuten, daß mein Wächter dem Kapitän unsere Flucht hatte melden lassen, und in diesem Falle konnten diese beiden Männer die jetzt zurückkehrenden Boten sein.
Auch Malek hatte sie erkannt und beobachtete sie scharf. Dann wandte er sich zu seinen Leuten und flüsterte ihnen eine Weisung zu. Sofort wandten sich drei von ihnen in der Richtung zurück, aus welcher wir gekommen waren. Ich durchschaute die Absicht. Malek vermutete ganz dasselbe wie ich, und wollte die Männer in seine Gewalt bekommen. Um dies zu bewirken, mußte er ihnen den Weg nach der Bucht abschneiden, aber so, daß sie es nicht merkten. Daher schob er seine drei Männer nicht schräg vor, sondern er ließ sie scheinbar zurückkehren und dann, sobald sie aus dem Gesichtskreise der Betreffenden verschwunden waren, einen Bogen schlagen. Während wir anderen unseren Weg fortsetzten, fragte er:
»Effendi, willst du ein wenig auf uns warten, oder reitest du nach der Stadt, wo du uns dann am Thore finden wirst?«
»Du willst diese Männer sprechen, und ich werde bei dir bleiben, bis du mit ihnen geredet hast.«
»Es sind vielleicht Dscheheïne!«
»Ich denke es auch. Deine drei Männer schneiden sie vom Schiffe ab; reite du hier schief hinüber, und ich will mit Halef unsere bisherige Richtung fortsetzen, damit es ihnen nicht einfällt, nach Dschidda zurückzufliehen.«
»Dein Rat ist gut; ich folge ihm.«
Er bog ab, und ich gab Albani einen Wink, sich ihm anzuschließen. Dieser hatte es so leichter, da ich mit Halef den schärfsten Galopp einschlagen mußte. Wir zwei flogen wie im Sturme dahin und lenkten, als wir in gleicher Linie mit den Verfolgten waren, hinter ihren Rücken ein. Sie merkten erst jetzt unsere Absicht und zögerten. Hinter sich hatten sie mich mit Halef, seitwärts von ihnen kam Malek auf sie zu, und nur der Weg vor ihnen schien noch frei zu sein. Sie setzten ihn mit verdoppelter Eile fort, waren aber noch nicht weit gekommen, als die drei Ateïbeh vor ihnen auftauchten. Trotzdem es ihnen in dieser Entfernung nicht möglich gewesen war, einen von uns zu erkennen, mußten sie doch Feinde in uns vermuten und versuchten, uns im schnellsten Laufe zu entkommen. Es gab eine Möglichkeit dazu. Sie waren bewaffnet. Wenn sie sich teilten, so mußten wir dies auch thun, und dann war es einem sicher zielenden, kaltblütigen Fußgänger nicht ganz unmöglich, es mit zwei und auch drei Kamelreitern aufzunehmen. Sie aber kamen auf diesen Gedanken entweder nicht, oder es fehlte ihnen an Mut, denselben auszuführen. Sie blieben beisammen und wurden von uns zu ganz gleicher Zeit umringt. Ich erkannte sie auf der Stelle; es waren wirklich zwei von den Schiffsleuten.
»Woher kommt ihr?« fragte sie der Scheik.
»Von Dschidda,« antwortete der eine.
»Wohin wollt ihr?«
»In die Wüste, um Trüffel zu suchen.«
»Trüffel suchen? Ihr habt weder Tiere noch Körbe bei euch!«
»Wir wollen nur erst sehen, ob diese Schwämme hier wachsen; dann holen wir die Körbe.«
»Von welchem Stamme seid ihr?«
»Wir wohnen in der Stadt.«
Das war nun allerdings sehr frech gelogen, denn diese Männer mußten ja wissen, daß ich sie kannte. Auch Halef ärgerte sich über ihre Dreistigkeit. Er lockerte seine Peitsche und meinte:
»Glaubt ihr etwa, daß dieser Effendi und ich blind geworden sind? Ihr seid Schurken und Lügner! Ihr seid Dscheheïne und gehört zu Abu-Seïf. Wenn ihr es nicht gesteht, wird euch meine Peitsche sprechen lehren!«
»Was geht es euch an, wer wir sind?«
Ich sprang vom Kamele, ohne es niederknieen zu lassen, und nahm die Peitsche aus Halefs Hand.
