Drei Gaugöttinnen

Chapter 17

Chapter 173,453 wordsPublic domain

Die Regeln der Haus- und Landwirthschaft setzen daher seit aeltester Zeit fuer bestimmte Zeitfristen allgemein beobachtete Ueblichkeiten fest, durch die man dem schaedlichen Einfluss des Thieres zuvorzukommen glaubte, indem man theils ihm selbst, theils den Geistern opferte, in deren Gefolge es erschien. Deutliche Spuren hievon liegen noch in unseren Fasnachts- und Erntebraeuchen. Man darf um Weihnachten und Fasnacht, wo die Elben in Mausgestalt ihre Julzeit, halten (Volksglauben in der Mark), oder wo nach oberdeutschem Glauben Berchta-Holla ihren Umzug haelt, nicht spinnen, sonst zerzausen die Maeuse den Flachs. Das Maeuslein beisst! ist ein besonderes Drohwort, gleichwie im Gedichte von den Sieben Schwaben der gewichtigste Fluch lautet: Dass dich das Maeuslein beisst! denn alles was man in der Fasnacht spinnt, das fressen die Maeuse (Aargau). Man darf alsdann die Maeuse auch nicht bereden, sonst stehlen sie das Korn von der Schuette. Anstatt Maus sagt man dann (nach Kuhns Nordd. Sag. pg. 411) Boenloeper, Scheunenbodenlaeufer, in Daenemark Tede, die Kleinen. Noch im vorigen Jahrhundert hielt man diesen Brauch so fest, dass der daenische Ortspfarrer Laurids Muns (gestorben 1774) waehrend der berufenen Weihnachtszeit bei seinen Pfarrkindern stets nur Herr Tede genannt wurde. Handelmann, Nordalbing. Weihnacht. pg. 13. Die Rindfleischsuppe, die vom Fasnachtsdienstag im Kochkessel uebrig bleibt, schuettet man gegen die Kornmaeuse in die Mausloecher. H.L. Fischer, Buch v. Abgl. 1790. 1, 237. In Grochwitz bei Torgau baeckt man die Fasnachtskuechlein. in einer Eisenform, von der es heisst, man stosse mit ihr dem wuehlenden Maulwurf die Schnauze ab. Man erkauft also hier das Gedeihen der kuenftigen Ernte mit einem Opferbrode voraus. Dasselbe gilt in Altbaiern; hier wird dem Gesinde des Hofbauern die Mehlspeise der gebacknen Maeuschen als Fasnachtsgericht aufgesetzt; dafuer hat es theils bei Nacht, theils schon vor Sonnenaufgang die Strohbaender fuer die Garben der Ernte vorauszuflechten; da die Maeuse dieser Nachtarbeit nicht mit zusehen koennen, so werden auch die Garben vor ihnen sicher bleiben, jedoch vermehren sich die Maeuse, wenn man ihnen ueber dieser Arbeit flucht. Bavaria 2, 300.

Beim Einbringen des Korns stellt man drei Garben mit den Aehren nach unten gekehrt in die Tenne; dies gehoert den Maeusen, die hiemit sich begnuegen und den Geizigen heimsuchen moegen. Die Beinchen vom Osterfleischkuchen, welcher aus Teig mit gehacktem Kalbfleisch besteht, streut man gegen das Wuehlen des Maulwurfs in dessen frische Gaenge. Grohmann, Boehm. Abgl. S. 58. In boehmisch Raudnitz hebt man vom Schmalz, worin man die Fasnachtskrapfen baeckt, bis zur Ernte auf und salbt damit die Raeder des Erntewagens. Sobald dieser vor der Scheune ankommt, fragt der abladende Knecht den Fuhrmann: Was faehrst du? Dieser antwortet: Die Katze fuer die Maeuse. Alsdann werden keine Maeuse in die Scheune kommen. Schon die Brosamen vom Weihnachtsmahl schuettet man in die Scheunentenne und spricht: Maeuschen, esst diese Broeckchen und lasset das Getreide in Ruhe! Grohmann, Apollo Smintheus 38. 27. Im Wittgensteinischen wird in die erste Scheunengarbe ein Kaese gebunden und der sie Abladende fragt den Fuhrmann Wann haben wir Christtag? Antwort: Ich weiss es nicht. Ei, erwiedert Jener, so wissen die Maeuse auch nicht, wo ich meine Gerste hinlege. Kuhn, Westf. Sag. 2, S. 187. In des Albertus Magnus Egypt. Geheimnissen Heft 3, 73 heisst es: "Wann du das Korn zum ersten einfuehrst, so nimm die erste Garbe, die du in den Baren legst, in deine rechte Hand und sprich:

Da leg ich dem Menschen das Brot und allen Maeusen den bittern Tod."

