Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens

Part 6

Chapter 63,609 wordsPublic domain

Am Fuße des Nordabhangs der 'Alyaberge betraten wir eine weite wellige Ebene, ähnlich der, die wir bereits im Süden hinter uns gelassen. Wir passierten viele jener geheimnisvollen Ruinen, aus denen unsre Phantasie Schlüsse auf die Geschichte des Landes zu ziehen versucht, und endlich wurden wir der verstreuten Lagerplätze der Hassaniyyeh ansichtig, die mit den Da'dja befreundet sind und derselben Gruppe von Araberstämmen angehören. Hier sahen wir plötzlich zwei Reiter über die Wüste kommen. Gablān ritt ihnen entgegen, sprach eine Weile mit ihnen und kehrte dann mit ernstem Gesicht zurück. Gerade am Tage vorher, während wir friedlich von Tneib herüberritten, hatten 400 in böser Absicht verbündete Reiter der Suchūr und der Howeitāt die Ebene überschwemmt, eine vorgeschobene Zeltgruppe der Beni Hassan überfallen und die Zelte sowie 2000 Stück Vieh hinweggeführt. Ich meinte, es sei fast schade, daß wir einen Tag zu spät gekommen, Gablān aber sah bei dieser meiner Äußerung noch ernster drein und erklärte, daß er dann an dem Kampfe hätte teilnehmen, ja mich verlassen müssen, obgleich ich seinem Schutz anvertraut sei, denn die Da'dja wären verpflichtet, den Beni Hassan gegen die Suchūr beizustehen. Und vielleicht würde der gestrige Vorfall genügen, um den kaum geschlossenen Waffenstillstand zwischen diesem mächtigen Stamme und den Verbündeten der 'Anazeh zu brechen und die Wüste wieder mit Krieg zu überziehen. Es herrschte Kummer in den Zelten der Kinder Hassans. Das Haupt in den Händen verborgen, saß ein Mann weinend an seiner Zeltstange; es war ihm alles genommen worden, was er sein eigen genannt. Das Besitztum des Arabers ist ebensoviel Wechselfällen unterworfen, wie das des Spekulanten an der Börse. Heute noch ist er der reichste Mann der Wüste, und schon morgen hat er vielleicht nicht ein einziges Kamel mehr zu eigen. Er lebt in beständigem Kriegszustand. Hat er auch mit den Nachbarstämmen die heiligsten Treuschwüre ausgetauscht, so ist er doch nicht sicher, daß nicht eine Hunderte von Meilen entfernt wohnende Räuberbande nachts in sein Lager einbrechen wird. So verließ vor zwei Jahren ein in Syrien ganz unbekannter Stamm, die Beni Awadjēh, seinen Wohnsitz hinter Bagdad oben, durchquerte Mardūf reitend (zwei auf einem Kamel) 300 Meilen Wüste und fiel in das Land östlich von Aleppo, wo sie ungezählte Menschen töteten und alles Vieh wegführten. Wie viele Jahrtausende dieser Zustand schon dauert, können uns die erzählen, die die ältesten Berichte aus der inneren Wüste gelesen haben, denn er geht bis in die fernste Zeit zurück; aber in all den Jahrhunderten hat die Erfahrung den Araber keine Weisheit gelehrt. Nie ist er sicher und lebt doch in der größten Sorglosigkeit. Er schlägt sein kleines, aus zehn bis fünfzehn Zelten bestehendes Lager in einer weiten, ungeschützten, ja nicht einmal zu schützenden Ebene auf, zu weit von seinen Gefährten, um sie zu Hilfe zu rufen, zu weit auch, um die Reiter zu sammeln und den Räubern zu folgen, deren Rückzug infolge der geraubten Herden natürlich ein so langsamer ist, daß eine schnelle Verfolgung zuversichtlich von Erfolg begleitet sein würde. Hat der Araber so all sein Hab und Gut verloren, so durchzieht er bettelnd die Wüste; der eine gibt ihm ein oder zwei Streifen Ziegenhaartuch, der andere einen Kaffeetopf; hier bekommt er ein Kamel, dort ein paar Schafe, bis er wieder ein Dach über sich hat und genug Vieh, um mit den Seinen vor Hunger geschützt zu sein. Es gibt lobenswerte Gebräuche unter den Arabern, wie Namrūd sagte. So wartet er monate-, ja jahrelang die rechte Zeit ab, bis sich endlich eine Gelegenheit bietet; dann machen sich die Berittenen seines Stammes mit ihren Verbündeten auf, reiten aus, rauben die gestohlenen Herden zurück und noch mehr dazu, und die Fehde tritt in ein neues Stadium. In der Tat ist Raub das einzige Gewerbe und das einzige Glücksspiel der Wüste. Als Gewerbe betrachtet, scheint es uns auf einer falschen Auslegung der Angebot und Nachfrage betreffenden Gesetze zu beruhen, als Glücksspiel aufgefaßt aber, läßt sich viel zu seinen Gunsten sagen. Die Abenteuerlust findet weitesten Spielraum. Da ist die Aufregung des nächtlichen Rittes durch die Wüste, das Vorwärtsstürmen der Pferde zum Angriff, das majestätische (und doch verhältnismäßig harmlose) Knallen der Flinten und schließlich die Freude, sich für einen prächtigen Burschen halten zu können, wenn der Zug sich beutebeladen wieder heimwärts wendet. Es ist die beste Art fantasīa, wie sie in der Wüste sagen, denn es ist mit einem Körnchen Gefahr gewürzt. Nicht daß die Gefahr beängstigend groß ist: der Araber kann sich ein gut Teil Vergnügen ohne viel Blutvergießen verschaffen, meist liegt ihm auch gar nichts am Töten. Nie erhebt er die Hand gegen Frauen und Kinder, und wenn hier und da ein Mann fällt, so geschieht es mehr durch Zufall. Denn wer kann schließlich das Endziel einer Kugel voraussagen, die einmal ihren Flug durch die Lüfte angetreten hat? So denkt der Araber über den Ghazu (Raub); der Druse hat eine andere Meinung. Ihm ist er blutiger Krieg. Er behandelt das Spiel nicht als Spiel, sondern geht aus, um zu morden, und verschont keinen. Solange er noch ein Korn Pulver im Horn und die Kraft hat, den Hahn zu spannen, schießt er alles nieder, was ihm in den Weg kommt -- Mann, Frau und Kind.

Da ich die Unabhängigkeit der arabischen Frauen kannte und die Leichtigkeit, mit der Ehen zwischen verschiedenen Stämmen gleicher Stellung geschlossen werden, sah ich manches romantische, aus Liebe mit Haß gemischte Verhältnis zwischen den Montecchi und Capuletti voraus. »Lo, auf einmal liebte ich sie,« sagt 'Antara, »obgleich ich ihren Verwandten erschlagen habe.« Gablān erwiderte, daß dergleichen schwierige Fälle vorkamen und oftmals als Tragödie endeten, aber wenn die Liebenden sich zum Warten bequemten, so käme nicht selten ein Vergleich zustande, oder sie könnten während eines Waffenstillstandes heiraten, der zwar immer nur kurz ist, aber doch häufig vorkommt. Wahre Tragik aber entsteht erst, wenn Blutfehde innerhalb des Stammes selbst ausbricht, und ein Mann, der einen seines eignen Volkes ermordet hat, ausgestoßen wird und als heimat- und freundloser Verbannter Schutz bei Fremden oder gar bei Feinden suchen muß. So ruft Imr ul Kais, der verlassene Geächtete, der Nacht zu: »Oh, lange Nacht, wann wirst du der Dämmerung weichen? Doch ist auch der Tag nicht besser als du.«

Einige Meilen weiter nördlich hatte man in den Hassaniyyehlagern noch nichts von dem Unglück des gestrigen Tages gehört, und uns blieb der Vorzug, Überbringer der bösen Kunde zu sein. Gablān ritt zu jeder Gruppe, die wir passierten, und erleichterte sein Herz. Die 400 Räuber vervielfältigten sich im Weiterreiten, und ich habe vielleicht gleich zu Anfang unrecht getan, an die mir berichteten 400 zu glauben, denn in den 24 Stunden, die zwischen ihrem Weggange und unsrer Ankunft lagen, hatten sie bereits Zeit gehabt, sich zu vermehren. In allen Zelten wurden Vorbereitungen getroffen nicht zum Krieg, sondern zu einem Fest. Fiel doch auf den morgenden Tag das große Fest des mohammedanischen Jahres, die Opferfeier, wo die Pilgrime in Mekka ihr Opfer schlachteten, und die Gläubigen in der Heimat ihrem Beispiel folgen. Vor jedem Zelte war ein ungeheurer Reisighaufen aufgetürmt, an dem am nächsten Tage das Kamel oder Schaf gebraten werden sollte, und draußen in der Sonne lagen die Hemden des Stammes nach einer Wäsche, die -- ich habe triftigen Grund es anzunehmen -- nur einmal im Jahre stattfindet, zum Trocknen ausgebreitet. Um Sonnenuntergang erreichten wir eine große Niederlassung der Beni Hassan, wo Gablān die Nacht zu verbringen gedachte. Ein schmutziger Tümpel in der Nähe lieferte Wasser, und über der Bodensenkung, in der die Araber lagen, fanden wir auch einen günstigen Platz für unsre Zelte. Keiner der großen Scheichs war im Lager anwesend, und Namrūds Warnung eingedenk, schlug ich alle Einladungen aus und verbrachte den Abend zu Hause. Ich beobachtete den Sonnenuntergang, das Anzünden der Kochfeuer und den blauen Rauch, der sich im Zwielicht verlor. Das phantastisch geschmückte Opfertier weidete unter meinen Maultieren, und nach Anbruch der Dunkelheit wurde das Fest durch langandauerndes Schießen feierlich eingeleitet. Gablān saß schweigend am Lagerfeuer; seine Gedanken weilten bei den Lustbarkeiten, die zu Hause vor sich gingen. Es ging ihm sehr gegen den Strich, an einem solchen Tage fernbleiben zu müssen. »Wieviel Reiter,« sprach er, »werden morgen vor meines Vaters Zelt absteigen! und ich werde nicht da sein, sie zu bewillkommnen oder meinem kleinen Sohne ein gesegnetes Fest zu wünschen.«

Noch ehe die Festlichkeiten begannen, brachen wir auf. Es lockte mich nicht, der Todesstunde des Kamels beizuwohnen, überdies hatten wir auch eine lange Tagereise durch eine nicht besonders sichere Gegend vor uns. Für meine Karawane zwar war die Gefahr nicht groß. Trug ich doch in meiner Tasche einen Brief von Fellāh ul 'Isa an Nasīb el Atrasch, den Scheich von Salchad im Djebel Druz (Drusengebirge). »An den berühmten und gelehrten Scheich Nasīb el Atrasch,« lautete er -- ich hatte gehört, wie mein Wirt ihn Namrūd diktierte, und zugesehen, wie er ihn mit seinem Siegel verschloß -- »den Hochverehrten, Gott schenke ihm langes Leben! Wir senden Euch Grüße, Dir, dem ganzen Volke von Salchad, Deinem Bruder Djad'allah, dem Sohne Deines Onkels Mohammed el Atrasch in Umm er Rummān und unsern Freunden in Imtain. Und weiter: es reist eine sehr hohe englische Dame von uns zu Euch. Und wir grüßen Mohammed und unsre Freunde ... usw. (hier folgt eine weitere Liste von Namen), und das ist alles Nötige, und Friede sei mit Euch.« Außer diesem Briefe schützte mich auch meine Nationalität, denn die Drusen haben unsre Einmischung zu ihren Gunsten im Jahre 1860 noch nicht vergessen. Überdies war ich auch mit mehreren Scheichs des Hauses Turschān bekannt, zu welcher mächtigen Familie auch Nasīb gehörte. Mit Gablān freilich war es etwas anderes, und er war sich der Unsicherheit seiner Lage sehr wohl bewußt. Trotz seines Onkels Besuch in den Bergen konnte er nicht wissen, wie die Drusen ihn aufnehmen würden; er verließ die letzten Vorposten seiner Verbündeten und betrat ein von jeher feindliches Grenzland (er selbst kannte es ja nur von den gelegentlichen Raubzügen her, die er dorthin unternommen), und selbst wenn er unter den Drusen keine Feinde fand, konnte er doch leicht einem umherstreifenden Trupp der Haseneh oder ihresgleichen in die Hände fallen, die östlich von den Hügeln wohnen und die erbittertsten Feinde der Da'dja sind.

Nach ein oder zwei weiteren Stunden veränderte sich der Charakter der Landschaft gänzlich: der weiche Wüstenboden wich den vulkanischen Felsen des Haurān. Nachdem wir eine Weile an einem Lavabett hingeritten waren und die letzten Zelte der Hassaniyyeh in einer kleinen Talmulde hinter uns gelassen hatten, befanden wir uns am Rande einer Ebene, die sich in ununterbrochener Fläche bis an den Djebel Druz erstreckte. Sie war verödet, fast aller Vegetation bar und mit schwarzen vulkanischen Steinen bedeckt. Jemand hat gesagt, daß der Saum der Wüste einem felsigen Strand gliche, an dem der Seefahrer, der das tiefe Wasser glücklich durchschifft hat, immer noch scheitern kann, wenn er sein Schiff in den Hafen zu bringen versucht. Und diese Landung stand uns jetzt bevor. Irgendwo zwischen uns und dem Gebirge lagen die Ruinen von Umm ed Djimāl, wo ich auf die Drusen zu stoßen hoffte; aber da das Land vor uns ziemlich viel Hebung und Senkung zeigte, war es uns ganz unmöglich zu sagen, wo diese Ruinen sich befanden. Umm ed Djimāl steht in schlechtem Rufe -- ich glaube, das meinige war eins der ersten europäischen Lager, die je dort ausgeschlagen wurden; vor mir war eine Gesellschaft amerikanischer Archäologen dagewesen, die den Ort 14 Tage vor meiner Ankunft verließ. Gablāns augenscheinliche Angst ließ die Gefahr nur um so größer erscheinen. Zweimal wandte er sich mit der Frage an mich, ob wir wirklich dort lagern müßten. Ich hielt ihm entgegen, daß er es unternommen habe, mich nach Umm ed Djimāl zu führen, und daß ich mich zweifellos auch dorthin begeben würde, und begründete das zweite Mal meine Hartnäckigkeit mit dem Hinweis, daß wir Wasser für unsre Tiere brauchten und es sicher nirgend anders als in den Zisternen des verfallnen Dorfes finden würden. Darauf zog ich meine Karte heraus, versuchte zu erraten, an welchem Punkte des leeren weißen Blattes wir uns augenblicklich befanden, und ließ dann meine Karawane etwas westwärts auf eine niedrige Anhöhe zu gehen, die uns den Ausblick auf unsern Bestimmungsort versprach. Gablān fügte sich dieser meiner Entscheidung gutwillig und drückte sein Bedauern aus, uns keine besseren Führerdienste leisten zu können. Er war in seinem Leben nur einmal in Umm ed Djimāl gewesen und zwar bei einem Raubzuge in der Tiefe der Nacht. Er und seine Gesellschaft hatten hier eine halbe Stunde gerastet, um ihre Pferde zu tränken, waren dann ostwärts weiter gezogen und hatten für die Rückkehr einen anderen Weg gewählt. Ja, dem Himmel sei Dank, es war ein erfolgreicher Beutezug gewesen und noch dazu einer der ersten, an dem er teilgenommen. Michaïl begegnete unsern Entschließungen mit Gleichgültigkeit, und die Maultiertreiber wurden nicht befragt, Habīb aber steckte, als wir weiterritten, seinen Revolver etwas lockerer in den Gürtel.

Wir eilten vorwärts. Wir hielten Umschau nach dem Rasīf, der gepflasterten Römerstraße, die die Kal'at ez Zerkā direkt mit Bosra verbindet, und ich ging gleichzeitig mit mir zu rate, wie ich im Falle der Not den Freund und Führer schützen könnte, dessen angenehme Gesellschaft unsre Reise belebt hatte, und der sicherlich nicht zu Schaden kommen sollte, solange er bei uns weilte. Als wir uns der Bodenerhebung näherten, sahen wir Schafhürden oben stehen und beobachteten, wie Männer die Herden sammelten und sie mit einer Eile, die ihre Besorgnis verriet, hinter die schwarzen Mauern trieben. Aus einer zur Linken gelegenen Vertiefung aber näherten sich uns mehrere Gestalten -- ob sie zu Fuß oder beritten waren, konnten wir nicht feststellen -- und einige Augenblicke später stiegen zwei Rauchwölkchen vor ihnen auf, und wir hörten den Knall der Gewehre.

Schnell kehrte sich Gablān nach mir um.

»Darabūna!« sagte er, »sie haben auf uns geschossen.«

Laut sprach ich: »Sie haben Angst!« zu mir selbst aber: »Jetzt geht's los!«

Gablān erhob sich in den Steigbügeln, zog seinen pelzgefütterten Mantel von den Schultern, schlang ihn sich um den linken Arm und schwenkte ihn, während wir beide, er und ich, ganz langsam vorwärtsritten, über seinem Kopfe. Es fielen noch ein paar Schüsse, wir ritten weiter unter unsrer Friedensfahne. Das Schießen hörte auf; schließlich war es weiter nichts gewesen als die übliche, freilich mit dem bekannten Leichtsinn der Barbaren vollzogene Begrüßung eines Fremden. Unsre Angreifer erwiesen sich als zwei Neger, die von einem Ohr zum andern grinsten und gleich bereit waren, Freundschaft mit uns zu schließen und uns den Weg nach Umm ed Djimāl zu zeigen, sobald sie nur überzeugt waren, daß wir nicht auf Schafstehlen ausgingen. Nachdem wir den Hügel umritten hatten, sahen wir die Ruinen vor uns liegen. Beim Anblick ihrer schwarzen Türme und Mauern, die so kühn aus der Wüste aufragten, wurde es uns schwer zu glauben, daß der Ort bereits seit 1300 Jahren verödet und verfallen liegt. Erst als wir ganz nahe waren, wurden die Sprünge und Spalten in den Tuffsteinmauern und die Breschen in der Stadtmauer sichtbar. Vorwärts eilend wäre ich mitten in das Herz der Stadt hineingeritten, hätte Gablān nicht die Hand auf meinen Zügel gelegt und mich aufgehalten.

»Ich werde vorangehen!« sprach er, »o meine Dame, Sie sind meiner Obhut anvertraut.«

Dieser Entschluß mußte ihm hoch angerechnet werden, denn Gablān war die einzige Person, die irgendwelche Gefahr lief, und er war sich dieser Tatsache wohl bewußt.

Wir klapperten über die zerfallene Stadtmauer, umritten den viereckigen Klosterturm, das Hauptmerkmal der »Mutter der Kamele« (dies ist die Bedeutung des arabischen Namens), und kamen auf einen freien, von gänzlich verlassenen Straßen umgebenen Platz. Nichts Furchterweckendes zeigte sich, ja wir sahen kein anderes Lebenszeichen als zwei kleine schwarze Zelte, deren Bewohner uns mit Enthusiasmus begrüßten und uns in der liebenswürdigsten Weise Milch und Eier zum Verkauf boten. Die am Fuße des Haurāngebirges wohnenden Araber heißen Djebeliyyeh, Bergaraber, und kommen nicht weiter in Betracht, da sie nur Diener und Hirten der Drusen sind. Während sie im Winter die in die Ebene herniedergesandten Herden weiden, dürfen sie im Sommer ihr eigenes Vieh auf die unbebauten Abhänge treiben.

Ich verbrachte die noch verbleibende helle Stunde mit Besichtigung der prächtigen Grabstätten außerhalb der Mauer. Mr. Dussaud hat die Erforschung derselben vor ungefähr fünf Jahren begonnen, und Monsieur Butler und ~Dr.~ Littmann, deren Besuch dem meinen unmittelbar voranging, werden zeigen, mit welchem Eifer sie die Arbeit fortgesetzt haben, sobald ihre nächsten Bände erscheinen. Nachdem ich die von ihnen geöffneten Gräber betrachtet und einige Hügel bemerkt hatte, die auf weitere Grabstätten hinweisen, entließ ich meine Gefährten und durchwanderte in der Dämmerung die wüsten Straßen der Stadt; ich betrat große öde Räume und verfallene Treppen, bis mich endlich Gablān zurückrief. Wenn die Leute eine Person im Pelzmantel zur Nachtzeit an diesem unheimlichen Ort umherwandeln sähen, meinte er, würden sie die Erscheinung für einen Geist halten und niederschießen. Überdies wollte er mich fragen, ob er nicht nach Tneib zurückkehren dürfte. Da einer der Araber uns morgen recht gut nach dem ersten Drusendorf führen könnte, wollte er sich lieber dem Gebirge nicht weiter nähern. Ich willigte gern ein; war es mir doch eine Erleichterung, nicht mehr die Verantwortung für seine Sicherheit zu tragen. Er bekam drei Napoleon für seine Mühe und einen warmen Dankesbrief an Fellāh ul 'Isa, und wir schieden mit vielen Versicherungen, daß wir gern wieder zusammen reisen würden, wenn Gott es so fügte.

Der steinige Fuß des Djebel Haurān ist mit Dörfern bestreut, die seit der mohammedanischen Einwanderung im 7. Jahrhundert verödet liegen. Ich besuchte zwei, die nicht allzu abseits von meinem Wege lagen, Schabha und Schabhiyyeh, und fand sie ganz desselben Charakters, wie Umm ed Djimāl. Von weitem gleichen sie gutgebauten Städten mit viereckigen Türmen und dreistöckigen Häusern. Wo die Mauern eingestürzt sind, da liegen sie noch, keine Hand hat sich gerührt, die Trümmer zu beseitigen. Monsieur de Vogüé hat als erster die Architektur des Haurān beschrieben; noch jetzt ist sein Werk das hauptsächlichste Quellenbuch. Die Wohnhäuser sind um einen Hof gebaut, von welchem aus gewöhnlich eine Außentreppe in das obere Stockwerk führt. Es ist kein Holz zu den Bauten verwendet, selbst die Türen bestehen aus schwerem Stein und bewegen sich in steinernen Angeln, und die Fenster werden durch dünne Steinplatten mit Durchbruchmuster ersetzt. Bisweilen findet man auch Spuren eines säulenflankierten Tores, oder durch die Mauer ist ein gekoppeltes Fenster gebrochen, dessen Bogen von kleinen Säulen mit groben, ganz einfachen Kapitälen getragen werden. Hin und wieder findet man auch die Querbalken der Türen mit Kreuzen oder den Initialen Christi geziert, im allgemeinen aber ist wenig Schmuck vorhanden. Die Zimmerdecken sind mit Steinplatten getäfelt, die auf querlaufenden Bogen ruhen. Soweit man mit Sicherheit annehmen kann, sind Nabathäische Gräber und Inschriften die ältesten geschichtlichen Denkmäler dieses Distrikts; ihnen folgen zahlreiche Überreste aus der heidnischen Römerzeit, die wahre Blüteperiode aber scheint die christliche Ära gewesen zu sein. Nach der Besitzergreifung durch die Mohammedaner, die dem Wohlstande des Hügellandes von Haurān ein Ende bereitete, wurden nur wenige Dörfer wieder bewohnt, und als vor ungefähr 150 Jahren die Drusen einwanderten, fanden sie keine eigentliche Bevölkerung vor. Sie eigneten sich das Gebirge an, zerstörten die alten Stätten vollständig, indem sie sie wieder aufbauten, und dehnten ihre Herrschaft auch über das südliche Flachland aus, ohne sich jedoch in den Ortschaften dieses umstrittenen Gebiets festzusetzen, das dem Archäologen ein dankbares Feld für seine Forschungen verblieben ist. Die amerikanische Expedition wird einen guten Gebrauch von dem hier ruhenden ungeheuren Material machen, und da ich wußte, daß berufenere Hände hier bereits die Arbeit getan hatten, rollte ich mein Metermaß auf und faltete den Zollstab zusammen. Aber ich konnte mir nicht versagen, Inschriften zu kopieren, und die wenigen (sie waren wirklich außerordentlich gering an Zahl), die ~Dr.~ Littmanns wachsamem Auge entgangen, zufällig aber zu meiner Kenntnis gelangt waren, habe ich ihm übermittelt, als wir uns in Damaskus trafen.

Unserm neuen Führer, Fendi, fiel die Aufgabe zu, mich über alle Neuigkeiten im Gebirge zu unterrichten. Der Tod hatte in den letzten fünf Jahren tüchtig unter der großen Familie der Turschān aufgeräumt. Faīz el Atrasch, der Scheich von Kreyeh, war tot -- vergiftet, wie man sagte, und ein oder zwei Wochen vor meiner Ankunft war auch der berühmteste aller Drusenführer, Schibly Beg el Atrasch, an einer geheimnisvollen, langwierigen Krankheit gestorben -- wieder Gift, hieß es. Hier war Krieg, dort drohte er, ein schrecklicher Raubzug der Araber aus dem Wādi Sirhan mußte gerächt, eine Rechnung mit den Suchūr beglichen werden, im allgemeinen aber herrschte Wohlstand und Friede, soviel die Drusen sich nur wünschten. Zur Abwechselung schossen wir ein wenig nach Kaninchen, die schlafend in der Sonne lagen, was zwar kein besonders vornehmer Sport war, aber doch dazu beitrug, unsre Töpfe zu füllen und Mannigfaltigkeit in unser Menü zu bringen. Später ließ ich Fendi und die Maultiere den Weg allein fortsetzen und machte, nur von Michaïl begleitet, einen langen Umweg nach einigen Ruinen. Weit entfernt von dem übrigen Teil meiner Gesellschaft, beendeten wir gerade unser Frühstück am Fuße einer zerfallenen Mauer, als wir zwei Reiter über die Steppe und auf uns zukommen sahen. Schnell das Frühstück weggepackt und aufgestiegen, denn wir meinten, jede Begrüßung, die sie uns zugedacht, besser im Sattel entgegennehmen zu können. Sie hielten vor uns, und ihrem Gruß folgte ganz unmittelbar die Frage nach dem Ziel unsrer Reise. Ich antwortete: »Nach Salchad, zu Nasīb el Atrasch,« und sie ließen uns ohne weitere Bemerkung vorüber. Es waren keine Drusen, denn sie trugen nicht den bei diesem Volk üblichen Turban, sondern Christen aus Kreyeh, wo sich eine große Christengemeinde befindet. Sie ritten hinab nach Umm ed Djimāl, um den Winterquartieren ihrer Herden einen Besuch abzustatten, berichtete Fendi, dem sie eine Meile vor uns begegnet waren. Einige Stunden bevor wir die gegenwärtigen Grenzen der Kultur erreichten, sahen wir die Spuren ehemaligen Ackerbaus, und zwar in Gestalt langer, parallel laufender Steinlinien, die zur Seite der einst fruchtbaren Erde aufgehäuft waren. Sie sahen wie die Raine und Gräben einer riesigen Wiese aus, und sie scheinen fast unvergänglich zu sein, diese Zeichen eines menschlichen Fleißes, der doch seit der Zeit der arabischen Einwanderung geruht haben muß.