Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I
Chapter 15
Nicht weit von der Kaserne, welche in der Nähe des Bab el Medina liegt, befindet sich der Kirchhof, auf welchem das Grab unserer Stammmutter gezeigt wird. Dieses ist sechzig Meter oder beinahe neunzig preußische Ellen lang und trägt auf seiner Mitte eine kleine Moschee.
Daß es in Dschidda von Bettlern wimmelt, ist nicht zu verwundern. Den größten Beitrag dazu liefert Indien. Während die armen Pilger aus andern Ländern sich Arbeit suchen, um sich das Reisegeld zur Rückkehr zu verdienen, ist der Indier zu träge dazu. Wer einem jeden geben wollte, würde bald selbst ein Bettler sein. Vom Kirchhofe weg ging ich nach dem Hafen und schritt langsam am Wasser hin. Ich dachte über die Möglichkeit nach, Mekka sehen zu können, und merkte kaum, daß es immer einsamer um mich wurde. Da plötzlich – ist’s möglich oder nicht? erklang es vom Wasser her:
»Jetzt geh’ i zum Soala Und kaf ma an Strick, Bind ’s Diandl am Buckl, Trog’s überall mit.«
Ein »G’sangl« aus der Heimat! Hier in Dschidda! Ich blickte mich um und sah einen Kahn, in welchem zwei Männer saßen. Der eine war ein Eingeborener. Seine Hautfarbe und seine Kleidung bezeichneten ihn als einen Hadharemieh; gewiß gehörte ihm der Kahn. Der andere stand aufrecht in dem kleinen Fahrzeuge und bildete eine ganz wunderbare Figur. Er hatte einen blauen Turban auf, trug rote, türkische Pumphosen und über diesen einen europäischen Rock von etwas veraltetem Schnitt; ein gelbseidenes Tuch war um den Hals geschlungen, und aus diesem Tuche stachen rechts und links zwei Dschebel-pambuk-bezi von der Sorte hervor, welche in der lieben Heimat den Namen »Vatermörder« zu tragen pflegt. Um die sehr umfangreiche Taille hatte der Mann einen Sarras geschlungen, dessen Scheide so dick war, daß man drei Klingen in ihr vermuten konnte.
Dies war der Sänger. Er hatte bemerkt, daß ich vor Überraschung stehen geblieben war, und mochte denken, einen sangesfrohen Beduinen vor sich zu haben; denn er hielt die linke Hand an den Mund, drehte sich noch besser nach rechts herum und sang:
»Und der Türk und der Ruß, Die zwoa gehn mi nix o’, Wann i no mit der Gret’l Koan Kriegshandl ho’!«
Das war eine Freude für mich, viel größer noch wie damals, als der Jüterbogker Hamsad al Dscherbaja mich im Hause am Nil mit seinem Liede überrascht hatte! Auch ich legte die Hand an den Mund.
»Türkü tschaghyr-durmak – sing weiter!« rief ich hinüber.
Ob er mich verstanden hatte, wußte ich nicht, aber er ließ sich sofort nochmals hören:
»Zwischen deiner und meiner Is a weite Gass’n; Bua, wennst mi nöt magst, Kannst es bleiben lass’n!«
Jetzt mußte ich den Jodler auch probieren:
»Zwischen deiner und meiner Is a enge Gass’n; Bua, wennst mi gern magst, Kannst herrudern lass’n!«
Da stieß er einen lauten Juchzer aus, riß den Turban vom Haupte, den Sarras aus der Scheide, und schwenkte Turban und Säbel hoch in der Luft; dann brachte er diese beiden Gegenstände wieder an Ort und Stelle, griff in das Steuer und lenkte dem Ufer zu.
Ich war ihm entgegengegangen. Er sprang ans Land, blieb aber doch ein wenig verblüfft stehen, als er mich näher betrachtete.
»Ein Türke, der deutsch reden kann?« fragte er zweifelhaft.
»Nein, sondern ein Deutscher, der ein bißchen Türkisch probiert.«
»Also wirklich! Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Aber Sie sehen wahrhaftig wie ein Araber aus. Darf ich fragen, was Sie sind?«
»Ein Schriftsteller. Und Sie?«
»Ein – ein – – – ein – – hm, Violinist, Komiker, Schiffskoch, Privatsekretär, #bookkeeper#[79], Ehemann, #merchant#[80], Witwer, Rentier und jetzt Tourist nach Hause zu.«
[79] Buchhalter.