Meklenburger Erntebrauch ist, den ersten Kornwagen nicht abzuhalmen, auf dass die Maeuse das Korn nicht fressen. Schiller, Thier- und Kraeuterb. 3, S. 9a.

Hier folgt nun eine Beschreibung der zu verschiednen Jahreszeiten in Mausform gebackenen Zweckbrode.

Mit erstem Fruehlingsbeginn nimmt die oberdeutsche Baeuerin junge Salbeiblaetter, wickelt sie in Eierteig und baeckt sie in Butter ab; hinten muss dann der Blattstiel gleich einem Mausschwaenzchen aus der Nudel vorstehen. Die um dieselbe Zeit fuer den Marktverkauf gebackenen groesseren Brodnudeln haben eben dieses Schwaenzchen, doch ist es ein thoenernes, damit die Kinder darauf pfeifen koennen. Marx Rumpolts Kochbuch von 1581, Bl. 167b waehlt zur Einlage in dieses Mehlmaeuslein die Pflanzen Bertram, Borrag und U. Frauen Blaetter. Noch aelter ist folgende Notiz in der Inkunabel Kuchenmaistrey, o.O.u.J. Blatt 19. 20: ein gutz gebachen von Salvey. nim duer leutzbiren vnd mach sie schon. seued sie weich vnd stoss sie in einem morsser. bestreich ein saluenblat damit vnd deck ein anders daruber, druck sie auch sitlichen zusammen, dz sie auch bey einander bleiben. mach ein straubenteiglein mit honig vnd wein, zeuch es dardurch vnd bach es. Auch Fischart im Gargantua cap. 8 singt von dieser Nudel:

Bachen wir ein Kuechelein, Meuselein und Streubelein Und trinken auch den kuehlen Wein, Kaku-kaka-nai, Dass man froehlich sei.

In A. Corrodi's Zuercher Idyll De Dokter (Winterthur 1860, S. 45) heisst es von der staedtisch bereiteten gezuckerten Mausnudel:

Muesli, weischt, du kaennsch es ja wol, sind gar nid z' verachte, Waemmae de Zucker nid spart und waemmae cha gnueg devu esse.

Beim aargauer Landvolke im Frickthal und im Hallwiler Seethal wird nach beendigtem Kornschnitte dem Gesinde die Mueslinudel aufgestellt, aus Kernenmehl, schmalzgebacken. Unter demselben Namen wird sie in Altbaiern demjenigen unter den Dreschern heimlich zugeschoben, auf den der letzte Drischelschlag gefallen war, und er heisst davon beim Dreschermahl scherzweise der Maushueter. Panzer, BS. 1, no. 405. In Frankreich schaetzt man einen in Arras, Bethune und St. Quentin einheimischen Kaese-Pfannkuchen Namens Ratons, beides bezeichnend, Ratte und Eierkuchen. Ein Steinbild in der Nuernberger Lorenzokirche mit einer eignen Sage wird fuer eine Ratte mit der Bratwurst angesehen. Schoeppner, Sagb. no. 641.