»Laßt euch nicht verlachen, ihr Männer! Hört, was ich euch sage! Was diese Krieger vom Stamme der Ateïbeh mit euch haben und von euch wollen, das geht mich nichts an; mir aber sollt ihr Antwort geben auf einige Fragen. Thut ihr es, so habt ihr von mir nichts weiter zu befürchten; thut ihr es aber nicht, so werde ich euch mit dieser Peitsche in der Art zeichnen, daß ihr euch nie wieder vor einem freien, tapferen Ibn Arab sehen lassen könnt!«
Mit Schlägen drohen, ist eine der größten Beleidigungen für einen Beduinen. Die beiden griffen auch sofort nach ihren Messern.
»Wir würden dich töten, ehe du zu schlagen vermagst,« drohte der eine.
»Ihr habt wohl noch nicht erfahren, wie mächtig eine Peitsche aus der Haut des Nilpferdes ist, sobald sie sich in der Hand eines Franken befindet. Sie schneidet so scharf wie ein Yatagan; sie fällt schwerer nieder als eine Keule, und sie ist schneller als eine Kugel aus euren Tabandschab[112]. Seht ihr denn nicht, daß die Waffen aller dieser Männer auf euch gerichtet sind? Laßt also eure Messer im Gürtel und antwortet! Ihr seid zu Abu-Seïf gesandt worden?«
[112] Pistolen.
»Ja,« klang es zögernd, da sie bemerkten, daß kein Entrinnen war.
»Um ihm zu sagen, daß ich euch entkommen bin?«
»Ja.«
»Wo habt ihr ihn getroffen?«
»In Mekka.«
»Wie seid ihr so schnell nach Mekka und wieder zurückgekommen?«
»Wir haben uns in Dschidda Kamele gemietet.«
»Wie lange bleibt Abu-Seïf in der heiligen Stadt?«
»Nur kurze Zeit. Er will nach Taïf, wo sich der Scherif-Emir befindet.«
»So bin ich jetzt mit euch fertig.«
»Sihdi, du willst diese Räuber entkommen lassen?« rief Halef. »Ich werde sie erschießen, damit sie keinem mehr schaden können.«
»Ich habe ihnen mein Wort gegeben, und das wirst du mit mir halten. Folge mir!«
Ich stieg wieder auf und ritt davon. Halef folgte mir; Albani aber blieb noch zurück. Er hatte seinen langen Sarras gezogen; doch hatte ich zu ihm das gute Vertrauen, daß diese energische Pantomime sehr unschädlicher Natur sein werde. Er blieb auch wirklich sehr gelassen auf seinem Kamele sitzen, als die Ateïbeh absprangen, um die Dscheheïne zu bewältigen. Es gelang dies, nachdem einige unschädliche Messerstöße gewechselt worden waren. Die Gefangenen wurden je an ein Kamel gebunden, und die Reiter derselben wandten sich zurück, um die Gefangenen in das Lager zu schaffen. Die anderen folgten uns.
»Du hast sie begnadigt, Sihdi; aber sie werden dennoch sterben,« meinte Halef.
»Ihr Schicksal ist nicht meine und auch nicht deine Sache! Bedenke, was du heute werden sollst. Ein Bräutigam muß versöhnlich sein!«
»Sihdi, würdest du den Delyl bei dieser Hanneh machen?«
»Ja, wenn ich ein Moslem wäre.«
»Herr, du bist ein Christ, ein Franke, mit dem man von diesen Dingen reden kann. Weißt du, was die Liebe ist?«
»Ja. Die Liebe ist eine Koloquinthe. Wer sie ißt, bekommt Bauchgrimmen.«
»O, Sihdi, wer wird die Liebe mit einer Koloquinthe vergleichen! Allah möge deinen Verstand erleuchten und dein Herz erwärmen! Ein gutes Weib ist wie eine Pfeife von Jasmin und wie ein Beutel, dem nimmer Tabak mangelt. Und die Liebe zu einer Jungfrau, die ist – – die ist – – wie – der Turban auf einem kahlen Haupte und wie die Sonne am Himmel der Wüste.«
»Ja. Und wen ihre Strahlen treffen, der bekommt den Sonnenstich. Ich glaube, du hast ihn schon, Halef. Allah helfe dir!«
»Sihdi, ich weiß, daß du niemals ein Bräutigam sein willst; ich aber bin einer, und daher ist mein Herz geöffnet wie eine Nase, die den Duft der Blumen trinkt.«
Unser kurzes Gespräch war zu Ende, denn die anderen hatten uns nun eingeholt. Es wurde über das Vorgefallene kein Wort verloren, und als die Stadt in Sicht kam, ließ der Scheik seine Tiere halten. Er hatte zwei ledige Kamele mitgenommen, welche uns bei unserer Rückkehr tragen sollten.
