Chapter 4
Eulogia nannte man beim Gottesdienste der ersten Christengemeinden jede zur Kirche mitgebrachte Brod- und Weinration, die man hier priesterlich einsegnete und zum Schlusse mit allen Anwesenden gemeinsam verzehrte. Es war ein Liebesmahl zu dem Zwecke, die Ungleichheit vor dem weltlichen Gesetze und den Unterschied von Arm und Reich mindestens bei den religioesen Zusammenkuenften aufzuheben und zu bekennen, dass Alle vor ihrem gemeinsamen Gotte gleich seien. Ein aehnlicher Brauch war nun auch dem deutschen Heidenthum gelaeufig gewesen und dauerte noch lange fort in dem Bruderschaftswesen der Geldonien, deren angelsaechsischer Name Friedensbuergschaft hiess. In ihnen stand Einer fuer Alle; Gott, auf dessen Namen jede Geldonie beschworen war, sollte Alle bei ihrem Rechte bewahren. Eine natuerliche Folge hievon war die Pflege und Versorgung derjenigen Vereinsmitglieder, die unverschuldet in Duerftigkeit geriethen. Die reichlichen Brod- und Fleischvertheilungen, die mit den Germanenopfern nachweisbar verbunden waren, verbuergen dies, und ausserdem war es eine Sache der Nothwendigkeit, fuer die Mahlzeit derjenigen reichlich zu sorgen, welche in unwirthlichen, gering bevoelkerten Landstrichen und unter der Ungunst der Witterung weite Maersche auf sich nehmen mussten, um sich bei den allgemeinen Versammlungen rechtzeitig einfinden zu koennen. Das Christenthum vermochte daher diese religioesen Mahlzeiten der Germanen nicht abzuschaffen, sondern suchte sie dem kirchlichen Cultus nur anzupassen: "Es ist durchaus nothwendig," schreibt Pabst Gregor d. Gr. an die angelsaechsischen Bischoefe (Beda Ven., hist. Angl. lib. 1, c. 30), "dass man diese Feier der Heiden bestehen laesst, nur muss man ihr einen andern Grund unterschieben, sie auf die Kirchweihen verlegen, den Festplatz mit gruenen Maien umstecken, Thiere schlachten und ein kirchliches Gastmahl veranstalten. Doch soll man nicht ferner zu Ehren des Satans Thieropfer bringen, sondern das Geschlachtete zum Lobe Gottes und um der Saettigung willen geniessen." An die Stelle solcher Gesammtmahlzeiten trat spaeter vorzugsweise das blosse Brod, so wie es heute noch in den Kirchen der romanischen Laender an den Gedaechtniss- und Festtagen unter dem Namen Eulogienbrod (deutsch Oblei, franz. pain beni) ueberreichlich an Jedermann ausgetheilt wird. Bevor diese Reduction allgemein durchgesetzt war, gab die Kirche ihren Beduerftigen jeglicherlei Gattung von Speise. So wurde in der Monheimer Kirche unmittelbar nach dem daselbst erfolgten Begraebnisse Walburgis Fleisch, Brod, Kaese, Fische, und Bier unter die Wallfahrer _als Eulogie_ ausgetheilt (A. SS. saec. 3. II, pg. 302), und ebenso wurden von den Letzteren Esswaare und Getraenk jeder Art in die dortige Kirche getragen, um daselbst theils aufgeopfert, theils zum eignen Genusse in Gesellschaft der Andaechtigen gebraucht zu werden. Rinder, Schweine, Brodsaecke und Trinkgeschirre werden genannt, die den Wallfahrern hier entwendet, dann aber unter der Patronin Beistand wunderbar wieder aufgefunden wurden. Der Nachdruck der hievon handelnden Erzaehlungen verbleibt jedoch immer auf dem geweihten Brode. Hierueber hat der unbekannte Bruder Medinbard verschiedene Lieder gesungen, von denen ein kuerzeres hier nachfolgt. Die Begebenheit ist diese. Ein blindgebornes Maedchen zu Kempten hoert Nachts im Traume sagen: Willst du den Wucher der Himmelswolke einmal erblicken und die gruene Breite der Gefilde, so back weisse Spendbrode und trage sie zum Walburgisgrab in Monheim. Das Maedchen thats, ueberbrachte dahin die Brode und liess sie auf den Altar legen. Da erschienen zwei Klosterhuehner am Altare, "duae gallinae, id est Sanctimoniales geminae", welche sie bereits in ihrem Traume erblickt hatte, frassen die Brode weg, untersuchten den Grund des Erscheinens der Blinden somit angelegentlich und das Maedchen war darueber sehend geworden (ibid. pag. 300). Verwunderlich bleiben hier diese auf dem Altar weidenden Huehner. Sie lassen nicht auf die gewoehnlichen Zinshuehner schliessen, von denen in der lex Alam. 22 gesagt ist, dass die Leibeignen regelmaessig fuenfe der Kirche zu entrichten haben (Grimm RA. 374), denn deren Weideplatz ist nicht der Altar; es muessen vielmehr heilige gewesen sein, und als solche galten einst die weissen (Troll, Gesch. von Winterthur 7, 183) und gelten noch die schwarzen. Letztere werden noch fuer heilsame Thiere gehalten (Schoenwerth, Oberpf. Saga 1, 346), der Gefahr entgangen sein und ein schwarzes Huhn kirchlich geopfert haben ist altbairisch synonym. Schmeller Wtb. 2, 199. Im Uebrigen ist das Huhn, sowie das Ei, allgemeines Symbol der Fruchtbarkeit, besonders der ehelichen. Des Morgens nach der Brautnacht wurde dem Ehepaar das gebratene Braeutel- und Minnehuhn vors Bette gebracht. RA. 441.
Puella quaedam ab ipsis Heu caeca cunabulis, Audita opinione Virginis eximiae, Desiderio flagravit Veniendi maximo. Quam quidam in visione Nocturna submonuit, Oratorium adiret Tanti desiderii, Oblatas mundas offerret, Altari imponeret. Quas illatas statim binae Gallinae comederent; Quibus pastae deservirent Matris excubiis. Venit, attulit, imponit, Preces fudit intimas. Astant duae moniales Gallinae videlicet, Praevisae in visione, Quae oblatas colligunt, Et requirunt diligenter Quae, unde, cur venerit. Quibus illa dum exponit Singula veraciter, Domino propitiante Et beata Virgine, Incognitum lumen coeli Novis hausit oculis.
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Dritter Abschnitt.
Walburgistag, des Meien hochgezit.
Der meie der ist riche, er fueeret sicherliche den walt an siner hende, der ist nu niuwes loubes vol: der winter hat ein ende.
Neidhart von Reuenthal (1234).
Sommer und Winter waren einstmals unter die Zahl der goettlichen Wesen unsrer Vorzeit gerechnet gewesen; die Volkssitte im Verein mit unsrer aelteren Sprachweise laesst hierueber keinen Zweifel uebrig. Die Edda nennt den Sumar den Sohn des selig freundlichen Mannes Svasudhr; der Winter dagegen (Vetr) hat den Vindloni und Vindsvalr zum Vater, den Windkuehl und Windschweller, der selbst wieder vom feuchten und nassen Vasadhr abstammt. Koberstein, Weimar. Jahrb. 5. Sommer und Winter messen sich in einem Zweikampfe, und dessen scenische Auffuehrungen waren ein Brauch, welcher sich von Schweden und Gothland an bis nach Suedbaiern und der Schweiz erstreckt hat. Der Mai wird aus dem Walde in den Heimatsort herein abgeholt; dies geschieht jedoch nicht ohne heftigen Widerspruch des Winters, der es erst auf einen foermlichen Kampf ankommen laesst. Deshalb muss der knabenhafte Mai bewaffnet und unter kriegerischem Laerm die Landschaft betreten. Er entbietet ein grosses Turnier und kommt gewappnet auf den Plan:
sein panzer was ein grueenes graz, sein koller darauf ein weisser klee, sein halsperg was veyolvar, sein bugler wag von rosenbluet. er fueert in seiner hende ein sper, was michel lanc vnd was eitel voegelingesang.
A. Keller, Altd. Erzaehlungen, pg. 85. Dieser Aufzug des in Laub gekleideten, zu Rosse einziehenden Maikoenigs geschah auf Walburgis oder 1. Mai und hiess: _den Sommer in das Land reiten_.[Nachtrag 1] In Daenemark war er der Maigraf genannt, der sich aus den Jungfrauen des Ortes seine Maigraefin, die Majinde, erwaehlte, indem er seinen Blumenkranz von der Schulter ihr zuwarf; in Thueringen war es der in Pappellaub eingebundne Graskoenig, der im Dorfe vom Rosse stieg, sein Laubgewand aufschnitt und dessen befruchtende Zweige auf die Saatfelder steckte. Oder es kam da, wo Pfingsten den Anfang des Lenzes bezeichnet, der Pfingstkoenig auf die Brautwerbung geritten und fuehrte die im Busche versteckt, gehaltene Prinzessin im Triumphe heim; sie heisst in Flandern Pfingstblume, Pinxterbloem, in England the queen of the May, in der Provence Rosenmaedchen, Mayo, zu Thann im Elsass Maienroeslein. An diesem letzteren Orte traegt am Walburgistage ein Kind einen baendergeschmueckten Maien um, ein anderes mit einem Korbe nimmt die Gaben in Empfang, und das Gefolge singt vor den Haeusern:
Maienroeslein, kehr dich dreimal 'rum, Lass dich beschauen 'rum und 'num. Maienroeslein, komm in gruenen Wald hinein, Wir wollen alle lustig sein; So fahren wir vom Maien in die Rosen.
Im Verlaufe des Liedchens wird den Leuten, die nicht Eier, Brod, Wein, Oel spenden wollen, angewuenscht, dass der Marder die Huehner nehme, der Stock keine Trauben, der Baum keine Nuesse, der Acker keine Frucht mehr trage; denn das Ertraegniss des Jahres haengt von dem kleinen Fruehlingsopfer ab. Stoeber, Elsaess. Volksb. 1842, 56. Faellt der Nachdruck der scenischen Festauffuehrung auf das Vertreiben des Winters, so nennt man dasselbe den Tod austragen, oder wie im boehmischen Saazer Kreise, mit dem Baendertod herumgehen, weil der Zug der Knaben Hut und Brust mit Baendern geschmueckt hat. Dabei traegt der Koenig einen mit Goldpapier beklebten Rockenstiel als Scepter, zwischen zwei Brauthuetern folgt ihm sein Toechterlein. Letztere melden, dass der Tod um die Koenigstochter werben lasse. Hierauf erscheint dieser selbst, statt der Waffe ein Buendel Lichtspaene (Schleissen) in der Hand tragend, und wird vom erzuernten Vater niedergestochen. In Suedschweden rueckten am 1. Mai zwei Reiterschaaren von verschiednen Seiten in die Staedte, die eine angefuehrt vom Winter, der in Pelze gehuellt, mit Handspiessen bewaffnet, Schneeballen und Eisschollen auswarf, die andere vom Blumengrafen, der mit Laub und Erstlingsblumen bekleidet war; sie hielten ein Speerstechen, worin der Sommer den Winter ueberwand und durch Ausspruch des umstehenden Volkes fuer den Sieger erklaert wurde. War die Witterung des Tages recht rauh, so legte der Winter den Spiess ab, streute gluehende Asche aus einem Eimer und liess von seiner Rotte Feuerkugeln unter die Zuschauer werfen. War Sonnenschein, so nahm dies der Blumengraf auf seine Ehre und rueckte mit frischen Birken- und Lindenzweigen hervor, die man lange zuvor in den warmen Stuben mit Muehe zum Gruenen gebracht hatte. Ein Gastmahl und Trinkgelage, glaenzender als es durch Speerkaempfe errungen wird, schloss das Turnier. So die Beschreibung bei Olaus Magnus, Bischof von Upsala, Schwed. Chronik (verdeutscht 1560) 15 Buch, Kap. 4. Geschichtlich denkwuerdig (schreibt Uhland, Pfeiffer's Germania 5, 276. 279) ist ein westfaelischer Mairitt, welchen die Buerger von Soest im J. 1446 waehrend ihrer Fehde gegen den Bischof von Koeln ausfuehrten. Auf Walburgistag, "da man nach alter Sitte in den Maien zu reiten pflegte", wollten die Soester dies nicht unterlassen; wiewohl sie sich vor ihren Feinden zu wahren hatten. Sie zogen mit grosser Kriegsmacht aus der Stadt in den Arnsberger Wald, wo sie ihre Schaaren ordneten, fielen dann mit Raub und Brand in die Grafschaft Arnsberg, zerstoerten Doerfer und Vesten, fuehrten Heerden, Gueterwagen, selbst aufgefangene Frauen, die jedoch vor der Stadt wieder frei gelassen wurden, mit hinweg und kamen, nachdem sie der verfolgenden Feinde sich erwehrt, mit Frieden und Freude "unter dem gruenen Maien" nach Hause. Wie hier der gruene Mai, unter welchem das Kriegsheer einreitet, im Arnsberger Walde gehauen wird, so ruecken am Fruehlingsfeste die Knabenschaften an zahlreichen Orten Oberdeutschlands in ihre Gemeindewaelder bewaffnet aus und hauen sich zum Feste die Ruthen und Staebe, wornach dorten das Maifest der Stabtag oder Ruthenzug heisst. Diese Kadettenzuege sind beschrieben im _Alemann. Kinderlied_ und _Kinderspiel_, pg. 490. Haeufig knuepft sich eine Ortssage daran von einem zu derselben Zeit einst gegen den Feind erfochtenen Siege, wornach der mit Uebermacht eingedrungene Gewalts- und Zwingherr erschlagen und ihm die schon erbeutete Rinderheerde wieder abgejagt worden, oder wornach seine Zwingburg listig erstiegen, er sammt seiner Mannschaft niedergemacht und so Landschaft und Ort in einem Wurfe befreit worden sein sollen. Hievon wird im Abschnitte _Maiengeding_ noch besonders die Rede sein. Der Brauch des Mailehen-Ausrufens ist bis auf die Gegenwart in der Eifel, Rheinpfalz und Hessen ein Innungsrecht der oertlichen Knabenschaften gewesen. Um Kirchheimbolanden, Stetten u.s.w. in der Pfalz werden in der ersten Mainacht, die heiratsfaehigen Maedchen in oeffentlicher Versammlung zur "Versteigerung" einzeln ausgerufen und dem Hoechstbietenden zugeschlagen. Der Erloes ist kein unbedeutender (Bavaria IV. 2, 364). Ebenso werden sie in der Gegend der Ahr zum "Mailehen" ausgeboten und den Kaeufern einzeln zugetheilt. Die fuer beide Theile daraus entspringende Verpflichtung ist gegenseitige Zucht; eigene Hueter "Schuetzen" sind beauftragt, Uebertretungen beim Sittengerichte der Knabenschaft zur Anzeige und Bestrafung zu bringen, ein Sittengesetz, das ehmals im ganzen Eifellande ueblich gewesen war (Schmitz, Eifl. Sag. 1, 32). In der Hessischen Lahn- und Schwalmgegend werden die Maedchen unter Peitschenknall, Freudenfeuern und Pistolenschuessen gleichfalls ins Mailehen gegeben und in der Walburgisnacht einzeln ausgerufen. Lynker, Hess. Sag. no. 317[2].
Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die Wittwen mit zum Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem Leben der hl. Bilihildis nachweisen, ueber deren Zeitalter freilich sich nur das mit Bestimmtheit sagen laesst, dass ihr Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts genannt wird. Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenmaedchen einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach Wuerzburg gethan worden und sah hier das beruehmte Maispiel mit an, das die gleichfalls noch heidnischen Mainfranken alljaehrlich zu begehen pflegten. Dasselbe findet sich beschrieben in der von Herbelo metrisch verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses breiten unbeholfenen Berichtes, der ohnedies wie ein Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts ueber unsre Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug. Nach altem Herkommen, das wie eine religioese Satzung galt, hielt das Frauengeschlecht der Mainfranken alljaehrlich im Fruehling zu Ehren der Venus und der Vesta ein Spiel ab, wobei ohne Mann und nackt getanzt wurde. Saemmtliche Wittwen unter fuenfzig Jahren und alle mannbaren Maedchen traten mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und Laubgewinde in den Haenden tragend. Waehrend eine Schaar den Reihen fuehrte, ergoetzte sich die andere am Anblick der Gespielinnen und fuehlte sich zu frischem Beginne angespornt. Das Maennervolk machte dabei den Zuschauer. Den Vornehmen ergoetzte die vornehme Haltung, den Bauern die laendliche oder volksthuemliche. Ein Jeder erlas sich unter ihnen die kuenftige Gattin, und wenn auch noch nicht vertraut mit ihrem Gemuethe, traf er hier nach ihrer Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle bei diesem Feste geschlossnen Ehevertraege hatten das Jahr ueber ihre Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in einer Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau erwaehlte, die er noch nicht naeher als vom blossen Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er ein heidnisches Herkommen, fuer dessen Gesetzgeber und "_Koenig_" er sich selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg konnten diese Maedchen sich den Titel der "_Koenigin_" beilegen, wenn eben diejenigen Maenner, welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen worden waren, ueber dieses Spiel als ueber einen blossen Scherz nachher tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher die selige Bilihildis, die nicht spielend, sondern allein kirchlich die Verlobte eines Mannes werden wollte: unter Thraenen bewog sie ihren Vater, beim Koenig Chlodwig Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf alsdann der Regent durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende machte. So weit Herbelo's Nachricht.
Der Ehemann, welcher, hier _Koenig_ genannt wird, ist im heutigen Fruehlingsspiele der Maigraf oder Lauchkoenig, die von ihm erwaehlte Braut die Maikoenigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen versammeln sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die zuschauenden Maenner ins Mailehen vertheilt zu werden. Sie sind bemalt und bekraenzt, tragen Laubguirlanden, Abends Fackeln: lauter Einzelzuege unsrer heutigen Fruehlingsbraeuche. Damit erledigt sich auch die von Herbelo wiederholt genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo ludens; denn diese besteht keineswegs aus nackten, sondern aus entbloessten Taenzerinnen, d.i. aus solchen, die als Botinnen des Fruehlings Frauenmantel und Haube abgelegt haben, hochgeschuerzt, blossarmig und baarhaeuptig in den Reihen treten, ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut geflochten (Osmunda lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von der Moenchsphantasie ein zuechtiger Fruehlingstanz schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der angebliche Frankenkoenig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere Entstehungsquelle, als eben dieses grausame Missverstaendniss von Seite des Klerus.
Doch wir kehren zurueck zu den ferneren Volksbraeuchen der Walburgisfeier. In derselben Mainacht werden glattgeschaelte, schmuckbehangene Baeumchen auf die Dorfbrunnen und der Liebsten vors Fenster gesteckt, damit jene das Jahr ueber klar fliessen, und diese eben so lange wieder frisch und schoen bleibt. Man waehlt dazu besonders die Zweige der Eberesche mit ihren rothen Beeren, davon heisst sie selber der Wolbermay (Praetorius, Blockesberg, 460). Die Reime, die man an den Baum haengt oder vor dem Kammerfenster des Maedchens hersagt, ergehen sich in den gleichen Sinnbildern:
Gruess dich Gott durch eine Hand voll Seiden, Alle frischen Herzen will ich deiner wegen meiden.
Gruess dich Gott durch einen Seidenfaden, Gott bewahre dich im finstern Gaden.
I loss sie grueessen durh e hoechi Tanne, die Zit isch cho zum Wiben--und zum Manne, I loss sie grueessen durh es Haempfeli Thau: i woett, mi Holdi waer mi Frau. Rosmeri und Zypresse, ass i de nit vergesse; Rosmeri und Naegeli dri, g'hoersch, i moecht gern bi der si! bi der si, wie's Roesli hockt am-ene einige Stengel: Der Herr ist schoen, si Frau ist schoen und s' Chind ist wie ne Engel.
Aber dieser Maibaum wird nur der Getreuen gesetzt, "ein duerrer Walberbaum" kommt zur schmerzlichen und entehrenden Ueberraschung vor das Fenster der Verfuehrten (Bavaria II, 269), oder ein Strohpopanz, Namens Walburg, wird der Faulen aufgesteckt, die zu dieser Zeit ihr Land noch nicht umgegraben hat. Kuhn, Nordd. Sag. S. 376. Inzwischen erforscht zur selbigen Nacht das Maedchen ihre Zukunft aus mehrfachen von Walburg selbst herruehrenden Liebesorakeln. Die Heilige traegt eine aufgeweifte Spindel. Auf diese bezieht sich der oesterreichische Brauch des Fadenziehens, welchen Vernaleken, Alpensag. no. 92. 93 meldet. Die Maedchen, welche Lust haben, ihres Zukuenftigen Beschaffenheit vorauszuwissen, setzen sich Mitternachts in einen Kreis und nehmen einen feinen Gespinnstfaden ihrer eignen Arbeit, der jedoch drei Tage vorher hinter einem Mariabilde gehangen hat. Waehrend er im Kreise herum durch die Finger laeuft, spricht man stille und mit geschlossnen Augen:
Voaten, i ziech di, Walpurga, i bid di, zag von main Man alle Seiten an.
Wie dabei der Faden sich anfuehlt, weich und glatt, hart und fest, so werden des einstigen Mannes Eigenschaften sein. Das oberpfaelzer Bauernmaedchen schleudert ungesehen ihren Schuh ueber den Peuntbaum und horcht, aus welcher Gegend her wiederholtes Hundegebell herueberschallt; eben daher wird einst der Werber zu ihr kommen. Ihr Spruch lautet:
Hunderl, ball, ball, ball ueber neunmal, ball ueber's Land, wau mein feins Liab wahnd.
Schoenwerth, Oberpf. Sag. 1, 139. So verhilft hier der Hund, Walburgs Geleitsthier, und dorten Walburgs Flachsfaden zum Gelingen des Liebeszaubers.
Das vorhin geschilderte Mailehen, die Vertheilung der mannbaren Maedchen an die jungen Ortsburschen, fand bei den Moselfranken nicht am 1. Mai, sondern am ersten Sonntag in Fastnachten statt und hiess daselbst der _Valentinstag_; es wurde 1799 polizeilich verboten (Hocker, Moselthal 24). Eine Waldhoehle bei Ebersberg in Oberbaiern mit einer dabei stehenden Linde hatte dem umwohnenden Volke zum Versammlungsorte gedient, um hier den Teufel (Valant) heidnisch zu verehren. Ein heiliger Mann, Konrad von Heuwa, zerstoerte beide von Grund aus und liess an der Stelle ein _Valentins_kirchlein erbauen. Schoeppner, B. Sagb. no. 70. Dies fuehrt uns auf den am 14. Febr. in England gefeierten Valentinstag, das eigentl. Fest, der Jugend und der Liebe hier, wie im noerdlichen Frankreich, in Belgien und den Niederlanden. Es ist ein vorausbegangner, vordatierter Maitag oder Walburgistag. Eine alte Stadtsage Londons erklaert, dass sich am 14. Febr. die Voegel zu paaren beginnen, und ein gleichfalls alter Sprachgebrauch nennt darum das Maennchen Valentin, das Weibchen Valentinne, sprich Wallen-tein. Dies trifft genau zusammen mit dem von Russwurm veroeffentlichten Holzkalender der Inselschweden, in welchem der 1. Mai mit folgender Kalenderrune verzeichnet steht: ein nach oben gekehrter Halbring, in dessen Mitte ein kleinerer liegt, ist das Sinnbild des Eies im Neste der zu dieser Zeit wieder bruetenden Voegel. Alles ueberschickt sich in England an diesem Tage kleine Geschenke und anonyme Liebeserklaerungen. Es liegt uns ein Bericht des Londoner Postamtes vom Valentinstag 1857 vor. Um 9 Uhr Morgens wurden 150,000 Briefe aufgegeben; um 10 Uhr 25,000; um 11 Uhr 175,000; Mittag 12,000--bis zum Abend noch einmal weitere 60,000, so dass an diesem Tage (ausser den vielen bezueglichen Inseraten der 145,000 Zeitungsnummern) 422,000 Briefe ausgetragen wurden, d.h. zwei- bis dreimalhunderttausend mehr, als an allen uebrigen Tagen des Jahres. Dafuer zum Entgelt erhalten dieses Tages die Brieftraeger eine besondere Mahlzeit, bestehend aus Rostbraten und Ale (Schweizerbote, Zugabe no. 6, 11. Febr. 1860). Auch dabei galt ehemals die Sitte, Liebsten und Liebste durchs Loos zu ziehen und daran die Verpflichtung gegenseitigen Wohlwollens oder sogar bleibender Treue zu knuepfen. Allbekannt ist das dahin zielende Liebeslied der Hamletischen Ophelia:
Guten Morgen, es ist St. Valentinstag so frueh vor Sonnenschein, ich junge Maid am Fensterschlag will euer Valentin sein.