Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens
Part 7
Am Fuße des ersten Ausläufers des Gebirges, des Tell es Schih (er ist nach der grauweißen Schihpflanze genannt, die das beste Schaffutter gibt), verließen wir die unfruchtbare Wüste und betraten die Region des Ackerbaus -- verließen aber auch die langen, sauberen Flächen und versanken knöcheltief in den Schmutz eines syrischen Weges. Er führte uns bergauf, an den Rand des niedrigsten Plateaus des Djebel Druz (Drusengebirges); hier liegt Umm er Rummān, die Mutter der Granatäpfel, ein so unwirtlicher, unsauberer kleiner Ort, wie man sich ihn nur denken kann. Am Eingang des Dorfes machte ich Halt und fragte eine Gruppe Drusen nach einem Lagerplatz. Sie wiesen mich an einen höchst schmutzigen Ort in der Nähe des Friedhofes mit der Bemerkung, dies sei der einzige Ort, wo ich weder der Saat noch dem Gras Schaden zufügen könnte, und dabei ruhte, weiß der Himmel, die Saat noch im Schoße der Erde, und das Gras bestand aus wenigen braunen Stengeln, die aus der schmelzenden Schneedecke hervorsahen. Ich dachte nicht daran, meine Zelte so nahe bei den Gräbern aufzuschlagen und verlangte, die Wohnung Mohammed el Atraschs, des Scheichs von Umm er Rummān zu wissen. Dieser Fürst der Turschān saß auf seinem Dache und leitete gewisse Feldarbeiten, die unten im Moraste vorgenommen wurden. Die Zahl der Jahre hatte ihm eine unförmliche Gestalt verliehen, die durch die Menge der Kleidungsstücke, in die er der Winterkälte wegen seinen fetten, alten Körper gehüllt hatte, nur noch grotesker geworden. Ich näherte mich ihm, soweit es der Schmutz erlaubte, und rief hinauf:
»Friede sei mit dir, o Scheich!«
»Und mit Dir!« kreischte er zur Antwort.
»Wo in Eurem Dorfe finde ich einen trocknen Platz zum Lagern?«
Der Scheich beriet sich in den höchsten Tönen mit seinen Leuten unten im Morast und erwiderte endlich, daß er es nicht wüßte, bei Gott nicht. Noch immer wußte ich nicht, wohin meine Schritte lenken, da nahte ein Druse und kündigte mir an, daß er mir einen Ort außerhalb der Stadt zeigen könne. Sehr froh, der Verantwortung ledig zu sein, hieß mich der Scheich mit lauter Stimme in Frieden gehen und nahm seine Beschäftigung wieder auf.
Mein Führer war ein junger Mann mit den scharfgeschnittenen Zügen und dem klugen Gesichtsausdruck seines Volkes. Wie alle seine Stammesbrüder war auch er mit einer lebhaften Neugier begabt und lockte, während er von einer Seite der Straße auf die andere hüpfte, um dem Schlamm und Schneewasser zu entrinnen, meine ganze Geschichte aus mir heraus, das Woher und Wohin, den Namen meines Vaters und meiner Freunde im Djebel Druz. Dieses Ausfragen ist sehr verschieden von der Sitte der Araber, bei denen es ein Haupterfordernis guter Erziehung ist, niemand mehr zu fragen, als er mitzuteilen für angemessen hält. In At Tabaris Geschichte finden wir eine hübsche Erzählung von einem Manne, der bei einem arabischen Scheich Schutz suchte. Er blieb bei ihm. Der Scheich starb, und sein Sohn, der an seiner Stelle regierte, wurde ebenfalls alt. Endlich kam der Enkel jenes ersten Wirtes zu seinem Vater und sprach: »Wer ist der Mann, der bei uns wohnt?« Und der Vater erwiderte: »Mein Sohn, er kam zu meines Vaters Zeiten zu uns, mein Vater wurde grau und starb, und er blieb unter meinem Schutz. Nun bin auch ich alt geworden, aber in all den Jahren haben wir ihn weder gefragt, wie er heißt, noch was er bei uns will. Und auch du sollst es nicht tun.« Doch freute ich mich, wieder im Bereich des scharfen Witzes und der forschenden Schwarzaugen der Gebirgsbewohner zu sein, wo jede Frage eine schnelle Antwort oder eine scharfe Zurückweisung erheischt. Und als mein Partner gar zu wißbegierig wurde, brauchte ich nur zu sagen:
»Höre, mein Freund, ich bin nicht ‚du’, sondern Eure Exzellenz«. Da lachte er, verstand und nahm sich den Verweis zu Herzen.
