Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I

Chapter 16

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»Jetzt zeige diesem Sihdi, wie er aufzusteigen hat!«

Er that es, und ich trat dann dem Kamel, welches Albani tragen sollte, auf die zusammengezogenen Vorderbeine.

»Passen Sie auf! Sobald Sie den Sattel berühren, geht das Hedjihn in die Höhe, und zwar vorn zuerst, so daß Sie nach hinten geworfen werden. Dann erhebt es sich hinten, und Sie stoßen nach vorn. Diese beiden Stöße müssen Sie durch die entgegengesetzte Bewegung Ihres Körpers unschädlich zu machen suchen.«

»Ich will es versuchen.«

Er faßte an und schwang sich auf. Sofort erhob sich das Tier, trotzdem ich meinen Fuß nicht von seinen Beinen genommen hatte. Der gute Schnadahüpfelsänger flog nach hinten, fiel aber nicht, weil er sich vorn fest anklammerte; doch jetzt schnellte das Kamel sich hinten in die Höhe, und da er die Hände noch immer vorn hatte, so flog er ganz regelrecht aus dem Sattel und über den Kopf des Kamels hinweg herunter in den Sand.

»Potz tausend, das Ding ist gar nicht so leicht!« meinte er, indem er sich erhob und die Achsel rieb, mit welcher er aufgestoßen war. »Aber hinauf muß ich doch. Bringen Sie das Tier wieder zum Knieen!«

»Rrree!«

Auf diesen Zuruf legte es sich wieder. Der zweite Versuch gelang, obgleich der Reiter zwei derbe Stöße auszuhalten hatte. Ich mußte dem Verleiher noch einen Verweis geben:

»Dewedschi, kannst du ein Dschemmel reiten?«

»Ja, Herr.«

»Und auch lenken?«

»Ja.«

»Nein, du kannst es nicht, denn du weißt ja nicht einmal, daß ein Metrek[87] dazu gehört!«

[87] Ein kleines, nach außen umgebogenes Stöckchen.

»Verzeihe, Herr!«

Er gab einen Wink, und die Stäbchen wurden herbeigebracht. Jetzt stieg auch ich auf.

Wir machten nun allerdings ganz andere Figuren, als es der Fall gewesen wäre, wenn wir uns mit den abgetriebenen Lastkamelen begnügt hätten. Unsere jetzigen Sättel waren sehr hübsch mit Troddeln und bunter Stickerei verziert und die Decken so groß, daß sie die Tiere ganz bedeckten. Wir ritten hinaus auf die Straße.

»Wohin?« fragte ich Albani.

»Das überlasse ich Ihnen.«

»Gut; also zum Bab el Medina hinaus!«

Mein neuer Bekannter zog die Blicke der uns Begegnenden auf sich; seine Kleidung war zu auffällig. Ich lenkte daher durch mehrere Seitenstraßen und brachte uns nach einigen Umwegen glücklich zum Thore hinaus. Dort ritten wir im Schritte durch die Ansiedelungen der Nubier und Habeschaner und gelangten dann sofort in die Wüste, welche sich ohne einen Pflanzenübergangsgürtel bis direkt an das Weichbild aller Städte des Hedschas erstreckt.

Bis hierher hatte sich Albani sehr leidlich im Sattel gehalten. Nun aber fielen unsere Kamele ganz freiwillig in jenen Bärentrott, der ihre gewöhnliche Gangart ist und durch welchen jeder Neuling in die eigentümliche Lage versetzt wird, die Seekrankheit kennen zu lernen, auch ohne einen Tropfen Salzwasser gesehen zu haben. Während der ersten Schritte lachte er über sich selbst. Er besaß nicht das Geschick, durch eigene Bewegungen die Stöße zu mildern, welche ihm sein Tier erteilte; er schwankte herüber, hinüber, nach hinten und nach vorn; seine lange, arabische Flinte war ihm im Wege, und sein riesiger Sarras schlug klirrend an die Seite des Kameles. Er nahm ihn also zwischen die Beine, schnalzte mit den Fingern und sang:

»Mei Sabel klippert, mei Sabel klappert, Mei Sabel macht mir halt Müh, Und das Kamel wickelt, das Kamel wackelt, Das Kamel is ein sakrisch Vieh!«

Da gab ich meinem Tiere einen leichten Schlag auf die Nase: es stieg empor und schoß dann vorwärts, daß der Sand mehrere Ellen hoch hinter mir aufwirbelte. Die beiden anderen Kamele folgten natürlich, und nun war es mit dem Singen aus. Albani hatte den Lenkstab in der linken und die Flinte in der rechten Faust und gebrauchte diese beiden Gegenstände als Balancestangen, indem er die Arme in der Luft herumwirbelte, um das Gleichgewicht zu erhalten. Er bot einen komischen Anblick dar.

»Hängen Sie das Schießeisen über und halten Sie sich mit den Händen am Sattel fest!« rief ich ihm zu.

»Hat sich sein – – hopp! – – hat sich sein – – öh, brrr, ah! – hat sich sein Überhängen! Ich habe ja gar kei– – – hopp, au! – – gar keine Zeit dazu! Halten Sie doch Ihr ver– – hoppsa, öh, brr! – Ihr verwünschtes Viehzeug an!«

»Ich verkomme ja mit ihm!«

»Ja, aber das mei– – oh, brrr, öh! – das meinige rennt ihm ja wie bes– – hüh, hoppah! – wie besessen nach!«

»Halten Sie es an!«

»Mit was denn?«

»Mit dem Fuß und dem Zügel!«

»Den Fuß, den bringe ich ja gar nicht in – – hoppsa! – nicht in die Höhe, und den Zügel, den habe – – halt – öh, halt öh! – den habe ich nicht mehr!«

»So müssen Sie warten, bis das Tier von selber steht.«

»Aber ich habe gar kei– – – brrrr, oh! gar keinen Atem mehr!«

»So machen Sie den Mund auf; es ist Luft genug da!«

Ich wandte mich wieder vorwärts und horchte nicht mehr auf seine Interjektionen. Er befand sich in guten Händen, da Halef an seiner Seite ritt.

Wir hatten nach kurzer Zeit eine kleine Bodenanschwellung hinter uns, und nun breitete sich die offene Ebene vor uns aus. Albani schien sich nach und nach im Sattel zurecht zu finden: er klagte nicht mehr. So hatten wir in der Zeit von einer Stunde vielleicht zwei deutsche Meilen zurückgelegt, als vor uns die Gestalt eines einzelnen Reiters auftauchte. Er war wohl eine halbe Meile von uns entfernt und ritt dem Anschein nach ein ausgezeichnetes Kamel, denn der Raum verschwand förmlich zwischen ihm und uns, und nach kaum zehn Minuten hielten wir einander gegenüber.

Er trug die Kleidung eines wohlhabenden Beduinen und hatte die Kapuze seines Burnus weit über das Gesicht gezogen. Sein Kamel war mehr wert als unsere drei zusammen.

»Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir!« grüßte er mich, während er die Hand entblößte, um die Verhüllung zu entfernen.

»Aaleïkum!« antwortete ich. »Welches ist dein Weg hier in der Wüste?«

Seine Stimme hatte weich geklungen, fast wie die Stimme eines Weibes; seine Hand war zwar braun, aber klein und zart, und als er jetzt die Kapuze entfernte, erblickte ich ein vollständig bartloses Angesicht, aus welchem mich zwei große, braune Augen lebhaft musterten – es war kein Mann, sondern eine Frau.

»Mein Weg ist überall,« antwortete sie. »Wohin führt dich der deinige?«

»Ich komme von Dschidda, will mein Tier ausreiten und dann wieder nach der Stadt zurückkehren.«

Ihr Angesicht verfinsterte sich, und ihr Blick schien mißtrauisch zu werden.

»So wohnest du in der Stadt?«

»Nein; ich bin fremd in derselben.«

»Du bist ein Pilger?«

Was sollte ich antworten? Ich hatte die Absicht gehabt, hier für einen Muhammedaner zu gelten; aber da ich direkt befragt wurde, so fiel es mir nicht ein, mit einer Lüge zu antworten.

»Nein; ich bin kein Hadschi.«

»Du bist fremd in Dschidda und kommst doch nicht her, um nach Mekka zu gehen? Entweder warst du früher in der heiligen Stadt, oder du bist kein Rechtgläubiger.«

»Ich war noch nicht in Mekka, denn mein Glaube ist nicht der eurige.«

»Bist du ein Jude?«

»Nein; ich bin ein Christ.«

»Und diese beiden?«

»Dieser ist ein Christ wie ich, und dieser ist ein Moslem, der nach Mekka gehen will.«

Da hellte sich ihr Gesicht plötzlich auf, und sie wandte sich an Halef.

»Wo ist deine Heimat, Fremdling?«

»Im Westen, weit von hier, hinter der großen Wüste.«

»Hast du ein Weib?«

Er erstaunte gerade so wie ich über diese Frage, welche auszusprechen ganz gegen die Sitte des Orients war. Er antwortete:

»Nein.«

»Bist du der Freund oder der Diener dieses Effendi?«

»Ich bin sein Diener und sein Freund.«

Da wandte sie sich wieder zu mir:

»Sihdi, komm und folge mir!«

»Wohin?«

»Bist du ein Schwätzer, oder fürchtest du dich vor einem Weibe?«

»Pah! Vorwärts!«

Sie wandte ihr Kamel und ritt auf derselben Spur zurück, welche die Füße des Tieres vorher im Sande zurückgelassen hatten. Ich hielt mich an ihrer Seite, und die andern beiden blieben hinter uns.

»Nun,« fragte ich zu Albani zurück, »hatte ich nicht recht mit dem Abenteuer, welches ich Ihnen vorhersagte?«

Albani sang statt der Antwort:

»Dös Dirndel ist sauba Vom Fuaß bis zum Kopf, Nur am Hals hat’s a Binkerl, Dös hoaßt ma an Kropf.«

Das Weib war allerdings nicht mehr jugendlich, und die Strahlen der Wüstensonne, sowie die Strapazen und Entbehrungen hatten ihr Angesicht gebräunt und demselben bereits Furchen eingegraben; aber einst war sie gewiß nicht häßlich gewesen, das sah man ihr heute noch sehr deutlich an. Was führte sie so ganz allein in die Wüste? Warum hatte sie den Weg nach Dschidda eingeschlagen und kehrte nun mit uns zurück? Warum war sie sichtlich erfreut gewesen, als sie hörte, daß Halef nach Mekka gehen wolle, und warum sagte sie nicht, wohin sie uns führen werde? – Sie war mir ein Rätsel. Sie trug eine Flinte und an ihrem Gürtel einen Yatagan; ja, in den Sattelriemen des Kameles hatte sie sogar einen jener Wurfspieße stecken, welche in der Hand eines gewandten Arabers so gefährlich sind. Sie machte ganz den Eindruck einer selbständigen, furchtlosen Amazone, und dieses letztere Wort war ganz am Platze, da solche kriegerische Frauen in manchen Gegenden des Orients öfter zu sehen sind, als im Abendlande, wo dem Weibe doch eine freiere Stellung gewährt ist.

»Was ist das für eine Sprache?« fragte sie, als sie die Antwort Albanis hörte.

»Die Sprache der Deutschen.«

»So bist du ein Nemtsche?«

»Ja.«

»Die Nemtsche müssen tapfere Leute sein.«

»Warum?«

»Der tapferste Mann war der ›Sultan el Kebihr‹, und dennoch haben ihn die Nemtsche-schimakler[88], die Nemtsche-memleketler[89] und die Moskowler besiegt. Warum werde ich von deinem Auge so scharf betrachtet?«

[88] Nördlichen Deutschen.

[89] Österreicher.

Sie hatte also von Napoleon und von dem Ausgang der Freiheitskriege gehört; sie hatte sicher eine nicht gewöhnliche Vergangenheit hinter sich.

»Verzeihe mir, wenn mein Auge dich beleidigt hat,« antwortete ich. »Ich bin nicht gewohnt, in deinem Lande ein Weib so kennen zu lernen, wie dich.«

»Ein Weib, welches Waffen trägt? Welches Männer tötet? Welches sogar seinen Stamm regiert? Hast du nicht von Ghalië gehört?«

»Ghalië?« fragte ich, mich besinnend; »war sie nicht vom Stamme Begum?«

»Ich sehe, daß du sie kennst.«

»Sie war der eigentliche Scheik ihres Stammes und schlug in der Schlacht bei Taraba die Truppen des Mehemed Ali, welche Tunsun-Bei kommandierte?«

»So ist es. Siehst du nun, daß auch ein Weib sein darf wie ein Mann?«

»Was sagt der Kuran dazu?«

»Der Kuran?« fragte sie mit einer Gebärde der Geringschätzung. »Der Kuran ist ein Buch; hier habe ich meinen Yatagan, mein Tüfenk[90] und meinen Dscherid[91]. Woran glaubst du? An das Buch oder an die Waffen?«

[90] Flinte.

[91] Wurfspieß.

»An die Waffen. Du siehst also, daß ich kein Giaur bin, denn ich denke ganz dasselbe, was du denkst.«

»Glaubst du auch an deine Waffen?«

»Ja; noch viel, viel mehr aber an das Kitab-aziz[92] der Christen.«

[92] Heiliges Buch.

»Ich kenne es nicht, aber deine Waffen sehe ich.«

Das war nun allerdings ein Kompliment für mich, da der Araber gewohnt ist, den Mann nach den Waffen zu beurteilen, welche er trägt. Sie fuhr fort:

»Wer hat mehr Feinde getötet, du oder dein Freund?«

Kam es auf die Waffen an, so mußte Albani allerdings bedeutend tapferer sein als ich; dennoch war ich überzeugt, daß der gute Triester mit seinem Sarras gewiß noch keinem Menschen gefährlich geworden sei. Ich antwortete aber ausweichend:

»Ich habe mit ihm noch nicht darüber gesprochen.«

»Wie viele Male hast du eine Intikam[93] gehabt?«

[93] Blutrache.

»Noch nie. Mein Glaube verbietet mir, selbst meinen Feind zu töten; er wird getötet durch das Gesetz.«

»Aber wenn jetzt Abu-Seïf käme und dich töten wollte?«

»So würde ich mich wehren und ihn im Notfalle töten, denn die Notwehr ist hier erlaubt. Aber du sprichst vom ›Vater des Säbels‹; kennst du ihn?«

»Ich kenne ihn. Auch du nennst seinen Namen; hast du von ihm gehört?«

»Ich habe nicht bloß von Abu-Seïf gehört, sondern ihn gesehen.«

Sie wandte sich mit einer raschen Bewegung zu mir herum.

»Gesehen? Wann?«

»Vor noch nicht vielen Stunden.«

»Und wo?«

»Zuletzt auf seinem Schiffe. Ich war sein Gefangener und bin ihm gestern entflohen.«

»Wo ist sein Schiff?«

Ich deutete die Richtung an, in der ich es noch vermuten mußte.

»Dort liegt es in einer Bucht versteckt.«

»Und er ist darauf?«

»Nein. Er ist in Mekka, um dem Großscherif ein Geschenk zu bringen.«

»Der Großscherif ist nicht in Mekka, sondern in Taïf. Ich habe dir eine große Botschaft zu verdanken. Komm!«

Sie trieb ihr Dschemmel zu größerer Eile an und lenkte nach einiger Zeit nach rechts ein, wo eine Reihe von Bodenerhebungen am Horizonte sichtbar wurde. Als wir näher kamen, bemerkte ich, daß dieser Höhenzug aus demselben schönen grauen Granit bestand, wie ich ihn später bei Mekka wieder fand. In einer Thalmulde standen einige Zelte. Sie deutete mit der Hand auf dieselben und meinte:

»Dort wohnen sie.«

»Wer?«

»Die Beni-küfr[94] vom Stamme der Ateïbeh.«

[94] Verfluchten.

»Ich denke, die Ateïbeh wohnen in El Zallaleh, Taleh und dem Wadi el Nobejat?«

»Du bist recht berichtet; aber komm. Du sollst alles erfahren!«

Vor den Zelten lagen wohl an die dreißig Kamele nebst einigen Pferden am Boden, und eine Anzahl dürrer, struppiger Wüstenhunde erhob bei unserem Nahen ein wütendes Geheul, infolgedessen die Insassen der Zelte hervortraten. Sie hatten ihre Waffen ergriffen und zeigten ein sehr kriegerisches Aussehen.

»Wartet hier!« befahl die Gebieterin.

Sie ließ ihr Kamel niederknieen, stieg ab und trat zu den Männern. Mein Gespräch mit ihr war weder von Albani noch von Halef vernommen worden.

»Sihdi,« fragte Halef, »zu welchem Stamme gehören diese Leute?«

»Zum Stamme Ateïbeh.«

»Ich habe von ihm gehört. Zu ihm zählen die tapfersten Männer dieser Wüste, und keine Pilgerkarawane ist vor ihren Kugeln sicher. Sie sind die größten Feinde der Dscheheïne, zu denen Abu Seïf gehört. Was will das Weib von uns?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»So werden wir es erfahren. Aber halte deine Waffen bereit, Sihdi; ich traue ihnen nicht, denn es sind Ausgestoßene und Verfluchte.«

»Woran erkennst du dies?«

»Weißt du nicht, daß alle Bedawis[95], welche in der Gegend von Mekka wohnen, die Tropfen von den Wachslichtern, die Asche von dem Räucherholze und den Staub von der Thürschwelle der Kaaba sammeln und sich damit die Stirn einreiben? Diese Männer hier aber haben nichts an ihren Stirnen; sie dürfen nicht nach Mekka und nicht zur Kaaba; sie sind verflucht.«

[95] Beduinen.

»Aus welchem Grunde kann man sie ausgestoßen haben?«

»Das werden wir vielleicht von ihnen erfahren.«

Unterdessen hatte die Frau einige Worte zu den Männern gesprochen, worauf einer von ihnen sich uns näherte. Er war ein Greis von ehrwürdigem Aussehen.

»Allah segne Eure Ankunft! Steigt ab und tretet in unsere Zelte. Ihr sollt unsere Gäste sein.«

Diese letztere Versicherung gab mir die Überzeugung, daß wir keinerlei Gefahr bei ihnen zu fürchten hätten. Hat der Araber einmal das Wort Misafir[96] ausgesprochen, so darf man ihm vollständiges Vertrauen schenken. Wir stiegen von unseren Tieren und wurden in eines der Zelte geführt, wo wir uns auf dem Serir[97] niederließen und mit einem frugalen Mahle bewirtet wurden.

[96] Gast.

[97] Niedriges Holzgestell, mit Matten belegt.

Während wir aßen, ward kein Wort gesprochen. Dann aber wurde uns je ein Bery gereicht, und während wir den scharfen Tombaktabak rauchten, der wohl aus Bagdad oder Basra stammte, begann die Unterhaltung.

Daß wir nur ein Bery erhielten, war ein sicherer Beweis, daß diese Leute keine Reichtümer besaßen. In der Gegend der heiligen Stadt raucht man nämlich aus dreierlei Pfeifensorten. Die erste und kostbarste Sorte ist der Khedra. Er ruht gewöhnlich auf einem Dreifuß, besteht aus gediegenem, schön ciseliertem Silber und ist mit einem langen Schlauch versehen, welcher Leiëh genannt wird und je nach dem Reichtume des Besitzers mit Edelsteinen oder anderem Schmucke geziert ist. Aus dem Khedra raucht man meist nur den köstlichen Tabak von Schiras. Die zweite Art der Pfeifen ist der Schischeh. Er ist dem Khedra ziemlich ähnlich, nur etwas kleiner und weniger kostbar. Die dritte und gewöhnlichste Sorte ist der Bery. Er besteht aus einer mit Wasser gefüllten Kokosschale, in welcher der Kopf und – statt des Schlauches – ein Rohr befestigt wird.

Es waren über zwanzig Männer in dem Zelte. Der Alte, welcher uns begrüßt hatte, führte das Wort:

»Ich bin der Scheik el Urdi[98] und habe mit dir zu reden, Sihdi. Die Sitte verbietet, den Gast mit Fragen zu quälen; aber ich werde dich dennoch nach einigem fragen müssen. Erlaubst du mir es?«

[98] Gebieter des Lagers.

»Ich erlaube es.«

»Du gehörst zu den Neßarah?«

»Ja, ich bin ein Christ.«

»Was thust du hier im Lande der Gläubigen?«

»Ich will dieses Land und seine Bewohner kennen lernen.«

Er machte ein sehr zweifelvolles Gesicht.

»Und wenn du es kennen gelernt hast, was thust du dann?«

»Ich kehre in meine Heimat zurück.«

»Allah akbar, Gott ist groß, und die Gedanken der Neßarah sind unerforschlich! Du bist mein Gast, und ich werde glauben, was du sagest. Ist dieser Mann dein Diener?«

Er deutete dabei auf Halef.

»Er ist mein Diener und mein Freund.«

»Mein Name ist Malek. Du hast mit Bint-Scheik-Malek[99] gesprochen; sie sagte mir, daß dein Diener nach Mekka gehen wolle, um ein Hadschi zu werden.«

[99] Tochter des Scheik Malek.

»Sie hat dir das Rechte gesagt.«

»Du wirst auf ihn warten, bis er zurückkehrt?«

»Ja.«

»Wo?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»Du bist ein Fremdling, aber du kennst die Sprache der Gläubigen. Weißt du, was ein Delyl ist?«

»Ein Delyl ist ein Führer, welcher das Gewerbe treibt, den Pilgern die heiligen Orte und die Merkwürdigkeiten von Mekka zu zeigen.«

»Du weißt es. Aber ein Delyl betreibt auch noch ein anderes Geschäft. Es ist den ledigen Frauen verboten, die heilige Stadt zu betreten. Wenn nun eine Jungfrau nach Mekka will, so geht sie nach Dschidda und vermählt sich der Form nach mit einem Delyl. Er bringt sie als sein Weib nach Mekka, wo sie die Faradh und Wadschib[100] erfüllt; wenn dies geschehen ist, giebt er sie wieder los; sie bleibt eine Jungfrau, und er wird für seine Mühe bezahlt.«

[100] Unerläßliche und erforderliche Handlungen.

»Auch dies weiß ich.«

Die Einleitung des alten Scheik machte mich neugierig. Welche Absichten leiteten ihn, die Pilgerfahrt Halefs mit dem Amte eines Delyl in Verbindung zu bringen? Ich sollte es sofort erfahren, denn ohne jeden Übergang bat er:

»Erlaube deinem Diener, für die Zeit seiner Hadsch ein Delyl zu sein!«

Das war überraschend.

»Wozu?« fragte ich ihn.

»Das werde ich dir sagen, nachdem du die Erlaubnis ausgesprochen hast.«

»Ich weiß nicht, ob er darf. Die Delyls sind Beamte, welche jedenfalls von der Behörde eingesetzt werden.«

»Wer will ihm verbieten, eine Jungfrau zu heiraten und sie nach der Pilgerfahrt wieder frei zu geben?«

»Das ist richtig. Was mich betrifft, so gebe ich meine Erlaubnis gern, wenn du denkst, daß sie erforderlich ist. Er ist ein freier Mann; du mußt dich an ihn selbst wenden.«

Es war ein förmlicher Genuß, das Gesicht meines guten Halef zu beobachten. Er war ganz verdutzt.

»Willst du es thun?« fragte ihn der Alte.

»Darf ich das Mädchen vorher sehen?«

Der Scheik lächelte ein wenig und antwortete dann:

»Warum willst du sie vorher sehen? Ob sie alt ist oder jung, ob schön oder häßlich, das ist ganz gleichgültig; denn du wirst sie nach der Hadsch doch wieder freigeben.«

»Sind die Benaht el Arab[101] wie die Töchter der Türken, welche sich nicht sehen lassen dürfen?«

[101] Töchter der Araber.

»Die Töchter der Araber brauchen ihr Gesicht nicht zu verbergen. Du sollst das Mädchen sehen.«

Auf seinen Wink erhob sich einer der Anwesenden vom Boden und verließ das Zelt. Nach kurzer Zeit trat er mit einem Mädchen ein, dessen Ähnlichkeit mit der Amazone mich erraten ließ, daß diese die Mutter desselben sei.

»Das ist sie; blicke sie an!« sagte der Scheik.

Halef machte von dieser Erlaubnis einen sehr ausgiebigen Gebrauch. Die vielleicht fünfzehnjährige, aber bereits vollständig erwachsene dunkeläugige Schöne schien ihm zu gefallen.

»Wie heißest du?« fragte er sie.

»Hanneh[102],« antwortete sie.

[102] Anna.

»Dein Auge glänzt wie Nur el Kamar[103]; deine Wangen leuchten wie Zahari[104]; deine Lippen glühen wie Römmahm[105], und deine Wimpern sind schattig wie die Blätter von el Szemt[106]. Mein Name lautet Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah, und wenn ich kann, so werde ich deinen Wunsch erfüllen.«

[103] Licht des Mondes.

[104] Blumen.

[105] Granatäpfel.

[106] Akazie.

Die Augen meines Halef leuchteten auch, aber nicht bloß wie Nur el Kamar, sondern wie Nur esch Schemms[107]; seine Sprache trieb poetische Blüten; vielleicht stand er am Rande desselben Abgrundes, welcher die Hadschi-Hoffnungen seines Vaters und Großvaters, weiland Abul Abbas und Dawud al Gossarah, verschlungen hatte: der Abgrund der Liebe und der Ehe.

[107] Sonnenlicht.

Das Mädchen entfernte sich wieder und der Scheik fragte ihn:

»Wie lautet dein Entschluß?«

»Frage meinen Herrn. Wenn er nicht abrät, werde ich deinen Wunsch erfüllen.«

»Dein Herr hat bereits gesagt, daß er dir die Erlaubnis giebt.«

»So ist es!« stimmte ich bei. »Aber sage uns nun auch, warum dieses Mädchen nach Mekka soll und warum sie sich nicht in Dschidda einen Delyl sucht?«

»Kennst du Achmed-Izzet-Pascha?«

»Den Gouverneur von Mekka?«

»Ja, du mußt ihn kennen, denn jeder Fremdling, der Dschidda betritt, stellt sich ihm vor, um seinen Schutz zu erhalten.«

»Er wohnt also in Dschidda? Ich bin nicht bei ihm gewesen; ich brauche nicht den Schutz eines Türken.«

»Du bist zwar ein Christ, aber du bist ein Mann. Der Schutz des Pascha ist nur gegen hohen Preis zu erhalten. Ja, er wohnt nicht in Mekka, wohin er eigentlich gehört, sondern in Dschidda, weil dort der Hafen ist. Sein Gehalt beträgt über eine Million Piaster, aber er weiß sein Einkommen bis auf das Fünffache zu bringen. Ihm muß jeder zahlen, sogar der Schmuggler und der Seeräuber, und darum eben wohnt er in Dschidda. Man sagte mir, daß du Abu-Seïf gesehen hast?«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Nun, dieser Räuber ist ein guter Bekannter des Pascha.«

»Nicht möglich!«

»Warum nicht? Was ist vorteilhafter: einen Dieb zu töten, oder ihn leben zu lassen, um eine Rente von ihm zu beziehen? Abu-Seïf ist ein Dscheheïne; ich bin ein Ateïbeh. Diese beiden Stämme leben in Todfeindschaft; dennoch wagte er es, sich an unser Duar[108] zu schleichen und mir meine Tochter zu rauben. Er zwang sie, sein Weib zu sein; aber sie entkam ihm einst und brachte mir ihre Tochter mit zurück. Du hast beide gesehen: mit meiner Tochter bist du angekommen, und die ihrige war soeben hier im Zelte. Seit jener Zeit suche ich ihn, um mit ihm abzurechnen. Einmal habe ich ihn gefunden; das war im Seraj[109] des Statthalters. Dieser schützte den Räuber und ließ ihn entkommen, während ich vor dem Thore auf ihn lauerte. Später einmal sandte mich der Scheik meines Stammes mit diesen Männern hier nach Mekka, um eine Opfergabe nach der Kaaba zu bringen. Wir lagerten nicht weit von der Pforte er Ramah; da sah ich Abu-Seïf mit einigen seiner Leute kommen; er wollte das Heiligtum besuchen. Der Zorn übermannte mich; ich ergriff ihn, trotzdem bei der Kaaba jeder Streit verboten ist. Ich wollte ihn nicht töten, sondern ihn nur zwingen, mir zu folgen, um draußen vor der Stadt mit ihm zu kämpfen. Er wehrte sich, und seine Männer halfen ihm. Es entspann sich ein Kampf, der damit endete, daß die Eunuchen herbeieilten und uns gefangen nahmen, ihm aber und den Seinigen die Freiheit ließen. Zur Strafe wurden uns die heiligen Orte verboten. Unser ganzer Stamm wurde verflucht und mußte uns ausstoßen, um des Fluches wieder ledig zu werden. Nun sind wir geächtet. Aber wir werden uns rächen und diese Gegend verlassen. Du bist ein Gefangener von Abu-Seïf gewesen?«

[108] Zeltdorf.

[109] Palast.

»Ja.«

»Erzähle es!«

Ich gab ihm einen kurzen Bericht über das Abenteuer.