»Hier werde ich warten, Sihdi,« sagte er. »Welche Zeit wird vergehen, bis du wieder kommst?«
»Ich werde zurück sein, ehe die Sonne einen Weg zurückgelegt hat, der so lang ist, wie deine Lanze.«
»Und das Tirscheh oder Kiahat[113] wirst du nicht vergessen?«
[113] Pergament oder Papier.
»Nein. Ich werde auch Mürek und ein Kalem[114] mitbringen.«
[114] Tinte und eine Feder.
»Thue es. Allah schütze dich, bis wir dich wiedersehen!«
Die Ateïbeh hockten sich neben ihre Kamele nieder, und wir drei ritten in die Stadt.
»Nun, war das kein Abenteuer?« fragte ich Albani.
»Allerdings. Und was für eines! Es hätte ja beinahe Mord und Totschlag gegeben. Ich hielt mich wirklich zum Kampf bereit.«
»Ja, Sie hatten ganz das Aussehen eines rasenden Roland, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Wie ist Ihnen der Ritt bekommen?«
»Hm! Anfangs haben Sie mich bedeutend in Trab gebracht; dann aber ging es leidlich. Ich lobe mir ein gutes deutsches Kanapee! – Sie wollen mit diesen Arabern gehen? – So werden wir uns wohl nicht wiedersehen.«
»Wahrscheinlich, da Sie ja die nächste Gelegenheit zur Abreise benutzen wollen. Doch habe ich so viele Beispiele eines ganz unerwarteten Zusammentreffens erlebt, daß ich ein Wiedersehen zwischen uns nicht für unmöglich halte.«
Diese Worte sollten sich später wirklich erfüllen. Für jetzt aber nahmen wir, nachdem wir dem Kamelverleiher seine Tiere zurückgebracht hatten, einen so herzlichen Abschied, wie es Landsleuten ziemt, die sich in der weiten Ferne getroffen haben. Dann begab ich mich mit Halef nach meiner Wohnung, um meine Habseligkeiten zusammenzupacken und mich von Tamaru, dem Wirt, zu verabschieden. Ich hatte nicht geglaubt, daß ich seine Wohnung so bald aufgeben würde. Auf zwei gemieteten Eseln ritten wir wieder zur Stadt hinaus. Dort wurden die harrenden Kamele bestiegen, worauf wir mit den Ateïbeh nach ihrem Lager ritten.
Siebentes Kapitel.
In Mekka.
Während des Rittes ging es sehr einsilbig zu. Am schweigsamsten war die Tochter des Scheik. Sie sprach kein Wort; aber in ihren Augen glühte ein schlimmes Feuer, und wenn sie nach links hinüberblickte, wo sie hinter dem niedrigen Horizonte das Schiff des Abu-Seïf vermuten mußte, faßte ihre Rechte stets entweder den Griff ihres Handschar oder den Kolben der langen Flinte, welche quer über ihrem Sattel lag.
Als wir in der Nähe des Lagers anlangten, ritt Halef zu mir heran.
»Sihdi,« fragte er, »wie sind die Gebräuche deines Landes? Hat dort einer, der sich ein Weib nimmt, die Braut zu beschenken?«
»Das thut wohl ein jeder bei uns und auch bei euch.«
»Ja, auch in Dschesirat el Arab und in dem ganzen Scharki[115] ist das Sitte. Aber da Hanneh nur zum Schein für einige Tage meine Frau werden soll, so weiß ich nicht, ob ein Geschenk erforderlich ist.«
[115] Osten.
