Durch Massailand zur Nilquelle
Part 23
Bei einem Todesfall glaubt man stets an Zauberei. Derjenige, der sie verübt, wird durch den Zauberdoktor ermittelt und verfällt der Blutrache. Todte werden hockend mit gefalteten Händen, zugleich mit einer Opferziege beerdigt, die der Geist des Verstorbenen verzehren soll. Auch hier herrscht also der Ahnenkult; ein Gottesbegriff soll unbekannt sein.
Eigentliche Häuptlinge giebt es nicht, doch erwerben die Zauberdoktoren, die auch Regen machen, grosses Ansehen. Gegenwärtig sind übrigens die Vorsteher der Wanyamwesi-Kolonien, vor allem Mtoro, die eigentlichen Beherrscher des Landes.
Bei Mord tritt Blutrache ein. Diebstahl kommt vor eine Greisenversammlung, die den Strafpreis bestimmt.
Die vorerwähnten =Wanege= werden von den Wanyamwesi Watindiga genannt, von den Massai, wie alle Jäger, den Wandorobo beigezählt. Obwohl ich ihr Gebiet mehrmals durchstreifte, habe ich doch niemals etwas von ihnen zu sehen bekommen. Ihre Sprache soll an Schnalzlauten reich und dem Kissandaui verwandt sein. Sie tragen kurze Haare und Armbänder aus Kauri und leben von der Jagd, die sie mit kräftigem Bogen und vergifteten Pfeilen betreiben. Sie sollen Tänze nach der Trommel ausführen. Sie hausen in Grashütten und den Höhlungen der Baobabs und sind so scheu, dass selbst die Makua (Elephantenjäger) sie nur sehr selten zu Gesicht bekommen. Sie nähren sich nur von Wildfleisch und Honig. Einzelne von ihnen sollen in Meatu, andere in Iramba angesiedelt sein. Ihre Zahl ist jedenfalls nur sehr gering.
Wenn wir die =Völker der abflusslosen Gebiete= überblicken, so finden wir eine erstaunliche ethnische und sprachliche Mannigfaltigkeit, wie solche im dunkeln Welttheil auf beschränktem Raume selten ist. Ein Beispiel, wie verschieden die Sprachen sind, die in diesen Ländern gesprochen werden, mögen die Zahlwörter von 1 bis 10 der verschiedenen Völker in der Umgebung Irangi's geben.
===+==========+=========+==========+============+===========+========= | Kirangi- | Kifiomi | Tatoga | Kisandaui | Massai | Ndorobo | Kimbugwe | |(Kitaturu)| | | ===+==========+=========+==========+============+===========+========= 1 | munti | naka | aki | tzeχe | nabo | napu 2 | ere | sare | iyeni | kisoχe | are | enya 3 | satu | tamu | samak | somekeχ | uni | uni 4 | inya | sia | angwan | hakaχ | ungwan | ongwan 5 | tano | kowan | mut | kwanaχ | umiet | mot 6 | asatu | laho | la | dandatzeχe | ille | lei 7 | fagate | faangu | isukwa | " kisoχe | nawishana | onar 8 | nana | dagnat | siss | " somekeχ | issiet | sissie 9 | kenda | gwelel | segäs | " hakaχ | ndoroi | naudó 10 | kumi | miba | taman | " kum | tomon | gaget
Als Urbewohner der abflusslosen Gebiete kann man wohl jenen niedrigstehenden Jägerstamm der =Wanege= betrachten, von dem ein Zweig als Wassandaui sesshaft geworden ist. Wie weit dieser Stamm mit seiner an Schnalzlauten reichen Sprache der Buschmann-Gruppe oder den Pygmäen Centralafrika's verwandt ist, mögen künftige Forschungen lehren. In jedenfalls schon sehr früher Zeit wanderten die =Wafiomi=, ein hamitischer Stamm, aus dem Norden ein. In ihrer Sprache vollkommen selbstständig und, von den Massai verschieden, bilden sie mit den Stämmen von Nandi, Lumbwa und Kamassia eine Gruppe ackerbautreibender Völker. Eine sehr alte Einwanderung bildeten jedenfalls auch die =Wanyaturu= und =Wanyairamba=, Bantuvölker, die durch die Waschaschi mit der grossen Gruppe der Nyansa- (Zwischenseen-) Völker zusammenhängen und von Nord nach Süd drängen. In umgekehrter Richtung erfolgte die Einwanderung der =Wagogo=-Völker, jener Bantu-Gruppe, die als Wagogo, Warangi und Wambugwe ein ziemlich einheitliches Gepräge besitzt und unwillkürlich auf eine südafrikanische Herkunft schliessen lässt. Mit ihnen zugleich, vielleicht auch schon früher, treten erst die Wataturu (Tatoga), dann die Massai als räuberische, von Nord nach Süd drängende Hirten von hamitischer Physis auf. Ihre Sprache steht derjenigen der Bari am obern Nil am nächsten, welche ihrerseits wieder ein Abkömmling der hamitischen Sprachen ist. Die Annahme, dass die Massaistämme vom Nil herkommen, scheint daher nicht nothwendig. Die Vermuthung liegt vielmehr nahe, dass die Massai sich schon in der Urheimath von den Bari trennten und ihre hamitische Physis reiner erhalten konnten als die Bari, die mitten unter Negerstämmen starker Blutmischung ausgesetzt waren.
Es ist begreiflich, dass so nahe beisammen wohnende verschiedene Völker sich weder sprachlich noch ethnisch rein erhalten können. Die Viehnomaden in ihren isolirten Stellungen vermögen das noch am ehesten, bei den Ackerbauern wirken Zwischenheirathen jedoch nivellirend. Es scheint zweifellos, dass die Bantustämme in diesem Kampfe den Sieg davon tragen werden, und besonders die langsame, aber ständige Wanyamwesi-Einwanderung dürfte hier entscheidend wirken.
In seinem gegenwärtigen Zustande ist das abflusslose Gebiet Deutsch-Ostafrika's zweifellos ethnographisch eines der interessantesten des Kontinents. Die Steppen, welche die bewohnten Gebiete umschliessen und die durch kriegerische Nomaden nahezu unpassirbar gemacht wurden, hatten eine isolirende Wirkung und ferne von dem Getriebe der Karawanenstrassen konnten die Volksstämme sich in seltener Ursprünglichkeit erhalten. Hier hausen die räthselhaften Wanege, die, scheuer als das Wild der Steppe, noch von keines Europäers Auge geschaut wurden, die Wassandaui mit ihrer an Schnalzlauten reichen Sprache, hier entwickeln mehrere Bantustämme ein primitives eigenartiges Volksleben. In den Wataturu finden wir einen versprengten Zweig der Hamiten mit nilotischer Sprache und daneben, in den Wafiomi, physisch und sprachlich reine Hamiten. Gerade die letzteren nehmen unser Interesse besonders in Anspruch, da sie wahrscheinlich einen der ältesten Zweige des hamitischen Stammes darstellen.
Nach den Ergebnissen der Forschung ist der Ursprung der Hamiten in Asien zu suchen, von wo sie vor der Einwanderung der alten Egypter nach Afrika zogen. Das Volk der Pharaonen trat 5000 Jahre vor Christi mit einem Kulturzustand in die Geschichte ein, der bereits auf eine uralte Entwickelung im Nilthale schliessen lässt. Vor wie vielen Jahrtausenden mag also die Einwanderung der Egypter aus Asien erfolgt sein, in welch' grauer Vorzeit mögen erst ihre Vorläufer, die Hamiten und gar deren äusserste Zweige, die Fuebe einerseits, die Wafiomi andererseits, die grosse Völkerbrücke am rothen Meere überschritten haben?!
IX. KAPITEL.
Die Völker der Nilquell-Gebiete.
Die Waschaschi. -- Die Watussi. -- Die Wasinja. -- Die Warundi. -- Die Wanyamwesi.
Im Gegensatz zum abflusslosen Gebiet, in welchem der Steppen-Charakter vielfach vorherrscht, bieten die Länder der Nilquellen menschlicher Ansiedelung ziemlich günstige Bedingungen. Dieselben sind auch für afrikanische Verhältnisse dicht bewohnt, und nirgends trifft man dort so ausgedehnte menschenleere Striche wie im Massai-Land. Die Völker, welche hier in Betracht kommen, gehören sprachlich sämmtlich der Bantu-Gruppe an. Anthropologisch freilich wird man auch hier eine Gliederung in Hamiten und Neger aufstellen müssen, welch' erstere durch den Hirtenstamm der Watussi oder Wahuma vertreten sind.
Aus dem abflusslosen Gebiet nach den ersten Nilzuflüssen kommend, treffen wir den Stamm der =Waschaschi=. Derselbe dürfte ursprünglich den Wasinja verwandt gewesen sein, wenigstens ist die Sprache, das Kischaschi, vom Kisinja nur dialektisch verschieden. Gegenwärtig weichen die Waschaschi ethnographisch stark von den Wasinja ab. Besonders in den östlichen und nördlichen Grenzgebieten haben die Waschaschi starke Beimischungen von hamitischem (Massai und Wataturu) und nilotischem (Kavirondo) Blut erlitten und sich dadurch abweichend entwickelt. Im Süden dagegen brachte der fortwährende Verkehr mit den Wanyamwesi (Wasukuma) eine Annäherung an diese hervor.
Wir verstehen hier unter Waschaschi jene östlichen Nyansavölker, die ethnographisch ein einheitliches Ganzes bilden, in einzelnen Zügen allerdings von einander abweichen und sich in verschiedene Stämme gliedern.
Im Norden hausen die Wangoroïne, die stark mit Wakuavi- und Kavirondo-Blut vermischt sind. An diese schliessen sich südlich die Waschaschi im engeren Sinne, die das Hinterland des Nyansa bewohnen und nur in Katoto dessen Küste erreichen. Ihnen sehr nahe stehend, doch stark mit Massai-Blut gemischt, sind die Bewohner von Ikoma oder Elmarau. Die Waruri und Wakwaya am Nyansa sind auch nichts Anderes als Waschaschi, wie aus Sprache und Lebensweise deutlich hervorgeht. Die Waruri sind stark mit Wagaya (Kavirondo) gemischt, welche bereits der nilotischen Gruppe angehören, die Wakwaya aber ziemlich rein. Ihr Zweigstamm, die Wakara der Insel Ukara, haben sich zwar im Aeusseren und Wesen sehr ursprünglich erhalten, sind aber jedenfalls durch Zwischenheirathen mit Wakerewe (Wasinja) gemischt.
Wo Waschaschi noch ihren eigentlichen Charakter bewahrt haben, zeigen sie überraschende Analogien mit den Wanyaturu des Distrikts Turu, sodass man unwillkürlich auf den Gedanken kommt, dass beide Völker -- etwa mit den Wanyairamba -- einer Quelle entsprungen sind.
Von einem einheitlichen =körperlichen Typus= kann bei den Waschaschi, die so vielen Blutmischungen ausgesetzt waren, kaum die Rede sein. Im Norden und Osten sieht man viele Anklänge an den hamitischen Typus, im Süden ist die untersetzte, negerhafte Körperform der Wanyamwesi vorherrschend. In Ikiju und bis Uaschi hin, sowie in Majita und Ururi, leben hochgewachsene, sehr kräftige und schlanke Waschaschi mit dunkelbrauner Hautfarbe, nicht allzu scharfem Negertypus und freundlichem Gesichtsausdruck. Alle Waschaschi sind beschnitten und stehen damit im Gegensatz zu den Wasinja und Wanyamwesi. In vielen Gegenden werden die vordersten oberen Schneidezähne dreieckförmig ausgesplittert, bei den Waruri die ganzen Schneidezähne des Oberkiefers spitz gemacht, eine Sitte, die jedoch den Wagaya entlehnt ist. Das Ohrläppchen wird überall durchbohrt und lang ausgedehnt, in der Oeffnung werden ovale Holzscheiben getragen. Daneben findet auch der Massai-Ohrschmuck und die Messingspirale der Wasukuma Eingang.
Das Haar wird meist kurz getragen und rund um den Kopf abrasirt, oft auch über der Stirn dreieckförmig ausrasirt. Die Wakwaya rasiren das ganze Vorderhaupt ab und flechten das Haar am Hinterkopf in Zöpfchen. In Ikoma und den Nachbargebieten bis Ururi hin, wird das Haar vielfach in Zöpfchen gedreht und mit rothem Lehm und Fett angemacht, der Haarrand jedoch stets rund ausrasirt.
Die ursprüngliche =Kleidung= sämmtlicher Waschaschi-Männer besteht aus einer Anzahl um den Leib gewundener Bastschnüre, gleicht also völlig jener der Wanyaturu. Bei Knaben ist diese Tracht fast überall noch üblich. Junge Männer tragen in Ikoma, Ngoroïne und bis Ururi hin den Massai-Ueberwurf, der niemals die Schamtheile bedeckt. In Ikiju, Katoto und Ukwaya wird ein kleineres Fellschürzchen getragen. Die Wakara ziehen die Schnur zwischen den Beinen durch und lassen vorn ein Leder- oder Zeugschürzchen herabhängen. Aeltere Männer tragen überall längere Felle, die oft schön gegerbt sind. Die Weiber kleiden sich mit einem oft vielgefalteten Lendenschurz aus Leder, der bei festlichen Gelegenheiten mit Schnüren und Klapperfrüchten besetzt ist. Beide Geschlechter pflegen sich roth zu bemalen. Als Kopfschmuck dient den Kriegern in Ngoroïne eine Bastschnur, von welcher Fransen aus weissem oder rothem Bast, Federn oder Käferflügel herabhängen. Um den Hals tragen beide Geschlechter Glas- oder Eisenperlen, sowie den weitverbreiteten eigenartigen Schmuck, der aus Strausseneischeibchen gebildet wird. Am Oberarm sitzt ein Bastring, am Unterarm breite Elfenbeinringe, die oft ganze Manschetten bilden. Unter dem Knie pflegen Weiber ebenfalls einen Bastring zu tragen. Letztere schmücken sich in vielen Gegenden auch mit Armringen aus Eisen. Beim Tanz pflegen die jungen Krieger grosse Schellen an den Beinen zu tragen. An einer Schnur hängend wird oft ein eiserner Kratzer am Rücken getragen. Ein merkwürdiger Schmuck ist ein mit einem Messer versehener Fingerring.
Der =Charakter= aller Schaschi-Stämme ist ein friedlich gutmüthiger und für Schwarze äusserst liebenswürdiger. Sie sind nichts weniger als kriegerisch und ihren Erbfeinden, den Massai, in keiner Weise gewachsen. Eine Ausnahme bilden die Wakara, die von erstaunlicher Wildheit und Abneigung gegen alles Fremde sind und darin völlig den Wanyaturu gleichen.
Das Leben der Waschaschi dreht sich um den =Ackerbau=, dem sie mit grossem Eifer und Geschick nachgehen. In Ikoma und Ngoroïne liefert die Eleusine (Kisw. wimbi) die Hauptnahrung, in Uhemba, Uaschi, Ikiju und den Nachbarländern jedoch die Grundnuss, Arachis hypogaea. Soviel mir bekannt, giebt es keine andere Gegend, wo dieses weitverbreitete Gewächs als Hauptnahrung dient. In den Gegenden, wo, wie in Uhemba, fast nichts als Arachis zu haben ist, litten meine Leute vielfach an Magenbeschwerden, die Waschaschi fühlten sich jedoch ganz wohl dabei. Sonst baut man noch Sorghum der rothen Varietät, Mais, Penicillaria, Sesam, Kürbisse, Gurken, Maniok, süsse Kartoffeln, Tabak (besonders in Ukwaya), im Süden auch Hanf. Die Banane ist allen Waschaschi unbekannt, selbst die =Wakara= pflanzen nur Sorghum und Arachis, obwohl im benachbarten Ukerewe Bananen die Hauptnahrung bilden. Dagegen betreiben sie eine sehr eigenthümliche Kultur, welche durch ihre insulare Lage veranlasst wird. Sie bauen nämlich eine Art Laubbäume als Futterpflanzen für das Vieh; dieselben stehen in förmlichen Alleen. Das Laub wird abgeerntet und in kegelförmigen Schobern getrocknet (Abb. pag. 50). Dadurch sind sie in der Lage, grosse Rinderheerden von kleinem Zebuvieh zu halten, obwohl ihre Insel keine Weideplätze bietet. Im Uebrigen ist von Rindvieh bei den Waschaschi nicht viel zu sehen; ausser bei den Wakara und den Bewohnern der Inseln des Baumann-Golfes trifft man kaum irgendwo welches an, da es den Massai und früher wohl auch den Wataturu zur Beute gefallen ist. Dagegen findet man Ziegen und Schafe und sehr viele Hühner, aber keine Esel und sehr wenig Hunde.
Alle Waschaschi jagen eifrig mit Bogen und Pfeil und betreiben, wo sich grössere Gewässer befinden, =Fischfang=. Besonders die Bewohner des Nyansaufers in Katoto, wo der See ungemein fischreich ist, betreiben Fischerei im Grossen mit Reusen, Netzen und grossen Angeln (Abb. pag. 40) und jagen das Flusspferd mit der Harpune. Die Kanus sind schlechte Nachahmungen der Wakerewe-Fahrzeuge. Sie pflegen die Fische auf Gestellen zu trocknen und nach Usukuma zu verkaufen. Doch auch die Bewohner von Ikoma fischen eifrig mächtige Welse im Grumeti und Rubana.
Die =Hauptnahrung= der Waschaschi liefern die Produkte des Ackerbaues, in Katoto der Fischfang. Der Genuss von Hühnereiern gilt als ekelhaft. Tabak wird von Männern und Weibern aus schönen langen Pfeifen mit Thon- und Steinköpfen geraucht. In Ngoroïne wird auch viel geschnupft, eine Sitte, die wohl den Wakuavi entlehnt ist. Zum Aufbewahren des Schnupftabaks dienen hübsche Kalebassen, die im erweiterten Ohrläppchen getragen werden. Pombebereitung aus Sorghum ist üblich und besonders in Ukara beliebt. Honig wird genossen, ist jedoch besonders da, wo die Dörfer mit Euphorbienhecken umgeben sind, oft gesundheitsschädlich.
Die =Hütten= der Waschaschi haben das Gemeinsame, dass sie cylindrische Lehmwände und ein Kegeldach besitzen, sich also mehr dem Unyamwesi-Typus nähern. Die einzige Ausnahme bilden die Wakara, die den reinen Grashüttentypus mit spitzer Anlage den Wakerewe (Wasinja) entlehnt haben (Abb. pag. 50).
In Ikoma und Ngoroïne, wo die Hütten selten viel über 4-5 m hoch sind, haben sie einen Mittelpfahl, sonst fehlt dieser. Die grössten und schönsten Hütten mit bis 12 m Durchmesser haben die Wakwaya von Majita. Die Wände sind hier aussen von Schilf und nur innen mit Lehm verputzt. Die Hütten sind in kleine Komplexe gruppirt, deren jeder den umstehend schematisch gezeichneten Grundriss und eine buschige Euphorbienhecke besitzt, welche die Hütten untereinander verbindet. Jede Hütte hat zwei Eingänge, deren einer (a) von Aussen hineinführt, eine Steinschwelle besitzt und nur für Menschen bestimmt ist, während der zweite (b) keine Schwelle hat, in den Hof führt und dem Vieh als Eingang dient. Eine Geflechtwand trennt den Vorraum vom Wohnraum, in dem die primitive Bettstelle sich befindet. Der Dachraum ist durch ein Stangendach abgeschlossen, auf welchem Feuerholz, Fisch- und Ackergeräth liegt. Als normale Hütten dienen cylindrische Korbgeflechte mit Grasdach, die auf Pfählen stehen und grosse im Innern der Hütte befindliche flaschenförmige Körbe.
In Uaschi und Ngoroïne ist der zweite Ausgang der Hütte so niedrig, dass man nur tief gebückt eintreten kann. Besonders in Gebirgsgegenden können die Komplexe nicht regelmässig kreisförmig angelegt werden, greifen ineinander über und bilden ein förmliches Labyrinth. In manchen Gegenden ist um mehrere Komplexe eine grössere Euphorbienhecke gezogen, die derart ein Dorf umschliesst. Um die Dörfer von Ngoroïne zieht sich eine feste etwa 2 m hohe steinerne Trockenmauer, auf welcher Dorngestrüpp liegt, hinter der die hohe Euphorbienhecke sich hinzieht. Diese im tropischen Afrika sehr seltene Befestigungsart durch Steinmauern findet sich auch in Lumbwa und Sotik und ist möglicherweise vom Norden übernommen. In den Gegenden, wo einzelnstehende steile Granithügel aufragen, bauen sich die Waschaschi in diese hinein und benutzen die höchsten Felskuppen als Warten, von welchen sie nach etwaigen Feinden auslugen. Als Schutz vor bösen Geistern dienen Dorfamulette die in den Boden gesteckt werden.
Die =Geräthe= der Waschaschi sind einfach, doch nicht ohne ein gewisses Geschick gefertigt. Die ursprüngliche Hacke ist offenbar die mit Holzklinge, wie sie sich heute noch in Ukara findet und dort völlig der Holzhacke der Wanyaturu gleicht. Sonst hat fast überall die Usinja-Hacke durch Wasukuma-Händler Eingang gefunden. Doch wird dieselbe an ein Knieholz angebunden, wie an der kleinen Eisenhacke ersichtlich. Als Kopfpolster dienen kleine Holzgestelle. Korbflechtereien werden sehr fest und wasserdicht angefertigt. Zum Abkratzen der Häute, die gegerbt werden sollen, dient ein eigenes, umstehend abgebildetes Instrument.
Die Schilde sind vergrösserte, aber schlechte Nachahmungen der Massai-Schilde. Schwerter und Keule sind selten und rein den Massai entlehnt.
Ursprünglich dagegen sind die Schlagstöcke und Stockschilde. Erstere führen die Waschaschi immer bei sich. Letztere sind weniger breit, aber ebenso geformt wie die der Wanyaturu. Eine abweichende Art von Schlagschilden haben die Wangoroïne. Dieselben werden bei =Stockkämpfen= benutzt, die zu den Volksbelustigungen gehören. Diese eigenthümlichen Stockkämpfe mit besonderen Schilden scheinen mir ein besonderer Beweis für den ursprünglichen Zusammenhang mit den Wanyaturu zu sein. Eine weitere Analogie mit diesen bietet die rein republikanische Regierungsform der Waschaschi. Häuptlinge sind gänzlich unbekannt, die Streitfragen in der Gemeinde werden von Aeltesten entschieden. Ihre Todten begraben die Waschaschi und legen dann Bastleibschnüre auf das Grab.
Ihre =Sprache= ist, wie oben erwähnt, nur dialektisch vom Kisinja (Kinyoro) verschieden, so dass Leute, welche die letztere Sprache reden, sich in Schaschi ohne Schwierigkeit verständlich machen können. Die einzelnen Dialekte der Waschaschi-Stämme weichen nur sehr wenig von einander ab. Von Ikoma bis Nata einerseits und Katoto andererseits wird der reinste Dialekt gesprochen. Die Sprache von Ngoroïne ist vielfach mit Massai-Elementen vermischt. Wakwaya (Majita) und Wakara reden denselben Dialekt.
Paukenartige Trommeln sah ich bei den Wakara. In Ngoroïne kennt man eine Leier, die völlig jener der Sudan-Neger gleicht (Abb. pag. 57), und Flöten. Letztere werden so häufig und zu so besonderen Gelegenheiten geblasen, dass ich unwillkürlich an das Bestehen einer Signal-Sprache dachte. Ein anderes Saiteninstrument ist bei allen Waschaschi, sowie in ähnlicher Form bei den Wanyaturu und den Völkern westlich vom Victoria-See bis zum Tanganyika gebräuchlich. Als Kriegstrompeten dienen Antilopenhörner. Der Tanz besteht hauptsächlich in Bewegungen des Unterleibes.
Die =Hauptwaffen= der Waschaschi sind Bogen und Pfeil. Erstere sind kräftig, letztere fast immer vergiftet. In Ukara hat sich die ursprüngliche Pfeilform mit harten Holzspitzen erhalten, solche findet man sonst nur in Majita, die übrigen Waschaschi haben Pfeile mit Eisenspitzen, die sie in Leder-Köchern tragen. Das Pfeilgift, eine schwarze Masse, wird in Holzbehältern verwahrt. Auch andere Stämme beziehen Pfeilgift von den Waschaschi. Speere sind immer anderen Stämmen entlehnt. So findet man im Norden den langen Kavirondo-Speer mit kurzer, oft widerhakiger Spitze, im Süden den modernen Wasukuma-Speer mit übergreifender Zwinge. Auch Massai-Speere werden manchmal getragen. Die alte Form der Wataturu-Lanzen ist als Paradewaffe beliebt.
Wenn also sprachlich zwischen den Waschaschi und =Wasinja= eine grosse Aehnlichkeit besteht, die möglicherweise auf gemeinsamen Ursprung deutet, so haben sich diese beiden Stämme, durch den Keil der Wanyamwesi (Wasukuma) getrennt und sehr verschiedenen Einwirkungen ausgesetzt, so verschieden entwickelt, dass sie heute kaum mehr einen Zusammenhang ahnen lassen.
Unter =Wasinja= verstehen wir hier die Bewohner des alten Königreiches Usinja, welches die heutige Landschaft dieses Namens, ferner Ussambiro und Ussui umfasste. Doch sind die Bewohner des westlichen Nyansaufers bis zur Grenze von Uganda, sowie jene von Karagwe, Ankole und den nördlichen Landschaften bis Unyoro hin gleicher Sprache und wohl auch gleichen Stammes mit den Wasinja.
Die genannten Landschaften gehören mit Uganda einerseits und Urundi, Uha und Ruanda andererseits jener Gruppe von Bantu-Völkern an, welche durch das Eindringen eines nördlichen, hamitischen Elementes aufs Tiefste beeinflusst wurden, so dass es unmöglich erscheint, von ihnen zu sprechen, ohne vorerst die heutigen Vertreter dieses hamitischen Elementes, die =Watussi=, erwähnt zu haben. Dieselben werden, besonders wo sie nicht als Hirten, sondern als Herrscher auftreten, auch Wahima oder Wahuma genannt. Da jedoch derselbe Ausdruck in vielen Gegenden auch die Massai bezeichnet, da ferner die Leute selbst sich stets Watussi nennen, so möchte ich die Beibehaltung dieses Namens vorschlagen.