Gertruds Name verraeth sich zwar bei diesen Erntespeisen nicht, wohl aber werden die ihr geweihten Pflanzen und Wappenthiere in den weiteren Erntebraeuchen, besonders beim Heuschnitt erwaehnt. In Schwaben sammelt man am Himmelfahrtstage Mausoehrleinkraut, gnaphalium dioicum, und haengt es gegen Blitzschlag in Haus und Stall. Meier, Sag. 2, 399; in Baiern wirft man Frauenschuehlein, melilotus, und Gertrudenkraut gegen Abwendung des Hagelschlags ins Sonnewendfeuer. Panzer, BS. 1, 212. Gertruds Wagen und Gespann ist in nachfolgenden Sagen hervorgehoben. In der Stadt Grimmen faehrt in der Walburgisnacht ein mit vier Maeusen bespannter Wagen umher, dessen Kutscher hahnenfuessig ist. Temme, Volksag. von Pommern und Ruegen 329. Hier ist in des Kutschers Gestalt Donars Erntehahn nicht zu verkennen. Beim Prinzessinnen- oder Teufelsstein, einem Felsblock bei Koepenick, erscheint abwechselnd der Geist eines alten Muetterleins, das gebueckt am Stabe geht, oder einer Prinzessin, die ihr Haar kaemmend sich im Spiegel des dortigen Sees beschaut und dreimal um die Koepenicker Flur getragen zu sein verlangt; dabei kommt ein schwer geladner Heuwagen heran, von vier kleinen Maeusen gezogen. Kuhn, Maerk. Sag. no. 111. Bei Marne in Suedditmarschen fliesst der Geldsot, in welchem ein Braukessel mit einem grossen Schatz versenkt liegt; naechtlich kommt dorten ein Fuder Heu gefahren, von sechs weissen Maeusen gezogen und vom Schimmelreiter begleitet. Letzterer aber ist bekanntlich Wuotan selbst. Bechstein, DSagb. no. 171. Wie hier der Geldsot eine Wunderquelle ist, so kennt solche nach Gertrud benannte Heilquellen besonders die Legende der Rhoen- und Spessartgegenden, wo die Heilige als Karls des Grossen Tochter gilt. In den gekraeuselten Wellen der Mainstroemung glaubt man dorten naechtlicher Weile Gertrudens Fussspuren schimmern zu sehen;[21] wo sie zum Gebete niedergekniet hat im Felde bei Rohrlaha, bleibt die Stelle ewig unbebaut (Herrlein, Spessartsag. 68. 126. 127. 131.) Ihr daselbst kirchlich verwahrter Mantel wird Frauen umgehaengt, welche Muetter zu werden wuenschen. Das Gebet zu ihr lindert die Geburtsschmerzen und foerdert die Geburten. Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern, 3. Th. 52. Der Kinderbringer Storch ist daher unter ihren Attributen und sitzt an den ihr geweihten heilkraeftigen Quellen. Zingerle, Gertrudenminne S. 50. Schoeppner, Bair. Sagb. n. 976. In der Gertrudenkapelle zu Bamberg hoerte jener Edelknabe, der auf den "Gang zum Eisenhammer" (Schillers Ballade) geschickt war, erst noch die Messe und entgieng darueber dem Tode. Schoeppner, no. 207. Waehrend sie auf Schloss Karleburg am Main einen Frauenconvent gruendete, wurde ihrem Priester Atalong von Schulknaben die Stelle verrathen, wo die Leiche des hl. Kilian unruehmlich verscharrt in einem Rossstalle lag. Da Atalong dieser Nachricht misstraute, so liess ihn dafuer der Heilige erblinden, stellte ihn jedoch alsbald wieder her, nachdem er einer ihm zu Theil gewordenen Vision Folge gegeben hatte. So meldet die alte Aufzeichnung (bei Ign. Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 799), ohne jedoch den Vorgang der Heilung Atalongs zu berichten; letzteres thut die lebende Sage. Gertrud gieng eines Tages von der Karleburg nach dem benachbarten Waldzell, an dessen Kloesterlein sie Stiftungen gemacht hatte, und blieb erschoepft und duerstend in der Einsamkeit stehen, als ploetzlich ein Storch vor ihr aufflog. Zur Stelle entsprang die Gertrudisquelle, deren Wasser kranke Augen heilt. Bavaria IV. 1, 493. Archiv des histor. Vereins von Unterfranken 13, 154.

Nun ist noch des Brauches zu gedenken, der altherkoemmlich, weitverbreitet, und langandauernd gewesen ist: Gertrudis Minne zu trinken.

Der Germane weihte dem Angedenken (ahd. minni ist memoria) seiner Goetter und Stammhelden bei Opfern, Hochzeiten, Abschiedsschmaeussen feierlich den ersten oder letzten Becher. Wie die Alemannen eine Kufe Bier sotten, um sie auf Wuotans Minne zu trinken, meldet aus der ersten Haelfte des siebenten Jahrhunderts die Lebensbeschreibung des hl. Columban. Nach der Bekehrung trank das unter christlicher Huelle fortlebende Heidenthum "Krists, Michaels, Marien, Gertruden und Johannis-minni." Grimms Myth. 53 ff. hat darueber aus unsern einheimischen Quellen vom 11. Jahrhundert. an eine Reihe Belegstellen gesammelt, deren Ergebniss ist, dass es im Mittelalter vorzugsweise zwei Heilige waren, zu deren Ehre Minne getrunken wurde, Gertrud und Johannes der Evangelist. Dasselbe zeigt auch J.V. Zingerle's Schriftchen: Johannissegen und Gertrudenminne (Wiener Jahrbuecher 1862). Heut zu Tage scheint diese kirchliche Sitte nur, noch fuer Johannis zu gelten (so z.B. im Kanton Wallis); Gertrudenminne zu trinken war in Holland und Belgien allgemein ueblich gewesen und soll dorten aus Abscheu vor dem Andenken an den Verraether Gysbrecht abgekommen sein, dem sein Schlachtopfer, Graf Floris von Holland, vergeblich Gertrudenminne zugetrunken hatte. Wolf, Ndl. Sag. S. 699. Den Johannissegen pflegt man heute des Reiseschutzes wegen zu trinken; mit dem Gertrudensegen aber glaubte man fuer den Fall, dass der Scheidende von seiner Reise nicht mehr zurueck kehre, sich eine _gute Herberge_ jenseits zu sichern, da der abgeschiednen Seele ihre erste Nachtruhe eben bei St. Gertrud angewiesen ist; und darum wurde diese Heilige aus einer Seelenherrin spaeter eine Patronin der Reisenden. Das Glas, aus dem man in den Niederlanden ihre Minne trank, hatte die Form eines Schiffchens (Wolf, Beitr. 2, 108), als Andeutung nicht bloss der weiteren Reisen, die man in den Niederlanden zu Schiffe machte, sondern jener weitesten, welche ueber den Todesstrom fuehrt und unsern Ausdruck Absegeln fuer Sterben zur Folge hat. Von dieser Seelenueberfahrt handelt Deutscher Glaube und Brauch 1, 173, und dorten ist die redende Stelle aus einer Einsiedler Handschrift angefuehrt: "wenn die menschen sterbend, so far die sel durch das wasser." Darum auch zeigte das schon erwaehnte Strassburger Kirchengemaelde St. Gertrud mit zu Schiffe, und die Gertrudenlegende (A. SS. sec. II. pag. 465) berichtet, wie die Schiffer des Klosters Nivelles bei heiterem Wetter einem wundersam grossen Fahrzeuge begegnen, das sich rasch in ein stuermendes Meerungeheuer verwandelt und ihnen den Untergang droht, aber sogleich versinkt, als sie dreimal Gertrudens Hilfe anrufen. Aus solchem schiffaehnlichem Trinkgeschirre schenkte Gertrud den Schatten den Erinnerungstrank, wie Freyja und ihre Walkueren den Asen den Meth. Ein Nachklang an dieses in Walhall ausgeuebte Mundschenkenamt liegt noch in der Gertrudenlegende der Bollandisten, A. SS. tom. I. ad diem VI. Januarii, wornach eine andere Gertraud, welche hier nur Venerabilis genannt ist, in ihren juengeren Jahren Kellnerin in verschiednen Wirthshaeusern Hollands gewesen war; sie traegt den Beinamen Von Osten, weil sie unter den Zechliedern der Wirthsgaeste das geistliche Lied "Es taget auf von Osten" gedichtet und oefters hergesungen hat. Sie war ein Bauernkind aus dem Dorfe Voorburch, zwischen Delfft und Grafenhaag, trat mit ihren beiden Freundinnen Lielta und Diewardis, die gleichfalls Dienstmaedchen gewesen, in das Beginenhaus zu Delfft und starb hier 1358. Bei andern Autoren wird sie abwechselnd eine Beata und Sancta genannt.

Die in der Figur Gertruds enthaltenen Zuege der Walkuere sind ausser ihrem schon anfangs erklaerten mythischen Namen nachfolgende.

Sie ist des von ihr erwaehlten Mannes schuetzender Gefolgsgeist, seine Fylgja, laesst sich mit ihm in ein Ehebuendniss ein, schuetzt ihn mit Gefahr ihres eignen Lebens vor den feindlichen und den hoellischen Waffen, reitet fuer ihn ins Gefecht und hinterlaesst ihm, wenn sie nach dem Schluss des Schicksals verschwinden muss, einen gesegneten Besitz und tuechtige Nachkommenschaft. Die elbische Waldfrau, welche des Hofbauern Untermoser Eheweib geworden war, hatte diesem untersagt, sie je um ihren Namen zu befragen. Einst aber war er Ohrenzeuge, wie ein an der Wiese vorbeigehendes Waldfraeulein im Gespraeche mit seinem Weibe dieses Gertrud nannte; unvorsichtig wiederholte er ihr diesen Namen und weinend musste sie hierauf Mann und Kinder fuer immer verlassen. Scheidend ergriff sie einen Eisenstab, stiess ihn ins Feld und sprach: So lange von dem Stecken noch eine Ader bleibt, wird jeder Untermoser gut hausen. Und dies Wort ist bis heute in Erfuellung gegangen. Panzer, BS. 2, S. 46. In Wolfs Ndl. Sag. no. 42 und 358 ist ein aehnliches Buendniss im Tone der Ritterzeit erzaehlt. Riddert von Berkhof hatte sich dem Teufel verschrieben, veranstaltete nach abgelaufener Frist seinen Freunden ein grosses Abschiedsmahl; trank ihnen zum Schlusse einen Becher Geerdenminne zu und ritt darauf der Linde beim Kirchhofe von Heppener entgegen, wo der Boese bereits seiner wartete; doch der Satan konnte ihm nichts anhaben, denn nun sass hinter Riddert die hl. Gertrud, deren Minne er vorhin getrunken, selbst mit zu Rosse. Dieser Vorfall war spaeter in der Heppener Kirche kuenstlich gemalt zu sehen. Mittelhochd. Dichtungen tragen aehnliches auf die hl. Maria ueber, die als Schutzgeist eines Gefaehrdeten hinter ihm mit zu Rosse sitzt; mehrfache deutsche Sagen lassen sie sogar mit oder fuer den Schutzbefohlnen aufs Turnier ziehen und in Gefechten mitkaempfen. Wolf, Beitr. 1, 192, folgert daraus, dass Maria hier an die urspruengliche Stelle der kriegerischen Frouwa getreten sei, welche als Valfreyja zwar auf ihrem Goetterwagen mit zum Kampfe fuhr, allein als Vorsteherin der reitenden Walkueren gleichfalls das Schlachtross besteigt und sich ins Schlachtgetuemmel mischt; eben dahin sei denn auch jene Kirche in Vorderditmarschen zu deuten, deren Name ist Unse leve Fru up dem perde.

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Im Jahre 1867 hat J.V. Scheffel, der Verfasser des Ekkehart, auf einem galloroemischen Grabfelde zu Rheinzabern das Stellfiguerchen einer aus Terracotta geformten Maus nebst demjenigen eines Haehnchens ausgegraben und beides uns zu einem hoechst schaetzbaren Andenken uebersendet. Der Fundort, das alte Tabernae Rhenanae, der ergiebigste an roemischen Alterthuemern in der ganzen Rheinpfalz, hat juengst auch zur Entdeckung eines wohlerhaltnen Brennofens gefuehrt; man erhob daselbst eherne Legionsadler, Broncefiguerchen, Meilensteine, Muenzen aus dem 4. Jahrhundert. Im benachbarten Orte Hert wurde 1829 ein dem unsrigen ganz gleiches Haehnchen aus Glas gefunden. Die Figur der Maus ist phallisch dargestellt und entspricht dadurch dem Hahn, dem Symbol der Regenerationskraft. Die Maus traegt eine Schelle um den Hals gebunden; denn nach Apollodor (Fragmente) wurde fuer Sterbende Erz an einander geschlagen und die Spartaner geleiteten ihre Koenige unter Glockenton zu Grabe; "der Erzklang sollte die Seele reinigen und entzaubern von der Macht der Daemonen." Creuzer 4, 401. Ebenso verkuendet das Kraehen des Hahnes das Licht des neuen Tages.

Ein zweites Abbild, die Maus mit den vier Jungen, ist uns durch Hn. Hermann Brunnhofer aus Oxford ueberbracht worden. Die Figur ist aus ungesaeuertem Teig gebacken und mit Eierklar glasirt. Die Landleute aus der Umgegend von Oxford pflegen derlei Brodfiguerchen auf den dortigen Weihnachtsmarkt zum Verkauf zu tragen. Sie sind zwar nicht zum Essen bestimmt, sonder dienen als Zierat auf Thuer- und Kamingesimse, finden aber ihr Ende zuletzt doch im Kindermagen.

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FUSSNOTEN:

[13] Selbst der altmexikanische Glaube schon schrieb vor: Ein Wechselzahn muss in ein Mausloch gelegt werden, sonst wachsen die Zaehne nicht mehr. Waitz, Anthropol. der Naturvoelker 4, 165.

[14] Firmenich, Voelkerstimm. 3, 112.

[15] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.

[16] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.

[17] Curtze, Waldecker Volksueberlief. S. 285.

[18] Alemann. Kinderlied.

[19] Harun al Raschid traeumte, alle seine Zaehne seien ihm ausgefallen; der Traumdeuter erklaerte dies dahin, der Monarch werde alle seine Verwandten ueberleben. Rosenoel, oder Sagen des Morgenlandes 2, 85. Das Wahrzeichen der indischen Todesgoettin Kali ist der schwarze Zahn, der alles benagende Zahn der Zeit.

[20] In dem Gebetbuch Himmlisches oder Geheiligtes Jahr, Einsiedeln bei Reymann 1686, Erster Theil, ist unterm 28. Maerz der hl. Koenig Guntram abgebildet, schlafend unter einem Baume neben einem Baechlein. Ueber dieses legt der Kriegsknecht das Schwert, und die aus Guntrams Munde gekommene Maus laeuft darueber dem Berge zu, der im Hintergrunde mit offnem Thore sich zeigt. Das dazu gesetzte Gebet ruft den hl. Guntram an, weil er seine Schaetze den Armen geschenkt und dafuer einen ihm von Gott im Schlafe gezeigten verborgnen Schatz erworben habe.

[21] Die hl. Jutta von Sangershausen, erst eine Kammermagd der hl. Elisabeth von Thueringen, nachher Dienstmagd auf einem Hofe bei Kulm in Preussen, ueberschritt hier die grossen Teiche, die zwischen ihrer Wohnstatt und der Stadt lagen, jeden Sonntag, um rechtzeitig in die Messe nach Kulm kommen zu koennen. Noch lange nach ihrem Tode war ihre Fussspur in jenem Gewaesser wahrzunehmen. Jac. Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 2, 39. So sieht man in mondhellen Naechten auf den Wellen der Aare bei Gauenstein die Fusstapfen schimmern, welche hier Koenigin Berta zurueckgelassen. Aargau. Sag. no. 2. Saemmtliches erinnert an Homers silberfuessige Thetis und goldenfuessige Hera.

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Nachtraege.

[Nachtrag 1] Die Beschreibung, wie man bei der Feier der Maispiele _den Sommer ins Land ritt_ und in Scheingefechten den Winter besiegte, hat ihre neueste Vervollstaendigung gefunden durch die drei Bildergruppen eines altdeutschen Teppichs auf der Wartburg, dessen Contouren im Anzeiger des German. Museums 1870, no. 3 mitgetheilt sind. Sie stellen die Berennung und Vertheidigung einer Burg durch Wilde Maenner dar. Aus einem Laubwalde sprengen sechs Reiter hervor, Laubzweige schwingend, um Haupt und Lenden Epheukraenze tragend, jeder auf einem phantastischen adlerklauigen Rosse, dem sg. _Wasser-_ oder _Pfingstvogel_. Voraus reitet der Maikoenig, kenntlich durch seine offne Goldkrone mit dem Ornamente der drei stumpfen Blaetter, ueber welche sein Hirschgeweih emporragt. Daher heisst er in Oberdeutschland _Hirzmontagreiter_. Um die Huefte traegt er einen Guertel von Rosen. Er und sein Gefolge schiesst mit Pfeil und Speer Rosen in die gegenueberliegende Burg. Ihre Absicht steht auf den sie umgebenden Spruchbaendern zu lesen.

Wol vf alle mine wilden man, wir wellent festen und buirge han.

Schiessen alle, nieman loss abe an buete gewinnen, will einer habe.

Die angegriffne Burg ist mit einem Wassergraben umgeben, den ein vor den Sommerreitern her eilender Juengling mit herbei getragnen Brettern zu ueberbruecken strebt. Von den Zinnen herab kaempfen fuenf dicht in Wollenfliesse gekleidete Maenner, die Winterkoenige; denn auch sie tragen Kronen wie der Maikoenig und schiessen und schleudern lauter Lilien. Ihr Burgwart am Soeller stoesst ins Rom; das Spruchband ueber ihnen besagt:

Vnser vesten, die ist wol behuot mit gilgen, klewen, rosenbuot.

Links im Bilde, woher die Reiter kommen, wird auf blumigem, von allen Fruehlingsthieren belebtem Rasen ein grosses Lustzelt aufgeschlagen, in welchem die Maikoenigin bereits Platz genommen hat. Auch sie traegt die offne Goldkrone im wallenden Haare. Ueber ihre Kniee ist ein Tafeltuch gebreitet, darauf Kopf und Schinken des zerlegten Ebers; zwei Gesellschafter bedienen sie.--Schon Friedrich Panzer hat im zweiten Bande seines Sagenwerkes auf Taf. IV die Gestalt des _Wasservogels_ abbilden lassen, wie er sie auf einem Wandbilde zu Forchheim im dortigen alten Schlosse, jetzigem Rentamt, vorgefunden. Die 3 Fuss lange, 2 Fuss hohe Figur zeigt einen Reiter, in der Festmaske des Wasservogels agirend. Vor dem Gesichte hat er eine ungemein lang geschnaebelte Vogellarve, mit welcher ein wallender Kinnbart, ein massiver Ring im Ohre und auf dem Haupte die offene Krone verbunden ist, die gleichfalls das dreifache Blaetterornament zeigt. Im Luft haengt ein kurzes krummes Schwert (das sg. _Pfingstschwert_), in der Linken schwingt er die Lanze, mit der Rechten lenkt er die aus Kettenblumen enggeflochtnen Zuegel seines schwanenhalsigen Rosses. Ross und Reiter sind von Seerosen arabeskenhaft umrankt.

[Nachtrag 2] Als man beim Bildersturm zu Zurzach 1529 die Verenareliquien untersuchte und vernichtete, fanden sich in einem Eisensaerglein neben Rueckgratstruemmern vier apfelgrosse Lehmkugeln. In den von mir eroeffneten und beschriebnen heidnischen Waldgraebern zu Lunkhofen haben sich ganz gleiche Lehmkugeln in der Asche des Leichenbrandes vorgefunden und werden nun in der aargauer Alterthuemersammlung aufbewahrt; vgl. Argovia V, 265.

[Nachtrag 3] Das mhd. Gedicht von der hl. Verena nennt den Ort Zurzach _Zerzyaca_. Durch diese Namensform wird die sprachlich schon sich verrathende spaete Entstehung dieses Gedichtes weiter bestaetigt. Es leitet nemlich der Ortsname Certiacum ab von einem bei Egid Tschudi in der _Gallia comata_ S. 137, und in Stumpfs Schweiz. Chronik erwaehnten roemischen Votivsteine zu Zurzach, welcher dem _Junius Certus_ aus dem Voltinianischen Geschlechte von seinem gleichnamigen Erben gesetzt worden. Dieser Stein ist nachmals durch Unvorsichtigkeit zerschlagen, die oft citirte Inschrift aber laengst als unecht erkannt worden.

[Nachtrag 4] Die beiden Gefolgsthiere Gertrudens, Kukuk und Specht, gelten mancher Orten gleichmaessig als weissagende Liebesboten. In Deutschboehmen entnimmt man aus dem Spechtschrei ein Wahrzeichen, ob man bald heiraten werde; der Specht hat es bestaetigt, sagt man dann. Grohmann, Abgl. S. 70.

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Wortregister.

Ankenbruet. Ankenschnittenprozession. Ara, Aarefluss bei Solothurn. arbaiz, Erbsen. Aufburg bei Zurzach, roem. Castrum.