Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I
Chapter 13
Von den drei Türken, welche wieder an Bord gekommen waren, lagen zwei schlafend am Boden; der dritte hatte sich niedergekauert und – schlief jedenfalls auch. Es war denkbar, daß ich von der Kajüte aus beobachtet wurde; daher mußte ich die möglichste Vorsicht anwenden. Ich ließ die Büchse und den Stutzen liegen und legte sowohl den Turban als auch den Haïk[52] ab, welche mich durch ihre weiße Farbe verraten hätten. Dann schmiegte ich mich hart an den Boden, gewann den Rand des Deckes und kroch langsam an demselben hin, bis ich die Stelle erreichte, wo am äußersten Backbord eine Art Hühnersteige auf die Decke des Verschlages und zum Steuerruder führte. Ich stieg hinauf, katzenartig leise, darauf kam’s ja an.
[52] Beduinischer Mantel.
Es gelang, und nun kroch ich bis hinter an den Ruderwinkel. Ah – – das sonderbare Geräusch war erklärt. Das Boot, welches die beiden Frauen gebracht, und welches der Sambuk in Schlepptau genommen hatte, war von dem Innern des Verschlages aus so scharf angeholt worden, daß es grad unter dem einen Fenster lag, welches sich am breiten Hinterteile des Fahrzeuges befand. Durch diese Fensterluke wurde soeben, als ich vorsichtig von oben herablugte, ein kleiner, aber nicht leichter Gegenstand an einem Seile herabgelassen, dessen Reibung an dem Lukenrande jenen Ton hervorbrachte, den man allerdings nur dann wahrnehmen konnte, wenn man das Ohr hart auf die Bretter des Verdeckes legte. Unten in dem Boote befanden sich drei Männer, welche den Gegenstand in Empfang nahmen und dann warteten, bis das Seil wieder emporgezogen und ein zweites Paket herabgelassen wurde.
Die Sache war mir natürlich sofort klar. Was in dem Boote aufgestaut wurde, war das Geld des Wergi-Baschi, d. h. der Ertrag der Steuer, welche er eingesammelt hatte, und – – – ich hatte keine Zeit, weiter zu vermuten.
»Alargha, iz chijanisch – aufgeschaut, wir sind verraten!« rief eine tiefe Stimme vom hohen Ufer her, wo man das Verdeck überblicken konnte; zu gleicher Zeit krachte ein Schuß, und eine Kugel bohrte sich hart neben mir in die Planke. Ein zweiter Schuß blitzte drüben auf, ein dritter; die Kugeln flogen glücklicherweise an mir vorüber, und ich durfte mich ihnen nicht länger aussetzen. Ich sah nur noch, daß das Tau unten gekappt und das Boot fortgerudert wurde; dann sprang ich vom Verschlage gleich auf das Deck hinab.
In demselben Augenblick öffnete sich die Thüre der Kajüte, und ich bemerkte zweierlei, nämlich daß an der hinteren Seite derselben zwei Bretter entfernt und daß durch diese Lücke eine Anzahl Männer unbemerkt vom Wasser aus eingestiegen waren. Die Frauen sah ich nicht, aber neun Männer stürzten sofort auf mich los.
»Halef, herbei!« rief ich laut.
Ich hatte gar keine Zeit gehabt, eine Waffe zu ziehen. Drei hatten mich um den Leib gefaßt und sorgten dafür, daß ich nicht in den Gürtel langen konnte. Drei sprangen Halef entgegen, und die andern gaben sich Mühe, die Fäuste zu erhaschen, mit denen ich mich verteidigte. Draußen am Lande krachten Schüsse, und ertönten Flüche und Hilferufe, und dazwischen hörte man die Kommandos jener tiefen Baßstimme, welche ich vorhin wieder erkannt hatte: – es war die Stimme des Derwischs.
»Es ist der Nemtsche. Tötet ihn nicht, sondern fangt ihn!« gebot einer von denen, welche mich umfaßt hielten.
Ich suchte mich loszureißen: es ging nicht. Sechs gegen einen! Da krachte ein Pistolenschuß nicht weit von mir.
»Zu Hilfe, Sihdi; ich bin verwundet!« rief Halef.
Ich machte einen gewaltigen Ruck und riß meine Dränger einige Schritte mit mir fort.
»Betäubt ihn!« erscholl eine keuchende Stimme.
Ich wurde wieder fester gepackt und erhielt trotz meiner verzweifelten Gegenwehr einige Schläge über den Kopf, die mich niederstreckten. Es toste mir in den Ohren wie eine wilde Brandung. Mitten durch den Donner derselben hörte ich Gewehre knallen und Stimmen schallen; dann war es mir, als würde ich an Händen und Füßen zusammengeschnürt und fortgeschleift, und endlich empfand ich gar nichts mehr.
Als ich erwachte, fühlte ich einen wüsten, pochenden Schmerz in meinem Hinterkopfe, und es dauerte eine geraume Zeit, bis es mir gelang, mich auf das Vorgefallene zu besinnen. Um mich her war es völlig dunkel, aber ein laut vernehmliches Sog[53] ließ mich vermuten, daß ich mich in dem Kielraume eines Fahrzeuges befände, welches in schneller Fahrt begriffen war. Die Hände und die Beine waren mir so fest gebunden, daß ich kein Glied rühren konnte. Zwar schnitten mir die Fesseln nicht in das Fleisch, denn sie bestanden nicht aus Stricken oder Riemen, sondern aus Tüchern; aber sie verhinderten mich, die Schiffsratten von mir abzuwehren, welche meine Person einer sehr genauen Untersuchung unterwarfen.
[53] Das Geräusch, welches das Wasser am Kiele eines fahrenden Schiffes verursacht.
Es verging eine lange, lange Zeit, ohne daß sich in meiner Lage etwas änderte. Endlich hörte ich das Geräusch von Schritten, konnte aber nichts sehen. Meine Fesseln wurden gelöst, und eine Stimme gebot mir:
»Stehe auf und geh’ mit uns!«
Ich erhob mich. Sie führten mich aus dem Kielraum durch ein halbdunkles Zwischendeck nach oben. Unterwegs untersuchte ich meine Kleider und fand ebenso zu meiner Überraschung wie Beruhigung, daß man mir außer den Waffen nicht das mindeste abgenommen hatte.
Als ich das Verdeck betrat, bemerkte ich, daß ich mich auf einer kleinen, sehr scharf auf den Kiel gebauten Barke befand, welche zwei dreieckige und ein trapezisches Segel hatte. Diese Takelung erforderte auf diesem an Stürmen, Böen, Riffen und Untiefen reichen Meere einen Kapitän, der seine Sache aus dem Grund verstand und ebensoviel Mut wie Kaltblütigkeit besitzen mußte. Das Fahrzeug war um das Dreifache bemannt, als notwendig gewesen wäre, und hatte auf dem Vorderdecke eine Kanone, welche aber so von Kisten, Ballen und Fässern maskiert war, daß sie von einem andern Schiffe aus gar nicht bemerkt werden konnte. Die Mannschaft bestand aus lauter wettergebräunten Männern, von denen jeder seinen Gürtel mit Schuß-, Hieb- und Stichwaffen gespickt hatte. Auf dem Hinterdecke saß ein Mann in roten Hosen, grünem Turban und blauem Kaftan. Seine lange Weste war reich mit Gold gestickt, und in dem Bassora-Shawl, der ihm als Gürtel diente, funkelten kostbare Waffen. Ich erkannte in ihm sofort den Derwisch. Neben ihm stand der Araber, welchen ich auf dem Sambuk zu Boden geschleudert hatte. Ich wurde vor die beiden geführt. Der Araber musterte mich mit rachgierigem, der Derwisch mit verächtlichem Blick.
»Weißt du, wer ich bin?« fragte mich der Derwisch.
»Nein, aber ich vermute es.«
»Nun, wer bin ich?«
»Du bist Abu Seïf.«
»Ich bin es. Kniee nieder vor mir, Giaur!«
»Was fällt dir ein! Steht nicht im Kuran geschrieben, daß man nur Allah allein anbeten soll?«
»Das gilt nicht für dich, denn du bist ein Ungläubiger. Ich befehle dir, niederzuknien, um deine Demut zu bezeugen.«
»Noch weiß ich nicht, ob du Ehrfurcht verdienst, und selbst wenn ich es erfahren hätte, würde ich dir meine Achtung auf eine andere Weise bezeigen.«
»Giaur, du kniest, oder ich schlage dir den Kopf ab!«
Er hatte sich erhoben und faßte seinen krummen Säbel. Ich trat noch einen Schritt näher an ihn heran.
»Meinen Kopf? Bist du wirklich Abu Seïf oder bist du ein Henker?«
»Ich bin Abu Seïf und halte mein Wort. Nieder mit dir, oder ich lege dir den Kopf vor die Füße!«
»Wahre deinen eigenen Kopf!«
»Giaur!«
»Korkakdschi!«
»Was!« zischte er. »Einen Korkakdschi, einen Feigling nennst du mich!«
»Warum griffst du den Sambuk des Nachts an? Warum hülltest du deine Dschasusler[54] in Weiberkleider? Warum zeigst du hier Mut, wo du von den Deinen umgeben und beschützt wirst? Ständest du allein mir gegenüber, so würdest du anders mit mir reden!«
[54] Spione.
»Ich bin Abu Seïf, der Vater des Säbels, und zehn Männer deiner Sorte vermöchten nichts gegen meine Klinge!«
»Aferihn – brav so! So muß man reden, wenn man sich zu handeln fürchtet.«
»Zu handeln? Sind diese Zehn zur Stelle? Wäre dies der Fall, so wollte ich dir im Augenblick beweisen, daß ich die Wahrheit gesagt habe!«
»Die Zehn sind nicht nötig; es genügt Einer.«
»Wolltest du vielleicht dieser Eine sein?«
»Pah, du würdest es nicht erlauben!«
»Warum nicht?«
»Weil du dich fürchtest. Du tötest mit dem Munde, nicht aber mit dem Säbel.«
Ich hatte einen verstärkten Ausfall seines Zornes auf diese Worte erwartet, sah mich aber getäuscht. Er verbarg diesen Grimm hinter einer kalten, tödlichen Ruhe, nahm seinem Nachbar den Säbel vom Gürtel und reichte ihn mir.
»Hier nimm und verteidige dich! Aber ich sage dir, selbst wenn du die Fertigkeit Aframs und die Stärke Kelads hättest, so würdest du beim dritten Hiebe eine Leiche sein.«
Ich nahm den Säbel.
Es war eine eigentümliche Situation, in der ich mich befand. Der »Vater des Säbels« mußte nach orientalischen Begriffen ein ausgezeichneter Fechter sein, aber ich wußte, daß der Orientale durchschnittlich ein ebenso schlechter Fechter als schlechter Schütze ist. Mit der Fertigkeit Aframs und der Stärke Kelads war es wohl nicht gar so weit her. Ich hatte noch mit keinem Orientalen nach den Regeln der Fechtkunst die Klinge gekreuzt, und wenn mir auch der dargereichte, an der »halben und ganzen Schwere,« also an der »Parierung« dünne, und an der »halben und ganzen Schwäche« so starke und schwere, Säbel ziemlich ungewohnt war, so hatte ich dennoch große Lust, dem »Vater des Säbels« die Überlegenheit der europäischen Waffenführung zu beweisen.
Die ganze Bemannung des Schiffes war uns nahe getreten, und in allen Mienen spiegelte sich die Überzeugung, daß ich wirklich bei dem dritten Hiebe des Abu Seïf ein toter Mann sein werde.
Er drang so schnell, wild und regellos auf mich ein, daß ich keinen Moment Zeit hatte, Position zu nehmen. Ich parierte seine unreine Winkelquart und versuchte, mir sofort eine Blöße zu verschaffen; zu meinem Erstaunen aber ging er bei meinem Zirkelhiebe ganz prachtvoll unter meiner Klinge durch. Er traversierte und gab eine Finte; sie gelang ihm nicht. Nun traversierte ich ebenso und schlug Espadon; mein Hieb kam zum Sitzen, obgleich es meine Absicht nicht war, ihn sehr zu verletzen. Voll Wut darüber vergaß er sich, trat zurück und gab im Sprunge abermals Winkelquart; ich trat einen halben Schritt vor, setzte mit harter Festigkeit in die Linie ein, und – die Waffe flog ihm aus der Hand und über Bord in das Wasser.
Ein Schrei erscholl ringsumher. Ich aber trat zurück und senkte die Waffe.
Er stand vor mir und starrte mich an.
»Abu Seïf, du bist ein sehr geschickter Fechter!«
Diese meine Worte brachten ihn wieder zu sich; aber ich sah gegen meine Erwartung nicht das Zeichen des Grimmes, sondern nur der Überraschung in seinem Angesicht.
»Mensch, du bist ein Ungläubiger und hast doch Abu Seïf besiegt!« rief er aus.
»Du hast es mir leicht gemacht, denn dein Fechten ist kein edles und überlegtes. Mein zweiter Hieb kostete dich Blut, und mein dritter nahm dir die Waffe; ja, ich bin gar nicht zum dritten Hieb gekommen, während dein dritter mich töten sollte. Hier hast du den Säbel; ich bin in deiner Hand.«
Diese – freilich gewagte – Appellation an seinen Edelmut hatte einen guten Erfolg.
»Ja, du bist in meiner Gewalt, du bist mein Gefangener; aber du hast dein Schicksal in deiner eigenen Hand.«
»Inwiefern?«
»Wenn du thust, was ich von dir verlange, so wirst du bald wieder frei sein.«
»Was soll ich thun?«
»Du wirst mit mir fechten?«
»Ja.«
»Und es mich so lehren, wie es bei den Nemsi gelehrt wird?«
»Ja.«
»Du wirst dich, so lange du auf meinem Schiffe bist, von keinem fremden Auge sehen lassen?«
»Gut!«
»Und das Deck auf meinen Befehl sofort verlassen, wenn ein anderes Fahrzeug in Sicht kommt?«
»Ja.«
»Du wirst mit deinem Diener kein Wort sprechen.«
»Wo ist er?«
»Hier auf dem Schiffe.«
»Gebunden?«
»Nein, er ist krank.«
»Er hat eine Wunde?«
»Er ist am Arm verwundet und hat ein Bein gebrochen, daß er sich nicht erheben kann.«
»So kann ich dir das verlangte Versprechen nicht geben. Mein Diener ist mein Freund, den ich pflegen muß; du wirst mir dies erlauben!«
»Ich erlaube es nicht; aber ich verspreche dir, daß er gut verpflegt wird.«
»Das genügt mir nicht. Wenn er das Bein gebrochen hat, so muß ich es ihm einrichten. Es ist wohl hier keiner, welcher das versteht.«
»Ich selbst verstehe es. Ich bin so gut wie ein Dscherrah[55]; ich habe ihm seine Wunde verbunden und auch sein Bein geschient. Er hat keine Schmerzen mehr und ist mit mir zufrieden.«
[55] Wundarzt.
»Ich muß dies aus seinem Munde erfahren.«
»Ich beteure es dir bei Allah und dem Propheten! Willst du mir nicht versprechen, nicht mit ihm zu reden, so werde ich dafür sorgen, daß du ihn nicht zu sehen bekommst. Aber ich habe noch mehr von dir zu verlangen.«
»Fordere!«
»Du bist ein Christ und wirst dich hüten, einen der Meinen zu verunreinigen?«
»Gut.«
»Du hast Freunde unter den Inglis?«
»Ja.«
»Sind es große Leute?«
»Es sind Paschas unter ihnen.«
»So werden sie dich auslösen?«
Das war ja etwas ganz Neues! Also er wollte mich nicht töten, sondern sich meine Freiheit bezahlen lassen.
»Wie viel verlangst du?«
»Du hast nur wenig Gold und Silber bei dir; du kannst dich nicht selbst loskaufen.«
Also er hatte meine Taschen doch untersucht. Was ich in den Ärmeln meiner türkischen Jacke eingenäht hatte, war von ihm nicht gefunden worden. Es wäre allerdings zum Lösegelde auch zu wenig gewesen. Daher antwortete ich:
»Ich habe nichts; ich bin nicht reich.«
»Ich glaube es, obgleich deine Waffen ausgezeichnet sind und du Instrumente bei dir führst, welche ich gar nicht kenne. Aber du bist vornehm.«
»Ah!«
»Und berühmt.«
»Ah!«
»Du hast es diesem hier auf dem Sambuk gesagt.«
»Ich habe Spaß gemacht.«
»Nein, du hast im Ernst gesprochen. Wer so stark ist und den Säbel so zu führen weiß, wie du, der kann nichts anderes sein, als ein großer Zabit[56], für den sein Padischah gern ein gutes Lösegeld geben wird.«
[56] Offizier.
»Mein König wird meine Freiheit nicht mit Geld bezahlen; er wird sie umsonst von dir fordern.«
»Ich kenne keinen König der Nemsi; wie also will er mit mir reden und mich zwingen, dich frei zu lassen?«
»Er wird es durch seinen Eltschi[57] thun.«
[57] Gesandten.
»Auch diesen kenne ich nicht. Es giebt keinen Eltschi der Nemsi hier in dieser Gegend.«
»Der Gesandte ist in Stambul beim Großherrn. Ich habe ein Bu-Dscheruldi, das ihr hier Bjuruldu nennt, und bin also einer, der in dem Schatten des Sultans steht.«
Er lachte.
»Hier gilt der Padischah nichts; hier hat nur der Großscherif von Mekka zu gebieten, und ich bin mächtiger als diese beiden. Ich werde weder mit deinem König noch mit seinem Gesandten über dich verhandeln.«
»Mit wem sonst?«
»Mit den Inglis.«
»Warum mit diesen?«
»Weil sie dich auswechseln sollen.«
»Gegen wen?«
»Gegen meinen Bruder, der sich in ihrer Hand befindet. Er hat mit seiner Barke eines ihrer Schiffe angegriffen und ist von ihnen gefangen genommen worden. Sie haben ihn nach Eden[58] geschafft und wollen ihn töten; nun aber werden sie ihn für dich frei lassen müssen.«
[58] Aden an der Straße Bab-el-Mandeb.
»Vielleicht irrst du dich. Ich gehöre nicht zu den Inglis. Sie werden mich wohl in deinen Händen lassen und deinen Bruder töten.«
»So stirbst du auch. Du kannst schreiben und wirst einen Brief an sie anfertigen, den ich ihnen übergeben lasse. Machst du den Brief gut, so werden sie dich auswechseln; machst du ihn aber schlecht, so hast du dich selbst getötet. Also überlege dir den Brief recht sehr; du hast noch viele Tage Zeit.«
»Wie viele?«
»Wir haben ein böses Meer vor uns; aber ich werde, so viel es angeht, auch des Nachts fahren. Wenn uns der Wind günstig bleibt, sind wir in vier Tagen in Dschidda. Von da bis in die Gegend von Sanah, wo ich mein Schiff verbergen werde, haben wir beinahe ebenso weit. Du hast also eine volle Woche Zeit, über dein Schreiben nachzudenken, denn erst von Sanah aus werde ich den Boten abgehen lassen.«
»Ich werde den Brief schreiben.«
»Und du versprichst mir, keinen Fluchtversuch zu unternehmen?«
»Das kann ich dir nicht versprechen.«
Er sah mir einige Zeit lang ernst in das Gesicht.
»Allah akbar, Gott ist groß, und ich habe es nicht geglaubt, daß unter den Christen auch ehrliche Leute sind. Also du willst mir entfliehen?«
»Ich werde jede Gelegenheit dazu benutzen.«
»So werden wir auch nicht fechten; du könntest mich erschlagen und in das Wasser springen, um dich durch Schwimmen zu retten. Kannst du schwimmen?«
»Ja.«
»Bedenke, daß hier im Wasser viele Fische sind, die dich fressen würden!«
»Ich weiß es.«
»Ich werde dich streng bewachen lassen. Der Mann hier neben mir wird stets an deiner Seite sein. Du hast ihn beleidigt; er wird dich nicht aus den Augen lassen, bis du entweder frei oder gestorben bist.«
»Was wird in diesen beiden Fällen mit meinem Diener werden?«
»Ihm wird nichts geschehen. Zwar hat er eine große Sünde begangen, da er der Diener eines Ungläubigen ist; aber er ist weder ein Türke noch ein Giaur, er wird seine Freiheit mit dir oder nach deinem Tode erhalten. Jetzt kannst du auf dem Deck bleiben; sobald es dir dein Wächter aber gebietet, gehst du hinab, wo du in deine Kammer eingeschlossen wirst.«
Er wandte sich hierauf von mir ab, und ich war also entlassen.
Ich schritt zunächst nach dem Vorderdeck und ging dann längs des Regelings spazieren; als ich ermüdet war, legte ich mich auf eine Decke nieder. Stets blieb der Araber in meiner Nähe, so daß er sich immer in einer Entfernung von fünf bis sechs Schritten von mir befand.
Das war ebenso überflüssig wie für mich unangenehm. Kein Mensch weiter schien sich um mich zu bekümmern, kein Mensch sprach ein Wort zu mir. Man reichte mir schweigend mein Wasser, mein Kuskussu und einige Datteln. Sobald ein Fahrzeug uns ansegelte, mußte ich hinunter in meine Kammer, an deren Thür sich mein Wächter so lange postierte, bis ich wieder oben erscheinen durfte, und am Abend wurde die Thüre verriegelt und mit allerlei Gerümpel verbarrikadiert.
Sechstes Kapitel.
Wieder frei.
Unter diesen Umständen vergingen drei Tage. Ich empfand mehr Sorge um den kranken Halef als um mich selbst; aber alle meine Bemühungen, zu ihm zu kommen, wären vergeblich gewesen. Natürlich befand er sich ebenso unter Deck wie ich selbst, und jeder Versuch, hinter dem Rücken meines Wächters dem braven Diener ein Zeichen zu geben, hätte uns beiden nur schaden müssen.
Wir waren ungefähr, da wir eine sehr schnelle und glückliche Fahrt gemacht hatten, in der Gegend zwischen Dschebel Eyub und Dschebel Kelaya angekommen, von wo an die Küste bis Dschidda immer niedriger und flacher wird. Es war zur Zeit der Dämmerung. Im Norden stand, eine Seltenheit, ein kleines, schleierartiges Wölkchen am Himmel, welches Abu Seïf sehr besorgt betrachtete. Die Nacht brach herein, und ich mußte unter Deck gehen. Da war es jetzt schwüler noch als gewöhnlich, und diese Schwüle steigerte sich von Viertelstunde zu Viertelstunde. Ich war um Mitternacht noch nicht eingeschlafen. Da hörte ich von fern her ein dumpfes Brausen, Donnern und Rollen, welches mit Sturmeseile näher kam und unser Schiff erfaßte. Ich fühlte, daß es mit dem Vorderteile tief in die Fluten tauchte, sich aber wieder erhob und dann mit verdoppelter Geschwindigkeit dahinschoß. Es ächzte und stöhnte in allen Fugen. Die Mastenfüße krachten in ihrer Verkeilung, und auf dem Decke rannte die Bemannung unter ängstlichen Rufen, Jammern und Beten hin und her.
Dazwischen hinein tönten die lauten, besonnenen Kommandorufe des Führers. Es war auch notwendig, daß dieser seine Kaltblütigkeit nicht aufgab. Nach meiner ungefähren Berechnung nahten wir uns der Höhe von Rabbegh, welches von den Arabern Rabr genannt wird, und von da an südwärts giebt es eine Unzahl von Klippen und Korallenbänken, welche der Schiffahrt selbst bei Tage sehr gefährlich sind. Dort liegt auch die Insel Ghauat, und zwischen ihr und Ras Hatiba ragen zwei Korallenklippen empor, zwischen denen die Durchfahrt bei Sonnenlicht und ruhigem Wetter mit den größten Gefahren verbunden ist, und deshalb bereiten sich die Schiffer, ehe sie dieser Stelle nahen, immer durch Gebet vor. Der Ort wird Om-el-Hableïn genannt, »Ort der beiden Seile«, ein Name, welcher auf die Art und Weise hindeutet, in welcher man früher sich vor der Gefahr zu sichern suchte.
Auf diese Durchfahrt trieb uns der Orkan mit rasender Schnelligkeit zu. Eine Landung vorher war unmöglich.
Ich hatte mich von meinem Lager erhoben. Aber wenn das Schiff auf eine Klippe rannte, war ich doch verloren, da meine Kammer verschlossen war.
Da war es mir, als hörte ich mitten im Brausen der Elemente ein Geräusch vor meiner Thür. Ich trat näher und horchte. Ich hatte mich nicht getäuscht. Man entfernte die Verrammelung, und die Thür wurde geöffnet.
»Sihdi!«
»Wer ist da?«
»Hamdulillah, Preis sei Gott, der mich den richtigen Ort gleich finden ließ! Kennst du nicht die Stimme deines treuen Halef?«
»Halef? Unmöglich! Der kann es nicht sein; der kann nicht gehen.«
»Warum nicht?«
»Weil er verwundet ist und ein Bein gebrochen hat.«
»Ja, verwundet bin ich, Sihdi, von einer Kugel am Arme; aber nur sehr leicht. Das Bein habe ich nicht gebrochen.«
»So hat Abu Seïf mich belogen.«
»Nein, sondern ich habe ihn getäuscht. Ich mußte mich verstellen, um meinem guten Sihdi helfen zu können. Nun habe ich drei Tage mit den Schienen am Beine unten im Raume gelegen und des Nachts habe ich sie entfernt und bin auf Kundschaft ausgekrochen.«
»Wackerer Halef, das werde ich dir nicht vergessen!«
»Ich habe auch Verschiedenes erfahren.«
»Was?«
»Abu Seïf wird eine Strecke vor Dschidda anlegen, um nach Mekka zu pilgern. Er will dort beten, daß sein Bruder wieder frei werde. Mehrere von seinen Mannen gehen mit.«
»Vielleicht ist es uns da möglich, zu entkommen.«
»Ich werde sehen. Das wird also morgen sein. Deine Waffen sind in seiner Kammer.«
»Kommst du morgen abend wieder, wenn wir in dieser Nacht nicht umkommen?«
»Ich komme, Sihdi.«
»Aber die Gefahr, Halef!«
»Heute ist es so finster, daß mich niemand sehen konnte, und nach uns zu schauen, haben sie keine Zeit, Sihdi. Morgen aber wird Allah helfen.«
»Hast du Schmerzen in deiner Wunde?«
»Nein.«
»Was ist mit dem Sambuk geschehen? Ich lag in Ohnmacht und kann es also nicht wissen.«
»Sie haben das ganze Geld genommen, welches nun in der Oda[59] des Kapitäns liegt, und die Bemannung angebunden. Nur uns zwei hat man mitgenommen, damit du den Bruder Abu Seïfs befreien sollst.«
[59] Kammer, Kajüte.
»Das weißt du?«
»Ich habe Gespräche belauscht.«
»Und die Barke in jener Nacht?«
»Sie lag nicht weit von uns hinter den Klippen vor Anker und hatte auf uns gewartet. Chajir ola, gute Nacht, Sihdi!«
»Gute Nacht!«
Er ging hinaus, schob den Riegel vor und brachte auch die Verbarrikadierung wieder an Ort und Stelle.
Ich hatte während dieses Besuches den Orkan ganz und gar vergessen, der ganz unerwartet ebenso schnell sich legte, als er gekommen war; und wenn die See auch noch lange hoch ging, wie ich aus den Bewegungen des Schiffes merkte, so vermutete ich doch, daß nun heller Himmel geworden sei, der die Gefahr eines Schiffbruches bedeutend verminderte. Ich schlief ruhig ein.
Als ich erwachte, lag das Schiff still; meine Thür war geöffnet, draußen aber stand mein Wächter.
»Willst du hinauf?« fragte er mich.
»Ja.«
»Du kannst nur bis zum Deghri[60] oben bleiben.«
[60] Gebet zur Mittagszeit.
Ich kam an Deck und fand bereits alle Spuren des Sturmes verwischt. Das Schiff lag in einer sehr schmalen, tief in das Land einschneidenden Bucht vor Anker. Die Segel waren abgenommen und die beweglichen Masten umgelegt worden, so daß das Fahrzeug weder vom Meere, noch vom Lande aus, welches wüst und unbewohnt erschien, leicht gesehen werden konnte.