»Ein Geschenk ist eine Höflichkeit, welche wohl immer angenehme Gefühle erregt. Ich an deiner Stelle würde höflich sein.«
»Aber was soll ich ihr geben? Ich bin arm und auch gar nicht auf eine Hochzeit vorbereitet. Meinst du, daß ich ihr vielleicht mein Adeschlik[116] verehre?«
[116] Feuerzeug.
Er hatte sich nämlich in Kairo ein kleines Döschen aus Papiermaché gekauft und verwahrte darin die Zündhölzer. Das Ding hatte für ihn einen sehr großen Wert, weil er dem Händler das zwanzigfache für die Dose bezahlt hatte, die kaum dreißig Pfennige wert war. Die Liebe brachte ihn zu dem heroischen Entschluß, seinem kostbaren Besitztume zu entsagen.
»Gieb es ihr,« antwortete ich ernsthaft.
»Gut, sie soll es haben! Aber wird sie es mir auch wiedergeben, wenn sie meine Frau nicht mehr ist?«
»Sie wird es behalten.«
»Allah kerihm, Gott ist gnädig; er wird mich nicht um das meinige kommen lassen! Was soll ich thun, Sihdi?«
»Wenn dir das Adeschlik so lieb ist, so gieb ihr etwas anderes!«
»Was denn? Ich habe weiter nichts. Ich kann ihr doch weder meinen Turban, noch meine Flinte, noch die Nilpeitsche geben!«
»So gieb ihr nichts.«
Er schüttelte sehr besorgt den Kopf.
»Auch dies geht nicht an, Sihdi. Sie ist meine Braut und muß irgend etwas erhalten. Was sollen die Ateïbeh von dir denken, wenn dein Diener ein Weib nimmt, ohne es zu beschenken?«
Ah! Der Schlaukopf fand sich also bewogen, an meinen Ehrgeiz und infolgedessen natürlich auch an meinen Beutel zu appellieren.
»Preis sei Allah, der dein Gehirn erleuchtet, Halef! Mir geht es aber ebenso wie dir. Ich kann deiner Braut weder meinen Haïk, noch meine Jacke, noch meine Büchse schenken!«
»Allah ist gerecht und barmherzig, Effendi; er bezahlt für jede Gabe tausendfältige Zinsen. Trägt dein Kamel nicht auch ein Ledersäckchen, in welchem du Dinge verborgen hast, die eine Braut in Entzücken versetzen würden?«
»Und wenn ich dir etwas davon geben wollte, würde ich es wiederbekommen, wenn Hanneh nicht mehr dein Weib ist?«
»Du mußt es wieder fordern!«
»Das ist nicht Sitte bei uns Franken. Aber weil du mir tausendfältige Zinsen in Aussicht stellst, so werde ich nachher das Säckchen öffnen und sehen, ob ich etwas für dich finde.«
Da richtete er sich erfreut im Sattel empor.
»Sihdi, du bist der weiseste und beste Effendi, den Allah erschaffen hat. Deine Güte ist breiter als die Sahara, und deine Wohlthätigkeit länger als der Nil. Dein Vater war der berühmteste, und der Vater deines Vaters der erhabenste Mann unter allen Leuten im Königreiche Nemsistan. Deine Mutter war die schönste der Rosen, und die Mutter deiner Mutter die lieblichste Blume des Abendlandes. Deine Söhne mögen zahlreich sein, wie die Sterne am Himmel, deine Töchter wie der Sand in der Wüste, und die Kinder deiner Kinder zahllos wie die Tropfen des Meeres!«
Es war ein Glück, daß wir jetzt das Lager erreichten, sonst hätte seine Dankbarkeit mich noch mit allen Töchtern der Samojeden, Tungusen, Eskimos und Papuas verheiratet. Was das Ledersäckchen betrifft, welches er erwähnt hatte, so enthielt es allerdings verschiedenes, was sich ganz vortrefflich zu einem Geschenk für ein Beduinenmädchen eignete. Der Kaufmannssohn Isla Ben Maflei nämlich hatte, als unsere Nilfahrt beendet war und wir voneinander in Kairo schieden, es sich nicht nehmen lassen, mich mit einer Sammlung von Dingen auszurüsten, die auf meinen weiteren Wanderungen als Geschenke dienen konnten, um mir dadurch Gefälligkeiten zu erwerben. Es waren lauter Gegenstände, welche nicht viel Platz wegnahmen und dabei an sich zwar keinen allzu großen Wert besaßen, bei den Bewohnern der Wüstenländer aber zu den größten Seltenheiten gehörten.
Während unserer Abwesenheit war eines der Zelte geräumt und für mich hergerichtet worden. Als ich von demselben Besitz genommen hatte, öffnete ich den Ledersack und nahm ein Medaillon hervor, unter dessen Glasdeckel ein kleines Teufelchen sich künstlich bewegte. Es war ganz auf dieselbe Weise gearbeitet, wie zum Beispiel die Manschettenknöpfe mit künstlichen Schildkröten und hing an einer Kette von Glasfacetten, die bei Licht oder Feuerschein in allen Regenbogenfarben funkelten. Der Schmuck hätte in Paris gewiß nicht mehr als zwei Francs gekostet. Ich zeigte ihn Halef.
Er warf einen Blick darauf und fuhr erschrocken zurück.
»Maschallah, Wunder Gottes! Das ist ja der Scheïtan, den Gott verfluchen möge! Sihdi, wie bekommst du den Teufel in deine Gewalt? La illa illa Allah, we Muhammed resul Allah! Behüte uns, Herr, vor dem dreimal gesteinigten Teufel; denn nicht ihm, sondern dir allein wollen wir dienen!«
»Er kann dir nichts thun, denn er ist fest eingeschlossen.«
»Er kann nicht heraus, wirklich nicht?«
»Nein.«
»Kannst du mir das bei deinem Barte versichern?«
»Bei meinem Barte!«
»So zeige einmal her, Sihdi! Aber wenn es ihm gelingt, heraus zu kommen, so bin ich verloren, und meine Seele komme über dich und deine Väter!«
Er faßte die Kette sehr vorsichtig mit den äußersten Fingerspitzen, legte das Medaillon auf den Erdboden und kniete nieder, um es genau zu betrachten.
»Wallahi – billahi – tallahi – bei Allah, es ist der Scheïtan! Siehst du, wie er das Maul aufreißt und die Zunge hervorstreckt? Er verdreht die Augen und wackelt mit den Hörnern; er ringelt den Schwanz, droht mit den Krallen und stampft mit den Füßen! O jazik – wehe, wenn er das Kästchen zertritt!«
»Das kann er nicht. Es ist ja nur eine künstlich verfertigte Figur!«
»Eine künstliche Figur, von Menschenhänden gemacht? Effendi, du täuschest mich, damit ich Mut bekommen soll. Wer kann den Teufel machen? Kein Mensch, kein Gläubiger, kein Christ und auch kein Jude! Du bist der größte Taleb und der kühnste Held, welchen die Erde trägt, denn du hast den Scheïtan bezwungen und in dieses enge Zindan[117] gesperrt! Hamdulillah, denn nun ist die Erde sicher vor ihm und seinen Geistern, und alle Nachkommen des Propheten können jauchzen und sich freuen über die Qualen, die er hier auszustehen hat! Warum zeigst du mir diese Kette, Sihdi?«
[117] Gefängnis.
»Du sollst sie deiner Braut zum Geschenk machen.«
»Ich – –?! Diese Kette, welche kostbarer ist, als alle Diamanten im Throne des großen Mogul? Wer diese Kette besitzt, der wird berühmt unter allen Söhnen und Töchtern der Gläubigen. Willst du sie wirklich verschenken?«
»Ja.«
»So sei gütig, Sihdi, und erlaube, daß ich sie für mich behalte! Ich werde dem Mädchen doch lieber mein Feuerzeug geben.«
»Nein, du giebst ihr diese Kette. Ich befehle es dir!«
»Dann muß ich gehorchen. Aber wo hast du sie und die andern Sachen gehabt, ehe du sie gestern in das Säckchen thatest?«
»Von Kahira bis hierher ist eine gefährliche Gegend, und darum habe ich diese Kostbarkeiten in den Beinen meiner Schalwars[118] bei mir getragen.«
[118] Weite, türkische Hosen.