Man findet viele Inschriften in Umm er Rummān, einige nabathäischen und die anderen cufischen Ursprungs, ein Beweis, daß die Stadt auf dem Hochplateau oben eine alte Niederlassung war, die von Arabern nach ihrer Einwanderung wieder bewohnt wurde. Eine sehr vergnügte Schar kleiner Knaben folgte mir von Haus zu Haus; voll Eifer, mir einen beschriebenen Stein in der Mauer oder im Pflaster um die Feuerstelle zu zeigen, stürzten die kleinen Burschen immer einer über den andern. In einem Hause hielt mich eine Frau am Ärmel fest und beschwor mich, ihren Mann zu heilen. Das Gesicht in schmutzige Binden gehüllt, lag derselbe in einem dunklen Winkel des fensterlosen Raumes, und als die Lappen entfernt waren, sah ich eine schreckliche Wunde, das Werk einer Kugel, die durch den Backen gedrungen war und die Kinnlade zerschmettert hatte. Ich empfahl der Frau, die Wunde zu waschen und die Binden rein zu halten, und gab ihr ein antiseptisches Mittel, jedoch nicht ohne die Warnung, den Mann die Medizin ja nicht trinken zu lassen, obgleich ich wußte, daß es wenig ausmachte, ob er sie äußerlich oder innerlich nahm, da der Tod ihn sich bereits zur Beute ersehen. Das war der erste von einer langen Reihe Elender, die jedem, der unzivilisierte Länder bereist, vor Augen kommen und verzweiflungsvoll um sein Mitleid flehen. Männer und Frauen mit Krebs und schrecklichen Geschwüren, mit Fieber und Rheumatismus, Kinder, die von Geburt an verkrüppelt sind, Blinde und Alte -- sie alle hoffen, daß die unendliche Weisheit des Westens ein Heilmittel für sie in Bereitschaft habe. Du schauderst über all das menschliche Elend und deine eigene Ohnmacht.
Mein Forschungsgang brachte mich endlich bis an die Tür des Scheichs und ich trat ein, um ihm einen offiziellen Besuch abzustatten. Nun die Tagesgeschäfte erledigt waren, spielte er den aufmerksamen Wirt. Wir saßen im Besuchszimmer (Mak'ad), einem dunklen, schmutzigen Nebengebäude mit einem eisernen Ofen in der Mitte, sprachen über den Krieg in Japan, über Wüstenraub (Ghazu) und andere Dinge, während des Scheichs Sohn, Selmān, ein hübscher, sechzehnjähriger Junge, uns Kaffee kochte. Mohammed ist der Schwager von Schibly und von Yahya Beg el Atrasch. Vor fünf Jahren war ich des letzteren Gast in seinem Dorfe 'Areh gewesen, wohin ich mich vor dem türkischen Mudīr in Bosra geflüchtet hatte. Selmān ist der einzige Sohn seines bejahrten Vaters und der einzige Sproß des berühmten turschānischen Hauses 'Areh, denn Schibly und Yahya sind kinderlos. Auf meinem Heimwege begleitete mich der muntere, aufgeweckte Knabe; leichtfüßig stieg er durch den Morast; über der ganzen Gestalt lag ein Hauch von Vornehmheit, das Kennzeichen eines edlen Geschlechts. Er hatte keine Schule besucht, obgleich sich eine große drusische Schule in dem 15 Meilen entfernten Kreyeh befindet, die von einem ziemlich gebildeten Christ geleitet wird.
»Mein Vater schätzt mich so hoch, daß er mich nicht von sich lassen will,« erklärte er.
