Durch Wüste und Harem Gesammelte Reiseromane, Band I

Chapter 11

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»Das Volk soll hinaus und in seine Häuser gehen!« gebot er. »Ich werde mir die Sache überlegen und am Nachmittage das Gericht halten. Ihr alle aber seid meine Gefangenen!«

Die Khawassen trieben die Zuschauer mit Stockschlägen hinaus; sodann wurde Abrahim-Mamur mit der Mannschaft des Sandal gefangen abgeführt, und schließlich schaffte man auch uns fort, nämlich in den Hof des Gebäudes, in welchem wir uns ungestört bewegen durften, während einige Khawassen, am Ausgange postiert, uns zu bewachen schienen. Nach einer Viertelstunde aber waren sie verschwunden.

Ich ahnte, was der Sahbeth-Bei beabsichtigte, und trat zu Isla Ben Maflei, welcher neben Senitza am Brunnen saß.

»Denkst du, daß wir heute unsern Prozeß gewinnen werden?«

»Ich denke gar nichts; ich überlasse alles dir,« antwortete er.

»Und wenn wir ihn gewinnen, was wird mit Abrahim geschehen?«

»Nichts. Ich kenne diese Leute. Abrahim wird dem Bimbaschi Geld geben oder einen der kostbaren Ringe, die er an den Fingern trägt, und der Baschi wird ihn laufen lassen.«

»Wünschest du seinen Tod?«

»Nein. Ich habe Senitza gefunden, das ist mir genug.«

»Und wie denkt deine Freundin darüber?«

Senitza antwortete selbst:

»Effendi, ich war sehr unglücklich, jetzt aber bin ich frei. Ich werde nicht mehr an ihn denken.«

Das befriedigte mich. Jetzt galt es nur noch, den Abu el Reïsahn zu befragen. Er erklärte mir rundweg, daß er sehr froh sei, mit heiler Haut davonzukommen, und so machte ich mich denn beruhigt an das Rekognoscieren.

Ich schritt durch den Ausgang hinaus auf die Straße. Die heiße Tageszeit war eingetreten und ich sah keinen Menschen auf der Straße. Es war klar, daß der Sahbeth-Bei wünschte, daß wir uns selbst ranzionieren und nicht auf seine Entscheidung warten möchten; ich kehrte daher in den Hof zurück, teilte den Leuten meine Ansicht mit und forderte sie auf, mir zu folgen. Sie thaten es, und kein Mensch trat unserm Thun entgegen.

Als wir die Dahabïe erreichten, ergab es sich, daß sie von den Khawassen verlassen worden war. Ein Freund und Bewunderer der Ladung, welche aus Sennesblättern bestand, hätte ganz ungestört eine Annexion vornehmen können.

Der Sandal lag nicht mehr am Ufer; er war verschwunden. Jedenfalls hatte der würdige Chalid Ben Mustapha noch eher als wir die Absicht des Richters begriffen und sich mit Schiff und Bemannung davon gemacht.

Wo aber befand sich Abrahim-Mamur?

Dies zu erfahren wäre uns nicht gleichgültig gewesen; denn es war nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich, daß er uns im Auge behalten werde. Ich wenigstens hatte die Ahnung, ihn früher oder später wieder einmal zu treffen.

Die Dahabïe lichtete den Anker, und wir setzten unsere unterbrochene Fahrt fort mit dem wohlthuenden Bewußtsein, einer sehr schlimmen Lage glücklich entronnen zu sein. – – –

Fünftes Kapitel.

Abu-Seïf.

Und es erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heere Israels herzog, und ging hinter dasselbe, und die Wolkensäule wich auch von vorn weg und stand nun von hinten zwischen dem Heere der Ägypter und dem Heere Israels. Sie war aber dorthin eine finstere Wolke und hierhin erleuchtete sie die Nacht, so daß diese und jene die ganze Nacht nicht zusammenkommen konnten.

Als nun Moses seine Hand ausstreckte über das Meer, nahm es der Herr durch einen starken Ostwind hinweg während der Nacht und machte das Meer trocken und die Wasser teilten sich von einander.

Und die Kinder Israels gingen hinein mitten in das Meer auf dem Trockenen, und das Wasser stand wie Mauern ihnen zur Rechten und zur Linken.

Und die Ägypter folgten und gingen hinein, ihnen nach, alle Rosse des Pharao und Wagen und Reiter, mitten in das Meer.

Als nun die Morgenwache kam, blickte der Herr auf das Heer der Ägypter aus der Feuersäule und aus der Wolke, und machte einen Schrecken in ihrem Heere.

Und stieß die Räder von ihren Streitwagen und stürzte sie um mit Ungestüm. Da sprachen die Ägypter: Lasset uns fliehen vor Israel; der Herr streitet für sie wider die Ägypter!

Aber der Herr sprach zu Moses: Strecke deine Hand aus über das Meer, damit das Wasser wieder herfalle über die Ägypter, über ihre Wagen und über ihre Reiter.

Da streckte Moses seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam wieder vor morgens in seinen Strom, und die Ägypter flohen ihm entgegen. Also stürzte sie der Herr mitten in das Meer.

Daß das Wasser wiederkam und bedeckte Wagen und Reiter und alle Macht des Pharao, die ihnen nachgezogen war in das Meer, so daß kein einziger von ihnen übrig blieb.

Die Kinder Israels aber gingen trocken durch das Meer, und das Wasser stand ihnen gleich Mauern zur Rechten und zur Linken.

Also half der Herr Israel an diesem Tage von der Hand der Ägypter, und sie erblickten die Ägypter tot an dem Ufer des Meeres.

Und die Hand des Herrn war mächtig, die er den Ägyptern gezeiget hatte, und das Volk Israel fürchtete den Herrn und glaubte an ihn und an seinen Knecht Moses. – – –

An diese Stelle im zweiten Buch Mosis (Kap. 14, V. 19-31) mußte ich denken, als ich im »Thale Hiroth, gegen Baal Zephon«, mein Kamel anhielt, um das Auge über die glitzernden Fluten des roten Meeres schweifen zu lassen. Es kam auch über mich etwas von jener Furcht, welche sein Anblick in den Herzen der Kinder Israels erweckt hatte. Ich fühlte nicht ein Grauen vor jenem Elemente, welches leider noch immer »keine Balken« hat, sondern es überlief mich jene heilige, andächtige Scheu, welche jeder Gläubige fühlt, sobald er einen Ort betritt, von dem ihm die biblische Geschichte erzählt, daß hier der Fuß des Ewigen gerastet und hier die Hand des Unendlichen gewaltet habe. Es war mir, als höre ich jene Stimme, welche einst dem Sohne des Amram und der Jochebeth zugerufen hatte: »Mose, Mose, tritt nicht herzu, sondern ziehe deine Schuhe aus, denn der Ort, darauf du stehest, ist ein heiliges Land!«

Hinter mir also lag das Land des Osiris und der Isis, das Land der Pyramiden und der Sphinxe, das Land, in welchem das Volk Gottes das Joch der Knechtschaft getragen und die Felsen des Mokattam zum Bau jener Wunderwerke zusammengeschleppt hatte, welche noch heute das Staunen des Nilreisenden erregen. Im Schilfe des altehrwürdigen Stromes dort hatte die Königstochter das Knäblein gefunden, welches berufen war, ein Volk von Sklaven zu befreien und ihm in den zehn göttlichen Geboten ein Gesetz zu geben, welches noch nach Jahrtausenden die Grundlage aller Gesetze und Gebote bildet.

Vor mir, da zu meinen Füßen, funkelten die Fluten des arabischen Golfs im glühenden Strahle der Sonne. Diese Fluten hatten einst, der Stimme Jehova Sabaoths gehorchend, zwei Mauern gebildet, zwischen denen die Geknechteten des Landes Gosen den Weg zur Freiheit gefunden hatten, während das reisige Volk ihrer Unterdrücker und Verfolger einen schauervollen Untergang fand. Das waren dieselben Fluten, in denen später auch der »Sultan Kebihr«, Napoleon Bonaparte, beinahe umgekommen wäre.

Und gegenüber dem Birket Faraun, dem See des Pharao, wie die Araber den Ort nennen, an welchem die beiden Wassermauern über die Ägypter zusammenschlugen, erhebt sich der Felsenstock des Sinai, des berühmtesten Berges der Erde, gewaltig und den Zeiten trotzend, gleichdem unter Donner und Blitz über ihm erschollenen: »Ich bin der Herr, dein Gott; du sollst keine fremden Götter neben mir haben!«

Es war nicht die Örtlichkeit allein, es war noch viel mehr die Geschichte derselben, deren Eindruck ich nicht von mir zu weisen vermochte, wenn ich es auch gewollt hätte. Wie oft hatte ich lauschend und mit stockendem Atem auf dem Schoße meiner alten, guten, frommen Großmutter gesessen, wenn sie mir erzählte von der Erschaffung der Welt, dem Sündenfalle, dem Brudermorde, der Sündflut, von Sodom und Gomorrha, von der Gesetzgebung auf dem Sinai – – – sie hatte mir die kleinen Hände gefaltet, damit ich ihr mit der nötigen Andacht das zehnfache »du sollst« nachsprechen möge. Jetzt lag die irdische Hülle der Guten schon längst unter der Erde, und ich hielt gegenüber dem Orte, welcher mir von ihr in so lebendigen Farben gezeichnet worden war, obgleich nur ihr geistiges Auge ihn gesehen hatte, und es drängte sich mir die Wahrheit des Dichterwortes auf:

»Ganz anders jene heiligen Geschichten, Die nur das Buch der Bücher kann berichten, In dem vom Geiste sie verzeichnet steh’n. Nur ihnen darfst du festen Glauben schenken Und tief in ihren Zauber dich versenken, Denn Gottes Odem fühlst du daraus weh’n.«

Der Glaube trägt eine festere Überzeugung in sich, als das stolzeste Gebäude menschlicher Logik sie zu geben vermag. Das war es, was ich in jener Stunde so recht lebhaft fühlte und erkannte, und ich hätte wohl noch lange, in ernstes Sinnen versunken, hier auf meinem Kamele halten und hinüberblicken können, wenn mich nicht die Stimme meines wackeren Halef gestört hätte:

»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß die Wüste vorüber ist! Sihdi, hier ist Wasser. Steige herab von dem Tiere und labe dich im Bade, so wie ich es jetzt thun werde.«

Da trat einer der beiden Beduinen, welche uns geführt hatten, zu mir heran und erhob warnend die Hand.

»Thue es nicht, Effendi!«

»Warum?«

»Weil hier Melek el newth, der Engel des Todes, wohnt. Wer hier in das Wasser geht, der wird entweder ertrinken oder den Keim des Sterbens mit sich fortnehmen. Jeder Tropfen dieser See ist eine Thräne der hunderttausend Seelen, die hier umgekommen sind, weil sie Sidna Musa[32] und die Seinigen töten wollten. Hier eilt jedes Boot und jedes Schiff vorüber, ohne anzuhalten; denn Allah, den die Hebräer Dschehuwa[33] nannten, hat diesen Ort verflucht.«

[32] Moses.

[33] Jehova.

»Ist es wirklich so, daß hier kein Schiff anhält?«

»Ja.«

»Ich wollte hier ein Fahrzeug erwarten, welches mich aufnehmen sollte.«

»Es soll dich nach Suez bringen? Wir werden dich führen, und du sollst auf unsern Kamelen schneller hinkommen, als auf einem Schiffe.«

»Ich will nicht nach Suez, sondern nach Tor.«

»Dann mußt du allerdings fahren; aber hier wird dich kein Fahrzeug aufnehmen. Erlaube, daß wir dich noch eine Strecke nach Süden begleiten, bis wir einen Ort erreichen, an welchem keine Geister wohnen und wo ein jedes Schiff gern anhalten wird, um dich aufzunehmen.«

»Wie lange haben wir da noch zu reiten?«

»Nicht ganz dreimal die Zeit, welche von den Franken eine Stunde genannt wird.«

»Dann vorwärts!« –

Um an das rote Meer zu gelangen, hatte ich nicht den gewöhnlichen Weg von Kairo nach Suez eingeschlagen. Die zwischen den beiden Städten liegende Wüste verdient den Namen Wüste schon längst nicht mehr. Früher war sie gefürchtet sowohl wegen ihres vollständigen Wassermangels als auch wegen der räuberischen Beduinen, die auf der öden Strecke ihr Wesen trieben. Jetzt ist das anders geworden, und dies war der Grund, daß ich mich weiter südwärts gehalten hatte. Ein Ritt durch die Einöde hatte für mich mehr Interesse als eine Reise auf gebahnten Wegen. Deshalb wollte ich jetzt auch Suez vermeiden, welches mir doch nur das bieten konnte, was ich bereits gesehen und kennen gelernt hatte.

Während unseres Rittes tauchten die beiden kahlen Höhen des Dschekehm und des Da-ad vor uns auf, und als rechts von uns der hohe Gipfel des Dschebel Gharib sichtbar wurde, hatten wir das Grab Pharao’s hinter uns. Das rote Meer bildete zu unserer Linken eine Bucht, in welcher ein Fahrzeug vor Anker lag.

Es war eine jener Barken, welche man auf dem roten Meere mit dem Namen Sambuk bezeichnet. Sie war ungefähr sechzig Fuß lang und fünfzehn Fuß breit und hatte eines jener kleinen Hinterdecke, unter denen gewöhnlich ein Verschlag angebracht ist, welcher den Kapitän oder die vornehmen Passagiere beherbergt. So ein Sambuk hat außer den Riemen – denn er wird auch gerudert – zwei dreieckige Segel, von denen das eine so weit vor dem andern steht, daß es – vom Winde angeschwellt – ganz über das Vorderteil des Schiffes ragt und dort eine Art halbkreisförmigen Ballon bildet, wie man sie auf antiken Münzen und auf alten Fresken zu sehen pflegt. Man kann getrost annehmen, daß die Fahrzeuge dieses Seestriches in Beziehung auf Bauart, Führung und Takelung ganz noch dieselben sind, wie sie im grauen Altertume hier gesehen wurden, und daß die heutigen Seeleute noch dieselben Buchten und Ankerplätze besuchen, welche bereits belebt waren zur Zeit, als Dionysos seinen berühmten Zug nach Indien unternahm. Die Küstenschiffe des roten Meeres sind gewöhnlich aus jenem indischen Holze gebaut, welches die Araber Sadsch nennen, und das sich mit der Zeit im Wasser dermaßen verhärtet, daß es unmöglich ist, einen Nagel einzuschlagen. Von einer Fäulnis dieses Holzes ist niemals die Rede, und so kommt es, daß man Sambuks zu sehen bekommt, welche ein Alter von beinahe zweihundert Jahren erreichen.

Die Schiffahrt des arabischen Busens ist eine sehr gefährliche; deshalb wird während der Nacht niemals gesegelt, sondern ein jedes Fahrzeug sucht sich beim Nahen des Abends eine sichere Ankerstelle.

Der vor uns liegende Sambuk hatte dasselbe gethan. Er war mittels des Ankers und eines Taues befestigt und lag ohne Bemannung an der Küste. Die Schiffer hatten den Bord verlassen und saßen oder lagen an einem kleinen Wasser, welches sich in das Meer ergoß. Derjenige, welcher etwas abseits von ihnen in gravitätischer Haltung auf einer Matte saß, mußte der Kapitän oder der Eigner des Fahrzeuges sein. Ich sah es ihm sofort an, daß er kein Araber sondern ein Türke war; der Sambuk zeigte die Farben des Großherrn, und die Bemannung trug türkische Uniformen.

Keiner der Männer rührte sich von seinem Platze, als wir uns nahten. Ich ritt bis hart an den Anführer heran, hob die Rechte zur Brust empor und grüßte ihn absichtlich nicht in türkischer, sondern in arabischer Sprache.

»Gott schütze dich! Bist du der Kapitän dieses Schiffes?«

Er richtete die Augen mit stolzem Aufschlage zu mir empor, musterte mich sehr eingehend und sehr lange und antwortete endlich:

»Ich bin es.«

»Wohin geht dein Sambuk?«

»Überall hin.«

»Was hast du geladen?«

»Verschiedenes.«

»Nimmst du auch Passagiere auf?«

»Das weiß ich nicht.«

Das war mehr als einsilbig, das war grob. Daher schüttelte ich den Kopf und meinte in mitleidigem Tone:

»Du bist ein Kelleh, ein Unglücklicher, den der Kuran dem Mitleide der Gläubigen empfiehlt. Ich bedaure dich!«

Er sah mich mit einem halb zornigen, halb überraschten Blick an.

»Du bedauerst mich? Du nennst mich einen Unglücklichen? Warum?«

»Allah hat deinem Munde die Gabe der Sprache verliehen, aber deine Seele ist stumm. Wende dich nach der Kiblah[34] und bitte Gott, daß er ihr die Sprache wiedergebe, sonst wird sie einst unfähig sein, in das Paradies zu kommen!«

[34] Richtung nach Mekka, beim Gebete vorgeschrieben.

Er lächelte verächtlich und legte die Hand an den Gürtel, in welchem zwei riesige Pistolen steckten.

»Schweigen ist besser als schwatzen. Du bist ein Schwätzer; der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim aber zieht es vor, zu schweigen.«

»Wergi-Baschi? Oberzolleinnehmer? Du bist ein großer und jedenfalls auch ein berühmter Mann, aber du wirst mir trotzdem Antwort geben, wenn ich dich frage.«

»Du willst mir drohen? Ich sehe, daß ich recht gedacht habe: Du bist ein Arab Dscheheïne.«

Die Araber vom Stamme Dscheheïne sind am roten Meere als Schmuggler und Räuber bekannt. Der Zolleinnehmer hielt mich für einen solchen; das war der Grund seines abstoßenden Benehmens gegen mich.

»Fürchtest du dich vor den Beni Dscheheïne?« fragte ich ihn.

»Fürchten? Muhrad Ibrahim hat sich noch niemals gefürchtet!«

So stolz sein Auge bei diesen Worten leuchtete, lag doch in seinem Gesichte etwas, was mich an seinem Mute zweifeln ließ.

»Und wenn ich nun ein Dscheheïne wäre?«

»Ich würde dich nicht fürchten.«

»Natürlich. Du hast zwölf Gemi-taïfasyler[35] bei dir und acht Diener, während bei mir nur drei Männer sind. Aber ich bin kein Dscheheïne; ich gehöre gar nicht zu den Beni Arab, sondern ich komme aus dem Abendlande.«

[35] Matrosen.

»Aus dem Abendlande? Du trägst doch die Kleidung eines Beduinen und redest die Sprache der Araber!«

»Ist dies verboten?«

»Nein. Bist du ein Fransez oder ein Ingli?«

»Ich gehöre zu den Nemsi.«

»Ein Nemtsche,« meinte er mit geringschätziger Miene. »So bist du ein Bostandschi[36] oder ein Bazirgian[37]?«

[36] Gärtner.

[37] Kaufmann.

»Keines von beiden. Ich bin ein Jazmakdschi.«

»Ein Schreiber? O jazik, o wehe, und ich habe dich für einen tapfern Beduinen gehalten! Was ist ein Schreiber? Ein Schreiber ist kein Mann; ein Schreiber ist ein Mensch, welcher Federn ißt und Tinte trinkt; ein Schreiber hat kein Blut, kein Herz, keinen Mut, kein – – –«

»Halt!« unterbrach ihn da mein Diener. »Muhrad Ibrahim, siehst du, was ich hier in meiner Hand halte?«

Er war abgestiegen und stellte sich mit der Nilpeitsche vor den Türken. Dieser zog die Brauen finster zusammen, antwortete aber doch:

»Die Peitsche.«

»Schön. Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Dieser Sihdi ist Kara Ben Nemsi, der sich vor keinem Menschen fürchtet. Wir haben die Sahara und ganz Ägypten durchwandert und haben große Heldenthaten verrichtet; man wird von uns erzählen in allen Kaffeehäusern und auf allen Kirchhöfen der Welt, und wenn du es wagst, noch ein einziges Wort zu sagen, welches meinem Effendi nicht gefällt, so wirst du diese Peitsche kosten, obgleich du ein Wergi-Baschi bist und viele Männer hier bei dir hast!«

Diese Drohung hatte eine außerordentlich rasche Wirkung. Die beiden Beduinen, welche bis hierher meine Begleiter gewesen waren, wurden vom Schreck über die Kühnheit Halefs um einige Schritte zurückgeworfen; die Matrosen und übrigen Begleiter des Türken sprangen auf und griffen zu den Waffen, und der Baschi hatte sich mit derselben Schnelligkeit erhoben. Er griff nach seinem Pistol, aber Halef hielt ihm schon die Mündung seiner eigenen Waffe auf die Brust.

»Ergreift ihn!« gebot der Baschi, indem er selbst jedoch sein Pistol vorsichtig sinken ließ.

Die guten Leute behielten zwar ihre drohenden Gesichter bei, aber keiner wagte es, Hand an Halef zu legen.

»Weißt du, was es heißt, einem Wergi-Baschi mit der Peitsche zu drohen?« fragte der Türke.

»Ich weiß es,« antwortete Halef. »Einem Wergi-Baschi mit der Peitsche drohen, heißt, sie ihn auch wirklich kosten lassen, wenn er es wagt, in der Weise weiter zu sprechen, wie er gesprochen hat. Du bist ein Türke, ein Sklave des Großherrn; ich aber bin ein freier Araber!«

Ich ließ mein Kamel niederknieen, stieg ab und zog meinen Paß hervor.

»Muhrad Ibrahim, du siehst, daß wir uns noch weniger vor euch fürchten, als ihr vor uns; du hast einen sehr großen Fehler begangen, denn du hast einen Effendi beleidigt, der im Giölgeda padischahnün steht!«

»Im Schutze des Großherrn, den Allah segnen möge? Wen meinst du?«

»Mich.«

»Dich? Du bist ein Nemtsche, also ein Giaur – – –«

»Du schimpfest!« unterbrach ich ihn.

»Du bist ein Ungläubiger, und von den Giaurs steht im Kuran: ›O ihr Gläubigen, schließt keine Freundschaft mit solchen, die nicht zu eurer Religion gehören. Sie lassen nicht ab, euch zu verführen, und wünschen nur euer Verderben!‹ Wie kann also ein Ungläubiger im Schutze des Großherrn stehen, welcher der Schirm der Gläubigen ist?«

»Ich kenne die Worte, welche du sagst; sie stehen in der dritten Sure des Kuran, in der Sura Amran; aber öffne deine Augen und beuge dich in Demut nieder vor dem Bjuruldu des Padischah. Hier ist es.«

Er nahm das Pergament, drückte es an Stirn, Augen und Brust, verbeugte sich bis zur Erde und las es. Dann gab er mir es zurück.

»Warum hast du es mir nicht gleich gesagt, daß du ein Arkadar[38] des Sultans bist? Ich hätte dich nicht Giaur genannt, obgleich du ein Ungläubiger bist. Sei mir willkommen, Effendi!«

[38] Schützling.

»Du heißest mich willkommen und schändest mit demselben Atemzuge meinen Glauben! Wir Christen kennen die Gesetze der Höflichkeit und der Gastfreundschaft besser als ihr; wir nennen euch nicht Giaurs, denn unser Gott ist es, den ihr Allah nennt.«

»Das ist nicht wahr. Wir haben nur Allah; ihr aber habt drei Götter, einen Vater, einen Sohn und einen Geist.«

»Wir haben doch nur einen Gott, denn Vater, Sohn und Geist sind eins. Ihr sagt: ›Allah il Allah, Gott ist Gott.‹ Und unser Gott sagt: ›Ich bin ein starker, einiger Gott.‹ Euer Kuran sagt in der zweiten Sura: ›Er ist der Lebendige, der Ewige; ihn ergreift nicht Schlaf, nicht Schlummer; sein ist, was im Himmel und auf Erden ist.‹ Unsere heilige Bibel sagt: ›Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit; es ist alles offen und entdeckt vor seinen Augen; er hat die Erde gegründet, und die Himmel sind seiner Hände Werk.‹ Ist das nicht ganz dasselbe?«

»Ja, euer Kitab[39] ist gut, aber euer Glaube ist falsch.«

[39] Buch, Bibel.

»Du irrst. Euer Kuran sagt: ›Die Gerechtigkeit besteht nicht darin, daß ihr euer Gesicht nach Osten oder Westen richtet (beim Gebet), sondern der ist gerecht, der an Gott glaubt, an den jüngsten Tag, an die Engel, an die Schrift und die Propheten und mit Liebe von seinem Vermögen giebt den Anverwandten, den Waisen, Armen und Pilgern, ja jedem, der ihn darum bittet, der Gefangene erlöset, sein Gebet verrichtet, an seinen Verträgen festhält, geduldig Not und Unglück erträgt. Der ist gerecht, der ist wahrhaft gottesfürchtig.‹ Unser heiliges Buch gebietet uns: ›Du sollst Gott lieben über alles und deinen Nächsten wie dich selbst.‹ Gebietet uns unser Glaube nicht ganz dasselbe, was euch der eurige befiehlt?«

»Ihr habt dies erst aus dem Kuran in euer Kitab abgeschrieben.«

»Wie ist dies möglich, da unser Kitab über zweitausend Jahre älter ist, als euer Kuran?«

»Du bist ein Effendi, und ein Effendi muß immer Gründe und Beweise finden, selbst wenn er unrecht hat. – Woher kommst du?«

»Aus dem Lande Gipt[40], dort im Westen.«

[40] Türkisch für Ägypten.

»Und wo willst du hin?«

»Nach Tor hinüber.«

»Und dann?«

»Nach dem Manastyr[41] auf dem Dschebel Sinahi.«

[41] Kloster.

»So mußt du über das Wasser.«

»Ja. Wohin fährst du?«

»Auch nach Tor.«

»Willst du mich mitnehmen?«

»Wenn du gut bezahlst und dafür sorgest, daß wir uns mit dir nicht verunreinigen.«

»Habe keine Sorge! Wie viel verlangst du?«

»Für alle vier und die Kamele?«

»Nur für mich und meinen Diener Hadschi Halef. Diese beiden Männer werden mit ihren Kamelen wieder umkehren.«

»Womit willst du bezahlen? Mit Geld oder mit etwas anderem?«

»Mit Geld.«

»Willst du Speise von uns nehmen?«

»Nein; ihr gebt uns nur das Wasser.«

»So bezahlst du für dich zehn und für diesen Hadschi Halef acht Misri.«

Ich lachte dem braven Manne gerade ins Gesicht. Es war echt türkisch, für die kurze Fahrt und einige Schlücke Wasser achtzehn Misri, also beinahe vierunddreißig Thaler zu verlangen.

»Du fährst einen Tag bis ungefähr zur Bucht von Nayazat, wo dein Schiff zur Nacht vor Anker geht?« fragte ich.

»Ja.«

»Dann sind wir des Mittags in Tor?«

»Ja. Warum fragst du?«

»Weil ich dir für diese kurze Fahrt nicht achtzehn Misri geben werde.«

»So wirst du hier zurückbleiben und mit einem andern fahren müssen, der noch mehr verlangen wird.«

»Ich werde weder zurückbleiben, noch mit einem andern fahren. Ich fahre mit dir.«

»So giebst du die Summe, welche ich verlangt habe.«

»Höre, was ich dir sage! Diese beiden Männer haben mir ihre Tiere geliehen und mich zu Fuße begleitet von El Kahira für vier Mariatheresienthaler; bei der Hadsch wird jeder Pilger für einen Mariatheresienthaler über das Meer gesetzt; ich werde dir für mich und meinen Diener drei Thaler geben; das ist genug.«

»So bleibst du hier. Mein Sambuk ist kein Frachtschiff; er gehört dem Großherrn. Ich habe die Zehka[42] einzusammeln und darf keinen Passagier an Bord nehmen.«

[42] Eine Steuer, deren Ertrag nur zu Almosen bestimmt war.