[80] Kaufmann.
Er brachte das mit einer so überwältigenden Grandezza vor, daß ich lachen mußte.
»Da haben Sie allerdings viel erfahren! Also nach Hause wollen Sie?«
»Ja, nämlich nach Triest, wenn ich nicht etwa unterwegs mich anders besinne. Und Sie?«
»Ich sehe die Heimat wohl erst nach einigen Monaten wieder. Was thun Sie hier in Dschidda?«
»Nichts. Und Sie?«
»Nichts. Wollen wir einander helfen?«
»Natürlich, wenn es Ihnen nämlich recht ist!«
»Das versteht sich! Haben Sie eine Wohnung?«
»Ja, schon seit vier Tagen.«
»Und ich seit ungefähr so vielen Stunden.«
»So sind Sie noch nicht eingerichtet. Darf ich Sie zu mir einladen?«
»Freilich! Für wann?«
»Für jetzt gleich. Kommen Sie! Es ist gar nicht weit.«
Er griff in die Tasche und lohnte seinen Bootsmann ab, dann schritten wir nach dem Hafen zurück. Unterwegs wurden nur allgemeine Bemerkungen ausgetauscht, bis wir an ein einstöckiges Häuschen kamen, in welches er trat. Es wurde durch den Eingang in zwei Hälften geteilt. Er öffnete die Thür zur rechten Seite, und wir traten in ein kleines Gemach, dessen einziges Möbel aus einem niederen, hölzernen Gerüste bestand, über welches eine lange Matte ausgebreitet war.
»Das ist meine Wohnung. Willkommen! Nehmen Sie Platz!«
Wir schüttelten einander nochmals die Hände, und ich setzte mich auf das Serir, während er in einen nebenan liegenden Raum trat und einen großen Koffer öffnete, der in demselben stand.
»Bei einem solchen Gaste darf ich meine Herrlichkeiten doch nicht schonen,« rief er mir zu. »Passen Sie auf, was ich Ihnen bringe!«
Es waren allerdings lauter Herrlichkeiten, die er mir vorsetzte:
»Hier ein Topf mit Apfelschnitten, gestern abend in der Kaffeemaschine gekocht; es ist das beste, was man in dieser Hitze genießen kann. Hier zwei Pfannkuchen, dort in der Tabaksbüchse gebacken – jeder einen. Da noch ein Rest englisches Weizenbrot – ein bißchen altbacken, geht aber noch. Sie haben gute Zähne, wie ich sehe. Dazu diese halbe Bombaywurst – riecht vielleicht ein wenig, thut aber nichts. In dieser Flasche ist echter, alter Cognac; wenn auch kein Wein, aber immer besser als Wasser; ein Glas habe ich nicht mehr, ist aber auch nicht notwendig. Nachher in dieser Büchse – – schnupfen Sie?«
»Leider nein.«
»Schade! Er ist ausgezeichnet. Aber Sie rauchen?«
»Gern.«
»Hier! Es sind nur noch elf Stück; die teilen wir – Sie zehne und ich eine.«
»Oder umgekehrt!«
»Geht nicht.«
»Wollen es abwarten. Und dort in dieser Blechkapsel, was haben Sie da?«
»Raten Sie!«
»Zeigen Sie einmal her!«
Er gab mir die Kapsel und ich roch daran.
»Käse!«
»Erraten! Leider fehlt die Butter. Nun langen Sie zu! Ein Messer haben Sie jedenfalls; hier ist auch eine Gabel.«
Wir aßen mit Lust.
