Durch Massailand zur Nilquelle
Part 22
Weit wichtiger ist die =Viehzucht=, die allerdings durch die Seuche stark gelitten hat, immerhin aber noch recht bedeutend ist. Das Mbugwe-Rind ist ein echtes Zebu mit starkem Höcker, kräftiger, untersetzter Gestalt und meist kurzen Hörnern. Es ist verschieden, braun, schwarz und grau gefärbt, auch Blässen sind nicht selten. Wie bei den meisten afrikanischen Rindern, ist der Milchertrag ein geringer, =ein= Liter täglich gilt schon als ganz gute Leistung. Die Rinder grasen durchweg in der Salzebene um die Temben herum und verlassen deren Umkreis niemals. Obwohl sie anscheinend nur spärliche Weide finden, gedeihen sie doch vortrefflich und sind von seltener Ausdauer und Zähigkeit. Ich hatte Umbugwe-Rinder während meiner ganzen Reise mit und dieselben vertrugen das kalte Plateauklima ebensogut wie Hitze und Wassermangel in der Steppe, ja selbst die starken Märsche ermüdeten sie keineswegs. Die Wambugwe pflegen ihre Rinder durch Einschnitte in die Ohren zu bezeichnen.
Unter den Rindern treiben sich in der weiten Ebene des Dorfgebietes zahlreiche, halbwilde =Esel= herum. Dieselben sind kräftig gebaut, haben eine glänzend silbergraue Farbe und sehr oft leichte Streifung an den Beinen, erinnern also lebhaft an den wilden Esel der Somali-Länder. Sie werden nur zum Herbeitragen von Feuerholz, das sehr weit hergeholt werden muss, benutzt, laufen aber meist frei umher. Auch die Esel fand ich, sobald sie gezähmt sind, was rasch gelingt, sehr ausdauernd. An Kleinvieh werden viele Ziegen und Schafe, an Geflügel Hühner gehalten. Hunde und auffallend viele Katzen sind überall zu finden.
Der =Ackerbau= wird nicht im Tembegebiet getrieben, weil dasselbe in der Regenzeit oft von Lachen überschwemmt ist und auch als Viehweide dient. Dadurch wird den Wambugwe das Leben ziemlich sauer gemacht. Wenn sie Trinkwasser oft eine Stunde weit holen müssen, so werden Feldfrüchte mehrere, Brennholz oft sogar viele Stunden weit hergeholt. Die Aecker liegen südlich und östlich vom Tembegebiet und sind gut gehalten. Angebaut wird fast nur Sorghum weisser und rother Varietät, letzterer ausschliesslich zur Bier-(Pombe)-Bereitung, sowie Tabak. Trotz des anscheinend wenig fruchtbaren Bodens ist das Erträgniss doch ein ungemein reiches, wie man an den kolossalen Getreidevorräthen sehen kann, welche die Wambugwe in meterhohen und ebenso breiten, cylindrischen Strohkörben in ihren Hütten aufspeichern.
Die =Hauptnahrung= ist der Sorghumbrei. Um diesen herzustellen, wird der Sorghum am Dach des Tembe aufgebreitet, hierauf meist unenthülst zwischen Mahlsteinen zerrieben. Nicht selten mischt man dem Mehl Salz vom Balangda-See (Mangati) bei, manchmal sogar das scharfe, für Nicht-Wambugwe gänzlich ungeniessbare Salz des Manyara. Das Fleisch aller Thiere wird genossen, nur Fisch, Nashorn und Elephant gelten als unrein und werden nur während einer Hungersnoth verzehrt. Betreffs des Zusammenessens von Männern und Weibern bestehen keine bestimmten Vorschriften. Hirsebier (Pombe) wird in sehr grossen Mengen hergestellt, in mächtigen Töpfen gähren gelassen und dann getrunken. Tabak wird besonders von Männern geraucht, geschnupft und gekaut, in letzterem Falle wird ihm das scharfe Salz des Manyara beigemengt.
Die =Geräthe= der Wambugwe zeichnen sich vielfach durch Zierlichkeit aus. Dem Ackerbau dient eine breitklingige Hacke, die, wie alle Eisengeräthe, aus Irangi-Eisen gefertigt, ja oft direkt von dort importirt wird, da die Warangi-Schmiede mit Recht als geschickt gelten. Ausser den grossen, früher erwähnten Vorrathskörben, dienen als Gefässe kleine Körbe und Kalebassen, die vielfach aus Irangi importirt und mit hübschen schwarzen Ornamenten versehen sind. Die netten Töpfe und Krüge werden von eigenen Handwerkern gefertigt und gehören nicht der Hausindustrie an. Erwähnung verdient das Gerben der Rindshäute, zu welchem Behufe die Haut getrocknet, mit einem besonderen Beil abgekratzt und mit Fett und Kuhmist eingerieben wird. Sie wird dann einen Tag ausgebreitet, mit menschlichem Urin begossen, dann geknetet und zwei Tage in Urin gelagert. Hierauf wird sie nochmals ausgebreitet, getrocknet und abgerieben. Durch dieses Verfahren bekommt die Haut eine erstaunliche, sammetartige Weiche. Wünscht man das Leder zu färben, so wird die betreffende Pflanzenfarbe dem Urin beigemischt.
Die =Waffen= der Wambugwe bestehen aus Speer, Schild, Bogen, Pfeil und Schleuder. Schwerter scheinen vollkommen unbekannt. Der Speer ist ein echter Wurfspeer mit ziemlich breiter Klinge, eingelassenem Schaftdorn, lederbenähtem Hals und mit Eisen umwundenem Schaftende. Jeder Krieger trägt zwei bis vier Speere in der Rechten. In der Linken führt er den spitzovalen Schild, welcher aus Büffelhaut gefertigt, mit kleinen vorgetriebenen Buckeln versehen ist und an der Hinterseite einen Längsstock besitzt, (Abb. Tafel 4). Bogen und Pfeile sind leicht und dienen nur alten Leuten und Kindern als Waffen und Jagdgeräth. Als solches für kleines Wild dient auch die interessante Steinschleuder, ein Geräth, das man sehr selten in Mittelafrika findet. (Abb. pag. 186.) Dieselbe wird auch zum Verjagen der Vögel aus den Feldern gebraucht. Im Gebrauch der Waffen, besonders im Werfen der Speere besitzen die Wambugwe bedeutende Geschicklichkeit.
Die Speere der Warangi sind zierlicher, doch weniger kräftig, ihre Schilde meist kreisrund mit Mittelbuckel.
Von einem =Handel= konnte in Umbugwe kaum die Rede sein, bevor das Erscheinen meiner Expedition eine neue Aera für das Land eröffnete. Küstenkarawanen wagten sich, wie gesagt, nicht ins Land, und selbst Wasukuma kamen nur selten dahin. Der Verkehr mit der Aussenwelt beschränkte sich auf das Eintauschen von Irangi-Eisen und Mangati-Salz gegen Vieh; selten unternahmen die Wambugwe einen Zug nach Meatu, um Irangi-Hacken gegen Häute zu vertauschen. Das wenige, was sie an Glasperlen und Zeug benöthigten, erhielten sie durch die Warangi, die stets ungehindert im Lande verkehrten, seltener durch Wagogo der nördlichen Distrikte, die manchmal bis Umbugwe vordringen.
Gegenwärtig freilich durchziehen häufig Europäer- und Swahíli-Karawanen das Land und eine vollständige Umwandlung aller Lebensverhältnisse ist im Gange.
Ueber das merkwürdige =innere Leben= dieses Stammes konnte ich verhältnissmässig viel erfahren, da ich während meines zweiten Aufenthaltes mit den Eingeborenen sehr freundschaftlich verkehrte und vorzügliche Dolmetscher besass.
Die erste Erfahrung, welche der neugeborene Mbugwe an seinen Landsleuten macht, ist keine angenehme. Es werden ihm nämlich mit einem scharfen Messer zwei Schnitte über das Gesicht -- die =Stammesmarke= -- gezogen. Alle Wambugwe ohne Ausnahme tragen diese; sieht man Jemand ohne die charakteristischen Schnitte, so ist er entweder ein Fremder oder er wurde von seiner Mutter nach Empfang besonderer Medizin, die durch den Zauberdoktor verabreicht wird, geboren.
Die Namengebung erfolgt in der Kindheit durch Verwandte und gilt fürs Leben. Nur wenn ein Kind krank wird, nimmt der Zauberdoktor öfter an, dass ein verstorbener Verwandter (besonders der Vater) etwas gegen dasselbe habe. Dann giesst man dem Todten Pombe aufs Grab und das Kind nimmt dessen Namen als zweiten an. Die Beschneidung wird von kundigen Personen bei Männern und Weibern in der Jugend vollzogen; dabei findet ein Trinkgelage statt. Das Reifwerden der Mädchen giebt zu keinen Gebräuchen Anlass.
Sehr merkwürdig, ja unter Mittelafrikanern fast vereinzelt ist das grundsätzliche Fehlen der Vielweiberei. Selbst Häuptlinge haben nur eine Frau, und als Kutadu, der kein Mbugwe, sondern ein Mtaturu ist, dennoch eine zweite nahm, erregte dies allgemeines Aergerniss. Die Brautwerbung geschieht durch Uebersendung eines Rindes an den Vater, wird dieses angenommen, so wird die Hochzeit durch Tanz und Pombegenuss gefeiert. Einen weiteren Brautpreis hat der Bräutigam nicht zu zahlen, ja, es ist üblich, dass der Vater der Tochter Rinder in die Ehe mitgiebt. Tritt Scheidung ein, so muss der Gatte diese dem Schwiegervater zurückgeben, dann können beide Theile wieder heirathen. Der Verführer eines Mädchens muss dem Vater, der einer Frau dem Gatten das etwa geborene Kind überlassen, weitere Streitigkeiten entstehen deshalb nicht.
Heirathen mit Weibern fremder Stämme, wie Wafiomi, Wataturu und besonders Warangi sind nicht selten und tragen dazu bei, den Wambugwe hamitisches Blut zuzuführen. Kindsmord soll niemals vorkommen.
Bei =Krankheiten= wird der Zauberdoktor gerufen, der Pflanzenmedizin, gewöhnlich Brechmittel eingiebt. In schweren Fällen nennt er die Person, die den Kranken bezaubert hat und die stets gleichen Geschlechts mit diesem ist. Dann pflegen die Verwandten dem Häuptling ein oder mehrere Rinder zu bringen und in nächtlicher Berathung beschliesst dieser mit den Stammesältesten den Zauberer zu tödten. Dieser wird dann meuchlings niedergemacht.
Beim =Tode= eines Menschen wird der Rath des Zauberdoktors nicht eingeholt. Man schlachtet eine Ziege und reibt mit deren Fett die Augen des Verstorbenen ein, damit sein Geist die neugeborenen Kinder nicht sehe und ihnen durch bösen Blick schade. Hierauf wird die Leiche, wenn ein Mann, auf dem rechten, wenn eine Frau, auf dem linken Arm liegend im Tembe begraben. Nur wer durch eine Speerwunde stirbt wird draussen beerdigt. Beim Leichenschmaus wird der erste Pombeschluck aufs Grab gespien. Dann wird das Tembe ruhig weiter bewohnt.
Erscheint ein Todter im Traume, so wird der Zauberdoktor befragt, der dann meist die Opferung eines schwarzen Stieres fordert, dessen Nabel im Grabe verscharrt wird. --
Wie aus dem Obigem hervorgeht, spielt auch bei den Wambugwe, wie bei allen Bantu der =Ahnenkult= die erste Rolle. So werden auch Löwe und Elephant als Geister längst Verstorbener angesehen. Ein eigentlicher Gottesbegriff scheint jedoch zu fehlen.
Die Sklaverei ist in Umbugwe unbekannt, ihr kriegerischer Sinn schützt die Wambugwe auch vor Sklavenjagden, welche die Ober-Aruschaner nach diesen Gegenden zu unternehmen pflegen.
Die ursprüngliche =Regierungsform= ist zweifellos die Familien-Republik, wie sie heute noch im Distrikt Wabwa besteht. Die ungeheure Macht der Zauberdoktoren, sowie die Erblichkeit dieser Würde, liessen dieselben jedoch rasch zu kleinen Herrschern, Häuptlingen, heranwachsen. Von den drei in Umbugwe lebenden Häuptlingen ist nur Mbi ein echter Mbugwe, Mtakayko hat Wataturublut und Kutadu ist ein reiner Mtaturu. Die beiden Letzteren sind die mächtigsten und als Zauberer sehr gefürchtet, ihr reicher Viehbesitz stammt fast nur von Geschenken her, die sie in dieser Eigenschaft bekamen.
Zu ihren Künsten gehört vor Allem das =Regenmachen=. Dazu nimmt der Zauberer bei hellem Sonnenschein ein schwarzes Kalb und ein schwarzes Schaf, hebt sie auf das Tembedach, schlitzt ihnen den Bauch auf und spritzt den Mageninhalt nach allen Richtungen. Dann giesst er Wasser und Medizin in ein Gefäss; ist der Zauber gelungen, so kocht das Wasser auf und Regen erfolgt. Um Regen zu hindern zieht sich der Zauberer in das Innere des Temberaumes zurück und erhitzt einen Bergkrystall[19] in einer Kalebasse.
[19] Vergl. Stuhlmann, a. a. O. pag. 282.
Die Macht des Häuptlings ist sehr durch die Aeltesten beschränkt, die in allen wichtigen Angelegenheiten mitzusprechen haben. Zu seinen Vorrechten gehört, dass er die Erlaubniss zum Ernteschnitt giebt; am ersten Tage wird dann auf seinen Feldern geschnitten.
Die =Kriege= der Wambugwe untereinander sind wenig blutig. Ziegen und Rinder werden dabei niemals fortgetrieben, als Beute gelten nur Hausgeräth und Hühner. Ganz anders freilich wissen sie sich gegen auswärtige Feinde zu vertheidigen. Als mächtiger Kriegszauber wird ein Angehöriger des feindlichen Distriktes abgefangen, getödtet, seine Haut abgezogen und an Armen und Brust getragen. Als Friedenszeichen überreichen die Wambugwe etwas Gras, das sie nach Massaiart vorher bespeien. Ihr gewöhnlicher Gruss ist »Tálala«.
Mord wird durch Blutrache gesühnt. Von Diebstählen werden nur die grösseren dem Häuptling angezeigt. Dieser verbannt dann den Dieb und zieht dessen Eigenthum ein, wobei die Aeltesten etwas, der Bestohlene aber nichts abbekommt. Grundbesitz ist bekannt, das urbar gemachte Land gilt endgiltig als erworben.
Sonne und Mond betrachten die Wambugwe als Brüder, die Sterne als Menschen, deren einer stirbt, wenn eine Sternschnuppe fällt.
Wenn wir das =Gesammtbild= der Wambugwe betrachten, so finden wir einen körperlich und geistig gesunden, völlig urwüchsigen Stamm, der nach jahrhundertelanger Abgeschlossenheit nun plötzlich mit der Aussenwelt in regen Verkehr tritt. Es ist zweifellos, dass die Veränderungen, welche dessen Lebensgewohnheiten schon in den nächsten Jahren erleiden müssen äusserst tiefgehende sein werden. Mir jedoch, der ich als erster Weisser die Wambugwe in voller Ursprünglichkeit gesehen, der ich ihnen -- hoffentlich als letzter Europäer -- in blutigem Kampfe gegenüberstand und sie dann aber auch als Freunde kennen lernte; mir scheint es fast sicher, dass dieser Stamm bei kräftiger und doch maassvoller Behandlung zu einem der wichtigsten Kulturelemente Deutsch-Ostafrika's heranzubilden wäre. --
Die Plateaulandschaften südwestlich vom Gurui-Berg, bis gegen Ugogo hin, bewohnt ein anderer Bantu-Stamm, die =Wanyaturu=, d. i. Leute von Turu. Dieselben leiten ihre Abkunft vom Gurui-Berg her, sind aber jedenfalls schon sehr alte Ansiedler. In vieler Hinsicht weisen sie Aehnlichkeit mit den Waschaschi im östlichen Nyansa-Gebiet, besonders aber mit deren ursprünglichsten Vertretern, den Wakara von Ukara auf. Jedenfalls gehören die Wanyaturu zu den tiefststehenden Bewohnern des abflusslosen Gebietes, was besonders auffällt, wenn man aus dem Innern, aus Unyamwesi kommt, wo die Kulturstufe eine ungleich höhere ist.
Die Wanyaturu sind kräftige, hochgewachsene Leute, ziemlich dunkelfarbig und von recht reinem Negertypus, der im Allgemeinen dem der Wanyamwesi gleicht. (Abb. Taf. 13 und pag. 110.) An Hamiten erinnernde Gesichtszüge sind selten und wohl nur bei Nachkommen eingewanderter Wataturu zu finden. Die Männer gehen vollkommen nackt und scheinen nicht das geringste Schamgefühl zu kennen. Um die Hüften tragen sie zahlreiche, festsitzende Bastschnüre, um die Knöchel Glasperlen oder Lederschnüre. Beide Geschlechter sind beschnitten. Die Männer tragen die Haare meist kurz, manchmal mit einer Feder am Scheitel. Seltener drehen sie kleine Zöpfchen, die sie mit Fett festigen, oder tragen, wie die Wanyairamba, dünne, lange Haarzöpfchen, die nach hinten hängen. Die Weiber tragen Lederlendenschurze und rasiren den Schädel, ältere Leute schlingen manchmal ein Stückchen Zeug um die Hüften.
Die Wanyaturu gelten mit Recht als boshaft. Wildheit und Hass alles Fremden bildet den Grundzug ihres Charakters der durch politische Zerfahrenheit des Landes noch verschärft wird.
Ihre =Wohnungen= bestehen aus rechtwinkelig angeordneten, etwa brusthohen und ca. 4 m breiten, sehr ärmlichen Temben. Der rechte Winkel ist durch einen innen mit Stachelgestrüpp geschützten niedrigen Zaun von buschigen Euphorbien abgeschnitten, wodurch der dreieckige Viehhof gebildet ist. Manchmal zieht sich eine Euphorbienhecke um einen Komplex solcher Temben. Das Innere der Temben ist in dunkele, räucherige Kammern getheilt, der Boden stellenweise vertieft. Neben den Temben graben sie unterirdische Schutzlöcher, höhlen auch oft Baobabs aus um sich darin zu verbergen.
Der =Ackerbau= beschränkt sich auf Sorghum und Eleusine. An Hausthieren werden Rinder, Ziegen, Schafe, Esel, Hühner und Hunde gehalten. Sie gewinnen Salz aus dem Singisa-See, welches sie den Wanyamwesi von Ussure verkaufen, sonst verkehren sie fast nur mit den Wassandaui, in deren Land sie öfters auswandern.
Sie benutzen Hacken mit Holzklingen, die jedoch nur zum Umackern der Aussaat dienen. Sonst benutzen sie Eisenhacken aus Unyamwesi. Ihre Waffen sind Speer, Schild, Bogen und Pfeil. Die Speere gleichen jenen der Wambugwe, sind reine Wurfspeere mit eingelassener Spitze, doch mangelhaft angefertigt. Die Schilde sind kreisrunde, schwarze Lederschilde mit einem Buckel in der Mitte. Bogen und Pfeil werden nur von alten Leuten gebraucht. Sehr charakteristisch sind die Stockschilde und Schlagstöcke, die zu Stockgefechten dienen. (Abb. Tafel 13.) Die ersteren sind an einen langen Stock befestigt, die letzteren einfach dicke Prügel, welche die Wanyaturu stets bei sich führen. Die Sitte der Stockkämpfe findet sich auch in Schaschi. An letztere Landschaft erinnert auch ein Saiteninstrument der Wanyaturu.
Die Geburt eines Kindes wird durch Freudengeschrei gefeiert, bei Zwillingen findet ein Fest statt. Die Beschneidung und das Ausbrechen der unteren vorderen Schneidezähne findet bei beiden Geschlechtern im Jugendalter statt. Unverheirathete Kinder schlafen nicht in demselben Raum mit den Eltern. Ein junger Mann, der heirathen will, bringt dem Brautvater Pfeile, werden diese angenommen so wird der Brautpreis -- meist 4-6 Ziegen -- bestimmt. Die Zahl der Frauen ist unbeschränkt. Will Jemand sich von seiner Frau trennen, so muss der Vater den Brautpreis zurückzahlen, sind Kinder vorhanden so geschieht dies nicht und die Kinder bleiben ihrem Vater. Stirbt die Frau, so ist es üblich, dass deren Verwandte dem Gatten einen Ersatz stellen. Die Feldarbeit wird von beiden Geschlechtern besorgt. In Krankheitsfällen werden Pflanzenmittel zusammen mit dem Fleisch erwürgter Ziegen gegeben. Todte werden kauernd, bedeckt mit frischem Ziegenfell, begraben.
Von einem Gottesbegriff kann kaum die Rede sein, auch hier, wie bei allen Bantu herrscht der Ahnenkultus, bezw. die Furcht vor Geistern, welche Krankheiten hervorrufen sollen. Macht der Geist eines Verstorbenen sich derart unangenehm bemerkbar, so wird der betreffende Leichnam wieder ausgegraben und mit einem Opferschaf neuerdings beerdigt.
Der grösste Tag im Jahr ist das Erntefest, bei dem Tänze und Stockgefechte stattfinden. Dieselben dienen nur zum Vergnügen, obwohl dabei nicht selten Leute schwer verletzt, ja getödtet werden. Die Kämpfer zielen immer hauptsächlich aufs Schienbein.
Eine Gemeindeverfassung oder ein Oberhaupt irgend welcher Art kennt man in Turu nicht; Jedermann ist Herr seiner Familie und thut sonst was er will. Nur Krieg wird durch eine Art Volksversammlung beschlossen, bei welcher Greise das grosse Wort führen, doch giebt es keine Anführer dabei, sondern jeder geht vor, wie es ihm eben einfällt. Trotzdem binden die Wanyaturu mit allen Nachbarn, vorzüglich Ussure und Iramba, stets an, werden jedoch meist zurückgeworfen. Den Massai gegenüber sind sie wehrlos. Ich selbst lernte sie als ein boshaftes, elend feiges Gesindel kennen.
Auch untereinander führen sie öfters Krieg, wobei die Partei, bei der ein Mann fällt, als besiegt gilt. Gefangene Männer werden dabei getödtet, Weiber nicht gefangen genommen. Sklaverei ist im Lande unbekannt, doch verkaufen zur Zeit einer Hungersnoth die Wanyaturu öfters ihre Kinder, und Sklaven dieses Stammes sind in Tabora und Irangi nicht selten und gelten als recht brauchbar.
Die Wanyaturu bilden ein unruhiges, wildes Bevölkerungselement. Alle europäischen Reisenden, von Stanley an, die das Land durchzogen, wurden angegriffen oder doch belästigt, kleine Karawanen wurden ausgeplündert. Nur in Unyanganyi, wo die Wanyamwesi-Ansiedler die Wanyaturu gründlich geschlagen und zu Paaren getrieben haben, sind sie jetzt freundlich und entgegenkommend. Durch solche Ansiedlungen allein könnte auch das übrige Land dauernd pacificirt werden.
Als Nachbarn der Wanyaturu, von diesen jedoch verschieden und nicht mehr der Bantu-Gruppe angehörig, leben die =Wassandaui=. Dieser kleine Stamm, der von besonderem Interesse ist, bewohnt die rings von Steppen umgebene Landschaft Ussandaui. Irgend welche Tradition einer Einwanderung hat sich bei ihnen nicht erhalten, sie behaupten stets in ihren jetzigen Wohnsitzen gelebt zu haben. Jedenfalls sind sie sehr alte Ansiedler, wie schon ihre Sprache schliessen lässt, die an Schnalzlauten reich und von jenen der umwohnenden Stämme gänzlich verschieden ist.
Mit ihnen nahe verwandt ist das Jägervolk der =Wanege= oder Watindiga, welche die Steppen zwischen Iraku und Usukuma durchstreifen und nach der Ueberlieferung der Wambugwe vor diesen die Landschaften am Südende des Manyara inne hatten. Die Wanege stellen offenbar den ursprünglicheren Zweig des Stammes dar, während die Wasandaui als angesiedeltes Jägervolk erscheinen.
Dem =Körperbau= nach sind es mittelgrosse, kräftige und gedrungene Leute von häufig rothbrauner bis kupferrother, seltener dunkler Hautfarbe (Abb. pag. 112). Der Typus ist sehr variabel, neben rein negerhaften sieht man Gesichter die mit schiefgeschlitzten Augen an Hottentotten erinnern, andere, die den hamitischen Typus tragen. Offenbar ist ein Urvolk hier durch Blutmischungen mit Nachbarstämmen verändert worden.
Die Haare werden oft zu kleinen, mit Fettlehm angemachten und roth bemalten Zöpfchen geflochten. Der Körper wird vielfach roth bemalt. Die Männer tragen Bastschnüre und Perlen um den Leib. Zum Unterschied von den Wanyaturu, denen sie im Aeussern sonst nahe stehen, lassen sie vorn ein Zeugfetzchen herabhängen, das an Stelle des früher üblichen Hühnerhalses getreten ist. Die Weiber tragen Lederlendenschurze.
Von Charakter sind die Wassandaui gutmüthig und friedlich, früher sollen sie bösartig gewesen sein, doch sind sie von den Wanyamwesi-Ansiedlern unterworfen worden.
Ihre Wohnungen sind Temben, die jenen der Wanyaturu gleichen, etwa 4 m im Quadrat halten, circa brusthoch und innen vertieft sind und einen Viehplatz einsäumen. Im Innern der Hütte sieht man gut gefertigte grosse Holzschachteln, ähnlich wie in Uha, als Getreidebehälter, ein Gegenstand, dessen Gebrauch vielleicht von den Wanyamwesi eingeführt wurde.
Eine grosse Rolle spielt die =Jagd=, der die Wassandaui mit besonderem Eifer nachgehen. Sie benutzen dazu Bogen und Pfeile.
An =Hausthieren= besitzen sie viel Kleinvieh und Esel, sowie auffallend grosse und schöne Hühner. Als Kulturpflanzen dienen Sorghum und Eleusine, welche mit dem Erträgniss der Jagd die Hauptnahrung liefern.
Die =Geräthe= sind wenig originell und gleichen meist jenen der Wanyaturu. Die Hauptwaffe ist Bogen und Pfeil. Die Bogen sind auffallend stark gekrümmt, die Pfeile besitzen eigenthümlich geformte Holzspitzen. Daneben sind kurze Messer und schwächliche Speere, wohl auch Schilde der Wanyaturu-Form üblich.
Mit der Aussenwelt haben die Wassandaui wenig Verkehr. Am besten noch stehen sie mit den Wanyaturu, deren viele im Lande leben und deren Sprache häufig verstanden wird. Sonst kommen sie mit dem Ausland fast nur durch Vermittlung der Wanyamwesi-Ansiedler in Berührung. Früher wurden sie von allen umwohnenden Stämmen bedrängt und erfreuen sich erst seit Bestehen der Wanyamwesi-Kolonien eines ruhigen Daseins.
An Kindern wird die Sitte der Beschneidung vorgenommen, sie findet im November, mit der Aussaat statt. Beim Reifwerden eines Mädchens werden Tänze abgehalten, die mit Gesang, doch stets ohne Trommelbegleitung ausgeführt werden. Die Heirathen werden gewöhnlich nur von den Vätern vereinbart, diese zahlen bezw. empfangen den Brautpreis, der bei Scheidung verfällt. Doch darf die geschiedene Frau niemals wieder heirathen. Vielweiberei ist gestattet, doch selten. Die Heirathen werden fast nur im eigenen Stamme geschlossen.