»Aber Selmān,« hob ich an.
»O Gott!« erwiderte er, wie es üblich ist, wenn man beim Namen genannt wird.
»Der Geist der Drusen gleicht edlem Stahl, aber was ist Stahl, ehe er zu einem Schwert geschmiedet worden ist?«
Selmān entgegnete: »Mein Onkel Schibly konnte weder lesen noch schreiben.«
»Die Zeiten sind andere geworden,« sagte ich. »Das Haus Turschān wird geschulter Köpfe bedürfen, wenn es wie in alten Zeiten die Bewohner der Berge anführen soll.«
Mit dieser Führerrolle ist es freilich für immer vorbei, denn Schibly ist tot und Yahya kinderlos, Mohammed alt und Selmān unerzogen. Nun hat Faiz zwar vier Söhne hinterlassen, sie stehen aber nicht in Ansehen; Nasīb ist schlau aber ungebildet, Mustafa zu Imtain gilt für einen braven, wenig intelligenten Mann, und Hamūd von Sueda hat weiter nichts als seinen Reichtum. Der fähigste der Drusen ist ohne Zweifel Abu Tellāl von Schahba, und der scharfsinnigste Scheich Mohammed en Nassār.
Wir hatten eine bitterkalte Nacht. Der Kältegrad konnte zwar nicht genau festgestellt werden, denn mein Thermometer war zerbrochen, aber bis wir Damaskus erreichten, war das Wasser im Glase neben meinem Bett jeden Morgen ausgefroren, und in der einen Nacht war sogar der kleine tosende Fluß vor dem Lager still, weil hart gefroren. Gewöhnlich wurden Vieh und Maultiere in einem Khan (Karawanserei) untergebracht, solange der Frost anhielt. Kaum war unser Zelt aufgestellt worden, so verschwand Mohammed, der Druse (er war nun zu seinem eigentlichen Namen und Glauben zurückgekehrt), um sich während der Nacht der Gastfreundschaft seiner Sippe zu erfreuen. »Hm,« kommentierte Michaïl sarkastisch, »bei dem ist jeder, von dem er seine Mahlzeit erwischen kann, der Sohn seines Onkels.«
Ich mußte meinen morgigen Aufbruch verschieben, weil der Scheich mich zu einer sehr dehnbaren Zeit zum Frühstück geladen hatte. »Zwei Stunden nach Sonnenaufgang« -- war gesagt worden, aber wer kann denn sagen, wann es dem Tagesgestirn beliebt, sich zu erheben? Es war eine angenehme Sitzung. Wir besprachen den Krieg in Jemen nach allen Seiten hin (im Grunde war ich die einzige Person, die irgendwelche Kunde davon hatte, und die meinige entstammte einer einige Monate alten Weekly Times), dann wollte Mohammed wissen, warum die Europäer so eifrig nach Inschriften forschten.
»Ich kann mir's ja denken,« fügte er hinzu, »sie werden wahrscheinlich das Land seinen früheren Besitzern zurückgeben wollen.«
Und als ich ihm versicherte, daß die letzten Sprossen der ehemaligen Herren des Haurān an die tausend Jahre tot wären, hörte er höflich zu und ging mit der unsicheren Miene eines Mannes, der um eine Antwort verlegen ist, auf ein anderes Thema über.
Der junge Mann, der uns unsern Lagerplatz angewiesen hatte, ritt mit uns bis Salchad, weil er, wie er sagte, dort Geschäfte hatte und lieber in Gesellschaft den Weg zurücklegte. Einer geistlichen Familie entstammend, ist Saleh, wie er hieß, im Lesen und Schreiben bewandert. Nun zerfallen die Drusen in Geweihte und Ungeweihte, und ich hatte die Kühnheit, ihn zu fragen, ob er zu den ersteren ('akil) gehöre. Mit dem gesellschaftlichen Rang hat diese Bezeichnung zwar nichts zu tun, denn die meisten Turschānen sind Ungeweihte, aber er warf mir doch einen scharfen Blick zu, und seine Gegenfrage:
»Was glauben Sie denn?« machte mir meinem Verstoß klar, so daß ich das Thema fallen ließ.
Saleh war nicht einer, der sich die Gelegenheit, etwas zu lernen, entschlüpfen ließ. Er forschte gehörig nach unsern Bräuchen, auch nach unsern Gesetzen über Ehe und Scheidung. Zu besonderer Heiterkeit reizte ihn die Sitte der englischen Väter, einen Mann dafür zu bezahlen, daß er seine Tochter heiratet. So deutete wenigstens Saleh das Wesen einer Mitgift, und wir lachten beide über ein derartiges sonderbares Übereinkommen. Auch war er begierig, die Ansichten der Abendländer über die Schöpfung der Welt und den Ursprung der Dinge zu hören, und die mancherlei heterodoxen Auffassungen, mit denen ich ihm den Willen tat, erfuhren weit schärfere Beleuchtung, als ihnen meinerseits entgegengebracht wurde. Wir verbrachten trotz des Schmutzes und Gerölles einen angenehmen Morgen. Ein kleiner purpurner Krokus hatte es eilig, am Rande einer Schneewehe zu blühen, und auch der weiße Stern einer Knoblauchpflanze. Das Gebirge ist reich an Frühlingsblüten. Reizvoll war die Aussicht nach Süden zu über die große Ebene, die wir überschritten hatten, nordwärts erhoben sich die mit dickem Schnee bedeckten Hügel, und Kuleib, das Kleine Herz, sah mit seinem eisigen, halb von Nebel verhüllten Gipfel ordentlich alpin aus. Zwei Stunden nach Mittag sahen wir Salchad, unser erstes Reiseziel.
Fünftes Kapitel.
Salchad, der Wohnsitz von King Og in Baschan, muß von Anbeginn an ein befestigter Ort gewesen sein. Das neuere Dorf gruppiert sich um den Fuß eines kleinen Vulkans, auf seiner Spitze und direkt in den Krater hineingebaut liegt die verfallene Festung. Sie und ihre Vorgänger im Krater bildeten die Vorposten des Haurāngebirges nach der Steppe hin, waren die Vorposten der frühesten Zivilisation gegen die ersten Marodeure. Das Terrain fällt nach Süden und Osten zu steil ab und ebnet, nur ganz im Anfang von ein oder zwei vulkanischen Erhebungen unterbrochen, in die lange, bis zum Euphrat reichende Fläche aus; schnurgerade, wie der Pfeil, der den Bogen verläßt, läuft die Römerstraße von Salchad in die Wüste hinein, keiner der neueren Reisenden ist ihr über zwei oder drei Stationen gefolgt. Hier nimmt der Karawanenweg nach Nedjd seinen Anfang; er führt über Kāf und Ethreh am Wādi Sirhan entlang nach Djof und Haïl und wurde, so gefährlich er ist, von den Blunts und später von Euting bereist. Eutings Beschreibung ist, mit der Gelehrsamkeit und gründlichen Beobachtung der Deutschen verfaßt, die beste, die wir haben. Direkt südlich von Salchad liegt ein interessantes zerstörtes Fort, Kal'at el Azrak. Das Dickicht der Oase birgt eine Menge wilder Bären. Dussaud, der diesen Teil besuchte, hat zwar eine prächtige Reisebeschreibung geliefert, aber ohne Zweifel läßt sich noch viel mehr des Neuen auffinden, birgt die Wüste noch manches Geheimnis, und jene große Ebene lockt so verführerisch, daß der Fuß in Salchad nur widerstrebend die Weiterreise nach Süden aufgibt.
Mein erster Weg war nach dem Hause von Nasīb el Atrasch, um Fellāh ul 'Isas Brief zu überbringen. Nasīb ist siebenundzwanzig, obgleich er wohl zehn Jahre älter erscheint; er ist von kurzer Statur, glatthaarig, und seine Gesichtszüge, die mehr schlau als angenehm sind, tragen ausgeprägten drusischen Typus. Er empfing mich in seinem Mak'ad, wo er mit seinem Bruder Djadallah saß, letzterer ein schlanker junger Mann mit hübschem, aber ziemlich einfältigem Gesicht. Nachdem er mich mit »~bon jour~« begrüßt, verfiel er in Schweigen, weil er mit seinem Französisch zu Ende war. Und wie er sich eine einzige Redensart aus einer europäischen Sprache geborgt hatte, so auch ein einziges Kleidungsstück aus einer europäischen Garderobe: einen enormen hochstehenden Halskragen, der zu seiner arabischen Tracht ganz wunderlich paßte. Außerdem befanden sich noch einige kaffeetrinkende Drusen in dem Raume, und noch jemand, den ich sofort aus einen Fremdling schätzte. Er entpuppte sich als der Mudīr el Māl von der türkischen Regierung. Seine eigentlichen amtlichen Funktionen sind mir zwar unbekannt, aber der Titel weist auf einen Angestellten der Schatzkammer hin. Salchad ist eins der drei Dörfer im Djebel Druz (die anderen heißen Sueda und 'Areh), wo der Sultan einen Kāimakām sowie ein Telegraphenamt hat. Jūsef Effendi, der Kāimakām, und Milhēm Iliān, der Mudīr el Māl, waren nicht wenig überrascht, als ich ohne irgend einen Avis oder eine Erlaubnis aus der Wüste auftauchte; täglich gingen drei Telegramme von ihnen mit Berichten über alles, was ich sagte oder tat, an den Vāli von Damaskus ab, und wenn ich auch auf besten Fuße mit beiden stand (Milhēm erwies sich als der intelligenteste und angenehmste Mann im Dorfe), habe ich ihnen wohl leider viel innere Unruhe geschafft. Und hier lassen Sie mich einschalten, daß ich auf Grund meiner Erfahrungen die türkischen Beamten zu den höflichsten und gefälligsten Männern rechnen muß. Komme zu ihnen mit den gehörigen Ausweisungen, und sie werden alles in ihrer Macht tun, um dir beizustehen. Und gesetzt auch, sie sind dir hinderlich, so geschieht es nur, weil sie höherem Gebot gehorchen müssen. Ja, selbst wenn du, wie es hin und wieder notgedrungen geschehen muß, ihre stets in ausgesucht höflicher Sprache gegebenen Weigerungen nicht beachtest, verbergen sie doch ihren gerechtfertigten Verdruß und tragen dir die Mühe nicht nach, die du ihnen verursachst. Die Regierungsbeamten in Salchad haben eine schwierige Stellung. In den letzten fünf Jahren ist es zwar im Gebirgsland friedlich hergegangen, aber die Drusen sind ein wetterwendisches Volk und leicht gereizt. Milhēm wußte sie wohl zu nehmen, und seine Ernennung zu dem neuen Posten in Salchad beweist Vālis aufrichtigen Wunsch, in der Zukunft Reibereien zu vermeiden. Milhēm war früher viele Jahre in Sueda gewesen, und als Christ lag zwischen ihm und den Drusen nicht jene unüberbrückbare Scheidewand des Hasses, die die letzteren vom Islam trennt; überdies sagt er sich auch, daß im Interesse der türkischen Regierung im Djebel Haurān nur wenig von einem Volk gefordert werden darf, das dem Namen nach untertan, in Wirklichkeit aber unabhängig ist. Jūsef Effendi stimmte mit ihm in dieser Überzeugung ziemlich überein, und er wußte gewiß am besten, wie schattenhaft seine Autorität war: gibt es doch nicht mehr als 200 türkische Soldaten im ganzen Bergland; der Rest der ottomanischen Macht besteht aus drusischen Zaptiehs, die sich zwar die Dienstuniform wohl gefallen lassen und den Sold einstecken, der selten genug bis zu ihnen gelangt, im übrigen aber kaum als zuverlässiger Schutz gelten können, wenn ernste Streitigkeiten zwischen ihrem eignen Volke und dem Sultan entstehen. Wie es den Anschein hatte, lebten Nasīb und sein Bruder mit dem Kāimakām im besten Einvernehmen: sie saßen fortwährend in seinem Mak'ad und tranken seinen Kaffee, aber als wir einst zufällig allein waren, bemerkte Jūsef Effendi pathetisch in seinem hochtrabenden Türkisch-Arabisch: »Ich weiß nie, was sie vorhaben, sie betrachten mich als Feind. Und wenn sie den Befehlen aus Damaskus nicht folgen wollen, so zerschneiden sie den Telegraphendraht und tun, was ihnen gefällt. Welche Macht habe ich, sie zu hindern?«
Indes sind Anzeichen vorhanden, daß das unruhige Volk der Bergbewohner sein Interesse jetzt anderen Dingen zuwendet als dem Kriege mit den Osmanen, vor allem den Dampfwerken, die das Getreide für Salchad und einige andre Ortschaften mahlen. Wer eine Dampfmühle sein eigen nennt, ist gebunden, die bestehende Ordnung aufrecht zu erhalten. Er, der sie mit beträchtlichen Kosten erbaut hat, wird nicht wünschen, sie von einer eindringenden türkischen Armee zerstört und sein Kapital vernichtet zu sehen; er hofft im Gegenteil, Geld daraus zu schlagen, und so erhält seine rastlose Energie eine neue, einträgliche Betätigung in dieser Weise. Ich habe den Eindruck, daß der Friede jetzt auf einer viel solideren Basis ruht als vor fünf Jahren, und daß die türkische Regierung nicht gesäumt hat, sich die Lektion des letzten Krieges zu Herzen zu nehmen. Hätte nur der Vāli von Damaskus gewußt, welch guten Eindruck seine wohlbedachten Maßnahmen auf die »ränkevolle Engländerin« machen -- er hätte seinen Telegraphenbeamten ein gut Teil Arbeit ersparen können.
Es kann kaum ein besseres Beispiel geben für die Ungezwungenheit, mit der die Drusen ihre eignen Angelegenheiten erledigen, als ein Vorkommnis, welches sich am Abend meiner Ankunft zutrug. Es waren bereits Andeutungen über die Wahrscheinlichkeit kriegerischer Zusammenstöße zwischen den Bergbewohnern und der Wüste gefallen, und kaum hatten wir einen Nachmittag in Salchad verlebt, so war uns auch schon klar, daß der große, vor einigen Monaten ausgeführte Raubzug Nasīb und seinen Bruder besonders beschäftigte. Wenn sie auch nicht mit uns davon sprachen, so lauschten sie doch aufmerksam, sobald wir die gegen die Hassaniyyeh verübten Räubereien erwähnten und die Rolle, die die Suchūr dabei gespielt hatten. Sie lockten auch alles heraus, was wir über die jetzige Stellung der letzteren wußten oder vermuteten, wie weit die Räuber gekommen waren, in welcher Richtung sie den Rückzug angetreten. Die Maultiertreiber hatten Männer an den Straßenecken flüstern hören und zwar von Vorbereitungen zum Krieg. Die Gruppen um Michaïls Feuer, von jeher ein Zentrum sozialer Tätigkeit, sprachen von Vergehungen, die nicht unbemerkt bleiben durften, und einer der vielen Söhne von Mohammeds Onkel hatte den ausgehungerten Beirutern ein Frühstück serviert, das mit mancherlei dunklen Winken über ein zwischen den Wādi Sirhan und den Beni Sachr bestehendes Bündnis gewürzt war, welches im Keime erstickt werden müsse, ehe es beunruhigende Dimensionen annehmen könne. Der Raubzug würde sich kaum bis Salchad erstrecken, aber das Unheil brauchte auch gar nicht bis zu diesem Punkte zu warten, besonders nicht im Winter, wo alle Vierfüßler, außer den notwendigen Reitpferden, weit entfernt auf der südlichen Ebene sind.
Mein Lager befand sich außerhalb der Stadt, auf einem Felde am Fuße des Burghügels. Nach Norden zu waren die Hänge bis zu den verfallenen Festungsmauern hinauf dick mit Schnee bedeckt, und auch wo wir lagerten, befanden sich einzelne Schneewehen, die im Vollmondschein glitzerten. Eben ging ich nach beendeter Mahlzeit mit mir zu rate, ob es wohl zu kalt wäre, mein Tagebuch zu schreiben, als wilder Gesang die Stille der Nacht unterbrach, und eine mächtige Flamme von den obersten Mauern des Kastells zum Himmel emporloderte. Es war ein Leuchtfeuer, welches den zahlreichen drusischen Dörfern in der Ebene unten die Annäherung des Raubzuges verkünden sollte, der Gesang aber rief zu den Waffen. Der drusische Zaptieh, der an meinem Lagerfeuer saß, sprang auf und starrte erst auf mich und dann auf die rote Glut über uns.
»Wird es mir gestattet sein, hinaufzugehen?« fragte ich.
»Es liegt nichts dagegen vor. Beehren Sie uns.«
Wir kletterten über den halbgefrornen Schlamm und an der schneebedeckten Nordseite des Vulkans entlang, bahnten im Dunklen unsern Weg um die Mauern der Burg, wo die Lava unter unsern Füßen nachgab, und sahen uns endlich im hellen Mondschein der wildesten Szene gegenüber, die je ein Auge sah. Eine Schar Drusen, junge Männer sowohl als Knaben, stand auf dem schmalen Rücken des Hügels, am Rande des Festungsgrabens. Sie waren sämtlich mit Schwertern und Messern bewaffnet und brüllten Strophe um Strophe eines entsetzlichen Liedes. Jede Zeile wurde zwanzigmal oder öfter noch wiederholt, bis es dem Hörer zumute war, als hätte sie sich in die tiefsten Falten seines Geistes eingefressen, wie scharfe Säuren in ein Metall.
»Auf sie, auf sie! Herr unser Gott! Laß den Feind in Schwaden unter unsern Schwertern fallen! Auf sie, auf sie! Laß unsre Speere ihr Herzblut trinken! Laß den Säugling sich lösen von der Brust der Mutter! Laß den Jüngling sich erheben und fallen! Auf sie, auf sie! Herr unser Gott! Laß unsre Schwerter ihr Herzblut trinken!«
So sangen sie, und es schien, als wolle ihr Grimm nimmer enden, als müßten die Mauern der Burg auf ewig von ihrer Wut widerhallen, als solle die Nacht nie wieder in Schweigen versinken. Aber da brach mit einemmal der Gesang ab, die Sänger traten auseinander und bildeten, sich bei den Händen fassend, einen Kreis. Hinein traten drei junge Drusen mit nackten Schwertern und schritten an dem Ring begeisterter Jünglinge entlang. Vor jedem einzelnen blieben sie stehen, schwangen das Schwert und riefen:
»Bist du ein guter Mann? Bist du ein echter Mann?«
Und jeder schrie jauchzend:
»Ha! ha!«
Das Mondlicht fiel auf die dunklen Gesichter und glitzerte auf den zitternden Klingen, feurige Kriegslust ging von Hand zu Hand, und die Erde schrie zum Himmel auf: »Krieg! Blutiger Krieg!«
Da erblickte einer der Männer plötzlich mich im Kreise; er kam heran und schwang das Schwert über meinem Haupte, gleichsam als Gruß von Nation an Nation, und rief:
»Meine Dame! Engländer und Drusen sind eins!«
Worauf ich erwiderte: »Gott sei Dank! Auch wir sind ein kämpfendes Volk.«
Fürwahr, in diesem Moment dünkte mir nichts herrlicher, als auszuziehen und den Feind zu schlagen.
Als diese Vereidigung der Krieger vorbei war, rannten wir, uns noch an den Händen fassend, im Mondlicht den Hügel hinab, und da ich bemerkte, daß einige von ihnen noch Kinder waren, sagte ich zu dem Kameraden, dessen Hand der Zufall in die meine gelegt:
»Ziehen alle diese mit euch aus?«
Er erwiderte: »Nein, bei Gott! Nicht alle. Die Knaben müssen daheim bleiben und zu Gott beten, daß auch ihr Tag bald kommen möge.«