»Ich bin ein Sachse,« sagte ich und nannte ihm meinen Namen. »Sie sind in Triest geboren?«
»Ja. Ich heiße Martin Albani. Mein Vater war seines Zeichens ein Schuster. Ich sollte etwas besseres werden, nämlich ein Kaufmann, hielt es aber lieber mit meiner Geige als mit den Ziffern und so weiter. Ich bekam eine Stiefmutter; na – Sie wissen, wie es dann herzugehen pflegt. Ich hatte den Vater sehr lieb, wurde aber mit einer Preßnitzer Harfenistengesellschaft bekannt und schloß mich ihr an. Wir gingen nach Venedig, Mailand und tiefer ins Italien hinunter, endlich gar nach Konstantinopel. Kennen Sie diese Art Leute?«
»Gewiß. Sie gehen oft weit über See.«
»Erst spielte ich Violine, dann avancierte ich zum Komiker; leider aber hatten wir Unglück, und ich war froh, daß ich auf einem Bremer Kauffahrer eine Stelle fand. Mit diesem kam ich später nach London, von wo aus ich mit einem Engländer nach Indien segelte. In Bombay wurde ich krank in das Hospital geschafft. Der Verwalter desselben war ein tüchtiger Mann, aber kein Held im Schreiben und Rechnen; er engagierte mich, als ich wieder gesund geworden war. Später kam ich zu einem Händler als Buchführer; er starb am Fieber, und ich heiratete seine Witwe. Wir lebten kinderlos und glücklich bis zu ihrem Tode. Jetzt sehnte ich mich nach der Heimat zurück – – –«
»Zu Ihrem Vater?«
»Auch er lebt nicht mehr, hat aber – Gott sei Dank! – keine Not gelitten. Seit ich mich wohl stand, haben wir einander oft geschrieben. Nun habe ich mein Geschäft verkauft und fahre langsam der Heimat zu.«
Der Mann gefiel mir. Er gab sich so, wie er war. Reich konnte er wohl nicht genannt werden; er machte auf mich den Eindruck eines Mannes, der grad so viel hat, als er braucht, und der damit auch herzlich zufrieden ist.
»Warum fahren Sie nicht direkt nach Triest?«
»Ich mußte in Maskat und Aden einige Ziffern in Ordnung bringen.«
»So haben Sie sich also doch noch an die Ziffern gewöhnt?«
»Freilich,« lachte er. »Und nun – pressant sind meine Angelegenheiten nicht; ich bin mein eigener Herr – was thut es, wenn ich mir das rote Meer besehe? Sie thun es ja auch!«
»Allerdings. Wie lange werden Sie hier bleiben?«
»Bis ein mir passendes Fahrzeug hier anlegt. Haben Sie nicht geglaubt, einen Bayern oder Tyroler in mir zu finden, als Sie mich singen hörten?«
»Ja; aber doch fühle ich mich nicht etwa enttäuscht – wir sind ja trotzdem Landsleute und freuen uns, einander getroffen zu haben.«
»Wie lange werden Sie hier bleiben?«
»Hm! Mein Diener pilgert nach Mekka; ich werde wohl eine Woche auf ihn warten müssen.«
»Das freut mich; so können wir einander länger haben.«
»Ich stimme bei; aber zwei Tage werden wir uns vielleicht doch entbehren müssen.«
»Wie so?«
»Ich hätte fast Lust, auch einmal nach Mekka zu gehen.«
»Sie? Ich denke, für Christen ist das verboten!«
»Allerdings. Aber, kennt man mich?«
»Das ist richtig. Sie sprechen das Arabische?«
»Ja, so viel ich für meine Küche brauche.«
»Und Sie wissen auch, wie sich die Pilger zu benehmen haben?«
»Auch das; doch ist gewiß, daß mein Benehmen nicht genau das der Pilger sein würde. Wollte ich ihren Gebräuchen folgen, mich den vorgeschriebenen Ceremonien unterwerfen und gar zu Allah beten und seinen Propheten anrufen, so würde dies gewiß eine Versündigung gegen unsern heiligen Glauben sein.«
»Sie würden innerlich doch anders denken!«
»Das macht die Schuld nicht geringer.«
»Darf man der Wissenschaft nicht ein Opfer bringen?«
»Doch, aber kein solches. Übrigens bin ich gar kein Mann der Wissenschaft. Sollte ich Mekka je erreichen, so hat es nur den Wert, daß ich es gesehen habe und unter Bekannten einmal davon erzählen kann. Ich möchte behaupten, daß man die Stadt des Propheten zu besuchen vermag, auch ohne seinen Christenglauben dadurch zu verleugnen, daß man den Pilger spielt.«
»Wohl nicht.«
»Glauben Sie, daß Mekka nur von Pilgern besucht wird?«
»Man sollte allerdings meinen, daß auch Kaufleute hinkommen. Diese aber werden doch auch die heiligen Orte besuchen und dort beten.«
»Man wird sie aber nicht darüber kontrollieren. Ich rechne sechzehn Wegstunden von hier bis Mekka; man reitet sie sehr gut in acht Stunden. Hätte ich ein Bischarihnhedjihn[81], so würde ich bloß vier Stunden brauchen. Ich komme dort an, steige in irgend einem Khan ab, durchwandere ernsten, langsamen Schrittes die Stadt und besehe mir das Heiligtum; dazu brauche ich nur wenige Stunden. Ein jeder wird mich für einen Moslem halten, und ich kann ruhig wieder zurückkehren.«
[81] Kamelart.
»Das klingt ganz ungefährlich, aber gewagt ist es dennoch. Ich habe gelesen, daß ein Christ höchstens bis auf neun Meilen an die Stadt heran darf.«
»Dann dürften wir ja auch nicht in Dschidda sein, wenn nicht etwa nur englische Meilen gemeint sind. Auf dem Wege von hier nach Mekka liegen elf Kaffeehäuser; ich will getrost wagen, in allen bis zum neunten einzukehren, und dabei auch sagen, daß ich ein Christ bin. Die Zeiten haben sehr vieles geändert; jetzt genügt es, die Christen die Stadt nicht betreten zu lassen. Ich werde den Versuch wagen.«
Ich hatte mich in die Sache selbst so hineingesprochen, daß jetzt wirklich mein Entschluß fest stand, nach Mekka zu reisen. Ich brachte diesen Gedanken heim in meine Wohnung, schlief mit demselben ein und erwachte auch mit ihm. Halef brachte mir den Kaffee. Ich hatte Wort gehalten und ihm sein Geld bereits gestern gegeben.
»Sihdi, wann erlaubst du mir, nach Mekka zu gehen?« fragte er mich.
»Hast du Dschidda bereits ganz gesehen?«
»Noch nicht; aber ich werde bald fertig sein.«
»Wie wirst du reisen? Mit einem Delyl?«
»Nein, denn der kostet zu viel. Ich werde warten, bis mehrere Pilger beisammen sind und dann auf einem Mietkamele reiten.«
»Du kannst abreisen, sobald du willst.«
Delyls sind nämlich diejenigen Beamten, welche die fremden Pilger zu führen und darauf zu sehen haben, daß diese keine Vorschrift versäumen. Unter den Pilgern befinden sich sehr viele Frauen und Mädchen. Da aber den unverheirateten Frauenzimmern das Betreten der Heiligtümer verboten ist, so machen die Delyls ein Geschäft daraus, sich gegen Bezahlung mit ledigen Pilgerinnen, die sie von Dschidda abholen, zu verheiraten, sie in Mekka zu begleiten und ihnen dann nach vollbrachter Wallfahrt den Scheidebrief zu geben.
Halef hatte kaum meinen Raum verlassen, so hörte ich draußen eine Stimme sagen:
»Ist dein Herr zu Hause?«
»Dehm arably – sprich arabisch!« antwortete Halef auf die deutsch gesprochene Frage.
»Arably? Das kann ich nicht, mein Junge; höchstens könnte ich dich mit einem bißchen Türkisch traktieren. Aber warte, ich werde mich gleich selbst anmelden; denn jedenfalls steckt er da hinter der Thür.«
Es war Albani, dessen Stimme jetzt erklang:
»Juchheirassasa! Und wenn d’willst, will i a, Und wenn d’willst, so mach auf, Denn desweg’n bin i da!«
Er schien den Text seiner Schnadahüpfeln den Verhältnissen anzupassen. Gewiß stand Halef vor Erstaunen ganz starr da draußen, und wenn ich nicht antwortete, so geschah es seinetwegen; er sollte noch etwas hören. Es dauerte auch gar nicht lange, so fuhr der Triester fort:
»Soldat bin i gern Und da kenn’ i mi aus, Doch steh i nit gern Schildwach In fremder Leut Haus.«
Und als auch diese zarte Erinnerung keine Folge hatte, drohte er:
»Und a frischa Bua bin i, D’rum laß dir ’mal sag’n: Wenn d’nit glei itzt aufmachst, Thua i’s Thürerl zerschlag’n!«
Soweit durfte ich es denn doch nicht kommen lassen; ich erhob mich also und öffnete ihm die Thür.
»Aha,« lachte er, »es hat also geholfen! Ich dachte beinahe, Sie wären schon nach Mekka abgegangen.«
»Pst! Mein Diener darf nichts davon wissen.«
»Entschuldigung! Raten Sie einmal, mit welcher Bitte ich komme!«
»Mit dem Verlangen nach Revanche für Ihre gestrige Gastfreundschaft? Thut mir leid! Ich kann nötigenfalls mit etwas Munition, aber nicht mit Proviant dienen, wenigstens nicht mit einem so seltenen, wie Ihre Speisenkarte zeigte.«
»Pah! Aber ich habe wirklich eine Bitte oder vielmehr eine Frage.«
»Sprechen Sie!«
»Wir sprachen gestern wenig über Ihre Erlebnisse; aber ich vermute, daß Sie Reiter sind.«
»Ich reite allerdings ein wenig.«
»Nur Pferd oder auch Kamel?«
»Beides; sogar auch Esel, wozu ich erst gestern gezwungen war.«
»Ich habe noch nie auf dem Rücken eines Kameles gesessen. Nun hörte ich heute früh, daß es ganz in der Nähe einen Dewedschi[82] giebt, bei dem man für ein Billiges die Möglichkeit erhält, einmal den Beduinen spielen zu können – – –«
[82] Kamelverleiher nach Art unserer Pferdeverleiher.
»Ah, Sie wollen einen Spazierritt riskieren?«
»Das ist es!«
»Sie werden aber eine Art von Seekrankheit bekommen –«
»Thut nichts.«
»Gegen welche nicht einmal eine Dosis Kreosot Hilfe leistet.«
»Ich bin darauf gefaßt. Die Küste des roten Meeres bereist und nicht auf einem Kamele gesessen zu haben! Darf ich Sie einladen, mich zu begleiten?«
»Ich habe Zeit, wo wollen Sie hin?«
»Mir gleich. Vielleicht eine Streiferei um Dschidda herum?«
»Ich bin dabei. Wer besorgt die Kamele? Sie oder ich?«
»Natürlich ich. Wollen Sie Ihren Diener auch mitnehmen?«
»Wie Sie es bestimmen. Man weiß hierzulande niemals, was einem begegnen kann, und ein Diener ist hier im Orient eigentlich niemals überflüssig.«
»So geht er mit.«
»Wann soll ich kommen?«
»In einer Stunde.«
»Gut. Aber erlauben Sie mir eine Bemerkung. Untersuchen Sie, ehe Sie das Kamel besteigen, den Sattel und die Decke genau; eine solche Vorsicht ist stets am Platze, da man sonst sehr leicht Bekanntschaft mit jenen sechsfüßigen Baschi-Bozuks macht, die der Orientale mit dem lieblich klingenden Namen ›Bit‹ bezeichnet.«
»Bit? Ich bin kein Licht in den orientalischen Sprachen.«
»Aber ein wenig Latein haben Sie getrieben?«
»Allerdings.«
»So meine ich das Tierchen, dessen Name so lautet, wie auf lateinisch das deutsche Wort ›Lob‹.«
»Ah! Ist es gar so arg?«
»Zuweilen sehr. Ich habe in Ungarn gehört, daß man diese Schmarotzer mit dem Worte ›Bergleute‹ bezeichnet, jedenfalls, weil sie von oben nach unten arbeiten. Bei einem Kamelritte nun haben Sie es mit den Bergleuten der Araber und mit den Bergleuten der Kamele zu thun. Ein Glück ist es nur, daß die ersteren eine so rührende Treue für ihre Herren und Meister besitzen und folglich es verschmähen, einen Giaur wenigstens förmlich zu überfluten. Also legen Sie noch eine eigene Decke unter, welche Sie nach dem Ritt dem nächsten Pastetenbäcker geben, der sie für wenige Borbi[83] in seinem Ofen ausbrennen wird.«
[83] Ein Para hat acht Borbi.
»Nicht übel! Nehmen wir Waffen mit?«
»Das versteht sich! Ich zum Beispiel bin zu dieser Vorsicht gezwungen, da ich jeden Augenblick hier oder in der Umgebung Feinde treffen kann.«
»Sie?«
»Ja, ich! Ich befand mich in der Gefangenschaft eines Seeräubers, dem ich erst gestern früh entflohen bin. Er ist auf dem Wege nach Mekka und kann sich sehr leicht noch hier in Dschidda befinden.«
»Das ist ja ganz erstaunlich! Er war ein Araber?«
»Ja. Ich kann ihm nicht einmal mit einer Anzeige beikommen, obgleich mein Leben keinen Pfennig wert ist, sobald wir uns begegnen sollten.«
»Und davon haben Sie mir gestern nichts gesagt!«
»Warum sollte ich davon sprechen? Man hört und liest jetzt sehr oft, daß das Leben immer nüchterner werde und es gar keine Abenteuer mehr gebe. Vor nun wenigen Wochen sprach ich mit einem viel gereisten Gelehrten, welcher geradezu die Behauptung aufstellte, man könne die alte Welt von Hammerfest bis zur Capstadt und von England bis nach Japan durchreisen, ohne nur eine Spur von dem zu erleben, was man Abenteuer nennt. Ich widersprach ihm nicht, aber ich bin überzeugt, daß es nur auf die Persönlichkeit des Reisenden und auf die Art und Weise der Reise ankommt. Eine Reise per Entreprise oder mit Rundreisebillet wird sehr zahm sein, selbst wenn sie nach Celebes oder zu den Feuerländern gehen sollte. Ich ziehe das Pferd und das Kamel den Posten und Bahnen, das Kanoe dem Steamer und die Büchse dem wohl visierten Passe vor; auch reise ich lieber nach Timbuktu oder Tobolsk als nach Nizza oder Helgoland; ich verlasse mich auf keinen Dolmetscher und auf keinen Bädeker; zu einer Reise nach Murzuk steht mir weniger Geld zur Verfügung, als mancher braucht, um von Prag aus die Kaiserstadt Wien eine Woche lang zu besuchen, und – ich habe mich über den Mangel an Abenteuern niemals zu beklagen gehabt. Wer mit großen Mitteln die Atlasländer oder die Weststaaten Nordamerikas besucht, dem stehen eben diese Mittel im Wege; wer aber mit leichter Tasche kommt, der wird bei den Beduinen Gastfreundschaft suchen und sich nützlich machen, drüben im wilden Westen aber sich sein Brot schießen und mit hundert Gefahren kämpfen müssen; ihm wird es nie an Abenteuern fehlen. Wollen wir wetten, daß uns nachher bei unserem Ritt ein Abenteuer passieren wird, mag es auch ein nur kleines sein? Die Recken früherer Zeiten zogen aus, um Abenteuer zu suchen; die jetzigen Helden reisen als #Commis-voyageurs#, Touristen, Sommerfrischler, Bäderbummler oder Kirmeßgäste; sie erleben ihre Abenteuer unter dem Regenschirme, an der #Table d’hôte#, bei einer imitierten Sennerin, am Spieltische und auf dem #Scating-Ring#. Wollen wir wetten?«
»Sie machen mich wirklich neugierig!«
»Ja, verstehen Sie mich wohl! Sie nennen es vielleicht ein Abenteuer, wenn Sie in der Dschungel zwei Tigern begegnen, welche sich auf Leben und Tod bekämpfen; ich nenne es ein ebenso großes Abenteuer, wenn ich am Waldesrande auf zwei Ameisenvölker stoße, deren Kampf nicht bloß in Beziehung auf Mut und Körperanstrengung eine Hunnen- oder Gotenschlacht zu nennen ist, sondern uns auch solche Beispiele von Aufopferung, Gehorsam und strategischer oder taktischer Berechnung und List zeigt, daß wir darüber bloß erstaunen müssen. Gottes Allmacht zeigt sich herrlicher in diesen winzigen Tieren als in jenen beiden Tigern, die Ihnen bloß deshalb größer erscheinen, weil Sie sich vor ihnen fürchten. Doch, gehen Sie jetzt und bestellen Sie die Kamele, damit wir zur Zeit der größten Hitze eine Quelle finden.«
»Ich gehe; aber halten Sie auch Wort in Beziehung auf das Abenteuer!«
»Ich halte es.«
Er ging. Ich hatte ihm diese Rede mit Vorbedacht gehalten; denn zu einem Erstlingsritt auf dem Kamele gehört unbedingt eine in das Romantische hinüberklingende Seelenstimmung.
Als ich nach drei Viertelstunden mit Halef in Albanis Wohnung trat, starrte derselbe in Waffen.
»Kommen Sie; der Dewedschi lauert bereits. Oder wollen wir erst etwas genießen?« fragte er mich.
»Nein.«
»So nehmen wir uns Proviant mit. Ich habe hier diese ganze Tasche voll.«
»Sie wollen ein Abenteuer haben und nehmen Proviant mit? Weg damit! Wenn uns hungert, so suchen wir uns ein Duar[84]. Dort finden wir Datteln, Mehl, Wasser und vielleicht auch ein wenig Tschekir.«
[84] Zeltdorf.
»Tschekir? Was ist das?«
»Kuchen, aus gemahlenen Heuschrecken gebacken.«
»Fi!«
»Pah, schmeckt ganz vortrefflich! Wer Austern, Weinbergsschnecken, Vogelnester, Froschschenkel und verfaulte Milch mit Käsemaden ißt, für den müssen Heuschrecken eine Delikatesse sein. Wissen Sie, wer lange Zeit Heuschrecken mit wildem Honig gegessen hat?«
»Ich glaube, das ist ein Mann in der Bibel gewesen.«
»Allerdings, und zwar ein sehr hoher und heiliger Mann. Haben Sie eine Decke?«
»Hier.«
»Gut. Wie lange haben Sie die Kamele zur Verfügung?«
»Für den ganzen Tag.«
»Mit Begleitung des Dewedschi oder eines seiner Leute?«
»Ohne Begleitung.«
»Das ist gut. Zwar haben Sie in diesem Fall Kaution legen müssen, dafür aber befinden wir uns um so wohler und ungestörter. Kommen Sie!«
Der Kamelverleiher wohnte im zweiten Hause von ihm. Ich sah es dem Manne sofort an, daß er kein Araber sondern ein Türke war. In seinem Hofe standen drei Kamele, über welche man hätte weinen mögen.
»Wo ist dein Stall?« fragte ich ihn.
»Dort!«
»Er deutete nach einer Mauer, welche den Hof in zwei Teile schied.
»Öffne die Thür!«
»Warum?«
»Weil ich sehen will, ob sich noch Dschemahli darin befinden.«
»Es sind solche darin.«
»Zeige sie mir!«
Er mochte mir doch nicht recht trauen; daher öffnete er und ließ mich einen Blick in die andere Abteilung werfen. Dort lagen acht der schönsten Reitkamele. Ich trat näher und betrachtete sie.
»Dewedschi, wie viel zahlt dir dieser Hazretin[85] für die drei Kamele, welche du uns gesattelt hast?«
[85] »Hoheit«.
»Fünf Mahbubzechinen[86] für alle drei.«
[86] à 5 Mark, in Summa also 25 Mark.
»Und für einen solchen Preis bekommen wir diese Lasttiere mit wunden Beinen und Füßen! Schau her, du kannst durch ihre Seiten blicken; ihre Lefzen hängen auf die Seite, wie hier dein zerrissener Jackenärmel, und ihre Höcker – ah Dewedschi, sie haben keinen Höcker! Sie haben eine weite Reise hinter sich; sie sind ganz abgezehrt und kraftlos, so daß sie kaum den Sattel tragen können. Und wie sehen diese Sättel aus! Schau her, Mann! Was marschiert auf dieser Decke? Spute dich und gieb uns andere Kamele und andere Decken und andere Sättel!«
Er sah mich halb mißtrauisch und halb zornig an.
»Wer bist du, daß du mir einen solchen Befehl geben magst?«
»Blicke her! Siehst du diesen Bu-djeruldi des Großherrn? Soll ich ihm erzählen, daß du ein Betrüger bist und deine armen Tiere zu Tode schindest? Schnell, sattle dort die drei Hedjihn, die braunen rechts und das graue in der Ecke, sonst wird dir meine Peitsche Hände machen!«
Ein Beduine hätte sofort zur Pistole oder zum Messer gegriffen; dieser Mann aber war ein Türke. Er beeilte sich, meinem Befehle Folge zu leisten, und bald lagen seine drei besten Kamele mit sehr reinlichem Sattelzeug vor uns auf den Knieen. Ich wandte mich an Halef: