Dresden und die Sächsische Schweiz

Part 5

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Ein zweiter für die Stadt ebenso charakteristischer, aber ganz anderem Kunstgeschmack huldigender Bau war die Frauenkirche (1726-1748, Abb. 44) von George Bähr (1666-1738). Bähr war nach H. Hettners Urteil der einzige deutsche Baumeister des achtzehnten Jahrhunderts, der mit Ehren neben dem großen Andreas Schlüter genannt werden kann. Als rings um ihn, auch im Kirchenstil, entweder der verwildertste Barockstil oder die kahlste Nüchternheit herrschte, war er es allein, der in die gute italienische Renaissance zurückgriff und nach dem Muster der Peterskirche einen Bau errichtete, der in seiner Haltung und Gliederung so durchaus organisch aus sich herausgewachsen und in seinen Massen und Maßen so kraftvoll und würdevoll ist, daß kein zweiter deutscher Kirchenbau des gesamten Jahrhunderts an Mächtigkeit des Eindrucks auch nur entfernt ihm gleichkommt.

Ihre mächtige Kuppel widerstand bei der Belagerung 1760 selbst den preußischen Kanonenkugeln, durch die der Kreuzturm in einen Schutthaufen verwandelt wurde. Und sehr bezeichnend sagt nach der Beschießung der Prediger am Ende in seiner ersten Predigt, in der er dankerfüllten Herzens der Erhaltung des herrlichen Bauwerkes gedachte, daß die ganze Kirche von Grund auf bis oben hinaus gleichsam nur +ein+ Stein sei.

[Sidenote: Die Augustusbrücke.]

Als drittes Bauwerk, das, wenn auch nicht unter August dem Starken neu geschaffen wurde, aber doch seine jetzige Gestalt erhielt, ist die Elbbrücke zu nennen, die danach den Namen Augustusbrücke erhielt und noch jetzt so oder die Alte Brücke heißt. Ihr Neubau wurde von 1727-1730 ausgeführt. Zwar war die steinerne Elbbrücke schon seit Jahrhunderten die Bewunderung aller Reisenden gewesen und wurde in den Reisewerken und Reiseführern als ein einzig dastehendes Wunderwerk gerühmt. Von nun aber war dieser Ruhm noch erhöht und hat bis auf den heutigen Tag unzählige Male den Künstlern zum Vorwurf gedient, um verbunden mit An- und Aussichten von dieser Brücke aus originelle Stadtansichten zu schaffen. Aber leider sind ihre Tage gezählt, denn sie bildet mit ihren engen Bogen ein wesentliches Hemmnis für den wachsenden Elbverkehr und schon mancher schwerbeladene Kahn ist an ihren Pfeilern gescheitert und samt der Ladung verloren gegangen. Noch kürzlich wurde dieser Brücke folgender, ich möchte sagen, ehrenvolle Nachruf gewidmet: Ein altbewährtes Wahrzeichen Dresdens und zugleich ein eigenartiges künstlerisch wertvolles Bauwerk erlebt, den Hamburger Nachrichten zufolge, heuer seinen letzten Sommer. Die Augustusbrücke, die jahrhundertelang als die „Dresdener Brücke“ schlechthin bekannt war und noch jetzt die schönste (?) unter den fünf großen Brücken zwischen Altstadt und Neustadt ist. Was diese altehrwürdige Brücke, die sozusagen zum Dresdener Stadtbild gehört, zum erklärten Liebling der Maler der verschiedensten Perioden gemacht hat, ist die stämmige, wuchtige Kraft ihrer stolzen Pfeiler, der schöne Schwung ihrer Bogen, die stolze Wölbung ihres Niveaus und ihre landschaftlich überaus günstige Lage über einer Biegung des Elbstroms, der zufolge man beim Durchblick durch jeden ihrer Bogen ein neues reizvolles Bild genießt. Tausendmal ist der altersgeschwärzte Bau gemalt worden; Canalettos Brückenbild (Abb. 45) ist weit bekannt und noch in der neuesten Zeit ist ihr in Gotthard Kühl ein verständnisvoller Meister entstanden, der mit seinen Bildern der Augustusbrücke selbst ihre bei regentrübem Wetter und winterlicher Abendbeleuchtung noch vorhandenen intimen Reize offenbar gemacht hat. Zudem kommt noch, daß das zwischen den breitgegründeten engen Bogen durchschießende Wasser mit seinen mannigfachen Strudeln und Lichteffekten den Künstler ganz besonders reizen mußte. (Allg. Zeitung 1902, No. 152.)

Der Rat zu Dresden hat sich neuerdings für einen völligen Neubau entschieden, der an der Stelle, wie jetzt, den Strom überbrücken soll. Die Brücke soll aus Stein aufgeführt und von 11 _m_ auf 18 _m_ verbreitert werden, auch sollen die Pfeiler, soweit möglich, in den alten Formen gehalten werden, daß die Bögen in gleichmäßig gerundeten Linien verlaufen. Doch wird die Zahl der Pfeiler von dreizehn auf neun verringert und dadurch die Möglichkeit gegeben, den jetzt schwierigen und gefürchteten Schiffahrtsweg durch die mittleren Bögen durch weitere Spannung der Bögen wesentlich zu erleichtern. Während die Spannweite dieser Bögen jetzt nur 21 _m_ und 17,2 _m_ beträgt, ist für den Neubau eine Spannung von 40 und 36 _m_ in Aussicht genommen. Alsdann nimmt nach beiden Ufern die Spannweite der Bögen ab. Architektonisch bilden die fünf größeren mittleren Bögen der geplanten neuen Brücke eine harmonisch abgeschlossene Gruppe für sich, deren Grenzpfeiler mit gekröntem Wappenschild und einem kleinen Aufbau geschmückt sind. Nach der Altstadt zu schließen sich zwei, nach der Neustadt zu drei Seitenbögen an. Gegen den jetzigen gedrungenen Bau der Augustusbrücke ergibt sich dadurch ein schlankeres Brückenbild.

[Sidenote: Die Brühlsche Terrasse.]

[Sidenote: Die katholische Hofkirche.]

Zum Bilde der Brücke gehört aber auch die anliegende Brühlsche Terrasse (Abb. 46). Es ist das erste Werk, das während der Regierung Friedrich August II. (1730-1763), wenn auch nicht durch ihn selbst angeregt, entstand und zu den für das Stadtbild charakteristischen Anlagen gehört. Die Terrasse wurde 1738 auf Befehl des allmächtigen Ministers Brühl als vornehmer Privatgarten auf den Festungswerken über der Elbe errichtet, wurde aber erst im neunzehnten Jahrhundert, 1814, durch den damaligen russischen Militärgouverneur Repnin allgemein zugänglich und somit zu öffentlichen Anlagen umgestaltet, indem er vom Schloßplatze die große Freitreppe (Abb. 47) anlegen ließ, die später, 1872, durch die prächtigen Gruppen der vier Tageszeiten von Schilling geschmückt wurden. Von der Höhe der Terrasse bieten sich sowohl nach Nordwesten bis zu den Lößnitzer Weinbergen, als nach Osten gegen die Waldhöhen der Dresdener Heide so fesselnde Landschaftsbilder, deren Reiz durch den zu Füßen des Beschauers dahinfließenden belebten Strom noch wesentlich erhöht wird, daß man ähnliches schwerlich inmitten einer Großstadt finden wird. Darum bewahrt auch die Terrasse zu allen Tages- und Jahreszeiten ihre mächtige Anziehungskraft nicht nur für den Fremden, der den Besuch dieser hochgelegenen, aussichtsreichen Anlagen oft der Besichtigung der Museen vorzieht. Für Dresden war es ein großes Glück, daß der kunstliebende König und Kurfürst Friedrich August II. mehr in Dresden als in Warschau lebte und daß er zur Verschönerung Dresdens noch größeren Glanz entfaltete. Vor allem galt es, da mit August dem Starken die königliche Familie zum katholischen Glauben übergetreten war, um die polnische Krone zu gewinnen, eine prächtige, dem Zeitgeschmack huldigende katholische Kirche (Abb. 48) zu erbauen. Sie wurde neben dem Zwinger und der Frauenkirche das dritte charakteristische Bauwerk der Stadt, das schon von ferne den Blick auf sich zog, und wurde in der Zeit von 1739-1751 durch den italienischen Baumeister Gaëtano Chiaveri (1689-1770) nur mit italienischen Bauleuten ausgeführt. Dabei entstand auf dem heutigen Theaterplatz das italienische Dörfchen, eine Reihe kleiner Wohnungen für die Arbeiter und daneben Steinmetzhütten, Kalkhütten, Tischler-, Schlosser- und Schmiedewerkstätten etc., die erst im neunzehnten Jahrhundert bis auf die Gebäude unmittelbar an der Elbe beseitigt wurden. Nur diese sind als vielbesuchte Restaurants erhalten und heißen noch das „Italienische Dörfchen“.

[Sidenote: Die Kreuzkirche.]

Mit großem künstlerischen Geschick hat Chiaveri nicht bloß den Platz, sondern auch die Lage der Kirche und des Turmes gewählt. Er wich dabei von der üblichen Orientierung der Kirchen ab und legte den Chor südwestlich an, wodurch der Bau auf dem freien Platze neben dem Schlosse und der Brücke zur vollen Geltung kam. Ganz besonders merkwürdig ist die Stellung des Turmes, der nicht nur die ganze Elbseite beherrscht, sondern auch aus dem Inneren der Stadt über der ganzen Länge der Schloß- und Seestraße, und von der Moritzstraße her in voller Höhe gesehen wird. Die Kirche ist in dem für Italien maßgebenden Barockstil des siebzehnten Jahrhunderts errichtet; alles ist dabei auf malerische Wirkung berechnet und der Gesamteindruck durch die geschickte Verwendung von achtundsiebzig Statuen hoch oben auf dem Rande des Kirchendaches erst vollendet. Diese Statuen, Werke Mattiellis, sind perspektivische Kunstwerke und optische Kunststücke, denn auf die Verkürzungen, die bei der hohen Stellung der Figuren für den Beschauer unten entstehen, ist die größte Rücksicht genommen. Dadurch ist erreicht, daß die Statuen von nah und fern stets in klarer Silhouette erschienen. H. Hettner mag in strengerer Beurteilung der Statuen recht haben, wenn er behauptet, sie seien zum Teil von den allermanieriertesten Motiven, unnatürlich in der Form, gewaltsam in Stellung und Bewegung, völlig stillos in dem unruhigen Flattern der Gewänder, aber er kann sich dem Gesamteindruck auch nicht entziehen und gesteht, daß sie wesentlich dazu beitragen, das barocke aber geniale Werk in seiner überraschenden Wirkung zu steigern. „Man kann sogar ketzerisch genug sein, im Ernst zu behaupten, daß eine strengere Formengebung zu der architektonischen Umgebung, zu der heiteren Brücke und den lachenden Elbufern weit weniger malerisch stimmen würde. Weder der Außenbau noch der Innenbau ist kräftig. Es ist die kokette Grazie des Zopfstils.“

So bildete also diese Kirche einen strengen Gegensatz zu der protestantischen Frauenkirche und von diesem Gesichtspunkte aus konnte das 1883 errichtete Lutherstandbild (nach Rietschels Lutherdenkmal in Worms) keinen geeigneteren Platz finden als vor der Frauenkirche.

[Sidenote: Die Kunstsammlungen Dresdens.]

Endlich gehörte zu der Vollendung des Stadtbildes noch die neu erstandene Kreuzkirche, deren Neubau 1764 begonnen und 1792 vollendet wurde. Immer aber handelte es sich bei dem historischen Stadtbilde nur um die Altstadt Dresden am linken Elbufer. Nur dieser Ansicht gelten auch H. Hettners Worte: „Es ist eines der anmutigsten und zugleich stolzesten deutschen Städtebilder, wenn wir auf der schönen Dresdener Elbbrücke (Augustusbrücke) stehen und die hochragende kühngeschwungene Kuppel der Frauenkirche und die keck anmutigen, leicht- und feingegliederten Massen der katholischen Hofkirche vor uns schauen. Beide Bauten stammen aus jener merkwürdigen Zeit, in welcher Dresden nach dem Ruhme strebte, das deutsche Versailles und zugleich das deutsche Florenz zu sein.“ Dresden behauptete damals in Kunst- und Prachtliebe den unbestrittensten Vorrang. Denn die Fürsten des Landes errichteten nicht bloß die bedeutendsten Bauwerke, sondern sie betätigten ihre Liebe zur Kunst und ihr Verständnis dafür auch durch die Erwerbung von Kunstschätzen allerersten Ranges. August der Starke legte 1728 den Grund zu der Antikensammlung durch die Erwerbung der Chigischen und Albanischen Sammlungen in Rom (vom Fürsten Agostino Chigi und vom Kardinal Albani), zu denen dann unter Friedrich August II. 1736 auch die herrlichen aus Herculaneum stammenden Frauengestalten kamen, die man aus dem Nachlasse des Prinzen Eugen erwarb. Mit gleichem Eifer wurde von August dem Starken auch die Bildergalerie eigentlich begründet, indem zunächst seit 1722 aus den verschiedenen Schlössern die Gemälde zu einer Sammlung vereinigt wurden. Dies geschah infolge eines kurfürstlichen Befehls vom Juli 1722, wonach alle in den kurfürstlichen Schlössern des Landes, sowie teilweise in den dazu gehörigen Kirchen und Kapellen vorhandenen Gemälde verzeichnet und nach geschehener Inventur auf ihren Wert geprüft werden sollten. So wurden über 4700 Gemälde inventarisiert, darunter 3110 wertvollere, und über 1590 minder wertvollere, aus denen dann in der Zeit von 1723 bis 1747 eine Auswahl für die Gemäldegalerie getroffen wurde, die ihre Aufstellung in dem von Kurfürst Christian I. 1586 und 1587 erbauten Reisigen-Stalle am Judenhofe erhielt. Die ganze Galerie umfaßte anfangs schon 1938 Gemälde.

Zur Vermehrung und Bereicherung dieser Sammlung wurden dann mit hochgestellten Männern, mit Malern und namentlich mit niederländischen Kunsthändlern in Brüssel, Antwerpen und Amsterdam Verbindungen angeknüpft. Von allen Seiten beeilte man sich, den Wünschen des Königs entgegen zu kommen. Selbst ausländische Fürsten wie der Papst Innocenz XIII., der König Viktor Amadeus von Sizilien (Sardinien), der Statthalter der Niederlande u. a. bestrebten sich, das löbliche Unternehmen nach Kräften zu fördern.

[Sidenote: Die Gemäldegalerie.]

Noch mehr begeistert für die Kunst zeigte sich der Nachfolger Augusts des Starken, sein Sohn Friedrich August II., der schon als Kronprinz bei seinem wiederholten Aufenthalte in Italien in den Jahren 1712, 1713, 1716 und 1717 unablässig für die Erwerbung hervorragender Gemälde eifrig Sorge getragen hatte. Nach seinem Regierungsantritte, am 1. Februar 1733, steigerte sich das Interesse für Bereicherung der Kunstsammlungen noch erheblich und dabei war sein Augenmerk namentlich auf Italien gerichtet. Und hier waren besonders der Graf Algarotti Ventura Rossi, der Gesandte Villio, der alte Kunstkenner Zanetti in Venedig und der Maler C. C. Giovannini in Bologna tätig. Daneben fanden sich auch hilfreiche Geister in Frankreich (Legationssekretär de Brais und der Maler Rigaud), in den Niederlanden und hie und da in Deutschland. Auch in Dresden selbst fehlte es nicht an einflußreichen Ratgebern, wie der Graf Brühl, der Hofmaler Dietrich, der Generaldirektor der Kunstakademie Christian Ludwig von Hagedorn, der Hofmaler Raphael Mengs, der Oberlandbaumeister Pöppelmann. Die bisherigen Räume der Galerie reichten bald nicht mehr aus, so daß 1744 ein Umbau vorgenommen werden mußte. Einstweilen wurden die Gemälde mittels Militär nach der Neustadt in das Japanische Palais geschafft, wo sie bis 1746 blieben. Bei der Neuaufstellung im Stallgebäude (jetzt Johanneum) war man bestrebt, wenigstens bei den vorzüglichen Originalbildern die Gemälde nach Schulen und Landschaften zu ordnen, „während sonst öfter Florentiner und Römer unter den Niederländern und Holländern, man weiß nicht aus welchen Gründen, ihren Platz gefunden hatten.“ (W. Schäfer, Die k. Gemälde-Galerie I. 47.)

Unter den wichtigsten Erwerbungen in diesem Zeitraum sind für 1741 zu nennen 268 Gemälde aus der Sammlung des Grafen Waldstein im Schlosse Dux in Böhmen, für 1743 der Ankauf mehrerer Gemälde von Paul Veronese für nur 4000 Taler, sodann die Kopie der Holbeinschen Madonna für 22000 Lire und dann 1745/46 die Gewinnung von 100 wahrhaft klassischen Gemälden aus der Sammlung des Herzogs Franz von Este-Modena für 100000 Zecchinen (etwa 1 Million Mark).

[Sidenote: Dresden als deutsches Florenz.]

Unter diesen Meisterwerken italienischer Kunst, die auf fünf Wagen verpackt im August 1746 glücklich nach Dresden gelangten, nachdem während des Handels zahllose Schwierigkeiten hatten überwunden werden müssen, befanden sich sechs Gemälde von Correggio, darunter die weltberühmte „Heilige Nacht“ (Abb. 49), die Madonna mit dem heiligen Georg (Abb. 50) und die büßende Magdalena, der Zinsgroschen von Tizian (Abb. 51), ferner Bilder von Andrea del Sarto, Dosso Dossi, Carlo Dolce, Guido Reni, Giulio Romano, Caravaggio, Paul Veronese, Pordenone, den drei Carracci und Guercino; sodann aber waren auch Spanier, wie Ribera und Velasquez, Niederländer wie Rubens und van Dyck vertreten. Dazu kam 1748 noch eine Anzahl von 69 Gemälden aus der kaiserlichen Galerie zu Prag für 50000 Taler, darunter befanden sich u. a. van Dycks Karl I. von England und seine Gemahlin, L. da Vincis Tochter der Herodias, Caravaggios Spieler, Guido Renis Christus mit der Dornenkrone, außerdem Gemälde von Bassano, Tintoretto, Schiavone und mehrere Niederländer, unter ihnen Rubens und Honthorst. Die berühmteste Erwerbung jener Zeit geschah 1753, als es gelang, das beste Werk Raffaels, die Madonna di San Sisto (Abb. 52), aus der Benediktinerklosterkirche zu Piacenza für 20000 Dukaten und eine gleichgroße Kopie von dem venetianischen Maler Giuseppe Nogari zu gewinnen. Man erzählt, daß man, um den kostbaren Schatz sicher und unerkannt über die Grenze und über die Alpen zu bringen, zu einer List seine Zuflucht genommen und das ganze Bild mit einer in Leimfarbe ausgeführten Landschaft -- überstrichen habe. Auch an die Ankunft des Meisterwerkes in Dresden, die im November 1753 erfolgte, knüpft sich noch eine anmutige Sage, die sogar im neunzehnten Jahrhundert durch den Maler Theobald von Oër in einem großen Ölbilde verherrlicht worden ist. Der König, erzählt man, war außerordentlich auf die Auspackung und Aufstellung der Madonna gespannt, denn er hatte das Bild schon früher als Kronprinz gesehen und bewundert. Er ließ also das Gemälde zunächst nach dem Thronsaale im Schlosse bringen und fand, als man sich hier nach einem geeigneten Platze für eine vorläufige Aufstellung umsah, daß das Bild das beste Licht empfange, wenn es an die Stelle des Thronsessels gerückt werde. „Allerhöchsteigenhändig“ erfaßte der König den Sessel und schob ihn mit den Worten beiseite: „Platz für den großen Raffael“. Murillos Madonna mit dem Kinde (Abb. 53) wurde 1755 in Paris erworben; aber mit dem bald darauf ausbrechenden Siebenjährigen Kriege hörten die großartigen Erwerbungen auf; es waren indes bereits alle die kostbaren Schätze zusammengebracht, die in Bezug auf die Meisterwerke des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts die Dresdener Galerie zu einer der ersten der Welt machen. „Noch niemals waren (nach H. Hettner) diesseits der Alpen solche Schätze gesehen. Es war eine völlig neue Welt, welche sich der deutschen Bildung durch diese gewaltigen Anschauungen und Anregungen auftat.“ Schon 1756 schrieb Winckelmann darüber in seinem ersten Werke: „Es ist ein ewiges Denkmal der Größe dieses Monarchen (Friedrich August II.), daß zur Bildung des guten Geschmacks die größten Schätze aus Italien, und was sonst Vollkommenes in der Malerei in anderen Ländern hervorgebracht worden war, den Augen aller Welt ausgestellet sind... die reinsten Quellen der Kunst sind geöffnet; glücklich ist, wer sie findet und schmecket. Diese Quellen suchen, heißt nach Athen reisen; und Dresden wird nunmehro Athen für Künstler.“

Aber nicht diese Vergleichung Athens mit Dresden hat sich erhalten und ist volkstümlich geworden, sondern der von Herder erwählte Vergleich mit Florenz, daher Dresden auch als Elbflorenz bezeichnet wird. In einem besonderen Kapitel über die „Kunstsammlungen in Dresden“ schreibt Herder in der Adrastea: „Für Deutschland und das Kurfürstentum Sachsen war es ein Verlust, daß ein Fürst von so seltenen Vorzügen, wie Friedrich August körperlich und geistig besaß, durch die polnischen Verwirrungen und Kriege gehindert ward, für Deutschland allein zu leben... Dresden indes zierte sein prachtliebender Geist mit Gebäuden; unter ihm war es eine Schule der Artigkeit und ist es geblieben. Vor allem aber sind die Kunst- und Altertumssammlungen, die er mit ansehnlichen Kosten stiftete, Trophäen seiner Regierung. Was ein Friedrich August am Anfange des Jahrhunderts anfing, hat ein anderer Friedrich August am Ende desselben vollendet. Durch sie ist Dresden in Ansehung der Kunstschätze ein deutsches Florenz geworden... Von Dresdens Kunstsammlungen geweckt, wurde Winckelmann Lehrer der Kunst für alle Nationen.

Blühe, deutsches Florenz, mit deinen Schätzen der Kunstwelt! Stille gesichert sei Dresden-Olympia uns.“

[Sidenote: Die Schicksale der Gemäldegalerie.]

Aber dieser kostbare Schatz ist im Laufe der Jahre mancherlei Gefahren, sei es durch Kriegsunruhen oder durch Diebstahl, ausgesetzt gewesen, selbst fanatische Hände haben einzelne Bilder frevelhaft zu schädigen gesucht. Der erste Diebstahl, glücklicherweise an nicht gerade hervorragenden Bildern, geschah schon 1723, -- kaum ein Jahr, nachdem ein Inventar der Sammlung aufgenommen war -- hierbei war sogar die Schildwache beteiligt. Vierundzwanzig Jahre später, 1747, entwendeten die Feuerwächter, die die Schlüssel zu den Vorratsräumen hatten, ein Bild von Franz van Mieris.

Dann folgten die gefahrdrohenden Zeiten des Siebenjährigen Krieges, die die Stadt Dresden mehrmals in empfindlichster Weise berührten. Friedrich der Große zog am 10. September 1756 in Dresden ein. Der König Friedrich August II. hatte sich auf den Königstein geflüchtet, nur die mutige Königin Maria Josepha war in der Stadt zurückgeblieben. Die Staatskassen und die Kriegsvorräte im Zeughause fielen den Feinden als Beute anheim, die Kunstsammlungen blieben dagegen unberührt. Der preußische König besuchte sogar mehrfach die Gemäldegalerie und bestellte sich beim Hofmaler Dietrich eine Kopie der Magdalena von Battoni, verlangte aber, der Totenkopf solle weggelassen werden. So ist ihm dann am 17. März 1757 die Nachbildung übergeben. -- Ängstlicher wurde die Sachlage, als der preußische Kommandant von Schmettau in den Jahren 1758 und 1759 die Stadt gegen den österreichischen Feldmarschall Daun verteidigen mußte. Nachdem die Vorstädte in Flammen aufgegangen waren, erfolgte am 4. September 1759 die Kapitulation der Preußen, und nun beeilte man sich, die kostbarsten Bilder nach dem Königstein zu retten. Allein auch dabei litten manche Gemälde infolge ungenügender Verpackung und Aufbewahrung in nicht ganz trockenen Räumen. Der größte Teil der Gemäldesammlung mußte natürlich in den Galerieräumen (Abb. 54) im Stallgebäude am Neumarkt verbleiben und hatte hier die sehr gefährliche Beschießung der Stadt 1760 zu überstehen. Da viele Geschosse der Preußen gegen die feste Kuppel der benachbarten Frauenkirche gerichtet waren, so wurden manche Gemälde durch Bombensplitter beschädigt, wie z. B. die Taufe Christi von Francia, ein Blumenstück von Mignon, von Sylvester das große Bild, auf dem die Zusammenkunft der königlichen Familie mit der Schwiegermutter, der Kaiserin-Witwe Amalia, zu Neuhaus dargestellt ist, sodann ein Altarbild von Torelli und der Hase von Weenix.

Dann geschah auch noch im achtzehnten Jahrhundert, kurz vor dem Ausbruch der französischen Revolution, in der Nacht vom 21. zum 22. Oktober 1788 ein überaus frecher Diebstahl, während des Jahrmarktes, wo die Wachen wegen des Straßenlärmes nichts davon vernommen hatten, daß der Dieb das Drahtgitter vor dem Fenster durchbrochen und eine Fensterscheibe eingedrückt hatte, um von der Freitreppe am Jüdenhofe einzusteigen. Geraubt wurden drei kleinere, aber wertvolle Gemälde: Die berühmte Magdalena von Correggio, Das Urteil des Paris von Adrian van der Werff und ein jugendlicher Kopf mit Hut und Straußfeder von Seibold.