»Sihdi, deine Klugheit und Vorsicht geht noch über die List des Teufels, den du gezwungen hast, in deinen Schalwars zu wohnen. Wann soll ich Hanneh die Kette geben?«
»Sobald sie dein Weib geworden ist.«
»Sie wird die berühmteste sein unter allen Benat el Arab[119], denn alle Stämme werden erzählen und rühmen, daß sie den Scheïtan gefangen hält. Darf ich auch die andern Schätze sehen?«
[119] Benat ist Plural von Bint, Tochter.
Es kam nicht dazu, denn der Scheik schickte jetzt und ließ mich und Halef zu sich bitten. Wir fanden in seinem Zelte alle Ateïbeh versammelt.
»Sihdi, hast du ein Pergament mitgebracht?« fragte Malek.
»Ich habe Papier, welches so gut ist wie Pergament.«
»Willst du den Vertrag schreiben?«
»Wenn du es wünschest, ja.«
»So können wir beginnen?«
Halef, an den diese Frage gerichtet war, nickte, und sogleich erhob sich einer der anwesenden Männer, um ihn zu fragen:
»Wie lautet dein voller, ganzer Name?«
»Ich heiße Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah.«
»Aus welchem Lande stammest du?«
»Ich stamme aus dem Garbi[120], wo die Sonne hinter der großen Wüste untergeht.«
[120] Westen.
»Zu welchem Stamme gehörst du?«
»Der Vater meines Vaters, welche beide Allah segnen möge, bewohnte mit dem berühmten Stamme der Uëlad Selim und Uëlad Bu Seba den großen Dschebel Schur-Schum.«
Der Frager, welcher jedenfalls ein Verwandter der Braut war, wandte sich nun an den Scheik.
»Wir alle kennen dich, o Tapferer, o Wackerer, o Weiser und Gerechter. Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed Chadid el Eini Ben Abul Ali el Besami Abu Schehab Abdolatif el Hanifi, ein Scheik des tapferen Stammes der Beni Ateïbeh. Hier dieser Mann ist ein Held vom Stamme Uëlad Selim und Uëlad Bu Seba, welcher auf den Bergen wohnt, die bis zum Himmel reichen und Dschebel Schur-Schum heißen. Er führt den Namen Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah und ist der Freund eines großen Effendi aus Frankistan, den wir als Gast in unserem Zelte aufgenommen haben. Du hast eine Tochter. Ihr Name ist Hanneh; ihr Haar ist wie Seide, ihre Haut wie Öl, und ihre Tugenden sind rein und glänzend wie die Flocken des Schnees, die auf dem Gebirge wehen. Halef Omar begehrt sie zum Weibe. Sage, o Scheik, was du dazu zu sagen hast!«
Der Angeredete imitierte ein würdevolles Nachdenken und antwortete dann:
»Du hast gesprochen, mein Sohn. Setze dich nun und höre auch meine Rede. Dieser Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah ist ein Held, dessen Ruhm schon vor Jahren bis zu uns gedrungen ist. Sein Arm ist unüberwindlich; sein Lauf gleicht dem der Gazelle; sein Auge hat den Blick des Adlers; er wirft den Dscherid mehrere hundert Schritte weit; seine Kugel trifft stets sicher, und sein Handschar hat das Blut schon vieler Feinde gesehen. Dazu hat er den Kuran gelernt und ist im Rate einer der Klügsten und Erfahrensten. Dazu hat ihn dieser gewaltige Bei der Franken seiner Freundschaft für wert gehalten – – warum sollte ich ihm meine Tochter verweigern, wenn er bereit ist, meine Bedingungen zu erfüllen?«
»Welche Bedingungen stellst du ihm?« fragte der vorige Sprecher.
»Das Mädchen ist die Tochter eines mächtigen Scheik, daher kann er sie um keinen gewöhnlichen Preis haben. Ich fordere eine Stute, fünf Reitkamele, zehn Lastkamele und fünfzig Schafe.«
Bei diesen Worten machte Halef ein Gesicht, als ob er diese fünfzig Schafe, zehn Last- und fünf Reitkamele samt der Stute soeben mit Haut und Haar verschlungen habe. Woher sollte er diese Tiere nehmen? Glücklicherweise fuhr der Scheik fort: