Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I
Chapter 12
»Aber wenn er achtzehn Misri bezahlt, dann darfst du! Grade weil dein Sambuk dem Großherrn gehört, wirst du mich aufnehmen müssen. Blicke noch einmal hier in das Bjuruldu! Hier stehen die Worte ›hep imdad wermek, sahihlik itschin meschghul, ejertsche akdschesiz – alle Hilfe leisten, für Sicherheit bedacht sein, selbst ohne Bezahlung.‹ Hast du das verstanden? Einen Privatmann müßte ich bezahlen; einen Beamten brauche ich nicht zu bezahlen. Ich gebe dir freiwillig diese drei Thaler; bist du nicht einverstanden, so wirst du mich umsonst mitnehmen müssen.«
Er sah sich in die Enge getrieben und begann, seine Forderung zu mäßigen. Endlich nach langer Debatte hielt er mir die Hand entgegen:
»So mag es sein. Du bist im Giölgeda padischahnün, und ich will dich für drei Thaler mitnehmen. Gieb sie her!«
»Ich werde dich bezahlen, wenn ich in Tor das Schiff verlasse.«
»Effendi, sind die Neßarah[43] alle so geizig wie du?«
[43] Christen. Das Wort ist gleichbedeutend mit »Nazarenern«.
»Sie sind nicht geizig, aber vorsichtig. Erlaube, daß ich mich an Bord begebe; ich werde nicht am Lande, sondern auf dem Schiffe schlafen.«
Ich bezahlte meine Führer, welche, sobald sie außerdem noch ein Bakschisch erhalten hatten, ihre Kamele bestiegen und trotz der vorgerückten Tageszeit ihren Rückweg antraten. Dann stieg ich mit Halef an Bord. Ich befand mich nicht im Besitze eines Zeltes. Während des Rittes durch die Wüste hat man ebenso wie von der Hitze des Tages auch von der unverhältnismäßigen Kälte der Nächte zu leiden. Wer arm ist und kein Zelt hat, schmiegt sich bei der Nacht an sein Kamel oder an sein Pferd, um sich während der Ruhe an demselben zu wärmen. Ich hatte jetzt kein Tier mehr, und da die Nachtkühle hier am Wasser jedenfalls strenger war als im Innern des Landes, so zog ich es vor, hinter dem Verschlage auf dem Hinterteile des Sambuk Schutz zu suchen.
»Sihdi,« fragte mich Halef, »habe ich es recht gemacht, daß ich diesem Wergi-Baschi die Peitsche zeigte?«
»Ich will dich nicht tadeln.«
»Aber warum sagst du jedem, daß du ein Ungläubiger bist?«
»Darf man sich fürchten, die Wahrheit zu sagen?«
»Nein; aber du bist ja bereits auf dem Wege, ein Gläubiger zu werden. Wir sind auf dem Wasser, welches die Franken Bar-el-Hamra, das rote Meer, nennen; dort liegt Medina und weiter nach rechts Mekka, die Städte des Propheten. Ich werde alle beide besuchen, und du, was wirst du thun?«
Er sprach die Frage offen aus, welche ich mir während der letzten Tage bereits heimlich vorgelegt hatte. Dem Christen, welcher sich nach Mekka oder Medina wagt, droht der Tod; so steht es in den Büchern zu lesen. Ist es wirklich so schlimm? Muß man hingehen und sagen, daß man ein Christ sei? Ist nicht vielleicht ein Unterschied zu machen zwischen einer ruhigeren Zeit und jenen Tagen, an welchen die großen Pilgerkarawanen eintreffen und der Fanatismus seinen Siedepunkt erreicht? Ich hatte oft gelesen, daß ein Ungläubiger keine Moschee betreten dürfe, und war dann später in verschiedenen Moscheen selbst gewesen; konnte es mit dem Betreten der heiligen Städte nicht ähnlich sein? Ich hatte überhaupt den Orient in vielen, vielen Beziehungen ganz anders, und zwar nüchterner gefunden, als man sich ihn gewöhnlich vorzustellen pflegt, und konnte gar nicht recht glauben, daß ein kurzer, vielleicht nur stundenlanger Besuch in Mekka wirklich so furchtbar gefährlich sei. Der Türke hatte mich für einen Beduinen gehalten; es stand sehr zu vermuten, daß auch andere dieselbe Meinung von mir hegen würden. Und dennoch konnte ich zu keinem Entschluß kommen.
»Das weiß ich jetzt nicht,« antwortete ich dem kleinen Halef.
»Du wirst mit mir nach Mekka gehen, Sihdi, und vorher in Dschidda den rechten Glauben annehmen.«
»Nein, das werde ich nicht.«
Ein Ruf am Lande unterbrach die Unterhaltung. Der Türke hatte seinen Leuten das Abendgebet befohlen.
»Effendi,« meinte Halef, »die Sonne steigt hinter die Erde hinab; erlaube, daß ich bete!«
Er ließ sich auf die Kniee nieder und betete. Seine Stimme mischte sich mit dem Unisono der betenden Türken. Noch war dasselbe kaum verklungen, so ließ sich eine andere Stimme vernehmen. Sie scholl hinter dem Felsenriffe hervor, welches die Aussicht nach der Nordseite des Meeres verschloß.
»An Allah haben wir volle Genüge, und herrlich ist er, der Beschützer. Es giebt keine Macht und keine Gewalt, außer bei Gott, dem Hohen, dem Großen. O unser Herr, ïa Allah, o gern Verzeihender, o Allgütiger, ïa Allah, Allah hu!«
Diese Worte wurden mit einer tiefen Baßstimme intoniert, jedoch dem Namen Allah gab der Betende allemal einen Ton, welcher eine Quinte höher lag. Ich kannte diese Worte und diese Töne; so pflegen die heulenden Derwische zu beten. Die Türken hatten sich erhoben und sahen nach der Richtung, aus welcher die Stimme erscholl. Jetzt kam ein kleines, kaum sechs Fuß langes und vier Fuß breites Floß zum Vorschein, auf welchem ein Mann kniete, welcher ein Paddelruder führte und dazu im Takte sein Gebet abrief. Er trug um den roten Tarbusch einen weißen Turban, und weiß war auch seine ganze übrige Kleidung. Dies war ein Zeichen, daß er zur Fakirsekte der Kaderijeh gehöre, welche meist aus Fischern und Schiffern besteht und von Abdelkader el Gilani gestiftet wurde. Als er den Sambuk erblickte, stutzte er einen Augenblick, dann aber rief er:
»La ilaha illa lah!«
»Illa lah!« antworteten die andern im Chore.
Er hielt auf das Fahrzeug zu, legte sein Floß an und stieg an Bord. Wir, nämlich Halef und ich, befanden uns nicht allein an Bord; der Kürekdschi[44] war uns gefolgt, und an diesen wandte sich der Derwisch:
[44] Steuermann.
»Gott schütze dich!«
»Mich und dich!« lautete die Antwort.
»Wie befindest du dich?«
»So wohl wie du.«
»Wem gehört dieser Sambuk?«
»Seiner Herrlichkeit dem Großherrn, welcher der Liebling Allahs ist.«
»Und wer führt ihn?«
»Unser Effendi, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim.«
»Und was habt ihr geladen?«
»Wir haben keine Fracht; wir fahren von Ort zu Ort, um den Zoll einzunehmen, welchen der Großscherif von Mekka anbefohlen hat.«
»Haben die Gläubigen reichlich gegeben?«
»Es ist keiner zurückgeblieben, denn wer Almosen giebt, dem vergilt es Allah doppelt.«
»Wohin fahrt ihr von hier?«
»Nach Tor.«
»Das werdet ihr morgen nicht erreichen.«
»Wir werden am Ras Nayazat anlegen. Wo willst du hin?«
»Nach Dschidda.«
»Auf diesem Floß?«
»Ja. Ich habe ein Gelübde gethan, nur auf meinen Knieen nach Mekka zu fahren.«
»Aber bedenke die Bänke, die Riffe, die Untiefen, die bösen Winde, die es hier giebt, und die Haifische, welche dein Floß umschwärmen werden!«
»Allah ist der allein Starke; er wird mich schützen. Wer sind diese beiden Männer?«
»Ein Gi– – ein Nemsi mit seinem Diener.«
»Ein Ungläubiger? Wo will er hin?«
»Nach Tor.«
»Erlaube, daß ich meine Datteln hier verzehre; dann werde ich weiter fahren.«
»Gefällt es dir nicht, die Nacht bei uns zu bleiben?«
»Ich muß weiter.«
»Das ist sehr gefährlich.«
»Der Gläubige hat nichts zu fürchten; sein Leben und sein Ende ist im Buche verzeichnet.«
Er setzte sich nieder und zog eine Handvoll Datteln hervor.
Ich hatte den Eingang zu dem Verschlage verriegelt gefunden und mich über das Geländer gelehnt. Da die beiden Sprechenden eine ziemliche Strecke von mir entfernt waren und ich sehr angelegentlich in das Wasser zu blicken schien, so mochten sie denken, daß ich ihre Unterhaltung nicht verstünde. Der Derwisch fragte:
»Ein Nemtsche ist dieser? Ist er reich?«
»Nein.«
»Woher weißt du dies?«
»Er giebt nur den sechsten Teil dessen, was wir für die Fahrt verlangten. Aber er besitzt einen Bjuruldu des Großherrn.«
»So ist er sicher ein sehr vornehmer Mann. Hat er viel Gepäck bei sich?«
»Gar keines, aber viele Waffen.«
»Ich habe noch keinen Nemtsche gesehen, aber ich habe gehört, daß die Nemsi sehr friedliche Leute sind. Er wird die Waffen nur tragen, um damit zu prunken. Doch jetzt bin ich fertig mit meinem Mahle; ich werde weiter fahren. Sage deinem Herrn Dank, daß er einem armen Fakir erlaubt hat, sein Schiff zu betreten!«
Einige Augenblicke später kniete er wieder auf seinem Floß. Er ergriff das Ruder, führte es im Takte und sang dazu sein »ïa Allah, Allah hu!«.
Dieser Mensch hatte einen eigentümlichen Eindruck auf mich gemacht. Warum hatte er das Schiff bestiegen und nicht am Ufer angelegt? Warum hatte er gefragt, ob ich reich sei, und während der ganzen Unterhaltung das Deck mit einem Blick gemustert, dessen Schärfe er nicht vollständig verbergen konnte? Ich hatte äußerlich nicht den mindesten Grund zu irgend einer Befürchtung, und dennoch kam mir in der Seele dieser Mann verdächtig vor. Ich hätte schwören mögen, daß er gar kein Derwisch sei.
Als er für das bloße Auge unverfolgbar war, richtete ich mein Fernrohr nach ihm. Obgleich in jenen Gegenden die Dämmerung sehr kurz ist, war es doch noch hell genug, ihn durch die Gläser zu erkennen. Er kniete nicht mehr, wie sein angebliches Gelübde ihm doch vorgeschrieben hätte, sondern er hatte sich bequem niedergesetzt und das Floß halb gewendet – – er ruderte der jenseitigen Küste zu. Hier war jedenfalls etwas »nicht richtig im Staate Dänemark«.
Halef stand neben mir und beobachtete mich. Er schien sich damit zu beschäftigen, meine Gedanken zu erraten.
»Siehst du ihn noch, Sihdi?« fragte er mich.
»Ja.«
»Er denkt, daß wir ihn nicht mehr sehen können, und rudert dem Lande zu?«
»So ist es. Woraus vermutest du dies?«
»Nur Allah ist allwissend, aber auch Halef hat scharfe Augen.«
»Und was haben diese Augen gesehen?«
»Daß dieser Mann weder ein Derwisch noch ein Fakir war.«
»Ah?«
»Ja, Sihdi. Oder hast du jemals gesehen und gehört, daß ein Derwisch von dem Orden Kaderijeh die Litanei der Hawlajüp[45] redet und singt?«
[45] Der »Heulenden« – heulende Derwische.
»Das ist richtig. Aber weshalb sollte er sich für einen Fakir ausgeben, wenn er keiner ist?«
»Das muß man zu erraten suchen, Effendi. Er sagte, daß er auch während der Nacht fahren werde. Warum thut er es nicht?«
Da unterbrach der Steuermann unser Gespräch. Er trat herzu und fragte:
»Wo wirst du schlafen, Effendi?«
»Ich werde mich in den Tachta-perde[46] legen.«
[46] Verschlag.
»Das geht nicht.«
»Warum?«
»Weil dort das Geld aufbewahrt wird.«
»So wirst du uns Teppiche besorgen, um uns hinein zu hüllen, und wir schlafen hier auf dem Verdeck.«
»Du sollst sie haben, Sihdi. Was würdest du thun, wenn Feinde zu dem Schiffe heran kämen?«
»Welche Feinde meinst du?«
»Räuber.«
»Giebt es hier Räuber?«
»Die Dscheheïne wohnen hier in der Nähe. Sie sind berüchtigt als die größten Chirsizler[47] weit und breit, und kein Schiff, kein Mensch ist vor ihnen sicher.«
[47] Spitzbuben.
»Ich denke, Euer Herr, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim, ist ein Held, ein tapferer Mann, der sich vor keinem Menschen fürchtet, auch vor keinem Räuber, vor keinem Dscheheïne?«
»Das ist er; aber was vermag er, und was vermögen wir alle gegen Abu-Seïf, den ›Vater des Säbels‹, der gefährlicher und schrecklicher ist, als der Löwe in den Bergen oder der Haifisch im Meere?«
»Abu-Seïf? Ich kenne ihn nicht; ich habe noch niemals von ihm gehört.«
»Weil du ein Fremdling bist. Zur Weidezeit bringen die Dscheheïne ihre Herden nach den beiden Inseln Libnah und Dschebel Hassan und lassen nur wenig Männer bei ihnen. Die andern aber gehen auf Raub und Diebstahl aus. Sie überfallen die Barken und nehmen entweder alles, was sie darauf finden, oder erpressen sich ein schweres Lösegeld, und Abu-Seïf ist ihr Anführer.«
»Und was thut die Regierung dagegen?«
»Welche?«
»Steht Ihr denn nicht im Giölgeda padischahnün?«
»Der reicht nicht bis zu den Dscheheïne. Dies sind freie Araber, welche der Großscherif von Mekka beschützt.«
»So helft euch selbst! Fangt die Räuber!«
»Effendi, du sprichst, wie ein Franke redet, der dies nicht versteht. Wer kann Abu-Seïf fangen und töten?«
»Er ist doch nur ein Mensch.«
»Aber er besitzt die Hilfe des Scheïtan[48]. Er kann sich unsichtbar machen; er kann die Luft und das Meer durchfliegen; er wird weder durch einen Säbel, noch durch ein Messer, noch durch eine Kugel verwundet, aber sein Säbel ist faldschymisch[49]; er dringt durch Thüren und Mauern und schneidet mit einem Hiebe gleich hundert und noch mehr Feinden Leib und Seele auseinander.«
[48] Teufels.
[49] Verhext, bezaubert.
»Den möchte ich sehen!«
»O wehe, wünsche das nicht, Effendi! Der Teufel sagt es ihm, daß du ihn sehen willst, und dann kannst du dich darauf verlassen, daß er kommen wird. Ich gehe, um dir die Teppiche zu holen; dann lege dich schlafen und bete vorher zu deinem Gott, daß er dich bewahre vor allen Gefahren, die dir drohen.«
»Ich danke für deinen Rat, aber ich bete gewöhnlich vor dem Schlafengehen.«
Er brachte uns die Decken, in welche wir uns hüllten, und wir schliefen sehr bald ein, da wir von unserem Ritt ermüdet waren.
Während der Nacht hatten einige Matrosen sowohl am Lande die Schlafenden als auch an Bord das Geld bewacht. Am Morgen versammelten sich alle auf dem Schiffe. Der Anker wurde gehoben, das Seil gelöst; man stellte die Segel, und der Sambuk steuerte südwärts.
Wir waren ungefähr drei Viertelstunden lang unter Segel gewesen, als wir ein Boot erblickten, welches in der gleichen Richtung vor uns ruderte. Als wir näher an dasselbe herankamen, sahen wir zwei Männer und zwei völlig verschleierte Frauen darin.
Das Boot hielt bald an, und die Männer gaben ein Zeichen, daß sie den Sambuk anzureden gedächten. Der Steuermann ließ das Segel abfallen und hemmte so den Lauf unsers Fahrzeuges. Einer der beiden Ruderer erhob sich und rief:
»Sambuk, wohin?«
»Nach Tor.«
»Wir auch. Wollt ihr uns mitnehmen?«
»Bezahlt ihr?«
»Gern.«
»So kommt an Bord.«
Das Schiff legte bei, und die vier Personen stiegen an Bord, während das Boot ins Schlepptau genommen wurde. Dann setzte der Sambuk seine Fahrt fort.
Der Wergi-Baschi begab sich in die Kajüte, jedenfalls um für die Frauen Platz zu machen; dann wurden dieselben den Blicken der Männer entzogen. Sie mußten an mir vorüber. Als Europäer brauchte ich mich nicht abzuwenden, und so bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß keine Atmosphäre von Parfüm sie umgab; denn die Frauen des Morgenlandes pflegen sich so zu parfümieren, daß man den Geruch bereits aus einer beträchtlichen Entfernung verspürt. Ein Odeur allerdings fiel mir auf, ein Odeur, der sich wie ein unsichtbarer Schweif hinter ihnen herzog, nämlich jener jedem Orientalen bekannte Geruch, welcher halb vom Kamele und halb von dem unfermentierten Rasr-Tabak stammt, den viele Beduinen zu rauchen pflegen, und welcher auf die Geruchs- und Geschmacksnerven ganz dieselbe Wirkung hat wie weiland der Inhalt der französischen Seegrasmatrazen, den aus Mangel an Besserem während des letzten Krieges so mancher deutsche Held in seine Pfeife stopfte. Ich empfand ganz den Eindruck, als seien zwei Kameltreiber an mir vorüber gegangen; wenigstens war es gewiß, daß der berühmte persische Dichter Hafis Schems-ed-Din Mohammed auf diese beiden Grazien nicht seine Verse:
»Wenn deiner Locken Wohlgerüche Ums Grab mir wehn, Dann sprießen tausend Blumen Aus meinem Hügel auf –«
gesungen hätte. Ich sah ihnen auch sehr aufmerksam nach, bis sie hinter der Thüre des Verschlages verschwunden waren, konnte aber weiter nichts Besonderes bemerken. Vielleicht hatten sie eine lange Kamelreise hinter sich, so daß die Ausdünstungen des »Wüstenschiffes« nicht leicht aus ihren Kleidern zu bringen waren.
Ihre beiden Begleiter sprachen erst längere Zeit mit dem Steuermanne und dem Baschi; dann suchte der eine mich zu entern.
»Ich höre, daß du ein Franke bist, Effendi?« fragte er mich.
»Ja.«
»So bist du hier unbekannt?«
»Ja.«
»Du bist ein Nemtsche?«
»Ja.«
»Haben die Nemsi auch einen Padischah?«
»Ja.«
»Und Paschas?«
»Ja.«
»Du bist wohl kein Pascha?«
»Nein.«
»Aber ein berühmter Mann?«
»Pek, billahi – bei Gott, sehr!«
»Du kannst schreiben?«
»Peh ne güzel – und wie schön!«
»Auch schießen?«
»Daha ei – noch besser!«
»Du wirst wohl mit diesem Sambuk nach Tor fahren?«
»Ja.«
»Du gehst noch weiter nach dem Süden?«
»Ja.«
»Bist du mit den Ingli bekannt?«
»Ja.«
»Hast du Freunde unter ihnen?«
»Ja.«
»Das ist sehr gut. Bist du stark?«
»Korkulu – fürchterlich, arslandscha – wie ein Löwe! Soll ich es dir beweisen?«
»Nein, Effendi.«
»Und doch, denn deine Neugierde ist größer als die Geduld eines Menschen sein kann. Packe dich und komme nicht wieder!«
Ich faßte ihn, drehte ihn in die passende Richtung und gab ihm einen Stoß, daß er weit über das Deck hin schoß und dann dasselbe mit seinem Bauche begrüßte. Aber im Nu war er wieder auf.
»Wai sana – wehe dir, du hast einen Gläubigen beleidigt; du mußt sterben!«
Er riß seinen Handschar heraus und stürzte auf mich zu. Sein Begleiter folgte ihm mit gezückter Waffe. Schnell zog ich Halef die harte Nilpeitsche aus dem Gürtel, um mit derselben die Angreifer zu salutieren; aber es sollte gar nicht so weit kommen, denn in diesem Augenblick öffnete sich die Thür des Verschlages, und es erschien eine der Frauen. Sie erhob stumm die Hand und zog sich dann zurück. Die beiden Araber hemmten ihre Schritte und gingen lautlos beiseite; aber ihre Blicke sagten mir, daß ich von ihnen nichts Gutes zu erwarten habe.
Die Türken hatten dem Vorgang mit großem Gleichmute zugesehen. Wäre auf dem Schiffe jemand getötet worden, so hätte es ja sein Kismet[50] nicht anders mit sich gebracht.
[50] Schicksal, Vorausbestimmung.
Was mich betrifft, so hatten mich die unnützen Fragen dieses Menschen sehr in Harnisch gebracht. Aber, waren sie wirklich so unnütz? Hatten sie nicht vielleicht einen verborgenen Zweck? Der Orientale ist kein Schwätzer, am allerwenigsten aber verliert er seine Worte an einen Unbekannten, von dem er sogar nur das weiß, daß er ein Giaur ist.
Ich hatte mich im Humor des Ärgers für einen berühmten Mann und für einen großen Schützen ausgegeben. Warum wollte er wissen, ob ich ein »Pascha«, ein berühmter Mann, ein Schreiber, ein guter Schütze sei? Was konnte es ihm nützen, zu wissen, ob ich weiter nach Süden wolle und unter den Engländern Freunde habe? Warum hatte er bei der Bejahung dieser letzten Frage gesagt: »Das ist sehr gut,« und zu was konnte es ihm dienen, zu erfahren, ob ich stark und kräftig sei? Und überdies hatte er seine Fragen in der Weise an mich gerichtet, wie sie ein Oberer an seinen Untergebenen, ein Untersuchungsbeamter an einen Angeschuldigten richtet. Am auffälligsten dabei war aber der augenblickliche Gehorsam, den sowohl er als sein Begleiter dem Winke des Weibes leisteten. Das war hier, wo die Frau tief unter dem Manne steht und für das öffentliche Leben nicht die mindeste Selbstbestimmung besitzt, gewiß sehr ungewöhnlich, vielleicht sogar verdächtig.
»Sihdi,« meinte Halef, welcher nicht von meiner Seite gewichen war, »hast du ihn gesehen?«
»Wen oder was?«
»Den Bart.«
»Den Bart! Welchen Bart?«
»Den das Weib hatte – –«
»Das Weib? Hatte das Weib einen Bart?«
»Sie hatte den Jaschmak[51] nicht doppelt, wie vorher, sondern einfach über dem Gesichte, und so habe ich den Bart gesehen.«
[51] Schleier.
»Schnurrbart?«
»Vollbart. Sie ist kein Weib, sondern ein Mann. Soll ich es dem Baschi sagen?«
»Ja, aber so, daß es niemand hört.«
Er ging. Jedenfalls hatte er sich nicht geirrt; denn ich wußte, daß ich seinen scharfen Augen trauen könne, und unwillkürlich brachte ich diesen neuen Umstand mit dem Derwisch in Verbindung. Ich sah Halef mit dem Baschi reden; dieser schüttelte den Kopf und lachte; er glaubte es nicht. Darauf wandte sich Halef mit einer höchst aufgebrachten Miene von ihm ab und kehrte zu mir zurück.
»Sihdi, dieser Baschi ist so dumm, daß er sogar mich für dumm hält.«
»Wie so?«
»Und dich für noch dümmer als mich.«
»Ah!«
»Er sagt, daß ein Weib niemals einen Bart habe, und daß ein Mann niemals die Kleidung eines Weibes anlegen werde. Sihdi, was hältst du von diesen Frauen, welche Vollbärte tragen? Vielleicht sind es Dscheheïne?«
»Ich vermute es.«
»So müssen wir die Augen offen halten, Sihdi!«
»Das ist das Einzige, was wir thun werden, und dazu gehört vor allen Dingen, daß wir unser Mißtrauen und unsere Aufmerksamkeit zu verbergen suchen. Halte dich abseits von mir, aber so, daß wir einander stets beispringen können.«
Er entfernte sich eine ziemliche Strecke, und ich ließ mich auf den Teppich nieder. Dann beschäftigte ich mich mit Einträgen in mein Tagebuch, behielt aber dabei sowohl den Verschlag, als auch die beiden Araber immer im Auge. Es war mir, als hätte ich alle Augenblicke ein unangenehmes Ereignis zu erwarten; dennoch aber verging der Tag, ohne daß irgend etwas Bedenkliches eingetreten wäre.
Der Abend dämmerte bereits, als wir in einer kleinen Bucht vor Anker gingen, welche gebildet wird durch eine hufeisenförmige Krümmung des Dschebel Nayazet, der zur großen Granitkette des Sinai gehört.
Die Küste war sehr schmal, denn nur wenige Schritte vom Ufer entfernt stiegen die tief zerklüfteten Felsen steil zum Himmel empor. Der Ankerplatz bot aus diesem Grunde vollständige Sicherheit gegen die Winde, ob aber heute auch gegen andere Störungen – –? Ich hätte gern einige der nächsten Klüfte und Felsenspalten untersucht, leider aber war der Abend bereits da, ehe die Türken das Land betreten hatten, um, wie gewöhnlich, Feuer anzuzünden.
El Mogreb und eine Stunde später el Aschia, die beiden Abendgebete, hallten feierlich die steilen Bergwände empor. Wer hier vielleicht verborgen war, mußte unsere Anwesenheit hören, selbst wenn er unser Feuer nicht gesehen hätte. Wie gestern, so hatte ich es auch heute vorgezogen, die Nacht auf dem Fahrzeuge zuzubringen, und mit Halef ausgemacht, daß wir abwechselnd wachen wollten. Später kamen einige der Matrosen wieder an Bord, um die Wache zu übernehmen, und da traten auch die beiden Frauen aus dem Verschlage, um an Deck die frische Abendluft zu genießen. Sie hatten sich auch jetzt doppelt verschleiert; das konnte ich bemerken, weil die Sterne des Südens einen solchen Glanz verbreiteten, daß es nicht schwer war, das ganze Verdeck zu überblicken. Sie kehrten aber bald wieder zu ihrem Verschlage zurück, dessen Thüre ich mit meinen Augen beobachten konnte, obgleich ich diesmal im Vorderteile des Fahrzeuges lag.
Halef schlief ungefähr fünf Schritte von mir entfernt. Als Mitternacht herankam, weckte ich ihn heimlich und flüsterte:
»Hast du geschlafen?«
»Ja, Sihdi. Jetzt schlafe du!«
»Ich kann mich auf dich verlassen?«
»Wie auf dich selbst!«
»Wecke mich bei der geringsten Ursache zum Verdachte.«
»Das werde ich thun, Sihdi!«
Ich hüllte mich fester in den Teppich und schloß die Augen. Ich wollte schlafen, aber es gelang mir nicht. Ich sagte in Gedanken das Einmaleins auf – es half nicht. Da griff ich zu dem Mittel, welches sicher stets den Schlaf bringt. Ich verdrehte die geschlossenen Augen so, daß die Pupillen ganz nach oben zu stehen kamen, und bemühte mich, an gar nichts zu denken. Der Schlummer kam und – – halt, was war das?
Ich wickelte den Kopf aus der Decke und spähte zu Halef hinüber. Auch er mußte aufmerksam geworden sein, denn er hatte sich, wie horchend, halb emporgerichtet. Ich hörte jetzt nichts mehr, aber als ich das Ohr wieder auf das Deck legte, welches einen besseren Schallleiter als die Luft bildete, vernahm ich das seltsame Geräusch wieder, welches mich aufgeweckt hatte, trotzdem es überaus leise war.
»Hörst du etwas, Halef?« flüsterte ich.
»Ja, Sihdi. Was ist es?«
»Ich weiß es nicht.«
»Ich auch nicht. Horch!«
Ein leises, ganz leises Plätschern ertönte jetzt vom Hinterteile her. Draußen am Lande war das Feuer erloschen.
»Halef, ich gehe jetzt auf einige Minuten nach dem Hinterdeck; bewache meine Waffen und Kleider.«